Tuca Tuca

Mit Raffaella Carrà sei „Italiens Freiheitsikone“ gestorben, behauptet die Süddeutsche. Da muss ich was verpasst haben. Denn in meiner Jugend, in einem anderen Jahrhundert, fanden wir die Carrà, pardon, eher reaktionär. Diese blonde Betonfrisur, dieses nervige, dauerfröhliche Gehupfe und das Absingen schwachsinniger Liedchen wie „Tuca, Tuca“, später dann der klebrige Gefühlsbombast von „Carramba, che sorpresa„, ihrer Show, die lange zerstrittene oder aus gutem Grund verschollene Verwandte vor laufender Kamera wieder zusammenzwang: Puh. Die Carrà erschien uns als genau jene Ikone des nazionalpopolare, vor der uns unsere ’68er-ProfessorInnen immer gewarnt hatten.

Mal ehrlich, es war nicht zum Hinschauen. Und dass sie jetzt, nach ihrem Ableben im Alter von 78 Jahren, zum „revolutionär leichten Luftzug“ verklärt wird, zur „freien Stimme gegen Tabus“ (nochmal SZ), dass die einstmals linke „Repubblica“ ihr die ersten vier Zeitungsseiten widmet, davon fast eine allein ihrem Bauchnabel – das bringt mich ins Grübeln.

Denn von wegen Revolution, diese eiserne Ballerina verkörperte vor allem soldatische Disziplin. Und von wegen Tabubruch – das bisschen bauchfrei brachte in Italien nur sehr vordergründig die Don Camillos in Wallung und war natürlich kalkuliert. Denn sonst hätte es la Carrà niemals zur „Königin unseres Fernsehens“ (heute: alle) gebracht, das damals wie heute in seinem Aggregatzustand als Staatsrundfunk RAI alles mögliche ist, nur verlässlich niemals unkonventionell. Und schon gar nicht antiklerikal. Der Bauchnabel der Signorina (sie war nie verheiratet) Pelloni (so ihr richtiger Name) durfte gezeigt werden, damit die echten Revoluzzerinnen schön außen vor blieben. Frauen, die nicht mit Giulio Andreotti telefonierten und die von einer Fernsehkarriere noch nicht einmal träumten, stattdessen aber Mafiabosse jagten, Streiks organisierten oder an anderen Signorinas Schwangerschaftsabbrüche vornahmen. Solche Frauen führen in der RAI bis heute ein Schattendasein.

Dass man trotzdem Nostalgie verspürt nach der unerbittlich fröhlichen Raffaella Carrà, hat ganz andere Gründe. Erstens war sie ja wirklich die Prima Ballerina der Fernsehunterhaltung – in Deutschland trauen sich die Programm-MacherInnen bis heute nicht, einer Frau den Samstagabend zu übergeben. Und zweitens war sie ein Vollprofi. Da saß nicht nur die Frisur, sondern jeder Gag, jede Bewegung, jede Geste. Immer präsent, immer professionell, stets von durchtrainierter Eleganz und Leichtigkeit.

Soviel Grandezza muss gegen Bunga-Bunga-Berlusconi und den aggressivem Sexismus der Digitalpäpste natürlich wie ein Bollwerk von Toleranz und Esprit erscheinen. Und deshalb: Chapeau, Signora. Möge Ihnen der Himmel voller Pailletten sein.

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