Chiello!

Als ich noch als Sportreporterin arbeitete, traf ich Giorgio Chiellini. Das war 2017, wie alle hatte ich Buffon angefragt, aber das wurde und wurde nichts. Chiellini war die Nummer zwei auf der Liste – das Interview mit ihm bekam ich sofort. Es wurde dann ein sehr nettes Gespräch auf dem alten Juventus-Trainingsplatz in Vinovo. Chiello hatte gerade seinen BWL-Abschluss gemacht – und berichtete ehrlich, die Profs seien ihm bei der Präsenzpflicht im Studium entgegen gekommen, aber nicht bei der Prüfung. Je länger wir sprachen, desto toskanischer wurde sein Italienisch. Einer der sympathischsten Menschen, die ich im Fußball getroffen habe.

Eine kleine Hommage an Chiellini also, den würdigsten aller Azzurri. Einer, der den Fußball und sich selbst nicht allzu ernst nimmt und es uns deshalb leicht macht, ihn zu mögen. Auguri, Capitano Chiello!

Ein milder Frühlingstag in Vinovo, im Süden von Turin. Vor dem Trainingszentrum des FC Juventus herrscht Hochbetrieb. Eine Hundertschaft von Fans wartet darauf, dass die Spieler ihr Nachmittagstraining beenden. Die sprichwörtliche Zurückhaltung der Turiner hat der Vorfreude auf ein glanzvolles Saisonende Platz gemacht, mit dem historischen Triple in Reichweite. Dafür muss allerdings erst einmal das Champions-League-Halbfinale gegen den offensivstarken AS Monaco (Hinspiel am kommenden Mittwoch) gewonnen werden. Juventus hat im Wettbewerb bisher nur zwei Gegentreffer kassiert, entsprechend gelassen ist Giorgio Chiellini, der die beste Abwehr Europas dirigiert. Chiellini hat seinen ersten Saisontitel bereits eingefahren: Am 6. April schloss er seinen Master an der Uni Turin mit Auszeichnung ab.

Seit 2005 spielt er bei Juventus, hat Meistertitel und Pokale gewonnen, aber auch ein Jahr in der zweiten Liga verbracht. Im Gespräch strahlt Chiellini genauso viel Ruhe und Bestimmtheit aus wie auf dem Platz. Er drosselt gern das Tempo, getrickst wird nicht, aber jede Aktion sitzt.

SZ: Herr Chiellini, für Sie läuft es rund im Moment. Juventus steht im Halbfinale, und Sie haben soeben mit Bestnote Ihren Master im Fach Business Administration an der Universität Turin absolviert. War das schwieriger, als im Viertelfinale der Champions League Lionel Messi, Neymar und Luis Suárez auszubremsen?

Giorgio Chiellini: Von wegen. Die drei von Barcelona waren der größere Brocken!

Wie bitte?

Na ja, für den Master muss man nur studieren. Ich habe halt etwas länger gebraucht als die üblichen zwei Jahre, doch dass ich mein Resultat irgendwann erreiche, stand außer Zweifel. Diese Sicherheit hat man im Fußball nie, schon gar nicht gegen Barcelona. 

Wie wichtig ist für einen Abwehrspieler die Empathie?

Existenziell wichtig. Wir beflügeln uns ja gegenseitig, empfinden uns fast als organische Einheit. Eine Mannschaft funktioniert wie Alchemie, jeder Spieler ist ein Bestandteil, und nur wenn sich alles harmonisch fügt, wird ein Ergebnis erreicht.

Die Frage bezog sich eher auf Ihr Einfühlungsvermögen in Bezug auf den Gegner.

Man muss ihm zuvorkommen, also versuche ich, seine Absichten zu erkennen und ihre Ausführung zu verhindern. Natürlich spielt da die Technik eine Rolle, aber eben auch so etwas wie instinktives Einfühlen. Das schafft man nur, wenn man wirklich gerne Verteidigerist. Das ist kein leichter Job, man muss das mögen, auch das Mühsame daran. In manchen Momenten ist es einfach dringlicher, ein Resultat zu verteidigen, sozusagen die Drecksarbeit zu machen, dafür darf man sich nicht schämen. Als Abwehrspieler braucht Standvermögen und Leidensbereitschaft.

Eine Charakterfrage?

Schon. Ich bin sehr ordentlich, ein schematischer Mensch. Sehr präzise, mit ziemlich festen Gewohnheiten.

Ein Pedant?

Nein, nein. Pedantisch nicht!

Ihr Zwillingsbruder Claudio, der heute als Agent arbeitet, war Verteidiger. Und Ihre Schwester spielt im spanischen Verein Murcia ebenfalls in der Abwehr. Scheint in der Familie zu liegen. 

Silvia macht in Murcia eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Sie ist die Kleinste in der Familie, das einzige Mädchen nach drei fußballverrückten Jungs. Ihr blieb gar nichts anderes übrig, als auch Fußball zu spielen.

Früher galten Sie als Raubein, heute strahlen Sie auf dem Platz Gelassenheit aus. Sind Sie tatsächlich ruhiger geworden?

Muss am Alter liegen! Es stimmt tatsächlich: Früher war ich ganz schön aggressiv, oft auch nervös und ließ auf dem Platz alles raus. Daran habe ich gearbeitet. Man muss halt nicht nur technisch besser werden, sondern auch sein Temperament unter Kontrolle bringen.

Einmal sind Sie allerdings richtig ausgeflippt. In jener berühmten Szene bei der WM 2014 in Brasilien, als Sie von Luis Suárez in die Schulter gebissen wurden und der Welt wehklagend die misshandelte Stelle zeigten. Waren Sie so sauer, so erschrocken, oder tat es wirklich so weh?

Ach, ich war nicht böse auf Luis. Und der Schmerz war es auch nicht. Ich war einfach empört, stinksauer auf den Schiedsrichter. Italien – Uruguay war das letzte Vorrundenspiel, und der Spielleiter hätte Suárez nach dieser Aktion vom Platz stellen müssen. Wir selbst waren bereits in Unterzahl, weil Claudio Marchisio wegen eines Fouls Rot gesehen hatte, das längst nicht so eindeutig war wie dieser Biss von Suárez. Dass er weiterspielen durfte, war ungerecht und konditionierte das Ergebnis. Wir wären wahrscheinlich nicht Weltmeister geworden, aber womöglich hätten wir eben auch nicht 0:1 gegen Uruguay verloren und wären weitergekommen.

Kurz darauf haben Sie die Bestrafung der Fifa für Suárez als zu hart kritisiert. 

Die TV-Bilder vom Schulterbiss waren um die Welt gegangen, und nun wollte die Fifa ein Exempel statuieren. Aber neun Länderspiele Sperre und vier Monate vollkommener Ausschluss vom Fußball, das war übertrieben. Suárez wurde ja sogar der Besuch des Stadions und der Trainingsanlagen verboten, der durfte nicht mal seinem Neffen im Jugendteam zuschauen. Ich fand das vollkommen daneben.

Ist die solide Abwehr das Erfolgsgeheimnis von Juventus

Im Basketball sagt man: Die Offensive bringt Eintrittskarten, die Defensive Resultate. Dass im Fußball die Abwehrarbeit wieder mehr Wertschätzung erfährt, liegt vielleicht auch daran, dass sie allzu lange vernachlässigt wurde. Auch in Italien.

Ihr Teamgefährte Andrea Barzagli hat jüngst die Krise der italienischen Defensive ausgerufen. An einem einzigen Spieltag regnete es 48 Tore, insgesamt gab es in der Saison 946 Treffer. Was ist da los?

Früher war unser Fußball als allzu defensiv verschrien, insofern haben wir alsoFortschritte gemacht. Aber was sich hier abzeichnet, ist eher ein Identitätsverlust. Der italienische Fußball hatte immer starke Verteidiger, das ist unsere Kultur. Wir wurden in den Jugendmannschaften erst mal auf Manndeckung geeicht, dann kam der Rest. Deshalb ließen wir den Ball nicht so schön laufen, hinten aber standen wir immer noch gut. Irgendwann wollte man dann hier den spanischen Offensivfußball kopieren und hat in einer ganzen Fußballergeneration die Abwehr vernachlässigt. Praktisch hat Italien sechs, sieben Jahre lang keine überragenden Abwehrspieler hervorgebracht, es gab ein richtiges Loch zwischen den Generationen.

Seit 2005 spielen Sie bei Juventus und haben in dieser Zeit acht Trainer kennengelernt. Was fällt Ihnen zu diesen Namen ein. Fabio Capello?

Ein Feldwebel.

Didier Deschamps?

Ein ruhiger Typ. Unser Trainer nach dem Zwangsabstieg in die zweite Liga. Das war ein sehr schwieriges Jahr, und Didier hat uns eigentlich vor allem psychologisch betreut. Mit ihm sind wir sofort wieder aufgestiegen. Es wäre gut für uns gewesen, wenn er danach noch geblieben wäre.

Stattdessen kam Claudio Ranieri. 

Ein toller Mensch. Ausgeglichen und besonnen.

Und dann drei Trainer in zwei Jahren: Ciro Ferrara, Alberto Zaccheroni, Luigi Del Neri.

Ciro hat einfach Pech gehabt. Unter ihm, Zaccheroni und Del Neri fand ein Generationswechsel in der Mannschaft statt. Da musste Ersatz für Trezeguet, Camoranesi und Nedved gefunden werden. Auch Del Pieros Karriere ging langsam zu Ende.

2010 trat Antonio Conte an. 

Charismatisch wie kein Zweiter. Er verlangt viel und gibt viel. Hundert Prozent, jeden Tag. Als Nationaltrainer wirkte er auf uns wie eine Droge. Wir waren bei der EM 2016 so dermaßen auf ihn eingeschworen und auf ihn konzentriert, dass ich am Tag nach dem Ausscheiden im Viertelfinale gegen Deutschland völlig konfus war. Ich konnte nicht begreifen, dass ich wieder zu Hause war und nicht mehr in Frankreich, um das Turnier zu gewinnen. Obwohl – kann ich dazu noch etwas sagen?

Bitte. 

Mit allem Respekt vor dem Europameister Portugal: Das wirkliche Finale war Italien – Deutschland.

Haben die Deutschen auch so gesehen – nicht zuletzt, weil sie im Elfmeterschießen endlich ihr erstes Pflichtspiel gegen Italien gewinnen konnten. Aber weiter im Takt. Wir sind bei Ihrem amtierenden Coach Massimiliano Allegri angekommen, der dabei ist, Contes Rekord von drei Meisterschaften in Serie einzuholen. 

Allegri ist sehr intelligent und verlässt sich auf seine Intuition. Manchmal kann man sich seine Auswechslungen logisch nicht erschließen, aber sie passen immer. Er hat eine überragende Fähigkeit, das Spiel zu lesen. Und er hat sehr geschickt und ohne falsche Eitelkeit aufgebaut auf dem, was Conte hinterlassen hat.

Wie wichtig ist Flexibilität im Fußball?

Flexibilität ist das Wichtigste. Die Welt ändert sich so schnell wie noch nie. Und der Fußball auch.

Sie setzen sich intensiv mit der Außenwelt auseinander. Wann haben Sie eigentlich angefangen zu studieren? 

Schon 2006. Den Bachelor in Betriebswirtschaft habe ich ziemlich schnell durchgezogen, auch, weil ich damals noch allein lebte. Die Prüfungen im Masterstudium waren dann wirklich sehr viel schwieriger. Ich habe inzwischen Familie, meine Tochter ist jetzt zwei. Und weil ich sowieso schon wenig Zeit mit ihnen verbringe, wollte ich meine Frau und die Kleine nicht noch zusätzlich belasten. Die Regel war also: kein Studium zu Hause.

Wie haben Sie das geschafft?

Indem ich im Trainingslager studiert habe oder unterwegs bei den Auswärtsspielen. Außerdem bin ich durchaus bei meinen Professoren vorstellig geworden, wenn ich nicht weiterwusste, und habe mir die Dinge erklären lassen. In die Vorlesungen schaffte ich es natürlich kaum, aber einige Professoren und ehemalige Studenten haben mich freundlicherweise extra betreut.

Fußballer mit einem Uni-Abschluss sind immer noch selten.

Eigentlich wollte ich Arzt werden, wie mein Vater. Aber Medizin neben dem Fußball, das wäre nicht gegangen. Ich habe ein naturwissenschaftliches Gymnasium besucht, und da wurden wir ganz selbstverständlich auf die Uni vorbereitet.

Stellt man sich Ihr Leben als Gymnasiast in Ihrer Heimatstadt Livorno vor, fällt einem der alte Kinofilm „Ovosodo“ von Paolo Virzi ein …

Genau so war es! Immer auf dem Mofa unterwegs, bei jedem Wetter, jeden Nachmittag. Mit Freunden, mit dem Mädchen. Aber wehe, ich war um 20.15 Uhr nicht zu Hause, da hätte mir meine Mamma was erzählt! Und nach dem Abendessen: ab zum Lernen. Meine Familie war mein Glück. Viele Profis starten mit 14, 15 Jahren ins Internat, und die Klubs versuchen zwar schon, sie beim Schulabschluss zu unterstützen, aber das ist eben nicht zu vergleichen mit dem Familienleben. Ich hatte ein ganz normales Schülerleben, mit normalen Freundschaften. Mein Sitznachbar aus dem Gymnasium ist immer noch mein bester Freund. Inzwischen arbeitet er als Lokführer bei der Bahn.

Das Thema Ihrer Abschlussarbeit lautet: „Das Geschäftsmodell des FC Juventus im internationalen Vergleich“. 

Ich habe Juventus mit Real Madrid, Athletic Bilbao und dem FC Porto verglichen. Real Madrid ist die Nummer eins, was Umsatz, Spieler und Trophäen angeht. Porto hat sich lange Jahre ausschließlich auf den Handel mit Spielern konzentriert. Und Bilbao ist das komplette Gegenteil. Ein romantischer Verein, da spielen nur Basken, die teilweise ihre ganze Karriere dort absolvieren. Fast eine Nationalmannschaft, mit einer sehr ausgeprägten Identität.

Wo siedelt sich Juventus in der Skala an?

Eher in der Nähe von Real Madrid. Und in den nächsten zehn Jahren möchte unsere Klubführung unter Präsident Andrea Agnelli den Vorsprung der Spanier verringern. Real ist eine Weltmarke, die weniger auf die Einnahmen der TV-Übertragungsrechte angewiesen ist, weil sie Geld mit anderen Dingen macht. Da will Juventus hin. Das eigene Stadion ist erst der Anfang.

Juventus befindet sich seit 1923 im Besitz der Familie Agnelli und ist damit das älteste Sport-Familienunternehmen der Welt. Was sind da die Nachteile?

Ein Nachteil wäre, wenn sich die Familie lieber auf ihre eigenen Mitglieder verließe als auf ein kompetentes Top-Management. Mit dieser konservativen Art der Führung kommt man im Fußball nicht mehr weit. Aber das ist bei Juventus nicht der Fall. Und so genießen wir den Vorteil des Familienunternehmens.

Nämlich?

Sorgfalt und Präsenz. Präsident Agnelli ist bei so gut wie jedem Spiel dabei, er war es auch am Tag nach der Geburt seines jüngsten Kindes. 

Auch Silvio Berlusconi begleitete seine Mannschaft, er hatte sogar ein Schlafzimmer im Trainingszentrum. Und doch hat er den AC Mailand an einen chinesischen Investor verkauft. Ist das die Zukunft des Fußballs?

Romantik ist nicht mehr zeitgemäß. Aber viel Geld in einen Klub zu investieren, reicht auch nicht aus. Man braucht einen Plan und gute Leute im Management. 

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