Mercato Comune

Über seinen Großonkel Peppino, einen linientreuen Kommunisten aus den Abruzzen, erzählt mein Mann gern die Geschichte, wie er einmal mit einem Freund aus Deutschland bei Peppino vorstellig wurde. Der Onkel öffnete erst nach langem Geklingel, steckte dann ziemlich schlecht gelaunt den Kopf aus der Haustür, sah den Deutschen und bellte: „Ma che fai? Mi porti tutto il mercato comune?!“ Was fällt dir denn ein? Du bringst mir ja den ganzen gemeinsamen Markt!

Damals gab es nur die EWG, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die erst 1993 zur EG mutierte und noch später dann zur EU. Aber mercato comune ist in unserer Familie zum running gag geworden. Dass ich jetzt wieder verstärkt an Zio Peppino denke, liegt an den Holländern.

Die Holländer haben in diesem Sommer sozusagen unser Dorf erobert – und dass sie das im Verein mit einer kleineren Gruppe aus Belgien tun, lässt mich vermuten, dass wir auf irgendeiner flämisch-niederländischen Tourismus-Website gelandet sind. Wahrscheinlich als unverfälscht, preiswert und sehr authentisch. Unverfälscht stimmt, der Rest variiert.

Vor jedem von Dörflerinnen vermieteten Ferienhaus steht im Moment mindestens ein Auto aus den Niederlanden oder aus Belgien. Beim Bäcker erscheinen Holländer oder Belgier in Funktionskleidung – also sehr wenig Klamotten, denn es ist brüllend heiß. Abends in der Dorftrattoria hört man niederländisch und flämisch – jawohl, ich kann das auseinanderhalten. Vor allem hört man die Gäste am Nachmittag, denn dann plantschen sie lautstark in ihren gemieteten Swimming Pools, was mich mit Neid erfüllt, weil wir auf unserem Swimming-Pool-Gelände halt fünf Esel ihre rituellen Staubbäder nehmen.

Offenbar sind einige gekommen, um zu bleiben. Nicht nur Ferien, sondern ein Ferienhaus im umbrischen Dorf! (Das da unten ist nicht unseres).

Wir merken das daran, dass unser Festnetz-Phone ständig läutet. Am anderen Ende die Immobilienagentinnen der Gegend: Ob wir nicht jemand kennen, der sein Haus verkaufen möchte? Oder ob wir vielleicht nicht gleich selbst verkaufen wollten? Es gebe im Moment so irre viele Anfragen.

Es muss der Post-Corona-Effekt sein, der das Geschäft so befeuert. Die Sehnsucht nach dem Süden mit guter Internetverbindung und passablen Lebenshaltungskosten. Neulich fuhr mir ein junger Makler direkt auf den Hof und fast in den Panda. Er stieg aus seinem SUV, und fragte ohne Umschweife: Wollen Sie verkaufen, Signora? – Das Auto? – frotzelte ich. – Ma no. Ihr Haus!

Im Leben nicht, blaffte ich. – Ganz sicher? fragte er tatsächlich nochmal nach.

Da hätte ich am liebsten Zio Peppino hervorgeholt: Bleibt mir vom Leib mit eurem mercato comune!

Stattdessen wurden die Esel laut.

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