Der große Naive

„Il capocannoniere di un campionato è sempre il miglior poeta dell’anno“, hat Pasolini einmal geschrieben, der sich mit Fußball und Dichtung gleichermaßen auskannte. Der Torschützenkönig einer Saison ist immer der beste Dichter des Jahres. Denn das Tor, so Pasolini, sei der poetischste Moment beim Fußball. So unmittelbar unausweichlich, berührend, erstaunlich, endgültig – wie ein Gedicht.

Am Torjubel des Gerd Müller konnte man ablesen, dass Pasolini Recht hatte. Denn da freute sich einer, der gerade das vollbracht hatte, etwas so Unausweichliches, Berührendes, Erstaunliches und Endgültiges. Er hatte es geschaffen aus einer schier überbordenden Kreativität heraus, mit seinen Füßen, mit dem Kopf, dem Rücken, dem Hintern. Oft wusste er gar nicht, wie. Müller war der große naive Schaffende des Weltfußballs, ausgestattet mit dem verschwenderischen Talent des Generösen, der dem Publikum, der Mannschaft und sich selbst am laufenden Band Katharsis schenkte. Sein Fußball war explosiv, die pure Lebensfreude. Er traf ins Tor und er traf uns ins Herz, weil es so mühelos aussah, und paradoxerweise so wenig zielgerichtet. Wenn er jubelte, sprangen wir mit ihm dem Himmel entgegen. Die Freude eines Kindes, der Jubel eines Künstlers.

In vielen Nachrufen, die wegen Müllers Alzheimer-Erkrankung schon lange geschrieben waren, wird heute daran erinnert, dass er in seinen ersten Jahren beim FC Bayern als Möbelpacker arbeiten musste, weil das Geld für die Tore nicht ausreichte. Unvorstellbar, nicht weil er so wenig verdiente. Sondern weil man sich ja kaum ausmalen kann, wie derselbe Mann, der auf dem Rasen mit den Füßen so viel Leichtigkeit zelebrierte, im richtigen Leben mit seinen Händen schweres Gerät ausliefern sollte. Genauso unvorstellbar, dass er sich selbst vergessen hatte, in den letzten Jahren, obwohl er doch für uns unvergesslich bleiben wird.

Im Himmel wird er müllern. Und wir, hier unten, verneigen uns.

2 Gedanken zu “Der große Naive

  1. Hallo Birgit, ja das Idol Gerd Müller fehlt mir. Da ich eher der Kleine war hatte ich auch ein rotes Trikot mit Bayern Logo. Kein originales nur der Sticker war vom Sportgeschäft und Oma hat ihn draufgenäht. Mein großgewachsener Kumpel Matthias war der Rainer Bonhoff vom Jahnstadion. Eine tolle Zeit.

    Schade das der begnadete Spieler ein eher für die Öffentlichkeit unwürdiges Ende gefunden hat. Hoffe er hatte für sich als Mensch zumindest eine gute Zeit.

    Grüße aus Köln

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    • Danke für deinen Kommentar, lieber Peter. Mit dem Wort „unwürdig“ bin ich ja immer ein wenig vorsichtig – nicht immer können wir die Erwartungen irgendeiner Öffentlichkeit erfüllen, wenn uns das Leben gerade mächtig durchschüttelt. In Deutschland wird von Sportidolen, aber eigentlich generell von Menschen, die es „zu was gebracht haben“, oft makellose Perfektion erwartet. Whatever that means. Viele Grüße zurück aus Umbrien!

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