Ferragosto

Als Augustus – oder besser sein Adlatus Marcus Agrippa – die Erzfeinde Kleopatra und Marcus Antonius vernichtend geschlagen hatte, feierte er in der Mitte jenes Monats, der bis heute nach ihm benannt ist, einen dreitägigen Triumph. Die römische Kirche verdrehte die Feriae Augusti (Fest des Augustus) später zur Himmelfahrt Mariens, was deshalb naheliegend war, weil der alte Römer ja auch den postumen Abflug in den Himmel schon für sich gepachtet hatte. Seine Witwe Livia zahlte einem „Augenzeugen“ ein Milliönchen Sesterzen und schon war die Sache perfekt und Augustus ganz offiziell in den Wolken und vergöttlicht (nachzulesen bei den üblichen Verdächtigen oder bei mir, ab morgen in 2. Auflage). In Italien wird folgerichtig bis heute am 15. August „Ferragosto“ gefeiert – normalerweise mit viel Lasagne und Vino am Strand. Heute aber ist es, wie eine meiner überaus gesellschaftsfähigen römischen Freundinnen es definiert, „too hot to be social.“ Und sie kennt sich aus.

Deutsche, kommst du nach Italien, so merke dir: Es kann tatsächlich zu heiß sein für Zusammenkünfte. Ab 30 Grad mittags haben GastgeberInnen hitzefrei und Gäste natürlich auch. Wer euch trotzdem zum Mittagessen einlädt, ist entweder kein Italiener oder erwartet von euch, dass ihr euch höflichst entschuldigt. Ausnahmen gelten, wenn man derart gut miteinander bekannt oder eng miteinander verwandt ist, dass die auf das Mittagessen folgende Siesta inklusive ist. Ansonsten: Man sieht sich, wenn es kühler wird. Also im September, hoffentlich, vielleicht.

Selbst die Touristinnen flüchten heute in den Schatten. Denn Italien erlebt erneut eine Hitzewelle, es ist schon die dritte in diesem Sommer und sie ist besonders brutal. Seit einer Woche haben wir konstant Höchsttemperaturen um die 40 Grad (in den Wochen davor waren es fresh 35). Too hot to be social. Wir stehen im Morgengrauen auf – immerhin schon nach 6 Uhr – und verrammeln uns ab Mittag in den Häusern. Außenläden zu, Innenläden zu, ausharren bis 19 Uhr, wenn bei 36 Grad schon der Gang durch den Garten möglich ist und die zweistündige Gießorgie (natürlich kein Trinkwasser) beginnt. Abendessen gegen 22.30.

An den Strand fahren geht nicht. Viel zu heiß. Und viel zu voll. Die Hölle, das ist ein italienischer Strand im August. Lieber beame ich mich gedanklich in die Frischezone. Mein Favorit in diesem Rekordhitzejahr ist Halldor Laxness, der isländische Literaturnobelpreisträger. Am schönsten finde ich „Das Fischkonzert“, eine herrliche Geschichte um stoische Grauquappen-Fischer und generöse Hochstapler. Flugs habe ich Reykjavik in meiner Wetter-App installiert. Mittagstemperatur heute, 15. August, dreizehn Grad. Ein Traum, es ist, als ströme kühle Luft aus dem Handy. Wobei ich die Grauquappe trotz fleißiger Recherche nicht gefunden habe. Ist sie am Ende wegen Klimawandels ausgestorben?

Für Bäuerinnen ist die Hitze besonders hart. Der Gemüsegarten quillt in normalen Sommern um diese Zeit über, jetzt leidet alles trotz massiver Wasserzufuhr vor sich hin. Und dann die Brandgefahr: Die schlimmsten Pyromanen im Dorf scheinen ihre Aktivität eingestellt zu haben. Sogar Sergio mit seinen Räucherhühnern, die so heißen, weil er täglich kleine Leibhäufchen unter großzügigem Einsatz von Benzin vor ihrem Hühnerstall verbrennt, deren Rauchfahnen neben den armen Tieren auch die armen Nachbarn behelligen – Sergio also gibt tatsächlich Ruhe. Es ist ihm wohl auch schlicht zu heiß. Aber auf der anderen Tiberseite hat es vor Tagen so gebrannt, dass die ganze Gegend von himmelhohen schwarzen Wolken überzogen wurde. Irgendjemand konnte es nicht abwarten, seine Gartenabfälle abzufackeln und hat hektarweise Wald verkohlen lassen. Obwohl die Feuerwehr wirklich schnell war.

In anderen Gegenden ist sie nicht so schnell, nicht so gut ausgestattet oder die Brände sind schlicht zu viele. In Kalabrien, auf Sizilien, in den Abruzzen brennt es allenthalben. Fast immer wird das Feuer gelegt. Bei uns kam es vor Jahren bis fünf Meter vor’s Haus – Jäger aus dem Nachbardorf hatten den Brand entfacht, weil sie im Wald unserer Gemeinde nicht jagen durften. Angezeigt wurde niemand, aus Mangel an Beweisen. Oder aus Angst vor Rache-Attacken.

Übermorgen soll es kühler werden. Nur noch 33 Grad im Schatten, fast schon herbstlich. Vielleicht können wir für Mittwochabend sogar Gäste einladen, Beeilung ist angesagt, denn Samstag sollen es ja schon wieder 36 Grad werden. Too hot to be social. Im Grauquappen-Land erwarten sie 14 Grad und Regen.

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