Rave am Lago

Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit erlebt der sonnenverbrannte Landstrich der Tuscia gerade eine Invasion der Barbaren. Die Tuscia ist eine Gegend zwischen Latium und der Toskana, altes Etruskerland mit uralten Städten, unergründlichen Vulkanseen und einer grausandigen Meersküste. Wunderschön, abgelegen und wegen ihrer Abgeschiedenheit leider auch vernachlässigt, ja sich selbst überlassen. So konnte vor Monaten gerade noch abgebogen werden, dass Italiens Atommüll gleich an sechs Stellen in dieser wundervollen Kulturlandschaft versenkt wird (es gibt ja so viele Etruskergräber hier und alle sind leer). Nicht verhindern konnten die Leute der Tuscia eine Barbareninvasion, die sich gewaschen hat – wenn auch leider nicht buchstäblich, wie dieses Video beweist.

Seit in der Nacht vom 13. zum 14. August eine schier endlose Schlange von Lkws und Autos zu den stillen Ufern des kleinen Lago di Mezzano vorrückte, ist rund um den See die Hölle los. Geschätzte 10.000 Menschen aus halb Europa (natürlich auch Deutsche, was für eine Frage!) „feiern“ bei Ohren betäubender Musik einen so genannten Rave, also eine Dauerparty mit viel Drogen, dafür aber ohne Klos und den ganzen bürgerlichen Rest.

Die Kühe, Ziegen und Schafe, die zu normalen Zeiten dort grasen, sind inzwischen auf Tauchstation. Ebenso wie die Rehe und die Kormorane und die paar Leute, die halt Pech gehabt haben, weil sie ausgerechnet am Lago di Mezzano ihre Bio-Landwirtschaft betreiben oder gar Urlaub auf dem Bauernhof machen wollten. Ja, selbst Schuld! Das Feld gehört jetzt den Barbarinnen, die aus grauer Corona-Städte Mauern ausbrachen, um endlich mal wieder den Sommer zu genießen. In Italien kann man schließlich machen, was man will.

Stimmt, leider. Denn die verzweifelten Appelle der Bürgermeister aus den umliegenden Dörfern bleiben ungehört. In der Kreisstadt Viterbo erklärt der Polizeichef, man befinde sich in Verhandlungen mit den Ravern. In Verhandlungen! Ganz so, als handele es sich um ein feindliches Heer oder die Taliban. Die Leute hielten 30 Hektar besetzt, dafür habe man leider nicht das nötige Personal. Eine Räumung sei ausgeschlossen.

30 Hektar, die Fläche ist 20mal so groß wie der Vatikan. Selbst ein Aufgebot von Schweizergardisten würde da vermutlich nicht viel ausrichten. Aber es ist doch erstaunlich, wie leicht man Italien…besetzen kann. Inzwischen gibt es bei den Ravern einen Todesfall (ein 24-Jähriger ertrank im See). Drei sind auf der Intensivstation, davon einer mit Covid, und zwei haben Anzeige wegen Vergewaltigung erstattet. Bei der Polizei.

Wenn der Rave sein, sagen wir, natürliches Ende gefunden hat, werden die Polizisten aus Viterbo dazu abkommandiert werden, den Müll aufzusammeln, weil die Müllabfuhr das allein nicht schaffen kann. Zehntausend Menschen auf 30 Hektar halt. Und ich frage mich, wie spießig meine Erleichterung über unseren Sicherheitsabstand zum nächsten Lago ist. Obwohl – vielleicht ist es ja genau andersherum. Und die Raver von heute sind die Spießer von morgen.

Ein Gedanke zu “Rave am Lago

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