Eierjagd

„Und womit vertreibst du dir die Zeit?“ fragte mich heute am Telefon ein famoser Ex-Kollege, nachdem er angesichts meiner absoluten Ahnungslosigkeit über den Spielplan der Bundesliga einen Moment lang sprachlos gewesen war. Übersetzt lautete die Frage: Was um Gottes willen arbeitest du denn jetzt?

Am nächsten Buch, antwortete ich. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Ich hatte nicht den Mut, ihm zu gestehen, dass ich täglich außer mit Gießen auch noch mindestens eine halbe Stunde mit Eiern beschäftigt bin, beziehungsweise mit deren Entfernung. Es ist eine stumme Schlacht, die sich knapp vor Sonnenuntergang in meinem Gemüsegarten vollzieht.

Die Eier stammen vom Großen Kohlweißling. Pieris brassicae, ein gräulich-weißer Schmetterling. Er tanzt auf meinen Kohlpflanzen. Weißkohl, Blumenkohl, Broccoli, Schwarzkohl, insgesamt 42 Pflanzen, die ich in diesem Herbst abzuernten gedenke (für das nächste Frühjahr wird im September weiterer Kohl gesetzt).

Ich habe nichts gegen den Kohlweißling, die Sache ist nur: Er oder wir. Denn aus seinen Eiern – unter jedem Weißkohlblatt befinden sich schätzungsweise 80 bis 100, in meinem Beet täglich rund zehn Nester – schlüpfen Raupen. Diese Raupen bleiben sympathischerweise in einer gemeinsamen Kinderstube und in lieblicher Eintracht würden sie den Kohl, auf dem sie sitzen, ratzekahl abfressen, wenn ich nicht allabendlich die Eier einsammeln würde, um genau das zu verhindern. They call it biologische Landwirtschaft, Baby. Selbstversorger, null Kilometer, all dieser Kram. Gerade habe ich auf der Website einer deutschen Umweltschutzorganisation gesehen, dass die empfehlen, Kohl für die Schmetterlinge anzubauen. Damit die Armen was zu beißen haben, wegen Insektensterben und so. Nee, Leute. Nicht mit mir. Ich müsste den Kohl dann nämlich im Supermarkt kaufen. Oder bei einem Bauern, der sich auch gegen die Raupen wehrt. Kann ja nicht der Sinn der Sache sein.

Eiablage ist hier bis Ende Oktober. Ich kalkuliere jetzt schon, ob es passt, im September endlich mal eine Woche ans Meer zu fahren. Müsste aber drin sein, denn die Raupen schlüpfen nach sieben bis zehn Tagen. Rucola oder Kohlrabi fressen die übrigens auch. Genau wie der Kleine Kohlweißling, der seine Eier gemeinerweise einzeln ablegt. Womit ich mich geschlagen gebe. Jedes Kohlblatt nach einzelnen Schmetterlingseiern absuchen?!

Da kann ich ja gleich wieder Fußball gucken.

.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s