Dante im Altglas

Rom hat einen neuen Bürgermeister, und der räumt gerade mächtig auf. Also nicht er persönlich, sondern die Müllfrauen und Straßenfeger im Dienste von SPQR. Müllcontainer, die gefühlt seit Jahren überlaufen, werden plötzlich allnächtlich geleert, wobei man nicht so genau weiß, wo der Abfall hinkommt, denn die städtische Deponie ist eigentlich seit Ewigkeiten voll. An jeder Ecke werden Besen geschwungen und – nicht zu vergessen – Knöllchen verteilt. Natürlich haben wir auch schon eins aus der neuen Ära, ergattert vom Lieblingsrömer, dessen Fertigkeit, in winzigste Parklücken hineinzufinden, von mir gar nicht genug bewundert werden kann. Staunenswerter ist höchstens, wie er seine 1,90 Meter mit unverändert jugendlichem Schwung in den Panda faltet. Wenn es sein muss, parkt dieser Mann auch hochkant, aber diesmal war wohl nichts zu machen, drei Zentimeter Zebrastreifen und klatsch: Knöllchen. Natürlich richtig und schon bezahlt. Ablass, wem Ablass gebührt.

Der Lieblingsrömer kann noch was, was ich überhaupt nicht kann: Dante. Also die wichtigsten Stellen der Commedia auswendig. Er kennt das ganze Dante-Personal, aus Hölle, Fegefeuer, Paradies. Ich hingegen hätte bei der Mittelalter-Abschlussprüfung an der Uni am liebsten den Joker angerufen, als die Frage kam, ob Dante Heinrich VII. in den Himmel oder die Hölle versetzt habe. Tja. Zwar hatte ich zur Vorbereitung sämtliche 300 Kirchen Roms abgegrast, aber auf Dante war ich nicht gekommen. Es war eine Fifty-Fifty-Sache und ich riet richtig: Himmel.

Meine italienische Familie hätte es gewusst. Nicht nur der Mann, auch die Kinder haben auf dem Gymnasium Dantes Commedia studiert, unsere Tochter sogar drei Jahre lang. Drei Jahre für eine Wochenstunde inferno, purgatorio, paradiso. Das Paradies ist langweilig, um das zu wissen, braucht man keinen Joker. Die Hölle sei aber super, sagen sie. Glaube ich sofort. Limbus gibt es bei Dante auch, durch ihn flanieren etwa Homer und Ovid. Ein gewisser Joseph Ratzinger hat diese lichte Vorhölle, hier besungen von meinem gelehrten Freund Reinhard Dinkelmeyer, als Benedikt XVI. abgeschafft. Da muss man drauf kommen. Ovid, schon von Augustus nach Rumänien verbannt, jetzt dank Ratzinger im Orbit. Mich würde nicht wundern, wenn B 16 als Emeritus Fack ju Göthe streamt.

Zurück zu Dante und dem römischen Abfall. Jawohl, da gibt es einen Zusammenhang.

34 Altglascontainer im Quartiere Aurelio, das an den Vatikan angrenzt, wurden von KünstlerInnen mit Motiven zu Dantes Hölle gestaltet. Hier oben etwa sieht man Violetta Carpinos „Habgier“, die Dante in den vierten Höllenkreis verweist.

„Chè tutto l’oro ch’è sotto la luna

e che già fu, di quest’anime stanche

non poterebbe farne posare una…“

Alles Gold, das jemals unter dem Mond

ist und war, kann von diesen ermatteten Seelen

nicht eine zur Ruhe kommen lassen.

Nicht die Hölle ist überall, sondern die Literatur. Jedenfalls in Italien.

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