Play it again, Jeremy

Mein römisches Viertel, der Esquilin, wird gerade ein bisschen gentrifiziert. Szene-Café im Ex-Hutladen, Bars mit Sieben-Euro-Wein, Restaurants ohne Pastagerichte, die übliche Soße also. Vorläufiger Höhepunkt der Entwicklung ist der Bäcker um die Ecke, puristische Einrichtung, vier Laibe Brot im Regal, ein Stückchen Strudel für vier Euro. Un’ipsterata, sagen die Kinder dazu: Hipsterkram.

Aber noch sind wir vom Prenzlberg Lichtjahre entfernt und mitten im prallen Leben. Gestern erst kam der Lieblingsrömer nach Hause und entwickelte folgende, philosophische Betrachtung: Er habe vor der Haustür ein Grüppchen saufender junger Männer angetroffen, alle Afrikaner und offenbar schon ziemlich besoffen. Prompt sei er in Versuchung geraten, sie zu ermahnen, sogar mit der Polizei zu drohen. Doch dann sei ihm noch rechtzeitig eingefallen, dass die Einheimischen exakt 30 Meter weiter rechts, vor der angesagten Enoteca, ja genau das gleiche täten. Nur halt Wein statt Maurerbier und an Designertischen.

An unserem Platz schlafen im Winter wieder mehr obdachlose Menschen, weil die Arkaden wenigstens Schutz vor Regen bieten. Es sind auch zwei Rollstuhlfahrer darunter. Sie hieven sich abends aus ihren Rollstühlen, legen sich auf Kartons, decken sich mit Wolldecken zu. Natürlich haben die Armen kein Klo und keine Dusche. Deshalb riecht es manchmal nicht gut vor unserer Haustür.

Und hier kommt Jeremy ins Spiel. Ein junger Holländer, lange, blonde Haare. Jeremy putzt die Arkaden, hingebungsvoll. Frühmorgens hebt er die Schlafkartons der Armen auf, faltet sie sorgfältig zusammen, verstaut sie an einem Pfeiler. Dann fegt und wischt er den Marmorboden, ebenso schwungvoll wie leise. Es sieht derart anmutig aus, dass wir es anfangs für eine Kunstaktion hielten. Ein Schälchen für den Obolus steht in dezenter Entfernung, wir gaben zwar etwas, hielten es aber für einen Teil der Installation.

Jeremy ist tatsächlich ein Künstler. Er spielt Geige und lebt davon. Auf der Straße.

In unserem Viertel haben ihn ein paar Typen angegriffen, ihn mit Messerstichen verletzt und ihm seine Geige geklaut. Anstatt Musik zu machen, hat Jeremy, kaum aus dem Krankenhaus entlassen, putzen müssen, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Als seine Geschichte die Runde machte im Viertel, das in solchen Angelegenheiten funktioniert wie ein Dorf, fiel einem jungen Mann die Geige ein, die seine Freundin ihm geschenkt hatte. Der Junge hatte das Instrument in den Schrank gestellt und vergessen. Bis er von Jeremy hörte. Schrank auf, Violine raus, weiterverschenkt an den putzenden Holländer, der jetzt nicht mehr wischt, sondern fiedelt, wie es sich gehört.

Sound of Piazza Vittorio.

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