Zahlentanz

Heute 78.000 Neuinfektionen in Italien, Rekord seit Beginn der Pandemie, aber auch eine sehr unzuverlässige Zahl. Nicht nur wegen der Weihnachtsfeiertage. Sondern vor allem deshalb, weil man hier sehr erfolgreich auf das Impfen gesetzt hat – und null auf’s Testen. Im Moment geht Omikron herum wie der Butzemann: das Familientreffen am 2. Weihnachtstag fiel wegen Quarantäne einiger Mitglieder aus, Silvesterpartys oder auch nur Abendessen im kleinen Kreis werden abgesagt, jeder kennt jemanden oder auch nur jemanden, der jemanden kennt, der positiv ist. Unsere erwachsenen Kinder fürchten, sich vor ihrer in der nächsten Woche angesetzten Booster-Impfung anzustecken und testen sich täglich. Mit den Selbsttests, die aus Deutschland eintreffen, denn in Italien kosten drei Stück in der Apotheke 40 Euro. Wenn die Apothekerin den Rachenabstrich macht, berechnet sie zwischen 15 und 20 Euro. Macht bei einer Familie bis zu 80 Euro, geht also mächtig ins Geld. Trotzdem waren Weihnachten die Schlangen vor den Pharmazien endlos. Wenn es um das größte Familienfest im Jahr geht, pflegen ItalienerInnen nicht zu sparen. Fast eine Million Tests wurden täglich absolviert, schon jetzt kommen die Labore nicht hinterher und die BürgerInnen werden von der Politik aufgefordert, weniger Kontrollen zu absolvieren. Ernsthaft. Testen nur bei Symptomen!

Anstatt die Kosten für die Testerei zu übernehmen und sie bei einer Impfquote von gut 80 Prozent damit allen BürgerInnen zu ermöglichen, stecken die Verantwortlichen ausgerechnet jetzt den Kopf in den Sand. Die ersten Regionalpräsidentinnen wollen zudem die Quarantäne für Geimpfte abschaffen: Stell‘ dir vor, Omikron rollt an und keiner schaut hin.

Bis vor Tagen klopfte man sich hier selbst auf die Schulter, weil Italien die Pandemie besser im Griff habe als Deutschland. Aber damit das so bleibt, müssen die BürgerInnen sich testen lassen dürfen. Möglichst oft, möglichst problemlos, möglichst gratis. Es nutzt wenig, landesweit Atemschutzmasken auch draußen zu verordnen, wenn man die Leute in Ungewissheit darüber lässt, ob sie am Restauranttisch ohne Maske ansteckend sind oder nicht.

Was in Deutschland der sommerliche Wahlkampf war, könnte hier das Tauziehen um die Präsidentschaftswahl werden – ein großes Ablenkungsmanöver. Denn in Italien wird ein neues Staatsoberhaupt gewählt, voraussichtlich Ende Januar. Das genaue Datum steht noch nicht fest, ein wenig wie in den Sommerferien das genaue Datum des Schulbeginns. Man weiß nur: demnächst. Die Kandidatinnen kennt man auch noch nicht, außer Mario Draghi.

Jawohl, Draghi. Der doch gerade als parteiloser Ministerpräsident die Regierung durch Corona- und Wirtschaftskrise führen und die 200 EU-Milliarden für die Wiederaufbauhilfe verteilen soll. Wieso Draghi jetzt als Staatspräsident gehandelt wird und zu allem Überfluss auch noch selbst mit dem Posten liebäugelt („Ich bin ein Opa im Dienst der Institutionen.“), das erschließt sich mir nicht. Als ob es keine anderen geeigneten Kandidatinnen gäbe für ein Amt, das ausschließlich repräsentativ ist, was man auch am salbungsvoll-pastoralen Tonfall seiner Inhaber ablesen kann. Bis jetzt jedenfalls. Der Präsident (ebenfalls bis jetzt: nie eine Frau), hat seine großen Auftritte bei der Scala-Eröffnung mit Verdi-Wumms oder auch bei den rituellen Gesprächen zur Regierungsbildung. Zu sagen hat er weder in der Oper noch bei den Parteien etwas. Er hält schöne Reden, die, wenn man einige Begriffe austauscht, durchaus auch in der Kurie des Nachbarstaates Vatikan gut ankämen. Er unterzeichnet Gesetze – auch solche, die ihm nicht passen, es sei denn, sie widersprächen eindeutig der Verfassung. Er residiert in einem sehr riesigen, sehr zugigen Palazzo mit fantastischen Gärten. Und er hat dem Vernehmen nach einen ganz tollen Koch.

Aber wieso, um Himmels willen, soll das alles jetzt Mario Draghi übernehmen? Und wer soll im Fall des Falles dann auf seinen Posten als Regierungschef? Rätselhaftes Italien. Hinter den Kulissen wird gefeilscht und gemauschelt und geschoben, als hätte man von Corona noch nie was gehört. Die Rechte bringt allen Ernstes Silvio Berlusconi ins Spiel. Der als Präsident durchaus einigen Unterhaltungswert hätte und wahrscheinlich auf eigene Kosten seinen Amtssitz renovieren lassen würde, was der Staatskasse sehr zugute käme. Aber Berlusconi ist 85. Kardinal könnte er in seinem Alter nicht mehr werden und Papst schon mal gar nicht. Lasst den Berlusca doch in Frieden und Unwürde altern, mitsamt seinen Schoßhündchen und wechselnden „Verlobten!“ Die amtierende ist 31 und könnte ihrerseits noch gar nicht Präsidentin werden, denn dazu müsste sie mindestens 50 sein.

Manche sagen jetzt: Wir sollten mal eine Frau wählen. Egal welche. Und dann kommen Namen wie der einer ehemaligen Rai-Intendantin, einer ehemaligen Verfassungspräsidentin, einer ehemaligen Justizministerin, eine kompetenter und honoriger als die andere, aber leider nur zweite, dritte, vierte Wahl nach Mario Draghi. Es ist zum Sich-die Haare-raufen. Draghi könnte die irre Debatte mit einem einzigen Satz beenden. Nachdem er per Dekret Gratis-Tests für alle angeordnet hat.

2 Gedanken zu “Zahlentanz

  1. Kaum hat man mal einen fähigen Politiker, wird er weggelobt.
    Der Anstieg der registrierten Positiven resultiert zum Teil wohl auch daraus, dass sich über die Feiertage plötzlich „alle“ vorsorglich testen lassen. Vorher mussten das nur die Ungeimpften.
    Wir profitieren bei Bedarf noch von unseren Gratistests, die wir in der Schweiz ein paar Monate lang als Frontalieri bekamen. Nun gehen sie dem Ende entgegen. Mist, ich hatte nicht dran gedacht, mir welche im Ostpaket mitschicken zu lassen.😉
    Was die geplanten Änderungen bei der Quarantäne betrifft, sehe ich auch den Bedarf, bei der „Fiduciaria“ also der vorsorglichen wegen eines Kontaktes, für (dreifach) Geimpfte etwas zu lockern. Sonst wird jetzt bald das ganze Leben lahmgelegt, und wozu ist es denn gut, dass wir geschützt sind? Es ist verdammt schwierig auch für die Politik, da Entscheidungen zu treffen, solange man nur hofft, aber noch nicht genau weiß, ob und wie viele Schwerkranke Omnikron denn nun provoziert.
    Haltet die Ohren steif und kommt coronafrei ins neue Jahr, liebe Birgit!

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