Gentilezza

David Sassoli, der heute verstorbene Präsident des Europaparlaments, war ein wirklich überzeugter Europäer. Er glaubte daran, dass mehr Europa besser für alle Menschen sei, die auf unserem Kontinent leben. Seine Idee von Europa schloss auch diejenigen ein, die verzweifelt versuchen, zu uns zu kommen und an unseren neuen, eisernen Vorhängen scheitern. Menschen, die vor politischer Verfolgung oder wirtschaftlichem Elend fliehen, um sich und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Zweimal bin ich Sassoli begegnet, das erste Mal Anfang der Nullerjahre. Wir waren Kollegen, er damals schon bei der RAI, ein Frontmann der Acht-Uhr-Nachrichtenmesse TG1, ich im Dienst für die SZ, wo ich für einen abwesenden Korrespondenten einsprang. Es muss ein bilaterales Treffen der deutschen und italienischen Regierungschefs gewesen sein, genau weiß ich es nicht mehr. Sassoli war damals schon sehr bekannt und ein auffallend gut aussehender Mann. Ich fand ihn zurückhaltend, ja bescheiden. Und sehr höflich. Er informierte sich bei uns deutschen Kollegen, er wollte alles sehr genau wissen, er arbeitete in keiner Weise oberflächlich. Als er 2013 Bürgermeisterkandidat der Linken in Rom werden wollte, kriegte er meine Stimme. Leider kam Sassoli nicht durch.

Die zweite Begegnung war indirekt, im September 2019. In einem Agriturismo in der Maremma zeigte uns der Wirt unser Zimmer mit den Worten: „Das ist der Raum des Presidente.“ Gemeint war Sassoli, der dort mit seiner Frau, einer bei der Denkmalschutzbehörde in l’Aquila angestellten Architektin, gerade seinen Urlaub verbracht hatte.

Das Zimmer war sehr einfach. Ein Bett, zwei Nachttische, ein winziger Kühlschrank, ein spartanischer Schreibtisch, ein Stuhl. Das Badezimmer winzig. Kein Meerblick, sondern ringsumher nur Pampa. Ein Wäscheständer auf der Terrasse, zum Trocknen der Handtücher. Zum Frühstück gab es selbstgemachte Marmelade, das nächste Dorf war eine halbe Stunde Autofahrt entfernt und der Strand noch etwas mehr.

Heute erinnern alle, die ihn kannten, an seine Freundlichkeit und die Fähigkeit zum Ausgleich. Dazu passt diese wirklich außergewöhnliche Bescheidenheit.

Man kann Journalismus und Politik eben auch aus Überzeugung machen, im Einsatz für die Sache und ohne das eigene Ego in den Mittelpunkt zu stellen.

Sassoli ist an den Folgen einer Lungenentzündung durch Legionellen gestorben. In einem erst kürzlich veröffentlichten Video erklärte er selbst den Grund für seine Erkrankung, um Gerüchten über eine Corona-Infektion zu begegnen. Freundlich, ja heiter wie immer.

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