Abpfiff

In Ascoli Piceno, wo einst Oliver Bierhoff in der zweiten Liga spielte, wird gerade das Dach der Kirche San Tommaso renoviert. Bei den Arbeiten fielen Dutzende von Bällen herunter, die über Jahrzehnte vom Kirchplatz himmelwärts geschossen worden waren. Zeugen einer Zeit, in der kleine Italiener (und wenige Italienerinnen) Fußball auf der Piazza spielten, mit dem Kirchenportal als Tor.

Generationen von Fußballern begannen so – oder gleich im Oratorio. Das war der Sportplatz der Kirchengemeinde, mit dem Priester oder dem Diakon als Trainer. Es gab sie in ganz Italien, denn der Kirche oblag das Erziehungsmonopol der Kleinsten: Kindergarten, Grundschule, Fußballjugend, alles unter den Fittichen von Sacra Romana Chiesa, wobei die Fittiche das falsche Bild wären, eher wehten die Soutanen im Einsatz auf dem Ascheplatz.

Tempi passati. Im römischen Bischofspalast am Lateran gibt es zwar noch ein Amt für die Oratori, aber die bieten jetzt vor allem Basketball an oder gleich Fotokurse.

Um die Jahrtausendwende, als die Serie A noch Europas Glitzerliga war, trat im Fernsehen Kardinal Tarcisio Bertone als Fußballreporter bei Juventus-Heimspielen auf. Seine Eminenz war glühender Juve-Fan und dem Fußball derart ergeben, dass er im Vatikan den Clericus-Cup einrichtete, eine Art Priester-Liga als Ergänzung zum Laienwettbewerb im Kirchenstaat mit den Wächtern der Sixtinischen Kapelle als Rekordmeister.

Bei Franziskus fiel der Juventino Bertone in Ungnade, weil er allzu prunkvoll Hof hielt. Der Clericus-Cup macht seit 2020 Pause. Und ich frage mich, ob es nicht einen Zusammenhang gibt zwischen den leeren Kirchen in Italien und dem Niedergang des Calcio. Eine Gleichzeitigkeit der Entfremdung von der Religion und vom Fußball. Tatsache ist, dass seit über 40 Jahren der Papst kein Italiener ist, während die Azzurri seit dem letzten Titelgewinn vor fast 16 Jahren bei Weltmeisterschaften zunächst in die Statistenrolle abgedrängt wurden (Vorrunden-Aus 2010 und 2014), um schließlich gar nicht mehr dabei zu sein. Höchstens als Zuschauer, 2022 wie 2018. Aber wer schaut denn eigentlich noch hin? Sicher, es gab den EM-Überraschungssieg im vergangenen Sommer. Die Ausnahme, nicht die Regel. Es reichte für einen kurzen Freudentaumel, und schon geht es wieder abwärts.

Nur die Kirchen sind sonntags noch leerer als die Stadien. Zwar sind die meisten irgendwie katholisch, merken das aber kaum, zumal sie noch nicht einmal Kirchensteuer zahlen müssen. Längst unterscheidet man deshalb „cattolico“, also auf dem Papier katholisch, von „praticante“ (praktizierend). Und die Distanz wächst. Früher nahmen zumindest die Römerinnen Rücksicht auf ihre praktizierenden Eltern und heirateten brav in der Kirche. Inzwischen haben standesamtlichen Eheschließungen die kirchliche Trauung überholt. Sinnigerweise bietet die Stadt Rom als Hochzeitsaal eine entweihte frühchristliche Kirche neben den Caracalla-Thermen an. Auch in der Hauptstadt des Katholizismus werden Kirchen also unaufhaltsam zur Kulisse. Genauso wie das Oratorio. Hier eines der schönsten, umrahmt von antiken Ruinen, bei Sant’Agnese an der Via Nomentana.

Jede Wette: Bei der nächsten Kirchenrenovierung wird in Ascoli kein Ball mehr auf die Piazza fallen.

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