When September Ends

Aber natürlich spürt man es. Etwa in der Notaufnahme im Krankenhaus in Terni, Umbrien, an einem sonnigen Samstag Morgen. Im vollen Wartezimmer beginnt ein voll tätowierter Armbruch einen langen Monolog mit der These, die Welt und vor allem die Welt in Italien sei noch sehr in Ordnung gewesen, bis die Mauer gefallen sei. Der Fall der Berliner Mauer, so der Armbruch, sei der Anfang vom allgemeinen Niedergang gewesen, weil danach die EU gekommen sei, mit der die Deutschen machen könnten, was sie wollten.

Genau, schaltet sich eine junge Frau mit Wadenzerrung ein, die Deutschen und das internationale Großkapital, also Soros. Beifall von den liegenden Patienten. Ich aber mache mich ganz klein und bedanke mich beim Pfleger, der mich in den Untersuchungsraum bringt. Gestehe naiv, ich hätte mich ein wenig unwohl gefühlt, während der angeregten Debatte im Warteraum. Der Pfleger schaut mir kalt in die Augen und sagt: „Die haben doch Recht.“

Man spürt es bei den Bekannten, die alle schon mal gewählt haben, „weil ja sowieso alle gleich sind“, und die tatsächlich glauben, der Untergang Italiens beginne mit der Sozialhilfe, die vor ein paar Jahren eingeführt wurde und die Meloni jetzt abschaffen will. Also wählen sie jetzt Meloni.

Wer noch? Ich ertappe mich bei dem Gedanken, wem ich es zutraue und wem nicht. Ich traue es vielen zu. Egal, ob man Salatpflanzen einkauft, einen Kaffee in der Bar trinkt oder tanken geht, überall ist die Wut fühlbar. Eine diffuse Wut. Die Leute sind mit der Gesamtsituation unzufrieden und wollen sich Luft machen.

Das haben sie ja jetzt getan. Und zwar ohne, dass man ihnen eine Perspektive anbot, irgendetwas Positives, einen Ausweg, einen Plan für den Wiederaufbau eines Landes, in dem schon allzu lange allzuvieles nicht funktioniert. Die Justiz. Das Gesundheitssystem. Die Infrastrukturen.

Kein Thema für die Rechte, die Italien wieder groß machen will, aber keine Ahnung hat, wie. Keine Kompetenz, kein Personal. Die die Klimakrise zur „linken Ideologie“ erklärt hat, genau wie das Bedürfnis nach Bürgerrechten für alle, die in Italien leben. Diese Rechte ist rückwärtsgewandt und reaktionär, nichts an ihr ist aufgeschlossen, weltoffen, menschenfreundlich.

Diese Rechte verachtet die Demokratie. Sie ist zynisch. Salvini von der Lega hat vor gerade mal drei Jahren die Flüchtlings-Aufnahmelager geschlossen und die Menschen einfach auf die Straße gesetzt. Berlusconi hat wenige Tage vor der Wahl behauptet, Putin habe die Regierung in Kiew doch nur durch „anständige Menschen“ ersetzen wollen. Heute gratulierte ihm die EVP, zu der auch die CDU gehört.

Und Meloni? Sie hat ein grundsätzlich negatives Weltbild. Wir gegen den Rest der Welt.

In Deutschland feiert die Rechte jetzt den italienischen Sieg über die linken Woken. Aber darum geht es gar nicht. In Italien spielt Wokeness überhaupt keine Rolle in der politischen Debatte. Man hinkt hier diesbezüglich hinterher. Die Gesellschaft ist überaltert, der Konformismus erdrückend.

Der Rechtsblock katapultiert das Land jetzt endgültig zurück in die 1970er Jahre.

Ende Oktober steht das 100-Jahr-Gedenken zum „Marsch auf Rom“ an. Und da wird sich zeigen, wie geschmeidig die Banda Meloni ist. Ignazio La Russa, die Graue Eminenz hinter Giorgia Meloni, hat sich nie vom Faschismus distanziert und noch vergangene Woche behauptet: „Wir sind alle Erben des Duce.“

Brachte jede Menge Stimmen.

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2 Gedanken zu “When September Ends

  1. Und die extrem niedrige Wahlbeteiligung ist m. E. nicht nur ein Indiz für Frust und Orientierungslosigkeit (die sind ja alle gleich), sondern auch dafür, dass es neben diesem Bündnis keine souveränen Alternativen mit klarem Programm gab, für die man hätte stimmen können. Da sind viele einfach daheim geblieben.

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  2. Das stimmt, der Wahlkampf des PD war beschämend uninspiriert. Die Fünf Sterne sind im Kern populistisch geblieben. Azione ist sehr auf Renzi/Calenda zugeschnitten. Aber klare Programme haben alle drei. Nicht wählen ist nie eine Alternative. Ich kenne Leute, die eine Nacht im Zug verbracht haben, um ihre Stimme abzugeben. Die niedrige Wahlbeteiligung ist auch ein Ausdruck für Desinteresse und Bequemlichkeit.

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