Partita del Secolo

Heute vor 50 Jahren fand im Aztekenstadion von Mexiko City das WM-Halbfinale Italien-Deutschland statt. Italien gewann 4:3. Bis in die 90. Minute hatten die Italiener 1:0 geführt und es geschafft, dieses Resultat eisern zu verteidigen. Dann glich Karl-Heinz Schnellinger aus, der damals bei Milan spielte. Es folgte eine halbe Stunde, in der sich die zuvor ziemlich zähe Begegnung zum allseits verklärten „Jahrhundertspiel“ wandelte. Nie war eine WM-Verlängerung spannender, nie fielen mehr Tore.

94.     1:2 Müller

98.     2:2 Burgnich

104.   3:2 Riva

110.   3:3 Müller

111.    4:3 Rivera

Nebenbei spielte Beckenbauer ab der 65. Minute mit einem an den Körper festgebundenen, rechten Arm, nachdem er sich auf der Jagd nach einem Elfmeter die Schulter verletzt hatte. Der deutsche Radio-Reporter Kurt Brumme empörte sich vor einem Millionen-Publikum über die Italiener: „Mein Gott, ist das ein Fußball hier. Das ist ja entsetzlich, das ist ja widerlich. Burgnich ist soeben verstorben, sehe ich. Nein, da kommt er wieder!“ „Pfui, pfui, pfui, Rivera!“

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Nun, in Italien hat man naturgemäß einen anderen Blick auf das Match. Der 50. Jahrestag wird gefeiert, als wären die Azzurri damals als erste auf dem Mond gelandet. Schon vorher hab es einen Kinofilm und ein Theaterstück zum Thema und Bücher sowieso, das Beste von den dem Soziologen Nando dalla Chiesa. Er schildert, wie die Italiener mit dem Sieg auch die Überwindung eines uralten Minderwertigkeitskomplexes gegenüber den Deutschen feierten: „Es schien, als seien wir jetzt die Deutschen.“ Dalla Chiesa erinnert, wie die Italiener in der Nacht zum ersten Mal als Nation feierten, überall auf den Straßen tanzten und wie der Autocorso geboren wurde. Hunderttausende waren damals als Arbeitsemigranten in Deutschland und zelebrierten den mühsam erkämpften Sieg über die reichen, arroganten Deutschen.

Für die war das 3:4 der Beginn des Italien-Traumas. Es folgten nur noch Niederlagen, bei der WM 1982, bei der WM 2006 (besonders bitter), bei der EM 2012 (ein Doppel-Balotelli, fast genauso bitter). Die Serie endete erst 2016 beim EM-Viertelfinale, das Deutschland beim Elfmeterschießen gewann. Und jedes Mal der gleiche Schlagabtausch in den Medien, die Beschwörung finsterster Klischees, auf beiden Seiten. Persönlich bin ich 2006 wüstens attackiert worden, weil ich mich in einem Feuilletonartikel für die SZ ein wenig über die deutsche Verehrung des „edlen Wilden“ Zidane lustig gemacht hatte. Halb Deutschland war mit dem Franzosen solidarisch, der sich im Endspiel von dem Italiener Materazzi provozieren ließ („deine Schwester…“), ihm den Kopf in den Bauch rammte und natürlich Rot dafür sah. Italien wurde Weltmeister und die Deutschen ärgerten sich schwarz. Der Spiegel beleidigte die Italiener als Muttersöhnchen, die ZEIT warnte: „Mafia im Finale“ und legte nach dem Sieg nach, der WM-Titel würde sich schon noch als Katastrophe für Italien entpuppen. Wäre ja noch schöner!

Die Italiener hingegen packen vor jedem Fußballspiel gegen die Deutschen den Weltkrieg aus. Als ich in Rom ankam, hörte ich zum ersten Mal, dass deutsche Fußballspieler als Panzer bezeichnet wurden. Daran hat sich nichts geändert. Vor dem EM-Halbfinale 2016 etwa schrieb der „Corriere della Sera“, als Italiener müsse man einfach für Frankreich sein. „Sie haben uns Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit geschenkt, während die Deutschen unser Land besetzt und unsere Großeltern hingemetzelt haben.“

Das ist ungefähr das Niveau.

Gestern abend war ich Gast in einer Radio-Sondersendung der RAI, gemeinsam mit dem deutschen Botschafter in Italien, mit dem klugen Professor dalla Chiesa und mit ein paar der alten Recken. Schnellinger war aus Milano due zugeschaltet, wo er seit Ewigkeiten in einem der Wohnblocks wohnt, die einst Silvio Berlusconi hochgezogen hatte. „Perle, was für eine Perle?“ sagte Schnellinger. „Es war nur ein Fußballspiel. Wenn wir gewonnen hätten, wäre es natürlich besser gewesen.“

Tarcisio Burgnich kam da schon mehr in Wallung. Der Sieg sei so wichtig gewesen, „weil wir endlich die Deutschen geschlagen haben, die uns in den 40er Jahren unterdrückt haben.“ Damit war vermutlich die deutsche Besetzung von Italien gemeint. Ein paar Minuten später legte Burgnich nochmal nach. „In zwei Kriegen“ hätten die Deutschen Italien überfallen – dass es im ersten Weltkrieg die Österreicher waren, wagten die Moderatoren nicht zu verbessern. Es sprach dann noch ein Professor für Anthropologie. Er sagte, der Sieg sei eine „Befreiung“ von den Deutschen gewesen.

Ich war ein bisschen schockiert und wies darauf hin, dass Beckenbauer und Müller nun wirklich niemanden überfallen hätten. Also wirklich, was kann man denn gegen piccolo grassotello Müller haben, mir ein Rätsel. Und Beckenbauer ist unerreicht elegant, von wegen Panzer. Die Deutschen hätten damals zwar verloren, aber trotzdem sei das Match als große Nummer in die Geschichte eingegangen, völlig egal, ob Sieg oder Niederlage. Ich wiegelte also ab, malte lustig die deutsche Angst vor Fußballitalien aus und erzählte, dass alle deutschen Reporter wissen, wie man Catenaccio schreibt oder wenigstens spricht. Lange habe ich mich dann darüber geärgert, dass mir, wie so oft, auf die Schnelle nicht der entscheidende Satz einfiel:

1970 hieß unser Bundeskanzler Willy Brandt.

Albertone

Heute vor 100 Jahren wurde in der Via San Cosimato im römischen Stadtteil Trastevere Alberto Sordi geboren. Sordi ist im Ausland so gut wie unbekannt, in Rom aber bis heute weltberühmt, unvergessen und unerreicht. Wie jeder große Volksschauspieler war er eine Inkarnation seiner Stadt. Alle können irgendwas aus seinen Filmen zitieren. Wer „Maccerone, du hast mich provoziert…“ oder „Ich bin ich und ihr seid ein Scheiß“, nicht kennt, ist kein Römer. Wobei es total absurd ist, diese Sätze auf deutsch zu übersetzen.

In wie vielen römischen Küchen hängt dieses Foto?

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Natürlich auch in unserer. Es zeigt Sordi in der Titelrolle von  „Ein Amerikaner in Rom“, wo er als Taugenichts Nando schwer einen auf Ami macht und dabei die ganze Zeit eine groteske Mischung aus romanesco und aufgeschnappten englischen Brocken von sich gibt.  Unsere Tochter kann den ganzen Film auswendig, dabei hätte Sordi ihr Großvater sein können. Aber auch die jungen Römer identifizieren sich noch mit dem alten Albertone, mit seiner wunderbar leichtfüßigen und charmanten Wurstigkeit, mit der Lebenslust, der verschmitzten Selbstironie.

Sordis Filme bekamen keine internationale Aufmerksamkeit, obwohl er mit den besten Regisseuren seiner Zeit gearbeitet hat: Fellini, De Sica, Dino Risi, Steno, Monicelli und selbst Regie in drei Filmen mit der großen Monica Vitti führte. Aber Rom war halt nicht New York, sondern spielte im Welt-Kino nur noch eine Rolle als pittoreske Kulisse.

In Italien wurde Sordi mit Preisen überhäuft, nicht zuletzt gab es 1995 einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Wobei die hervorstechendste Leistung in diesem Lebenswerk sicher war, dass Sordi den Römer als solchen in ganz Italien populär machte. Unwiderstehlich etwa seine Anekdote von der Einladung zum Abendessen beim Avvocato Gianni Agnelli, damals als Fiat-Patriarch größter Arbeitgeber im Land und so etwas wie der heimliche König Italiens. Sordi erzählte im Fernsehen, dass Agnelli ihn spontan zum Essen in seine Turiner Residenz eingeladen hatte: „Erst gab  es ein Salatblatt, dann ein bisschen Foie gras, ein Stückchen Käse und als der Kaffee kam, kapierte ich, dass es das schon war. Avvocato, sagte ich, und dafür haben sie mich zum Essen eingeladen? Ja, was haben Sie denn erwartet, entgegnete er. Spaghetti?“ Es endete natürlich damit, dass Agnelli für Albertone Spaghetti kochen ließ, auf die sich alle Tischgenossen mit großem Appetit stürzten.

Sordi wurde nie ein Patriarch. Ein Leben lang blieb er Junggeselle, umsorgt von seinen Schwestern in einer riesigen Villa unweit der Caracalla-Thermen, die er mit schwerem Marmor in Grabsteinqualität, viel Gold, Antiquitäten und riesigen Ölbildern ausgestattet hatte, als handele es sich um eine Rekonstruktion von Neros Domus Aurea. Auch diese massive Anhäufung von teuren Geschmacklosigkeiten hatte etwas sehr römisches, denn die Neureichen in Parioli richteten sich ähnlich ein. Zeigen, was man erwirtschaft oder erbeutet hatte, war die Devise. Immerhin hatte Sordi kein Reichenghetto gewählt, sondern den populären römischen Süden. Muss man erwähnen, dass sein einziger legitimer Erbe Francesco Totti gleich um die Ecke aufwuchs? Und dass der schwer katholische Sordi natürlich ein Anhänger der einzigen römischen Fußballmannschaft war? (Hier überreicht der Capitano Sordis Schwester Aurelia im Stadion einen Blumenstrauß)

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Sordi wie Totti repräsentieren eine Romanità in der Tradition der großen Menschenfreunde, Poeten und Satiriker Belli und Trilussa. Man könnte sagen, die ewige Seele Roms, einer Stadt, die schon alles gesehen hat und deshalb nichts mehr ernst nehmen kann. „Te lo meriti Alberto Sordi!“ schnaubte der junge Nanni Moretti einst in einem seiner ersten Filme: „Du verdienst Alberto Sordi!“ Die 68er fanden Sordis erdverbundene Darstellung nicht nur konservativ, sondern reaktionär. „Über Sordi können nur wir Italiener lachen“, mäkelte Pasolini. „Wir lachen, und wenn wir aus dem Kino gehen, schämen wir uns schon dafür. Denn wir haben über unsere Feigheit und unsere eigene Infantilität gelacht.“ Pasolini fand Sordis Figuren „kleinbürgerlich und katholisch, aber eigentlich ohne einen Glauben, ohne ein Ideal.“ Kein Wunder, dass man in Frankreich oder England nichts an Sordi finden könne.  Inzwischen hat auch die Filmkritik erkannt, dass die Selbstbespiegelung, die Sordi dem italienischen Spießer ermöglichte, immer auch eine Einladung zur Distanzierung war. Denn die Figuren des Albertone waren Loser, sie scheiterten krachend an ihrer eigenen, sympathischen Beschränktheit. Heute, da man nicht nur in Italien die Spießer so verdammt für voll nehmen soll, wie sie das selber auch tun, erahnt man, wie progressiv das Kino von Alberto Sordi war.

Sordi gehörte zu Rom wie das Kolosseum und der Papst. Civis romanus erat. Als er im Februar 2003 starb, betrauerten ihn 150.000 auf der Piazza San Giovanni. Ein Flugzeug zog ein Spruchband durch den blauen Vorfrühlingshimmel: „Diesmal hast du uns zum Weinen gebracht.“

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Oh Venezia!

Im Italienischen wie im Deutschen sind Städte eine Frau. Die Stadt, la città. In früheren Zeiten wurden sie personifiziert. Der Göttin Roma ist ein riesiger Tempel am Fuße des Palatin geweiht, von dem heute noch sehr eindrucksvolle Säulen zu sehen sind. Venezia wurde unter anderem von dem Maler Tiepolo dargestellt. Der Meister entwarf eine üppige blonde Schönheit, der Meeresgott Neptun aus einem Füllhorn sehr viele blanke Dukaten verehrt. Das Bild hängt an prominenter Stelle im Dogenpalast:

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Ein vielbenutztes Synonym für Venedig ist „La Serenissima“ – ein Titel, den sich die alte Seerepublik einst selbst gab. Die Heitere, nein: die Heiterste. Ein herrlicher Superlativ, wer möchte nicht so wahr genommen werden? Irgendwas ist dann schief gelaufen mit der venezianischen Imagepflege in den letzten Jahrhunderten, denn heutzutage gilt ja Venezig als schwer melancholisch. Tod in Venedig, Wenn die Gondeln Trauer tragen, Ratten und Nebel, Cholera und Kreuzfahrtschiffe, ganz so, als sei diese Traumstadt eine Verheißung der Düsternis. Es geht nur noch um Hochwasser, um die Invasion von Touristen und die Flucht der letzten echten Venezianer und nebenbei um korrupte Politiker, die letztendlich am Untergang der Stadt Schuld tragen. Überhaupt, der Untergang: Schon seit einer ganzen Weile drehen sich Venedig-Erzählungen um die Frage: Ist diese Stadt noch zu retten? Vor der Klimakatastrophe, dem Massentourismus, der Abwanderung und neuerdings vor der Corona-Krise?

Heute gab es zu diesem Thema eine erhellende Seite Drei in der SZ, nach deren Lektüre die wirklich größte Bedrohung für Venedig kein Geheimnis mehr ist. Venezia, die Heiterste, befindet sich gar nicht mehr in der Lagune. Die Serenissima ist eine Stadt ohne Frauen! Egal ob in den 450 SZ-Zeilen oder dazwischen, es ist schlicht keine zu finden. Die Frauen scheinen aus Venedig geflohen zu sein wie aus Ostdeutschland und aus dem Sauerland. Da dürfen wir uns dann wirklich nicht wundern, wenn das mit dem Untergang nicht mehr abzuwenden ist. Oder wurden sie am Ende einfach nur übersehen?

Ich weiß nicht, ob es sinnvoll wäre, eine Frauenquote für Geschichten einzuführen. 25 Prozent? 30? Oder 50? Hundert Prozent, vielleicht wäre das für den Anfang nicht schlecht. Einfach mal ein Monat oder zwei nur Zeitungsgeschichten mit Frauen, wo es geht, also nicht im Politik- Wirtschafts- oder Sportteil, oh Gott, jetzt hätte ich fast das Feuilleton vergessen, dabei können da auch sehr viele, wichtige Männer natürlich nicht über Wochen unerwähnt bleiben. Aber die Meinungsseite, da ginge doch was!

Die reine Männergeschichte, ich fürchte, das ist mir auch schon passiert – und damit meine ich jetzt nicht beim Thema Fußball. Ganze Städte, ach was, Landstriche ohne Frauen, es geht ja schließlich um die Sache, und die Zeit drängt, da kann man sich nicht mit Gender-Kleinigkeiten aufhalten

Wirklich?

Giuseppe Provenzano von der sozialdemokratischen PD, Italiens Minister für den Süden, hat gerade seine Teilnahme an einer Städte-Konferenz zur Corona-Krise abgesagt. Weil außer ihm nur Männer dazu eingeladen waren. Keine einzige Frau! Männer unter sich, das gilt immer noch als völlig normal, nicht nur in Venezia und Roma. Provenzano ist der erste Minister der Repubblica Italiana, der es skandalös findet. Oder wenigstens hoffnungslos von gestern.

 

 

Wenn die Maske fällt

Der 2. Juni ist einer der beiden Nationalfeiertage Italiens. Am 25. April wird die Befreiung vom Nazi-Faschismus gefeiert, heute das Ende des Königreichs und die Geburtsstunde der Republik. Erstmals seit vielen Jahren fiel der Pandemie wegen die Militärparade auf der von Mussolini einst just zu diesem Zweck angelegten Straße zwischen den Kaiserforen aus. Aber jede Menge Vaterlands-Rhetorik gab es trotzdem. Der „Corriere della Sera“ verteilte Atemschutzmasken in den Nationalfarben (in Deutschland käme wahrscheinlich noch nicht mal die Bild auf so eine Aktion) – und die unvermeidlichen Frecce Tricolori donnerten über den „Vaterlandsaltar“, nachdem sie zuvor schon in anderen Städten ordentlich die noch vom Lockdown reine Luft verpestet hatten. Meine Freundin Paola, deren Terrasse quasi auf das Augustus-Forum gepflanzt ist, hielt einen Moment die Luft an. Aus Angst, dass die Frecce ihr die Balkonplanzen rasieren würden.

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Paola ist sie eine Säule des römischen Kunstbetriebs und steht politisch links. Aber sie mag die Frecce, wie die meisten Italiener. Das Ohren betäubend laute, stinkende Macho-Spektakel ist unglaublich populär. Mir ist es ein Rätsel, wieso die überhaupt noch fliegen, nach dem Unglück von Rammstein. (Zur Erinnerung: Bei einer Flugschau am 28. August 1988 stießen drei Maschinen der Frecce zusammen, eines der Flugzeuge stürzte in die Zuschauermenge. die drei Piloten starben, ebenso 31 Zuschauer. Später starben weitere 36 der mehr als 1000 Verletzten. Insgesamt gab es also 70 Todesopfer.) Heute erinnert sich kaum jemand in Italien an Rammstein und die Medien tun wenig, um das kollektive Gedächtnis zu erwecken.

Für mich sind die Frecce das gruseligste Symbol eines spezifisch italienischen Nationalismus, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann. Es handelt sich um eine sehr ungute Mischung aus Vergangenheits-Verdrängung, Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn. Die Italiener haben ein extrem gespaltenes Verhältnis zur eigenen Nation und einen sehr entwickelten Selbsthass. Man sieht es an ihrer populistischen Rechten: Vor ein paar Jahren verweigerte die Lega noch jede Teilnahme an den Veranstaltungen zu den Nationalfeiertagen, heute boykottiert sie natürlich den 25. April, marschiert aber zum Republikfest auf. Gemeinsam mit der neofaschistischen (viele deutsche Medien nennen sie hoffnungsvoll: postfaschistisch) Fratelli d’Italia wollte Lega-Boss Salvini heute einen Auftritt am Grab des Unbekannten Soldaten in Rom. Der Staatspräsident lehnte dankend ab. Auch, weil schon klar war, dass es sich um den Auftakt zu einer wilden Protestaktion handeln würde.

Tatsächlich mobilisierten Salvini und Co. eine Demo auf der Piazza del Popolo. Ein paar hundert Rechte drängelten sich unter einer großen Italien-Fahne, machten Selfies mit dem Meister und verstießen grölend gegen die Seuchenschutz-Vorschriften. Salvini selbst riss sich die Maske ab, buchstäblich und metaphorisch. Und die Polizei schaute zu.

Jetzt, da die größte Gefahr erst einmal gebannt scheint, die Regierung also die Drecksarbeit für dieses nichtsnutzige Großmaul erledigt hat, fordert er: Abtritt. Viele finden das schon wieder fantastisch. Seuche – welche Seuche? Im Unterholz formieren sich rechte Schlägertrupps und „Orange-Westen“ schon zu einer irren Negationsbewegung. Die Pandemie habe es nie gegeben, die Toten von Brescia und Bergamo seien Opfer der Luftverschmutzung. 34.000 Tote und kein Virus.

Dass es in Deutschland für ein paar Idioten zu viel verlangt ist, angesichts einer weltweiten Bedrohung mal einen Gang runter zu schalten und auf Stadiongang und Ballermann-Urlaub zu verzichten – geschenkt. Aber in Italien?! Man fasst es nicht.

Es ist die immer gleiche, Menschen verachtend zynische Nummer, die diese Faschisten abziehen. Ausgerechnet diejenigen, die sämtliche Bürgerrechte mit Füßen treten, faseln jetzt was von Polizeistaat. Ausgerechnet jene, die sich einen Dreck um die sozial Schwachen scheren, die das staatliche Gesundheitssystem am liebsten ganz abschaffen würden und die Zehnprozent-Steuer für alle fordern, die hetzten jetzt gegen die Regierung. Es stimmt, die Nothilfe ist viel zu schleppend angelaufen. Aber sie läuft an. Es ist wahr, die Wirtschaftskrise wird fürchterlich. Aber die EU steht parat. Und eines ist doch wohl klar: Selbst wenn der warme Geldregen sofort käme, würden die Hetzer nicht verstummen. Das eine hat mit dem anderen leider rein gar nichts zu tun.

Esel trainieren

Im Internet wird jetzt Eseltraining für Führungskräfte angeboten. Wer einen sturen Esel auf Trab bringt, so die These, der könne auch seine Leute besser antreiben. Eine geniale Idee. Und ich Freak dachte, Eselmist sei das Geschäft meiner Zukunft! Dabei wäre es natürlich viel lustiger, den Erfolgreichen bei ihren Versuchen zuzuschauen, meine Esel vorwärts (oder sogar rückwärts, Kleinigkeit!) zu bewegen, mit Aufpreis darf auch der Stall ausgemistet werden. Ich könnte den KundInnenkreis beschränken auf Chefredakteure und Redaktionsleiter aus, sagen wir, Hamburg und München und hätte den Spaß meines Lebens. Im Gegensatz zu den Internet-Eseln sind meine nämlich nicht über Jahre vortrainiert. Weil ich nicht so der Erziehungs- und Dressur-Typ bin, konnten meine Esel bislang machen was sie wollten. Seit 6000 Jahren müssen Esel für den Menschen arbeiten, bei uns war Otium angesagt.

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Da rauft sich natürlich jeder Eselexperte die Haare. Aber auf Eselexperten habe ich ungefähr so viel gegeben wie auf ExpertInnen der Kindererziehung. Sie haben mich schlicht nicht besonders interessiert.

In der langen Quarantäne jedoch kommt man auf abseitige Gedanken. Einer davon ist: Wie wäre es eigentlich, mal mit Lotti spazieren zu gehen? Über Stock und Stein, hügelauf, hügelab? Lotti heißt eigentlich Charlotte und ist mit ihren sieben Jahren die Jüngste der Familie. Schokobraun, großäugig, tolle Figur, eine Schönheit. Sehr verschmust. Und wahnsinnig stur.

Lotti will nicht von mir geführt werden, Lotti will hinter mir her schlurfen. Das findet sie ganz toll. Aber am Halfter angefasst, gar gezogen werden? Lästig! Beleidigend! Fasse ich sie am Halfter, bleibt Lotti stehen und schaut demonstrativ durch mich hindurch. Lasse ich sie los, wartet sie auf die nächste Streicheleinheit. Dann erst setzt sie sich in Bewegung.

Okay, dachte ich, es dauert vielleicht doch noch eine Weile mit dem gemeinsamen Spaziergang. Aber irgendwann wird sie es kapieren. Fehler! Lotti hat natürlich längst kapiert, was sie tun soll. Neben mir her laufen, versteht doch jeder Esel. Sie WILL aber nicht, denn sie weiß nicht, was das jetzt soll. Ganz schlimm wurde es, als ich mit dem Seil auf die Weide trat. Mademoiselle begab sich spontan in den Galopp. Bloß weg hier! Wer weiß, was das für ein Folterinstrument ist! Nach nur drei Tagen hat sie verstanden, dass das Seil nicht gefährlich ist. Jedenfalls auf Abstand. Für’s Anlegen brauche ich vermutlich noch mal eine Woche, konservativ geschätzt. Wenn ich es jetzt versuche, zieht sie sich unter den Holunderbusch zurück und schmollt.

Im Gegensatz zu Menschen muss man, merke dir das, Führungspersönlichkeit! Esel überzeugen, Dinge zu tun. Nicht vollquatschen oder gar anbrüllen: überzeugen. Es sei denn, natürlich, man zwingt sie mit roher Gewalt. Dreht ihnen die empfindlichen Ohren um oder prügelt sie. Für alles jenseits der Körperverletzung und Tierquälerei gilt: Ein Esel ist weder ein Hund noch sonst ein untergebenes Wesen und deshalb auch kein Befehlsempfänger. Ein Esel ist übrigens auch kein Pferd. Mit Pferden konnten Menschen über Jahrtausende in den Krieg ziehen – ein Esel würde den Teufel tun, sich auf ein Schlachtfeld peitschen zu lassen. Der geht ja noch nicht mal über eine Brücke. Esel sind die vorsichtigsten Tiere. Ganz große Skeptiker. Im Zweifel einfach stehen bleiben.

Die Führungspersönlichkeit meiner Lotti zu werden, ist deshalb eine riesige Herausforderung. Im Moment sieht es eher umgekehrt aus.

Was erlaube Kurz?

Auf zwei schlampig hingepfuschten Seiten lehnt das Quartett Österreich, Niederlande, Dänemark und Schweden den von Merkel und Makron vorgeschlagenen Wiederaufbaufonds für die von der Pandemie gegeißelten EU-Südländer in Bausch und Bogen ab. Man wolle keine „Schuldenunion durch die Hintertür.“ Wie offenbar die deutsche Bundeskanzlerin und der französische Staatspräsident. Statt Milliardenzuschüssen wollen die vier „Sparsamen“ nur Milliardenkredite ausgeben. Ja, wo kommen wir denn da hin. Wir haben nichts zu verschenken!

Das ist kurzsichtig, kleinkrämerisch und ökonomisch vollkommen unsinnig. Es ist aber auch ein bisschen lächerlich. Wenn man, nur mal so zum Beispiel, vergleicht, was Spanien und Italien zum EU-Haushalt beitragen und was hingegen Österreich einzahlt, fällt einem unweigerlich der großartige Trapattoni ein: „Was erlaube Kurz?!“

Ich muss zugeben, dass mir seine Brüder im Geiste nicht ganz so plastisch vor Augen stehen wie das nassgescheitelte Kanzlerchen Kurz. Vielleicht, weil ich ohne Österreich gar nicht leben könnte. Zu meinen allerliebsten Menschen gehören Österreicherinnen und zu meinen allerliebsten DichterInnen sowieso. Aber was hat KK (Kanzler Kurz) mit Joseph Roth oder mit Stefan Zweig zu tun? Oder mit den Geschwistern Menasse und Thomas Bernhard? KK fällt ja schon deshalb aus der Reihe, weil ich mich nicht erinnern kann, dass ein österreichischer Regierungschef jemals derart adrett aussah – in meiner Kindheit war allerdings auch Bruno Kreisky aktuell, zu dem sich dieser dynamische 33-Jährige verhält wie die aktuelle SPD-Führung zu meiner Kindheitstroika Bandt-Schmidt-Wehner. Und das liegt natürlich nicht am Alter.

Sehr gut kann ich mich hingegen daran erinnern, dass Kurz bis vor Jahresfrist mit der FPÖ regierte, namentlich mit einem gewissen Ibiza Strache als Stellvertreter. Dass er Straches Absturz nicht nur politisch überlebte, sondern bei Neuwahlen sogar zulegen konnte, ist sicherlich weniger seinem überragenden Talent zuzuschreiben, sondern hat eventuell auch mit einem Mangel an Alternativen und chronischen Aussetzern im kollektiven Kurzzeitgedächtnis mancher ÖsterreicherInnen zu tun – wobei dieses Kurzzeitgedächtnis gut und gern einen Zeitraum von acht Jahrzehnten umfassen kann.

Vermutlich wird KuK (Kanzler und Kurz) bald zurückrudern in punkto EU-Wiederaufbau. Aber der Schaden ist erstmal groß. Was ihm schnuppe sein kann, Hauptsache, man hat ihn gehört. Also innenpolitisch. Und draußen auch ein bisschen. Für den Niederländer Rutte, der nicht so nassgescheitelt ist wie Kurz, dafür aber viel nassforscher daherredet, gilt das auch. Und Schweden verordnet gerade die Sozialdemokratie neu, irgendwo weiter rechts, womit nicht Richtung Osten gemeint ist.

Dänemark und Schweden liegen von Italien aus betrachtet auf einem anderen Planeten. Zuletzt hatte man bei der EM 2004 mit ihnen zu tun, als ein verdächtig perfektes skandinavisches Unentschieden die Azzurri aus dem Turnier kegelte. Aber wen interessiert heute Fußball? Der Österreicher hingegen bringt die römische Politik ordentlich in Wallung. Was erlaube Kurz?! Nicht nur, dass er auf seinem überschaubaren Geld sitzt, als würde das den Kohl für Italien fettmachen. Vor allem hält er eisern die Grenzen geschlossen. Der Brenner bleibt dicht. Nur Deutsche dürfen ab dem 3. Juni über KuK-Land nach Italien rein und aus Italien wieder raus, anhalten in Österreich allerdings ist verboten. Italiener dürfen umgekehrt nicht durch Österreich nach Deutschland fahren und nach Österreich einreisen, um dort zu bleiben, schon mal gar nicht. Unter Italienern versteht KuK überraschend auch SüdtirolerInnen, dabei hatte er denen vor gar nicht langer Zeit die doppelte Staatsangehörigkeit angeboten (bis zu einem seiner vielen Rückzieher).

Und jetzt: Von wegen kleiner Grenzverkehr! In Rom wird vermutet, Wien wolle Urlaubsreisen von Österreichern nach Süden verhindern und sie den Deutschen zumindest ein wenig erschweren. Damit die dann lieber in Österreich Urlaub machen?

Trapattoni würde sagen: „Sage nie Katze, bevor du sie im Sack hast.“

 

Italiens Dilemma

Je näher der Juni rückt, desto mulmiger wird es uns. Mit wem man auch spricht, im Norden oder im Süden, immer fällt der Satz: „Wenn das nur gut geht.“ Ab dem 3. Juni dürfen Italiens BürgerInnen sich nach drei Monaten Reiseverbot von einer Region in die andere bewegen. Drei Monate lang haben wir aus Umbrien die Nachbarregion Latium aus dem Fenster zwar gesehen, sie ist nämlich nur fünf Kilometer Luftlinie entfernt. Aber betreten durften wir sie nicht. Erst in zwei Wochen wieder.

Die Sache ist, dass die Regierung zur allgemeinen Überraschung auch AusländerInnen erlaubt, sich ab dem 3. Juni frei im Land zu bewegen. Gleichzeitig mit den Regionalgrenzen werden die Landesgrenzen geöffnet – und das geht vielen zu schnell. Denn das Virus ist durch den strengen Lockdown stark zurück gedrängt, in manchen Regionen gibt es seit Wochen null Neuansteckungen. Andere, wie die Lombardei, verzeichnen täglich hunderte Neuinfizierte und müssen nach wie vor viele Todesfälle beklagen. Der zuständige Minister droht damit, betroffene Regionen erneut abzuriegeln. Aber wie soll das gehen, wenn die TouristInnen erstmal im Land sind?

Ministerpräsident Conte hat heute erneut an alle appelliert, Zusammenrottungen zu vermeiden. Es sei jetzt halt keine Partytime. Die Medien bringen Bilder von Gruppen junger Leute, die zum Aperitif die Bars füllen, dazu empörte Kommentare. Ganz ehrlich, verglichen mit den Bildern aus München, wo an der Isar schon wieder gegrillt wird und im Englischen Garten gefeiert, wirken die norditalienischen Bars unterbesetzt. Vor allem aber: Wie will man ausländischen TouristInnen vermitteln, dass sie in ihrem Urlaub keine Partys feiern können und sich gefälligst per App auf dem Strand ihrer Wahl anmelden – wenn sie nicht in eine Badeanstalt gehen, was in diesem Jahr noch teurer ist als gewöhnlich.

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Am besten blieben Italiens Strände in diesem Sommer so leer wie hier bei Tindari, Sizilien, im September 2018. Am besten für die Gesundheit von Natur und Mensch. Derzeit ist es noch verboten, die Liege oder das Handtuch auf dem Sand zu platzieren, nur Spazieren gehen und Schwimmen sind erlaubt. Aber das wird nicht so bleiben.

Italien braucht den Tourismus, nur deshalb werden die Grenzen so frühzeitig geöffnet. Früher als in Spanien und in Frankreich, wo das Virus ähnlich wütet, der Schuldenberg aber nicht so groß ist. Deshalb sollen sie einrollen, die BesucherInnen aus dem Norden, deshalb bleibt es deren Sensibilität überlassen, ob sie die Not ihrer Gastgeber verstehen oder nicht.

Wenn das nur gut geht.

Dauereinsatz

Vor dem Ausbruch der Seuche standen vor dem Eingang des Supermarktes immer zwei, drei junge Nigerianer. Sie boten sich zum Einräumen der Einkäufe ins Auto an, um die Münze aus dem Einkaufswagen zu bekommen. Sie fragten nach einer kleinen Spende.

Jetzt sind die Nigerianer verschwunden. An ihrer Stelle bewacht ein maskierter  Uniformierter den Eingang, sorgt dafür, dass alle den Sicherheitsabstand in der Warteschlange einhalten, regelt den Zugang zum Supermarkt, damit der Laden nicht zu voll wird. Wer hereingeht, wird von ihm angewiesen, die bereit stehenden Plastikhandschuhe überzustreifen. Wer herausgeht, wird aufgefordert, die gebrauchten Handschuhe in eine Extratonne zu entsorgen. Das geht so seit Anfang März. Zwischendurch konnte ich ein paar Wochen nicht in den Supermarkt, weil er im Nachbarort liegt und wir unser Heimatdorf nicht verlassen durften. Inzwischen ist Einkaufen in der gesamten Region Umbrien erlaubt. Der Uniformierte steht immer noch vor dem Supermarkt, ganz allein. Zeit für ein Gespräch.

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Zweieinhalb Monate hat er an sechs Tagen in der Woche Dienst geschoben, von morgens um acht bis abends um acht. Keine besonderen Vorfälle, aber manche Leute seien schon anstrengend gewesen. Es gebe halt immer jene, die es für eine Zumutung halten, in der Schlange zu stehen wie alle anderen, und dann auch mal eine halbe Stunde warten zu müssen. Andere, die ihre Handschuhe von zu Hause mitbrächten und nicht einsähen, dass das aus hygienischen Gründen nicht gehe. Aber eigentlich: bewundernswerte Disziplin.

Wenn die Schlange schrumpft, raucht er schnell eine Zigarette. Gegen den Stress oder die Langeweile, beides ist übrigens durchaus identisch. Er steht sich ja die Beine in den Bauch bei einer wahnsinnig öden Tätigkeit, die zugleich Konzentration erfordert. Von acht bis acht.

Oben im Ort wird es langsam wieder lebendig. Die Geschäfte sind seit dieser Woche wieder offen, die Leute sind unterwegs, flanieren durch das schöne Zentrum mit den herrlichen Ausblicken in die Umgebung. Man kann endlich aufatmen, in der ganzen Region gibt es weniger als 80 Infizierte, im Ort selbst keinen mehr. Umbrien hat es erst einmal geschafft.

Unten vor dem Supermarkt sagt der Wachmann: Am 7. Juni werde ich abgezogen. Dann komme der nächste Einsatz – am Strand. Die Supermarktkunden hätten es jetzt begriffen, da werde kein Wachpersonal mehr gebraucht. Aber am Strand, da müssten die Leute erst noch lernen, wie es geht. Vor allem die Kinder und die Touristen, die möglicherweise ja doch kämen. Der Strand gelte als nächste Gefahrenzone.

Er wird natürlich seine schwarze Uniform tragen, dazu Atemschutzmaske und Handschuhe. Wachdienst geht nicht in Badehose. Und wenn in der Mittagsglut die Badegäste unterm Sonnenschirm dösen, wird er hastig ein paar Zigaretten rauchen.

Der Mann vor dem Supermarkt kann nicht ahnen, dass in Deutschland Menschen protestieren, weil sie seinen Einsatz als Freiheitsberaubung empfänden. Er weiß nicht, dass die Leute allen Ernstes gegen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung demonstrieren. Dass sie wahlweise behaupten, die Pandemie sei nur eine Grippe oder eine biologische Waffe der Chinesen im Verein mit dem Weltjudentum und mit Bill Gates.

Der Mann vor dem Supermarkt in Umbrien hat soviel Überstunden aufgehäuft, dass es vermutlich für vier Wochen Urlaub reichen würde. Wenn er denn Urlaub machen könnte, stattdessen steht er bald in Uniform am Strand.

Ich frage mich, ob die Nigerianer wieder kommen. Was wohl aus ihnen geworden ist in dieser Zeit. Aber das ist ein anderes Thema.

 

 

 

Umsatteln!

Radfahren in Italien, damit habe ich seit drei Jahrzehnten eine On-Off-Beziehung. In letzter Zeit wieder Off, weil einerseits die Straßen durch immer mehr und immer größere Schlaglöcher immer gefährlich wurden, andererseits der Verkehr auch auf dem Land zunimmt: Paketdienste! Fahren alle wie die Henker. Und Radwege gibt es nicht. In Rom ein paar, aber zu denen muss man erstmal hinkommen. Möglichst mit dem Rad.

In der Stadt steht das Fahrrad also schon eine ganze Weile in der Wohnung im 4. Stock. Unten im Hof durfte ich es nie lassen, es störte die Nachbarn, sie beschwerten sich. Aber wer hat schon Lust, ein nicht ganz leichtes Tourenrad zu jedem Einsatz die Treppen rauf und runter zu tragen, um sich dann, siehe oben, durch den Verkehr zum Tiber-Radweg zu kämpfen? Der zudem im Winter mit Schlamm überzogen ist und im Sommer mit Fressbuden zugestellt?

Dann kam die Seuche und nun wird alles anders. Erst war Radfahren verboten. Jetzt ist Radfahren nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Mehr noch: Es wird gesponsert.

Letzte Woche kam ein Schreiben von unserer Hausverwaltung in Rom. Mit Bitte um Zustimmung für die Anschaffung eines Fahrradständers im Hof. Siiiii!

Diese Woche stehen Schlangen vor den Fahrradgeschäften. Die Leute kaufen Räder wie verrückt, denn 60 Prozent des Kaufpreises übernimmt der Staat, bis zu einem Höchstsatz von 500 Euro. Jede(r) Erwachsene kann davon Gebrauch machen, Kinderfahrräder werden hoffentlich demnächst subventioniert. Ist ja doch ein bisschen blöd, wenn man erst als Erwachsener mit dem Radeln anfängt.

Man sieht sie überall, die Radler und – Sensation! – Radlerinnen. Wer weiß, vielleicht werden ja tatsächlich auch die versprochenen, neuen Radwege realisiert. Auszuschließen ist es nicht!

Und ich gehe jetzt mal pumpen.