Incubo/Alptraum

Wir sind nicht die Mehrheit, aber wir sind viele, und für uns geht der Alptraum jetzt wieder los. Der Alptraum, von einem Teil unserer Familie getrennt zu werden, unerreichbar für unsere Lieben zu werden wie sie für uns.

Wir sind Europäer, denn der ganze Kontinent ist unsere Heimat. Die einzelnen Länder sind für uns Regionen. Wir denken nicht in Grenzen, auch Sprachgrenzen sind unwichtig für uns. Wir sind zufällig an einem Ort mit seiner Sprache geboren und leben ebenso zufällig an einem anderen.

Das klingt modern, ist es aber nicht. Europa war immer schon ein Kontinent mit sehr mobilen Menschen. Es klingt nach Privilegien, doch in Wirklichkeit haben wir alle möglichen Berufe. Jedenfalls sind wir diejenigen, die keinen Urlaub machen. Wenn andere an den Strand fahren, besuchen wir unsere Angehörigen. In der alten Heimat, der neuen, einer dritten.

Im Moment ist alles mühsam. Nehmen wir Mariusz, den Töpfer. Seit Monaten fährt er mit dem Auto nach Polen, um seine alte Mutter zu besuchen. Sie ist dement, sie hat nur noch ihn. Einmal im Monat reist er zu ihr, bleibt eine Woche, fährt dann zurück nach Umbrien. Er weiß nicht, ob sie ihn beim nächsten Mal noch erkennt. Er weiß aber auch nicht, ob es das nächste Mal überhaupt noch geben wird. Denn wenn sein italienisches Dorf zum Risikogebiet erklärt wird oder der Ort seiner Mutter in Polen – dann war es das mit dem Pendeln.

Nehmen wir die Generation Erasmus, also Menschen wie meine Kinder. Das eine lebt in Deutschland, das andere in Italien. Ihre Freunde, ihre Liebsten, sind in dem einen Land, ihre Eltern und die Großeltern im anderen. Und wir, die Eltern der Erasmus-Kinder, haben unsere Ehepartner im einen Land, den Rest der Familie im anderen. Manche von uns müssen sich womöglich entscheiden, ob sie den Winter an der Seite der alten Eltern verbringen oder mit dem eigenen Lebenspartner.

Wir sind Europa. Und wir sagen: Lasst die Grenzen offen. Nutzt die Gelegenheit, um uns alle näher aneinander rücken zu lassen.

Nur so werden wir es schaffen.

Alice Nazionale

Alice Schwarzer hat ein neues Buch veröffentlicht, unter dem bescheidenen Titel „Lebenswerk.“ Damit tingelt sie, wie viele Bücher schreibenden Promis, durch die deutschen TV-Talkshows. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, dass sich die Quatschrunden mittlerweile um Product-Placement drehen – wenn es sich bei dem Produkt um Bücher handelt, ist das allemal ein sehr guter Zweck.

Am vergangenen Freitag präsentierte Schwarzer sich und ihr „Lebenswerk“ in der NDR-Talkshow. Wie gewohnt gab es dazu keine Fragen, also keine kritischen. Der ebenfalls anwesende Schauspieler Lars Eidinger kriegte sich schier gar nicht mehr ein über die Ehre, neben la Schwarzer sitzen zu dürfen. Madame ist halt ein Monument. Ein sehr deutsches Monument überdies, trotz oder gerade wegen ihrer Affinität zu Paris.

Worum es ging in dem Gespräch mit der chronisch überdrehten Barbara Schöneberger, weiß ich nicht mehr – außer, dass Alice Schwarzer ausführlich von der Fernsehserie „Bergdoktor“ schwärmte. Aber ein Satz blieb hängen. Schwarzer beklagte sich über einen „jungen Kollegen“ vom Deutschlandfunk, der ihr kürzlich jede Menge dummer und Klischee beladener Fragen gestellt habe. „Den habe ich dann geköpft, das könnt ihr euch anhören.“ Zustimmendes Gelächter und Beifall von den Herren im Saal (außer Eidinger saßen da Campino, Jürgen Vogel und ein bärtiger Schauspieler, dessen Namen ich jetzt nicht googeln will.)

Also, ich hab’s gemacht. Das Gespräch mit dem „jungen Kollegen“ gehört. Kann man hier. Es handelt sich um den 57-Jährigen Stephan Karkowsky, einen der renommiertesten Kultur-Moderatoren des deutschen Rundfunks. Anders als behauptet, hat Alice Schwarzer Karkowsky keineswegs geköpft, unter anderem wohl deshalb, weil er auch keine einzige dumme Frage gestellt hat. Er war nur kritisch (in Schwarzers Diktion: voreingenommen). Anstatt ihr, wie der NDR, eine gebührenfinanzierte Gelegenheit zu geben, ihr Produkt zu bewerben, hat Karkowsky wissen wollen, was auch viele HörerInnen interessiert: Wie war das mit dem Schweizer Konto und mit Kachelmann, wie ist das heute mit den neuen Generationen von Feministinnen?

Keine seiner Fragen hat Alice Schwarzer beantwortet. Wie schade. Denn es stimmt ja: Sie war eine sehr wichtige Figur für die Generation meiner Mutter (ein Jahr älter als Schwarzer). Als Teenager habe ich den „Kleinen Unterschied“ in der Familie angeschleppt, als Argumentationshilfe gegen den Putz- und Babysitterdienst, der mir als einzigem Mädchen aufgebrummt wurde. Da war was los! Später schrieb ich selbst einen Text für die „Emma“, der in der Ausgabe 5/1992 erschien, mit der unvergessenen Ingrid Steeger auf dem Titelblatt. Es ging um die Frauen in der Mafia und ich wurde wegen dieses Artikels gleich nach Hamburg eingeladen, in die Talkshow von Roger Willemsen. Die Reise dauerte ewig, 24 Stunden mit dem Zug, weil die Flughäfen bestreikt wurden. Es war mein erster Fernsehauftritt. Ich war zu müde, um Lampenfieber zu haben und absolvierte ihn in einem Etuikleid aus rosa Seide. Dieses Kleid, den Ausflug nach Hamburg und die Bekanntschaft mit Willemsen sowie mit dem ebenfalls anwesenden Hellmuth Karasek verdankte ich also Alice Schwarzer. Die Dankbarkeit wurde dadurch getrübt, dass die Emma-Frauen ein paar feministische Begriffe in meinen Text gestreut hatten. Sie hatten ihn halt „frisiert“ und ich junges, unerfahrenes Ding war empört.

Später fand ich es unverzeihlich, dass Schwarzer für die BILD schrieb. Genauso unverzeihlich wie ihre eigene Denkmalpflege. Der Feminismus lebt von der Debatte, er gehört keinem und lässt sich von niemandem verkörpern.

Wie man seinen eigenen Erfahrungsschatz in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen kann, indem man offen bleibt für alle neuen Strömungen und niemals der Versuchung erliegt, sich selbst und die Vergangenheit zu verklären, das könnte Schwarzer von Daniel Cohn-Bendit lernen.

Ich kann nicht beurteilen, ob Alice Nazionale für den deutschen Feminismus repräsentativ ist. Im Ausland ist sie jedenfalls genauso unbekannt wie – Moment, den Namen google ich jetzt – Margarete Stokowski. Ich vermute mal, es liegt an der Weltsicht und an der Themenwahl. Beides ist außerhalb der deutschen Medienlandschaft womöglich nicht so sehr von Interesse.

Aber Cohn-Bendit, den kennt man.

Oh Glück!

Hat man in deutschen Feuilletons schon mal gelesen, dass die Vergabe der Nobelpreise für Physik, Chemie oder Medizin ungerechtfertigt gewesen wäre? Hat man nicht. Mit Naturwissenschaften kennen sich die meisten KollegInnen (me too) nämlich nicht so aus. Da können sie nicht mitreden und schon gar nicht urteilen. Aber wehe, sie kennen einen Literatur-Nobelpreisträger nicht. Also gar nicht. Was deutsche KritikerInnen nicht kennen, das kann gar nicht gut sein. Zum Beispiel die Amerikanerin Louise Glück, Literatur-Nobel 2020. 

Glück?! Nie gehört! Man kann sich vorstellen, wie es am Donnerstagnachmittag zuging in den Redaktionen. Keiner war vorbereitet. Keine hatte auch nur den Hauch einer Ahnung. Was also schreiben über die Große Unbekannte, schnell und originell, zwischen 14 und 17 Uhr? 

Die SZ schaffte es, die Preisträgerin gleich in zwei Stücken herabzuwürdigen. Der neue Feuilletonchef Alexander Gorkow und der alte Popkultur-Referent Willi Winkler machen sich in einer gemeinsam verfassten Glosse über Glück lustig. Über den Nobel für Bob Dylan hatten die SZ-Männer noch gejubelt, zum Preis für Glück fällt ihnen nur Häme ein: Die Dame besitzt die Unverfrorenheit, ihnen noch nie untergekommen zu sein. Ihre Lyrik sei, so behauptet Tobias Lehmkuhl im zweiten Anti-Glück-Text der Ausgabe, zugleich massenkompatibel und ungeheuer deprimiert, konservativ und kitschig. Unpolitisch sei sie auch noch. Die Dichterin interessiere sich wenig für gesellschaftliche Strukturen, „die immer auch sprachliche Strukturen sind.“ Die literarischen Werte, urteilt der Kritiker, seien durch diese Preisentscheidung „wieder einmal“ mit Füßen getreten. Andere hätten den Nobel viel mehr verdient!

Ist das so? Oder hatten die Herren vielleicht schlicht zu wenig Zeit, sich ein wenig intensiver mit Louise Glück auseinanderzusetzen?

Julius Greve macht auf Zeitonline vor, wie das ganz ohne beleidigten Unterton geht. Er erklärt, wie Glücks Werk um die tiefe Verunsicherung des Menschen kreist. „Einsamkeit und Verlust, Vergänglichkeit und Natur, poetisch-mythographische Kraft und Literatur der nur scheinbaren Autobiographie; zerstörerische Realität der Familie und zermürbender Alltag in der Ehe; Geschichten gesellschaftlichen Untergangs und die Unmittelbarkeit der dichterischen Stimme: Der Literaturnobelpreis für Louise Glück bestätigt die Relevanz dieser Themen und Werte sowie die Besonderheit dieser Lyrikerin in einer zwar global determinierten, aber durchaus amerikanisch gezeichneten Zeit.“

Von wegen Kitschalarm. Vielleicht muss man sie ja einfach lesen.

Wer wird denn gleich sterben

Civita di Bagnoregio ist der beste Beweis für die Gültigkeit des alten Bonmots, dass Totgesagte länger leben. Seitdem sich das 16-Einwohner-Dorf zwischen Lago di Bolsena und Tiber, Orvieto und Viterbo den Titel „Città che muore“ (sterbende Stadt) verliehen hat, ist es so quicklebendig wie seit Ewigkeiten nicht. Jahr für Jahr kommen um die 600.000 Touristen nach Civita, das sind gut 1600 pro Tag, Winter mitgerechnet. In Civita brummt also der Bär! Wir konnten uns am letzten Samstagabend davon überzeugen, 12. September, eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang: Ein einziger freier Parkplatz, hunderte von Touristen unterwegs. Alle haben brav ihre fünf Euro Eintritt gezahlt, um über die 200 Meter lange Brücke zu spazieren, die Bagnoregio mit Civita verbindet. Um auf der anderen Seite….ein italienisches Dorf zu sehen. Tuffsteinhäuser, zwei Kirchen, ein wuchtiger Palazzo, eine Piazza und, okay, das vermutlich einzige Erosionsmuseum im Land. Abgesehen von diesem Museo delle frane ist Civita ein Kaff wie jedes andere. Es gibt hunderte, ach was tausende davon in Mittelitalien. Hügelkuppe, obendrauf die Siedlung mit Vorgeschichte (Etrusker, Römer, Longobarden etc.), drumherum viel Landschaft, alles begossen mit reichlich Olivenöl und Vino.

Wieso also Civita? Na, deshalb:

So malerisch ist dann halt doch selten.

Civita liegt auf einem Tuffsteinhügel, umgeben von wilden Calanchi, so genannten Badlands, wüsten, interessant durchfurchten Sandsteinformationen. Der Siedlungsfelsen war einst dreimal so groß und im Mittelalter von 3000 Menschen bewohnt. Dann begann das große Bröckeln, weil unten die beiden Flüsse Rio Chiaro und Rio Torbido (der klare und der trübe Fluss, herrlich!) an dem weichen Tuffstein nagen, vor allem aber weil es immer mal ein Erdbeben gibt, das im Rest der Gegend für keine größere Aufregung sorgt, hier aber schon.

Also nichts wie weg. Das machte schon der heilige Bonaventura so, der 1217 hier geboren wurde und mit kaum 18 Jahren die Flucht ergriff. Ab nach Paris, Theologie studieren, dann kann man Kardinal und schließlich Heiliger werden. Weil das heute nicht mehr ganz so einfach und vielleicht auch nicht mehr so attraktiv ist, gehen die Leute von Civita zum Studieren nach Mailand und Rom oder bleiben in Bagnoregio (3600 Einwohner) und verdienen ihr Geld mit den vielen Touristen.

Frühstückspension, Restaurants, Bruschetta-Buden, Souvenirläden, Acqua di Civita (Civita-Wasser, so heißt ein Parfum). Etruskergrotte und Blick aus dem Gärtchen gegen Eintritt.

Civita ist eine italienische Erfolgsgeschichte. Du hast nichts, also mach‘ was draus. Erfinde eine Geschichte. Setze eine Marke in die Welt. Lade ein paar Journalisten ein, vor allem aber Fotografen. Und du wirst sehen, die Sache läuft.

Seit 20 Jahren wird renoviert und eröffnet, seit sieben Jahren gibt es den Brückeneintritt. So haben alle was davon, auch die Gemeinde.

Und ehrlich gesagt, ist der Tuffstein wirklich schöner als anderswo.

Cinema Moderno

Pitigliano ist alt, uralt. Seit fast dreitausend Jahren besteht die Siedlung auf dem Tuffsteinfelsen zwischen Meer und Lago di Bolsena, dominiert eine archaische Landschaft mit dichten Wäldern, Schluchten, Flussläufen. Von Etruskern gegründet, von Römern erobert, im Mittelalter eingenommen von den Medici, den Orsini. Seit Ende des 16. Jahrhunderts hatte Pitigliano eine große jüdische Gemeinde, von den Feudalherren untergebracht in einem engen Ghetto. Um die Zeit der Reichsgründung 1870 war jeder achte Einwohner im Ort jüdischen Glaubens, mittlerweile mit Bürgerrechten ausgestattet und in jeder Hinsicht gleichberechtigt. Christliche Mitbürger verteidigten die Juden selbstverständlich gegen Plünderungen und Pogrome und retteten viele vor der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg. 22 Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden dennoch von Nazis und Faschisten deportiert und ermordet. Das „kleine Jerusalem“ in der Toskana war zerstört. 1960 schloss die Synagoge, nach 360 Jahren. Und heute ist “la piccola Gerusalemme” vor allem eine Touristenattraktion mit Souvenirläden und jüdischem Gebäck.

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Weil Pitigliano so schön ist, sind auch in diesem Sommer viele Touristen dort. Man hört deutsch und norditalienische Dialekte. Die Läden und Gassen sind voll, die Häuser leer. Wie fast überall in den Dörfern Mittelitaliens leben die Menschen nicht mehr im historischen Kern, sondern in der modernen Siedlung daneben. Knapp 3500 Einwohner hat Pitigliano, jedes Jahr werden es weniger. Einer von ihnen ist Carlo Ceppodomo. Er schaut gerade in seinem Betrieb an der Piazza della Repubblica nach dem Rechten. Ceppodomo ist ein kleiner, älterer Herr, etwas untersetzt, ziemlich gemütlich. Sein Betrieb heißt „Cinema Moderno“ und befindet sich seit 1963 in Familienbesitz. Das Kino von Pitigliano. Ein Saal mit hundert Plätzen, aus Tuffstein gebaut. Der Putz bröckelt, die Vorführungsmaschine läuft digital. Doch das „Cinema Moderno“ ist geschlossen, nicht nur wegen Covid.

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Ceppodomo würde es gern vermieten, die Verantwortung und die Arbeit abgeben, aber er findet niemanden. Seine Kinder haben dankend abgelehnt, einer arbeitet als Manager in China, der andere als Kapitän auf Handelsschiffen. Angesehene, lukrative Berufe. Wer will schon ein Kino übernehmen, in einem Dorf am Rande der Toskana? Ein dritter Sohn hat es versucht. Eröffnet, geschlossen, eröffnet, geschlossen. Wenn überhaupt, lohnt sich das Kino nur im Sommer. Man braucht Ideen, Initiative, vor allem aber Eigenkapital und viel Geduld.

Das „Cinema Moderno“ war supermodern, als es 1919 eröffnet wurde. Direkt nach dem 1. Weltkrieg hatte Pitigliano ungefähr so viele Einwohner wie heute und sie füllten den Saal, um in die Welt des Stummfilms abzutauchen. Weil längst nicht alle lesen konnten, wurde eine Vorleserin engagiert, die mit Stentorstimme die Untertitel ablas. Vorleserin im Kino, das war mal ein Beruf, wenn auch nur für kurze Zeit, in einem anderen Jahrhundert.

Wie viele „Cinema Moderno“ gibt es in Italien? Fast jedes Dorf hatte eins, längst stehen sie leer, im besten Fall wurden sie in eine Aperitifbar verwandelt. Inzwischen hat das große Kinosterben auf die Städte übergegriffen und Covid gibt der italienischen Filmtheater-Kultur gerade den Rest.

Aber in Pitigliano ginge noch was.

Bye Bye Leo

Dass die Fans des FC Barcelona traurig über den Abschied von Leo Messi sind, ist verständlich. Schließlich wird damit  das Ende einer Fußballepoche besiegelt: Bei Barca wird es nie wieder so sein wie früher. Man war gemeinsam auf dem Olymp, jetzt ist der Abstieg angesagt und Messi schert aus.

Wenn große Fußballer aufhören, merken Fans, dass sie selber älter geworden sind. Noch schlimmer, wenn ein überragender Spieler nach 20 Jahren den Klub wechselt – dann fühlen sie sich um einen Teil ihres Lebens verraten. Das ist natürlich absurd. Fußballprofis spielen für Geld, im Falle von Messi für obszön viel Geld. Und für den Erfolg. Wenn der Erfolg ausbleibt, vertreibt das die Motivation und letztlich den Spieler (der Zweitliga-Abstieg der Weltmeister Buffon, Camoranesi und Del Piero mit Juventus 2006 wird wohl auf Ewigkeiten einmalig bleiben).

Mit 33 Jahren will Messi sich nun verändern. Es locken Abu Dhabis Klub Manchester City und Pep Guardiola. Fußball spielen für die Scheichs, es muss halt doch nicht mehr sein als ein Klub, nur das nötige Kleingeld sollte der neue Arbeitgeber haben. Messis Abschied offenbare „tragische Züge“ titelt heute die SZ und beschwört eine Trennung „im dreckigsten Schlamm der Fußballgeschichte.“ Wenn es um Messi geht, werden die besten Journalisten genauso ironiefrei wie der Argentinier selbst.

Denn mal ehrlich: Dieser Abschied ist vor allem wahnsinnig banal. Messi war zwar ewig bei Barca, aber was hat er repräsentiert? Eine Stadt, eine Region, eine Idee? Nein, Messi repräsentierte immer nur sich selbst. Er kann ausnehmend gut Fußball spielen, punkt. Als stets funktionierende Tormaschine ist er das perfekte Emblem der modernen Fußballwelt. Keine Mätzchen, kein Charisma, keine Ecken und Kanten. Bis auf den Reizmagen, aber welcher hart arbeitende Mann hat den nicht? Alles in allem liefert Leo Messi zuverlässig seit vielen Jahren ein Superprodukt nach dem nächsten. Zuverlässig zeichnet ihn die globale Unterhaltungsindustrie Fußball dafür fast alljährlich mit dem großen Verdienstorden aus.

Wenn er gerade nicht arbeitet, scheint er superlangweilig zu sein – und superuninteressiert am Rest der Welt, wie dieses italienische Interview erahnen lässt. Beides kommt wahrscheinlich nicht wenigen Fans und eventuell sogar einigen Sportjournalisten entgegen.  Messi gehört den Anhängern der reinen Leibesübung.

Die anderen finden Cristiano Ronaldo spannender.

 

 

 

Abends am Tiber

Ein Feldweg führt hügelabwärts, gesäumt von mannshohen Brombeerbüschen, mehr Dornen als Früchte. Die nigerianischen Prostuierten vom Straßenstrich sind abgeholt und zum Zug gebracht worden: Ende der Schicht, morgen wieder. Hagebutten glänzen in der Abendsonne, es ist Mücken- und Fledermauszeit, und wenn der Lärm der nahen Autobahn nicht wäre, dann gäbe es hier weder Ort noch Zeit.  So aber prallt, wie so oft in Italien, alles aufeinander. Die Eile und der Stillstand, die Stille und das Gedröhne der Laster, das Gestern und das Heute.

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Unter der Autobahnbrücke liegen die Ruinen des Tiberhafens Seripola, angelegt im 1. Jahrhundert v. Chr. und dann über 500 Jahre im Betrieb. Der Zugang zum Gelände ist durch einen Zaun versperrt, aber man sieht auch von außen die Grundmauern von Lagerhallen und Tavernen, die Reste von Wasserleitungen und Rinnsteinen. Nach der Entdeckung bei Arbeiten für die Autobahn 1962 wurden auch eine Thermenanlage und ein Tempel ausgegraben.

Auf der anderen Tiberseite erhebt sich auf einem Tuffsteinplateau Orte, von den Etruskern gegründet, im Mittelalter wichtig, eine der vielen beeindruckend pittoresken und unerhört vernachlässigten Städte der Gegend. Heute quasi ein Vorort der 80 Kilometer entfernten Hauptstadt und mindestens so international wie Rom. Alle, die sich dort keine Wohnung leisten können, leben hier in Siedlungen zu Füßen des Centro Storico und fahren an Werktagen mit dem Zug 40 Minuten bis Roma Termini. Mit Ortes Umwandlung von einem antiken Agrarzentrum zur modernen Pendlerstadt hat sich 1974 schon Pasolini beschäftigt, hier ein Link zum RAI-Archivfilm. Ab Minute 1 geht es los, leider nur auf Italienisch und ein bisschen unscharf. Aber für einen Eindruck müsste es reichen.

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Am Flussufer stehen Apecar, die kleinen Piaggio-Pritschenwagen. Jemand hat behelfsmäßige Stufen in das lehmige Ufer geschlagen, grazie. Und dann: der Tiber, gewohnt brackig-blond, auf ein Rinnsal zusammengeschrumpft wie jeden Sommer. Aber in diesem Sommer besonders. Das Licht ist schon September und wenn man sich konzentriert, riecht es fast nach Herbst.

Die Apecar gehören Anglern. Männer aus Orte am Tiber. Eine uralte Geschichte.

AS Romulus und Remus

Vor sehr vielen Jahren, als sich die Römer noch über wild knipsende Japaner in der Sixtinischen Kapelle aufregten, stand in irgendeinem Zeitungskommentar, man solle eine Prüfung für derlei Touristen anordnen, in der sie zehn Fragen zur Renaissance beantworten müssten, bevor sie überhaupt Zugang bekämen zu den Hauptwerken der abendländischen Kunst.

Heute hat man hier längst begriffen, dass die knipsenden Japaner entweder den Epilog des untergehenden Kultur-Tourismus bildeten – oder den Prolog zu jener Barbareninvasion, die gerade durch die Seuche etwas abgebremst ist, aber bestimmt nicht für ewig. Das mit der Prüfung hat sich jedenfalls erledigt, ganz abgesehen davon, dass eine Menge Römer sie auch nicht bestehen würden. Aber man könnte die Idee durchaus nochmal aufwärmen: Wer in Rom einen Fußballklub kauft….nein: Wer den römischen Fußballklub kauft, der muss a) Romulus von Remus unterscheiden können und  b) wissen, wie die Abseitsregel funktioniert. Drittens müsste er Testaccio buchstabieren können (angestammtes Roma-Stadtviertel) und viertens die Formation der letzten Meisterschaft 2001 draufhaben. Fünftes die Roma-Hymne und Grazie Roma akzentfrei singen. Fünf Aufgaben, das ist doch nicht zuviel verlangt!

Was a) angeht, sieht es schonmal schlecht aus. Die ad hoc gegründete Gesellschaft des neuen Roma-Besitzers Dan Friedkin heißt „Romulus and Remus Investments“, auf dass sich Titus Livius und Vergil im Grabe herumdrehen. Romulus ist der Stadtgründer und erste König, sein Zwillingsbruder Remus der Unglücksrabe und erstes Opfer. Kann man alles nachlesen, muss gar nicht bei den eben zitierten Herren sein, geht auch auf Wikipedia. Romulus und Remus, das ist keine Marke, sondern ein Mythos, in dem unter anderem Vergewaltigung und Brudermord prominent vorkommen. Also, nach der Abseitsregel sollte man schon besser nicht mehr fragen.

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So sieht er aus, der Neue. Beruf: Autohändler (113 Toyota-Zweigstellen in USA). Hobby: Filme produzieren („The Square“)  und alte Kampfflugzeuge sammeln, siehe Bild. Ex-Präsident Pallotta war Italo-Amerikaner, Friedkin klingt eher nach Däno-Amerikaner. Rund 600 Millionen Euro soll er berappen für die Roma, und danach wird so schnell erstmal nichts ausgegeben, wenn man die blumigen Ankündigung von „langfristigen Investitionen“ richtig interpretiert.

Der Klub-Geschäftsführer bleibt derselbe. Guido Fienga, Römer, eine vernünftige Entscheidung, nicht nur weil er schon in der Ära Pallotta als einziger die Fünf Fragen beantworten konnte. Im Verwaltungsrat sitzen künftig vier amerikanische Autoring-Manager, darunter eine Quotenfrau.

Und Friedkin? Ist er ein knipsender Japaner oder sind wir schon mitten in der Barbareninvasion? Lazios Lotito übrigens spricht Latein und ich wette, der könnte auch Nummer 4 und Nummer 5.

Aber das wäre ja auch keine Lösung.

Ferragosto

Dieses Fest ist älter als das Christentum, das es in Mariae Himmelfahrt umgewandelt hat.  Die Kirche, diese große Recyclingmaschine!Wenig haben sie erfunden, noch nicht mal die Himmelfahrt selbst. Einem Mann, der ihren verstorbenen Gatten Augustus in den Himmel aufsteigen sah (angeblich), zahlte Livia eine Million Sesterzen, weil damit der „Beweis“ für die Vergöttlichung des Princeps erbracht war. Divus Augustus!

Dieser Princeps Augustus hatte die Feriae Augusti im Jahr 18 v. Chr. eingeführt, auf dem Höhepunkt seiner Macht und Popularität. Ein paar Tage Ruhepause Mitte August, nach getaner Erntearbeit, jedenfalls für die Menschen. Nutztiere wie Esel und Ochsen mussten um die Wette rennen und sich dabei erst recht schinden, immerhin mit Blumen bekränzt. In manchen Gegenden Italiens hält sich der Brauch bis heute, etwa beim Palio in Siena, dem Pferderennen um die Piazza del Campo.

In diesem Jahr fällt der Palio aus, wie überhaupt fast alle Volksfeste ausfallen, aus bekannten Gründen. Im Nachbardorf, mit 50 Infizierten und 2 Toten als Zona Rossa abgeriegelt, fand nichts statt. Hier ein Foto aus dem Vorjahr, als die improvisierte Trattoria mit den wundervollen Salsicce vom Holzkohlegrill voll im Einsatz war.

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In unserem Dorf gab es einen Versuch. Viele, darunter auch wir, sind nicht hingegangen. Uns war nicht danach. Muss dann eine traurige Veranstaltung gewesen sein, im Schatten der Turnhalle, anstatt auf dem Renaissance-Dorfplatz, Masken rauf und runter, kein Tanz, kein Feuerwerk.

Aus dem Sommerfest ist ein Tag des Innehaltens geworden. Man schaut auf die zurückliegenden Monate und stellt fest, dass man sie noch nicht ganz verdaut hat. Man schaut nach vorn, mit einem mulmigen Gefühl. Gerade schleppen die jungen Italiener, die nach Kroatien oder Griechenland gefahren sind, das Virus wieder ein. Für die Rückkehrer sind Tests angeordnet, manche Regionen wollen gleich die Quarantäne.

Dazu die Hitze. Ist es ein persönlicher Eindruck, dass jeder Sommer immer noch wärmer wird? Seit Wochen herrscht Dürre bei Temperaturen über 30, in den letzten Tagen über 35 Grad. Im Garten verschrumpeln die Tomaten, die Auberginen haben das Wachstum eingestellt, das Gurken- und Zucchinizeugs sowieso. Nachbarn haben ihr Gemüse mit Bettlaken abgedeckt, gegen die brutale Sonne. Wir alle verbringen die brütend warmen Nachmittage mit verschlossenen Läden in unseren Häusern. So sind der halbe Juli und der halbe August vergangen.

Ferragosto ist zugleich der Höhepunkt und der Wendepunkt des Sommers. Der Herbst lauert schon, hinter dem nächsten Hügel. Wir streben ihm entgegen, voller Sehnsucht nach frischen Tagen und kühlen Abenden. Und mit ein wenig Sorge für den Rest.

Die Poesie des Augenblicks

In der griechischen Mythologie ist Atalante eine amazonenhafte Jägerin, schneller und geschickter als alle Männer. Sie will sich nicht einfangen lassen, von niemandem, und schwört deswegen, Jungfrau bleiben zu wollen.

Natürlich wird daraus nichts, ihr Vater will sie verheiraten. Sie stellt die Bedingung, dass nur, wer sie im Lauf besiegt, ihr Mann werden kann. Rübe ab für die Verlierer. Viele verlieren. Schließlich hilft die Göttin Aphrodite einem Bewerber, den sie mit drei goldenen Äpfeln ausstattet. Der junge Mann lässt sie fallen im Wettbewerb gegen die nackte Atalante (in Griechenland waren beim Sport immer alle nackt, also alle Männer, die Frauen waren zu Hause, im Frauenzimmer eingesperrt). Und die jungfräuliche Jägerin, diamonds are a girl’s best friends, bückt sich. Verliert durch Ablenkung, muss den Typen heiraten, der so unwichtig ist, dass von seinem Namen bis heute zwei Versionen kursieren, je nachdem, ob die Variante aus Nord- oder Südgriechenland erzählt wird.

Ein bisschen war es auch heute abend so, im Champions-League-Viertelfinale.

Atalanta gegen PSG, das ist wie Frau gegen Mann, also David gegen Goliath. Aber auch wie Mythos gegen Mammon und Göttin gegen Götze (Achtung: kein Vorname!). Das Team der Namenlosen aus einer Stadt, die seit dem Seuchenausbruch die ganze Welt kennt: Bergamo, gegen Leute, denen die goldenen Äpfel überall herausquillen. Die Nobodys schaffen es bis ins Viertelfinale der Königsklasse, beflügelt vom Rausch des Überlebens und dem lebensklugen Grandseigneur Gasperini. Gegen Paris spielen sie um den Einzug ins Halbfinale.

Hände hoch, wer nicht für Atalanta war. Wer nicht gejubelt hat beim 1:0, die Poesie des Augenblicks genossen und dann gezittert bis in die 90. Minute, als die Pariser den Ausgleich machten. Wer nicht getrauert hat beim prosaischen 1:2 und erstarrt ist beim Freudentritt des Thomas Tuchel. Der Asket, der sich für einen Idealisten hält und bei den Scheichs von Katar auf der Gehaltsliste steht. In Katar trägt kein Fußballklub die Jägerin Atalante im Namen. Frauen dürfen dort erst neuerdings ins Stadion, wegen der WM 2022, natürlich nur ins Publikum und natürlich nicht nackt.

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Dabei lieben die Franzosen L’Atalante. Jean Vigo drehte den Film 1934, die Nouvelle Vague machte die Geschichte von Jean, Juliette und ihrem Frachter L’Atalante erst zum Kult. Heute sind die Hauptdarsteller Dita Parlo und Jean Dasté so unbekannt wie die Spieler von Atalanta Bergamo. Und doch sehnen wir uns alle nach ihrer existentiellen Leichtigkeit auf einem Frachter, der uns über die Flüsse des Lebens fährt.

Am Ende gibt es kein Ergebnis, nur die L’Atalante, die aus dem Bild fährt.

Und wir träumen weiter, von einem Rennen ohne goldene Äpfel.

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