Paranoia

Die Radikalisierung erfolgt im eigenen Schlafzimmer. Allein mit den eigenen Ängsten, verloren im Internet, wird der Hass geschürt. Hass auf alle, die anders sind. Auf die, die unaussprechliche Nachnamen tragen, Bärte oder Kopftücher. Auf jene, die Bücher lesen und es wagen, darüber zu sprechen. Auf Frauen. Auf Juden. Auf türkischstämmige Arbeiter und deutschstämmige Journalisten. Hass auf die Welt. Der Hass ist immer extrem und er ist immer rechts. Egal, ob er Angehörige einer religiösen Glaubensgemeinschaft radikalisiert oder Ungläubige. Er ist natürlich auch stets pathologisch. Der Hass führt zum Realitätsverlust, er macht irre.

Irgendwann schreit der Hass nach Entladung, er befiehlt die Tat. Dann geschieht, was in München passiert ist, in Kassel, in Halle oder in Hanau. Oder auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin.

Der Hass hat in Deutschland eine Partei, deren zynische Vertreter die Paranoia zum Programm machen. Es ist ansteckend wie ein Virus. Es braucht ein starkes Immunsystem, um sich dagegen zu wehren. Vor zwei Wochen haben wir in Thüringen gesehen, dass es bei manchen Volksvertretern nicht mehr stark genug ist. Und fast jeder von uns hat aus dem Bekannten- oder sogar Freundeskreis schon diese Kommentare mit den Worthülsen des Hasses gehört. Der Hass ist längst salonfähig, er hat auch jene Kreise erfasst, die in jeder Hinsicht privilegiert sind. Nicht nur in Deutschland. In Italien war der Hass kürzlich an der Regierung. Und er bildet immer noch die stärkste Partei.

Der Anschlag von Hanau, Nummer drei in neun Monaten, ist auch deshalb erschütternd, weil man das Gespenst der 1930er Jahre marschieren sieht. Man bemerkt die Hilfslosigkeit der deutschen Politik.

Trotzdem kann man den Rechtsterror von 2020 nicht mit dem Naziterror von vor hundert Jahren vergleichen. Deutschland hat eine in 70 Jahren gewachsene Demokratie, einen Rechtsstaat mit funktionierenden Institutionen, es ist ein weltoffenes Land geworden, ein Einwanderungsland, das alljährlich Millionen von Touristen exportiert . Der Rechtsterror ist in diesem Gefüge nicht konsensfähig, weil er nichts zu bieten hat. Die Nazis offerierten den Deutschen das Hab und Gut ihrer jüdischen Nachbarn, deren Wohnungen, Schuhläden und Fabriken. Die paranoiden Männer, die heute ihre Mitbürger ermorden, haben nichts zu verheißen oder zu versprechen. Sie können mit ihrem eigenen Leben genauso wenig anfangen wie mit dem Leben der anderen.

Das macht sie so gefährlich. Der Irrsinn der neuen Nazis ist Sprengstoff für unsere Gesellschaft.

Bus-Tribunal

Auf der 64er Linie zwischen Vatikan und Bahnhof Termini fahren die meisten Touristen und die meisten Diebe. Beides steht seit Ewigkeiten fest und wundert keine(n) Eingeborenen. Man wappnet sich einfach für die Fahrt mit dem 64er mit ausklappbaren Stacheln an den Ellenbogen, Stiefelsporen und am besten auch noch mit einem kleinen Sauerstoffvorrat, die Luft ist nämlich zum Schneiden.

Und dann passiert in so einem gestopft vollen 64er halt, was passieren muss: Einer Dame  aus den Niederlanden, die nah an der Fahrerkabine steht, wird kurz nach der Haltestelle an der Piazza Venezia die Geldbörse gemopst. Die Dame schreit, aber nicht so laut, viel inbrünstiger schreit der Römer neben ihr, der erstens die Gelegenheit nutzt, den Kavalier zu spielen und zweitens, zu beweisen, dass nicht alle Römer Diebe sind, sondern die anständigsten Menschen. Dazu möchte er jetzt ein Exempel statuieren, das sich gewaschen hat.

„Halt an und ruf‘ die Polizei!“ brüllt der Römer in Richtung Busfahrer. „Wir haben einen Dieb!“ Von dem man übrigens nichts hört und sieht, wahrscheinlich ist er ziemlich klein und befindet sich bereits geknebelt im Polizeigriff des selbsternannten Ordnungshüters.

Der Busfahrer fährt erstmal stur weiter. Könnte ja jeder kommen. Auf der Via Nazionale, an der nächsten Haltestelle bringt er den Bus zum Stehen. Die Türen bleiben geschlossen. Zwei Minuten, fünf Minuten, zehn Minuten.  Das Publikum hinten vor dem Ausstieg tobt.

„Sollen wir etwa warten, bis die Bullen kommen?“ ruft ein junger Mann mit Bart. „Der hat das Portemonnaie doch längst zurück gegeben. Also geht uns nicht auf den Sack!“

„Mamma mia, sogar zum Klauen sind sie heute zu blöd“, stöhnt ein Signore im Kamelhaarmantel. „Mein Gott, der lässt sich erwischen und wir stehen uns hier die Beine in den Bauch. Also, das konnten sie früher besser.“

„Was wird das hier? Geiselnahme?“, zetert eine Frau mit Einkaufstüten. „Das hier ist der 64er, da wird halt geklaut. Muss man sich deshalb so anstellen?“

Der wackere Diebesfänger ist verstummt. Der Fahrer schweigt sowieso. In Minute 12 macht er die Türen auf. Die Polizei ist nicht gekommen. Aber als der Bus weiter fährt, ist der Dieb noch drin.

Altes Rom

Natürlich begegnet einem Latein hier auf Schritt und Tritt. Es ist ja alles voll mit alten Steinen! Aber dass einer seinen Kiosk so bemalt, ist dann doch eher selten:

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Zitiert wird der Anfang von Ciceros berühmter Senatsrede gegen den Verschwörer Lucius Sergius Catilina, der 63 v. Chr. die Herrschaft an sich reißen wollte. Übersetzt: „Wie lange noch (Catilina), wirst du unsere Geduld missbrauchen?“ Gesehen an der Piazza della Repubblica, unweit des Hauptbahnhofs Termini.

An wen sich der Appell richtet, können wir nur raten. An die städtische Polizei und ihre manchmal so willkürlich erscheinenden Bußgelder? An die Stadtverwaltung, die die kraterähnlichen Schlaglöcher rund um diesen wichtigen Verkehrsknotenpunkt partout nicht flickt? An den Fiskus? Die Schwiegermutter? Einen querulanten Kunden?

Fest steht: so gelehrt ist noch selten ein Stoßseufzer per Graffito daher gekommen.

 

 

 

Packt den Taucheranzug ein!

Armes Venedig. Nicht nur, dass für den 21. Dezember das nächste Hochwasser ins Haus steht, voraussichtlich 140 Zentimeter über normal, und laut Prognose 60 Prozent der Stadt überflutet. Nein, jetzt bleiben auch noch die Touristen weg! Nur wegen des bisschen Hochwassers! Schuld daran sind natürlich die Medien. Wer auch sonst. Die bösen Journalisten, die Schreckensbilder von der Rekordflut vom 12. November in die Welt geblasen haben, garniert mit apokalyptischen Untergangsszenarien.

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Sowas zum Beispiel. Ein Bild, für das Vergil die Unterzeile geschaffen hätte: Aeneas trägt seinen Vater huckepack aus dem brennenden Troja. Obwohl…es ist ja eher das Gegenteil.

Nur, so wenig man seine Freizeit im trojanischen Krieg verbracht hätte, so ungern reist man halt in eine Stadt, durch die man in hüfthohen Gummistiefeln waten muss. Sowas interessiert allerhöchstens Katastrophentouristen, aber die sind eine Minderheit. Der Durchschnitt möchte zum Urlaub schönes Wetter, erst recht in Italien. Nach den Hochwasserbildern hagelte es in Venedig Hotelstornierungen. Fast die Hälfte sagte wieder ab, eigentlich überraschend wenig. Es bedeutet ja: Über die Hälfte kamen trotzdem. Durchschnittliche Urlauber sind sehr stoisch, am stoischsten sind die Deutschen. Die buchen am liebsten mindestens ein Jahr im voraus, weil es dann billiger ist, und der Rabatt ist ein Riesenvorschuss an wohligem Urlaubsgefühl.

Für Weihnachten und Januar seien die Buchungen hingegen eingebrochen, klagt der Hoteliersverband. Logisch, eigentlich. Aber in Venedig kriegen sie kalte Füße. Die drei Milliarden Einnahmen im Jahr aus dem Tourismus drohten sich zu halbieren! Also starten die Venezianer eine Werbekampagne, wollen die internationale Presse dazu bringen, jetzt gefälligst positiv zu berichten. Es sei alles gar nicht so schlimm! Wer wird sich denn gleich so anstellen? Taucheranzug einpacken und los geht’s!

Auf die Idee, dass das Hochwasser geschäftsschädigend sein könnte, war in der Lagune offenbar noch niemand gekommen. Man möchte ihnen zurufen: Der gesamte Klimawandel ist auf die Dauer höchst geschäftsschädigend, nicht nur für Venedig.

Andererseits: Der Overtourism erledigt sich gerade von selbst.

Im Sardinenmeer

Samstag nachmittag, Piazza San Giovanni in Rom: Wir schwimmen im Sardinen-Meer. Sehr junge, Junge, Mittelalte, sehr Alte. Es gibt keine Fahnen, keine Spruchbänder, nur jede Menge selbstgebastelter Pappschilder , kleine und große Fische.

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Es ist das andere Italien! Lustig, bunt, kreativ, dieses Italien, das wir lieben. Niemand da, der die Menge aufpeitscht mit irgendwelchen Predigten oder Sprüchen, niemand, der aufwiegelt, keiner, der hetzt. Wir sind da, wir stehen zusammen.

Und wir sind viele.

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Die Piazza ist voll. Das war das Ziel. Die so genannte, schweigende Mehrheit ist immer noch antifaschistisch, antirassistisch. Nicht die Lega repräsentiert das Land, nicht die Faschisten und die Hater.

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Sondern Leute, die sich lustige Hüte aufsetzen, um zu zeigen, dass sie das Leben und die Menschheit mögen.

Die Sardinen sind keine Partei, und wollen auch keine werden. Sie wollen nur den Hass und die rechte Hetze heraushaben aus dem Alltag, aus dem Netz und aus der Politik.

Das dürfte doch bitte möglich sein.

Freitag der 13., Regen

So trist ist heute morgen der Blick über den größten Platz von Rom. Die Baustelle unten besteht seit April, denn der kleine Park in der Mitte soll neugestaltet werden. Das wird wohl noch eine Weile dauern, mindestens bis zum Ende des Winters.

Heute geht natürlich gar nichts. Denn heute herrscht Alarmzustand. Am Nachmittag sollen Stürme aufziehen, weswegen die Stadtverwaltung vorsorglich die Schulen geschlossen hat. Wegen der Gefahr durch umstürzende Bäume. Und die ist, Entschuldigung für den blöden Kalauer, tatsächlich nicht aus der Luft gegriffen. Weil viele Jahre lang keine ordentliche Baumpflege betrieben wurde (und sich die jetzige Fünf-Sterne-Verwaltung das schon mal gar nicht leisten kann), knicken Roms Straßenbäume im Starkregen und Sturm um wie Streichhölzer. Es ist, wie in Venedig und anderswo, eine ungünstige Verquickung von mangelnder Sorgfalt durch gleichgültige oder ignorante Politiker und verstärkten Problemen durch den Klimawandel.

 

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Aber man soll auch an einem Freitag, dem 13., inklusive triumphalem Wahlsieg von Dandy Johnson, nicht in Trübsinn versinken. Gestern noch fiel mir auf einem Spaziergang durch das Viertel eine sehr positive Änderung auf. Dieselbe Stadtverwaltung, die seit drei Jahren einen Patzer nach dem anderen macht und Rom im Müll- und Verkehrschaos versinken lässt, ist auch die erste seit Jahrzehnten, die Neofaschisten in ihre Schranken weist. Dieser absolut illegale Verschlag in den Ruinen der Trajanstermen wurde seit Kriegsende (!) von Mussolini-Nostalgikern besetzt und zuletzt von der rechtsextremen Partei „Fratelli d’Italia“ als „Büro“ benutzt.

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Nota bene: Mitten in einer archäologischen Stätte, nur ein paar Meter von Neros Domus Aurea und dem Kolosseum entfernt. Für die Faschos ein gefundenes Fressen, weil die ja meinen, sie stammten in direkter Linie von Augustus ab (weniger von Trajan, der war Ausländer, aus Spanien) und schwer einen auf altes Rom machen. Der Begriff Faschismus bezieht sich ja auch darauf.

Es ist unglaublich, dass diese bizarre „Hausbesetzung“ über Jahrzehnte einfach geduldet wurde. Ich habe mal versucht, herauszufinden, warum und entsprechende Anfragen an die Kulturaufsicht geschickt. Natürlich nie eine Antwort. Und jetzt, endlich: Ende, aus, alles verrammelt und verriegelt.

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Das Parteisymbol auf der Tür ist immerhin schon unkenntlich gemacht. Nur die Trikolore-Türen müssten weg, wie es innen aussieht, will ich mir erst gar nicht ausmalen. Aber immerhin, der erste Schritt ist getan. Und deshalb ganz schnell noch ein Bild von meinem Platz, wenn er gerade nicht im Regen versinkt.

Wie am Abend des 11. Dezember.

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Ciao Carletto!

Mit einem 4:0 gegen Genk (drei Tore von Milik), segelt Napoli ins Champions-League-Achtelfinale – und entlässt eine knappe Stunde später Trainer Carlo Ancelotti. Per Twitter, mit lieben Grüßen, Freundschaft, Hochachtung und Respekt. Heute wird Gennaro Gattuso angeheuert. Gattuso! Grandezza war bis gestern, jetzt ist Rackern, Wühlen, Wadenbeißen angesagt. Die Mannschaft ist in der Liga nur Siebter, der Schuldige, klar, Don Carletto.

Im Sommer hatte Patron Aurelio De Laurentiis noch verkündet, Ancelotti sei sein bestes Pferd im Stall. Was möglicherweise damit zu tun hatte, dass es weiter keine erwähnenswerten neuen Pferde gab. ADL hatte nämlich lieber in den weltmännischen Coach investiert als in Spieler. Knapp neun Millionen brutto kriegt Ancelotti im Jahr, und das noch bis zum 30. Juni 2021. So lange hat er noch Vertrag.

Um Carletto muss man sich also keine Sorgen machen. Gattuso wird sich mit deutlich weniger zufrieden geben. Und De Laurentiis hat sowieso in diesem Monat eine Menge gespart, er hat nämlich seiner Mannschaft drastisch das Gehalt gekürzt. Zur Strafe, weil die Profis sich nach einer Niederlage geweigert hatten, ins von oben angeordnete Trainingslager zu ziehen. Ancelotti hatte sie gedeckt und der Präsident war stocksauer.

„Ich werde immer gerufen, weil ich beruhigend auf eine Mannschaft wirke“, hat Ancelotti mir mal gesagt. „Und dann schicken sie mich aus eben aus diesem Grund wieder weg. So funktioniert halt der Fußball.“ Seine Gelassenheit wird dann zur Faulheit deklariert. Auch aus Neapel hörte man, genau wie vorher aus München, der Chefcoach kümmere sich zu wenig ums Training. Dass Ancelotti wie üblich seine Familie beim Club untergebracht hatte (Sohn, Schwiegersohn, Freundessohn), kümmerte die Neapolitaner hingegen weniger. Così fan tutti, so machen es dort alle.

Im Unterschied zu manchen Kollegen kann ich das mit Ancelottis angeblicher Faulheit ja nicht so beurteilen. Der Mann hat in meinen Augen eine ganz gesunde Distanz zum Betrieb. Freundlich erklärt er allenthalben, im Fußball seien nunmal die Spieler wichtiger und manche von denen bräuchten eigentlich gar keinen Trainer meht. Natürlich streicht er absurd viel Geld für seinen Posten ein – aber ist das ein Grund, um hysterische Betriebsamkeit vorzutäuschen?

Letzteres kriegen die Neapolitaner jetzt von Gattuso. Meine Prognose: Meister werden sie mit dem nicht. Von der Champions League ganz zu schweigen. Der Mann ist ein Bierkutscher. Vollblutpferde nehmen vor dem Reißaus.