Ulrich Weichert auf Zollverein

Weltkulturerbe Zollverein: Ulrich Weichert, einer der ganz großen Sehenden, ein vollendeter Techniker, der Andrea Pirlo der deutschen Porträt-Fotografie, eröffnet am 31. März seine Ausstellung über die Menschen des Ruhrgebiets. Unbedingt hingehen und anschauen, wenn nicht sofort am Sonntag, dann bis zum 25. August!

 

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Unser Mark Knopfler

Die Deutsche Akademie für Fußballkultur, der ich seit vielen Jahren angehöre, hat 2019 zum „Trauerjahr für den Fußball“ erklärt. Klingt bombastisch. Aber wieso sollten wir ausgerechnet jetzt einer Sache nachweinen, die es schon lange nicht mehr gibt, ja, die es vielleicht nie gegeben hat? Die Vorstellung, dass Fußball ein reines Vergnügen war, um das uns erst vor kurzem schlimm korrupte Funktionäre gebracht haben, ist reichlich naiv und vielleicht nicht von ungefähr auf Deutschland begrenzt. Die Deutschen haben ja auch an ihr Sommermärchen 2006 geglaubt, also daran, die WM 2006 durch Fleiß, Tüchtigkeit und die besseren Ideen zugeschanzt bekommen zu haben. Eine Phantasie, bei der beispielsweise Italiener und Südamerikaner in schepperndes Hohngelächter ausbrechen würden.

Ein Gutes hat das merkwürdige Akademie-Motto jedenfalls: Endlich hat da mal einer meinen Kollegen Thomas Kistner interviewt. Bigger than life, der Kistner. Ihn unbestechlich zu nennen, wäre verniedlichend. Er schrieb schon über Doping und Bestechung im Sport, als wir alle noch bunte Märchen von tapferen Rennradprofis und treuherzigen Volkstribunen auf den Fußballplätzen erfanden. Wir dichten, Kistner denkt. Wir sind Dudel-Pop, er ist Mark Knopfler. Analyse statt Legende (dieses Wort gehört sowieso auf den Index). Zählt eins und eins zusammen, entlarvt die Strippenzieher und die Machtgeilen, die Korrupten und ihre Zahlmeister. Das alles immer schön lakonisch. Cool, cooler, Kistner. Als Kostprobe hier ein Zitat aus dem Interview, das man sich am besten ganz zu Gemüte führen sollte:

„Beim Fußball blicken wir auf eine Industrie, die immer größere Milliardensummen durch die Weltgeschichte transferiert. Weshalb? Weil der gleiche schlichte Kicker jetzt eben zehn Millionen, 20 oder 80 mehr kostet, der Markt hat sich halt so entwickelt. Der Markt! Da hockt dann so ein junger Kerl mit 20 oder 22 Jahren, oft genug kommt er direkt von der Straße, und kann seine Freundin oder auch die Nebenfreundin gar nicht genug zuwerfen mit all dem Geld. Profitieren tun natürlich auch die eigentlichen Akteure im Hintergrund, vorneweg die Berater. Es ist ein völlig sinnloser, alles andere als schätzenswerter Prozess. Das gehört eigentlich gestoppt, weil es nicht sinnloser geht – und in modernen Zeiten auch nicht geschmackloser.“

Den Fußball wird es wohl noch eine Weile weiter geben, als das, was er in den letzten 100 Jahren war: Pure Unterhaltungsindustrie. Die Fußballkultur als Konstrukt drumherum könnten wir wohl so langsam einmotten.

 

Von der Blamage

Zu den unausrottbaren Worthülsen im deutschen Sportjournalismus gehört das Beschwören der Blamage. Heute abend wieder fett auf der Homepage meiner kleinen Zeitung: „Österreich blamiert sich in Israel – Kroatien verliert.“ Aha. Während also Kroatien bloß verliert, was im Fußball ja durchaus vorkommen soll, haben es die Österreicher ganz schlimm vermasselt. 2:4 in Israel, das bedeutet, bitte festhalten: „Bis auf die Knochen blamiert.“

Was ich mir dann immer gleich bildlich vorstellen muss, tut mir leid, aber so ist es. Bis auf die Knochen blamiert, heißt das eigentlich, dass einem vor lauter Peinlichkeit das Fleisch abfällt? Und ist sich zu blamieren deshalb schlimmer als „düpiert zu werden“ wie „Vizeweltmeister“ Kroatien – noch so ein Begriff, wenn Weltmeister Frankreich verletzt ausfällt, „amtiert“ (ebenfalls beliebt) also der Stellvertreter?! – gegen die Ungarn?

Da rauft man sich die Haare, und die Österreicher reiben sich die blanken Knochen. Schon klar, hier werden Agenturmeldungen verwurstet. Aber wer verbietet eigentlich Agenturjournalisten einen anständigen Umgang mit der deutschen Sprache? In Frankreich, Spanien oder Italien klappt es ja auch (in England weniger, ich weiß).

Letzte Woche fand ich, ebenfalls auf SZ-Online, die Schlagzeile: „Turin reist ohne Ronaldo in die USA.“ Habe ich erst gar nicht kapiert. Turin, also der FC Torino? Und Ronaldo, also jenes Dickerchen, das mal bei Inter kickte?

Natürlich waren Juventus und Cristiano Ronaldo gemeint. Nur, dass die Juve Turin an keiner Stelle im Klubnamen hat. Und dass Ronaldo der zweite Vorname von Cristiano dos Santos Aveiro ist. Der deutsche Sportjournalismus benutzt ihn aber wie einen Nachnamen.

Ob das den LeserInnen egal ist? A propos Leserinnen, ein anderer Begriff zum Haareraufen ist die „Spielergattin.“ Gattin! Welcher Galan, der in seiner Sportredaktion von der „Gattin“ schwafelt, stellt eigentlich seine eigene Frau so vor. „Und das, lieber Kollege Holzmeier, ist die Kerstin, meine Gattin.“ Im Sportteil ist das Wort trotzdem nicht totzukriegen. Wäre ich eine Gattin, ich fühlte mich bis auf die Knochen blamiert.

 

Hair

Cristiano Ronaldo präsentiert in Madrid sein neues Investionsobjekt: Eine Spezialklinik für Haarverpflanzungen. Bei der Gelegenheit erklärt er zum Beispiel, er habe sich immer schon für Gesundheit, Technik und Forschung interessiert. Daher jetzt die Klinik, in der 150 Angestellte täglich 18 Haarverpflanzungen vornehmen sollen, zum Preis von jeweils ab 4000 Euro. Mit einem Tagesumsatz von 76.000 Euro eher ein kleines Geschäft für CR7, der als Fußballer pro Tag mehr verdient, nämlich 82.000 Euro netto.

Haarverpflanzungen sind ja im Fußball ein Thema, nicht nur für die Herren Klopp und Conte. Eine Etage drunter machen Gigi Buffon und Andrea Pirlo Werbung für Schuppenshampoo. Der Fußball scheint ein Samson-Syndrom zu haben, vielleicht wird aber auch nur körperliche Perfektion immer wichtiger, wofür Cristiano Ronaldo selbst ja ein herausragendes Beispiel ist. Keine Falte, keine Narbe, kein Tattoo, alles glatt und die Zähne gerichtet. David Beckham hat mit dieser Mode angefangen, allerdings war er noch tätowiert.

Das ist das Eine, was einem zu der Klinik des Herrn Dos Santos Aveiro einfallen könnte. Das Andere ist, dass Fußballer früher mal von ihren Ersparnissen einen Schreibwarenladen aufmachten oder eine Trinkhalle. Und dann natürlich noch, dass derselbe Cristiano Ronaldo erst kürzlich wegen Steuerbetrugs in Madrid vor Gericht stand. Nach Vergleich 23 Monate auf Bewährung und eine Geldbuße von 3,2 Millionen plus Nachzahlung der ausstehenden 14 Millionen. Jetzt sagt derselbe Mann, er verdanke Spanien viel und investiere deshalb gern dort.

Vielleicht spielt CR 7 beim Viertelfinale Ajax-Juve nicht mit, ihm droht wegen seiner obszönen Geste gegen die Fans von Atletico Madrid eine Sperre von der Uefa.

Ich werde jedenfalls beim nächsten Auftritt an die Haarklinik denken. Und daran, was mittlerweile in den Köpfen seiner Fans so alles ausgeblendet werden muss, wenn Cristiano Ronaldo ein Tor schießt.

Ein Prosit der Selbstgerechtigkeit

Der Kollege Marvin Schade ist noch jung, sehr jung. Vor vier Jahren war er noch Volontär und für andere Medien als für den nicht gerade weltberühmten Branchendienst Meedia-Magazin hat er noch nicht gearbeitet. Heute hat Marvin einen Coup gelandet, sogar die Bild-„Zeitung“ zitiert ihn. Er hat Dirk Gieselmann als jenen Autor entlarvt, von dem die SZ, die ZEIT und der SPIEGEL sich getrennt haben, weil er in einigen Geschichten, tatsächlich, geschummelt hat. Lieber Marvin, ich kenne dich nicht persönlich, aber hier ein Gratis-Tipp von Tante Birgit: Mit Selbstgerechtigkeit kann man es im deutschen Journalismus zwar nicht erst seit heute erstaunlich weit bringen, jedenfalls deutlich weiter als mit Talent. Aber ein Großer wird man damit trotzdem nicht.

Ich kenne auch Gieselmann nicht persönlich, obwohl ich für jene Medien, für die er lange gearbeitet hat, auch geschrieben habe, inklusive 11 Freunde. Wichtige Medien mit erstklassigen Redaktionen, die sich hier an die Brust schlagen müssen, weil Gieselmann, wie der kleine Marvin genüßlich zitiert, zum Beispiel in einer Story  “Einrichtungsgegenstände zweier Räume vertauscht” hatte. Skandal! Und weil es so aufregend ist, hier noch ein zweites Zitat:

„Ähnlich liest sich eine Korrektur im Artikel Mensch Dirki”: “Die Beschreibung der Inneneinrichtung des Gasthauses wurde gestrichen; einige Detailangaben zu Personen und Orten in Diepholz wurden korrigiert; die Erläuterungen über den Moorhof wurden gestrichen.”

Na Gott sei Dank. Gieselmann, schreibt der Meedia-Redakteur, habe ein „gestörtes Verhältnis zur Wahrheit“, allen Ernstes wird hier also mal so nebenbei behauptet, der überführte Kollege sei nicht ganz dicht. Oder was sollen wir uns unter einem „gestörten Verhältnis zur Wahrheit“ vorstellen? Und was, lieber Marvin, sollen wir uns, wenn wir schon mal dabei sind, unter „Wahrheit“ vorstellen? Wer hat die nochmal gepachtet?

Die Wahrheit ist, im Fall Relotius ging es um was. Im Fall Gieselmann geht es darum, dass ein junger Kollege die Hexenjagd auf einen Journalisten eröffnet, der schlicht ein toller Geschichtenerzähler ist. Gieselmanns Geschichten erheben keinen Anspruch auf Wahrheit, er ist nicht investigativ und auch kein politischer Reporter. Er schreibt Momentaufnahmen aus dem Alltag, nicht selten geht es um den Autor selbst. Auch in der SZ-Magazin-Geschichte, die für ihn fatal wurde, weil er eine Protagonistin erfunden hatte, ging es um nichts weiter als die Beziehung einer Frau zu einem Baum.

Man konnte Gieselmanns Ich-Geschichten wie das ganze Genre der personalisierten Welterfahrung blöd finden oder banal. Ich habe ihn fast immer gern gelesen und mich nicht nur bei seinen Fußball-Livetickern bestens unterhalten. Es war und ist mir vollkommen schnuppe, welche Möbel in seinen Geschichten in welchem Zimmer standen und ob im Gasthof wirklich ein Röhrender Hirsch hing oder ein Bergsee, wenn die Story stimmte. Meingott, wir Italiener wissen, dass es immer mindestens eine Wahrheit gibt, manchmal aber auch mehr als zwei. Und auch wir Deutsche  lesen unter anderem Zeitung, um uns an der Sprachkunst, an der Beobachtungsgabe und Kreativität mancher Autoren zu erfreuen.

Die Redaktionen, für die er zur Freude vieler Leser gearbeitet hat, haben seinen Namen nicht genannt, wohl wissend, dass die Karriere des 41-Jährigen ohnehin kompromittiert ist, wenn er für die wichtigsten Printorgane der Republik nicht mehr arbeiten kann. Marvin Schade aber hat Gieselmann der Meute zum Fraß vorgeworfen. Im Dienste der Wahrheit, selbstverständlich.

Es schmerzt mich, zu sehen, wie der deutsche Journalismus sich gerade selbst auffrisst. Wie die besten Schreiber der Republik von kleinen Kläffern hingerichtet werden, die den literarischen Journalismus hassen, weil sie selbst nicht den Funken von Talent haben. Wir alle haben eine Sorgfaltspflicht zu erfüllen und tun das nach bestem Gewissen. Falls du mich jetzt aufs Korn nehmen magst, lieber Marvin, wirst du leider nix finden. Kleiner Scherz. In mehr als 3000 Texten, die über die Jahre zusammengekommen sind, gibt es garantiert mehr als eine Schlamperei. Einmal habe ich in einem SZ-Stück über die Emilia Romagna geschrieben, dass es dort durch ein Erdbeben 24 Tore gegeben hätte. Der verantwortliche Redakteur an diesem Tag schickte mir den Text zurück mit der Bemerkung: „Rate mal – was ist falsch an diesem Satz?“

Raten Sie mal, was mich mehr schmerzen würde: Nie mehr eine Geschichte von Gieselmann lesen, der seine große Begabung jetzt nicht mehr nutzen darf, weil er einmal zu oft geschlampt und geschludert hat.  Oder nie mehr eine Geschichte von Marvin Schade im, wie hieß das noch? Ach ja: Meedia-Magazin.