Carletto stichelt zurück

Ancelotti ist ein bisschen verletzt. Aber nicht wirklich traurig darüber, dass ihn die Bayern herauskomplimentiert haben. Vielleicht ist München ja doch nicht die nördlichste Stadt Italiens.

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Und dann wäre da noch…

Es ist sehr fair, wie sich die Kollegin Cathrin Gilbert in der ZEIT des Frauenfußballs annimmt, behutsam Kritik übt und beispielsweise kleinere Tore vorschlägt. Weil es ja wirklich Quatsch ist, den Frauenfußball ständig mit dem Fußball der Männer zu vergleichen. Und da geht es nicht nur um 100 Jahre Vorsprung, wie es manche deutsche Nationalspielerinnen neuerdings gern postulieren. Der (Männer-) Fußball ist im Gegenteil zum Frauenfußball nicht einfach ein Sport unter vielen, sondern eine Unterhaltungsindustrie. Er ist Ersatzhandlung, Projektionsfläche, Welttheater. Es geht seit mindestens 90 Jahren schon nicht mehr nur darum, einen Ball ins gegnerische Tor zu befördern.

Da gibt es nichts aufzuholen, das sind einfach zwei verschiedene Paar Schuhe.

Persönlich fällt mir immer die Humorlosigkeit auf, mit der in Deutschland Frauenfußball inszeniert wird. Auch die Berichterstattung ist leider flächendeckend staubtrocken und von einer politischen Korrektheit, die mich ehrlich gesagt ziemlich langweilt. Ganz so, als bewege man sich da in einer ironiefreien Zone. Sind die Spielerinnen so dröge oder trauen sich die JournalistInnen nicht, da mal, entschuldigt den Kalauer, ein wenig Leichtigkeit ins Spiel zu bringen? Ist das denn möglich, dass es im Kader keine Zicke, keine Diva,  kurz: keine Typen gibt? Es müssen ja nicht gleich Ibrahimovic oder CR 7 sein, aber ein wenig Lust an der (Selbst-)Inszenierung wäre gar nicht so schlecht. Mit bienenhaftem Fleiß  ein Turnier nach dem anderen zu gewinnen, reicht halt nicht. Die Biederkeit ist die Erz-Feindin der großen Gefühle. Und letztere werden, da können sich die Gleichberechtigungs-Apostel auf den Kopf stellen, nun mal nicht vom Frauenfußball bewegt.

Aber da wird emsig tabuisiert. Stattdessen die ewig gleichen Interviews um die spannende Frage, wieso die armen Frauen soviel weniger verdienen als die Männer. Die FAZ versteigt sich allen Ernstes zu der Forderung, der DFB solle gefälligst bei der Prämienzahlung keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern machen.  Naja, ist halt die FAZ, könnte man jetzt sagen. Jene Zeitung, deren HerausgeberInnenrat zu 99,9 Prozent aus gleichbezahlten Frauen besteht, von den RessortleiterInnen mal ganz zu schweigen. Aber diese naiven (oder scheinheiligen?) Erörterungen beschränken sich nicht auf das Frankfurter Altherrenblatt. Man findet sie überall. Ganz so, als würden für den Frauenfußball die Marktgesetze nicht gelten. Ausgerechnet.

Und wenn wir, nur mal so ins Blaue überlegt,  im Sportjournalismus anfangen würden mit der gleichberechtigen Bezahlung? Wenn wir das erleben dürften, liebe Leute, dann würde ich eventuell sogar Frauenfußball gucken.

 

Legende

totti10

C’è solo un capitano.

Als der Moment gekommen ist, vor dem alle Angst haben, am meisten er selbst, da öffnen sich die Schleusen. Es weinen die alten Männer mit den grauen Bärten, es weinen die jungen, ein letztes Mal für ihn schön geschminkten Frauen, es schnieft die VIP-Tribüne, es flennt die Mannschaft auf dem Rasen, der neuen Torschützenkönig Edin Dzeko und der Verteidiger Antonio Rüdiger. Auf der Tribuna Tevere sackt ein Typ in sich zusammen, dem man lieber nicht allein im Dunkeln begegnen möchte, Stoppelhaare, Bullennacken, tätowierte Muskelberge und nun schluchzend wie ein Kind. Ein ganzes Stadion mit 60.000 Menschen weint bei der ergreifendsten Verabschiedung der Fußballgeschichte und am hemmungslosesten heult er selbst: Francesco Totti, das Gesicht vergraben in den weichen Haaren seiner drei Kinder, zu denen er geflüchtet ist, als der Schlusspfiff ertönte nach seinem letzten Spiel. 3:2 gegen CFC Genua, den 2. Platz und damit die direkte Champions-League-Qualifikation gerade noch um Haaresbreite ergattert, weil die Roma viel zu aufgeregt war, um an diesem Sonntag auch noch ernsthaft Fußball zu spielen.

Das Ergebnis interessiert schon niemanden mehr. Es geht hier nicht um die Zukunft, es geht um das Ende einer Ära, um ein Vierteljahrhundert mit einem Mann, der immer mehr war als ein Fußballer, nämlich Roms Kapitän, das Gesicht einer Stadt und am Schluss wie ein naher Verwandter seiner Mitbürger. Die städtischen Autobusse fahren heute mit der Richtungsanzeige „Linie 10, Grazie Capitano.“ Francesco, sagt sein Freund, Kollege und Nachfolger Daniele De Rossi, habe eine Stadt geeint, „die sonst über alles streitet.“ Vermutlich vergießen gerade auch die Lazio-Fans eine kleine Träne, und sei es nur darüber, dass sie so einen wie Totti nie gehabt haben. Die Stimmung schwankt zwischen Verzweiflung und Dankbarkeit, abzulesen auf sorgfältig gemalten Spruchbändern wie diesem hier: „Ich hatte gehofft, früher zu sterben.“

In seiner Zeit bei AS Roma hat Totti drei Päpste und 13 Regierungen überdauert, von römischen Bürgermeistern zu schweigen. Hat die Leute amüsiert und aufgeregt, mitgerissen und verzaubert. Und dann diese Treue. Welche Ehe hält denn heute noch 25 Jahre? Man hatte gemutmaßt, der fast 41-Jährige würde nun woanders weiterspielen, noch ein wenig Geld scheffeln in den USA wie Andrea Pirlo oder am Persischen Golf wie früher Fabio Cannavaro. Dabei ist es doch klar, dass jedes andere Trikot bei ihm Allergien auslöst. „Roma, Roma, Roma“ ertönt nun, die Hymne. Mit gesenktem Kopf hört Totti zu. Dann schießt er einen Ball in die Tribüne, das letzte Geschenk an die Fans. Fasst sich. Und verliest eine kleine Rede.

Das ist die wirkliche Sensation an diesem Abend: Totti teilt seine Ratlosigkeit, die Verwirrung und Zukunftsangst und beweist damit noch einmal Grandezza. „Ich bin noch nicht bereit, basta zu sagen. Vielleicht wäre ich das nie“, sagt er. „Das Licht auszumachen, ist nicht einfach.“ Aber er könne den Lauf der Zeit nicht anhalten. „Erlaubt mir, ein wenig Angst zu haben. Und das ist nicht die Angst vor dem Elfmeter. Diesmal kann ich nicht durch das Tornetz sehen, wie es weiter geht.“ Er sei nun gezwungen, erwachsen zu werden, erklärt Totti, der Vater und Überrömer. „Ich werde nie mehr den Duft des Rasens einatmen und die Sonne im Gesicht spüren, wenn ich zum gegnerischen Tor renne.“ Schön war’s, und nun soll es vorbei sein. Für alle.

Totti und seine Roma haben nicht viel zusammen gewonnen. Aber sie haben ein Vierteljahrhundert lang in vollkommener Symbiose mit der Stadt immer wieder bewiesen und bekräftigt, was Fußball sein kann: Leichtigkeit, Wildheit, Ästhetik, große Gefühle und großer Spaß. „Der Tottismus“, hat ein kluger Mann in der sehr römischen Tageszeitung „Il Messaggero“ mal geschrieben, „ist die einzige Religion, die niemandem weh tut.“ Am Ende übergibt der Kapitän seine Binde einem kleinen, blonden Jungen aus der Jugendmannschaft, in der auch sein eigener Sohn Cristian spielt. Zwei Tage vor dem Abschied seines Vaters hatte Cristian Totti für sein Team einen Elfmeter geschossen, der den Turniersieg bedeutete.

Die Totti-Saga geht weiter.

Endlich Stammplatz

Die schönste Karikatur zum Totti-Abschied kommt von der Gazzetta:

vignetta

Will heißen: Totti hört auf. Und Papst Franziskus denkt: „Endlich werde ich Stammspieler.“ Weil er halt bis heute abend doch nur die Nummer 2 in der Stadt ist und als Francesco ja sowieso.

Während wir uns hier auf das vorbereiten, was der Volksmund psicodramma nennt, nämlich die tränenreichste Abschiedsvorstellung ab urbe condita, seit der Stadtgründung, schnell noch einen Blick in die Nachbarliga im Land von Francesco II.

Da hat nämlich gestern das Päpstliche Urbanuskolleg mit einem glatten 2:0 gegen die Päpstliche Universität Gregoriana den Titel geholt. Die angehenden Missionare vom Urbanuskolleg wurden zum dritten Mal Meister in der Priesterliga des Vatikans (es gibt auch noch eine Laienliga, wo die Schweizer Garde Rekordmeister ist, gefolgt von den Museumswachen der Sixtinischen Kapelle). Titelverteidiger war das Institut Mater Ecclesiae, die wurden aber diesmal nur Dritter.

Soviel zur Liga mit dem Heiligenschein.

Und jetzt schalten wir wieder um zum Fußballgott.

Als der Fußball lustig war

Ein anderes Jahrhundert? Ach was, nur ein paar Jährchen her: Die italienische Nationalmannschaft erzählt Totti-Witze und biegt sich dabei vor Lachen. Der Meister selbst beginnt.

Name? Francesco.

Zuname? Totti.

Geboren? Ja.

Dann drei Anläufe für diesen Mini-Dialog zwischen Del Piero und Totti.

Totti: Alessandro, wie ist deine Prüfung gelaufen?

Del Piero: Schlecht. Hab‘ ein leeres Blatt abgegeben.

Totti: Jetzt denken die, ich habe bei dir abgeschrieben.

Die albernste Nationalmannschaft der Welt. Größte Komiker: Vieri und Buffon.