Vollends unerträglich

Kaum war die WM in Russland beendet und der stumme Diener Infantino abserviert, traf sich Putin mit Trump. Von den Pussy Riots aus dem Finale hört man nichts mehr. Und als nächste Station erwarten uns die Weihnachtsspiele in Katar.

Mein Kollege Claudio Catuogno zieht ein bitteres Resümée des Turniers. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der Gipfel der Verlogenheit offenbar noch lange nicht erreicht ist. Sehr lesenswert!

„Der Fußball hat die Strahlkraft, Tausende Volunteers in die Selbstausbeutung zu treiben, nur um des Gefühls willen, Teil einer großen Sache zu sein. Aber was macht der Fußball aus dieser Strahlkraft? Nichts. Sag Ja zu Vielfalt, sag Nein zu Rassismus – das ist bloß die Soße, die er über seine Werbespots gießt, um den Betrieb mit gesellschaftlicher Bedeutung aufzuladen.“

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Bon alors

Man kann über dieses Finale wirklich nicht meckern, es war doch alles da: Ein Führungstreffer nach einem erschlichener Freistoß, ein VAR-Handelfmeter, aber auch noch jede Menge Tore aus dem Spiel heraus, ein Riesen-Torwartpatzer, Spannung, Dramatik, sowie tatsächlich die eine oder andere schöne Sache, l’art pour l’art, wie der Kroate sagt.

Davon abgesehen wird uns hoffentlich in Erinnerung bleiben, wie die Pussy Riots das Spielfeld stürmten (hoffentlich, weil es für die PR ziemlich schlecht wäre, wenn wir das schnell wieder vergäßen, sie haben nämlich mit der schon ab heute nacht sicherlich nicht sehr gastfreundlich aufgelegten russischen Justiz ohnehin schon ihre Probleme). Unvergesslich auch die Sache mit dem Regenschirm: Putin und sein Busenfreund Infantino werden eifertig beschirmt und beschützt, für Macron und die Freund und Feind niederherzende kroatische Präsidentin ist leider kein zweiter russischer Schirm aufzutreiben und sie werden pitschnass.

Die Welt zu Gast bei Freunden. Oder: Wie der von allen möglichen und unmöglichen Seiten als hervorragend bejubelte russische Organisation auf den allerletzten Zentimetern vor dem Ziel doch noch schlappmachte. Hauptsache, der Zar bleibt trocken, die Gäste sind wir eh bald los.

Was bei mir persönlich auch noch hängenbleibt: Die Frage nach dem Sinn von Live-Tickern auf den online-Seiten der Zeitungen. Ok, ist vermutlich eine Generationsfrage. Unsereins sieht halt fern, möglichst von Menschen umgeben, die während des Spiels nicht unnötig quatschen. Also eigentlich nur engste, allerengste Familie. Denn nichts ist schlimmer als fußballfernes Gequatsche während eines WM-Spiels. (Gilt, ehrlich gesagt, nicht nur für die WM).

Hat man was nicht gleich kapiert oder eine strittige Szene gesehen, ist so ein Live-Ticker aber auch ganz nützlich. Nein. Hier ist die Vergangenheit angebracht: In solchen Situationen war ein Live-Ticker mal sehr nützlich. Heute bieten diese Ticker nämlich flächendeckend fußballfernes Gequatsche, bei dem der Tickerer sich vornehmlich selbst darstellt. Ich und Paul Pogba. Ich und Luka Modric. Die Jungs da spielen zwar Fußball um den Weltpokal aber so richtig lustig ist es nur hier bei mir.

Der eine arbeitet sich während des WM-Finals am ZDF-Kommentator Bela Rethy ab – also wirklich der einsame Gequatsche-Gipfel: Ich bespreche nicht das Spiel selbst, sondern denjenigen, der im Fernsehen das Spiel bespricht. Der andere blendet gern die Simpsons ein. Das scheint mir alles eine ziemliche deutsche Spezialität des calcio parlato zu sein.

Wie gesagt: Vermutlich bin ich einfach eine hoffnungslose old-fashioned Lady und Fußball-modetechnisch einfach nicht auf dem neuesten Stand. Deshalb blieb mir heute zum Nachgucken nur der namenlose, angenehm knochentrockene Tickerer der FAZ.

Grazie

Danke an die TAZ und an Detlev Claussen für die sehr schöne Rezension über „La Fidanzata.“ Und danke ebenfalls an Zeit online und Christoph Schröder, die das Buch für den Sommer empfehlen, gleich hinter Toni Morrison. Wow. Eine Empfehlung auch von meiner Seite: Jede Zeile von Saul Bellow. Gerade den Herzog wieder gelesen, jetzt ist Augie March dran. Und der Sommer ist gerettet durch Sätze wie: „Ein Gedankenmord pro Tag erspart den Psychiater.“

O Buffon-Elysées!

Nicht nur Juventus-Fans finden es ein bisschen seltsam, dass Gigi Buffon heute bei PSG angeheuert hat. „Mit dem Enthusiasmus eines kleinen Jungen!“ Er wollte weiter spielen, bei Juve wollten sie ihm kein weiteres Jahr Vertrag geben. Also ab nach Paris, Scheichs statt Agnellis, Neymar statt Mandzukic, Seine statt Strandbad in der Toskana (führen Mamma und Schwester weiter). Was noch seltsamer wäre: Wenn Gigi in der Champions League auf die Juve träfe. Zumindest in der Gruppenphase besteht diese Gefahr nicht, da ist er nämlich nach seinem Ausraster beim Rückspiel gegen Real Madrid einstweilen gesperrt.

Zweierlei Maß

Gebannt verfolgt die westliche Welt die Rettung der Jungen aus einer Höhle in Thailand, hat Mitleid mit den armen Eingeschlossenen und ihren Eltern. Genau dieses Mitleid lässt der Westen gegenüber Bootsflüchtlingen vermissen – ein Zivilisationsverlust, wie Matthias Dobrinski in der Süddeutschen schreibt. Der Begriff ist viel zu elegant. Es ist die Abkehr von Menschlichkeit, von der Pflicht zur Humanität, die sich gerade ausbreitet wie ein Virus. Und zwar überall. Wer kennt denn nicht die Diskussionen mit Bekannten, die man bislang zwar für ein wenig konservativ gehalten hat, die einen jetzt aber in abgrundtiefe Verlegenheit bringen mit ihrem Gehetze gegen „Wirtschaftsflüchtlinge“ (wer hat dieses Unwort noch gleich erfunden?).

Leute, die in privilegierten Welt-Gegenden leben, weil ihnen ihre privilegierten Berufe (oder die ihrer Ehepartner) das ermöglichen. Leute, die das Flüchtlingselend aus sicherer Entfernung im Fernsehen oder im Internet verfolgen, und doch fühlen sie sich aus dieser Distanz belästigt, ja bedroht. Auch die Deutschland lassen sie die Maske fallen, spätestens nach der letzten Regierungskrise wissen wir, wohin die Richtung führt. Der Konsens gegen die Schwächsten und Hilfsbedürftigsten wächst stetig, und es ist reine Augenwischerei zu glauben, dass er unter den ohnehin Abgehängten und Ausgegrenzten wuchert. Das Wort „Transitzentrum“ ist nicht von Hartz-IV-Empfängern geprägt worden, und es ist frappierend, wie selbstverständlich auch der angeblich liberale Mittelstand davon faselt, Deutschland müsse seine Grenzen schützen.

In Italien wird von Regierungsmitgliedern schlimmere Hetze betrieben, allen voran von dem rechtsextremen Innenminister und Führer der Lega (Nord). Der Mann regiert über Twitter wie Donald Trump. Seine Mission: Italien von Flüchtlingen befreien. Weiß man alles, wird aber täglich schlimmer. Heute keilt er gegen den Leiter der Staatsanwaltschaft in Turin: „Vielleicht meint der Oberstaatsanwalt, dass Italien ganz Afrika aufnehmen könnte? Eine bizarre Idee.“ Tatsächlich hat Oberstaatsanwalt Spataro erstens konstatiert, dass in seiner Stadt die ausländerfeindlichen und rassistischen Übergriffe zunehmen und zweitens Strafsicherheit für solche Übergriffe gefordert. Was bitte ist daran bizarr? Bei Tötung von Einbrechern aus Notwehr fordert die Lega vehement den Verzicht auf jede polizeiliche Untersuchung. Zu Hause soll frei geschossen werden dürfen. Das ist bizarr.

Zweierlei Maß für „Volksempfinden“ und Rechtsstaat. Das ist nicht nur bizarr. Sondern bedrohlich. Erst wird ein Klima geschafften, das die Übergriffe gegen Ausländer befeuert. Und dann erklärt man die Garanten von Recht und Gesetz zu Staatsfeinden.

 

Der Fall Bierhoff

Ein kluger Kommentar meines SZ- Kollegen Martin Schneider zum Fall Özil, der spätestens seit dem unmöglichen „Welt“-Interview ein Fall Bierhoff geworden ist. Die Erdogan-Affäre war von Anfang an durch den DFB – und vor allem durch Bierhoff – schlecht gemanagt worden. Der DFB hätte seinerzeit Özil und Gündogan öffentlich rügen müssen: Wer für die deutsche Nationalmannschaft spielt, hat keine Werbeauftritte für einen türkischen Diktator zu absolvieren. Stattdessen rügte Bierhoff die als lästig empfundene Presse mit ihren überflüssigen Fragen.

Was Özil dann bei der WM erleben musste, war auch eine Folge des schlechten Stils beim DFB. Die Ablehnung, die dem Spieler entgegenschwoll, kam nicht von Verteidigern von Pressefreiheit und sonstigen Menschenrechten in der Türkei, sondern aus der rechten Ecke jener ewig Gestrigen, die meinen, in der deutschen Nationalmannschaft dürften nur Vollarier spielen. Also purer Rassismus, dem der DFB jetzt aber auch nicht entschieden entgegen treten wollte. Politisch Position zu beziehen, scheint für die Nationalmannschaft eine Zumutung zu sein. Vielleicht, weil das die Werbepartner nicht wollen? Aber wofür steht diese Mannschaft dann eigentlich? Nur für sich selbst? Es ist eine Illusion, dass Fussball nichts mit Politik zu tun hat. In diesen Zeiten! Wenn die Mannschaft für ein tolerantes, weltoffenes Deutschland steht, dann muss sie das auch zeigen. Sonst verkommt dieser Anspruch zu einem substanzlosen Werbeslogan.

Die Reaktion auf das WM-Desaster ist ein Totalausfall. Löw bleibt und mit ihm die gesamte Führungsspitze. Und Bierhoff tritt dann auch noch ganz bewusst nach gegen Özil. Der Spieler soll zum Sündenbock gemacht werden für das Scheitern eines ganzen Teams, seines Trainers und seiner Manager. Das Ding voll an die Wand fahren und die Veranwortung auf andere abwälzen: Das kennt man auch aus anderen deutschen Betrieben.