Die Kunst der Politik

In diesem Sommer bin ich auf einer ganz besonderen Reise – nicht an einen anderen Ort, sondern in eine andere Zeit. Sehr empfehlenswert, weil für Körper und Seele ausnehmend erholsam. Keine überfüllten Flughäfen, Züge oder Autobahnen, nur ein randvolles Regal mit Büchern, die mich in das Leben und in die Politik vor 2000 Jahren eintauchen lassen. In Italien wird ja schon etwas länger Politik gemacht, aber speziell aus den Umbrüchen von der späten Republik zur Kaiserzeit kann man für die Gegenwart eine Menge lernen. Schließlich befinden wir uns gerade auch in einer Zeit der Umwälzungen – die westlichen Demokratien zeigen Ermüdungserscheinungen und werden von Männern mit autoritären Zielen attackiert. Cicero beschreibt nichts anderes. Sicher, Matteo Salvini hat weder das Format eines Gaius Iulius Caesar, noch die überragende strategische Intelligenz eines Octavian. Aber er attackiert demokratische Institutionen, die seit Jahrzehnten schwächeln: Das Parlament und die Justiz. Nach 20 Jahren Berlusconismus, der das Parlament mit Fernsehsternchen und skrupellosen Winkeladvokaten bevölkerte und zu einem Abstimmungsverein für den Profit eines privaten Unternehmens demütigte und nach dem Einzug der Grillo-Leute, die die Volksversammlung am liebsten in toto durch Internetabstimmungen auf ihrer Plattform „Rousseau“ abgeschafft hätten, schien das Parlament so ausgehöhlt und müde wie der römische Senat vor der Machtergreifung der Caesaren. Ähnlich die Justiz, seit Jahrzehnten die langsamste und ineffizienteste Europas.

Aber plötzlich ist alles anders. Jene Richter, die Salvini übler attackiert als seinerzeit Berlusconi (vielleicht, weil er sie nicht kaufen kann), weisen ihn, wie im Fall Carola Rackete, in seine Schranken. Zuletzt wurde seine Klage gegen die Stadt Bologna abgewiesen, die Asylbewerber ordnungsgemäß im Einwohnermeldeamt eingetragen hat. Für Salvini haben Schutz suchende Menschen kein Recht darauf, überhaupt irgendwie aufzutauchen. Eines der widerlichsten Videos der letzten Woche zeigt auf seinen social-network-accounts einen jungen Afrikaner, der sich im Morgengrauen an einem öffentlichen Brunnen in Salerno wäscht. Der junge Mann ist von Kopf bis Fuß eingeseift, natürlich nackt. Ein Mensch ohne eine Bleibe, aber mit einem ungebrochenen Anspruch auf Würde. Salvini versucht, ihm genau diese Würde zu nehmen, indem er das Wasch-Video (wer nimmt eigentlich so etwas auf?), versehen mit den üblichen Hetzparolen als angeblich obszöne Beleidigung der sittlichen Gefühle echter Italiener ins Internet stellt.

Den Minister selbst sieht man seit Wochen nur noch mit nacktem Oberkörper, auf dem ein riesiges Kruzifix baumelt. Als er sich zwischendurch mal ein Hemd anzog, und eine Krawatte umband, geschah das, um die Koalition seiner Lega mit den Fünf Sternen aufzukündigen und Neuwahlen auszurufen. Basta, schreit Salvini seither, längst wieder halbnackt auf jenen Stränden, wo er seine groteske Wahlkampftour betreibt. Weg mit der Regierung, weg mit diesem Parlament. Premier Giuseppe Conte soll abtreten, die Italiener sollen wählen – ihn natürlich, den selbsternannten „Capitano.“. Umfragen sehen ihn bei 40 Prozent. Wörtlich sagt Salvini, er wolle „alle Vollmachten.“ Die hatte noch nicht mal Mussolini, der am Ende vom italienischen König entlassen wurde.

Salvini hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und der Wirt ist das Parlament. Ein einfacher Minister kann es nicht auflösen, das muss der Staatspräsident machen. Das Parlament aber besinnt sich in der Stunde der schlimmsten Attacke auf seinen Wert. Bevor er überhaupt seinen Misstrauensantrag gegen Conte einbringen kann, wird Salvini sehr wahrscheinlich selbst abgewählt werden. Wenn das Parlament dem Innenminister das Vertrauen entzieht, muss Salvini gehen. Er kann dann nicht länger als Minister agieren, er hat keine Macht mehr über den Polizeiapparat. Es würde beginnen, was er am meisten fürchten muss: Seine Entzauberung.

Darüber hinaus formiert sich gerade so etwas wie eine antifaschistische Front. PD und Fünf Sterne, vor Tagen noch Todfeinde, ziehen eine Regierung des nationalen Notstandes in Betracht, um zum Beispiel das Haushaltsgesetz durchzubringen.

Der Notstand ist ja da. Auf der einen Seite ein skrupelloser Faschist mit Allmachtfantasien, der jeden Kritiker an den Internetpranger stellt, das Demonstrationsrecht verschärft, die Minderheiten verfolgt. Auf der anderen Seite die Institutionen, die zwar geschwächt sind – aber doch stärker als jene der 1920er und 30er Jahre. Salvini hat, nur zur Erinnerung, bei der Europawahl 34 Prozent geholt, die Fünf Sterne nur 17. Bei den Parlamentswahlen im März 2018 war es umgekehrt. Es ist aber in einer parlamentarischen Demokratie genau dieses Ergebnis, was zählt. Parlamentswahlen sind keine Europawahlen und umgekehrt. Dass die Lega seither in Umfragen noch zugelegt hat, darf für die Arbeit des Parlaments keine Rolle spielen. Sonst könnte man turnusmäßige Wahlen ja gleich abschaffen und ständig neue Regierungen nach Umfragen bilden.

In Italien spielt sich gerade also ein Lehrstück ab. Sehr spannend.

Aber ich gehe tauche jetzt wieder ab. Die alten Togaträger sind einfach so viel interessanter.

 

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Sommerloch

Die Hitze flirrt, die Zikaden ratschen, Italien gleitet ins tiefe Sommerloch. Die perfekte Zeit, um ein paar Nebelkerzen gegen den noch bestehenden Staat der Weicheier, vulgo Demokratie, abzufeuern. Also die Anhörung im Senat zum Thema Landesverrat an Putin schwänzen („Habe wichtigeres zu tun“), genau wie einen Flüchtlingsgipfel bei Macron („Habe wichtigeres zu tun“), den eigenen Ministerpräsidenten kernig verhöhnen („Interessiert mich weniger als Null.“), schnell noch die Erhöhung auf eine Million Sesterzen, äh, Euro für Seenotrettung durch das Oberhaus peitschen und per Twitter die Wiedereinführung für Zwangsarbeit fordern, sowie die Verteilung von 140 Flüchtlingen auf die weicheierigen Mit-Europäer. Die Flüchtlingenbefinden sich derzeit auf einem Schiff der italienischen Küstenwache das, da ist man gerecht, genauso wenig wie die Seawatch 3 in Lampedusa einlaufen darf. Die Häfen sind für alle geschlossen! Auch für die eigene Küstenwache. Tja, Eier haben!

A propos und a propos Seawatch: Dass Carola Rackete bei ihrer Anhörung durch den Untersuchungsrichter in Agrigent keinen Büstenhalter trug, war diese Woche ebenfalls ein wesentliches Thema auf den Netz-Domänen unseres Mannes. Über die unsäglichen Kommentare dazu schweigen wir lieber.

Dass Italien sich zu Tode amüsiert, war einmal, mit Silvio B.  und seinen Tutti Frutti. Heute lässt es sich lieber zu Tode hetzen.

Wenn sie könnten, würden nächsten Sonntag 36 Prozent der BürgerInnen Matteo Salvini wählen. Aber der will sich gar nicht wählen lassen und Regierungschef werden. So ist es doch viel gemütlicher. De facto herrscht er sowieso. Weil er aber nur Innenminister ist, muss er für nichts gerade stehen.

Außer vielleicht bei Putin.

 

Oh, Gigi!

Gigi Buffon ist wieder da. Nach einem Jahr in Paris hat er heute bei seinem alten Klub Juventus eingecheckt. Sein Kommentar: „Wenn man von einer Signora eingeladen wird, darf man nicht Nein sagen.“ So lässig wie immer, der alte Gigi, aber mit neuen Erkenntnissen und – Lesetipps. Erzählungen von Jonathan Coe und Osvaldo Soriano – und Krimis von Fred Vargas und Gianrico Carofiglio.

Muss man ja nicht auf der Bank lesen.

Erste Reihe, fußfrei

Carola Rackete wird nicht wegen vorsätzlicher Attacke auf ein Kriegsschiff (Motorboot der Steuerpolizei, das im Hafen von Lampedusa die Sea Watch 3 auszubremsen versuchte), vor Gericht gestellt. Und der Innenminister der Republik Italien schäumt.

„Ich bin sprachlos. Was muss man denn tun, um in Italien in den Knast zu kommen? Ich schäme mich für den, der erlaubt, dass der erste Kriminelle aus dem Ausland in unser Land kommt, unsere Gesetze missachtet und unsere Soldaten in Lebensgefahr bringt. Ein sehr schlechtes Signal, Herr Richter.“ (Es handelt sich um eine Frau).

„Ich bin empört, ich bin angeekelt, aber ich gebe nicht auf: Wie werden unserem Italien Ehre, Stolz, Wohlstand, Hoffnung und Würde wieder geben, koste es, was es wolle.“

„Ab morgen werde ich noch entschiedener die Grenzen und Gesetze Italiens verteidigen. Der Richter, der Politik machen will, soll seinen Talar ausziehen und sich zur Wahl stellen.“

Antwort aus dem Netz: „Der Politiker, der den Richter geben will, soll ein Jura-Staatsexamen ablegen, ein Referendariat leisten und dann in der öffentlichen Stellenausschreibung einen Posten ergattern. Danach kann er sich den Talar anziehen und seinen Beruf ausüben.“

Salvini hat immerhin Abitur. Sonst aber nichts. Kein Studium, keine Berufsausbildung.

Nichts.

Salvinis Krieg gegen die Schwächsten

Tweet des italienischen Innenministers Matteo Salvini am 18. Juni 2019 um 11:49 Uhr: „Diese verdammte Diebin soll für dreißig Jahre ins Gefängnis gehen. Es soll dafür gesorgt werden, dass sie keine Kinder mehr bekommt und ihre armen Sprößlinge sollen anständigen Familien zur Adoption gegeben werden. Punkt.“

Vielleicht ist das der Tiefpunkt. Oder doch: Der Tiefpunkt der Woche. Denn täglich, nein stündlich verabreicht der Hetzer sein Gift über die asozialen Medien, sorgt dafür, dass es „den Italienern“, wie er sich in Abgrenzung nichtitalienischer BürgerInnen dieses Landes ausdrückt, langsam eingeträufelt wird. Stetig wird die Dosis ein wenig erhöht, und schon jetzt ist die Atmosphäre derart vergiftet, dass rechtsextreme Angriffe auf Minderheiten an der Tagesordnung sind.

Die „verdammte Diebin“, auf die sich der Minister einschießt, ist eine 33-jährige Roma aus Bosnien, die ihre wegen verschiedener Eigentumsdelikten kassierten Haftstrafen wegen elf Schwangerschaften nicht antreten musste. Die italienischen Haftanstalten sind chronisch überfüllt und deshalb immer wieder ein Fall für den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Menschenrechte. Diritti dell’uomo. E della donna. Im Wortschatz und im Bewusstsein von Matteo Salvini und seiner Anhänger kommt das nicht vor.

 

 

 

Wer kommt. Und wer geht.

Maurizio Sarri bei Juventus, da reibt man sich die Augen. Sarri, der Trainer mit 20 Stationen in 30 Jahren. Sarri, der als Napoli-Coach und ewiger Zweiter die Juve auf das Inbrünstigste verfluchte – der Fuchs, dem die Trauben zu hoch hingen. Sarri, der alte, weiße Mann, Bukowski-Leser, Kettenraucher, immer im Trainingsanzug, nie um einen kessen Spruch verlegen, wenn es zum Beispiel gegen Frauen geht. Hier die Antwort auf die sachliche Frage einer ihn natürlich siezenden Journalistin: „Du bist eine Frau, du bist hübsch, sonst würde ich sagen, steck ihn dir in den Arsch.“

Hier die unfassbare Attacke gegen den damaligen Inter-Trainer Roberto Mancini. „Er mich Schwuchtel und Tunte genannt. Er ist ein Rassist. Solche Leute dürfen nicht im Fußball arbeiten“, sagt Mancini in dem drei Jahre alten Video. Heute stapelt er tief: „Schnee von gestern. Sarri war im Ausland und hat da sicher viel gelernt. Er ist eine Bereicherung für den italienischen Fußball.“ Mancini ist inzwischen Nationaltrainer, Juve immer noch die Säule der Squadra Azzurra.

Was hat Andrea Agnelli bloß geritten, Maurizio Sarri zu verpflichten? Der Sieg in der Europa League? Eine neue Liebe zum Offensivfußball? Oder der Sparzwang, nachdem er sich mit Cristiano Ronaldo ganz unerwartet doch ein wenig übernommen hat?

Und was hat Francesco Totti geritten, nach seiner Kündigung bei der Roma eine Pressekonferenz im Ehrensaal des Olympia-Komitees einzuberufen und sich darin geschlagene 90 Minuten als Opfer internationaler Intrigen darzustellen? Zu behaupten, der ewig abwesende US-amerikanische Klubeigner Pallotta wolle die Römer aus dem Verein treiben. Sich zu beklagen, weil er bei wichtigen Entscheidungen nicht gefragt wurde – um dann aber zuzugeben, dass Claudio Ranieri auf sein Betreiben hin als Übergangslösung nach Di Francesco geholt wurde. Wie jetzt: Nichts zu sagen haben und dann doch im Alleingang einen Trainer anheuern können?

Soviel Anmaßung ist entlarvend – aber nicht für das Klubmanagement, sondern fuur Totti selbst. Als Spieler war er gewöhnt, bei der Roma gutes und schlechtes Wetter zu machen, den Daumen über Trainer oder Mitspieler zu senken. Bis heute glaubt er allen Ernstes, zum Karrierende gezwungen worden zu sein. Mit 41. Danach musste er sich neu erfinden, den Posten dafür hatte man ihm zur Verfügung gestellt, honoriert mit immer noch beachtlichen 600.000 Euro im Jahr. Nicht wenig für einen Ex-Fußballer mit Buchhalterausbildung.

Zuletzt bot man ihm den Job als Sportdirektor an. Totti ließ sich monatelang Zeit mit der Antwort. Um dann die Türen zu knallen. Beleidigt, weil man ihn vor der Verpflichtung von Paulo Fonseca nicht angehört hatte. Stocksauer, weil er so offensichtlich nicht mehr die Nummer 1 ist.

Willkommen in der Realität, Capitano, der Realität einer Aktiengesellschaft. Willkommen in der globalisierten Unterhaltungsindustrie. Seit acht Jahren hat die Roma keinen Präsidenten mehr, der sonntags in Testaccio gesottenen Ochsenschwanz essen geht. Sondern der die Geschäfte aus Boston führt, unterstützt von einem in London ansässigen, italienischen Berater.

Totti macht jetzt erstmal Ferien (wovon?). Und heuert dann vermutlich bei der Nationalmannschaft an. Also dort, wo man die Italiener vorerst nicht vertreiben will.