Zitat des Tages

„Der Rechtsstaat beweist sich da, wo wir mit Leuten zu tun haben, die wir nicht haben wollen.“

Rechtsanwalt Peter Fahlbusch, Hannover, vertritt Flüchtlinge, die abgeschoben werden sollen. Der Satz gilt übrigens nicht nur für Flüchtlinge.

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Zwei Meilen bis zum Hafen. Oder 2000.

Die Sea Watch liegt zwei Meilen vor Syrakus, mit 47 Flüchtlingen an Bord, die seit einer Woche unterwegs sind. Heftiger Wind und meterhohe Wellen haben den Rettern keine andere Wahl gelassen, als den nächsten, sicheren Hafen anzusteuern. Und der liegt in Italien, wo auf Anordnung der Regierung keine von NGOs geretteten Flüchtlinge mehr an Land gehen dürfen. Die Bürgermeister von Syrakus und Lampedusa haben sich bereit erklärt, die Schiffbrüchigen aufzunehmen. Die Staatsanwaltschaft Catania hat die Regierung aufgefordert, unverzüglich die acht unbegleiteten Minderjährigen von Bord gehen zu lassen.

Weil das Schiff unter niederländischer Flagge fährt, verlangt Arbeitsminister Di Maio (Fünf Sterne) von den Niederlanden, die Passagiere aufzunehmen. „Sollen sie Rotterdam oder Hamburg anlaufen, aber nicht Italien“, sagt Innenminister Salvini (Lega).

Man wünscht sich, dass aus Rotterdam oder Hamburg geantwortet wird: 47 Menschen? Bitte, wo ist das Problem? Natürlich können die zu uns kommen.

Aber es rührt sich nichts. Im Januar 2019 streitet sich Europa über 47 Männer, Frauen und Kinder, die Zuflucht auf unserem reichen Kontinent suchen.

Die zuständigen Politiker tun so, als kämen, wenn man diese Hilfebedürftigen aufnähme, morgen 47 Millionen. Aber das stimmt nicht. Bei der Seenotrettung gibt es keine Präzedenzfälle, und bei Menschenrechten übrigens auch nicht. Umgekehrt gilt: Wer die simpelsten Regeln der Zivilisation missachtet, dem ist eigentlich alles zuzutrauen.

 

Eintracht Neapel

Carlo Ancelotti ist der einzige Trainer in Italien, der wirklich laut gegen Rassismus wird. Anderswo in Europa sei unvorstellbar, was immer noch (und wieder) in italienischen Stadien geschehe, sagt er. Wie er Napoli neues Selbstbewusstsein einimpft und wieviel Bier bei einem Heimspiel des FC Bayern verkauft wird, steht heute in der SZ.

Vorbestraft

Cristiano Ronaldo, einer der reichsten und berühmtesten Fußballer der Welt, läuft seit heute als Vorbestrafter über den Platz. Ein Gericht in Madrid verurteilte ihn wegen Steuerhinterziehung von 5,7 Millionen Euro zu einer Haftstrafe von 23 Monaten. Die CR7 nicht absitzen muss. Hinzu kommt eine Geldbuße von 3,2 Millionen Euro, Zurückzahlung samt Zinsen natürlich auch noch. Cristiano Ronaldo akzeptierte das Urteil – ähnlich wie zuvor Lionel Messi, der 21 Monate kassiert hatte.

Vor dem Gericht unterschrieb CR 7, ganz in Schwarz, mit Brilli am Ohr und in Begleitung der stoischen Georgina oder Josefine oder wie immer sie heißt, ein paar Autogramme und versicherte mit einem Lächeln über 62 Zähne: „Es geht mir blendend.“

War da was? Ehre und Anstand? Leute, totaaal von gestern.

 

Für Giuseppe

Heute vor einem Jahr starb in Crotone Giuseppe Parretta, Sohn der Antimafia-Aktivistin Katia Villirillo. Er wurde 18 Jahre alt. Wenige Stunden vor seinem Tod hatte seine Mutter ihm ein neues Motorrad geschenkt, versehen mit den üblichen, mütterlichen Ermahnungen. Fahre nicht zu schnell, pass‘ auf dich auf, vor allem auf die anderen.

Giuseppe wurde erschossen, weil sein Mörder Salvatore Gerace ihn für einen Polizeispitzel hielt. Gerace handelte mit Drogen. Er fühlte sich von dem jungen Mann beobachtet, der dauernd vor seinem Haus vorbeiging und gleich nebenan die Räume einer ehrenamtlichen Organisation betrat. Der Verein heißt „Libere Donne“, freie Frauen. Katia Villirillo ist die Gründerin und Vorsitzende. Sie kümmert sich um Frauen, die Opfer männlicher Gewalt werden.

Gerace konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mann mit diesem Verein etwas zu tun haben wollte. Er schoss, als Giuseppe wieder einmal seine Mutter besuchte. Und Giuseppe starb in Katias Armen. Zu seiner Beerdigung kam halb Crotone, die Leute waren schockiert und empört. Jetzt, da ein Jahr vergangen ist, ist Katia mit ihrem Schmerz allein.

Sie fühlt sich verlassen, von allen, auch vom Staat. All‘ die Versprechen, ihr mehr Sicherheit zu garantieren, damit sie weiter machen kann mit ihrem Verein, wurden nicht erfüllt. Noch nicht einmal ein paar Videokameras, zur Kontrolle., zu schweigen von neuen Räumlichkeiten, weit weg vom Ort des Verbrechens. Katia macht dort, wo ihr Kind ermordet wurde, weiter mit ihrem Einsatz für die Frauen von Crotone.

Mutterseelenallein.

Im Süden Italiens ist so etwas zum Glück nicht mehr an der Tagesordnung. Aber es ist immer noch möglich, dass eine Gesellschaft und ihre politische Kaste zur Tagesordnung übergeht, nachdem eine Mutter ihren Sohn verloren hat, weil er die Wege eines Kriminellen kreuzte. Garace ist kein Mafia-Pate, nur einer von vielen, die für die ‚Ndrangheta Drogen verkaufen. Ein kleiner Mitläufer, der das größte denkbare Verbrechen begeht. Das Leben eines jungen Menschen auszulöschen, einer Mutter ihr Kind zu nehmen.

Katia Villirillo hat vielen Frauen geholfen, die Opfer von brutalen Männern wie Salvatore Gerace wurden. Ihren eigenen Sohn konnte sie nicht schützen. Sie sagt, dass sie weiter macht, weil sie das Giuseppe versprochen hat

 

Oh, Lässigkeit

Einer meiner Lieblingssprüche aus der Welt des Fußballs ist dieser von Roberto Baggio: „Ich lasse den Ball laufen, der schwitzt nicht.“ Leider spielt Baggio schon länger nicht mehr – er ist 51 – und die, die heute spielen, die müssen rennen, um zu zeigen, dass sie schwitzen.  Lässige Spieler sind sehr, sehr selten geworden, nach dem Abgang von Pirlo und Totti fällt mir eigentlich nur noch Buffon ein. Ab und an mal eine rauchen, ein Gläschen Wein trinken und Nutella löffeln, wer traut sich das denn noch? Die meisten sind doch Hochleistungsmaschinen, angetrieben von Trainern, die den Fußball als Gralssuche nach den allerletzten Wahrheiten betreiben.

Als wäre das Leben nicht sowieso anstrengend genug.

Einer, der das ja nicht so mitmacht, ist Carlo Ancelotti. In München haben sie ihm deswegen vorgeworfen, viel zu lasch zu sein. Sie hätten zu wenig mit ihm gearbeitet, schimpften seine Spieler. Er hätte ja gar nicht richtig trainiert, wussten die Journalisten, und: Er sei nicht innovativ genug. Manche verstiegen sich gar in trauter Kollegenrunde zu der These, der Mann hätte schlicht keine Ahnung.

Mittlerweile ist Ancelotti in Neapel, er möchte da einfach noch eine Runde auf dem Karussell drehen, obwohl es von außen betrachtet ja ein Abstieg ist. Der Champions-League-Gewinner beim Außenseiter.

Und dann passieren solche Spiele wie PSG-Napoli 2:2. Herrlich. Die neapolitanischen Winzlinge Insigne (1,63) und Mertens (1,69) gegen die Riesen Neymar und Cavani mitsamt dem jungen Supertalent Mbappé. Frechheit vorn. Lässigkeit siegt (bis Angel Di Maria kommt, aber der gehört ja in dieselbe Kategorie). Und Tuchel grübelt und grübelt.

Der deutsche Trainer ist nicht zu beneiden auf seinem Schleudersitz. Aber mal ehrlich: Fußball, das hat doch ganz entfernt auch was mit Spaß zu tun, oder? Der Begriff „Arbeit“ wird in diesem Zusammenhang viel zu inflationär gebraucht. (Und das Unwort „Druck“ gehört sowieso verboten).

TT sollte vielleicht mal eine Traingsrunde bei Roberto Baggio einlegen. Oder mit Carletto Tortellini essen, die gibt es ja jetzt auch vegan. Und dann beim Rückspiel in Neapel demonstrativ ein Schächtelchen Pralinen am Spielfeldrand verzehren. Mit Gigi im Tor läuft die Sache schon. Hinterher können sie dann gemeinsam eine quarzen .

 

Der Klunkermann

Er stelle an sich den Anspruch, ein Vorbild zu sein, hat Cristiano Ronaldo in Manchester gesagt, wo er heute abend mit der Juve gegen United spielt. Dabei trug er eine Uhr, die, nunja, nicht nur auffällig war, sondern vollkommen irre. Ein Armbandwecker mit 424 Diamanten und einem Wert von zwei Millionen Euro.  Hier zu bewundern.

Da kann man nur sagen: Der Junge hat nix kapiert. Teure Uhren sind sowieso ein Oxymoron. Nichts und niemand erinnert uns derart unerbittlich wie ein Zeitmesser daran, dass wir vergänglich sind. Hey, jede Sekunde dem Schlusspfiff ein wenig näher! Da sollte man sich die kostbare, unwiderruflich verrinnene Lebenszeit doch besser anders vergolden. Gilt übrigens auch für SPD-Politikerinnen. Auch wenn es nicht um Diamanten geht, sondern um eine Rolex, die, wie es tatsächlich in der Modekolumne des SZ-Magazins steht, zeigen soll, dass man es geschafft hat. „Es zeugt von einem fragwürdigen Weltbild, tradierte Insignien des Erfolgs (zu denen eine teure Uhr gehört) nur einer alteingesessenen Oberschicht zugestehen zu wollen“, steht da.

Wie bitte? Es zeugt vor allem von einem fragwürdigen Weltbild, wenn man als SPD-Frau solche Statussymbole braucht. Und wenn man als Journalistin eine teure Uhr zu „traditierten Insignien des Erfolgs“ zählt. Hey, jede Sekunde dem Schlusspfiff ein wenig näher! (Wir SZ-Sportreporter können uns solche Insignien eh nicht leisten, aber wir sind ja auch gesellschaftlich nicht wichtig).

Zurück zum Goldjungen aus Portugal. Ein Fußballer muss kein Philosoph sein. Auch nicht unbedingt ein Vorbild. Aber als einer der berühmtesten Menschen des Planeten sollte man zumindest eine vage Vorstellung davon haben, wie die anderen neun Milliarden ticken.