Oh, Lässigkeit

Einer meiner Lieblingssprüche aus der Welt des Fußballs ist dieser von Roberto Baggio: „Ich lasse den Ball laufen, der schwitzt nicht.“ Leider spielt Baggio schon länger nicht mehr – er ist 51 – und die, die heute spielen, die müssen rennen, um zu zeigen, dass sie schwitzen.  Lässige Spieler sind sehr, sehr selten geworden, nach dem Abgang von Pirlo und Totti fällt mir eigentlich nur noch Buffon ein. Ab und an mal eine rauchen, ein Gläschen Wein trinken und Nutella löffeln, wer traut sich das denn noch? Die meisten sind doch Hochleistungsmaschinen, angetrieben von Trainern, die den Fußball als Gralssuche nach den allerletzten Wahrheiten betreiben.

Als wäre das Leben nicht sowieso anstrengend genug.

Einer, der das ja nicht so mitmacht, ist Carlo Ancelotti. In München haben sie ihm deswegen vorgeworfen, viel zu lasch zu sein. Sie hätten zu wenig mit ihm gearbeitet, schimpften seine Spieler. Er hätte ja gar nicht richtig trainiert, wussten die Journalisten, und: Er sei nicht innovativ genug. Manche verstiegen sich gar in trauter Kollegenrunde zu der These, der Mann hätte schlicht keine Ahnung.

Mittlerweile ist Ancelotti in Neapel, er möchte da einfach noch eine Runde auf dem Karussell drehen, obwohl es von außen betrachtet ja ein Abstieg ist. Der Champions-League-Gewinner beim Außenseiter.

Und dann passieren solche Spiele wie PSG-Napoli 2:2. Herrlich. Die neapolitanischen Winzlinge Insigne (1,63) und Mertens (1,69) gegen die Riesen Neymar und Cavani mitsamt dem jungen Supertalent Mbappé. Frechheit vorn. Lässigkeit siegt (bis Angel Di Maria kommt, aber der gehört ja in dieselbe Kategorie). Und Tuchel grübelt und grübelt.

Der deutsche Trainer ist nicht zu beneiden auf seinem Schleudersitz. Aber mal ehrlich: Fußball, das hat doch ganz entfernt auch was mit Spaß zu tun, oder? Der Begriff „Arbeit“ wird in diesem Zusammenhang viel zu inflationär gebraucht. (Und das Unwort „Druck“ gehört sowieso verboten).

TT sollte vielleicht mal eine Traingsrunde bei Roberto Baggio einlegen. Oder mit Carletto Tortellini essen, die gibt es ja jetzt auch vegan. Und dann beim Rückspiel in Neapel demonstrativ ein Schächtelchen Pralinen am Spielfeldrand verzehren. Mit Gigi im Tor läuft die Sache schon. Hinterher können sie dann gemeinsam eine quarzen .

 

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Der Klunkermann

Er stelle an sich den Anspruch, ein Vorbild zu sein, hat Cristiano Ronaldo in Manchester gesagt, wo er heute abend mit der Juve gegen United spielt. Dabei trug er eine Uhr, die, nunja, nicht nur auffällig war, sondern vollkommen irre. Ein Armbandwecker mit 424 Diamanten und einem Wert von zwei Millionen Euro.  Hier zu bewundern.

Da kann man nur sagen: Der Junge hat nix kapiert. Teure Uhren sind sowieso ein Oxymoron. Nichts und niemand erinnert uns derart unerbittlich wie ein Zeitmesser daran, dass wir vergänglich sind. Hey, jede Sekunde dem Schlusspfiff ein wenig näher! Da sollte man sich die kostbare, unwiderruflich verrinnene Lebenszeit doch besser anders vergolden. Gilt übrigens auch für SPD-Politikerinnen. Auch wenn es nicht um Diamanten geht, sondern um eine Rolex, die, wie es tatsächlich in der Modekolumne des SZ-Magazins steht, zeigen soll, dass man es geschafft hat. „Es zeugt von einem fragwürdigen Weltbild, tradierte Insignien des Erfolgs (zu denen eine teure Uhr gehört) nur einer alteingesessenen Oberschicht zugestehen zu wollen“, steht da.

Wie bitte? Es zeugt vor allem von einem fragwürdigen Weltbild, wenn man als SPD-Frau solche Statussymbole braucht. Und wenn man als Journalistin eine teure Uhr zu „traditierten Insignien des Erfolgs“ zählt. Hey, jede Sekunde dem Schlusspfiff ein wenig näher! (Wir SZ-Sportreporter können uns solche Insignien eh nicht leisten, aber wir sind ja auch gesellschaftlich nicht wichtig).

Zurück zum Goldjungen aus Portugal. Ein Fußballer muss kein Philosoph sein. Auch nicht unbedingt ein Vorbild. Aber als einer der berühmtesten Menschen des Planeten sollte man zumindest eine vage Vorstellung davon haben, wie die anderen neun Milliarden ticken.

Terremoto in Baviera

Was Italiens Chefpopulisten zur Bayern-Wahl absondern.

Luigi Di Maio, der Vizepremier von den Fünf Sternen:

„Habt ihr gesehen, was in Bayern passiert? Im Mai wird Europa sein Gesicht ändern. Ich habe euch immer gesagt, dass es auch in Europa ein politisches Erdbeben geben wird.

Die Wahl in Bayern bietet darauf nur einen Vorgeschmack. CSU und SPD (Vereinfacht gesagt Forza Italia und PD in Deutschland) verlieren jeweils 10 Prozent. Neue politische Kräfte steigen auf. Insbesondere die Grünen, die ihre Stimmen ganz außerhalb des Links/Rechts-Schemas verdoppeln, zum Beweis dafür, dass Umwelt immer wichtiger wird.

Italien, soviel können wir jetzt sagen, ist der Vorreiter eines Europa, das sich ändert. So wie wir zu seiner Gründung beigetragen haben, werden wie Protagonisten seiner Neugründung sein. Es wird das Ende der Sparpolitik und der Anfang der Solidarität. Der Haushalt für das Volk wird auch in Europa Wirklichkeit.“

Soweit Di Maio, der die Grünen tatsächlich für eine „neue politische Kraft“ hält und ihnen schnell auch noch unterstellt, „weder rechts noch links“ zu sein. Ganz so, als ob die deutschen Grünen die Schwesterpartei der Fünf Sterne wären, die, man muss es hier wiederholen, im Europaparlament eine Fraktion mit Nigel Farages Ukip bilden! Die „Umweltpolitik“ der Fünf Sterne beschränkt sich auf ein Nein zur Hochgeschwindkeitstrasse im Piemont und zur Gas-Pipeline in Apulien. Klimaschutz, Bürgerrechte, Flüchtlingspolitik – allesamt grüne Kernthemen, sucht man bei ihnen vergebens. Mal ganz davon abgesehen, dass die Grünen niemals eine Koalition mit der AfD eingehen würden. Als deren Schwesterpartei outet sich einmal mehr Di Maios Koalitionspartner Lega (Nord). Deren Führer, Di Maios Vizepremier-Kollege Matteo Salvini, bis dato noch engster Freund von Horst Seehofer, schreibt a propos Bayern:

„In Bayern siegt der Wandel und es verliert das alte System der EU, das seit jeher in Brüssel schlecht regiert. Historische Niederlage für Christdemokraten und Sozialisten, während in den bayerischen Landtag zum ersten Mal und in Massen die Freunde von der AfD einziehen. Arrivederci Merkel, Schulz und Juncker!“

Die Riesen-Demo in Berlin wird von beiden geflissentlich ignoriert. Beide, Di Maio wie Salvini, bauen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt, auf Facebook und Twitter. Erstaunlich, dass sie noch Zeit dazu haben. Morgen müsste nämlich eigentlich die italienische Regierung Brüssel ihren Budgetplan vorlegen, der dann am 20. Oktober dem Parlament in Rom vorgestellt werden muss. Der Zeitplan wird voraussichtlich nicht eingehalten. Und das dürfte das Vertrauen der Anleger in Italien noch weiter schwächen.

Wenn das so weiter geht, werden wir bei den Europawahlen im Mai tatsächlich ein anderes Europa erleben. Ein Europa mit einem Italien am Abgrund der Staatspleite.

 

 

„Fußball ist ein Männersport“

…und Frauenstimmen hören sich so hysterisch an. Zu hören in diesem SPIEGEL-Video über die ZDF-Fußballkommentatorin Claudia Neumann. Manchmal fällt mir in diesen Zeiten die fantastische Aktion meines allerersten Redaktionsleiters ein. Es war 1987, ich volontierte bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, Lokalredaktion Recklinghausen.

Eines Morgens hörten wir unseren dicken, Zigarre rauchenden Chef ins Telefon brüllen: „Es reicht jetzt mit Ihren Beleidigungen. Ich entziehe Ihnen hiermit das Abonnement der WAZ! Leute wie Sie haben absolut keine Berechtigung, unsere Zeitung zu lesen!“

Standing ovation.

Gold für’s Vaterland

Wie konnte man bei der Vergabe des Ökonomie-Nobels die beiden Makro-Genies Di Maio und Salvini aus Italien übersehen? Täglich steigen unter ihrer Ägide die Risikoaufschläge für Staatsanleihen, der italienische Schuldenberg (schlappe zwei Billionen Euro, 134 Prozent des BIP) wächst stündlich, die Börsen befinden sich im Sinkflug und wer im März für 10.000 Euro Staatspapiere gekauft hat, der bekäme jetzt noch 8.500 Euro dafür. Noch ist der Gesetzentwurf für den Haushalt 2019 nicht fertig, da warnen schon die Ratingagenturen, den Daumen über Italien zu senken. Und der Chef der Sozialversicherungsanstalt warnt, dass, wer jetzt das Renteneinstiegsalter drastisch senkt, den Jungen die Zukunft verbaut.

Sofort zurücktreten! schallt ihm aus der Regierung entgegen. Den Mahnern von der Nationalbank wurde geraten, sie sollten gefälligst bei der nächsten Wahl kandidieren, wenn sie gehört werden wollten. So weit kommt’s noch, dass hergelaufene Berufsökonomen es wagen, die eigene Herrschaft zu kritisieren!

Dabei ist doch alles ganz einfach. Die Italiener würden halt aus Patriotismus in Staatsanleihen investieren, sagt Matteo Salvini (vormals ausgeübter Beruf: Journalist bei der winzigen Parteizeitung „La Padania“), zu günstigen Konditionen natürlich. Ein genialer Einfall, noch besser wäre eigentlich, man würde sie zwingen, wie das ein gewisser Benito M. mit seiner Kampagne „Gold fürs Vaterland“ schon vorgemacht hat.

Di Maio (vormals ausgeübter Beruf: who knows?) hat auch eine Idee. Dienstwagen für Politiker und Zuschüsse für die Presse streichen. Letzteres droht er seit Monaten der vollkommen unabhängigen „La Repubblica“ an. Staatliche Zuschüsse bekommen im Moment noch die linksalternative „Il manifesto“ und „L’Avvenire“, die Tageszeitung der katholischen Kirche in Italien.

Was mich jetzt auch auf eine geniale Idee bringt: Kirche enteignen, sämtliche, in Hotels umfunktionierte Klöster beschlagnahmen, Vatikan abriegeln, den Trödel aus den Vatikanischen Museen verhökern und die IOR-Bank plündern.

Und dann kann uns Europa mal.

(Achtung: Der letzte Absatz ist Satire. Und wer Italienisch versteht, kann über diese nur leicht übertriebene Pressekonferenz des armen Finanzministers Tria richtig lachen).