Oben bleiben

In der Krise beweist Giuseppe Conte Beharrlichkeit bei größtmöglicher Flexibilität. Er wankt, aber fällt nicht – zweifellos ein Qualitätsmerkmal. Jedenfalls, solange es nur darum geht, nicht unterzugehen, sondern weiter zu treiben und zu trudeln. Gerade, weil er so substanzlos ist, könnte Conte es auch diesmal schaffen, bald aber wird seine Substanzlosigkeit nicht nur für Italien ein großes Problem werden. Oben bleiben ist sein Selbstzweck, doch es ist kein Ziel.

Wofür steht Giuseppe Conte? Ursprünglich war er ein Mann der Schreihals-Bewegung Fünf Sterne, die den parteilosen Professor vor zweieinhalb Jahren als Ministerpräsidenten eines Kabinetts mit der rechtsradikalen Lega aus dem Hut zauberten. Ein Jahr später wurde Conte dann Regierungschef einer neuen Koalition der Fünf Sterne mit dem sozialdemokratischen PD. Allein, dass es ihm gelingt, mit derart unterschiedlichen Partnern zu funktionieren, beweist eine in der deutschen Politik ganz unvorstellbare Elastizität.

Es kam die Pandemie und damit eine der schwersten Krisen in der Geschichte der Republik. Conte navigierte nun mit immer neuen Notverordnungen, die zumeist zu nächtlicher Stunde dem Volk bekannt gegeben wurden. In der Tragödie hielt er Kurs – oben bleiben. Alles andere war ohnehin nicht mehr wichtig, es ging ums blanke Überleben. Auch diesmal wird er es schaffen, denn sein Gegenspieler Matteo Renzi hat den Fehdehandschuh zu früh geworfen. Noch geht es nicht um Programme der Zukunft, um die Konkurrenzfähigkeit, um Klimaschutz und die Verteilung des gigantischen Wiederaufbauhilfe-Kuchens. Sondern um die Abwendung des Untergangs, falls sich die zweite Corona-Welle zu einem Tsunami auswächst.

Conte wird weiter treiben, irgendwie. Vielleicht ist sogar irgendwann Land in Sicht. Spätestens dann aber braucht man Ideen, Projekte und Risikobereitschaft, um nicht abgehängt zu werden. Da hilft kein Pater Pio, dessen Bild Conte tatsächlich in seiner Brieftasche trägt, und auch keine EU, für die der freundliche Professor natürlich das weitaus kleinere Übel ist, verglichen mit dem finsteren Menschenfeind Salvini. Conte verkörpert zweifellos das alte Italien, stets kompromissbereit und immer mit Einstecktuch. Er hat Manieren, er fällt nicht aus der Rolle, er kann moderieren. Bis morgen wird das reichen, für das Übermorgen aber könnte es heute schon zu spät sein.

Rettet das Sauerland!

Das Sauerland ist ja neuerdings ein wenig in Verruf gekommen, wegen eines gewissen Friedrich M.. Halb zu Recht, denn M. verkörpert in seiner brachial-reaktionären Art durchaus den typischen Sauerländer, oder besser: einen Typ Sauerländer, der auch 2021 noch erstaunlich verbreitet ist. Es sind Männer, die im Land der Schieferdach-Nester selbstverständlich weiter Kirchgang, Frühschoppen-Stammtisch und Schützenfest zelebrieren, auch wenn sie längst woanders das große Geld machen und den großen Auftritt haben. Die ihre alten Seilschaften mit Skat und Doppelkopf pflegen und ihre neuen Freunde gern auf die Rotwild-Jagd mitnehmen. Wo sonst gibt es so herrliche Sechzehnender! Dabei wären Frauen nur störend, aber Frauen haben in Seilschaften sowieso nichts zu suchen. Sauerländer wie Friedrich M. sind der Meinung, dass ihre seit Jahrzehnten währende Hetero-Ehe zu Genüge beweist, wie frauenfreundlich sie sind, da braucht es keine Quoten für die Verwaltungsräte. Der Gerechtigkeit halber soll erwähnt werden, dass Frau M. Führungsqualitäten als Chefin des Amtsgerichts in Arnsberg bewiesen hat. In einem Interview schwärmt Charlotte M. von den Kochkünsten ihres Mannes, am liebsten bereite er Spaghetti Frutti di Mare zu. Klingt natürlich viel weltläufiger als Hirschgulasch (Frau M, ist Kommunikationsprofi), lässt aber die drängende Frage unbeantwortet, woher denn in Arnsberg die passenden Zutaten für italienische Küsten-Nudeln kommen.

Nun, M. ist es ja dann definitiv nicht geworden.

Im allgemeinen Palaver um seine Person ging leider unter, dass es ein anderer Sauerländer vor gar nicht so langer Zeit durchaus zum Parteivorsitzenden gebracht hat: Franz Müntefering, ebenfalls aus Arnsberg, war für die SPD Parteichef, Minister, Vizekanzler – alles Posten, die Merz durch die Lappen gingen. Fraktionsvorsitzender immerhin schaffte er, bis Frau Merkel ihn abservierte. Mit Müntefering konnte Merkel gut, am Sauerland kann es also nicht gelegen haben.

Das Markanteste an Müntefering ist sein Sauerländer R. Die Westfalen aus der Ebene können das R nicht so schön rollen wie die Menschen vom Berge, sie haben eigentlich gar kein R, sondern an seiner Stelle ein A: Moagen, Kiache, Aabeit. Ganz abgesehen vom R scheint Müntefering weniger für das Sauerland zu stehen als Merz, obwohl sie den hier gar nicht aussprechen können: Meaz. Doch Müntefering – dritte Ehe mit einer 40 Jahre jüngeren Frau, eine lesbische Tochter, die weltoffenen Toleranz und der Drang nach links – das ist auch Sauerland. Zugegeben eine Minderheit. Im Hochsauerlandkreis, zu dem Arnsberg gehört (das Autokennzeichen HSK wird im Flachland interpretiert als „Hilfe, sie kommen!“) stimmten bei der letzten Bundestagswahl 41,7 Prozent für die CDU, 22,8 Prozent für die SPD, 14,3 Prozent für die FDP, 8 Prozent für die AFD, 5,4 Prozent für die Linke und 4,7 Prozent für die Grünen.

Immer noch vorherrschend: Die Draußen-nur-Kännchen-Mentalität, die Schweineschnitzel-Gaststätten „mit Zigeunersauce“ und die Weihnachtsbaum-Monokultur, die „Holland ist genug Ausland“-Fraktion und Leute, die unter religiöser Mischehe evangelisch-katholisch verstehen. Dabei könnte das Sauerland ein Umbrien Deutschlands sein, als Heimat kräftiger Biere und feiner Schinken, grandioser Hügellandschaften mit dichten Wäldern, saftigen Wiesen, lauschigen Quellbächen, aufregenden Tropfsteinhöhlen.

Aber das Sauerland ist krank, denn seine Wälder sterben. Tausende Hektar Fichtenwald sind verdorrt oder dem Borkenkäfer anheimgefallen, auch der Buchenwald siecht bereits dahin. Das dichte Netz der Wanderwege löst sich gerade auf im Matsch, den die schweren Holzfahrzeuge hinterlassen. Sie transportieren Tag für Tag Abermillionen von Fichtenstämmen ab in Richtung China, wo das Käferholz für die Bauwirtschaft dringend benötigt wird. Das laute Kreischen der Motorsägen durchdringt die Landschaft, es klingt wie ein großes Requiem auf den Wald. Dies irae. Wer sich in diesem düsteren Winter zum Wandern verziehen will, kann davor nicht weglaufen.

Der große Kahlschlag verwandelt das Sauerland in eine Mondlandschaft. Überall tote Fichten, Baumstümpfe, Grau statt Grün. Es ist kein Ende abzusehen, keine Besserung in Sicht.

Für Merz ist das Sterben seiner Heimatlandschaft verstörenderweise kein Thema. Deutschland hat im Moment sowieso andere Sorgen.

Aber wenn der Sommer kommt, wird der Wald nicht mehr da sein, werden die Touristen nicht mehr kommen, werden die Sauerländer nach der Pandemie ihre größte Krise allein bewältigen müssen.

Rettet das Sauerland.

Vergänglichkeit

So weit wie unten sind wir ja leider noch lange nicht. Von der Mohnwiese in Umbrien kann unsereins im Moment nur träumen, wobei Ende April ja auch nicht so weit weg ist. Und bis dahin gibt es zum Glück Tulpen. Aus dem Treibhaus und deshalb nicht Klima neutral, aber bitte: Medizin läuft klimatechnisch außer Konkurrenz und Blumen sind derzeit ein Antidepressivum ohne weitere Nebenwirkungen (Netflix-Serien sind wahrscheinlich die schlimmeren Klimakiller).

Die Nähe zu Holland beschert uns die schönsten Tulpen, in allen Farben. Am Blumenwagen auf dem Markt stehen die Leute an diesem grauen Januartag Schlange. Schönheit hilft! Menschen, die ohne Anlass Blumen kaufen, haben einen Sinn dafür. Sie sehnen sich nach der Schönheit. Sie geben Geld dafür aus, einfach so. Nein, nicht einfach so.

Beim Warten höre ich, wie die Leute vor mir die Blumenhändlerin fragen, wie lange die Blumen denn hielten. Alle fragen das. Ausnahmslos. Manche bemerken, dass die Tulpen jetzt noch nicht so haltbar seien, wie später im Frühjahr, wenn sie vom Feld kommen: „Aber geben sie mir trotzdem die roten.“ Trotzdem. Andere berichten, dass sie länger hielten, wenn man sie in ein kaltes Zimmer stelle. In die Kälte! Man müsste sich also entscheiden, ob man es warm haben möchte oder die Tulpen länger genießen will, bevor man sich neue kauft. Naja, genießen…

Die Sehnsucht nach Schönheit verursacht manchen offenbar ein schlechtes Gewissen. Sie haben gern Blumen aber sie schämen sich ein bisschen, dafür unnütz Geld auszugeben. Unnütz Geld auszugeben, ist für viele Deutsche eine Sünde, außer, es geht ums Volltanken. Sie buchen ihren Urlaub möglichst früh, um zu sparen (hat sich derzeit erledigt). Sie kaufen Champagner bei Aldi. Sie schmieren sich Melkfett ins Gesicht, anstatt den Kühen aufs Euter und Pferdesalbe auf den Rücken.

Als ich dran bin, frage ich nach den weißen Tulpen. Sie sind schon ein bisschen aufgegangen, sehr hübsch. Weiße Tulpen halten nicht so lange, das weiß ich von meiner Mutter. „Weiße Tulpen halten aber nicht so lange“, sagt die nette Blumenhändlerin. Aber sie sind schön, finde ich.

Blumen symbolisieren die Vergänglichkeit von Schönheit. Haltbare Blumen, ein Oxymoron. „Was du alles denkst, wenn du auf dem Markt bist“, sagt mein Lieblingsrömer, der in der Zwischenzeit aus dem westfälischen Homeoffice wieder ein paar StudentInnen in Indien und Aserbaidschan geprüft hat.

„Du bringst mir nie Blumen mit“, zicke ich zurück. Darauf er: „Wir Italiener sagen: Wer einfach so Blumen kauft, macht sich bloß verdächtig.“

Der Ego-Shooter

Matteo Renzi ist zweifellos eines der größten politischen Talente in Italien. Das Problem ist nur: Sein Talent, sich zu verzocken ist noch größer. Genau wie sein Ehrgeiz, seine Hybris und sein Mangel an Skrupeln. Seit Wochen versucht er, Giuseppe Conte mit der Androhung einer Regierungskrise zu erpressen. Vordergründig geht es um „Sachthemen“ wie die Verteilung der Corona-Hilfsgelder, in Wirklichkeit geht es darum, dass Renzi mitsamt seiner Mini-Partei „Italia Viva“ in der durch die Pandemie verursachten Krise zu wenig wahrgenommen wird. Die Leute interessieren sich für Conte, für den Gesundheitsminister, den Regionalminister (!) und die verstörend unfähige Schulministerin. Renzi und seine Getreuen sind seit dem Frühjahr zunehmend aus dem Blickfeld verschwunden. Italien hat gerade andere Sorgen.

Also verlässt er die Regierung, so wie er vor anderthalb Jahren schon seine alte Partei, die PD verließ. Und löst damit eine Regierungskrise aus, mitten in der zweiten Welle und in einer gigantischen Wirtschaftskrise. Renzis Rechnung scheint zunächst aufzugehen: Alle Augen sind auf ihn gerichtet, selbst im Ausland, wenn auch dort vermutlich nur für heute Abend.

Verräterisch sein Hinweis, er wolle die Regierung durchaus weiter unterstützen, wenn es darum gehe, eine Machtübernahme der Rechten zu verhindern. Der Mann sitzt halt gern am Drücker. Mal sehen, ob man ihn weiter mitspielen lässt. Die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht, noch besser stehen jene von Giuseppe Conte, weiter Regierungschef zu bleiben.

Laut Umfragen haben fast die Hälfte der ItalienerInnen nicht verstanden, worum es in dieser Regierungskrise eigentlich geht. Weitaus mehr halten das Theatergewitter für absolut überflüssig und kontraproduktiv. Sie wollen KrisenmanagerInnen statt Ego-Shooter. Und werden Renzi bei der nächsten Wahl wohl endgültig in den Souffleurkasten abschieben.

In Ruinen

Die nächste öffentliche Waschmaschine ist 23 Kilometer entfernt. In unserem Keller steht keine, dafür gibt es einen mittelalterlichen Brunnen, der beweist, dass hier auch schon vorgestern gewohnt wurde. In der Stadt, pittoresk und sehr verbeamtet, scheint es keinen Bedarf an Waschsalons zu geben. Also auf nach Lippstadt, Cappelstraße. Mein Lieblingsrömer ist gespannt, er war noch nie im Waschsalon. Ich bin auch gespannt, denn bei mir ist es Jahrzehnte her. Gab es damals schon Trockner? Wahrscheinlich, von mir aber aus Kostengründen nicht benutzt, weswegen der letzte Eindruck vom Waschsalon das Gewicht der nassen Wäsche in meinem Rucksack war.

Heute ist alles anders. Im Lippstädter Waschsalon steht eine Tchibo-Kaffeemaschine, die Waschmaschinen und Trockner sind neu und riesig, alles ist blitzsauber und Waschpulver gibt es umsonst, wie eine freundliche Dame erklärt. Sie gehört nicht zum Inventar, übernimmt aber sofort die Rolle der Gastgeberin. Ganz, als wohne sie hier. Außer ihr wäscht noch ein schweigsamer junger Mann.

Wir gehen spazieren. Waschzeit ist gewonnene Zeit. Man hat Sozialkontakte (im Salon). Man bewegt sich, während das Trömmelchen läuft. Also einmal um den Marktplatz und dann zur Stiftsruine.

Lippstadts größte Sehenswürdigkeit ist die Ruine der gotischen Kleinen Marienkirche. Eigenwerbung: „Schönste Kirchenruine Westfalens“, mag sein, ich kenne aber auch keine andere. Die Stiftsruine ist keine Kriegshinterlassenschaft und erst recht kein Mahnmal. Vielmehr war die Kleine Marienkirche schon 1819 derart baufällig, dass der Damenstift, dem sie gehörte, auf Instandhaltung verzichtete. Man beschloss, das Gotteshaus einfach verfallen zu lassen. Ohne Moos nichts los.

Eine gute Entscheidung, denn bald darauf kamen Ruinen schwer in Mode. Landschaftsmaler drapierten sie in ihre Bilder aus dem italienischen „Arkadien“ und im Park des Preußenschlosses Sanssouci in Potsdam wurde 1841 eigens ein Ruinenberg angelegt, mit künstlichen Resten, die das alte Rom und das antike Griechenland heraufbeschwören sollten. Der preußische Stararchitekt Schinkel träumte als unbestrittener Großmeister des Archäo-Kitsch sogar von der Überbauung der Athener Akropolis mit einer seiner eklektischen Palastanlagen – ein paar echte Ruinen wollte er dann in den Park integrieren, damit die Leute sehen konnten, dass er einerseits direkt von den alten Griechen abstammte, andererseits aber besser war.

Dazu wurde zum Glück nichts – auch, weil man den Marmor für Schinkels größenwahnsinnigen Palazzo Prozzo nicht beschaffen konnte. Ohne Moos auch hier nichts los, die Menschheit dankt. Der Wittelsbacher Otto zog als erster König von Griechenland in eine bescheidenere Stadtresidenz, das heutige Parlamentsgebäude, und die Griechen behielten ihre Tempel.

Zurück ins Lippstädter Flachland. Gleich hinter der Stiftsruine fließt die Lippe, der Fluß, an dem die Römer einst in Richtung Teuto entlang marschiert sind. Gotik sieht auch im Verfall noch gut aus, ein bisschen Schnee hätte glatt Caspar David Friedrich daraus gemacht. Mit Innenausstattung hätte sie mir allerdings noch besser gefallen.

Nach 58 Minuten ist die 15-Kilo-Maschine fertig. Zum Trocknen bleiben wir drin.

Was soll man sagen: Waschen bildet.

Winterreifen

Wir sind in Deutschland hängen geblieben, ist eine längere Geschichte. Es ist Winter, sogar im Flachland schneit es ein bisschen. Und das erste Mittelgebirge ist ja auch nur ein paar Kilometer entfernt.

„Wir brauchen Winterreifen“, sage ich meinem Lieblingsrömer.

Er schaut von seinem Frühstücksteller hoch. Aus mir unerfindlichen Gründen verzehrt er hier morgens Zuckerbomben, die unter dem Namen Campingbrötchen verkauft werden. Wenn Camperinnen die Zielgruppe sind, muss ich sagen: Wir campen nicht.

„Winterreifen“, sagt er „sind was für Deutsche. Die können nicht Autofahren.“

„Deutsche können nicht einparken“, sage ich. „Aber mit Winter kennen wir uns aus.“

Zuletzt hatten wir diese Diskussion vor exakt elf Jahren. Er musste beruflich von Westfalen nach Zürich, mit dem Zug. Ich kutschierte die Kinder mit dem Auto zurück nach Italien. In Deutschland sprachen alle nur über den bevorstehenden Sturm Daisy. Man war aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Die Autobahnen würden leer sein, prophezeite ich damals, aber ich brauche Winterreifen.

Nach fünf Tagen hitziger Debatte hatte ich sie. Die Autobahnen waren leer. An den Rändern hingen verlassene Autos fest, deren Fahrer offenbar aufgegeben hatten und von irgendwelchen Rettungsdiensten nach Hause gebracht worden waren. Wir rauschten im Rekordtempo durch bis zur österreichischen Grenze, wo wir bei Freunden übernachteten, und am nächsten Tag nach Rom. Daisy war kein Problem für mich. Auch nicht die sieben Stunden und 19 Minuten „Ensel und Krete“-Hörbuch von Walter Moers. Grummligrummligrummligrummli. Heute knallt mir der Sohn Schostakowitsch rein oder Lena Platonos, zweifellos die ultimative Autobahnmusik.

Mein Lieblingsrömer lenkt diesmal verdächtig schnell ein. Es könnte damit zu tun haben, dass wir diesmal zusammen zurückfahren werden. Vielleicht ist es auch Altersmilde.

Wir stellen fest, dass man zum Winterreifen-Aufziehen einen Termin braucht, wie beim Zahnarzt. Der nächste Termin ist kommende Woche. Mein Zahnarzt ist übrigens schneller.

„Ich fahre die Werkstätten ab“, verkündet er. „Das wollen wir doch mal sehen.“

Anderthalb Stunden später haben wir neue Reifen. Wintertaugliche. Der Kompromiss. „Nach 60 Kilometern müssen wir die Muttern nachziehen“, grinst er. „Und du parkst ein.“

Das Original

Lassen wir die Kirche doch mal im Dorf: Das Kapitol ist ein Hügel in Rom. Der gleichnamige Komplex in Washington bezieht sich auf den römischen Berg, weil dieser von alters her als der wichtigste der sieben Hügel in der Ewigen Stadt galt, als Caput Mundi, Haupt der Welt. Der Sitz des Jupiter-Tempels befand sich hier, zum Tode Verurteilte wurden gleich hinter dem Heiligtum in eine Tuffsteinschlucht gestürzt – und bis auf den heutigen Tag ist das Kapitol, inzwischen Campidoglio, das Zentrum des alten Straßen-Netzes. Alle Wege nach Rom werden an ihrer Entfernung zum Kapitol gemessen.

Persönlich habe ich eine enge Beziehung zum Kapitol, weil ich Anno 1996 im Standesamt unten rechts meinen Lieblingsrömer geheiratet habe – im Beisein eines Verkehrspolizisten, auf dessen weißem Helm der Schriftzug SPQR prangte. Senatus Populusque Romanus, Senat und Volk der Stadt Rom.

Mit dem Volk haben die Kapitol-Stürmer von Washington natürlich ebenso wenig zu tun wie jene, die sich auf deutschen Straßen (und Internetforen) lautstark als solches ausgeben. Diese Leute sind nicht mehr und nicht weniger Volk als du, ich und jede andere Biene. Dass sie partout bestimmen wollen, wer zum Volk dazu gehört und vor allem, wer nicht, ist ausgesprochen gruselig. Solche Anmaßung hat in der Geschichte durchgängig für den größten Ärger gesorgt. In Washington ist es gerade nochmal gut gegangen. Das Kapitol steht noch und Trump tritt bald ab. Man kann sich nur wünschen, dass die Garden demnächst genauso schnell auf den Plan treten, wenn der Mob nicht in den heiligen Hallen der Demokratie wütet, sondern gegen Menschen, deren Hautfarbe, Geschlecht oder Frisur ihm nicht passt.

Der Senat im alten Rom tagte gewöhnlich nicht auf dem Kapitol, sondern versammelte sich an anderen Plätzen. Caesar wurde im Pompeius-Theater ermordet, Augustus berief den Oligarchen-Rat in seine Residenz auf dem Palatin ein – der Nachbarhügel wurde Namens gebend etwa für den deutschen „Palast“ und das englische „Palace“. Auf das Kapitol zogen sich die Senatoren nur dann zurück, wenn die Lage richtig brenzlig wurde, weil man sich auf der Anhöhe besser verteidigen konnte. Als im Januar des Jahres 41 nach der Ermordung von Kaiser Gaius, genannt Caligula ein neuer Herrscher gewählt werden sollte, verschanzte sich der Senat auf dem Kapitol vor dem Volk, bei dem Caligula wegen seiner großzügigen Brot- und Geldspenden ziemlich beliebt gewesen war. Die Senatoren aber hassten ihn inbrünstig und ließen ihn am Ende umbringen, weil er sie ausgepresst hatte wie Zitronen und sie zeitweise sogar gezwungen, in seinem gigantischen Palast zur Miete zu wohnen. Das wäre, als wenn Trump die Clintons genötigt hätte, zugige und unrenovierte Gästezimmer im Weißen Haus zu beziehen und dafür Millionen auf sein persönliches Konto zu überweisen.

Nun, wer weiß, was wir aus Washington noch alles erfahren werden. In Rom jedenfalls blieb der Volkssturm auf das Kapitol vor 1980 Jahren aus. Während die Senatoren hitzig darüber debattierten, wer von ihnen neuer Herrscher werden solle, rief das Militär schon Caligula Onkel Claudius zum Kaiser aus. Kunststück, hatte er doch jedem Soldaten 15.000 Sesterzen, schlappe 15 Jahresgehälter, als Prämie geboten. Dem Senat blieb da nur noch, den Putsch abzunicken.

Was lehrt uns das? Erstens: Die Kopie ist immer blasser als das Original. Zweitens: Nichts Neues unter der Sonne. Und drittens: Die Geschichten über Caligula und Claudius sind in den Versionen von Sueton und Tacitus in die Weltliteratur eingegangen .

Von Trump aber bleibt nur Twitter.

Willkommen in der Hölle

Keine Angst, es ist die schönste Hölle, die je erdacht worden ist. Denn 2021 ist das Dante-Jahr – am 14. September 1321, also vor 700 Jahren starb Dante Alighieri fern seiner Heimatstadt Florenz im Exil in Ravenna. In Deutschland lesen Dante nur noch eine Handvoll Literatur- und Italienverrückter, in Italien ist er viel mehr als ein Dichterfürst. Niemand käme auf die schwachsinnige Idee, Filme unter dem Titel Fuck you Dante ins Kino zu bringen. Stattdessen wird seine Komödie in den Schulen gelesen. Jahrelang! Kein Italiener, keine Italienerin machen Abitur, ohne die göttlichen Verse studiert zu haben, mit der zwingenden Erkenntnis, dass die Hölle dem Paradies vorzuziehen ist. Da ist einfach mehr los, da tummeln sich die interessanteren Leute.

In Dantes Welt tauchen nicht nur die Zeitgenossen auf, sondern auch die Altvorderen aus der römischen und griechischen Antike. In Dantes Welt kann man nicht nur im Moment wundervoll abtauchen, kann sich auf eine Reise begeben wie in ein fernes Land. Eine Reise, die immer neue, faszinierende Entdeckungen bereit hält, exotische Gedankengänge, aber auch heimatliche Anwandlungen. Als Guide bietet sich an: Roberto Benigni, dessen Dante-Interpretation in Italien längst Kult ist. Und dann gibt es die Initiative der italienischen Sprachakademie Accademia della Crusca. Jeden Tag stellen die SprachforscherInnen ein Dante-Wort vor, heute ist es „bella persona.“ Die „schöne Person“ stand bei Dante noch für eine ästhetisch angenehme Präsenz, inzwischen beschreibt „bella persona“ die gesamte Persönlichkeit. Eines meiner italienischen Lieblingswörter, ins Deutsche leider nur unzureichend übersetzbar.

In diesem Sinne: Fahrt zur Hölle!

Erste Reihe

Pünktlich vor dem Auftakt der Anti-Corona-Impfung in Europa bringen sich in Italien die Journalisten in Stellung. Sie wollen zwar nicht unbedingt in die erste Reihe, also die der Hochrisikogruppen und des medizinischen Personals, aber doch auf die Überholspur der besonders gefährdeten Berufsgruppen. Auch der Verein der Auslandspresse, dem ich seit 1993 angehöre, strebt nach einem Platz in den vorderen Reihen, vorbei an Putzfrauen und Kassiererinnen, Taxifahrerinnen und Lehrerinnen, Priesterinnen, Kindergärtnerinnen, Landarbeiterinnen und Busfahrerinnen. Oder doch wenigstens keineswegs dahinter. Wie sähe das denn aus? Heute mittag, war, wohl angesichts des bevorstehenden Familienfestes, die Debatte schon so weit, dass sich einige fragten, ob unsere Angehörigen nicht auch gleich mitgeimpft werden müssten.

Als ich bekannt gab, dass ich die Privilegien-Initiative auf gar keinen Fall unterstütze, hielt mich ein Kollege für eine Impfgegnerin. Der nächste gab zu bedenken, wieviele Krankenhausreportagen von Auslandskorrespondenten verfasst werden müssen. Der dritte, ein Deutscher, erklärte, dass er die Überholspur für die Impfung brauche, um ungefährdet von einer Corona-Leugner-Demo berichten zu können. Andernfalls sehe er die Meinungsfreiheit in Gefahr. Zwei Kollegen, darunter auch eine Deutsche, fanden die Risikogruppen-These genauso surreal wie ich.

Natürlich gibt es KollegInnen, die als ReporterInnen im Einsatz sind und deshalb womöglich besonders gefährdet. Meiner Erfahrung nach arbeiten die aber eher in Lokalredaktionen. Wer ein ganzes Land zu beackern hat, ist nicht ständig draußen und kann, anders als LokaljournalistInnen, in einer Gefahrenlage wie der jetzigen durchaus auf eine Krankenhausreportage verzichten. Beziehungsweise sie mit Hilfe von KollegInnen vor Ort verfassen, ohne selbst dort zu sein. Und überhaupt: Die Krankenhäuser sind froh über jeden Reporter, der draußen bleibt!

Ich finde dieses Drängen in die erste Reihe sehr bedenklich. Es kann nicht sein, dass wir uns für wichtiger und systemrelevanter halten als die Menschen, über die wir berichten. In Deutschland scheint es eine solche Journalisten-Initiative nicht zu geben. Im Impfprogramm der nächsten Monate taucht unsere Berufsgruppe nirgends auf. Und hoffentlich bleibt das so.

Ciao Pablito

Flughafen Miami, im Februar 2020. Der Taxifahrer, der uns zur Verwandtschaft an einen Küstenort weiter nördlich bringen wird, ist Brasilianer, ein freundlicher Mann, seit Ewigkeiten in Florida. „Italians?“ Nach drei Sätzen fällt SEIN Name. Paolorossi. Mein Gott, was hat er uns angetan, dieser Paolorossi. 5., 25., 74. Alle drei Tore in Italien-Brasilien 3:2, dem entscheidenden Spiel der Gruppe C bei der WM 1982 in Spanien. Brasilien schied damit aus, Italien wurde Weltmeister nach dem 3:1 im Endspiel gegen Deutschland. Rossi machte dabei das 1:0. Aber an das Finale denkt heute kein Mensch mehr. Nur an das irre Spiel gegen Brasilien, an den kleinen, wendigen, listigen Rossi, diesen ikonenhaften Italiener. Und an seine Tore.

„Paolorossi“, sagt der Brasilianer in Miami, „hat für das Ende meiner Kindheit gesorgt.“ Er wusste das, der Titel seiner Autobiografie ist: Ho fatto piangere il Brasile. Ich habe Brasilien zum Weinen gebracht. Man hasste ihn dort. Paolorossi persona non grata. Der Taxifahrer sagt, prinzipiell habe er nichts gegen uns, weil wir Italiener seien, nur gegen Paolorossi. Ich verzichte darauf, ihm zu beichten, dass ich aus dem 7:1-Land stamme.

Wir nannten ihn Pablito.

Eravamo trentaquattro, adesso non ci siamo più
E seduto in questo banco ci sei tu
Era l’anno dei Mondiali quelli dell’86
Paolo Rossi era un ragazzo come noi

Sta crescendo come il vento questa vita tua
Sta crescendo questa rabbia che ti porta via
Sta crescendo, oh, come me

L’estate nell’aria, brindiamo alla maturità
L’Europa è lontana, partiamo, viva la libertà
Tu come stai?
Ragazzo dell’86.

Pablito war ein Ragazzo des Jahres 1956. Heute ist er weggeflogen, wie der Wind in Antonello Vendittis Lied, das jeder, aber auch wirklich jeder Italiener, der Anfang der 80er schon sehen und fühlen konnte, mitsingen kann. Und auch, wenn Antonello hundertmal versicherte, mit dem Paolo Rossi in seinem Lied sei eigentlich ein antifaschistischer Student gemeint, logisch, denn Pablito spielte die WM 1986 gar nicht mehr. Und auch, wenn wir schockiert waren, als er für die „Postfaschisten“ von Alleanza Nazionale kandidierte: egal. So egal wie die Verwicklung in den Wettskandal, die ihm zwei Jahre Sperre einbrachte, ihn die Teilnahme an der EM 1980 kostete. Um ein Haar hätte er auch noch Spanien verpasst. Der Fußball ist keine moralische Anstalt, außer vielleicht in Deutschland, das seinem größten Star und besten Spieler nicht die Mauscheleien um das „Sommermärchen“ verzeiht. Rossi war nie ein Volksheld wie Maradona, aber populär wie wenige. Vielleicht auch deshalb, weil viele in Italien so hießen und heißen wie er. Paolorossi war ein Allerweltsname wie Gerd Müller.

Rossi stammte aus Prato in der Toskana. In der Nähe von Arezzo verbrachte er seine letzten Jahre auf einem Bauernhof mit Zimmervermietung, in Siena ist er heute gestorben. Er gehörte zu den ganz seltenen Fußballern, die man stärker mit der Squadra Azzurra in Verbindung brachte als mit ihren Vereinen. Bei ihm waren das vor allem Lanerossi Vicenza und Juventus, wo man ihn schon 1973 entdeckte und wohin ihn Agnelli und Boniperti 1981 zurück holten. Mit Juve gewann er zwei Meisterschaften, einen Pokal der Pokalsieger und den Landesmeister-Pokal im verfluchten Match im Heysel-Stadion.

Man wusste, dass er krank war. Und doch kann man es nicht fassen. Denn Rossi ist immer Pablito geblieben, auch als älterer Herr war er immer noch so zierlich, so listig und verschmitzt wie damals. Dazu diese charmante Schüchternheit. Ein ewiger Bruder Leichtfuß. Möge er im Himmel weiter spielen.