Esel in Quarantäne

Unser Esel Nando ist am 11.11.11 geboren. Ein echter Karnevalsprinz also. Aber Nando weiß natürlich nichts von Karneval. Er kennt keine fünf Jahreszeiten, sondern nur trocken und nass, warm und kalt, Heu und Karotte. Nando ist ein ziemlich schüchterner, mittelmäßig störrischer Esel. Dass wir ihn nach Nando Mericoni benannt haben, den Protagonisten des Kult-Films „Un Americano a Roma“, ist ein Witz. Unser Nando ist keine Knalltüte wie Mericoni, sondern für einen Eselhengst unglaublich sanft. Ich sage jetzt nicht: verträumt, weil das eine Unterstellung wäre.

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In der Fünfer-Herde geht Nando immer ein bisschen unter, weil er sich nicht so nach vorn drängelt wie seine Verwandtschaft. Dafür ist er nachts am lautesten. Jedesmal, wenn ein Wildschwein oder ein Stachelschwein in seine Nähe kommt, schreckt Nando aus seinem Schlaf auf und fängt empört an, zu trompeten. Daher weiß ich, dass das Nachtleben rund um die Eselwiesen aufregender ist als in den Movida-Vierteln von Rom. Anstatt Eselmilch zu produzieren, wie ahnungslose Städter-Freunde mir seit Jahren nahelegen, sollte ich endlich den Jagdschein machen und mich nachts mit einem Gewehr bei Nando verschanzen. Nein, ich habe kein Mitleid mit Wildschweinen. Stachelschweine würde ich natürlich laufen lassen. Die stehen unter Schutz, auch wenn sie als „umbrischer Kaviar“ gelten.

Zurück zu Nando. Und Auftritt Dottore Carlo. Das ist unser Tierarzt, vielmehr: Der Eselarzt. Das Kleinvieh hat einen anderen Doktor. Carlo, der Vet also, drahtig, alterslos, zu jeder Jahreszeit im T-Shirt, absolviert mit seiner mobilen Praxis täglich zwischen 300 und 400 Kilometern, hügelauf und hügelab. Er kommt immer, wenn man ihn ruft. Egal, ob Wochenende ist oder Weihnachten, Tag oder Nacht. Vor allem kommt er nach dem ersten Einsatz ungefragt nochmal wieder, um zu kontrollieren, ob es den Viechern besser geht. Der Mann ist der Beweis dafür, dass im Umgang mit Tieren vor allem Charisma zählt. Er tritt auf, und die Belegschaft wird ruhig. Keiner trompetet, keiner rennt weg, keiner wird ruppig. Wenn Carlo mein Hausarzt wäre, dann hätte ich ein sorgenfreies Leben. Aber als Eselarzt ist er natürlich auch schon mal sehr beruhigend.

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Nando, der Sanfte, hat entzündete Augen. Zum Glück nichts Schlimmes, sondern nur eine lokale Entzündung durch Spelzen im Heu. Also zehn Tage Antibiotikum und Augensalbe. Bei Nichtbehandlung kann so eine Spelze übrigens wirklich gefährlich werden, es droht sogar die Erblindung. Heute morgen sah es schon besser aus.

Forza, Nando!

 

Von Grafen und Gefangenen

Die Zeit der Quarantäne – soeben ist sie auf die Woche nach Ostern verlängert worden – führt dazu, dass man seine Familienangehörigen und FreundInnen entweder dauernd sieht, weil man mit ihnen eingeschlossen ist. Oder halt überhaupt nicht. In meinem Fall ist die Isolierung von meinem gesamten Umfeld seit dem 9. März total. Aber auf dem Land genießt man immerhin das ungeheure Privileg, an der frischen Luft sein zu dürfen. Man kann spazieren gehen! Gerade hat das Innenministerium zwar Eltern mit Kindern erlaubt, einen kleinen Gang zu machen – jedoch nur in unmittelbarer Nähe der Wohnung. Radius 200 Meter. Den Regionen Lombardei und Kampanien ist selbst das zuviel. Sie halten die Freigabe des Mini-Spaziergangs für das falsche Signal. Italien ist noch nicht über den Berg. Noch lange nicht. Ein Land gefangen in den Klauen der Lungenpest, das den Gefangenenchor, diese heimliche Nationalhymne, in den Wohnzimmern singt.

Ich bin noch nie soviel gelaufen wie in diesen Wochen. Täglich acht bis zehn Kilometer, allein, durch die Felder. Ich laufe dem Virus, vor allem aber der eigenen Einsamkeit davon. Den Schreckensnachrichten, den Schreckensbildern. 12.500 Tote, als wären wir in einem Krieg. Nur weg davon, laufen und laufen, damit man nachts überhaupt schlafen kann. Manchmal treffe ich draußen auf meine Nachbarn aus dem übernächsten Haus, einen erlaubten Stadtspaziergang von 200 Metern entfernt. 20 Jahre lang sind unsere Beziehungen nicht über einen freundlichen Gruß hinausgegangen. Jetzt bilden wir eine Notgemeinschaft in gemeinsamen Wanderungen mit Sicherheitsabstand.

Meine Nachbarin A. kennt sich aus mit Zwangsisolierung. Sie ist eine beeindruckend toughe Mittsechzigerin, vor ihrer Pensionierung leitete sie eines der beiden römischen Gefängnisse. Ihr Mann, ein überaus freundlicher und leiser Signore, war im Gefängnis von A. der Arzt. Die beiden sind die perfekte Gesellschaft in diesen Zeiten, abgeklärte, lebenserfahrene Menschen, die wissen, was es wirklich bedeutet, eingesperrt zu sein. Und mich daran erinnern, dass unsere Sozialsperre dagegen ein Spaziergang ist.

Vor Wochen gab es in Italiens Gefängnissen Revolten und Ausbruchsversuche gegen eine Verordnung, die im Zuge des allgemeinen Lockdown für die Dauer-Eingeschlossenen auch noch Hafturlaub und Besuche strich. 12 Menschen starben. Eine Ungeheuerlichkeit, die im allgemeinen Corona-Schrecken unterging.

Italiens Haftanstalten sind dauerüberfüllt, quasi im Jahrestakt hagelt es deshalb Ermahnungen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ich habe aber auch Modell-Gefängnisse erlebt, vielleicht nicht von ungefähr handelte es sich um die beiden letzten Haftanstalten auf Inseln. Die eine ist Nisida, ein winziges Eiland, das durch eine Brücke mit Neapel verbunden ist. Auf Nisida befindet sich das Jugendgefängnis. Die Insassen sind Jugendliche, die dort zum ersten Mal Mannschaftssport treiben können (Straßenfußball gibt es in Neapel schon seit vielen Jahren so gut wie gar nicht mehr), die sich handwerklich betätigen, die zur Schule gehen. Das alles in einer Festungsanlage aus bourbonischer Zeit, mit Blick auf Golf und Vesuv.

Die andere Gefängnisinsel heißt Gorgona und gehört zu Livorno. Dorthin führt keine Brücke, man muss einen Antrag stellen und mit einem Polizeiboot fahren, 34 Kilometer über das Tyrrhenische Meer.

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In der griechischen Mythologie waren die Gorgonen wilde Monster, das berühmteste unter ihnen war die Medusa, deren Schreckensblick Menschen versteinern ließ. Und aus Stein, genauer aus kargem, grauen Fels ist auch die Insel Gorgona. Zwei Quadratmeter groß, nur sieben Dauerbewohner plus rund 70 Gefangene und ihre Bewachung. Die Nachbarinsel ist Montecristo, wo Alexandre Dumas seinen Roman „Der Graf von Monte Christo“ spielen ließ, übrigens ein fantastischer Schmöker für diese langen Wochen, richtig mitreißende, saftige Unterhaltungsliteratur.

Nach Gorgona brachte mich vor Jahren der Marchese Frescobaldi, ein berühmter und sehr reicher Weinbauer aus Florenz. Frescobaldi lässt seit 2011 Wein auf der Insel anbauen, die Strafgefangenen pflegen und ernten die Trauben. Der Vino schmeckt nicht schlecht, ist aber mit rund 80 Euro pro Flasche unfassbar überteuert, wofür Frescobaldi natürlich die Ausrede parat hat, die Anbaubedingungen seien derart schwierig, dass er dabei noch draufzahle. In Wirklichkeit lässt er sich die Exklusivität des Gefängnisweins teuer bezahlen. Gorgona-Wein gibt es halt nur einmal auf der Welt. Der Marchese propagiert ihn mit dem berückend geschmacklosen Slogan „Ein Wein mit dem Geschmack nach Freiheit.“

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Einer der Arbeiter im Weinberg dieses Florentiner Edlen war Benedetto Ceraulo. Ein drahtiger Mann mit einem fein geschnittenen Gesicht und einer ruhigen, überlegten Art. Beruf? „Sagen wir: Maurer.“ Aber als Maurer wurde Ceraulo nicht bekannt, sondern als Killer des Modeunternehmers Maurizio Gucci. Im März 1995 tötete er Gucci vor dessen Mailänder Wohnung mit drei Schüssen in den Nacken und einem ins Gesicht. Auftraggeberin für den Mord war Guccis Ex-Frau, die dem Killer angeblich 500 Millionen Lire gezahlt hatte, umgerechnet etwa eine Viertelmillion Euro. Ceraulo kam nach Gorgona und wurde Kellermeister des Edelwinzers Frescobaldi. Für ihn sei das, so sagte der Gucci-Mörder, wie ein Sechser in der Lebenslotterie. Bezahlt wurde er nach Gefangenen-Tarif, knapp fünf Euro die Stunde.

Die Häftlinge von Gorgona sind privilegiert, weil sie einen Großteil des Tages außerhalb ihrer Zellen verbringen können. Alle arbeiten. Sechs Stunden täglich, von sieben bis 13 Uhr, sind sie mit ihrer Selbstversorgung beschäftigt. Sie melken Kühe, Ziegen und Schafe, sie schlachten ab und zu ein Schwein für Schnitzel, Braten und Wurst. Sie versorgen den großen Gemüsegarten hoch über dem Meer, den Salat, die Paprika, Kohlköpfe, Tomaten, Kartoffeln, Auberginen und Artischocken. Sie backen Brot aus dem Hartweizenmehl, das vom Festland gebracht wird. Sie produzieren ihr eigenes Olivenöl und Käse auch für andere Haftanstalten.

Wenn sie von ihrer Zeit in einem normalen Gefängnis erzählten, waren das Berichte aus der Hölle. Schaudernd erinnerten sich die Inselgefangenen an die Untätigkeit in überfüllten Zellen auf dem Festland. Dass es an allem mangelte, an warmem Wasser, an Bettdecken. Am allermeisten aber, das sagten sie alle, habe ihnen gefehlt: der Blick nach draußen. Dieses ewige Starren auf eine Mauer. Oder durch ein vergittertes Fenster aus Plexiglas auf eine andere Mauer. Die Überfahrt nach Gorgona sei ein Schock gewesen. Nur Meer, nur Weite, endlos. Auf der Insel, sagten die Gefangenen, hätten sie wieder sehen gelernt.

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Dorf-Solidarität

Manche kapieren es früher, andere später, nur Donald Trump kapiert es wahrscheinlich nie: Man kann sich Gesundheit nicht kaufen. Und man kann die so genannte Corona-Krise nicht allein bewältigen. Nicht als einzelner und nicht als Staat.

In die Dorf-Festung platzte am Wochenende die Nachricht, dass im Nachbarort zwei Menschen erkrankt sind. Natürlich wissen alle, um wen es sich handelt und in der Schlange vor dem Bäcker lauteten manche Kommentare so, dass man sich spontan wünschte, gleich nach dem Impfstoff gegen Corona solle bitteschön ein Mittel gegen die Dummheit gefunden werden. Letzteres wird dann wohl nicht in Erfüllung gehen, obwohl es doch längst erwiesen ist, dass Dummheit nicht nur in Krisenzeiten den allergrößten Schaden anrichtet. Eine Frau sagte, die Betroffenen hätten keine Schuld daran, dass das Virus sie erwischt habe. Sie führten nämlich ein Geschäft und seien wahrscheinlich von ihrer Kundschaft angesteckt worden. Schuld! Als ob das überhaupt die Frage sein könnte! Das Dorf kann gruselig sein.

Während ich also solche Gedanken hegte, hörte ich über mir die Stimme von Orietta. Sie stand auf ihrem Balkon, rauchte eine und zischte: „Gehst du immer noch ohne Maske einkaufen?“ Ich antwortete, ich hätte keine. Woher nehmen? „Warte“, befahl Orietta – überflüssigerweise, ging in ihre Wohnung und warf mir ein kleines Päckchen vom Balkon. Drinnen, in Plastik, zwei Masken. „Auskochen, trocknen lassen, aufsetzen!“

Das ist Dorfsolidarität. Helfe allen, damit es allen hilft.

Italien bedrückt in diesen Tagen auch die mangelnde Solidarität der EU-Partner, namentlich jener Staaten im Norden, die so tun, als seien die verheerenden Zustände im Süden doch irgendwie hausgemacht. Die also allerhöchstens neue Kredite an Spanien und Italien vergeben wollen, als wäre deren Notsituation nur eine Neuauflage der Finanzkrise. Die Deutschen vertreten (noch) diese Position, aber die Hardliner sind diesmal die Niederländer. Es ist irre: Die Fragilität der unter der Schuldenlast zusammengesparten Gesundheitssysteme Italiens und Spaniens werden implizit für das Desaster verantwortlich gemacht. Weil sie sich kaputtgespart haben, sollen die Südländer jetzt noch mehr Schulden machen, um irgendwelche Kriterien zu erfüllen, die auch im Norden schon obsolet werden. Als sei die bessere Ausstattung mit Beatmungsgeräten eine Belohnung für gutes Wirtschaften und die Katastrophe in der Lombardei die Bestrafung für Schlendrian. Dabei haben Deutschland und andere ein wenig Glück im Unglück gehabt, die Italiener hingegen kolossales Pech. Das Virus grassierte hier, wie man jetzt weiß, schon seit Ende Dezember. Italien ist einfach früher betroffen worden, ohne dass die Ärzte im Norden ahnten, wieso auf einmal so viele ältere Menschen an Lungenentzündung starben.

In der SZ hat der Ökonom Achim Truger, einer der Wirtschaftsweisen der Bundesregierung, dazu ein paar kluge Gedanken geäußert. Die EU-Staaten müßten „verhindern, dass die Finanzmärkte gegen Italien und Spanien spekulieren und die staatlichen Finanzierungskosten nach oben treiben. Wir stehen am gleichen Punkt wie in der Eurokrise. Damals wurde lange gezögert, die Schuldenstaaten erhielten kein Vertrauen. Wenn wir zögern wie in der vergangenen Krise, bricht der Euro auseinander – und wahrscheinlich die EU.“

Truger ist für Corona-Bonds, die gemeinsam zurückgezahlt werden. „Die Auflagen dürfen nicht scharf sein. Viele Länder in Südeuropa haben in der Eurokrise stark gelitten. Italien und Spanien wollen sich nicht an den Eurorettungsfonds ESM wenden, weil sie an den Finanzmärkten abgestempelt werden könnten. Alle Länder sollten beim ESM Hilfe beantragen, dann ist keiner stigmatisiert.“

Sobald sich die Wirtschaft erhole, würden die Schulden tragbar sein, sagt der Experte. „Zu überlegen ist, ob die EZB einen Teil der Corona-Anleihen aufkauft und stilllegt, um die Schulden zu reduzieren. Als eine Art Stunde null. Wenn das wirklich die größte Krise seit dem Krieg ist, sollte man groß denken. Was hilft es uns, wenn wir in Deutschland das Virus und die Wirtschaft in den Griff kriegen, aber die anderen Euroländer es nicht tun? Die Krise ist nicht der Moment für Erbsenzählerei.“ Oder, wie es Romano Prodi flapsiger formulierte: An wen wollen die Holländer eigentlich ihre Tulpen verkaufen, wenn diese Geschichte endlich ausgestanden ist?

Zum Abschluss wieder ein Italien-Bild. Diesmal aus dem Freskenzyklus von Sodoma im Kloster von Monte Oliveto Maggiore. Wenigstens im Moment sollten wir das Wie-Hund-und-Katze-Sein den Hunden und den Katzen überlassen.

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Geduld

Während außerhalb der Lombardei die Kurve zusehends verflacht, wird im Süden Italiens das nächste Feuer entfacht: Der Aufstand der Armen. In Palermo bewacht die Polizei jetzt die Supermärkte, zur Abwehr von Plünderungen! Die Leute sind verzweifelt, viele wissen nicht, wovon sie ihre Einkäufe bezahlen sollen. Experten warnen vor Revolten und vor einer Mafia, die zuletzt geschwächt erschien, nun aber Profit aus der Notlage ziehen könnte. Eines ihrer Kerngeschäfte ist der Kredit zu Wucherzinsen.

Der ökonomische und soziale Absturz kommt nicht nach der Pandemie, sondern während der Pandemie. Auch diese Lehre könnten die Europäer aus Italien (und leider auch aus dem so grauenhaft verwüsteten Spanien) ziehen, wenn sie sich denn dazu bequemen möchten. Bevor es zu spät ist, für Europa. Dazu hier der eindringliche Appell der italienischen Schriftstellerin Francesca Melandri, die auch daran erinnert, wie privilegiert diejenigen sind, deren Hauptproblem jetzt gerade ist, ihre Kinder zu Hause zu haben oder niemanden zu Hause. Die also einfach mal eine Weile aus ihrer Routine raus sind und jetzt nicht viel mehr beweisen müssen als Geduld und Flexibilität. Gesunde Leute ohne Existenzsorgen haben im Moment schlicht kein Problem.

Davon abgesehen macht uns die Lage natürlich allen zu schaffen. Seit Tagen (und Nächten, denn Schlaf ist in diesen Zeiten ja auch ein Luxus) frage ich mich, wieso ich es trotz aller Tolle-Filme-Listen, die liebe Freunde und Familienmitglieder schicken und Kollegen veröffentlichen, einfach nicht bringe, mich mit schlichtem Film-Schauen abzulenken. Da stieß ich auf ein Interview mit Paolo Legrenzi, einem Psychologie-Professor aus Venedig.

Legrenzi sagt, wir seien in Katastrophenzeiten überhaupt nicht auf Ablenkung gepolt. Vielmehr laufe es so: Erst Unterschätzung, dann Angst, dann Panik, dann Erleichterung. Was uns in Italien angeht, sind wir exakt zwischen Phase zwei und drei, also zwischen Angst und Panik. Und da schafft man es offenbar nicht, sich auf irgendetwas vollkommen Abwegiges zu konzentrieren. Weil man beim Seriengucken sowieso immer die anderen Bilder im Hinterkopf hat. Die Schreckensbilder der Realität.

Seitdem ich das kapiert habe, bin ich auf dem Zauberberg. Also im Roman von Thomas Mann. Absolut das Buch zur Lage. Es geht um Quarantäne, es geht um Lungen, es geht um die Welt der Kranken und den fernen Planeten der Gesunden („im Flachland“).

Es geht also um uns.

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Demut

Wenn ich mir meine Einträge von vor zehn, ach was sieben Tagen ansehe, befällt mich ein Gefühl der Scham. Wie lange es doch braucht, bis man kapiert, was hier geschieht! Also, jedenfalls habe ich lange gebraucht. Mich lange gesperrt gegen dieses grauenhafte Zahlengewitter allabendlich um 18 Uhr, wenn der Zivilschutz die neuen Zahlen veröffentlicht. Gegen die unerträglichen Bilder aus Bergamo. Heute kann ich unsere Vorfahren im Sommer 1914 etwas besser verstehen, die ähnlich kalt erwischt wurden: Attentat in Sarajewo und auf einmal war Krieg. Aus heiterem Himmel ist unser Alltag angehalten, unser ganzes Leben. Und wir wissen nicht, wie es weitergeht.

Es ist Krieg, jedenfalls in Italien. Und leider inzwischen auch in Spanien. In Großbritannien und in den USA, wo alles noch viel schlimmer ist, weil die Menschen noch nicht einmal ein staatliches Gesundheitssystem haben und dazu einen aggressiven Idioten als Staatenlenker. 75.000 Kranke, 7.500 Tote, bei weitem nicht nur alte Leute. Das ist Italien, wo in den letzten vier Tagen die gleichbleibende Zahl von 3.500 Neuansteckungen schon für vorsichtigen Optimismus sorgt. 3.500 täglich.

Sicher, auch in diesen Zeiten darf man es weiterhin absurd finden, dass das Innenministerium ein tägliches Alternativ-Bulletin verabschiedet. 228.057 Polizeikontrollen mit 8.310 Anzeigen an einem Tag! Macht seit Beginn der Ausgangssperre 2,5 Millionen Kontrollen mit 109.964 Anzeigen nach Paragraph 495 und 650 StGb. Die Jagd auf Ungehorsame scheint also ziemlich erfolgreich zu sein, leider handelt es sich jedoch um einen Nebenkriegsschauplatz. Denn der eigentliche Kampf wird Gottseidank nicht von der italienischen Polizei geführt, auch nicht von der Politik oder den Ökonomen, sondern von WissenschaftlerInnen. Die gute alte Schulmedizin wird uns retten! Leute, deren Waffe ihr durch gründliches, geduldiges Studium angeeignetes Wissen ist und ihr Mut zum Experiment. Der kranke Westen wird von Ärzten kuriert, die nicht nur rund um die Uhr in den Krankenhäusern arbeiten, sondern auch in den Labors.

Darauf zu warten, bis es soweit ist, das ist jetzt die große Demutsübung. Und irgendwann kann man dann wieder schauen, wie es den anderen geht. Zuerst natürlich den eigenen Lieben. Und dann denen, die in diesen düsteren Zeiten an die heitere Seele Italiens erinnern. Wie dieser Knoblauchverkäufer an den Salinen von Trapani.

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Festung

Jetzt, da so gut wie niemand mehr herein kann oder heraus, gleicht das Dorf wirklich einer Festung. Wenn es sie gäbe, hätte man wohl auch noch die Zugbrücke hochgezogen. Da liegt dann das winzige Centro Storico, eine Piazza, eine Kirche, zwei Straßen, ein Adelspalast, eine Terrasse über dem Tibertal. Und das neue Dorf mit den Reihenhäusern, einigen größeren Eigenheimen mit Garten, dem sozialen Wohnungsbau. Ein Tante-Emma-Laden, ein Getränkehandel mit ein paar Lebensmitteln, ein Metzger (der zweite hat zu Jahresbeginn zugemacht), ein Bäcker, ein Tabakladen mit Zeitungen, eine Apotheke. Zweimal in der Woche kommt ein Gemüsehändler (der Juwelier!), einmal der Fischwagen. Eigentlich gar nicht schlecht für so eine Siedlung mit 1000 Einwohnern. Die Bauernschaft kommt noch hinzu, sie ist sehr weitläufig. Obst- und Gemüsegärten, Olivenhaine, Wein, Hunde und Hühner. Heute morgen, als es schneite, habe ich einen Pfau gesehen, so prächtig wie ein Traumbild.

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Wie wird das mit dem Dorf? Keiner ist infiziert, offiziell. Auch im Nachbarort nicht, in den wir ab heute sowieso nicht mehr fahren dürfen. Erst zehn Kilometer weiter gibt es drei Infizierte, gestern waren es vier.

Es bleiben alle zu Hause. Wenn in Italien ein Viertel der Bevölkerung über 65 ist, so ist es hier knapp die Hälfte. Die Alten haben Angst. Es sind ja auch keine Ärzte da. Normalerweise wechseln sie sich montags bis freitags ab in der Sprechstunde in einem winzigen, ungeheuer spartanischen Untersuchungszimmer neben der Gemeindeverwaltung. Jetzt kommen die Ärzte nicht. Nur die wirklich allerhärtesten 80-Jährigen turnen bei eiskaltem Nordwind in ihren Olivenbäumen herum, weil die unbedingt jetzt noch zurück geschnitten werden müssen. Das sind dieselben, die cool den Motor ihres Ape-Pritschenwägelchen abstellen, wenn’s bergab geht.

Die beiden Apothekerinnen tragen rotkarierte Atemschutzmasken, es sieht aus, als hätten sie eine Serviette im Gesicht. Den lustigen und deshalb zauberhaft beruhigenden Mundschutz hat die Signora Bruna genäht. Bruna näht für das ganze Dorf. Eigentlich kann man auch Nudeln bei ihr bestellen oder Crostata, eine Art Linzer Torte mit selbstgemachter Sauerkirschmarmelade. Das geht jetzt aber leider auch nicht. Bruna ist in ihrem Häuschen mit der hohen Treppe verbarrikadiert. Hochrisikogruppe, sie ist 90. Wenn sie doch mal Einkaufen geht, trägt sie eine ihrer Masken. Grün, blau, rotkariert.

Das Dorf hält sich wacker. Die Müllabfuhr funktioniert, sie kommt weiter täglich. Der Bäcker macht diese großartige, umbrische Osterpizza mit Schafskäse und Pfeffer. Der Gemüse-Juwelier hat Artischocken. Am Samstag kommt der Büffelzüchter aus dem Tal hochgefahren und verkauft seine Mozzarella.

Abgeschottet waren wir ja irgendwie schon immer. Außer in der Ferienzeit, wenn die Städter kommen und ihre Zweithäuser beziehen. Leute aus Rom, aber auch aus Brüssel, aus Wien und Hamburg, sogar ein japanisches Ehepaar aus New York. Jetzt ist bald Ostern und wir werden unter uns bleiben. Keiner darf rein und keiner darf raus.

Aber irgendwann wird die Bar wieder aufmachen. Und die Pizzeria. Und die Festung wird zum Leben erwachen.

Gesundheit!

Nie war die Großfamilie so bedroht und so wichtig wie in diesen Zeiten. Das gilt natürlich auch für unseren italo-deutsch-amerikanischen Clan, der sich über Ländergrenzen und Meere hinweg in einer Whatsapp-Gruppe austauscht. Es wird debattiert, es werden lustige Videos geschickt, früher ging’s um Fußball, heute geht’s klarerweise um Miss Corona. Eine von uns, Mutter zweier Kleinkinder, arbeitet als Ärztin einem norditalienischen Krankenhaus. Sie schreibt:

„Leider hat nicht nur Trump das Problem unterschätzt. Auch hier sind fatale Fehler begangen worden. In primis, was das Personal im Gesundheitswesen anbelangt. Ärzte, die buchstäblich wie Kanonenfutter behandelt wurden, mit bloßen Händen in den Kampf geschickt. Das ist die Realität. Bis zur Notverordnung am 10. März haben wir unsere Patienten ohne Mundschutz untersuchen müssen, um keine Panikstimmung zu erzeugen. Jetzt sehen wir, was das gebracht hat. Inzwischen sind viele Ärzte krank und sie haben vor allem auch andere angesteckt.“

4824 Personen aus dem Gesundheitsbereich sind infiziert, doppelt soviel wie in China. Natürlich gibt es Verantwortliche dafür, genauso wie es Verantwortliche gibt für die erschreckend hohe Zahl der Toten. Seit Tagen wird gerätselt, wieso die Seuche in vielen anderen Ländern, vor allem aber in Deutschland weniger tödlich ist als in Italien. Angeblich werden in Deutschland nur diejenigen erfasst, die ausschließlich an Corona gestorben sind, während die Italiener MIT Corona sterben, aber mehrere Vorerkrankungen hatten. Aber es schält sich immer deutlicher heraus, dass das bei weitem nicht der einzige Grund ist. Vielmehr sind ältere Italiener weniger gesund als ältere Deutsche. Sie werden weniger umsorgt, dabei ist ein Viertel der Bevölkerung über 65. Es fängt damit an, dass man den Zahnarzt bezahlen muss. Es geht weiter mit Monate langen Wartezeiten für die Diagnostik, von einer OP mal ganz zu schweigen. Italienische Hausärzte setzen keine Spritzen, sie verschreiben höchstens welche. Ihre Diagnose-Gerätschaft beschränkt sich zumeister auf die Auskultation und, wenn man Glück hat, auf den Blutdruckmesser. Die Folge ist, dass alle sehr viel weniger häufig zum Arzt gehen als in Deutschland. Wie oft haben wir uns über die wehleidigen Deutschen lustig gemacht, die wegen einer Erkältung zum Doktor rennen oder über den Kreislauf klagen! Italiener haben keinen Kreislauf, frotzelten wir. Wir brauchen keine Beta-Blocker, wir haben unser tolles italienisches Essen. Und jetzt haben wir den Salat.

Gerade in den Regionen des Nordens haben zudem rechte Verwaltungen das Gesundheitssystem kaputtgespart. Krankenhausbetten gestrichen, Krankenhäuser geschlossen, Planstellen gestrichen. Im Süden gibt es unfassbar wenige Hospitäler, in Kalabrien habe ich die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die normalerweise in Katastrophengebieten und armen Ländern im Einsatz ist, Erntearbeiter behandeln sehen. Das Schiff Italien hat schon lange Schlagseite, jetzt droht es endgültig zu sinken. Sicher, auch die irre Sparpolitik der EU hat ihren Anteil. Plötzlich wird sie obsolet. Aber wird das auch so bleiben? Werden wir uns daran erinnern, dass ein Staat und erst recht ein Staatenverbund nur stark ist, wenn er seine Schwächsten schützt?

Jetzt wird so getan, als sei die Analyse fehl am Platz. Als sei es obszön, die Verantwortlichen zu benennen. Stattdessen wird den Krankenhausleuten vom Balkon applaudiert, werden Durchhalteparolen ausgegeben, sowie Heldensagen erzählt von 85-Jährigen Ärzten, die in den OP zurück kehren (kein Witz!) und 30-Jährigen Jungmedizinern, die an die Front ziehen.

Auf Seite 4 der Süddeutschen finde ich heute diesen Kommentar:

„Bisher halten die Menschen tapfer durch. Es gibt größere Helden, jene, die in Krankenhäusern ganz vorne stehen im verzweifelten Kampf, im Wissen, um im Kriegsvokabular zu bleiben, dass auch sie fallen können. So wie in der 45 000-Einwohner-Stadt Lodi, wo ein Arzt an Covid-19 gestorben ist, der 18. in Italien. Und dann gibt es die zahllosen kleinen Helden. Sie sitzen seit drei Wochen zu Hause, viel drastischer eingesperrt als hier, viele geplagt von Existenzängsten, viele allein, denn die italienische Großfamilie unter einem Dach kommt im Klischee öfter vor als in Wirklichkeit. Trotzdem bewahren die allermeisten Fassung und Disziplin.“

Fassung und Disziplin? Ein ganzes Volk bezahlt hier gerade mit umfänglichster Freiheitsberaubung die Fehler einer politischen Kaste, die das öffentliche Gesundheitssystem ins Koma versetzte, weil sie sich Privatleistungen erlauben konnte. Heute zerren Soldaten auf dem Hauptbahnhof in Mailand die Reisewilligen von den Bahnsteigen, während in römischen Parks Drohnen rebellische Spaziergänger aufspüren sollen (es gab keine). Wo war das Militär, wo bleibt die Polizei, wenn in der Notaufnahme von Neapels Krankenhäusern geschossen wird, wenn dort Ärzte zusammen geschlagen werden, weil sie einen Camorrista nicht rasch genug behandeln? Ich will mich darüber gar nicht weiter verbreiten, sondern lasse lieber die junge Ärztin aus unserer Familie sprechen:

„Es wäre schön, wenn alle einfach ihre Pflicht erfüllten, anstatt von Helden zu reden. Man soll uns schlicht die Bedingungen schaffen, in denen wir unsere Arbeit machen können.“

China hat Ärzte und Geräte geschickt. Russland hat Ärzte und Beatmungsmaschinen geschickt. Kuba hat Ärzte geschickt.

Nach Kuba sandte mein Mann vor Jahren kiloweise Papier an seine Kollegen – die Unis im Castro-Reich hatten keines mehr. Gestern bekam er eine Mail von einem ehemaligen Doktoranden aus China. Der junge Ingenieur fragte nach unserer Adresse, um uns ein Paket mit Atemschutzmasken zu schicken.