Salvinis Krieg gegen die Schwächsten

Tweet des italienischen Innenministers Matteo Salvini am 18. Juni 2019 um 11:49 Uhr: „Diese verdammte Diebin soll für dreißig Jahre ins Gefängnis gehen. Es soll dafür gesorgt werden, dass sie keine Kinder mehr bekommt und ihre armen Sprößlinge sollen anständigen Familien zur Adoption gegeben werden. Punkt.“

Vielleicht ist das der Tiefpunkt. Oder doch: Der Tiefpunkt der Woche. Denn täglich, nein stündlich verabreicht der Hetzer sein Gift über die asozialen Medien, sorgt dafür, dass es „den Italienern“, wie er sich in Abgrenzung nichtitalienischer BürgerInnen dieses Landes ausdrückt, langsam eingeträufelt wird. Stetig wird die Dosis ein wenig erhöht, und schon jetzt ist die Atmosphäre derart vergiftet, dass rechtsextreme Angriffe auf Minderheiten an der Tagesordnung sind.

Die „verdammte Diebin“, auf die sich der Minister einschießt, ist eine 33-jährige Roma aus Bosnien, die ihre wegen verschiedener Eigentumsdelikten kassierten Haftstrafen wegen elf Schwangerschaften nicht antreten musste. Die italienischen Haftanstalten sind chronisch überfüllt und deshalb immer wieder ein Fall für den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Menschenrechte. Diritti dell’uomo. E della donna. Im Wortschatz und im Bewusstsein von Matteo Salvini und seiner Anhänger kommt das nicht vor.

 

 

 

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Wer kommt. Und wer geht.

Maurizio Sarri bei Juventus, da reibt man sich die Augen. Sarri, der Trainer mit 20 Stationen in 30 Jahren. Sarri, der als Napoli-Coach und ewiger Zweiter die Juve auf das Inbrünstigste verfluchte – der Fuchs, dem die Trauben zu hoch hingen. Sarri, der alte, weiße Mann, Bukowski-Leser, Kettenraucher, immer im Trainingsanzug, nie um einen kessen Spruch verlegen, wenn es zum Beispiel gegen Frauen geht. Hier die Antwort auf die sachliche Frage einer ihn natürlich siezenden Journalistin: „Du bist eine Frau, du bist hübsch, sonst würde ich sagen, steck ihn dir in den Arsch.“

Hier die unfassbare Attacke gegen den damaligen Inter-Trainer Roberto Mancini. „Er mich Schwuchtel und Tunte genannt. Er ist ein Rassist. Solche Leute dürfen nicht im Fußball arbeiten“, sagt Mancini in dem drei Jahre alten Video. Heute stapelt er tief: „Schnee von gestern. Sarri war im Ausland und hat da sicher viel gelernt. Er ist eine Bereicherung für den italienischen Fußball.“ Mancini ist inzwischen Nationaltrainer, Juve immer noch die Säule der Squadra Azzurra.

Was hat Andrea Agnelli bloß geritten, Maurizio Sarri zu verpflichten? Der Sieg in der Europa League? Eine neue Liebe zum Offensivfußball? Oder der Sparzwang, nachdem er sich mit Cristiano Ronaldo ganz unerwartet doch ein wenig übernommen hat?

Und was hat Francesco Totti geritten, nach seiner Kündigung bei der Roma eine Pressekonferenz im Ehrensaal des Olympia-Komitees einzuberufen und sich darin geschlagene 90 Minuten als Opfer internationaler Intrigen darzustellen? Zu behaupten, der ewig abwesende US-amerikanische Klubeigner Pallotta wolle die Römer aus dem Verein treiben. Sich zu beklagen, weil er bei wichtigen Entscheidungen nicht gefragt wurde – um dann aber zuzugeben, dass Claudio Ranieri auf sein Betreiben hin als Übergangslösung nach Di Francesco geholt wurde. Wie jetzt: Nichts zu sagen haben und dann doch im Alleingang einen Trainer anheuern können?

Soviel Anmaßung ist entlarvend – aber nicht für das Klubmanagement, sondern fuur Totti selbst. Als Spieler war er gewöhnt, bei der Roma gutes und schlechtes Wetter zu machen, den Daumen über Trainer oder Mitspieler zu senken. Bis heute glaubt er allen Ernstes, zum Karrierende gezwungen worden zu sein. Mit 41. Danach musste er sich neu erfinden, den Posten dafür hatte man ihm zur Verfügung gestellt, honoriert mit immer noch beachtlichen 600.000 Euro im Jahr. Nicht wenig für einen Ex-Fußballer mit Buchhalterausbildung.

Zuletzt bot man ihm den Job als Sportdirektor an. Totti ließ sich monatelang Zeit mit der Antwort. Um dann die Türen zu knallen. Beleidigt, weil man ihn vor der Verpflichtung von Paulo Fonseca nicht angehört hatte. Stocksauer, weil er so offensichtlich nicht mehr die Nummer 1 ist.

Willkommen in der Realität, Capitano, der Realität einer Aktiengesellschaft. Willkommen in der globalisierten Unterhaltungsindustrie. Seit acht Jahren hat die Roma keinen Präsidenten mehr, der sonntags in Testaccio gesottenen Ochsenschwanz essen geht. Sondern der die Geschäfte aus Boston führt, unterstützt von einem in London ansässigen, italienischen Berater.

Totti macht jetzt erstmal Ferien (wovon?). Und heuert dann vermutlich bei der Nationalmannschaft an. Also dort, wo man die Italiener vorerst nicht vertreiben will.

Von der Schwäche der Antifaschisten

Endlich regt sich hier mal was gegen täglich dreister kläffende Rechtsextreme. Der Präsident der Region Piemont (PD) und die Bürgermeisterin von Turin (5 Sterne) haben gemeinsam den Verleger Francesco Polacchi wegen Verherrlichung des Faschismus angezeigt. Polacchi, dem der Kleinstverlag AltaForte gehört, der unter gerade anderem ein neues Interview-Buch mit dem Lega-Duce Matteo Salvini herausgebracht hat, hatte sich in Interviews eindeutig geäußert. Er sei Faschist und der Antifaschismus sei die wahre Plage Italiens.

Salvini würde das zwar so nicht sagen. Aber nicht von ungefähr hielt er vorige Woche eine Wahlkampfveranstaltung von einem Balkon in Forlì ab, auf dem seit Mussolini kein Politiker mehr gesprochen hatte. Von diesem Balkon hatte Mussolini auch der Hinrichtung von vier Widerstandskämpfern zugesehen. Der Bürgermeister von Forlì aber auch viele Bürger protestierten empört gegen die Verhöhnung der Resistenza durch Salvini. Mehr passierte nicht. Man fragt sich, warum der Staatspräsident nicht mal deutlich wird gegen die kaum verbrämte neofaschistische Hetze des Innenministers. Oder auch jene opportunistische Mehrheit der italienischen Journalisten, die Rechtsextreme seit Jahren als ganz normale Politiker präsentiert.

Der Faschismus erstarkt, weil er es kann. Die RAI sendet einen naiven (?!), völlig unkritischen Beitrag über die Wallfahrt von „Nostalgikern“ zum Mussolini-Grab, in dem sich etwa die Europa-Parlamentarierin (!) Alessandra Mussolini über die „Zuneigung zu meinem Opa“ freut. Frau Mussolini sitzt in den Reihen der EVP, das nur nebenbei. Morgen, also ausgerechnet am 8. Mai, hat der Auslandspresseclub in Rom, dem ich seit 1993 angehöre, den Kandidaten Caio Giulio Cesare Mussolini von der neofaschistischen Partei „Fratelli d’Italia“ eingeladen. Nicht obwohl, sondern NUR, weil er Mussolini heißt. Pittoresk, nicht wahr? In der SZ hatte der Typ leider auch schon seinen Auftritt

Dass Italiens Neofaschisten auch richtig ungemütlich werden können, steht auf Spiegel Online. Nicht im Netz verfügbar, jedenfalls nicht gratis, ist mein Essay über Italiens Digitalfaschisten für das Schweizer Republik-Magazin.

Deshalb hier nur ein kleiner Auszug:

„Das neue Blau des Matteo Salvini ist ieine optische Täuschung. Sein politisches Herz ist so schwarz wie das seiner Verbündeten, der Neofaschisten von Casa Pound und Forza Nuova und der selbsternannten Postfaschisten von „Fratelli d’Italia“ (Brüder Italiens). Anstatt sich vom Faschismus zu distanzieren, lobt Salvini lieber die guten Werke des alten Duce, wie die Einführung der Rentenkasse und die Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe. Den Antifaschismus bezeichnet er derweil als „Instrument zur Ablenkung der Massen.“ Und kassiert dafür den Applaus derjenigen, deren historisches Gedächtnis nicht weiter reicht als jenes ihres Internet-Browsers. Das sind in Italien viele und durchaus nicht nur in Nicht-Akademikerkreisen. Die Tabuisierung der historischen Mitverantwortung hat Tradition in einem Land, das sich zu Recht auf seine antifaschistische Resistenza berufen kann, aber hinter dem Mythos der Vaterlandsbefreiung gegen die deutschen Besatzer die riesige Unterstützung für den eigenen Duce allzu beflissen unter den Teppich kehrt. … Als die sozialdemokratische Vorgängerregierung 2017 ein Gesetz zur Strafverfolgung von faschistischer Propaganda (darunter auch die Duce-Kalender) einbrachte, wurde es von einer großen Koalition der Rechten mit den Fünf Sternen abgeschmettert – als Versuch gegen die Beschränkung der Meinungsfreiheit.

Der Faschismus gehört noch immer dazu, weil ihn keiner endgültig auf den Abfallhaufen der Geschichte befördert hat. Gerade tanzt er in seinem neuen Kleid als Digitalfaschismus in einen neuen Frühling hinein. Was Benito Mussolini, der seine journalistische Karriere in der sozialistischen Emigrantenpresse von Lugano begann, als faschistischer Diktator mit Zeitungen und dem Radio gelang, und der Medienzar Silvio Berlusconi in den 1990er Jahren mit seinen Fernsehsendern betrieb, das schafft Salvini nun per Internet: Wählerstimmen gerieren, Konsens schaffen, Kritiker ausgrenzen.

Das Geniale daran: Die Möglichkeit, einen Kommentar abzusondern, gibt auch Salvinis politischen Gegnern das Gefühl, sich einmischen zu können. (…) Aber es handelt sich um eine bloß suggerierte Partizipation. Die Kritik geht unter in den entfesselten Statements jener Anhänger, die als anonyme Masse überhaupt kein Blatt vor den Mund nehmen müssen. Und Salvinis Staff kommentiert oder zensiert keine der sexistischen oder rassistischen Äußerungen zu den Minister-Tweets. So bietet der Social-Media-Auftritt des Polizeiministers eine legitimierte Plattform für demokratiefeindliche Hasstiraden.“

Am 25. April, dem Nationalfeiertag zur Erinnerung an die Befreiung von Faschismus und Nationalsozialismus, habe ich an der Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde Rom teilgenommen. Bernhard-Henri Levy hielt eine sehr eindringliche Rede. Die italienische Verteidigungsministerin Trenta (5 Sterne) sprach ebenfalls, genau wie Roms Bürgermeisterin und Antonio Tajani. Der Präsident des Europaparlaments hatte kürzlich im Radio daher geschwätzt, Mussolini habe auch Gutes geleistet. Jetzt ging er darauf mit keiner Silbe ein, entschuldigte sich auch nicht, sondern gab den kämpferischen Verteidiger der italienischen Juden. Peinlichst. Gruselig. BHL war zum Glück schon gegangen. IMG-20190425-WA0010

Wenige Meter weiter fand die offizielle Demo des Partisanenverbandes statt. 70.000 Teilnehmer (bei der Jüdischen Gemeinde waren ungefähr 200 und wir vermutlich die einzigen Nichtjuden). Darunter auch eine Abordnung von „Free Palestine“, die dafür gesorgt hatte, dass Roms Juden auch diesmal wieder nicht zur Antifa-Veranstaltung kamen. Der Partisanenverband hat lieber „Free Palestine“ bei seiner Demo zum 25. April als die Erben der Jüdischen Brigade in der Resistenza. Deshalb gibt es seit Jahren zwei Veranstaltungen.

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Was haben die Palästinenser mit dem 25. April zu tun? Italien 2019 ist ein Land, das sich der eigenen Vergangenheit nicht stellen mag. Ein Land, in dem die Antifaschisten lieber ihre Vorurteile, Empfindlichkeiten und Tabus pflegen, anstatt gemeinsam den neuen Führern der Rechten entgegen zu treten.

Und deshalb haben die Faschisten wieder leichtes Spiel.

Unser Mark Knopfler

Die Deutsche Akademie für Fußballkultur, der ich seit vielen Jahren angehöre, hat 2019 zum „Trauerjahr für den Fußball“ erklärt. Klingt bombastisch. Aber wieso sollten wir ausgerechnet jetzt einer Sache nachweinen, die es schon lange nicht mehr gibt, ja, die es vielleicht nie gegeben hat? Die Vorstellung, dass Fußball ein reines Vergnügen war, um das uns erst vor kurzem schlimm korrupte Funktionäre gebracht haben, ist reichlich naiv und vielleicht nicht von ungefähr auf Deutschland begrenzt. Die Deutschen haben ja auch an ihr Sommermärchen 2006 geglaubt, also daran, die WM 2006 durch Fleiß, Tüchtigkeit und die besseren Ideen zugeschanzt bekommen zu haben. Eine Phantasie, bei der beispielsweise Italiener und Südamerikaner in schepperndes Hohngelächter ausbrechen würden.

Ein Gutes hat das merkwürdige Akademie-Motto jedenfalls: Endlich hat da mal einer meinen Kollegen Thomas Kistner interviewt. Bigger than life, der Kistner. Ihn unbestechlich zu nennen, wäre verniedlichend. Er schrieb schon über Doping und Bestechung im Sport, als wir alle noch bunte Märchen von tapferen Rennradprofis und treuherzigen Volkstribunen auf den Fußballplätzen erfanden. Wir dichten, Kistner denkt. Wir sind Dudel-Pop, er ist Mark Knopfler. Analyse statt Legende (dieses Wort gehört sowieso auf den Index). Zählt eins und eins zusammen, entlarvt die Strippenzieher und die Machtgeilen, die Korrupten und ihre Zahlmeister. Das alles immer schön lakonisch. Cool, cooler, Kistner. Als Kostprobe hier ein Zitat aus dem Interview, das man sich am besten ganz zu Gemüte führen sollte:

„Beim Fußball blicken wir auf eine Industrie, die immer größere Milliardensummen durch die Weltgeschichte transferiert. Weshalb? Weil der gleiche schlichte Kicker jetzt eben zehn Millionen, 20 oder 80 mehr kostet, der Markt hat sich halt so entwickelt. Der Markt! Da hockt dann so ein junger Kerl mit 20 oder 22 Jahren, oft genug kommt er direkt von der Straße, und kann seine Freundin oder auch die Nebenfreundin gar nicht genug zuwerfen mit all dem Geld. Profitieren tun natürlich auch die eigentlichen Akteure im Hintergrund, vorneweg die Berater. Es ist ein völlig sinnloser, alles andere als schätzenswerter Prozess. Das gehört eigentlich gestoppt, weil es nicht sinnloser geht – und in modernen Zeiten auch nicht geschmackloser.“

Den Fußball wird es wohl noch eine Weile weiter geben, als das, was er in den letzten 100 Jahren war: Pure Unterhaltungsindustrie. Die Fußballkultur als Konstrukt drumherum könnten wir wohl so langsam einmotten.