Was erlaube Kurz?

Auf zwei schlampig hingepfuschten Seiten lehnt das Quartett Österreich, Niederlande, Dänemark und Schweden den von Merkel und Makron vorgeschlagenen Wiederaufbaufonds für die von der Pandemie gegeißelten EU-Südländer in Bausch und Bogen ab. Man wolle keine „Schuldenunion durch die Hintertür.“ Wie offenbar die deutsche Bundeskanzlerin und der französische Staatspräsident. Statt Milliardenzuschüssen wollen die vier „Sparsamen“ nur Milliardenkredite ausgeben. Ja, wo kommen wir denn da hin. Wir haben nichts zu verschenken!

Das ist kurzsichtig, kleinkrämerisch und ökonomisch vollkommen unsinnig. Es ist aber auch ein bisschen lächerlich. Wenn man, nur mal so zum Beispiel, vergleicht, was Spanien und Italien zum EU-Haushalt beitragen und was hingegen Österreich einzahlt, fällt einem unweigerlich der großartige Trapattoni ein: „Was erlaube Kurz?!“

Ich muss zugeben, dass mir seine Brüder im Geiste nicht ganz so plastisch vor Augen stehen wie das nassgescheitelte Kanzlerchen Kurz. Vielleicht, weil ich ohne Österreich gar nicht leben könnte. Zu meinen allerliebsten Menschen gehören Österreicherinnen und zu meinen allerliebsten DichterInnen sowieso. Aber was hat KK (Kanzler Kurz) mit Joseph Roth oder mit Stefan Zweig zu tun? Oder mit den Geschwistern Menasse und Thomas Bernhard? KK fällt ja schon deshalb aus der Reihe, weil ich mich nicht erinnern kann, dass ein österreichischer Regierungschef jemals derart adrett aussah – in meiner Kindheit war allerdings auch Bruno Kreisky aktuell, zu dem sich dieser dynamische 33-Jährige verhält wie die aktuelle SPD-Führung zu meiner Kindheitstroika Bandt-Schmidt-Wehner. Und das liegt natürlich nicht am Alter.

Sehr gut kann ich mich hingegen daran erinnern, dass Kurz bis vor Jahresfrist mit der FPÖ regierte, namentlich mit einem gewissen Ibiza Strache als Stellvertreter. Dass er Straches Absturz nicht nur politisch überlebte, sondern bei Neuwahlen sogar zulegen konnte, ist sicherlich weniger seinem überragenden Talent zuzuschreiben, sondern hat eventuell auch mit einem Mangel an Alternativen und chronischen Aussetzern im kollektiven Kurzzeitgedächtnis mancher ÖsterreicherInnen zu tun – wobei dieses Kurzzeitgedächtnis gut und gern einen Zeitraum von acht Jahrzehnten umfassen kann.

Vermutlich wird KuK (Kanzler und Kurz) bald zurückrudern in punkto EU-Wiederaufbau. Aber der Schaden ist erstmal groß. Was ihm schnuppe sein kann, Hauptsache, man hat ihn gehört. Also innenpolitisch. Und draußen auch ein bisschen. Für den Niederländer Rutte, der nicht so nassgescheitelt ist wie Kurz, dafür aber viel nassforscher daherredet, gilt das auch. Und Schweden verordnet gerade die Sozialdemokratie neu, irgendwo weiter rechts, womit nicht Richtung Osten gemeint ist.

Dänemark und Schweden liegen von Italien aus betrachtet auf einem anderen Planeten. Zuletzt hatte man bei der EM 2004 mit ihnen zu tun, als ein verdächtig perfektes skandinavisches Unentschieden die Azzurri aus dem Turnier kegelte. Aber wen interessiert heute Fußball? Der Österreicher hingegen bringt die römische Politik ordentlich in Wallung. Was erlaube Kurz?! Nicht nur, dass er auf seinem überschaubaren Geld sitzt, als würde das den Kohl für Italien fettmachen. Vor allem hält er eisern die Grenzen geschlossen. Der Brenner bleibt dicht. Nur Deutsche dürfen ab dem 3. Juni über KuK-Land nach Italien rein und aus Italien wieder raus, anhalten in Österreich allerdings ist verboten. Italiener dürfen umgekehrt nicht durch Österreich nach Deutschland fahren und nach Österreich einreisen, um dort zu bleiben, schon mal gar nicht. Unter Italienern versteht KuK überraschend auch SüdtirolerInnen, dabei hatte er denen vor gar nicht langer Zeit die doppelte Staatsangehörigkeit angeboten (bis zu einem seiner vielen Rückzieher).

Und jetzt: Von wegen kleiner Grenzverkehr! In Rom wird vermutet, Wien wolle Urlaubsreisen von Österreichern nach Süden verhindern und sie den Deutschen zumindest ein wenig erschweren. Damit die dann lieber in Österreich Urlaub machen?

Trapattoni würde sagen: „Sage nie Katze, bevor du sie im Sack hast.“

 

China liest mit

Seit ein paar Wochen wird dieser Blog auch in China gelesen. Eine deutsche Italienfreundin? Ein Südtiroler mit Heimweh? Eine Kollegin?

Vielleicht ja auch jemand ganz anders. Who knows. Fest steht: Wenn das Wort China in einem deutschsprachigen Blog auftaucht, dann liest China mit. Huànying!

Italiens Dilemma

Je näher der Juni rückt, desto mulmiger wird es uns. Mit wem man auch spricht, im Norden oder im Süden, immer fällt der Satz: „Wenn das nur gut geht.“ Ab dem 3. Juni dürfen Italiens BürgerInnen sich nach drei Monaten Reiseverbot von einer Region in die andere bewegen. Drei Monate lang haben wir aus Umbrien die Nachbarregion Latium aus dem Fenster zwar gesehen, sie ist nämlich nur fünf Kilometer Luftlinie entfernt. Aber betreten durften wir sie nicht. Erst in zwei Wochen wieder.

Die Sache ist, dass die Regierung zur allgemeinen Überraschung auch AusländerInnen erlaubt, sich ab dem 3. Juni frei im Land zu bewegen. Gleichzeitig mit den Regionalgrenzen werden die Landesgrenzen geöffnet – und das geht vielen zu schnell. Denn das Virus ist durch den strengen Lockdown stark zurück gedrängt, in manchen Regionen gibt es seit Wochen null Neuansteckungen. Andere, wie die Lombardei, verzeichnen täglich hunderte Neuinfizierte und müssen nach wie vor viele Todesfälle beklagen. Der zuständige Minister droht damit, betroffene Regionen erneut abzuriegeln. Aber wie soll das gehen, wenn die TouristInnen erstmal im Land sind?

Ministerpräsident Conte hat heute erneut an alle appelliert, Zusammenrottungen zu vermeiden. Es sei jetzt halt keine Partytime. Die Medien bringen Bilder von Gruppen junger Leute, die zum Aperitif die Bars füllen, dazu empörte Kommentare. Ganz ehrlich, verglichen mit den Bildern aus München, wo an der Isar schon wieder gegrillt wird und im Englischen Garten gefeiert, wirken die norditalienischen Bars unterbesetzt. Vor allem aber: Wie will man ausländischen TouristInnen vermitteln, dass sie in ihrem Urlaub keine Partys feiern können und sich gefälligst per App auf dem Strand ihrer Wahl anmelden – wenn sie nicht in eine Badeanstalt gehen, was in diesem Jahr noch teurer ist als gewöhnlich.

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Am besten blieben Italiens Strände in diesem Sommer so leer wie hier bei Tindari, Sizilien, im September 2018. Am besten für die Gesundheit von Natur und Mensch. Derzeit ist es noch verboten, die Liege oder das Handtuch auf dem Sand zu platzieren, nur Spazieren gehen und Schwimmen sind erlaubt. Aber das wird nicht so bleiben.

Italien braucht den Tourismus, nur deshalb werden die Grenzen so frühzeitig geöffnet. Früher als in Spanien und in Frankreich, wo das Virus ähnlich wütet, der Schuldenberg aber nicht so groß ist. Deshalb sollen sie einrollen, die BesucherInnen aus dem Norden, deshalb bleibt es deren Sensibilität überlassen, ob sie die Not ihrer Gastgeber verstehen oder nicht.

Wenn das nur gut geht.

Dauereinsatz

Vor dem Ausbruch der Seuche standen vor dem Eingang des Supermarktes immer zwei, drei junge Nigerianer. Sie boten sich zum Einräumen der Einkäufe ins Auto an, um die Münze aus dem Einkaufswagen zu bekommen. Sie fragten nach einer kleinen Spende.

Jetzt sind die Nigerianer verschwunden. An ihrer Stelle bewacht ein maskierter  Uniformierter den Eingang, sorgt dafür, dass alle den Sicherheitsabstand in der Warteschlange einhalten, regelt den Zugang zum Supermarkt, damit der Laden nicht zu voll wird. Wer hereingeht, wird von ihm angewiesen, die bereit stehenden Plastikhandschuhe überzustreifen. Wer herausgeht, wird aufgefordert, die gebrauchten Handschuhe in eine Extratonne zu entsorgen. Das geht so seit Anfang März. Zwischendurch konnte ich ein paar Wochen nicht in den Supermarkt, weil er im Nachbarort liegt und wir unser Heimatdorf nicht verlassen durften. Inzwischen ist Einkaufen in der gesamten Region Umbrien erlaubt. Der Uniformierte steht immer noch vor dem Supermarkt, ganz allein. Zeit für ein Gespräch.

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Zweieinhalb Monate hat er an sechs Tagen in der Woche Dienst geschoben, von morgens um acht bis abends um acht. Keine besonderen Vorfälle, aber manche Leute seien schon anstrengend gewesen. Es gebe halt immer jene, die es für eine Zumutung halten, in der Schlange zu stehen wie alle anderen, und dann auch mal eine halbe Stunde warten zu müssen. Andere, die ihre Handschuhe von zu Hause mitbrächten und nicht einsähen, dass das aus hygienischen Gründen nicht gehe. Aber eigentlich: bewundernswerte Disziplin.

Wenn die Schlange schrumpft, raucht er schnell eine Zigarette. Gegen den Stress oder die Langeweile, beides ist übrigens durchaus identisch. Er steht sich ja die Beine in den Bauch bei einer wahnsinnig öden Tätigkeit, die zugleich Konzentration erfordert. Von acht bis acht.

Oben im Ort wird es langsam wieder lebendig. Die Geschäfte sind seit dieser Woche wieder offen, die Leute sind unterwegs, flanieren durch das schöne Zentrum mit den herrlichen Ausblicken in die Umgebung. Man kann endlich aufatmen, in der ganzen Region gibt es weniger als 80 Infizierte, im Ort selbst keinen mehr. Umbrien hat es erst einmal geschafft.

Unten vor dem Supermarkt sagt der Wachmann: Am 7. Juni werde ich abgezogen. Dann komme der nächste Einsatz – am Strand. Die Supermarktkunden hätten es jetzt begriffen, da werde kein Wachpersonal mehr gebraucht. Aber am Strand, da müssten die Leute erst noch lernen, wie es geht. Vor allem die Kinder und die Touristen, die möglicherweise ja doch kämen. Der Strand gelte als nächste Gefahrenzone.

Er wird natürlich seine schwarze Uniform tragen, dazu Atemschutzmaske und Handschuhe. Wachdienst geht nicht in Badehose. Und wenn in der Mittagsglut die Badegäste unterm Sonnenschirm dösen, wird er hastig ein paar Zigaretten rauchen.

Der Mann vor dem Supermarkt kann nicht ahnen, dass in Deutschland Menschen protestieren, weil sie seinen Einsatz als Freiheitsberaubung empfänden. Er weiß nicht, dass die Leute allen Ernstes gegen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung demonstrieren. Dass sie wahlweise behaupten, die Pandemie sei nur eine Grippe oder eine biologische Waffe der Chinesen im Verein mit dem Weltjudentum und mit Bill Gates.

Der Mann vor dem Supermarkt in Umbrien hat soviel Überstunden aufgehäuft, dass es vermutlich für vier Wochen Urlaub reichen würde. Wenn er denn Urlaub machen könnte, stattdessen steht er bald in Uniform am Strand.

Ich frage mich, ob die Nigerianer wieder kommen. Was wohl aus ihnen geworden ist in dieser Zeit. Aber das ist ein anderes Thema.

 

 

 

Umsatteln!

Radfahren in Italien, damit habe ich seit drei Jahrzehnten eine On-Off-Beziehung. In letzter Zeit wieder Off, weil einerseits die Straßen durch immer mehr und immer größere Schlaglöcher immer gefährlich wurden, andererseits der Verkehr auch auf dem Land zunimmt: Paketdienste! Fahren alle wie die Henker. Und Radwege gibt es nicht. In Rom ein paar, aber zu denen muss man erstmal hinkommen. Möglichst mit dem Rad.

In der Stadt steht das Fahrrad also schon eine ganze Weile in der Wohnung im 4. Stock. Unten im Hof durfte ich es nie lassen, es störte die Nachbarn, sie beschwerten sich. Aber wer hat schon Lust, ein nicht ganz leichtes Tourenrad zu jedem Einsatz die Treppen rauf und runter zu tragen, um sich dann, siehe oben, durch den Verkehr zum Tiber-Radweg zu kämpfen? Der zudem im Winter mit Schlamm überzogen ist und im Sommer mit Fressbuden zugestellt?

Dann kam die Seuche und nun wird alles anders. Erst war Radfahren verboten. Jetzt ist Radfahren nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Mehr noch: Es wird gesponsert.

Letzte Woche kam ein Schreiben von unserer Hausverwaltung in Rom. Mit Bitte um Zustimmung für die Anschaffung eines Fahrradständers im Hof. Siiiii!

Diese Woche stehen Schlangen vor den Fahrradgeschäften. Die Leute kaufen Räder wie verrückt, denn 60 Prozent des Kaufpreises übernimmt der Staat, bis zu einem Höchstsatz von 500 Euro. Jede(r) Erwachsene kann davon Gebrauch machen, Kinderfahrräder werden hoffentlich demnächst subventioniert. Ist ja doch ein bisschen blöd, wenn man erst als Erwachsener mit dem Radeln anfängt.

Man sieht sie überall, die Radler und – Sensation! – Radlerinnen. Wer weiß, vielleicht werden ja tatsächlich auch die versprochenen, neuen Radwege realisiert. Auszuschließen ist es nicht!

Und ich gehe jetzt mal pumpen.

Geld raus, Freunde!

Relativ unbeachtet von der Weltöffentlichkeit hat der italienische Senatspräsident Maria Elisabetta Alberti Casellati zum Europatag am 9. Mai ein Video  unters Volk gebracht. (Wer sich darüber wundert, dass hier der Senatspräsident steht, obwohl es sich doch um eine Frau handelt: Dies geschieht auf ausdrücklichen Wunsch von Casellati, die (der?) auf der Anrede Herr Präsident besteht. Wegen der Würde des Amtes, die offenbar durch eine weibliche Anredeform geschmälert würde.)

Casellati ist Jahrgang 1946, könnte also durchaus verschwommene Kindheitserinnerungen an die Unterzeichnung der Römischen Verträge haben. Aufgefallen ist sie bisher als strenge Aufseherin des Sexuallebens italienischer BürgerInnen: Gegen Abtreibung, gegen die Pille danach, gegen gleichgeschlechtliche Ehegemeinschaften – für Besuche der Ehefrauen bei Häftlingen, „damit die hinter Gittern keine unnatürlichen Kontakte haben“, was auch immer sie sich darunter vorstellt.

Der italienische Senatspräsident ist Mitglied der Forza Italia und als solcher von Silvio Berlusconi und seinem Erben Matteo Salvini ins zweithöchste Staatsamt gehievt, allerdings auch mit den Stimmen der Fünf Sterne. Ist noch gar nicht so lange her, noch nicht einmal zwei Jahre.

Zurück zum Video. Für alle, die kein Italienisch können – nach der Vorstellung als „überzeugte Europäerin“ geht es so weiter: „Die EZB soll SOFORT Geld in die Taschen der Bürger stecken. Ich kann nicht glauben, dass Deutschland, dem mehrfach auch von Italien geholfen wurde, da nicht mitmacht, indem es mit Ausreden lebenswichtige Entscheidungen für alle aufhält. Wie sagte Kohl: Ein Land, das seine Vergangenheit ignoriert, hat keine Zukunft. Und ich füge hinzu: Achtung! Während Berlin diskutiert, brennt Europa.“

Die diplomatische Krise war perfekt. Ministerpräsident Conte peinlich berührt, der deutsche Botschafter verschnupft, man kann sich vorstellen, dass die üblichen beteiligten Herrschaften in Rom und Berlin ein lustiges Wochenende hatten.

Dabei hatte der Präsident doch nur ausgeprochen, was eine Mehrheit denkt. Das dominierende Narrativ (ein Unwort, aber hier passt es) lautet nämlich: An unserem Leid sind die Deutschen Schuld. Erst haben sie uns gezwungen, unser Gesundheitssystem wegzusparen, um die irren Auflagen aus dem Stabilitätpakt zu erfüllen. Und jetzt wollen sie uns nicht helfen. Die Deutschen bestimmen überall, sie stehen hinter von der Leyen und hinter Lagarde, sie kommandieren die ganze EU. Jetzt wollen sie uns Kredite geben, damit wir uns noch weiter verschulden und sie uns anschließend unter Kuratel stellen können. Von dem Euro und der EU haben nur die Deutschen profitiert, sie sind dadurch noch reicher geworden und wir noch ärmer. Das erklärt auch, warum sie jetzt so gut durch die Krise kommen, denn sie konnten sich abertausende von Intensivmedizin-Betten einrichten und wir nicht.

Vor ein paar Tagen veröffentlichte der Soziologe Ilvo Diamanti in der „Repubblica“ eine Umfrage zu Europa. Wie in Italien üblich, wurden etwa 1000 Personen befragt – in Deutschland dürfen JournalistInnen Ergebnisse von Umfragen mit derart geringer Beteiligung gar nicht zitieren. Die Überschrift bei „Repubblica“ lautete: „Wenn Deutschland Italien von der EU entfernt.“ Im Kleingedruckten konnte man dann lesen, dass eine Mehrheit der Befragten den USA und China mehr vertraut als Deutschland und Frankreich – wobei Frankreich viel schlechter abschnitt als Deutschland.

Vermutlich ist diese deutsch-feindliche Mehrheit identisch mit jener, die bei der nächsten Wahl die Rechtspopulisten wählen würde. In auch international zitierfähigen Umfragen kommen Lega, Forza Italia und die neofaschistischen Fratelli d’Italia nämlich immer noch auf knapp 50 Prozent – und wenn man die durchaus nicht linke, ganz bestimmt nicht liberale Fünfstern-„Bewegung“ hinzurechnet, sieht es vollends finster aus. Die Fünf Sterne, auch das nur zur Erinnerung, bildeten bis vor Jahresfrist im Europaparlament eine Fraktion mit Farages Brexit-Bewegung Ukip.

Was veranlasst also Repubblica zu so einem irreführenden Titel? Nun, auch die große linke Tageszeitung gießt seit Monaten Öl ins Feuer. Die Europafreunde sind verstummt. Selbst ein Intellektueller wie Roberto Saviano behauptet, wer gegen Eurobonds sei, helfe der Mafia – eine vollkommen wahnwitzige Idee. Als ob die Tatsache, dass die mafiöse Zinswucher in der Krise noch profitabler für die Verleiher und noch erdrückender für ihre Opfer wird, der EU anzulasten wäre. Wucher ist seit Ewigkeiten ein Kerngeschäft der Mafia und die Verarmung des Südens keine Folge von Corona. Die Wahrheit ist, dass die Pandemie die riesigen Probleme, die Italien schon vorher nicht lösen konnte oder wollte, nun noch weiter verschärft.

Die Dinge öffentlich gerade zu rücken, traut sich gerade keiner. Oder er oder sie kommt schlicht nicht zu Wort, mit Ausnahme von Paolo Gentiloni. Der kann aus Brüssel endlich sagen, was er denkt. Aber in der Regierung ergreift niemand die Stimme für Europa, schon gar nicht für Deutschland. Hilfslieferungen von medizinischem Gerät, die Behandlung dutzender Covid-19-Patienten in deutschen Krankenhäusern inklusive Transport in Militärflugzeugen: Die italienische Öffentlichkeit erfährt davon so gut wie nichts.

Ein gewichtiger Teil der Fünf Sterne, allen voran Außenminister Luigi Di Maio, ist gegen die Kredite aus dem EU-Rettungsfonds, ungeachtet dessen, dass der Zinssatz mit 0,1 Prozent und die lange Laufzeit für Italien extrem günstig sind. Es geht Di Maio, der sich stets mit einer Gesichtsmaske in den Nationalfarben zeigt, angeblich um die nationale Ehre, vor allem geht es ihnen um die Stimmen von rechts. Sie drohen damit, die Regierung platzen zu lassen, falls Conte den EU-Milliardenkredit akzeptiert. Wobei man erwähnen sollte, dass die Lega in Straßburg auch gegen die Eurobonds gestimmt hat, weil der Vorschlag von den Grünen kam.

Leuten wie Casellati , Salvini und Di Maio ist Europa vollkommen schnuppe. Halt nein, nicht ganz: Sie brauchen die EU als Geldautomat. Der Rest interessiert sie nicht.

Wenn die Bundesregierung sich spontan für Coronabonds entschieden hätte, hätte das übrigens gar nichts geändert.

 

 

Zehn Wochen, elf Frauen

Weniger Verkehrsunfälle. Weniger Einbrüche. Weniger Raubüberfälle. Aber elf Frauenmorde in zehn Wochen Lockdown. Die Täter: Söhne, verschmähte Liebhaber, Ehemänner – und eine Nichte, die ihre Tante umbringen ließ. Es sind ausnahmslos brutale Morde aus brutalen Motiven und sie beweisen, dass eingetreten ist, wovor SozialarbeiterInnen und PsychologInnen nicht nur in Italien gewarnt haben. Der Lockdown hat für viele Frauen eine Falle bedeutet, für elf von ihnen sogar eine tödliche. Über eine lange Zeit konnten sie den toxischen Beziehungen mit ihren Angehörigen nicht entfliehen, über Wochen waren sie der Gewalt der mit ihnen eingeschlossenen Männer ausgeliefert.

Manche der Täter waren der Polizei als gefährlich bekannt, weil ihre Partnerinnen sie bereits angezeigt und um Hilfe gebeten hatten. Doch diese Hilfe blieb aus. Die Angst vor Ansteckungen wog schwerer als die Not der Frauen.

Andererseits wog die Not der Frauen in sehr vielen Fällen schwerer als der Mut, zur Polizei zu gehen. Das jedenfalls wird jetzt mit einigem Recht vermutet. Denn wer zeigt schon den prügelnden Partner an, wenn klar ist, dass es aus der Lage keinen Ausweg gibt? Keine Alternative zur gemeinsamen Wohnung, der Falle? Unter den elf Getöteten sind Opfer, deren engste Angehörige weggeschaut haben, weil sie die Gewalt, die den Frauen angetan wurden, vielleicht für normal hielten. Oder für ein angemessenes Erziehungsmittel.

Viele der Getöteten hinterlassen andere Opfer. Die gemeinsamen Kinder mit den Tätern. Manche sind nun Vollwaisen, weil ihr Vater, der Mörder, sich nach der Tat das Leben genommen hat.

Gegen Gewalt hilft keine Impfung. Aber die Opfer des Corona-Lockdowns sind nicht an einem Virus gestorben. Man hätte sie retten können und müssen.

Die Parallelaktion

Wie es aussieht, bin ich genau zum richtigen Zeitpunkt aus dem Sportjournalismus ausgestiegen. Wen interessiert denn jetzt noch die schon vor Ausbruch der C-Krise gründlich heruntergewirtschaftete Serie A? Wer will angesichts der Tragödie in England die Spieler der Premier League laufen sehen, allen Ernstes angehalten, sich nach einem Tor nicht zu umarmen und nicht in der Gegend herum zu spucken – als wenn das ein wirksamer Schutz wäre? Und wer genießt wirklich unbeschwert vor dem Fernseher die Begegnungen der Bundesliga in leeren Stadien?

Früher pflegte ich Leuten, die mir auf die Antwort nach der Berufsfrage ins Gesicht sagten: „Sport interessiert mich nicht“, zu erklären: „Fußball ist kein Sport, sondern eine Industrie.“ Inzwischen gibt sich niemand mehr die Mühe, das zu kaschieren. In Deutschland bringen sie das Arbeitsplätzeargument, in Italien geht es eher um den Frust von Cristiano Ronaldo, der nur im eigenen Garten spielen darf. Alle bis auf CR7 haben natürlich Angst vor der Pleite. Mit dem Fußball ist es wie mit der Luftfahrt, es handelt sich gerade um einen Hochrisikobetrieb. Aber der Fußball meint, auch ohne Passagiere auskommen zu können. Die C-Krise offenbart, dass Stadionzuschauer allerhöchstens eine nette Dreingabe sind, auf die man im Notfall verzichten kann. Solange die Fernsehgelder fließen. Und die Wetten laufen.

Wenn man den Uefa-Präsidenten hört, kann man sich gruseln über soviel Zynismus: „Die Wiedereröffnung der Bundesliga ist eine tolle Nachricht. Das bringt wieder Optimismus in das Leben der Menschen und ist ein Beispiel für uns alle.“  In England, Frankreich, Spanien und Italien, sogar in Deutschland wird weiter an Covid-19 gestorben. Die Zahl der Opfer geht in vielen Ländern in die Zehntausende. Unbeirrt wird an einer Parallelwelt festgehalten, in der manche Europäer auf ihrem Recht auf Fußball und auf ihrem Anspruch auf Strandurlaub am Mittelmeer festhalten. Sollen die anderen sterben, wir müssen uns amüsieren. Das Pay-TV-Abo ist schließlich bezahlt.

Nachdem in Deutschland grünes Licht gegeben wurde, wollen auch die italienischen Funktionäre wieder den Ball rollen lassen. Natürlich in leeren Stadien, aber in welchen? Bis frühestens Anfang Juni gilt hier das Verbot, von einer Region in die andere zu reisen – auch für Fußballmannschaften. Ausnahmen können nur für dringende Arbeitseinsätze gemacht werden. Aber ist ein Fußballspiel wirklich ein dringender Arbeitseinsatz?

Zurzeit sind zehn Spieler positiv, sechs bei der Fiorentina und vier bei Sampdoria. Wer glaubt, dass die jungen, durchtrainierten Männer das Virus locker wegstecken, sollte mal bei Juves Paulo Dybala nachfragen. Der 26-Jährige hat sechs Wochen gebraucht, um wieder gesund zu werden. Beim Fußball Körperkontakt zu vermeiden, ist unmöglich. Wer Fußballspiele zulässt, übernimmt die Verantwortung dafür, wenn die Beteiligten sich infizieren. Offenbar sind Profis tatsächlich moderne Gladiatoren. Man nimmt in Kauf, dass sie erkranken und dass dann eine ganze Mannschaft in Quarantäne muss. Nicht alle Profis in Italien wollen das alles riskieren. In Bergamo sagen das einige auch laut: Sie halten es für undenkbar, Fußball zu spielen, ehe die Seuche nicht besiegt ist. In Norditalien warten hunderte von Angehörigen noch immer darauf, dass ihnen die Urnen mit der Asche ihrer an Covid verstorbenen Lieben ausgehändigt werden.

Und das Publikum? Lässt es sich denn wirklich alles gefallen, Hauptsache, man guckt wieder Dortmund gegen Schalke? Und die JournalistInnen? Sollen Interviews führen wie an normalen Spieltagen? Das Produkt einfach so weiter verkaufen wie bisher? So tun, als sei das alles in Ordnung? Mit Maske am Spielfeldrand.

Vielleicht geht das Zeitalter des Profifußballs ja gerade zu Ende.

Und vielleicht ist das auch ganz in Ordnung so.

Wenn der Barbiere geht

Eine Whatsapp-Nachricht von Vincenzo: Er gehe in Pension. Nach drei Monaten Zwangspause wolle er nicht mehr weitermachen und überlasse die Wiedereröffung des Salons im Juni seinem Kollegen.

Vincenzo ist der Friseur meines Mannes. Oder vielmehr: Er ist der Barbiere der Familie, seit Generationen. Mein Schwiegervater, Jahrgang 1919, lernte Vincenzo als Laufjunge bei seinem Barbiere kennen. Da war Vincenzo 15 Jahre alt und aus der Provinz Cosenza, Kalabrien, gerade in Rom eingetroffen. Fast 60 Jahre ist das her. In der Zwischenzeit machte Vincenzo sich selbständig mit einem eigenen Salon in der Via Genova, einer Seitenstraße der zentralen Via Nazionale. Er avancierte zum Barbiere von Politikern, Funktionären der nahe gelegenen Banca d’Italia, von hochrangigen Polizisten, denn auch das Innenministerium und das Polizeipräsidium sind nicht weit entfernt. Vor allem aber wurde Vincenzo ein Teil unserer Familie, auch die Frauen kennen ihn gut. Denn mit meinem Schwiegervater kamen bald seine drei Söhne und mit ihnen kamen wieder deren Söhne (meiner beschloss allerdings schon mit elf, dass Vincenzos Haarschnitt für ihn zu konservativ war). Der zierliche Barbiere nahm Anteil an unserem Leben, er besuchte den Schwiegervater, als der nicht mehr zu ihm kommen konnte, schließlich verabschiedete er ihn, diskret bewegt. Und er brachte jeden Sommer aus Kalabrien einen unübertrefflich würzigen Berg-Oregano mit, der aus unserer Küche überhaupt nicht mehr wegzudenken ist.

Versione 2

Das oben ist nicht Vincenzos Salon, sondern der eines Kollegen in Bologna. Aber auch Vincenzo trägt natürlich immer einen sorgfältig gebügelten Friseurkittel aus dicker, weißer Baumwolle. Seine dichten grauen Haare liegen perfekt und er verströmt einen dezenten Duft nach Bergamotte, der wundervoll herb-aromatischen Zitrusfrucht aus seiner Heimat.

Mit Mitte Siebzig darf man natürlich in Pension gehen. Aber wie schade, dass es nun so gekommen ist: Ein erzwungener, resignierter Abschied in der Corona-Krise, eher ein Aufgeben als ein Loslassen. So geht das alte Italien.

Vincenzo ist übrigens Laziale. Nobody is perfect.