Winterreifen

Wir sind in Deutschland hängen geblieben, ist eine längere Geschichte. Es ist Winter, sogar im Flachland schneit es ein bisschen. Und das erste Mittelgebirge ist ja auch nur ein paar Kilometer entfernt.

„Wir brauchen Winterreifen“, sage ich meinem Lieblingsrömer.

Er schaut von seinem Frühstücksteller hoch. Aus mir unerfindlichen Gründen verzehrt er hier morgens Zuckerbomben, die unter dem Namen Campingbrötchen verkauft werden. Wenn Camperinnen die Zielgruppe sind, muss ich sagen: Wir campen nicht.

„Winterreifen“, sagt er „sind was für Deutsche. Die können nicht Autofahren.“

„Deutsche können nicht einparken“, sage ich. „Aber mit Winter kennen wir uns aus.“

Zuletzt hatten wir diese Diskussion vor exakt elf Jahren. Er musste beruflich von Westfalen nach Zürich, mit dem Zug. Ich kutschierte die Kinder mit dem Auto zurück nach Italien. In Deutschland sprachen alle nur über den bevorstehenden Sturm Daisy. Man war aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Die Autobahnen würden leer sein, prophezeite ich damals, aber ich brauche Winterreifen.

Nach fünf Tagen hitziger Debatte hatte ich sie. Die Autobahnen waren leer. An den Rändern hingen verlassene Autos fest, deren Fahrer offenbar aufgegeben hatten und von irgendwelchen Rettungsdiensten nach Hause gebracht worden waren. Wir rauschten im Rekordtempo durch bis zur österreichischen Grenze, wo wir bei Freunden übernachteten, und am nächsten Tag nach Rom. Daisy war kein Problem für mich. Auch nicht die sieben Stunden und 19 Minuten „Ensel und Krete“-Hörbuch von Walter Moers. Grummligrummligrummligrummli. Heute knallt mir der Sohn Schostakowitsch rein oder Lena Platonos, zweifellos die ultimative Autobahnmusik.

Mein Lieblingsrömer lenkt diesmal verdächtig schnell ein. Es könnte damit zu tun haben, dass wir diesmal zusammen zurückfahren werden. Vielleicht ist es auch Altersmilde.

Wir stellen fest, dass man zum Winterreifen-Aufziehen einen Termin braucht, wie beim Zahnarzt. Der nächste Termin ist kommende Woche. Mein Zahnarzt ist übrigens schneller.

„Ich fahre die Werkstätten ab“, verkündet er. „Das wollen wir doch mal sehen.“

Anderthalb Stunden später haben wir neue Reifen. Wintertaugliche. Der Kompromiss. „Nach 60 Kilometern müssen wir die Muttern nachziehen“, grinst er. „Und du parkst ein.“

Das Original

Lassen wir die Kirche doch mal im Dorf: Das Kapitol ist ein Hügel in Rom. Der gleichnamige Komplex in Washington bezieht sich auf den römischen Berg, weil dieser von alters her als der wichtigste der sieben Hügel in der Ewigen Stadt galt, als Caput Mundi, Haupt der Welt. Der Sitz des Jupiter-Tempels befand sich hier, zum Tode Verurteilte wurden gleich hinter dem Heiligtum in eine Tuffsteinschlucht gestürzt – und bis auf den heutigen Tag ist das Kapitol, inzwischen Campidoglio, das Zentrum des alten Straßen-Netzes. Alle Wege nach Rom werden an ihrer Entfernung zum Kapitol gemessen.

Persönlich habe ich eine enge Beziehung zum Kapitol, weil ich Anno 1996 im Standesamt unten rechts meinen Lieblingsrömer geheiratet habe – im Beisein eines Verkehrspolizisten, auf dessen weißem Helm der Schriftzug SPQR prangte. Senatus Populusque Romanus, Senat und Volk der Stadt Rom.

Mit dem Volk haben die Kapitol-Stürmer von Washington natürlich ebenso wenig zu tun wie jene, die sich auf deutschen Straßen (und Internetforen) lautstark als solches ausgeben. Diese Leute sind nicht mehr und nicht weniger Volk als du, ich und jede andere Biene. Dass sie partout bestimmen wollen, wer zum Volk dazu gehört und vor allem, wer nicht, ist ausgesprochen gruselig. Solche Anmaßung hat in der Geschichte durchgängig für den größten Ärger gesorgt. In Washington ist es gerade nochmal gut gegangen. Das Kapitol steht noch und Trump tritt bald ab. Man kann sich nur wünschen, dass die Garden demnächst genauso schnell auf den Plan treten, wenn der Mob nicht in den heiligen Hallen der Demokratie wütet, sondern gegen Menschen, deren Hautfarbe, Geschlecht oder Frisur ihm nicht passt.

Der Senat im alten Rom tagte gewöhnlich nicht auf dem Kapitol, sondern versammelte sich an anderen Plätzen. Caesar wurde im Pompeius-Theater ermordet, Augustus berief den Oligarchen-Rat in seine Residenz auf dem Palatin ein – der Nachbarhügel wurde Namens gebend etwa für den deutschen „Palast“ und das englische „Palace“. Auf das Kapitol zogen sich die Senatoren nur dann zurück, wenn die Lage richtig brenzlig wurde, weil man sich auf der Anhöhe besser verteidigen konnte. Als im Januar des Jahres 41 nach der Ermordung von Kaiser Gaius, genannt Caligula ein neuer Herrscher gewählt werden sollte, verschanzte sich der Senat auf dem Kapitol vor dem Volk, bei dem Caligula wegen seiner großzügigen Brot- und Geldspenden ziemlich beliebt gewesen war. Die Senatoren aber hassten ihn inbrünstig und ließen ihn am Ende umbringen, weil er sie ausgepresst hatte wie Zitronen und sie zeitweise sogar gezwungen, in seinem gigantischen Palast zur Miete zu wohnen. Das wäre, als wenn Trump die Clintons genötigt hätte, zugige und unrenovierte Gästezimmer im Weißen Haus zu beziehen und dafür Millionen auf sein persönliches Konto zu überweisen.

Nun, wer weiß, was wir aus Washington noch alles erfahren werden. In Rom jedenfalls blieb der Volkssturm auf das Kapitol vor 1980 Jahren aus. Während die Senatoren hitzig darüber debattierten, wer von ihnen neuer Herrscher werden solle, rief das Militär schon Caligula Onkel Claudius zum Kaiser aus. Kunststück, hatte er doch jedem Soldaten 15.000 Sesterzen, schlappe 15 Jahresgehälter, als Prämie geboten. Dem Senat blieb da nur noch, den Putsch abzunicken.

Was lehrt uns das? Erstens: Die Kopie ist immer blasser als das Original. Zweitens: Nichts Neues unter der Sonne. Und drittens: Die Geschichten über Caligula und Claudius sind in den Versionen von Sueton und Tacitus in die Weltliteratur eingegangen .

Von Trump aber bleibt nur Twitter.

Willkommen in der Hölle

Keine Angst, es ist die schönste Hölle, die je erdacht worden ist. Denn 2021 ist das Dante-Jahr – am 14. September 1321, also vor 700 Jahren starb Dante Alighieri fern seiner Heimatstadt Florenz im Exil in Ravenna. In Deutschland lesen Dante nur noch eine Handvoll Literatur- und Italienverrückter, in Italien ist er viel mehr als ein Dichterfürst. Niemand käme auf die schwachsinnige Idee, Filme unter dem Titel Fuck you Dante ins Kino zu bringen. Stattdessen wird seine Komödie in den Schulen gelesen. Jahrelang! Kein Italiener, keine Italienerin machen Abitur, ohne die göttlichen Verse studiert zu haben, mit der zwingenden Erkenntnis, dass die Hölle dem Paradies vorzuziehen ist. Da ist einfach mehr los, da tummeln sich die interessanteren Leute.

In Dantes Welt tauchen nicht nur die Zeitgenossen auf, sondern auch die Altvorderen aus der römischen und griechischen Antike. In Dantes Welt kann man nicht nur im Moment wundervoll abtauchen, kann sich auf eine Reise begeben wie in ein fernes Land. Eine Reise, die immer neue, faszinierende Entdeckungen bereit hält, exotische Gedankengänge, aber auch heimatliche Anwandlungen. Als Guide bietet sich an: Roberto Benigni, dessen Dante-Interpretation in Italien längst Kult ist. Und dann gibt es die Initiative der italienischen Sprachakademie Accademia della Crusca. Jeden Tag stellen die SprachforscherInnen ein Dante-Wort vor, heute ist es „bella persona.“ Die „schöne Person“ stand bei Dante noch für eine ästhetisch angenehme Präsenz, inzwischen beschreibt „bella persona“ die gesamte Persönlichkeit. Eines meiner italienischen Lieblingswörter, ins Deutsche leider nur unzureichend übersetzbar.

In diesem Sinne: Fahrt zur Hölle!

Erste Reihe

Pünktlich vor dem Auftakt der Anti-Corona-Impfung in Europa bringen sich in Italien die Journalisten in Stellung. Sie wollen zwar nicht unbedingt in die erste Reihe, also die der Hochrisikogruppen und des medizinischen Personals, aber doch auf die Überholspur der besonders gefährdeten Berufsgruppen. Auch der Verein der Auslandspresse, dem ich seit 1993 angehöre, strebt nach einem Platz in den vorderen Reihen, vorbei an Putzfrauen und Kassiererinnen, Taxifahrerinnen und Lehrerinnen, Priesterinnen, Kindergärtnerinnen, Landarbeiterinnen und Busfahrerinnen. Oder doch wenigstens keineswegs dahinter. Wie sähe das denn aus? Heute mittag, war, wohl angesichts des bevorstehenden Familienfestes, die Debatte schon so weit, dass sich einige fragten, ob unsere Angehörigen nicht auch gleich mitgeimpft werden müssten.

Als ich bekannt gab, dass ich die Privilegien-Initiative auf gar keinen Fall unterstütze, hielt mich ein Kollege für eine Impfgegnerin. Der nächste gab zu bedenken, wieviele Krankenhausreportagen von Auslandskorrespondenten verfasst werden müssen. Der dritte, ein Deutscher, erklärte, dass er die Überholspur für die Impfung brauche, um ungefährdet von einer Corona-Leugner-Demo berichten zu können. Andernfalls sehe er die Meinungsfreiheit in Gefahr. Zwei Kollegen, darunter auch eine Deutsche, fanden die Risikogruppen-These genauso surreal wie ich.

Natürlich gibt es KollegInnen, die als ReporterInnen im Einsatz sind und deshalb womöglich besonders gefährdet. Meiner Erfahrung nach arbeiten die aber eher in Lokalredaktionen. Wer ein ganzes Land zu beackern hat, ist nicht ständig draußen und kann, anders als LokaljournalistInnen, in einer Gefahrenlage wie der jetzigen durchaus auf eine Krankenhausreportage verzichten. Beziehungsweise sie mit Hilfe von KollegInnen vor Ort verfassen, ohne selbst dort zu sein. Und überhaupt: Die Krankenhäuser sind froh über jeden Reporter, der draußen bleibt!

Ich finde dieses Drängen in die erste Reihe sehr bedenklich. Es kann nicht sein, dass wir uns für wichtiger und systemrelevanter halten als die Menschen, über die wir berichten. In Deutschland scheint es eine solche Journalisten-Initiative nicht zu geben. Im Impfprogramm der nächsten Monate taucht unsere Berufsgruppe nirgends auf. Und hoffentlich bleibt das so.

Ciao Pablito

Flughafen Miami, im Februar 2020. Der Taxifahrer, der uns zur Verwandtschaft an einen Küstenort weiter nördlich bringen wird, ist Brasilianer, ein freundlicher Mann, seit Ewigkeiten in Florida. „Italians?“ Nach drei Sätzen fällt SEIN Name. Paolorossi. Mein Gott, was hat er uns angetan, dieser Paolorossi. 5., 25., 74. Alle drei Tore in Italien-Brasilien 3:2, dem entscheidenden Spiel der Gruppe C bei der WM 1982 in Spanien. Brasilien schied damit aus, Italien wurde Weltmeister nach dem 3:1 im Endspiel gegen Deutschland. Rossi machte dabei das 1:0. Aber an das Finale denkt heute kein Mensch mehr. Nur an das irre Spiel gegen Brasilien, an den kleinen, wendigen, listigen Rossi, diesen ikonenhaften Italiener. Und an seine Tore.

„Paolorossi“, sagt der Brasilianer in Miami, „hat für das Ende meiner Kindheit gesorgt.“ Er wusste das, der Titel seiner Autobiografie ist: Ho fatto piangere il Brasile. Ich habe Brasilien zum Weinen gebracht. Man hasste ihn dort. Paolorossi persona non grata. Der Taxifahrer sagt, prinzipiell habe er nichts gegen uns, weil wir Italiener seien, nur gegen Paolorossi. Ich verzichte darauf, ihm zu beichten, dass ich aus dem 7:1-Land stamme.

Wir nannten ihn Pablito.

Eravamo trentaquattro, adesso non ci siamo più
E seduto in questo banco ci sei tu
Era l’anno dei Mondiali quelli dell’86
Paolo Rossi era un ragazzo come noi

Sta crescendo come il vento questa vita tua
Sta crescendo questa rabbia che ti porta via
Sta crescendo, oh, come me

L’estate nell’aria, brindiamo alla maturità
L’Europa è lontana, partiamo, viva la libertà
Tu come stai?
Ragazzo dell’86.

Pablito war ein Ragazzo des Jahres 1956. Heute ist er weggeflogen, wie der Wind in Antonello Vendittis Lied, das jeder, aber auch wirklich jeder Italiener, der Anfang der 80er schon sehen und fühlen konnte, mitsingen kann. Und auch, wenn Antonello hundertmal versicherte, mit dem Paolo Rossi in seinem Lied sei eigentlich ein antifaschistischer Student gemeint, logisch, denn Pablito spielte die WM 1986 gar nicht mehr. Und auch, wenn wir schockiert waren, als er für die „Postfaschisten“ von Alleanza Nazionale kandidierte: egal. So egal wie die Verwicklung in den Wettskandal, die ihm zwei Jahre Sperre einbrachte, ihn die Teilnahme an der EM 1980 kostete. Um ein Haar hätte er auch noch Spanien verpasst. Der Fußball ist keine moralische Anstalt, außer vielleicht in Deutschland, das seinem größten Star und besten Spieler nicht die Mauscheleien um das „Sommermärchen“ verzeiht. Rossi war nie ein Volksheld wie Maradona, aber populär wie wenige. Vielleicht auch deshalb, weil viele in Italien so hießen und heißen wie er. Paolorossi war ein Allerweltsname wie Gerd Müller.

Rossi stammte aus Prato in der Toskana. In der Nähe von Arezzo verbrachte er seine letzten Jahre auf einem Bauernhof mit Zimmervermietung, in Siena ist er heute gestorben. Er gehörte zu den ganz seltenen Fußballern, die man stärker mit der Squadra Azzurra in Verbindung brachte als mit ihren Vereinen. Bei ihm waren das vor allem Lanerossi Vicenza und Juventus, wo man ihn schon 1973 entdeckte und wohin ihn Agnelli und Boniperti 1981 zurück holten. Mit Juve gewann er zwei Meisterschaften, einen Pokal der Pokalsieger und den Landesmeister-Pokal im verfluchten Match im Heysel-Stadion.

Man wusste, dass er krank war. Und doch kann man es nicht fassen. Denn Rossi ist immer Pablito geblieben, auch als älterer Herr war er immer noch so zierlich, so listig und verschmitzt wie damals. Dazu diese charmante Schüchternheit. Ein ewiger Bruder Leichtfuß. Möge er im Himmel weiter spielen.

Sturm im Chianti-Glas

In Frankfurt sind Gastronomen auf die ziemlich doofe Idee gekommen, ihre Pizzeria „Falcone und Borsellino“ zu nennen, nach den beiden 1992 von der Mafia ermordeten Richtern. Bei den Anschlägen gegen Giovanni Falcone und Paolo Borsellino starben insgesamt elf Menschen, es handelte sich um Terrorakte einer kriminellen Militärorganisation, die wenig später auch Bomben an den Uffizien und an der Lateranbasilika zündete. Dass man eine Pizzeria benennt nach zwei Männern, die ihren Kampf gegen Cosa Nostra mit einem Leben ohne Freiheit und einem grauenhaften Tod bezahlten, und ihr Foto neben das von „Pate“ Marlon Brando pappt – das ist schon bemerkenswert unverfroren.

Giovanni Falcones Schwester Maria, bis heute aktiv in der Antimafia-Bewegung, hat beim Landgericht Frankfurt dagegen geklagt, dass das Andenken ihres Bruders durch die Namensnennung der Pizzeria beschädigt wird. Das Gericht wies die Klage zurück: Die beiden Richter seien in Deutschland allerhöchstens noch Experten bekannt, weswegen nichts dagegen spräche, eine Pizzeria nach ihnen zu benennen. Das klingt alles andere als überzeugend. Als hätten die Richter keine große Lust gehabt, sich mit der Angelegenheit auseinanderzusetzen. Immerhin haben die Frankfurter Pizzabäcker das Lokal ja nach Falcone und Borsellino benannt, weil diese beiden Namen ihren Kunden noch was sagen. Oder? Andererseits ist es wahrscheinlich gar nicht so einfach, den Namen einer Pizzeria gerichtlich zu verbieten.

In Italien entfachte das Urteil einen Sturm der Entrüstung. Als hätten sie nur darauf gewartet (und sie haben darauf gewartet, lenkt es doch so wunderbar ab vom Koalitionsstreit über das EU-Wiederaufbauprogramm, der die Regierung Conte gerade in allergrößte Schwierigkeiten bringt), regten sich auf: Der Präsident der parlamentarischen Antimafiakommission, der italienische Außenminister, der italienische Botschafter in Berlin. Der italienische Justizminister sprach gar von „verheerenden kulturellen Auswirkungen.“ Wegen einer Pizzeria! Die von wütenden Italienern im Netz mit erwartbaren Kommentaren überzogen wurden. Pizza-Shitstorm. Unsere Nationalhelden, wie könnt ihr nur! Ihr Deutschen ändert euch nie!

Geht’s auch eine Nummer kleiner? Oder ist es wirklich zwingend, dass die peinliche Namenswahl für eine Pizzeria in Sachsenhausen sich zur Staatsaffäre auswächst?

Man fragt sich: Was würde passieren, wenn eine Birreria in Mailand sich „Graf Stauffenberg“ nennen würde oder „Geschwister Scholl?“

Wahrscheinlich nichts.

Turnlehrerinnen-Quartett

Marie Schmidt hat Recht: Selbst die Sportschau ist inzwischen literarischer als das so genannte Literarische Quartett. Unfreiwillig, aber immerhin. Die Tennisspielerin Petkovic war da mal zu Hause, jetzt ist sie anders literarisch und beim LQ zu Gast.

In jeder Talkshow lassen sie Petkovic ihr Buch bewerben, im SZ-Magazin darf sie als “Intellektuelle” von Dostojewki schwärmen, in den Feuilletons wird sie gefeiert – auch im SZ-Kulturteil, wo eine Lobeshymne auf die Tennis-Belletristik mit dem bemerkenswerten Aufschlag eröffnet wurde: “Der erste Schriftsteller, der sie fesselte, war Fjodor Dostojewski.“ Schon wieder! Dostojewski, du alter Fesselkünstler. Na, mich hat überhaupt noch nie jemand gefesselt, auch kein Schriftsteller. Aber ich kann auch nicht Tennis spielen und darüber schreiben schon gar nicht, wenn ich es bedenke, habe ich in meinem Leben sogar noch nie ein Tennisspiel gesehen. Das werde ich aber tun, bevor ich ein Buch von Andrea Petkovic aufschlage, versprochen.

Wo waren wir? Dabei, dass es reicht, Dostojewski gelesen zu haben, um als Intellektuelle ins Literarische Quartett eingeladen zu werden. Wahlweise kann man auch, wie die ebenfalls anwesende Lisa Eckhart wahnsinnig gestelzt das allerblödeste Blech daherreden und wenn das Blech schwer antisemitisch klingt, noch gestelzter darauf hinweisen, dass es sich um satirisches Blech handele, was jeglichen Antisemitismus-Verdacht ja zum unverständigen Kritiker zurückprallen lasse. Verglichen mit der zackigen Frau Eckhart ist Dostojewski eindeutig witziger, wobei ich glaube, dass sie auch nicht Tennis spielen kann. Sehr witzig finde ich Marie Schmidts Assoziierung der bemerkenswert unwitzigen Thea Dorn mit einer Turnlehrerin. Stimmt genau, jetzt weiß ich, warum ich immer ein wenig Angst vor der Dorn habe. Man möchte ihr ja wirklich nicht die Lebens-Sanduhr in die Hand geben. Im LQ gab es denn auch einen tollen Schlagabtausch im Gestelztsprechen mit der Eckhart. 

Mit den Büchersendungen ist es mittlerweile wie mit den Kochshows: Je mehr im Fernsehen laufen, desto weniger kochen die Leute. Kleiner Tipp: Man könnte das LQ demnächst mit Köchen besetzen und Frau Dorn mit der Eckhart ein Hirschgulasch mit Tennisbällen kochen lassen. Das wäre ja eventuell wirklich lustig. 

So aber: lästige Langeweile, gepaart mit nicht wenig Gruseln. Sagte ich schon, dass die einzig mögliche Büchersendung die Buchzeit ist? Ganz ohne Promis, dafür mit Profis. Der Literaturkritik.

Mamma Mamma Mamma…

…ho visto Maradona. Ja, ich habe ihn spielen sehen, im Finale der WM 1990 in Rom. Es war nicht sein bestes Spiel, Diego verlor gegen Deutschland. Ein Gott wurde besiegt von Andi Brehme.

Maradonas Leben war ein Heldenleben. Exzessiv in allen Höhen und Tiefen. Längst ist er unsterblich, heute ist er gestorben. Ich bin froh, dass ich keinen Nachruf schreiben muss und werde keinen lesen. Jeder von uns hatte seinen Moment mit Maradona, das sagt doch alles. Der Rest ist Brehme.

Che la terra ti sia lieve.

Sprechen wir darüber!

Heute ist der internationale Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen. Um 19 Uhr darf ich bei einer Videokonferenz (in italienischer Sprache) für das Goethe Institut Rom mit der Rechtsanwältin und Hilferufs-Aktivistin Antonella Faieta und dem Regisseur Irish Braschi darüber diskutieren, wie über diesen Dauerskandal berichtet werden sollte. Mein Eindruck bei der Vorrecherche: In Deutschland wird von klassischen Medien sehr wenig getan. Sicher, heute tun es alle. Seite Drei SZ, Radio- und Fernsehsendungen. Das ist ja schonmal was. Aber es reicht bei weitem nicht aus. Die Zahlen: 2019 wurden 114 Frauen von ihrem Partner getötet. Eine jeden dritten Tag. An fast jedem Tag aber, nämlich 301mal, versuchte ein Mann, seine Partnerin umzubringen. Insgesamt verzeichnet das BKA 141.792 Gewaltdelikte in Partnerschaften. 26.898 mal zeigten Männer Übergriffe ihrer Partnerinnen an.

Wir reden hier natürlich von der Spitze des Eisbergs. Immer noch der Klassiker: Frau zeigt gewalttätigen Ehemann an, die Polizei kommt, die Frau zieht die Anzeige zurück. Geschehen Mitte November in München. Wenige Tage später wurde die Frau von ihrem Partner erstochen. Solche Fälle gelangen nicht in die überregionale Berichterstattung, sie werden im Lokalteil abgehandelt.

Weil sie Alltag sind, in Deutschland.

Die Stadt, der Müll und Corona

Die zweite Corona-Welle trifft Mailand mit voller Wucht. Von den ca. 1,3 Millionen Einwohnern sind derzeit 150.000 in häuslicher Quarantäne. 150.000, das ist eine Großstadt in der Großstadt. 150.000 produzieren Müll, viel Müll.

In der Quarantäne-Stadt wird der Müll nicht getrennt, auf Anweisung der Behörden. Der Abfall der Infizierten und Infektions-Verdächtigen könnte auch infiziert sein, also bitteschön alles in den Restmüll-Sack. Biomüll, Plastik und Metall, Glas, Papier, egal. Alles. Beim Zubinden des Restmüll-Sacks sind Einweghandschuhe zu tragen. Die zugebundene Restmüll-Tüte soll dann in einen weiteren Sack gestopft werden und der weitere Sack in einem dritten. Müll-Matroschka gegen Corona.

Gerade wurden 50.000 Flugblätter mit diesen Anweisungen gedruckt, weitere folgen. Vor Corona wurden 62,5 Prozent des Mülls in der lombardischen Hauptstadt getrennt. Aber jetzt ist Schluss mit Luxus.

Mailand ist kein Einzelfall, auch andere Städte und Gemeinden haben die Mülltrennung wegen Corona ausgesetzt. Ob das was bringt, sei dahingestellt. Vielmehr: Man weiß es eigentlich schon.