Wir sind das Virus

Die Seuche hat uns fest im Griff. Wir denken Corona, wir hören und sehen Corona, wir träumen Corona. Es ist erstaunlich, wie schnell das Virus uns von KonsumentInnen in PatientInnen verwandelt, fixiert auf eine Krankheit, die die überwältigende Mehrheit zum Glück nicht erleidet aber eventuelle weiter geben kann. Hier in Italien lesen sich die ersten Seiten der großen Tageszeitungen wie Frontberichte, garniert mit Leitartikeln, die sich um Verantwortung drehen und mit Durchhalteparolen bestückt sind. Der Staatspräsident predigt und der Papst gibt Interviews, so sind die Zeiten. Und weil wir in Italien sind, verbreitet sich parallel zur Seuche gerade auch der Irrsinn der Bürokratie. Ab heute gilt eine neue Selbstbescheinigung für’s Außer-Haus-gehen – weil auf der alten der Passus fehlte, mit dem man erklärt, nicht infiziert zu sein. Selbstverständlich. Aber der italienische Staat misstraut seinen BürgerInnen noch viel mehr, als die umgekehrt ihrem Staat misstrauen.

Italien geht gerade unter, aber die Bürokratie triumphiert. Das gilt auch für jene Supermärkte, in denen zwar weiter Schreibwaren ausgestellt, aber nicht verkauft werden dürfen – mit dem Argument, es handele sich nicht um überlebensnotwendige Artikel! Das ist krank. Persönlich verstehe ich auch nicht, wieso Buchläden geschlossen sind, Klugtelefone aber weiter verkauft werden. Man lernt daraus: wenn Seuche ist, sollst du nur noch auf dem Smartphone lesen und malen.

Aber natürlich geht das Leben weiter.

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Es werden beispielsweise Kinder geboren, auch von Müttern, die infiziert sind. Dieses Neugeborene trägt auf seiner Windel den Durchhalteslogan „Andrà tutto bene.“

Alles wird gut. Sich oder andere zu fragen: wann? ist verboten.

Und gerade deshalb ist es wichtig, sich nicht dominieren zu lassen von der Seuche und nicht krank zu werden, so lange man es nicht ist. Krank sein ist ohnehin verboten, auch wenn heute Verstärkung für die Allgemeinmediziner kommt: ab sofort reichen ein Uni-Abschluss in Medizin und drei Monate Praktikum. Denn die HausärztInnen kollabieren gerade genauso wie die Doktoren im Krankenhaus. Überall hört man von ÄrztInnen, die sich angesteckt haben. Im von Corona verwüsteten Bergamo jede/r fünfte,.

Glücklich, wer arbeiten und dabei zu Hause sein kann. Ohne das Risiko, dem sich all jene aussetzen, die jetzt rausmüssen. Die PostlerInnen (in Bergamo sind gerade zwei Zusteller an Corona gestorben), das Personal in den Supermärkten, die PolizistInnen, die Amazon-ArbeiterInnen (hier gibt es die ersten Streiks).

Wenn man es schlau anstellt, kann man durchaus so etwas wie Gewinn ziehen aus einer Zeit, in der die meisten jetzt mehr Zeit haben. Man kann natürlich den Hometrainer glühen lassen – aber auch das Hirn. Braintraining wird ja chronisch unterschätzt! Also alle die Bücher lesen, die man bislang mit der Ausrede liegen gelassen hatte: keine Zeit. Fremdsprachen aufpolieren oder neu lernen. Die alten Naturführer entstauben und Pflanzennamen pauken. Sich Kochen beibringen und endlich mal selbst Nudeln machen.

Und unbedingt die komische Seite suchen. Es gibt immer eine komische Seite.

Heute mein Favorit: Der Spanier, der seinen Plüschhund ausführte, um sich wenigstens einen kleinen Spaziergang zu erschleichen.

 

 

 

Una canzone vola

Freitag, der 13. März, 18 Uhr. Während die Zahl der Toten im allabendlichen Corona-Kriegsbulletin steigt, gehen die ItalienerInnen auf die Balkone ihrer Häuser und singen.

Singen gegen die Angst, wie hier in einem Wohnhaus in Mailand. Greifen zur Geige wie hier der erste Violinist der Scala. Zur Gitarre wie hier in Bologna. Oder zum Taktstock wie dieser Dirigent hier in Neapel.

Die Verbreitung des Virus bekämpft man mit eiserner Disziplin.

Aber die Angst, die besiegen wir nur mit Lebensfreude!

 

Pandemie

Aus der Fußballoper wird gerade – in aller Bescheidenheit – eine kleine Brücke zwischen Italien und der Außenwelt. Das, weil man hier in Sachen Pandemie dem Rest Europas voraus ist. In Deutschland etwa waren alle Reaktionen und Verdrängungsmechanismen abzulesen, die wir hier auch schon hatten. Auch auf diesem Blog.

Erster Schritt: Chinesische Grippe. Zweiter: Naja, nur eine Grippe. Und Mundschutz tragen hier nur Asiaten. Dritter: Betrifft ja nur Norditalien. Vierter: Immer noch weniger Tote als bei einer normalen Grippe. Fünfter: Tja.

Heute werden vielleicht die Zahnarztpraxen geschlossen – die meisten Dentisten haben das von sich aus getan. Als größtes Problem der Seuche könnte sich die medizinische Mangelversorgung in anderen Bereichen erweisen.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. An erster Stelle: Ja, die Opfer sind zumeist alte Menschen. Aber 85 Prozent der über 80-Jährigen überleben! Und nur die Hälfte der Erkrankten (der Erkrankten, nicht der Infizierten!) muss überhaupt ins Krankenhaus, von ihnen landet dann ein Fünftel auf der Intensivstation. Da wird es dann, nach den Erfahrungsberichten der Ärzte, wirklich sehr hart.

Noch ein paar Zahlen: das Durchschnittsalter der getesteten Infizierten liegt bei 65 Jahren, das der Todesopfer bei 82. Neun Prozent der Opfer sind über 90, 33 Prozent zwischen 70 und 79, acht Prozent zwischen 60 und 69, nur zwei Prozent zwischen 50 und 59. Es gibt derzeit keine Todesopfer unter 50.

Wir sollten uns alle vom Virus der Vernunft anstecken lassen. Schützen wir unsere Alten. Und damit uns selbst – denn wer weiß, wie sich diese Geschichte weiter entwickelt.

 

Welcher Salvini?

Alle reden jetzt von den wirtschaftlichen Folgen des Virus. Das Bezahlen von Hauskrediten und Gasrechnungen soll für’s erste ausgesetzt werden, die Regierung zahlt bedürftigen Familien 600 Euro im Monat für Babysitter. Die Hoteliers und Gastronomen klagen und in der Lombardei wird gerade darüber nachgedacht, alle Geschäfte außer Lebensmittelläden und Apotheken zu schließen. Tatsächlich braucht man ja auch kaum etwas anderes. Wer denkt denn jetzt an Frühjahrsmode oder ein neues Smartphone? Was das betrifft, ist die Corona-Invasion sehr lehrreich. Das ganze Gerede von Konsum und Wachstum ist auf einmal verstummt und der Himmel über Italien nur deshalb nicht so blau wie nie, weil alle Olivenbauer gerade auf einmal ihren Baumschnitt verbrennen.

Aber es gibt auch politische Folgen und die sind durchaus schon spürbar: Wenn ein Volk auf allen Kanälen Corona schaut, wie das die ItalienerInnen gerade tun, dann sieht man plötzlich keine Rechtsextremen mehr. Wahrscheinlich beißt Matteo Salvini gerade mehrmals täglich in den Tisch. Wenn er jetzt noch Innenminister wäre, dann würde er wohl von einem martialischen Auftritt zum nächsten marschieren, jedenfalls in den asozialen Medien. Aber Salvini ist kein Innenminister, sondern nur Vorsitzender einer Oppositionspartei. Und die Entscheidungen trifft gerade der parteilose Professor Giuseppe Conte, der von Tag zu Tag gestresster und verschwurbelter wirkt, mit seiner heiseren Stimme aber die Leute beruhigt, obwohl er ihnen ebenfalls täglich neue Ungeheuerlichkeiten zumutet.

Conte macht gerade aus den ItalienerInnen eine Solidargemeinschaft. Also genau das Gegenteil von dem, was Salvini und die anderen Rechten erreichen wollen. Populisten müssen spalten, sonst läuft das Geschäft nicht.

In den Umfragen purzelte die Lega letzte Woche erstmals auf 27 Prozent (von 34 bei der Europawahl). Ihre Regionalpräsidenten machen keine besonders gute Figur. Und der so genannte Capitano hat im Moment nichts zu sagen, was irgendjemanden interessieren würde.

Rien ne va plus

Und jetzt bitte keine Panik auf der Titanic. So ungefähr beginnt mein Mann, der Professor, heute morgen seine Mails an besorgte StudentInnen. Seit Donnerstag sind die Unis geschlossen, seit heute früh ist quasi das ganze Land abgeriegelt – wobei das natürlich nicht stimmt, denn es wird noch gearbeitet. An der Uni (120.000 Studentinnen) mit Internet-Vorlesungen. Sprechstunden via Skype. Und vor allem: StudentInnen beruhigen. Wie zum Beispiel die junge Frau aus Pakistan, die von ihrer besorgten Familie die Order erhielt, aus dem verseuchten Italien sofort nach Hause zu reisen. Please don’t panic, schreibt mein Mann. Die Studentin ist ganz kurz vor ihrer Masterprüfung. Die auch stattfinden wird, mit Sicherheitsabstand, ohne das hier sonst übliche Publikum.

Please don’t panic, das ist das Gebot der Stunde. Obwohl es natürlich schon gespenstisch ist, wenn man so abgeriegelt wird. Theoretisch muss man schon begründen, wenn man seinen Heimatort verlässt – egal, wie groß der ist.

Eigentlich wollte ich morgen nach Deutschland fliegen, an meinen Heimatort. Natürlich gestrichen. Meine Eltern haben weniger Angst, von mir angesteckt zu werden als vor den Kommentaren der Nachbarn. Mein Bruder, der Death-Metal-Rocker, betreut beruflich alte, behinderte Menschen. Den dürfte ich sowieso nicht mal angucken. (Der andere ist Tischler). Ganz ehrlich, in meiner Kleinstadt würden sich vermutlich nicht allzu viele Leute über meine Anwesenheit freuen. Weil ich halt aus dem Seuchenland komme. Ich kann das verstehen.

So wie uns geht es jetzt gerade vielen. Die Kinder im Ausland, zum Studieren, in meinem Fall auch noch die Eltern. Es geht jetzt gerade nicht hin – und vor allem vielleicht nicht zurück. Und wir überlegen: Geht es eigentlich noch von Rom aufs Land? Laut Notverordnung nicht.

Ich wollte eigentlich nur ein paar Tage bleiben. Wenn ich jetzt zurück in die Stadt fahre – wann kann ich überhaupt wieder kommen? Die grundsätzlichere Frage wäre: Wieso soll ich eigentlich gerade jetzt weg von hier?

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Wenn schon zu Hause bleiben, dann lieber auf dem Land. Das Land ist immer offen, während in der Stadt alles geschlossen ist, was die Stadt ausmacht. Kino, Museen, Theater und jetzt sogar die Restaurants, ab 18 Uhr. Unser Freund Marco, der bei sich zu Hause mit seinem Projektor einen kleinen Kinofreunde-Kreis veranstaltet, hat für nächsten Montag auch schon alles gestrichen. Man darf arbeiten, sich aber nicht nach Dienstschluss versammeln, das ist die Ansage der Regierung. Sicher, irgendwann in den nächsten Tagen muss ich nach Rom, den Mann unterstützen. Aber heute wird erst mal der Gemüsegarten gepflügt.

Cricetare

Das italienische Wort für  „hamstern“ wäre „cricetare.“ Aber das gibt es gar nicht, man sagt „fare provviste“, Vorräte machen. Vielleicht liegt es daran, dass der Zwerghamster als Haustier hier sehr unüblich ist. Italiener können Hamster nicht wirklich von Mäusen unterscheiden, und das Hamsterrad fänden sie ohnehin schockierend. Was soll man auch mit nachtaktiven Kleinsttieren, die zudem noch eine Zwangsstörung haben, beißen und stinken? Eine bei italienischen Freunden beliebte Anekdoten betrifft einen berühmten Journalistenkollegen vom Spiegel und die Meerschweinchen seiner Tochter. Der Kollege hatte seinen Meerschweinchenbullen (oder Meereber?) in Rom von einem Tierarzt sterilisieren lassen. Der Tierarzt hat 600 Euro dafür genommen. Das finden meine Freunde, die übrigens auch kein Meerschweinchen von einem Hamster unterscheiden können, sehr lustig.

Als Kind und auch noch als Studentin hatte ich Hamster. Die ersten brachte mein Patenonkel Herbert in kleinen Pappschachteln mit, in die er Atmungslöcher gestochen hatte. Onkel Herbert hatte eine Autowerkstatt und selbstgebastelte, dritte Zähne. Beides fanden wir als Kinder faszinierend. Als Erwachsene muss ich sagen, dass seine Installationen aus getrockneten Zierkürbissen, Draht und blauem Autolack noch faszinierender waren.

Die Hamster starben immer ganz schnell, außer meinem letzten, eine Hamsterin namens Giuseppina. Für eine Maus war Giuseppina eindeutig zu fett. Sie hatte freien Auslauf in meiner Wohnung im Dortmunder Kreuzviertel (80 Quadratmeter, 200 Mark im Monat), dauernd Kohlestaub im Fell, wenn sie sich wieder mal in meinen Kohleöfen versteckt hatte und sie fraß Löcher in die selbstbestickten Decken, die meine Oma auf der Flucht aus Pommern gerettet hatte. Als ich nach Italien zog, übergab ich Giuseppina meinem Bruder, dem Altenpfleger und Death-Metal-Rocker.

Gerade kann man viel darüber lesen, dass die Deutschen hamstern, die allerbeste Geschichte dazu ist diese hier. Meine italienischen Freunde finden es sehr interessant, dass es in Deutschland Dosenravioli gibt und haben Spaß daran, Pichelsteiner Topf auszusprechen. Am lustigsten finden sie aber, dass die Deutschen Klopapier bunkern. Sie meinen, das sei ein Fall für die Psychoanalyse. Manche analysieren es auch gleich selbst, aber was dabei herauskommt, schreibe ich jetzt mal lieber nicht.

Hier werden auch Vorräte gemacht. Reis, Mehl, Zucker, Linsen, grobes Salz. Und Pasta, Tonnen von Pasta. Nur eine Sorte, die bleibt im Regal: Penne lisce.

Das ist doch ein interessanter Fall für die Marktforschung.

 

Fitness-Park

Was ich in diesen crazy Zeiten immer wieder bewundere, ist die absolute Nonchalance, mit der in Rom zum Beispiel mal eben eine Fitness-Zone im Park eingerichtet wird. Die Stadt hat für sowas kein Geld? Na, dann fragen wir doch einfach im Viertel, wer seinen alten Hometrainer loswerden möchte. Das Ergebnis sieht dann so aus:

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Den Spielplatz dahinter hat dann doch Vater Staat bezahlt.