Bei Perugino

Pietro di Cristoforo Vannucci, wahrscheinlich 1448 in Città della Pieve geboren, wurde als „Perugino“ einer der berühmtesten und begehrtesten Maler seiner Zeit. Er arbeitete in Florenz mit Leonardo, Ghirlandaio, Filippino Lippi, Botticelli und Pinturicchio zusammen und malte als 30-Jähriger in der Sixtinischen Kapelle, wo seine „Taufe Christi“ als einziges der großen Fresken eine Signatur trägt.

Damals strotzte der divin pittore (göttlicher Maler) vor Selbstbewusstsein. Alle wollten seine lieblichen Madonnen und edlen Heiligen, die er stets elegant gekleidet, sorgfältig frisiert, mit geradem Rücken und beseelt-gelassenem Gesichtsausdruck in der sanften Landschaft seiner Heimat Umbrien platzierte. Blaue Hügel, pastellgrüne Wiesen, hier und da ein Bäumchen und am Horizont der Lago di Trasimeno, das wurde Peruginos Markenzeichen. In späteren Jahrhunderten galt das als dekorativ, was nicht besonders anerkennend gemeint war. Mit etwas mehr Empathie kann man bei Perugino heitere Seelenlandschaften entdecken, perfekt für harmoniesüchtige Gemüter wie mich. Mir gefällt er allemal besser als sein Schüler Raffael oder der noch viel harmonischere Kollege Botticelli.

Also auf nach Città della Pieve. Mehr Dorf als Stadt, auf der Grenze zwischen Umbrien und Toskana gelegen, charakteristisch durch mittelalterlichen Ziegelsteinbauten. 7000 Einwohner, der berühmteste zurzeit Colin Firth. Und drei Peruginos, passend für einen gemütlichen Spaziergang an einem halbwegs frischen Julimorgen.

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Das Fresko „Anbetung der Heiligen Könige“, befindet sich im winzigen Oratorio di Santa Maria dei Bianchi. An den Wänden der Kapelle hängen noch die schwarzweißen Kutten der Ordensbrüder, die sich auch „Kompanie der Disziplinierten“ nannten. Anfang des 16. Jahrhunderts war diese Bruderschaft so wichtig, dass sie es sich erlauben konnte, bei Perugino anzuklopfen. Dafür, ihn angemessen zu bezahlen, scheint es dann allerdings nicht gereicht zu haben. Der Maler verlangte 200 Gulden und war nach langem Hin und Her bereit, für die Hälfte zu arbeiten, quasi als Geschenk für seine Heimatstadt. Den lieben Landsleuten aus Città della Pieve war das aber nicht entgegenkommend genug. Sie handelten den Malerstar auf 75 Gulden herunter. Um nicht vollends sein Gesicht zu verlieren, forderte Perugino, dass man ihm wenigstens ein Maultier für die Anreise aus Perugia schicken möge. Das immerhin wurde ihm gewährt.

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Das Gefolge der Könige malte Perugino als langen Zug der Ritter, sogar ein Falkner ist dabei. Ansonsten sieht man wie üblich viel Wiese und flaches Wasser, verklärte Gesichter und schöne Stoffe. Das Jesuskind ist aparterweise größer als ein Schaf (ich arbeite seit Jahren an meiner Sammlung ungestalter Jesuskinder großer Maler) und der Esel stämmiger als der Ochs (der Esel in der Kunstgeschichte wäre auch mal einen Aufsatz wert).

Wahrscheinlich hat Perugino das gar nicht selbst verbockt, sondern der für Jesuskinder und Tiere zuständige Gehilfe aus seiner Werkstatt. Der Meister war für Gesichter und allenfalls noch Füße zuständig – und die stimmen. Tatsache ist aber auch, dass Peruginos Stern 1504, als er für die Diszplinierten arbeitete, gerade dabei war zu verblassen. In Mantua hatte Markgräfin Isabella d’Este über einen von ihr in Auftrag gegebenen „Kampf zwischen Amor und Keuschheit“ das Näschen gerümpft. Perugino hatte es gewagt, eine nackte Venus ins Bild zu bringen – und überhaupt, falsche Technik und falsche Interpretation. Zu einem Platz im Louvre hat es später allemal noch gereicht, aber Isabellas Kritik sprach sich rasch bei Adels herum und die Aufträge für Perugino brachen ein.

So richtig hat er sich nicht mehr davon erholt. Der „Göttliche“ war einfach nicht mehr angesagt. Im Dom seiner Heimatstadt hinterließ er zwei weitere Werke. Eine Taufe und ein Heiligendefilee, erstere ganz gelungen, letzteres naja.

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Der Jordan ist hier eher ein Teppich als ein Fluss. Sieht aus, als hätte der verblüffend staubfreie Johannes das Taufwasser im Fläschchen mitbringen müssen. Vielleicht war in der Flasche auch Eau Sauvage von Dior, denn die glatte Brust des wilden John duftet einem richtiggehend aus  dem Bild entgegen. Und seine Kombi aus leichter Fellweste und lässig drapierter Purpurseide könnte er grandios im Mailänder Herbst tragen.

In der Krypta des Doms findet sich sehr versteckt der Rest eines Freskos von Benozzo Gozzoli. Nur als Hinweis für Kenner.  Man erkennt Adam und Eva beim Sündenfall, aber der Hammer ist die Blumengirlande rechts. Renaissance-Flowerpower!

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Città della Pieve ist also wirklich etwas Besonderes. Wo sonst auf der Welt heißt der Platz vor dem Dom Piazza Antonio Gramsci? Wo sonst gibt es noch Metzger, bei denen man aus dem Verkaufsraum in die Küche schauen kann – auf Berge von frischer Salsiccia, die da gerade mit Bindfaden abgeschnürt wird? Marco Rosi heißt der macellaio, er verkauft auch Safran, der in den Hügeln um die Stadt (wieder) angebaut wird. Und als wäre das alles noch nicht sympathisch genug, sind die Pievenser (?!) auch noch lustig kreativ.

Ob das Colins Firths Regenrinne ist?

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Quatsch, der hat sicher ein Anwesen in der Campagna. Zypressen, Zikaden, Pool und was man als Weltstar noch so braucht. Vielleicht kauft er ja seine Zeitungen hier:

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Gibt es auch in Italien kaum noch, solche Läden. Kleine Zeitreise in eine Welt, da die Maler noch auf Maultieren reisten. Für mich geht’s zurück mit dem Auto, ein Stündchen durch die Hügel. Die Landschaft des Perugino.

 

 

 

Villa Lante

In diesem Sommer also Entdeckungstouren vor der eigenen Haustür. FreundInnen erzählen begeistert von Rundgängen durch die nahezu leeren Vatikanischen Museen, wo auf einmal nicht mehr 20.000 BesucherInnen pro Tag unterwegs sind, sondern nur noch 200. Kein Wächter trompetet mehr „Silenzio!“ in der Sistina, weil es da sowieso schon so still ist. Endlich in Ruhe Michelangelo gucken! Und Luca Signorelli, Perugino, Ghirlandaio, Botticelli. Demnächst. Im Sommer bleibe ich ja dann doch lieber draußen. Zum Beispiel in der Villa Lante.

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Genauso frisch wie auf dem Bild ist es dort wirklich, an einem heißen Julimorgen. Dabei sind gar nicht alle Brunnen in Betrieb, aber die Lage in der Hügellandschaft um Viterbo, ein leichter Wind und die Schatten der alten Bäume reichen schon für Linderung. Die Villa Lante ist ein ziemlich kleiner Park,  für die winzige Ortschaft Bagnaia jedoch schon überdimensioniert.

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Die Provinz Viterbo ist ein Nest des Manierismus. Reiche, von der Esoterik angehauchte Landadelige engagierten allenthalben phantasievolle Landschaftsarchitekten, die je nach Neigung der Kundschaft Ungeheuer (Bomarzo) oder Labyrinthe und formenreiche Brunnen in großzügig bepflanzte Parks drapierten. In Bagnaia war um 1570 der Gartenbauer Jacopo Barozzi am Werk, beauftragt von Kardinal Giovanni Francesco Gambara. Der Kirchenmann war Mitte Dreißig, als er die Verwaltung von Viterbo und Tuscania übernahm, ein ziemlich großes, aber relativ dünn besiedeltes Gebiet voller dichter Wälder und tiefer Seen zum Jagen und Fischen.

Vor den Toren von Viterbo ließ sich Gambara eine kleine Jagdvilla mit Park erbauen, klein, ja intim aber voller Raffinesse. Hier ein kleines Gartenhäuschen – das Haupthaus mit der fantastisch freskengeschmückten Loggia ist leider seit Jahren geschlossen. Pertsonalmanhel! Im Moment passen drei gemütliche ältere Herren mit baumelnden Gesichtsmasken auf Park und Publikum auf.

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Als Gambara 1587 starb, erbte den Besitz Kardinal Alessandro Peretti di Montalto, der sich prompt ein zweites Haus in den Park pflanzen ließ. Peretti ging in die Kirchengeschichte ein, weil er schon mit 14 Jahren zum Kardinal ernannt wurde. Als er Bagnaia übernahm, war er immerhin 17 und sich seiner Würde offenbar schon sehr bewusst. Angesichts der heutigen Gerontokratie in der Römischen Kirche vergisst man leicht, wie jung Kurienmänner und Päpste früher waren, ganz selbstverständlich zu Pferd unterwegs und das meistens gut bewaffnet. Ätherische Gestalten wie Benedikt XVI waren eher selten, es ging ja schließlich auch weniger um himmlische Fährnisse als um weltliche Macht. Altmänner-Gespinste wie der Verzicht auf Sex oder Fleisch am Freitag haben Typen wie Gambara, Peretti aber auch ihre Vorgesetzten nicht die Bohne interessiert, und Martin Luthers Stänkereien sind in Viterbo bis heute nicht angekommen. Lieber lud man als junger Kirchenfürst Gäste zu rauschenden Gartenpartys ein, platzierte sie an einem langen Tisch mit einem Wasserlauf in der Mitte und tafelte im Schein von 14.000 Kerzen.

 

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Der ganze Park evoziert spielerisch das Miteinander von Kunst und Natur. Ein Evergreen! Der Park und seine Brunnen sollten so natürlich wie möglich wirken, geschafft haben die Architekten des 16. Jahrhunderts das sicher mit diesem Nymphäum:

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Man muss es nur anschauen, und schon kühlt die Körpertemperatur ab! Was das anging, hatte Kardinal Peretti noch ein anderes, eiskaltes Geheimnis. Er ließ im Winter Schnee in eine zehn Meter tiefe Höhle schaufeln, die er im Sommer als Kühltruhe benutzen konnte. So schmeckte auch der Weißwein aus dem benachbarten Montefiascone besser…

Villa Lante

Via Jacopo Barozzi 71, Bagnaia

Tel. +39-0761-288088, Tgl. außer Mo von 8.30 bis 19.30 Uhr, 5 Euro. Maskenpflicht!

 

Soundtrack des Lebens

Es gibt Filme, von denen man nur noch die Musik erinnert. Und wenn das so ist, dann stammt diese Musik garantiert von Ennio Morricone. Der Mann, von dem wir alle irgendeine Melodie kennen, ist heute mit 91 Jahren in Rom gestorben. Sein ganzes Leben hat er in seiner Heimatstadt verbracht. Morricone liebte Rom und Rom verehrte ihn. In den letzten Jahren dirigierte er so viele Konzerte wie nie zuvor,  alle ausverkauft.

Es war nicht nur die Nostalgie, die die Säle füllte. Irgendwie scheint es, als habe dieser zierliche, leise Herr den Soundtrack unseres Lebens geschrieben. Seine Kompositionen bleiben unverrückbar in unserem Gedächtnis, unserer Seele, weil niemand sonst Emotionen derart klingen und schwingen lassen konnte. Der verrückteste Ort, an dem ich sein „Spiel mir das Lied vom Tod“ gehört habe, war die Kirche San Domenico in Neapel – zu einer Hochzeit.

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Morricone war mit seinem späteren Kompagnon Sergio Leone im Stadtteil Trastevere zur Grundschule gegangen. Er war der Beginn eines ewigen Derbys. Leone war für Lazio, Morricone Romanista. Einmal fragte ich ihn, ob er gern die Roma-Hymne geschrieben hätte. Er lächelte abgründig. Ein Fußballspiel musikalisch zu begleiten, halte er jedenfalls nicht für unmöglich.

Sein Erfolg war immer ein wenig unheimlich. Oder besser: Er wollte nie mit Filmmusik weltberühmt werden. Die Soundtracks waren ja nur eine Gelegenheit, Geld zu verdienen für seine Familie, die Ehefrau Maria, mit der er 64 Jahre verheiratet war, und die vier Kinder. Ein Brotberuf, aber der Komponist Morricone hätte lieber Ruhm mit „richtiger“ Musik erlangt, mit „ernsthaften“ Orchesterwerken seine Kollegen und die Fachwelt beeindruckt. Er träumte also von Höherem, genoss aber natürlich die Popularität.

Die Anerkennung der Musikwelt kam spät. Auch die der Filmbranche: 2007 der Ehren-Oscar und erst 2016 ein „richtiger“ für den wenig erinnerungswürdigen Tarantino-Movie „Hateful eight.“

Dabei war er längst ein Klassiker, ein Großer des 20. Jahrhunderts. Seine Musik wird bleiben. Grazie Maestro.

Roma capoccia

Es ist heiß. Und es ist leer. Am frühen Morgen ist es noch nicht so heiß, aber dafür noch leerer, also die beste Zeit zum draußen sein. Heute mal zu Fuß, das Fahrrad ist im Hof angeschlossen, aber der Sohnemann hat den Schlüssel verklüngelt. Zum Rad und zu den zwei Türen davor. Zahnarzttermin mit Nervtötung erst um 11 Uhr, also ist man um halb sieben strahlender Laune.

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Ist ja auch schön, oder? Mit dem Rad wäre es schöner, schon wegen der leichten Brise. Aber auf dem Rad sieht man nicht so viel wie zu Fuß. Zum Beispiel diesen Blumenkübel vor dem Kolosseum:

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Okay, der Zoom ist ein bisschen ungerecht. Schließlich stehen hier gleich drei von diesen Dingern, sorgsam aufgereiht.

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Die E- Roller gehören mittlerweile auch zum Stadtbild. Man muss verdammt aufpassen,  nicht umgefahren zu werden, vor allem aber, nicht über die Dinger zu stolpern. Immerhin ist das aber viel einfacher zu Fuß. Denn mit dem Rad hätte ich hier tatsächlich ein klitzekleines Problem:

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Soviel zu Rom als neuer Radlerhauptstadt. In Wirklichkeit entwickelt sich die Stadt gerade zur neuen Metropole der Monopattini – klingt das nicht viel netter als E-Roller? Ach so, hier auf dem Weg vom Kolosseum zum Circus Maximus. Da soll demnächst auch die U-Bahn direkt verkehren. Also irgendwann demnächst.

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Ich bin immerhin schon so lange in town, dass ich mich noch an eine Zeit ohne diese Baustelle erinnere. Allerdings war das Kolosseum da auch noch altersschwarz. Man konnte damals einfach so das Augustus-Forum sehen. Das waren Zeiten! Heute geht das nicht mehr, höchstens sehr früh morgens, wenn man die Absperrungen ignoriert.

Vorhang auf:

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Was das soll? Nun, ein gewisser Alberto Angela, TV-Moderator einer Wissenschaftsshow, hat sich an den interessantesten Ausgrabungsplätzen Italiens die Rechte für seine Multimedial-Märchenstunde vor zahlendem Publikum gesichert. Der Mann ist der unumstrittene Boss der Geschichts-Verkitschung, übrigens schon in zweiter Generation, denn vor ihm hatte sein Vater Piero das übernommen. Das derlei Monopole erstens überhaupt bestehen und zweitens auch noch vererbt werden, wäre anderswo undenkbar. Hier aber versperrt die absurde Tribüne für die abendliche Lightshow nicht nur monatelang den Blick auf das Forum, sie verschandelt auch eine einmalige Stadtlandschaft. Und das, obwohl sie auch abends leer bleibt!

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Wobei….Stadtlandschaft? Mitten in Rom kann man sich neuerdings sein Mittagessen zusammensammeln. Rucola sprießt direkt am Kolosseum. Die lichtblau blühende Cicoria – also die deutsche Wegwarte – ein in der römischen (Restaurant)-Küche sehr beliebtes Gemüse, hat sich neuen Lebensraum an der Forenstraße erobert. Früher hatten wir mal StadtgärtnerInnen. Jetzt haben wir die Fünf Sterne im Rathaus. Und das Kraut sprießt überall, wie es will. Genau wie der Müll.

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Wenn die Stadt so leer ist, könnte man sie doch glatt mal aufräumen. Für uns RömerInnen, damit wir es in diesen harten Zeiten ein bisschen netter haben.

Welch ein naiver Gedanke auf einem Morgenspaziergang durch die schönste Stadt der Welt. Was ich übrigens nicht fotografiert habe: Die Hundescheißepäckchen auf den Fensterbänken verschlossener Hotels. Die überall achtlos hingeworfenen Atemschutzmasken. Die Matratze auf dem Bürgersteig unweit von Neros Goldenem Haus, Nachtlager für arme Menschen.

Und jetzt ab zum Zahnarzt.

 

 

Die Coop bist du

Aus dem alltäglichen deutschen Fleischporno ist ein Fleischhorror geworden, so weit sind diese beide Genres eigentlich nicht voneinander entfernt. Zu dem sauberen Herrn Tönnies und Konsorten ist schon alles gesagt und wer, wie ich, aus seiner Wurstekessel-Gegend kommt und mit Hausschlachtung bei Omma im Keller aufgewachsen ist (zum Glück haben unsere Eltern uns da rausgeholt, als ich sechs war), der wundert sich auch nicht darüber, dass westfälische LokalpolitikerInnen und StaatsanwältInnen groß im Wegschauen sind. Die LokalpressInnen sowieso.

Nur soviel: Es stimmt nicht, dass erst das Fressen kommt und dann die Moral. Weiß ich als Kind einer working-poor-Familie, die bei Aldi grundsätzlich nur die Grundnahrungsmittel kaufte. Gemüse und Eier kamen vom Gemüsebauern, das holten wir mit dem Rad an den Abenden vor den Markttagen ab. Brot kam vom Bäcker, Milch und Sahne kamen vom Milchwagen. Und Fleisch und Aufschnitt kamen vom Metzger, der damals wie heute noch eigene Schweine hat.  Meinen Eltern hat das Supermarktzeug schlicht nicht geschmeckt. Es wurde immer viel für’s Essen ausgegeben und wenig für den Rest. Insofern war Tönnies immer eine andere Welt, ganz abgesehen davon, dass zu seiner auch noch Schalke gehört.

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Natürlich gibt es solche Feudalherren auch in Italien, aber die beuten eher LandarbeiterInnen aus, Großmetzger sind hier kleiner. Nicht von ungefähr wurde Slow Food in Italien erfunden, nicht ohne Grund ist Italien der größte Erzeuger von Bioprodukten. Die Leute haben nicht nur mehr Bewusstsein für das Essen, sie haben auch mehr Empathie für diejenigen, die es ihnen auf den Tisch bringen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Italien bis vor wenigen Jahrzehnten ein Agrarland war. Die allermeisten hier haben Eltern oder zumindest Großeltern, die selbst einen kleinen Olivenhain bewirtschafteten oder einen Gemüsegarten mit Hühnerstall.

Und dann gibt es die Coop. Seit Jahrzehnten sind wir Mitglieder. Die Coop war mal rot, das ist vorbei, sie war tief in Schmiergeldaffären verstrickt, das ist hoffentlich auch vorbei. Heute im Angebot: Bioprodukte, klar. Antimafia-Produkte ebenfalls. Und Antiausbeutungs-Protokolle in der Landwirtschaft und Fischindustrie. Kein Palmöl in allen Eigenprodukten. Plastik weitgehend abgeschafft. Preisblockade während der Corona-Krise. Die Coop gibt auch Kredite, gegen den Zinswucher. Tiertransporte eingeschränkt, Fleisch-Herkunft nachvollziehbar. Überhaupt ist die Herkunft aller Lebensmittel anzugeben – in Deutschland weiß man ja noch nicht mal, woher die Nüsse für den Kuchen kommen.

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Das sollte jetzt keine Schleichwerbung für die Coop sein, die mich nachweislich nicht bezahlt, es läuft umgekehrt. Nur der Hinweis, dass es halt immer an den KundInnen liegt. Also an uns. Immer. Ausgenommen sind diejenigen, die sich wirklich nicht leisten können, auf etwas anderes zu schauen als auf den Preis der Waren und ihrer eigenen Arbeit. Diese Menschen müsste man besonders schützen. Dass man sie stattdessen zynisch missachtet,  ist der eigentliche Skandal bei Tönnies.

Für alle, die Italienisch können, hier noch ein echter Leckerbissen: Anfang der 1990er Jahre hat Woody Allen Spots für die italienische Coop gedreht. Hier sieht man alle in einem Video. Eloquentes Kalbfleisch, Außerirdische und der Traum vom Schinkenbrot, die Erotik von Äpfeln und ein Brautpaar in der Gemüseabteilung. Es war die Erfindung des Slogans „Die Coop bist du.“

Es soll Menschen geben, die Woody Allen boykottieren, wegen der Anschuldigungen seiner Ex-Frau. Ich beschränke mich auf den Boykott der Schweineindustrie, das aber im Allgemeinen und Besonderen.

 

 

 

Jedermann

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Italien eine Partei gegründet, die sich „Fronte dell’Uomo Qualunque“ nannte, wörtlich: Front des Jedermanns. Mit dem Jedermann war der im deutschen Sprachraum so beliebte „Kleine Mann“ gemeint, also jener Kleinbürger, der sich durch eine tiefe Skepsis dem Staat gegenüber auszeichnet, vor allem dann, wenn dieser Staat demokratisch organisiert ist.

Bei den Wahlen 1946 gelang der Jedermann-Front der Sprung ins Parlament und damit sogar in die verfassungsgebende Versammlung. Zwei Jahre später war die Partei schon wieder weg vom Fenster. Der Qualunquismo aber, jene typisch italienische Demokratieverdrossenheit, blieb. Eine Comicfigur und eine ganze Reihe von satirischen „Jedermännern“ sind nach ihm benannt, zuletzt eine höchst erfolgreiche Kino-Trilogie um einen kleinbürgerlichen Antihelden namens Cetto La Qualunque ( in Deutschland, wo das unsäglich „F you Goethe“ die Säle füllt, sollte man darüber besser nicht lächeln).

Die italienische Politik wimmelt von Qualunquisti. Berlusconi war der reichste Jedermann, Bossi der vulgärste, Salvini ist der aggressivste, Grillo der abgezockteste. Die Jedermann-Parteien verfügen seit Jahrzehnten über solide Mehrheiten im Parlament – mit kurzen Unterbrechungen, in denen das Land wieder ein bisschen auf Vordermann gebracht wird, was den Leuten den Vorwand liefert, den nächsten Jedermann zu wählen. Oftmals befinden sich die Jedermänner indes sowohl in der Regierung als auch in der Opposition. So auch jetzt. Obwohl: So schlimm wie jetzt war es wirklich noch nie.

Nehmen wir Giuseppe Conte. Er wurde Ministerpräsident, weil er A) mit Messer und Gabel essen kann, B) das auch auf Englisch hinkriegt und C) garantierte, sich nicht in die große Politik der beiden Big Jedermänner Salvini und Grillo einzumischen. Letzteres hat sich inzwischen erledigt, weil Salvini in der Opposition ist und Grillo eigentlich auch, nur nicht so öffentlich.

Im Gegensatz zu diesen beiden richtet Conte keinen Schaden an, indem er Minderheiten verfolgt und die Demokratie demontiert. Er ist einfach da und schwimmt irgendwie oben, wie das einst Generationen christdemokratischer Regierungschefs vor ihm taten, übrigens ist Herr Conte dabei immer auffallend gut frisiert. Das Problem ist nur: Italien erlebt gerade die größte Krise seit Jahrzehnten. Der Schuldenberg wächst wie die Arbeitslosigkeit und die allgemeine Depression, das war schon vor Corona so und jetzt ist es erst recht so, nur noch viel schlimmer. Dass die Zustimmung für Conte während des von seiner Regierung verordneten, strengen Lockdowns, stieg und stieg, war eigentlich ein positives Zeichen. In der Not wollten die Leute doch lieber von einem freundlichen Jura-Professor regiert werden als von dem Rumpelstilzchen Salvini. Inzwischen hat man die ernüchternde Gewissheit, dass das einzig Positive an dieser Regierung die Tatsache ist, dass Salvini ihr nicht angehört. Aber das reicht natürlich nicht.

Seit einem Jahr wird darüber diskutiert, endlich die unsäglichen Gesetze zur Blockade von Flüchtlingsschiffen abzuschaffen, die Salvini mit den Stimmen der Fünf Sterne durchgesetzt hat. Nichts geschieht. Seit einem Jahr verspricht die Regierung die Einrichtung von Arbeitsagenturen. Nichts geschieht. Vom Tisch ist der Vorstoß der Staatsbürgerschaft für Einwandererkinder, den die mit regierende PD eigentlich auch sofort einbringen wollte. Aber dann kam ja Corona. Und eine Krise, die die amtierende Regierung endgültig als einen Haufen von Jedermännern und Jederfrauen entlarvt, die ohne tragfähiges Projekt, ja ohne eine einzige Idee irgendwie an der Macht bleiben wollen. Auch Conte scheint Gefallen an der Macht gefunden zu haben. Leider findet er nicht ganz so leicht einen Ausweg aus der Krise.

Stattdessen gibt Conte den Jedermann. Laut tönt er gegen die angebliche Einmischung der EU (und namentlich der Angela Merkels) bei der Verteilung der Post-Corona-Hilfsgelder. Aber er hat immer noch keinen Plan, wie er das Geld einsetzen soll. Er weiß noch nicht einmal, ob die Fünf Sterne ihm erlauben werden, den 37 Milliarden-Kredit aus dem Rettungsfonds zu akzeptieren. Nach wie vor sind die Grillini dagegen, schließlich haben sie ihrer Klientel Jahre lang vorgelogen, die EU vergäbe Kredite nur zur Gängelung. Der Rettungsfonds ist für die Fünf Sterne eine Schimäre wie die Müllverbrennung und der im Labor erzeugte Bakterienbefall apulischer Olivenbäume. Von all‘ den schönen Verschwörungstheorien kann man jetzt nicht einfach abrücken, nur weil die Realität gerade mal stärker ist.

Die Schwäche des Jedermanns Conte resultiert aus der Stärke der anderen. Oder auch umgekehrt. Das Ergebnis jedenfalls ist Stillstand. Die Blockade wird neue Jedermänner produzieren, womöglich sogar Jederfrauen, denn zurzeit ist rechtsaußen die forsche Giorgia Meloni mit ihren Ewiggestrigen im Aufwind. Neu ist sie nicht, denn sie war schon unter Berlusconi Ministerin. Und neu sind schon gar nicht ihre Überzeugungen  – von Ideen mag man ja gar nicht sprechen. Aber wie es aussieht überdauert der Qualunquismo in all‘ seinen Farben, in Ewigkeit, Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Animali per esperti

Hatte ich schon gesagt, wie gern ich Eva Menasse lese? Ihr „Tiere für Fortgeschrittene“ ist als Sommerlektüre nur zu empfehlen. Geht aber auch im Frühling, Herbst oder Winter. Erzählungen werden leider von Kritik und Publikum immer noch unterschätzt. Eva Menasse ist eine Meisterin dieser Form. Abgründig, witzig, warmherzig, verschroben, raffiniert. Wenn man will, kann man grübeln, was die jeweilige Geschichte eigentlich mit dem Namen gebenden Tier zu tun hat. Muss man aber nicht.

Hier liest sie (mit italienischen Untertiteln) aus „Enten.“ Und ich gebe (wer’s überspringen will: bis Minute 4:58) die Vorgruppe, ohne Untertitel. Ein Projekt des österreichischen Kulturinstituts Rom.

Rome again

Piazza Vittorio, um sechs Uhr nachmittags, Parkplatz direkt vor dem Haus. Scheint also keiner da zu sein. Außer einer Gruppe von Männern, mittelalt, alle mit Bierflasche, schon ein bisschen angezwitschert. Ich lade das Auto aus, komme zurück, um die Auflaufform vom Beifahrersitz zu holen.

„Aho, Signò“ sagt einer, „Signora“ ist gemeint. „Haben Sie Lasagne gemacht oder was?“ Ich murmele nein, er hört mich nicht hinter meiner Maske. „Signò, Lasagne?“ – Da stößt ihn der nächste an: „Dottoressa???“

Rome again. Ich wusste gar nicht, wie sehr ich das vermisst habe. Steht alles noch. Andererseits ist auch einiges passiert.

Die Wahrsagerin unten zum Beispiel, ist schon auf dem neuesten Stand. Das „Vergangenheit gratis“-Schild hat sie abgebaut, wer will schon zurück schauen, in diesen Zeiten, no grazie, auch nicht für umsonst. Stattdessen: Plexiglasbarriere, zwischen zwei fetten Zylindern. Und Telefonservice.

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Die chinesische Weinhandlung hat jetzt draußen Tische aufgestellt, das Café daneben sich verbreitert. Es gibt ja Platz genug unter den Arkaden.

Rom ist leer. So leer. In Deutschland scheint man das ja toll zu finden, die leeren italienischen Städte. Venedig leer! Nix wie hin. Florenz! Nur wir auf dem Ponte Vecchio, super! Im Grunde sind die Deutschen Waldmenschen geblieben, vermutlich die einzigen auf der Welt, die auch in der Stadt nur die Vögel zwitschern hören wollen.

Auf der Piazza Vittorio haben die grünen Papageien schon vorher den Verkehrslärm übertönt. Jetzt hört man auch die Mauersegler. Der Hinterhof ist so, sagen wir: lebendig wie eh und je. Die eine Bangla-Familie fängt um Punkt zehn Uhr morgens an mit der großen Knoblauchrösterei, die andere kocht gegen 23 Uhr interessanterweise ganz ohne Knofel. Der Mark erschütternde Husten des Alten von gegenüber ist hunderprozentig nicht Corona und wird konsequent weiter am offenen Fenster verabschiedet. Der eine Nachbar schaut den ganzen Tag RAIuno, die andere, mit Radio Maria, ist verstummt.

Unterwegs, in der Nacht, ist man wirklich ganz allein. Die Via Urbana, sonst eine swingende Kneipenstraße: menschenleer. Der angesagte Eissalon im Ausgehviertel Monti: geschlossen. Es ist so still in den Straßen der alten Suburra und die Stille sagt, hier wohnt niemand mehr. Alles Ferienwohnungen und keiner zu Hause. Nur auf der Piazzetta hängen Trauben von jungen Römern, aus einem Pub hört man sogar Englisch. Keiner trägt Maske.

Und dann biege ich auf die Via dei Fori Imperiali, die Aufmarschstraße zwischen Kolosseum und Piazza Venezia. Sonst um Mitternacht eine Garantie für Tote Hose, wer guckt schon um diese Zeit Ruinen? Aber heute ist was los, Lachen, Schreien, Gedränge. Römische ragazzi sausen, von ihren Freundinnen angefeuert, um die Wette auf den E-Rollern, die von der Stadtverwaltung überall im Zentrum für Touristen aufgestellt werden.

Und die albernen Roller sehen auf einmal gar nicht mehr so albern aus. Sie verleihen der frischen Juninacht jene Leichtigkeit, die sie verdient hat.

Rome again.

 

Partita del Secolo

Heute vor 50 Jahren fand im Aztekenstadion von Mexiko City das WM-Halbfinale Italien-Deutschland statt. Italien gewann 4:3. Bis in die 90. Minute hatten die Italiener 1:0 geführt und es geschafft, dieses Resultat eisern zu verteidigen. Dann glich Karl-Heinz Schnellinger aus, der damals bei Milan spielte. Es folgte eine halbe Stunde, in der sich die zuvor ziemlich zähe Begegnung zum allseits verklärten „Jahrhundertspiel“ wandelte. Nie war eine WM-Verlängerung spannender, nie fielen mehr Tore.

94.     1:2 Müller

98.     2:2 Burgnich

104.   3:2 Riva

110.   3:3 Müller

111.    4:3 Rivera

Nebenbei spielte Beckenbauer ab der 65. Minute mit einem an den Körper festgebundenen, rechten Arm, nachdem er sich auf der Jagd nach einem Elfmeter die Schulter verletzt hatte. Der deutsche Radio-Reporter Kurt Brumme empörte sich vor einem Millionen-Publikum über die Italiener: „Mein Gott, ist das ein Fußball hier. Das ist ja entsetzlich, das ist ja widerlich. Burgnich ist soeben verstorben, sehe ich. Nein, da kommt er wieder!“ „Pfui, pfui, pfui, Rivera!“

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Nun, in Italien hat man naturgemäß einen anderen Blick auf das Match. Der 50. Jahrestag wird gefeiert, als wären die Azzurri damals als erste auf dem Mond gelandet. Schon vorher hab es einen Kinofilm und ein Theaterstück zum Thema und Bücher sowieso, das Beste von den dem Soziologen Nando dalla Chiesa. Er schildert, wie die Italiener mit dem Sieg auch die Überwindung eines uralten Minderwertigkeitskomplexes gegenüber den Deutschen feierten: „Es schien, als seien wir jetzt die Deutschen.“ Dalla Chiesa erinnert, wie die Italiener in der Nacht zum ersten Mal als Nation feierten, überall auf den Straßen tanzten und wie der Autocorso geboren wurde. Hunderttausende waren damals als Arbeitsemigranten in Deutschland und zelebrierten den mühsam erkämpften Sieg über die reichen, arroganten Deutschen.

Für die war das 3:4 der Beginn des Italien-Traumas. Es folgten nur noch Niederlagen, bei der WM 1982, bei der WM 2006 (besonders bitter), bei der EM 2012 (ein Doppel-Balotelli, fast genauso bitter). Die Serie endete erst 2016 beim EM-Viertelfinale, das Deutschland beim Elfmeterschießen gewann. Und jedes Mal der gleiche Schlagabtausch in den Medien, die Beschwörung finsterster Klischees, auf beiden Seiten. Persönlich bin ich 2006 wüstens attackiert worden, weil ich mich in einem Feuilletonartikel für die SZ ein wenig über die deutsche Verehrung des „edlen Wilden“ Zidane lustig gemacht hatte. Halb Deutschland war mit dem Franzosen solidarisch, der sich im Endspiel von dem Italiener Materazzi provozieren ließ („deine Schwester…“), ihm den Kopf in den Bauch rammte und natürlich Rot dafür sah. Italien wurde Weltmeister und die Deutschen ärgerten sich schwarz. Der Spiegel beleidigte die Italiener als Muttersöhnchen, die ZEIT warnte: „Mafia im Finale“ und legte nach dem Sieg nach, der WM-Titel würde sich schon noch als Katastrophe für Italien entpuppen. Wäre ja noch schöner!

Die Italiener hingegen packen vor jedem Fußballspiel gegen die Deutschen den Weltkrieg aus. Als ich in Rom ankam, hörte ich zum ersten Mal, dass deutsche Fußballspieler als Panzer bezeichnet wurden. Daran hat sich nichts geändert. Vor dem EM-Halbfinale 2016 etwa schrieb der „Corriere della Sera“, als Italiener müsse man einfach für Frankreich sein. „Sie haben uns Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit geschenkt, während die Deutschen unser Land besetzt und unsere Großeltern hingemetzelt haben.“

Das ist ungefähr das Niveau.

Gestern abend war ich Gast in einer Radio-Sondersendung der RAI, gemeinsam mit dem deutschen Botschafter in Italien, mit dem klugen Professor dalla Chiesa und mit ein paar der alten Recken. Schnellinger war aus Milano due zugeschaltet, wo er seit Ewigkeiten in einem der Wohnblocks wohnt, die einst Silvio Berlusconi hochgezogen hatte. „Perle, was für eine Perle?“ sagte Schnellinger. „Es war nur ein Fußballspiel. Wenn wir gewonnen hätten, wäre es natürlich besser gewesen.“

Tarcisio Burgnich kam da schon mehr in Wallung. Der Sieg sei so wichtig gewesen, „weil wir endlich die Deutschen geschlagen haben, die uns in den 40er Jahren unterdrückt haben.“ Damit war vermutlich die deutsche Besetzung von Italien gemeint. Ein paar Minuten später legte Burgnich nochmal nach. „In zwei Kriegen“ hätten die Deutschen Italien überfallen – dass es im ersten Weltkrieg die Österreicher waren, wagten die Moderatoren nicht zu verbessern. Es sprach dann noch ein Professor für Anthropologie. Er sagte, der Sieg sei eine „Befreiung“ von den Deutschen gewesen.

Ich war ein bisschen schockiert und wies darauf hin, dass Beckenbauer und Müller nun wirklich niemanden überfallen hätten. Also wirklich, was kann man denn gegen piccolo grassotello Müller haben, mir ein Rätsel. Und Beckenbauer ist unerreicht elegant, von wegen Panzer. Die Deutschen hätten damals zwar verloren, aber trotzdem sei das Match als große Nummer in die Geschichte eingegangen, völlig egal, ob Sieg oder Niederlage. Ich wiegelte also ab, malte lustig die deutsche Angst vor Fußballitalien aus und erzählte, dass alle deutschen Reporter wissen, wie man Catenaccio schreibt oder wenigstens spricht. Lange habe ich mich dann darüber geärgert, dass mir, wie so oft, auf die Schnelle nicht der entscheidende Satz einfiel:

1970 hieß unser Bundeskanzler Willy Brandt.