Italien GGG

Natürlich kann man ungeimpft in Italien Urlaub machen. Es könnte allerdings ziemlich teuer werden. Oder langweilig, bei Regen. Denn ab dem 6. August gilt: In Restaurants (Innenraum), Museen (auch im Vatikan), Kinos etc. dürfen nur noch Geimpfte, Genesene, Getestete. Testen lassen kann man sich überall, klappt alles wunderbar, kostet aber mindestens 20 Euro. Kostenlose Bürgertests gab es hier noch nie. Für so etwas hat der hochverschuldete Staat kein Geld.

Die neue Verordnung hat genau das bewirkt, was sie erreichen sollte. Die Impfquote schnellt in die Höhe, Italien hat Deutschland überholt. Im September sollen die Vorschriften noch einmal strenger werden, dann ist auch z.B. das Bahnfahren ohne GGG nicht möglich. Beschäftigte im Gesundheitswesen unterliegen einer Impfpflicht, über eine entsprechende Verfügung für Lehrende wird gerade noch diskutiert.

Baden geht natürlich weiter ohne alles.

Sic transit…

…gloria mundi. Ja, so vergeht der Glanz der Welt – aber irgendwie ist es auch sehr putzig, dass die Coppa Luigi Berlusconi, der nach Silvio Berlusconis Papà benannte Pokal, nach sechsjähriger Pause wieder vergeben worden ist. Allerdings nicht in Mailand, wohin Berlusconi seine Lieblingsgegner seit 1991 einlud, um im Gedenken an den Senior freundschaftlich zu kicken. Sondern in Monza, wo dem Berlusca jetzt der örtliche Klub gehört, die ruhmreiche AC Milan musste er ja unter dem Druck seiner Kinder verkaufen.

Monza! Ist ganz nett, verglichen mit Milan und San Siro aber natürlich allertiefste Provinz. Wenigstens vorerst, denn der Patron hat ja versprochen, dass er Monza in die Champions League führen wird. Kleinigkeit für ihn und seinen Adlatus Adriano Galliani, der vom Milan-Manager zum Monza-Geschäftsführer abgestie…äh: mutiert ist, und auch in dieser neuen Position stoisch weiter Haifischlächeln und gelbe Krawatten trägt. Galliani feierte im Stadion seinen 77. Geburtstag. Berlusconi wird im September 85, bevor beide mit vereinten Kräften die Marke 200 reißen, könnte es mit der Champions League durchaus klappen. Momentan ist Monza aber noch Serie B.

Juve gewann den Sommerklassiker mit 2:1, Sieg Nummer 11 bei 20 Teilnahmen. Ohne Cristiano Ronaldo, der war zum Trainieren doch lieber zu Hause geblieben.

Das Fernsehen übertrug live. Italia 1, ein Berlusconi-Sender. Es ist also irgendwie alles noch beim Alten. Die Agnelli haben übrigens versichert, sie wollten ihre Juventus (seit 98 Jahren im Familienbesitz) niemals verkaufen. Man weiß, dass sie Versprechen ebenso eisern halten wie Berlusconi, also wird die Coppa del Nonno Luigi garantiert nicht zwischen Monza und Settimo Torinese stattfinden.

Obwohl – das hätte was.

Mercato Comune

Über seinen Großonkel Peppino, einen linientreuen Kommunisten aus den Abruzzen, erzählt mein Mann gern die Geschichte, wie er einmal mit einem Freund aus Deutschland bei Peppino vorstellig wurde. Der Onkel öffnete erst nach langem Geklingel, steckte dann ziemlich schlecht gelaunt den Kopf aus der Haustür, sah den Deutschen und bellte: „Ma che fai? Mi porti tutto il mercato comune?!“ Was fällt dir denn ein? Du bringst mir ja den ganzen gemeinsamen Markt!

Damals gab es nur die EWG, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die erst 1993 zur EG mutierte und noch später dann zur EU. Aber mercato comune ist in unserer Familie zum running gag geworden. Dass ich jetzt wieder verstärkt an Zio Peppino denke, liegt an den Holländern.

Die Holländer haben in diesem Sommer sozusagen unser Dorf erobert – und dass sie das im Verein mit einer kleineren Gruppe aus Belgien tun, lässt mich vermuten, dass wir auf irgendeiner flämisch-niederländischen Tourismus-Website gelandet sind. Wahrscheinlich als unverfälscht, preiswert und sehr authentisch. Unverfälscht stimmt, der Rest variiert.

Vor jedem von Dörflerinnen vermieteten Ferienhaus steht im Moment mindestens ein Auto aus den Niederlanden oder aus Belgien. Beim Bäcker erscheinen Holländer oder Belgier in Funktionskleidung – also sehr wenig Klamotten, denn es ist brüllend heiß. Abends in der Dorftrattoria hört man niederländisch und flämisch – jawohl, ich kann das auseinanderhalten. Vor allem hört man die Gäste am Nachmittag, denn dann plantschen sie lautstark in ihren gemieteten Swimming Pools, was mich mit Neid erfüllt, weil wir auf unserem Swimming-Pool-Gelände halt fünf Esel ihre rituellen Staubbäder nehmen.

Offenbar sind einige gekommen, um zu bleiben. Nicht nur Ferien, sondern ein Ferienhaus im umbrischen Dorf! (Das da unten ist nicht unseres).

Wir merken das daran, dass unser Festnetz-Phone ständig läutet. Am anderen Ende die Immobilienagentinnen der Gegend: Ob wir nicht jemand kennen, der sein Haus verkaufen möchte? Oder ob wir vielleicht nicht gleich selbst verkaufen wollten? Es gebe im Moment so irre viele Anfragen.

Es muss der Post-Corona-Effekt sein, der das Geschäft so befeuert. Die Sehnsucht nach dem Süden mit guter Internetverbindung und passablen Lebenshaltungskosten. Neulich fuhr mir ein junger Makler direkt auf den Hof und fast in den Panda. Er stieg aus seinem SUV, und fragte ohne Umschweife: Wollen Sie verkaufen, Signora? – Das Auto? – frotzelte ich. – Ma no. Ihr Haus!

Im Leben nicht, blaffte ich. – Ganz sicher? fragte er tatsächlich nochmal nach.

Da hätte ich am liebsten Zio Peppino hervorgeholt: Bleibt mir vom Leib mit eurem mercato comune!

Stattdessen wurden die Esel laut.

Chiello!

Als ich noch als Sportreporterin arbeitete, traf ich Giorgio Chiellini. Das war 2017, wie alle hatte ich Buffon angefragt, aber das wurde und wurde nichts. Chiellini war die Nummer zwei auf der Liste – das Interview mit ihm bekam ich sofort. Es wurde dann ein sehr nettes Gespräch auf dem alten Juventus-Trainingsplatz in Vinovo. Chiello hatte gerade seinen BWL-Abschluss gemacht – und berichtete ehrlich, die Profs seien ihm bei der Präsenzpflicht im Studium entgegen gekommen, aber nicht bei der Prüfung. Je länger wir sprachen, desto toskanischer wurde sein Italienisch. Einer der sympathischsten Menschen, die ich im Fußball getroffen habe.

Eine kleine Hommage an Chiellini also, den würdigsten aller Azzurri. Einer, der den Fußball und sich selbst nicht allzu ernst nimmt und es uns deshalb leicht macht, ihn zu mögen. Auguri, Capitano Chiello!

Ein milder Frühlingstag in Vinovo, im Süden von Turin. Vor dem Trainingszentrum des FC Juventus herrscht Hochbetrieb. Eine Hundertschaft von Fans wartet darauf, dass die Spieler ihr Nachmittagstraining beenden. Die sprichwörtliche Zurückhaltung der Turiner hat der Vorfreude auf ein glanzvolles Saisonende Platz gemacht, mit dem historischen Triple in Reichweite. Dafür muss allerdings erst einmal das Champions-League-Halbfinale gegen den offensivstarken AS Monaco (Hinspiel am kommenden Mittwoch) gewonnen werden. Juventus hat im Wettbewerb bisher nur zwei Gegentreffer kassiert, entsprechend gelassen ist Giorgio Chiellini, der die beste Abwehr Europas dirigiert. Chiellini hat seinen ersten Saisontitel bereits eingefahren: Am 6. April schloss er seinen Master an der Uni Turin mit Auszeichnung ab.

Seit 2005 spielt er bei Juventus, hat Meistertitel und Pokale gewonnen, aber auch ein Jahr in der zweiten Liga verbracht. Im Gespräch strahlt Chiellini genauso viel Ruhe und Bestimmtheit aus wie auf dem Platz. Er drosselt gern das Tempo, getrickst wird nicht, aber jede Aktion sitzt.

SZ: Herr Chiellini, für Sie läuft es rund im Moment. Juventus steht im Halbfinale, und Sie haben soeben mit Bestnote Ihren Master im Fach Business Administration an der Universität Turin absolviert. War das schwieriger, als im Viertelfinale der Champions League Lionel Messi, Neymar und Luis Suárez auszubremsen?

Giorgio Chiellini: Von wegen. Die drei von Barcelona waren der größere Brocken!

Wie bitte?

Na ja, für den Master muss man nur studieren. Ich habe halt etwas länger gebraucht als die üblichen zwei Jahre, doch dass ich mein Resultat irgendwann erreiche, stand außer Zweifel. Diese Sicherheit hat man im Fußball nie, schon gar nicht gegen Barcelona. 

Wie wichtig ist für einen Abwehrspieler die Empathie?

Existenziell wichtig. Wir beflügeln uns ja gegenseitig, empfinden uns fast als organische Einheit. Eine Mannschaft funktioniert wie Alchemie, jeder Spieler ist ein Bestandteil, und nur wenn sich alles harmonisch fügt, wird ein Ergebnis erreicht.

Die Frage bezog sich eher auf Ihr Einfühlungsvermögen in Bezug auf den Gegner.

Man muss ihm zuvorkommen, also versuche ich, seine Absichten zu erkennen und ihre Ausführung zu verhindern. Natürlich spielt da die Technik eine Rolle, aber eben auch so etwas wie instinktives Einfühlen. Das schafft man nur, wenn man wirklich gerne Verteidigerist. Das ist kein leichter Job, man muss das mögen, auch das Mühsame daran. In manchen Momenten ist es einfach dringlicher, ein Resultat zu verteidigen, sozusagen die Drecksarbeit zu machen, dafür darf man sich nicht schämen. Als Abwehrspieler braucht Standvermögen und Leidensbereitschaft.

Eine Charakterfrage?

Schon. Ich bin sehr ordentlich, ein schematischer Mensch. Sehr präzise, mit ziemlich festen Gewohnheiten.

Ein Pedant?

Nein, nein. Pedantisch nicht!

Ihr Zwillingsbruder Claudio, der heute als Agent arbeitet, war Verteidiger. Und Ihre Schwester spielt im spanischen Verein Murcia ebenfalls in der Abwehr. Scheint in der Familie zu liegen. 

Silvia macht in Murcia eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Sie ist die Kleinste in der Familie, das einzige Mädchen nach drei fußballverrückten Jungs. Ihr blieb gar nichts anderes übrig, als auch Fußball zu spielen.

Früher galten Sie als Raubein, heute strahlen Sie auf dem Platz Gelassenheit aus. Sind Sie tatsächlich ruhiger geworden?

Muss am Alter liegen! Es stimmt tatsächlich: Früher war ich ganz schön aggressiv, oft auch nervös und ließ auf dem Platz alles raus. Daran habe ich gearbeitet. Man muss halt nicht nur technisch besser werden, sondern auch sein Temperament unter Kontrolle bringen.

Einmal sind Sie allerdings richtig ausgeflippt. In jener berühmten Szene bei der WM 2014 in Brasilien, als Sie von Luis Suárez in die Schulter gebissen wurden und der Welt wehklagend die misshandelte Stelle zeigten. Waren Sie so sauer, so erschrocken, oder tat es wirklich so weh?

Ach, ich war nicht böse auf Luis. Und der Schmerz war es auch nicht. Ich war einfach empört, stinksauer auf den Schiedsrichter. Italien – Uruguay war das letzte Vorrundenspiel, und der Spielleiter hätte Suárez nach dieser Aktion vom Platz stellen müssen. Wir selbst waren bereits in Unterzahl, weil Claudio Marchisio wegen eines Fouls Rot gesehen hatte, das längst nicht so eindeutig war wie dieser Biss von Suárez. Dass er weiterspielen durfte, war ungerecht und konditionierte das Ergebnis. Wir wären wahrscheinlich nicht Weltmeister geworden, aber womöglich hätten wir eben auch nicht 0:1 gegen Uruguay verloren und wären weitergekommen.

Kurz darauf haben Sie die Bestrafung der Fifa für Suárez als zu hart kritisiert. 

Die TV-Bilder vom Schulterbiss waren um die Welt gegangen, und nun wollte die Fifa ein Exempel statuieren. Aber neun Länderspiele Sperre und vier Monate vollkommener Ausschluss vom Fußball, das war übertrieben. Suárez wurde ja sogar der Besuch des Stadions und der Trainingsanlagen verboten, der durfte nicht mal seinem Neffen im Jugendteam zuschauen. Ich fand das vollkommen daneben.

Ist die solide Abwehr das Erfolgsgeheimnis von Juventus

Im Basketball sagt man: Die Offensive bringt Eintrittskarten, die Defensive Resultate. Dass im Fußball die Abwehrarbeit wieder mehr Wertschätzung erfährt, liegt vielleicht auch daran, dass sie allzu lange vernachlässigt wurde. Auch in Italien.

Ihr Teamgefährte Andrea Barzagli hat jüngst die Krise der italienischen Defensive ausgerufen. An einem einzigen Spieltag regnete es 48 Tore, insgesamt gab es in der Saison 946 Treffer. Was ist da los?

Früher war unser Fußball als allzu defensiv verschrien, insofern haben wir alsoFortschritte gemacht. Aber was sich hier abzeichnet, ist eher ein Identitätsverlust. Der italienische Fußball hatte immer starke Verteidiger, das ist unsere Kultur. Wir wurden in den Jugendmannschaften erst mal auf Manndeckung geeicht, dann kam der Rest. Deshalb ließen wir den Ball nicht so schön laufen, hinten aber standen wir immer noch gut. Irgendwann wollte man dann hier den spanischen Offensivfußball kopieren und hat in einer ganzen Fußballergeneration die Abwehr vernachlässigt. Praktisch hat Italien sechs, sieben Jahre lang keine überragenden Abwehrspieler hervorgebracht, es gab ein richtiges Loch zwischen den Generationen.

Seit 2005 spielen Sie bei Juventus und haben in dieser Zeit acht Trainer kennengelernt. Was fällt Ihnen zu diesen Namen ein. Fabio Capello?

Ein Feldwebel.

Didier Deschamps?

Ein ruhiger Typ. Unser Trainer nach dem Zwangsabstieg in die zweite Liga. Das war ein sehr schwieriges Jahr, und Didier hat uns eigentlich vor allem psychologisch betreut. Mit ihm sind wir sofort wieder aufgestiegen. Es wäre gut für uns gewesen, wenn er danach noch geblieben wäre.

Stattdessen kam Claudio Ranieri. 

Ein toller Mensch. Ausgeglichen und besonnen.

Und dann drei Trainer in zwei Jahren: Ciro Ferrara, Alberto Zaccheroni, Luigi Del Neri.

Ciro hat einfach Pech gehabt. Unter ihm, Zaccheroni und Del Neri fand ein Generationswechsel in der Mannschaft statt. Da musste Ersatz für Trezeguet, Camoranesi und Nedved gefunden werden. Auch Del Pieros Karriere ging langsam zu Ende.

2010 trat Antonio Conte an. 

Charismatisch wie kein Zweiter. Er verlangt viel und gibt viel. Hundert Prozent, jeden Tag. Als Nationaltrainer wirkte er auf uns wie eine Droge. Wir waren bei der EM 2016 so dermaßen auf ihn eingeschworen und auf ihn konzentriert, dass ich am Tag nach dem Ausscheiden im Viertelfinale gegen Deutschland völlig konfus war. Ich konnte nicht begreifen, dass ich wieder zu Hause war und nicht mehr in Frankreich, um das Turnier zu gewinnen. Obwohl – kann ich dazu noch etwas sagen?

Bitte. 

Mit allem Respekt vor dem Europameister Portugal: Das wirkliche Finale war Italien – Deutschland.

Haben die Deutschen auch so gesehen – nicht zuletzt, weil sie im Elfmeterschießen endlich ihr erstes Pflichtspiel gegen Italien gewinnen konnten. Aber weiter im Takt. Wir sind bei Ihrem amtierenden Coach Massimiliano Allegri angekommen, der dabei ist, Contes Rekord von drei Meisterschaften in Serie einzuholen. 

Allegri ist sehr intelligent und verlässt sich auf seine Intuition. Manchmal kann man sich seine Auswechslungen logisch nicht erschließen, aber sie passen immer. Er hat eine überragende Fähigkeit, das Spiel zu lesen. Und er hat sehr geschickt und ohne falsche Eitelkeit aufgebaut auf dem, was Conte hinterlassen hat.

Wie wichtig ist Flexibilität im Fußball?

Flexibilität ist das Wichtigste. Die Welt ändert sich so schnell wie noch nie. Und der Fußball auch.

Sie setzen sich intensiv mit der Außenwelt auseinander. Wann haben Sie eigentlich angefangen zu studieren? 

Schon 2006. Den Bachelor in Betriebswirtschaft habe ich ziemlich schnell durchgezogen, auch, weil ich damals noch allein lebte. Die Prüfungen im Masterstudium waren dann wirklich sehr viel schwieriger. Ich habe inzwischen Familie, meine Tochter ist jetzt zwei. Und weil ich sowieso schon wenig Zeit mit ihnen verbringe, wollte ich meine Frau und die Kleine nicht noch zusätzlich belasten. Die Regel war also: kein Studium zu Hause.

Wie haben Sie das geschafft?

Indem ich im Trainingslager studiert habe oder unterwegs bei den Auswärtsspielen. Außerdem bin ich durchaus bei meinen Professoren vorstellig geworden, wenn ich nicht weiterwusste, und habe mir die Dinge erklären lassen. In die Vorlesungen schaffte ich es natürlich kaum, aber einige Professoren und ehemalige Studenten haben mich freundlicherweise extra betreut.

Fußballer mit einem Uni-Abschluss sind immer noch selten.

Eigentlich wollte ich Arzt werden, wie mein Vater. Aber Medizin neben dem Fußball, das wäre nicht gegangen. Ich habe ein naturwissenschaftliches Gymnasium besucht, und da wurden wir ganz selbstverständlich auf die Uni vorbereitet.

Stellt man sich Ihr Leben als Gymnasiast in Ihrer Heimatstadt Livorno vor, fällt einem der alte Kinofilm „Ovosodo“ von Paolo Virzi ein …

Genau so war es! Immer auf dem Mofa unterwegs, bei jedem Wetter, jeden Nachmittag. Mit Freunden, mit dem Mädchen. Aber wehe, ich war um 20.15 Uhr nicht zu Hause, da hätte mir meine Mamma was erzählt! Und nach dem Abendessen: ab zum Lernen. Meine Familie war mein Glück. Viele Profis starten mit 14, 15 Jahren ins Internat, und die Klubs versuchen zwar schon, sie beim Schulabschluss zu unterstützen, aber das ist eben nicht zu vergleichen mit dem Familienleben. Ich hatte ein ganz normales Schülerleben, mit normalen Freundschaften. Mein Sitznachbar aus dem Gymnasium ist immer noch mein bester Freund. Inzwischen arbeitet er als Lokführer bei der Bahn.

Das Thema Ihrer Abschlussarbeit lautet: „Das Geschäftsmodell des FC Juventus im internationalen Vergleich“. 

Ich habe Juventus mit Real Madrid, Athletic Bilbao und dem FC Porto verglichen. Real Madrid ist die Nummer eins, was Umsatz, Spieler und Trophäen angeht. Porto hat sich lange Jahre ausschließlich auf den Handel mit Spielern konzentriert. Und Bilbao ist das komplette Gegenteil. Ein romantischer Verein, da spielen nur Basken, die teilweise ihre ganze Karriere dort absolvieren. Fast eine Nationalmannschaft, mit einer sehr ausgeprägten Identität.

Wo siedelt sich Juventus in der Skala an?

Eher in der Nähe von Real Madrid. Und in den nächsten zehn Jahren möchte unsere Klubführung unter Präsident Andrea Agnelli den Vorsprung der Spanier verringern. Real ist eine Weltmarke, die weniger auf die Einnahmen der TV-Übertragungsrechte angewiesen ist, weil sie Geld mit anderen Dingen macht. Da will Juventus hin. Das eigene Stadion ist erst der Anfang.

Juventus befindet sich seit 1923 im Besitz der Familie Agnelli und ist damit das älteste Sport-Familienunternehmen der Welt. Was sind da die Nachteile?

Ein Nachteil wäre, wenn sich die Familie lieber auf ihre eigenen Mitglieder verließe als auf ein kompetentes Top-Management. Mit dieser konservativen Art der Führung kommt man im Fußball nicht mehr weit. Aber das ist bei Juventus nicht der Fall. Und so genießen wir den Vorteil des Familienunternehmens.

Nämlich?

Sorgfalt und Präsenz. Präsident Agnelli ist bei so gut wie jedem Spiel dabei, er war es auch am Tag nach der Geburt seines jüngsten Kindes. 

Auch Silvio Berlusconi begleitete seine Mannschaft, er hatte sogar ein Schlafzimmer im Trainingszentrum. Und doch hat er den AC Mailand an einen chinesischen Investor verkauft. Ist das die Zukunft des Fußballs?

Romantik ist nicht mehr zeitgemäß. Aber viel Geld in einen Klub zu investieren, reicht auch nicht aus. Man braucht einen Plan und gute Leute im Management. 

Forza Katia

Roberto Baggio hat mal gesagt, bei Inter sei er derart abgeschrieben gewesen, dass er nur im Falle einer Epidemie hätte spielen dürfen. Katia Serra ist beim Staatssender RAI keineswegs unten durch, sondern im Gegenteil gerade sehr oben auf – bei dieser EM hat die 48Jährige, ehemalige Mittelfeldspielerin der Frauen-Nationalmannschaft bereits sieben Spiele kommentiert. Darunter die Gruppe F mit Portugal, Frankreich und Deutschland. Beim italienischen Fernsehen kommentiert immer ein Duo, Serra war also nicht allein am Mikro, sondern teilte sich den Job mit einem männlichen Kollegen. Aber die beiden waren erstens absolut gleichberechtigt, zweitens eroberte sie durch ihre Kompetenz und ihre Sprachgewandtheit, aber auch mit ihrer Unaufgeregtheit das Publikum. Einen Shitstorm wie in Deutschland gegen Claudia Neumann, von Typen, die es nicht fassen können, dass eine Frau Fußballspiele kommentiert, hat es in Italien nicht gegeben.

Und doch: Dass Serra nun als erste Frau das EM-Finale kommentiert, verdankt sie tatsächlich der Pandemie. Denn für die Italien-Spiele hatte die RAI natürlich zwei Männer ausersehen, ist ja schließlich keine Spielwiese für Frauen! Nur wurde der Chefkommentator positiv getestet, zwei Tage vor dem Finale. Und so wird Katia Serra eingewechselt.

Es ist eine kleine Revolution, hätte ich jetzt fast geschrieben. Ach Quatsch, es ist einfach an der Zeit. Sie ist besser als alle anderen und ihre Chefs haben es tatsächlich gemerkt.

Doch ab Montag wird Katia Serra wieder auf Jobsuche sein. Ihr Vertrag mit der RAI-Sportredaktion lief nur für das Turnier. Sie hat das publik gemacht. Treffer! Wer darüber schweigt, schießt sich nur ein Eigentor.

Für exzellente Arbeit belohnt werden Frauen also in diesen Zeiten noch nicht mal, wenn eine Epidemie ausbricht und Italien erstmals seit 1968 eventuell Europameister wird. Oder doch?

Tuca Tuca

Mit Raffaella Carrà sei „Italiens Freiheitsikone“ gestorben, behauptet die Süddeutsche. Da muss ich was verpasst haben. Denn in meiner Jugend, in einem anderen Jahrhundert, fanden wir die Carrà, pardon, eher reaktionär. Diese blonde Betonfrisur, dieses nervige, dauerfröhliche Gehupfe und das Absingen schwachsinniger Liedchen wie „Tuca, Tuca“, später dann der klebrige Gefühlsbombast von „Carramba, che sorpresa„, ihrer Show, die lange zerstrittene oder aus gutem Grund verschollene Verwandte vor laufender Kamera wieder zusammenzwang: Puh. Die Carrà erschien uns als genau jene Ikone des nazionalpopolare, vor der uns unsere ’68er-ProfessorInnen immer gewarnt hatten.

Mal ehrlich, es war nicht zum Hinschauen. Und dass sie jetzt, nach ihrem Ableben im Alter von 78 Jahren, zum „revolutionär leichten Luftzug“ verklärt wird, zur „freien Stimme gegen Tabus“ (nochmal SZ), dass die einstmals linke „Repubblica“ ihr die ersten vier Zeitungsseiten widmet, davon fast eine allein ihrem Bauchnabel – das bringt mich ins Grübeln.

Denn von wegen Revolution, diese eiserne Ballerina verkörperte vor allem soldatische Disziplin. Und von wegen Tabubruch – das bisschen bauchfrei brachte in Italien nur sehr vordergründig die Don Camillos in Wallung und war natürlich kalkuliert. Denn sonst hätte es la Carrà niemals zur „Königin unseres Fernsehens“ (heute: alle) gebracht, das damals wie heute in seinem Aggregatzustand als Staatsrundfunk RAI alles mögliche ist, nur verlässlich niemals unkonventionell. Und schon gar nicht antiklerikal. Der Bauchnabel der Signorina (sie war nie verheiratet) Pelloni (so ihr richtiger Name) durfte gezeigt werden, damit die echten Revoluzzerinnen schön außen vor blieben. Frauen, die nicht mit Giulio Andreotti telefonierten und die von einer Fernsehkarriere noch nicht einmal träumten, stattdessen aber Mafiabosse jagten, Streiks organisierten oder an anderen Signorinas Schwangerschaftsabbrüche vornahmen. Solche Frauen führen in der RAI bis heute ein Schattendasein.

Dass man trotzdem Nostalgie verspürt nach der unerbittlich fröhlichen Raffaella Carrà, hat ganz andere Gründe. Erstens war sie ja wirklich die Prima Ballerina der Fernsehunterhaltung – in Deutschland trauen sich die Programm-MacherInnen bis heute nicht, einer Frau den Samstagabend zu übergeben. Und zweitens war sie ein Vollprofi. Da saß nicht nur die Frisur, sondern jeder Gag, jede Bewegung, jede Geste. Immer präsent, immer professionell, stets von durchtrainierter Eleganz und Leichtigkeit.

Soviel Grandezza muss gegen Bunga-Bunga-Berlusconi und den aggressivem Sexismus der Digitalpäpste natürlich wie ein Bollwerk von Toleranz und Esprit erscheinen. Und deshalb: Chapeau, Signora. Möge Ihnen der Himmel voller Pailletten sein.

Padre Padrone

Italien hat in den letzten Jahrzehnten immer neue politische Rattenfänger – vulgo: Populisten – hervorgebracht, die mit großzügiger Unterstützung der Medien (aller, außer Radio Vatikan) auf Machtpositionen gehievt wurden, sich mehr oder wenige lange dort hielten, um schließlich zu verblassen. Der langlebigste von ihnen ist Berlusconi, was kein Wunder ist, denn wenn sein Stern auch sinkt, bleibt er doch der erfolgreichste Unterhaltungsindustrielle im Land. Neben seinen Privatsendern kontrolliert er immer noch die Kinos und große Verlage, auch für Schulbücher und Museumskataloge. Letzteres bringt auch Touristinnen in den Genuss, good old Bunga Bunga zu sponsern. Wenn man, nur mal so zum Beispiel, in Rom das Kolosseum oder die Kapitolinischen Museen anschaut und nachher ein Büchlein für zu Hause darüber kauft, dann stammt diese Broschüre aus einem Verlag von Berlusconi.

Was den Presidentissimo von den anderen Populisten unterscheidet ist, dass er seinen Weg an die Macht aus eigener Tasche gezahlt hat (woher das Geld dafür stammte, wäre nochmal ein ganz anderes Thema). Er investierte Millionen in seine Partei – und als er das zeitweise nicht mehr tat, gab es Massenaustritte. Er zahlte die Renovierung der Amtsräume, seine riesige Mietwohnung in Rom, er zahlte auch für seine Leibwächter, seine Sekretäre und selbstverständlich jeden Flug im Privatjet. Wenn Berlusconi Putin zum Abendessen einlud, zahlte er auch das privat, die Köche, das Servicepersonal und den Klavierspieler. Ganz anders als sein Kollege Umberto Bossi, der seine Familie aus der Parteikasse beschenkte, während sein Nachfolger Matteo Salvini ohne Sponsoren immer noch Beiträge für den Lokalsender „Radio Padania“ kleben müsste. Und ganz anders als der Berufs-Komiker Beppe Grillo.

Grillos Blog, vor allem aber die daraus folgende Parteigründung des „Movimento 5 Stelle“ haben den alternden Comedian reich gemacht. Die Geschäftsidee, ausgebrütet gemeinsam mit dem Internet-Bastler Gianroberto Casaleggio, war genial: Casaleggio hielt die Monopol-Plattform für die Digitalpartei, jede Abgeordnete musste einen Monatsbeitrag für das aparterweise „Rousseau“ genannte Programm abdrücken. Hinzu kamen andere Aufträge, die die Fünfsterne ihrem Digital-Guru mit wachsender Machtfülle verschaffen konnten. Kompagnon Grillo besitzt seinerseits die Markenrechte. Bis heute. Die Fünf Sterne sind also eine Firmenpartei wie „Forza Italia.“ Mit dem Unterschied, dass Grillo, anders als Berlusconi, im Traum nicht auf die Idee käme, sich einen liberalen Anstrich zu verpassen. Wozu auch, aggressives Dauerbrüllen und eine stalinistische Parteiführung, die jeden Kritiker rauswirft, zahlen sich ja weitaus besser aus.

Sein Geschäftspartner Casaleggio ist inzwischen verstorben, der Sohn übernahm seinen Anteil. Ganz wie sein Vater wollte Davide Casaleggio der Partei auch sagen, wo es ideologisch langgeht. Doch das ließen sich viele nicht mehr gefallen. Die Partei emanzipierte sich von Casaleggio junior. „Rousseau“ wird nicht mehr aus Abgeordnetendiäten gemästet. Das gelang indes nur mit Hilfe des italienischen Datenschutzbeauftragten, der Casaleggio dazu zwang die von ihm zurückgehaltenen Daten der Parteimitglieder offen zu legen. Vor ein paar Wochen trat der Sohn des Gründers aus der Partei aus.

Aber Grillo ist noch da. Als „Garant“, wie er sich selbst bezeichnet, wobei er inzwischen fast ausschließlich für die Machtansprüche der eigenen Familie garantiert. Als einer seiner Söhne wegen Beteiligung an einer Gruppenvergewaltigung angeklagt wurde, veröffentlichte Grillo ein unsägliches Video, in dem er das mutmaßliche Opfer attackierte. Seine Beliebtheitswerte sanken in den Keller, noch unter Berlusconi. Mit dem Mann könnte das Movimento keinen Blumentopf mehr gewinnen, geschweige denn Wahlen.

Ganz anders Giuseppe Conte. Der Ex-Premier steht bei den Wählerinnen immer noch ganz oben. Er könnte die Partei vor dem Untergang bewahren und im Zusammenschluss mit dem Partito Democratico ein Mitte-Links-Bündnis aufbauen, um der Rechten Paroli zu bieten, die in Italien eben leider kein konservatives, sondern ein reaktionär-nationalistisches Gefüge ist. Das derzeit eine Mehrheit an die Macht hieven würde.

Grillo hatte Conte seinerzeit angeheuert, um als Strohmann mit Salvini zu regieren. Conte hat das mitgemacht, aber aus seinen Fehlern gelernt. Nie wieder mit der Lega oder den anderen Ultrarechten, nie wieder Strohmann sein. Er hat Gefallen gefunden an der Politik und natürlich an der Macht.

Und jetzt läuft der Showdown mit Grillo. Der Alte denkt nicht ans Altenteil, er will weiter die Regeln diktieren, von der Entscheidung, wer was in welcher Fernsehsendung sagen darf, bis den Anweisungen für mögliche Koalitionen. Hinter den Kulissen geht es natürlich um die Kohle. Grillo ist so weit, dass er eine seiner drei Villen an Feriengäste vermietet – falls Interesse besteht: hier geht’s, allerdings sind nur noch wenige Tage frei – ab 12.750 Euro die Woche. Schließlich müssen auch die Anwaltskosten für den Sohnemann bezahlt werden.

Der öffentlich ausgetragene Machtkampf erreichte seinen Höhepunkt, als Grillo Conte vor die Tür setzte: Der Jüngere sei ja komplett unfähig, keine Visionen und kein Mumm, um die Partei zu führen, auf so einen könne er verzichten. Das Movimento sei keine Einmann-Veranstaltung, sondern eine Bewegung der Basis.

Man reibt sich die Augen. So witzig war Grillo schon lange nicht mehr. Die Fünf Sterne keine Solisten-Show! Es reicht, sein neuestes Video anzuschauen, um vom Gegenteil überzeugt zu werden – übrigens egal, ob man Italienisch kann oder nicht. Da faselt Grillo vom Konsumgebaren der Asiaten und darüber, wie wir mit Katastrophen leben lernen müssen, wie ein x-beliebiger Guru (oder Coach, wie das heute heißt). Das Italien, das er sich vorstellt, ist ein voll digitalisiertes Land mit Steinzeitkultur, aber ganz bestimmt nicht die drittgrößte Volkswirtschaft der EU auf dem Weg in die Zukunft. Auf der Plattform Rousseau soll jetzt über seine verquasten Ideen abgestimmt werden, das Programm des „Elevato“ (Erhabenen), gültig bis zu Grillos 102. Geburtstag 2050.

Conte wird wohl seine eigene Partei gründen. Er braucht „Rousseau“ nicht mehr und auch keinen Blog.

Diese Instrumente des Populisten Grillo sind von gestern, genau wie die Fernsehsender des Populisten Berlusconi.

Heute gibt es Instagram und Twitter.

Neuanfang

Rom ist heiß, wie immer. Rom ist laut, wie immer. Rom ist dreckig, wie immer.

Rom ist schöner denn je.

Aus Parkplätzen sind Räume der Geselligkeit geworden, alle Restaurants haben jetzt ein dehors, wie die Römer näseln, also Platz zum Draußen-Essen. Bei Krishna, einer der vielen indischen Gaststätten, steht ein Barde auf dem Kunstrasen und singt zur Gitarre „La società dei magnaccioni“, das römischste aller Trink- und Fresslieder: „Ma che ce frega, ma che c’importa…“

Ja von wegen, was juckt es uns. Das war früher. Heute sind wir RömerInnen das disziplinierteste Stadtvolk Europas, tragen brav Maske, stehen brav auf den Abstand-Haltepunkten vor der Kaufhauskasse, desinfizieren uns in jedem Geschäft die Hände. Bei Fassi, dem ältesten und größten Eissalon der Stadt, der auch nicht einfach nur Gelateria heißt, sondern Palazzo del Freddo, steht kurz vor Mitternacht eine Schlange Maskierter aller möglichen Altersklassen und Nationalitäten. Bangladesh, China, Rumänien, Marokko, junge Tätowierte, alte Ehepaare. Der Maskierte an der Kasse weist alle auf die Plätze, keiner protestiert, niemand drängelt, es ist eine stumme Choreographie, die jener der Tai-Chi-Gruppe ähnelt, die sich morgens im Park auf der Piazza trifft.

Auch hier sieht man, wie elegant Abstandhalten ist und wie leichtfüßig und -ärmig unsere Gemeinschaft auf dem römischsten aller Plätze. Der kleine Park, früher beispiellos heruntergekommen, ist während der Pandemie vollständig gesäubert und neu bepflanzt worden, bald wird auch ein kleines Gartencafé eröffnen.

Ja, wir erholen uns! Langsam. Und leider nicht alle. Armut war auf unserem Platz immer unübersehbar, nach wie vor schlafen viele Menschen ohne Zuhause unter den Arkaden, auf Kartons oder auf dem nackten, immerhin gefliesten Boden. In den Bars bekommen die Armen immer einen Kaffee oder ein Panino, man grüßt sie, gibt ihnen das Gefühl, dazu zu gehören. Denn sie gehören dazu. Unser Viertel ist auf dem Gelände der Villa eines gewissen Maecenas entstanden. Freigiebigkeit hat hier Tradition.

Das Ladenlokal, das hier so originell und aufwendig zum Verkauf geboten wird, beherbergte bis dato ein Medizinlabor. Jede Wette, das auch dort ein Café einziehen wird. Piazza Vittorio boomt und es wird nicht lange dauern, bis unser Viertel gentrifiziert ist. Superzentral zwischen Bahnhof Termini, Kolosseum und Lateranbasilika gelegen, riesige Gründerzeithäuser, mittelalterliche Kirchen und antike Ruinen…und bis gestern alles noch halbwegs erschwinglich.

Das neue Rom entsteht hier. Und hoffentlich bleibt es so bunt, multikulturell und großzügig wie das alte.

Over the rainbow

Die Uefa verbietet München, das EM-Stadion zum Spiel Deutschland gegen Ungarn in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen. Als politisch und religiös neutrale Organisation müsse man ein solches Signal ablehnen, da es sich auf eine konkrete Entscheidung des ungarischen Parlaments beziehe. Natürlich ist die Uefa im Prinzip für die Freiheitsrechte aller Fußballfans, egal, welcher sexuelle Orientierung, Hautfarbe oder Religion. Seid so frei, geht klar! Nur halt nicht immer und nicht, wenn das Mehrheiten von Fans irgendwie stören könnte, dass auch Minderheiten so verdammt frei sind. Oder wenn das mächtige Fußballfreunde despektierlich finden. Die Uefa hat deshalb vorgeschlagen, die Arena in München doch einfach nächste Woche bunt zu machen – wenn Orbans Recken wieder abgezogen sind. Im Juli störe der Regenbogen keinen, vor allem nicht die homophoben Potentaten.

Wie bitte? Seit wann sind Menschenrechte abhängig von politischen oder religiösen Überzeugungen? Die Würde des Menschen ist unantastbar, egal, ob er ein schwuler, atheistischer Ungar oder eine lesbische, schiitische Iranerin oder eine katholische Hetero-Frau aus Polen ist. Gleichgültig ob Fußballerin oder Krankenpfleger, Soldatin oder Friedensforscher.

Mit dieser Entscheidung zeigt die Uefa nur zum gefühlt hunderttausendsten Mal, dass es ihr fern aller politischen und religiösen Überzeugungen nur um das Geschäft geht. Und die Demokratie-VertreterInnen in ganz Europa kuschen vor diesem Verein, lassen in der Pandemie Menschenmassen in Stadion, tolerieren die vollen Arenen in Ungarn und die fröhlich umherziehenden Delta-Jungs aus Brexit-Country, während der Rest der Menschheit, also die ohne Eintrittsticket für die EM-Stadien, sich brav weiter an die Vorschriften hält. Italien zum Beispiel hat gestern eine Quarantänepflicht für Touristen aus Großbritannien eingeführt, nachdem die Partie gegen Wales abgepfiffen war. Die Regierung Draghi hatte eigens einen Tag mit der Einreiseverschärfung gewartet, um die Waliser Fans nicht in die Bredouille zu bringen.

So sieht’s aus, Freundinnen des Regenbogens. Und wie es nächstes Jahr in Katar ausschaut, kann sich jeder ausmalen. Regenbogen-Stadien, hahaha! Menschenrechte, ich lach‘ mich scheckig! Auch die Fifa ist ja eine politische und religiös neutrale Organisation von ehrenamtlich schuftenden Leuten, die auf die verfolgte Minderheit der großen und kleinen Tyrannen dieser Welt vorbildlich empathisch Rücksicht nimmt.

Was tun? Nun, man muss nicht hingucken, während unser Held Neuer den Ungarn seine Regenbogen-Binde ins Gesicht hält. Man kann sich aber auch an Neuer ein Beispiel nehmen, die Deutschlandfahnen durch Regenbogenflaggen ersetzen, sich das Gesicht bemalen und das alte T-Shirt, man kann vor allem auch als wandelnder Regenbogen ins Stadion gehen, nicht nur am Mittwoch.

Säße ich auf der Pressetribüne, ich ginge genau so dahin.