Dauereinsatz

Vor dem Ausbruch der Seuche standen vor dem Eingang des Supermarktes immer zwei, drei junge Nigerianer. Sie boten sich zum Einräumen der Einkäufe ins Auto an, um die Münze aus dem Einkaufswagen zu bekommen. Sie fragten nach einer kleinen Spende.

Jetzt sind die Nigerianer verschwunden. An ihrer Stelle bewacht ein maskierter  Uniformierter den Eingang, sorgt dafür, dass alle den Sicherheitsabstand in der Warteschlange einhalten, regelt den Zugang zum Supermarkt, damit der Laden nicht zu voll wird. Wer hereingeht, wird von ihm angewiesen, die bereit stehenden Plastikhandschuhe überzustreifen. Wer herausgeht, wird aufgefordert, die gebrauchten Handschuhe in eine Extratonne zu entsorgen. Das geht so seit Anfang März. Zwischendurch konnte ich ein paar Wochen nicht in den Supermarkt, weil er im Nachbarort liegt und wir unser Heimatdorf nicht verlassen durften. Inzwischen ist Einkaufen in der gesamten Region Umbrien erlaubt. Der Uniformierte steht immer noch vor dem Supermarkt, ganz allein. Zeit für ein Gespräch.

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Zweieinhalb Monate hat er an sechs Tagen in der Woche Dienst geschoben, von morgens um acht bis abends um acht. Keine besonderen Vorfälle, aber manche Leute seien schon anstrengend gewesen. Es gebe halt immer jene, die es für eine Zumutung halten, in der Schlange zu stehen wie alle anderen, und dann auch mal eine halbe Stunde warten zu müssen. Andere, die ihre Handschuhe von zu Hause mitbrächten und nicht einsähen, dass das aus hygienischen Gründen nicht gehe. Aber eigentlich: bewundernswerte Disziplin.

Wenn die Schlange schrumpft, raucht er schnell eine Zigarette. Gegen den Stress oder die Langeweile, beides ist übrigens durchaus identisch. Er steht sich ja die Beine in den Bauch bei einer wahnsinnig öden Tätigkeit, die zugleich Konzentration erfordert. Von acht bis acht.

Oben im Ort wird es langsam wieder lebendig. Die Geschäfte sind seit dieser Woche wieder offen, die Leute sind unterwegs, flanieren durch das schöne Zentrum mit den herrlichen Ausblicken in die Umgebung. Man kann endlich aufatmen, in der ganzen Region gibt es weniger als 80 Infizierte, im Ort selbst keinen mehr. Umbrien hat es erst einmal geschafft.

Unten vor dem Supermarkt sagt der Wachmann: Am 7. Juni werde ich abgezogen. Dann komme der nächste Einsatz – am Strand. Die Supermarktkunden hätten es jetzt begriffen, da werde kein Wachpersonal mehr gebraucht. Aber am Strand, da müssten die Leute erst noch lernen, wie es geht. Vor allem die Kinder und die Touristen, die möglicherweise ja doch kämen. Der Strand gelte als nächste Gefahrenzone.

Er wird natürlich seine schwarze Uniform tragen, dazu Atemschutzmaske und Handschuhe. Wachdienst geht nicht in Badehose. Und wenn in der Mittagsglut die Badegäste unterm Sonnenschirm dösen, wird er hastig ein paar Zigaretten rauchen.

Der Mann vor dem Supermarkt kann nicht ahnen, dass in Deutschland Menschen protestieren, weil sie seinen Einsatz als Freiheitsberaubung empfänden. Er weiß nicht, dass die Leute allen Ernstes gegen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung demonstrieren. Dass sie wahlweise behaupten, die Pandemie sei nur eine Grippe oder eine biologische Waffe der Chinesen im Verein mit dem Weltjudentum und mit Bill Gates.

Der Mann vor dem Supermarkt in Umbrien hat soviel Überstunden aufgehäuft, dass es vermutlich für vier Wochen Urlaub reichen würde. Wenn er denn Urlaub machen könnte, stattdessen steht er bald in Uniform am Strand.

Ich frage mich, ob die Nigerianer wieder kommen. Was wohl aus ihnen geworden ist in dieser Zeit. Aber das ist ein anderes Thema.

 

 

 

Umsatteln!

Radfahren in Italien, damit habe ich seit drei Jahrzehnten eine On-Off-Beziehung. In letzter Zeit wieder Off, weil einerseits die Straßen durch immer mehr und immer größere Schlaglöcher immer gefährlich wurden, andererseits der Verkehr auch auf dem Land zunimmt: Paketdienste! Fahren alle wie die Henker. Und Radwege gibt es nicht. In Rom ein paar, aber zu denen muss man erstmal hinkommen. Möglichst mit dem Rad.

In der Stadt steht das Fahrrad also schon eine ganze Weile in der Wohnung im 4. Stock. Unten im Hof durfte ich es nie lassen, es störte die Nachbarn, sie beschwerten sich. Aber wer hat schon Lust, ein nicht ganz leichtes Tourenrad zu jedem Einsatz die Treppen rauf und runter zu tragen, um sich dann, siehe oben, durch den Verkehr zum Tiber-Radweg zu kämpfen? Der zudem im Winter mit Schlamm überzogen ist und im Sommer mit Fressbuden zugestellt?

Dann kam die Seuche und nun wird alles anders. Erst war Radfahren verboten. Jetzt ist Radfahren nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Mehr noch: Es wird gesponsert.

Letzte Woche kam ein Schreiben von unserer Hausverwaltung in Rom. Mit Bitte um Zustimmung für die Anschaffung eines Fahrradständers im Hof. Siiiii!

Diese Woche stehen Schlangen vor den Fahrradgeschäften. Die Leute kaufen Räder wie verrückt, denn 60 Prozent des Kaufpreises übernimmt der Staat, bis zu einem Höchstsatz von 500 Euro. Jede(r) Erwachsene kann davon Gebrauch machen, Kinderfahrräder werden hoffentlich demnächst subventioniert. Ist ja doch ein bisschen blöd, wenn man erst als Erwachsener mit dem Radeln anfängt.

Man sieht sie überall, die Radler und – Sensation! – Radlerinnen. Wer weiß, vielleicht werden ja tatsächlich auch die versprochenen, neuen Radwege realisiert. Auszuschließen ist es nicht!

Und ich gehe jetzt mal pumpen.

Zehn Wochen, elf Frauen

Weniger Verkehrsunfälle. Weniger Einbrüche. Weniger Raubüberfälle. Aber elf Frauenmorde in zehn Wochen Lockdown. Die Täter: Söhne, verschmähte Liebhaber, Ehemänner – und eine Nichte, die ihre Tante umbringen ließ. Es sind ausnahmslos brutale Morde aus brutalen Motiven und sie beweisen, dass eingetreten ist, wovor SozialarbeiterInnen und PsychologInnen nicht nur in Italien gewarnt haben. Der Lockdown hat für viele Frauen eine Falle bedeutet, für elf von ihnen sogar eine tödliche. Über eine lange Zeit konnten sie den toxischen Beziehungen mit ihren Angehörigen nicht entfliehen, über Wochen waren sie der Gewalt der mit ihnen eingeschlossenen Männer ausgeliefert.

Manche der Täter waren der Polizei als gefährlich bekannt, weil ihre Partnerinnen sie bereits angezeigt und um Hilfe gebeten hatten. Doch diese Hilfe blieb aus. Die Angst vor Ansteckungen wog schwerer als die Not der Frauen.

Andererseits wog die Not der Frauen in sehr vielen Fällen schwerer als der Mut, zur Polizei zu gehen. Das jedenfalls wird jetzt mit einigem Recht vermutet. Denn wer zeigt schon den prügelnden Partner an, wenn klar ist, dass es aus der Lage keinen Ausweg gibt? Keine Alternative zur gemeinsamen Wohnung, der Falle? Unter den elf Getöteten sind Opfer, deren engste Angehörige weggeschaut haben, weil sie die Gewalt, die den Frauen angetan wurden, vielleicht für normal hielten. Oder für ein angemessenes Erziehungsmittel.

Viele der Getöteten hinterlassen andere Opfer. Die gemeinsamen Kinder mit den Tätern. Manche sind nun Vollwaisen, weil ihr Vater, der Mörder, sich nach der Tat das Leben genommen hat.

Gegen Gewalt hilft keine Impfung. Aber die Opfer des Corona-Lockdowns sind nicht an einem Virus gestorben. Man hätte sie retten können und müssen.

Die Parallelaktion

Wie es aussieht, bin ich genau zum richtigen Zeitpunkt aus dem Sportjournalismus ausgestiegen. Wen interessiert denn jetzt noch die schon vor Ausbruch der C-Krise gründlich heruntergewirtschaftete Serie A? Wer will angesichts der Tragödie in England die Spieler der Premier League laufen sehen, allen Ernstes angehalten, sich nach einem Tor nicht zu umarmen und nicht in der Gegend herum zu spucken – als wenn das ein wirksamer Schutz wäre? Und wer genießt wirklich unbeschwert vor dem Fernseher die Begegnungen der Bundesliga in leeren Stadien?

Früher pflegte ich Leuten, die mir auf die Antwort nach der Berufsfrage ins Gesicht sagten: „Sport interessiert mich nicht“, zu erklären: „Fußball ist kein Sport, sondern eine Industrie.“ Inzwischen gibt sich niemand mehr die Mühe, das zu kaschieren. In Deutschland bringen sie das Arbeitsplätzeargument, in Italien geht es eher um den Frust von Cristiano Ronaldo, der nur im eigenen Garten spielen darf. Alle bis auf CR7 haben natürlich Angst vor der Pleite. Mit dem Fußball ist es wie mit der Luftfahrt, es handelt sich gerade um einen Hochrisikobetrieb. Aber der Fußball meint, auch ohne Passagiere auskommen zu können. Die C-Krise offenbart, dass Stadionzuschauer allerhöchstens eine nette Dreingabe sind, auf die man im Notfall verzichten kann. Solange die Fernsehgelder fließen. Und die Wetten laufen.

Wenn man den Uefa-Präsidenten hört, kann man sich gruseln über soviel Zynismus: „Die Wiedereröffnung der Bundesliga ist eine tolle Nachricht. Das bringt wieder Optimismus in das Leben der Menschen und ist ein Beispiel für uns alle.“  In England, Frankreich, Spanien und Italien, sogar in Deutschland wird weiter an Covid-19 gestorben. Die Zahl der Opfer geht in vielen Ländern in die Zehntausende. Unbeirrt wird an einer Parallelwelt festgehalten, in der manche Europäer auf ihrem Recht auf Fußball und auf ihrem Anspruch auf Strandurlaub am Mittelmeer festhalten. Sollen die anderen sterben, wir müssen uns amüsieren. Das Pay-TV-Abo ist schließlich bezahlt.

Nachdem in Deutschland grünes Licht gegeben wurde, wollen auch die italienischen Funktionäre wieder den Ball rollen lassen. Natürlich in leeren Stadien, aber in welchen? Bis frühestens Anfang Juni gilt hier das Verbot, von einer Region in die andere zu reisen – auch für Fußballmannschaften. Ausnahmen können nur für dringende Arbeitseinsätze gemacht werden. Aber ist ein Fußballspiel wirklich ein dringender Arbeitseinsatz?

Zurzeit sind zehn Spieler positiv, sechs bei der Fiorentina und vier bei Sampdoria. Wer glaubt, dass die jungen, durchtrainierten Männer das Virus locker wegstecken, sollte mal bei Juves Paulo Dybala nachfragen. Der 26-Jährige hat sechs Wochen gebraucht, um wieder gesund zu werden. Beim Fußball Körperkontakt zu vermeiden, ist unmöglich. Wer Fußballspiele zulässt, übernimmt die Verantwortung dafür, wenn die Beteiligten sich infizieren. Offenbar sind Profis tatsächlich moderne Gladiatoren. Man nimmt in Kauf, dass sie erkranken und dass dann eine ganze Mannschaft in Quarantäne muss. Nicht alle Profis in Italien wollen das alles riskieren. In Bergamo sagen das einige auch laut: Sie halten es für undenkbar, Fußball zu spielen, ehe die Seuche nicht besiegt ist. In Norditalien warten hunderte von Angehörigen noch immer darauf, dass ihnen die Urnen mit der Asche ihrer an Covid verstorbenen Lieben ausgehändigt werden.

Und das Publikum? Lässt es sich denn wirklich alles gefallen, Hauptsache, man guckt wieder Dortmund gegen Schalke? Und die JournalistInnen? Sollen Interviews führen wie an normalen Spieltagen? Das Produkt einfach so weiter verkaufen wie bisher? So tun, als sei das alles in Ordnung? Mit Maske am Spielfeldrand.

Vielleicht geht das Zeitalter des Profifußballs ja gerade zu Ende.

Und vielleicht ist das auch ganz in Ordnung so.

Wenn der Barbiere geht

Eine Whatsapp-Nachricht von Vincenzo: Er gehe in Pension. Nach drei Monaten Zwangspause wolle er nicht mehr weitermachen und überlasse die Wiedereröffung des Salons im Juni seinem Kollegen.

Vincenzo ist der Friseur meines Mannes. Oder vielmehr: Er ist der Barbiere der Familie, seit Generationen. Mein Schwiegervater, Jahrgang 1919, lernte Vincenzo als Laufjunge bei seinem Barbiere kennen. Da war Vincenzo 15 Jahre alt und aus der Provinz Cosenza, Kalabrien, gerade in Rom eingetroffen. Fast 60 Jahre ist das her. In der Zwischenzeit machte Vincenzo sich selbständig mit einem eigenen Salon in der Via Genova, einer Seitenstraße der zentralen Via Nazionale. Er avancierte zum Barbiere von Politikern, Funktionären der nahe gelegenen Banca d’Italia, von hochrangigen Polizisten, denn auch das Innenministerium und das Polizeipräsidium sind nicht weit entfernt. Vor allem aber wurde Vincenzo ein Teil unserer Familie, auch die Frauen kennen ihn gut. Denn mit meinem Schwiegervater kamen bald seine drei Söhne und mit ihnen kamen wieder deren Söhne (meiner beschloss allerdings schon mit elf, dass Vincenzos Haarschnitt für ihn zu konservativ war). Der zierliche Barbiere nahm Anteil an unserem Leben, er besuchte den Schwiegervater, als der nicht mehr zu ihm kommen konnte, schließlich verabschiedete er ihn, diskret bewegt. Und er brachte jeden Sommer aus Kalabrien einen unübertrefflich würzigen Berg-Oregano mit, der aus unserer Küche überhaupt nicht mehr wegzudenken ist.

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Das oben ist nicht Vincenzos Salon, sondern der eines Kollegen in Bologna. Aber auch Vincenzo trägt natürlich immer einen sorgfältig gebügelten Friseurkittel aus dicker, weißer Baumwolle. Seine dichten grauen Haare liegen perfekt und er verströmt einen dezenten Duft nach Bergamotte, der wundervoll herb-aromatischen Zitrusfrucht aus seiner Heimat.

Mit Mitte Siebzig darf man natürlich in Pension gehen. Aber wie schade, dass es nun so gekommen ist: Ein erzwungener, resignierter Abschied in der Corona-Krise, eher ein Aufgeben als ein Loslassen. So geht das alte Italien.

Vincenzo ist übrigens Laziale. Nobody is perfect.

 

Berlusconi – Fortsetzung folgt

Silvio Berlusconis Wahlverein „Forza Italia“ dümpelt bei sechs Prozent. Milan ist verkauft, Mediaset hat auch schon bessere Zeiten gesehen, genau wie die Buchverlage Einaudi und Mondadori. Der Alte (im September wird er 84) hat sich mit einer neuen, gerade 30-Jährigen „Verlobten“, Parlamentsabgeordnete von Don Silvios Gnaden, in einer Villa in der Provence verschanzt, um die Corona-Krise auszusitzen. Wer deshalb denkt, Berlusconi sei ein Auslaufmodell, der irrt allerdings gewaltig. Noch immer ist er der größte Kulturunternehmer Italiens. Noch immer zieht er hinter den Kulissen die Fäden. Noch immer vertritt er Italien in der EVP – vielleicht ist das der Grund, warum die SZ „Forza Italia“ neuerdings ziemlich großzügig  als „bürgerlich“ bezeichnet.

Diese Kategorie wäre mir im Leben nicht eingefallen, aber gut. Was noch nicht in der Zeitung stand: Berlusconis jüngster Sohn Luigi, 31 und seine Schwestern Barbara und Eleonora mischen auch schon gewaltig mit. So schnell wird Italien die Berlusconis nicht los, wobei die Frage wäre: Wer will das hier überhaupt?

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Die Holding „Bending Spoons“ hat mit den Berlusconis als Anteilseigner die App „Immuni“ entwickelt, die Italiens Regierung soeben zur Eindämmung der weiteren Verbreitung des Corona-Virus ausgesucht hat. Eigentlich logisch, denn die Berlusconi-Kinder gehören zu den reichsten Erben Italiens. Ihre älteren Halbgeschwister Marina und Piersilvio haben das Verlagsgeschäft, bzw. das Fernsehen übernommen, also investieren die Jüngsten in die Neuen Medien. Mit im Boot sind bei „Immuni“ außerdem auch „Diesel“-Markeneigner Renzo Rossi und Vertreter der Familie Benetton. Diese Unternehmer stehen „Forza Italia“ seit jeher eher kritisch gegenüber, aber wenn es ums Geschäft geht, ziehen Italiens wichtigste Familien schon immer an einem Strang.

Es ist indes etwas befremdlich, dass ausgerechnet eine Regierung unter federführender Beteiligung der Fünf Sterne (Conte wurde von ihnen ausgewählt, auch wenn er kein Mitglied ist), die Erben ihres Erzfeindes Berlusconi mit dem wichtigsten Staatsauftrag ausstattet, der zurzeit vergeben werden kann: Die Überwachung von Bewegungen und Kontakten der Bürgerinnen und Bürger. Die schärfsten Kritiker der Elche werden in Italien halt immer selber welche. Und die Grillini haben sich, genau wie Berlusconi, noch nie um ihr Geschwätz von gestern gekümmert.

Wozu auch irgendwie passt, dass „Bending Spoons“ dem Vernehmen nach kürzlich 260 Millionen Euro geboten hat, um in die weltgrößte Homosexuellen-Dating-App Grindr einzusteigen. Silvio Berlusconi hat bei jeder Gelegenheit gegen Schwule gehetzt. Für seine Kinder aber wäre Grindr ein Riesengeschäft.

 

 

 

 

 

 

 

Borgo

Der italienische Architekt Stefano Boeri ist weltbekannt durch seine Projekte zur Begrünung von Großstädten oder Megastädten. Boeri arbeitet in Mexiko, China und Ägypten, gefeiert wurde er für die begrünten Hochhäuser seiner Heimatstadt Mailand. Seine Architektur zielt darauf ab, die Kultur- und Geldmetropolen mit reichlich Grün auszustatten, also eine straff domestizierte Natur in den urbanen Raum zu holen. Jetzt aber macht Boeri auf einmal Werbung für den Borgo.

Der Borgo ist das italienische Dorf, gewöhnlich wie ein Nest malerisch auf einem Hügel drapiert. Es gibt abertausende von solchen Dorfhügeln oder Hügeldörfern in Italien, im Norden wie im Süden, auch wenn man sich im Ausland meistens die in der Toskana oder in Umbrien vorstellt. Manche dieser Borghi sind fast schon kleine Städte, andere sind wirklich kleine Käffer, so wie mein umbrischer Borgo, dessen winziges Centro Storico aus einer Piazza, zwei Straßen und einer Aussichtsterrasse über dem Tibertal besteht.

Boeri rechnet vor, dass es 5.800 Orte mit weniger als 5.000 Einwohnern gebe und dass von denen 2.300 so gut wie verlassen seien. Es handelt sich zumeist um abgelegene Orte, abgeschnitten vom öffentlichen Transportwesen und nur über gewundene Landstraßen zu erreichen. Diese Orte, so fordert der weltberühmte Architekt, sollten jetzt von den italienischen Großstädten „adoptiert“, also mit Investitionen zu neuem Leben erweckt werden. Die Corona-Krise habe nämlich gezeigt, dass man in einem Borgo viel besser leben könne als in der Stadt. Wer über eine Zweitwohnung auf dem Land verfüge, der werde sich künftig über längere Zeiträume dorthin verflüchtigen.

Diese Zweitwohnungen darf man sich übrigens nicht in Villengröße vorstellen. Viele Italiener haben sie geerbt, andere günstig gekauft (in meinem Dorf ist man ab 30.000 Euro im Borgo dabei), um während der dreimonatigen Sommerferien der Kinder einen Platz fernab der glühend heißen Stadt zu haben. Die „seconda casa“ ist sehr viel verbreiterer als in Deutschland. Italienische Familien reisen weniger und kehren im Sommer lieber an jenen Ort zurück, aus dem Eltern oder Großeltern einst in die Stadt aufgebrochen sind.

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Boeris Vorstoß wurde von den Dorfverbänden mit gemischten Gefühlen aufgenommen: Warum rücken die Borghi eigentlich nur in Krisenzeiten in den Focus? Im übrigen ist es ein typisches Großstädter-Klischee, dass das Leben mit Miss Corona hier einfacher ist als in der Stadt. Erstens kann ein Dorf, wie der Fall unseres Nachbarortes beweist, im Nullkommanichts zur Falle werden. Da reichen 30 Infizierte – ein Zehntel von ganz Umbrien – um über Wochen als „Rote Zone“ abgeriegelt zu werden, in die niemand hineindarf und aus der keiner herauskommt. Weil das auch für die Ärzte gilt, haben wir in unserem Dorf seit Wochen keinen Hausarzt mehr, denn der befindet sich in der „Zona Rossa.“ Krank werden ist gerade noch schwieriger als sonst.

Zweitens gelten die Beschränkungen für Städter wie Dörfler gleichermaßen. Die Vorschrift, sich nicht weiter als 200 Meter vom eigenen Wohnhaus zu entfernen, ist in einem Borgo natürlich absurd – je weiter man läuft, desto weniger Menschen trifft man ja. Im Moment trifft man jedoch vor allem: die Polizei. Und wenn ab dem 4. Mai endlich wieder Bewegung im gesamten Wohnort erlaubt ist, gleichgültig, ob zum Spazieren gehen oder zum Einkaufen, dann gilt das für den Wohnort Rom ebenso wie für den Wohnort Borgo. Der gesamte Wohnort ist hier halt sehr klein. Viele haben vor der Krise ganz selbstverständlich im nächst gelegenen Supermarkt eingekauft. Aber der liegt nicht nur im Nachbarort, sondern sogar in der Nachbarregion. Zwar nur zehn Kilometer entfernt, aber laut Vorschrift unerreichbar.

Das größte Problem haben die Pendler. Fast alle hier im Dorf müssen weit zur Arbeit fahren, die meisten mit dem Zug nach Rom. Bislang war das die billigste und schnellste Möglichkeit – allein die Autobahnmaut in die 80 Kilometer entfernte Hauptstadt kostet hin und zurück schon neun Euro. Aber ob und wie die chronisch überfüllten Pendlerzüge verkehren, ob demnächst endlich mehr zur Verfügung gestellt werden oder, im Gegenteil, vielleicht noch weniger fahren, das steht zurzeit noch in den Sternen.

Die Gewerbetreibenden im Dorf überleben im Moment, wenn sie einen der vier Lebensmittel-Läden betreiben. Vier alimentari für 1000 Einwohner, das ist viel. Das Geschäft brummt. Aber da wären auch noch zwei Friseure, zwei Restaurants, eine Bar und einige Handwerksbetriebe. Alle geschlossen. Die Dörfler fühlen sich in diesem Moment so abgehängt wie nie. Normalerweise kommen im Frühling die Besitzer der seconde case – und weil da auch richtige Landhäuser dabei sind, die von Leuten nicht nur aus Rom, sondern auch aus den europäischen Hauptstädten bewohnt werden, bringt das Geld ins Dorf und in die gesamte Gegend. Jetzt aber ist alles blockiert. Und wer weiß, wie lange noch.

Italiens Borghi sind Kleinode. Aber sie sind in Gefahr. Nicht erst seit heute, doch heute besonders.

 

 

Benaltrismo

Es gibt im Italienischen eine Wortschöpfung, die im Moment ungefähr so beliebt ist wie das deutsche „systemrelevant“ – und ebenso absurd. Benaltrismo klingt nur viel besser, da liegt Melodie drin, es ist wirklich ein musikalisches Wort. Es bedeutet: Da gibt es aber wirklich andere Probleme. Ben altri problemi!

Traditionell fallen in diese Kategorie der Feminismus, die Rechte von Minderheiten, die Würde von Flüchtlingen und der Umweltschutz. Für Gerhard Schröder, einen der Bannerträger des Benaltrismo, war nur ersteres „Gedöns“, quasi als niedersächsische Variante des B.A.. Aber Schröder verhielt sich zu den Populisten, die heute die transnationale Partei des Benaltrismo bilden, ja auch wie Hannover zu Rio de Janeiro.

Im Windschatten von Miss Corona erobert der B.A. gerade die Welt, auf eine Weise, die man Atem beraubend nennen müsste, wenn das nicht in diesem Zusammenhang nicht  zynisch klingen müsste. Aber die Wahrheit ist: der Benaltrismo hat uns fest im Griff. Er ist plötzlich systemrelevant.

Frauen verschwinden aus der Öffentlichkeit und machen im Home Office mehr Home als Office? Na, da gibt es doch ganz andere Probleme. Die Bürgerrechte werden in vielen Staaten massiv eingeschränkt, bis hin zum Hausarrest und Spaniens und Italiens Kinder dürfen Monate lang nicht vor die Tür? Ben altri problemi. Flüchtlinge müssen auch verstehen, dass wir, genau, jetzt wirklich mal andere Sorgen haben. Und Umweltschützer müssten sowieso zufrieden sein, oder? Kein Flugverkehr, kaum Autoverkehr, Schiffe bleiben auch im Hafen. Die Erde erholt sich von uns, liest man ja überall. Fridays for Future sind nicht nur verboten, sondern überflüssig.

Bis vor drei Monaten war man als umweltbewusster Europäer zum Beispiel davon besessen, Plastikmüll zu vermeiden. Die Zeitungen waren voll mit Geschichten über Modellfamilien, die überhaupt keinen Verpackungsmüll verusachten oder mit Artikeln über Geschäfte, die Nudeln ohne Karton verkauften. Familienintern gab es da sogar mal einen Wettbewerb: wer produziert weniger Plastikabfall in einer Woche?

Dazu hier ein Archivbild:

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Damals konnte man mit dieser Ausbeute keinen Blumentopf gewinnen. Und heute?

Haben wir ganz andere Probleme als Plastikteile in Walmägen oder in den Weltmeeren. Nach Südostasien, wo der meiste Dreck herumschwimmt, können wir doch sowieso nicht fahren! Plastik triumphiert, denn es schützt vor Ansteckung. Vor dem Supermarkt werden Plastikhandschuhe verteilt, ohne kommt man gar nicht mehr hinein. Ebenso vor Buchhandlungen, wobei die Bücher auch in Plastik verschweißt sind. Plexiglas soll uns demnächst in den Restaurants voneinander abtrennen, vielleicht auch im Flugzeug.

Plastikhandschuhe braucht man, um demnächst wieder in öffentliche Verkehrsmittel zu steigen – zusätzlich zu den Masken. Weil Busse, Bahnen und Metros aber sehr viel weniger Passagiere transportieren dürfen, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten, werden die Allermeisten ins Auto steigen. Der Himmel über Mailand, Rom und Neapel, momentan so klar wie zuletzt 1870, wird mit Abgasen geschwängert sein wie noch nie. Zwar haben die Stadtverwaltungen in Mailand und Rom neue Instant-Radwege versprochen, die flüchtig aufgepinselt werden oder mit Absperrband kreiert. Sehr löblich, nur wird das leider den Pendlern wenig helfen. Die Pendler werden aus Angst, sich im Zug anzustecken, mit dem Auto fahren. Sehr viel mehr als sonst werden das tun. Und das Resultat wird verheerend sein, ein richtiger Bumerang-Effekt.

Auch im Konsumverhalten ist Umweltschutz gerade Gedöns. In Italien sind wir polizeilich angewiesen, nur den nächstgelegenen Supermarkt zu besuchen, bzw. nur die Geschäfte im eigenen Dorf. Bioläden? Pustekuchen. Ben altri problemi. In meinem Ort verkaufen die Tante-Emma-Läden ausschließlich Käfigeier. Die sind zwar EU-weit seit zehn Jahren verboten, aber Italien bezahlt eine Strafe und lässt die armen Legehennen lustig weiter im Knast. Kommt billiger.

Da steht man dann im Laden und fühlt sich wahnsinnig Radical Chic, weil man nach Bioeiern gefragt hat. Der Händler verzichtet diese Woche schon auf Maske und Handschuhe, obwohl es im Nachbardorf zwei Covid-19-Tote gibt. Eben dieses Nachbardorf  ist zurzeit das bestgetestete in Italien. 1900 Einwohner, 1900 Tests, 29 Noch-Infizierte, vier im Krankenhaus, der ganze Ort nach wie vor Zona Rossa, also durch Polizeiposten hermetisch abgeriegelt. Kann man angesichts dieser Lage einen Gedanken an Legehennen verschwenden? Eben.

Und so trollt man sich, beladen mit jeder Menge künftigem Verpackungsmüll, nach Hause, immer schön am rechten Straßenrand laufend, weil die vielen Amazon-Transporter wirklich einen heißen Reifen fahren.

Es gibt halt wirklich andere Probleme.

 

 

Von der Substanz

Wer in diesen Wochen keinen wirklich schlimmen Verlust beklagen musste oder existenzielle Sorgen um seinen Job hat, der durfte immerhin lernen, dass das meiste in unserem Leben ziemlich überflüssig ist. Die nächste Urlaubsreise, neue Klamotten, das letzte Smartphone: who cares, brauchen wir doch eigentlich gar nicht. Man kann wunderbar zwei Monate ohne Friseur leben (sorry, liebe FriseurInnen), ohne Restaurantbesuch (nochmal sorry), man kann sogar auf das Gartencenter verzichten und sich die Tomaten aus der Samentüte heranziehen. Wirklich fehlen können uns Menschen. Freunde und Familienangehörige vor allem, die wir in diesen Zeiten nicht sehen dürfen.

Ganz unabhängig von der dräuenden Wirtschaftskrise, die jetzt bergauf und bergab  herbeizitiert wird, könnten wir also durchaus auch in Zukunft dazu neigen, weniger zu konsumieren. Aus Gewohnheit. Vor allem aber, weil wir schlicht weniger Geld haben. Wir alle sind betroffen. Ja, sogar wir Schreiberlinge. Auch wenn man darüber wenig hört und liest. Wen interessiert es, dass Journalistinnen über Jahre und Jahrzehnte ganz selbstverständlich Kinderbetreuung und Home office miteinander vereinbaren müssen, auch und besonders an Sonntagen, Weihnachten und Ostern? Dass es mittlerweile in vielen Zeitungsredaktionen Kurzarbeit gibt, auch bei der ZEIT, obwohl dort gerade so viele Abos verkauft werden wie noch nie? Dass Autoren um die Zukunft ihrer Verlage bangen, weil der Absatz fast aller Frühjahrs-Neuerscheinungen bei Null liegt? Eben, es gibt wirklich andere und größere Probleme.

Aber ich war beim Konsum stehen geblieben. Und da könnte man doch mal leise fragen: Wer soll eigentlich die neuen Autos kaufen, die jetzt ganz dringend wieder produziert werden müssen? Wer die nächste Flugreise bei der jetzt ganz dringend stützenswerten Lufthansa (vom Milliardengrab Alitalia ganz zu schweigen)? Wer soll als Touristin die Strände Apuliens bevölkern oder Venedigs Gassen verstopfen? Und wer sich im Restaurant des Fernsehkochs auf die Warteliste setzen lassen?

Noch wird uns vorgegaukelt, die Krise sei vorübergehend und durch beherzte Regierungsanweisungen zu stoppen. Aber zum Wirtschaften gehören zwei, der Produzent und der Konsument, die Verkäuferin und die Kundin. Ob letztere jetzt wie auf Knopfdruck wieder fleißig ihren Konsumpflichten nachkommen wollen, muss man erst noch sehen. Von welchem Geld übrigens?

A propos Experten: Krasser Überschriftenfehler bei Spiegel Online. Herr Watzke hat selbstverständlich gemeint, der Schulstart wäre ein Qualitätszeugnis für die Deutschen. Oder müssen wir uns in diesen Zeiten tatsächlich Sorgen um Fußballer machen? 13 Prozent der Profis neigen angeblich gerade zu Depressionen. Eine lächerliche Zahl, gemessen an der Gesamtbevölkerung.