CR7-Day

Einfach irre, was in Turin passiert, wo Cristiano Ronaldo seit den frühesten Morgenstunden von Tausenden Tifosi erwartet wird. Die Leute hängen bei brütender Hitze hinter Absperrgittern, nur um einen Blick auf das Idol zu erhaschen, als der Spieler sich zum Medizincheck begibt. Tatsächlich läuft Ronaldo dann ca. eine Minute an ihnen vorbei und gibt ein paar Autogramme, genauso angespannt und ernst wie immer. Manche Zeitungen, zum Beispiel der einstmals durchaus seriöse „Corriere della Sera“, hatten auf ihrer Onlineausgabe den ganzen Vormittag über einen Livestream laufen, um nur ja nicht Ronaldos halböffentlichen 100-Meter-Lauf vor dem Stadion zu verpassen!

Angekommen war er gestern, mit einem Privatjet, während des WM-Finales. Geniale Idee. Alle friedlich vorm Fernseher, in der Illusion, der Held käme wie angekündigt heute morgen um zehn Uhr. Offenbar hat die Turiner Polizei Juventus darauf aufmerksam gemacht, dass das ein Sicherheitsproblem werden könnte.

Das Verrückte ist, dass im Moment genau zwei Männer die öffentliche Bühne in Italien beherrschen: Der finstere Rechtsaußen Matteo Salvini und die Lichtgestalt CR7. Wobei deren Klientel durchaus gemischt ist. Während Salvini so tut, als könne er mit seinem brutalen Antiflüchtlings-Programm das Land auch nur um einen Deut sicherer und besser machen, soll Ronaldo dem Rest der Welt zeigen, wozu Italien sonst noch fähig ist. Zwei Seiten einer Medaille für das Wir-sind-wieder-wer.

Logischerweise war das von den Agnelli nicht beabsichtigt. Die können sich vor einem, der so hässlich, hasserfüllt und vulgär ist wie Salvini nur gruseln. Wir werden sehen, ob Ronaldo den Finsterling noch weiter verdunkelt, er überstrahlt ihn ja jetzt schon. Der Fußball ist auf jeden Fall die positive Seite des neuen italienischen Größenwahns. Aber was sagt das aus über eine Gesellschaft, dass sie auf einen 33-Jährigen Portugiesen derart viele Erwartungen projiziert?

Heute morgen übrigens Streik im Fiat-Werk Melfi. Fünf von 1.700 Schichtarbeitern haben die Arbeit niedergelegt – aus Protest dagegen, dass der neue Angestellte Ronaldo so viel verdient und sie selbst so wenig. Das seien genau 0,3 Prozent, hat der FCA-Konzernsprecher ausgerechnet. Das Medienecho der Aktion sei unendlich viel stärker gewesen als das, was sich in der Realität abgespielt habe.

Bem Vindos in der PFRI. Populistische Fußballrepublik Italien.

 

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Allez Didi

An dieser Stelle eine kleine Vorbemerkung (und wenn sie sich wie eine Entschuldigung lesen sollte, wäre es auch in Ordnung): Dass ich mich langsam wie die Rolf Seelmann-Eggebert des FC Juventus fühle, hat rein gar nichts mit meinen persönlichen Vorlieben zu tun. Die gehören nämlich unverändert der Roma. Doch es stimmt schon, was der große italienische Fußballschreiber Gianni Brera formulierte, man muss die Juve nicht lieben, aber man sollte sie durchaus bewundern. Vor zwölf Jahren war der Klub total am Boden, erst acht Juventino im WM-Finale zwischen Frankreich und Italien, dann mit drei Weltmeistern im Kader (Buffon, Del Piero, Camoranesi) abgestiegen in die Serie B. Und jetzt wieder ganz obenauf. Nach zwei CL-Finalspielen in drei Jahren gerade den größten Star des Weltfußballs angeheuert (hier ein Link zu einem echten Kult-Interview von CR7 mit dem inzwischen amtierenden portugiesischen Präsidenten Marcelo Rebelo de Sousa, den Ronaldo höflich mit „Herr Professor“ anspricht), und dann ganz abgesehen von der Squadra Azzurra prominent im Finale in Russland vertreten, mit Matuidi, Mandzukic und Didier Deschamps.

Letzterer ist der Grund dafür, warum ich ganz unbedingt für Frankreich bin (der andere ist, dass mir die Kroaten mit ihrem rabiaten Nationalismus suspekt sind, weswegen die europäischen „Identitären“, natürlich auch unser Angstminister Salvini, für Kroatien sind). Deschamps hingegen:Der unprätenziöseste Mann der Fußballwelt. Very, very old school. Am 10. Juli 2006 wurde er Trainer von Juventus in ihrem ersten und einzigen Jahr in der Serie B.

Didier_Deschamps

Aus gegebenem Anlass also eine kleine Hommage aus „La Fidanzata“, von der es übrigens die nächste Auflage mit handschriftlicher Widmung der neuen Nummer 7 geben wird. Hat er jedenfalls versprochen.

DIDIER DESCHAMPS

Mittelfeld, geb. 1968 in Bayonne, Frankreich. Bei Juventus 1994-99, als Trainer 2006-07.

Als Spieler 226 Einsätze, 5 Tore,

3 Meistertitel, 1 Pokal, 1 Champions League, 1 Weltpokal

Der gallische Terrier. Kernig, kurzbeinig, geschätzte 48 Zähne, die sich an jedem Gegner festbissen. In seiner Juve-Zeit wurde der Franzose Deschamps Weltmeister, aber Champagner-Fußball war nun wirklich nie sein Ding. Eher die Abteilung ehrlicher Landwein, mit ein paar Umdrehungen zu viel. Und mit Struktur. Denn das war es, was den Spieler Deschamps ausmachte und den Trainer zum Erfolg führte: Der Mann ist einfach hervorragend strukturiert. Überlässt nichts dem Zufall. Nahm sich früher jeden Zweikampf vor und später genauso akribisch jede gegnerische Mannschaft. Unter Lippi dirigierte dieser Unermüdliche das Mittelfeld, umsichtig, konkret, ohne Schnörkel.

Im Moment der höchsten Not seines Ex-Vereins kehrte der Mann für’s Grobe zurück nach Turin. Deschamps war mittlerweile Trainer, er hatte vier Jahre bei AS Monace verbracht und übernahm nun Juventus in der zweiten Liga, mit 17 Straf-Minuspunkten. Ein rührender Akt der Treue, eine Geste der Ritterlichkeit. Mit Deschamps überstanden die Juventini ihr Büßerjahr glänzend und stiegen sofort wieder auf. Aber nun warf der Franzose hin – so sehr die Spieler ihm vertrauten, so wenig verstand er sich mit der Klubführung, der erstmals in der Geschichte ein Landsmann vorstand. Jean-Claude Blanc, ein Sportmanager aus den französischen Alpen, mit Harvard-Abschluss, ohne einen Hauch von Stallgeruch.

Jahre später, als Blanc, inzwischen Geschäftsführer bei Paris St. Germain und er wieder miteinander redeten, gestand Deschamps, er habe womöglich übereilt gehandelt. Ruppig und rustikal, wie es seine Art ist, hatte er den manikürten Juve-Manager in die Mangel genommen wie weiland seine Gegenspieler. Geschadet hatte es dem getreuen Musketier DD nicht, für ihn sprachen stets die Ergebnisse. Nach einer Station bei Olympique Marseille war er schon gallischer Nationaltrainer.

Gegenrealität

Noch weiß man nicht, ob die Lega-Fünfsternbewegung zustande kommt. Noch weigert sich Präsident Mattarella, den 81-Jährigen Euro-Gegner Savona als Finanzminister zu vereidigen, weswegen die Koalitionspartner damit drohen, ihre Regierung platzen zu lassen. Sie scheren sich einen Dreck um die Verfassung, die in Italien dem Staatsoberhaupt zusteht, einen Regierungschef zu beauftragen und mit diesem über das Kabinett zu diskutieren.

Im Hintergrund konstruieren die Fünf Sterne emsig ihre Gegenrealität. Ein schönes Beispiel dafür ist ihr Märchen von der Xylella fastidiosa. Diese so genannte Feuerbakterie zerstört seit Jahren die Olivenbäume im südlichen Apulien. Auch Jahrhunderte alle Bäume trocknen, wenn sie von der Xylella befallen werden, einfach aus. Behördenschlendrian und Polit-Demagogen haben eine effektive Bekämpfung der Xylella bislang verzögert, ja verhindert. Die einzige Maßnahme wäre das Abholzen der Bäume.

Die Fünfsternleute behaupten dreist: Die Xylella gibt es nicht. Sie ist eine Erfindung wahlweise der Pestizid-Weltkonzerne, der Immobilienspekulanten und, last but not least, des PD. Auf gar keinen Fall dürfe man die befallenen Bäume abholzen, man müsse diesen Massen-Mord um jeden Preis verhindern. In vorderster Front, vereint mit dem Chef-Märchenonkel Beppe Grillo, fabuliert die deutsche Journalistin Petra Reski, die seit Jahrzehnten in Venedig lebt – nachweislich nicht als Olivenbäuerin (wie, ähem, unsereins). Reski ist Aktivistin der Fünf Sterne und gibt sich in jenen deutschen Publikationen, die sie noch drucken, alle Mühe, der neuen Regierung möglichst viel Positives abzugewinnen. In den sozialen Netzwerken behauptet sie derweil munter, alle deutschen Korrespondenten außer ihr seien dienstbare Geister des Renzismus (was immer das sein soll), die ihre Artikel aus der linken Presse abschrieben.

Aber gut, das sind Nebenschauplätze. Man kann allerdings auch auf ihnen nachvollziehen, wie die Neuen am Ruder arbeiten: Eine unabhängige Presse ist ihnen ebenso zuwider wie ein Staatspräsident, der seine von der Verfassung vorgegebenen Aufgaben erfüllt. Sie dulden keine Kritik und keine Widerrede – ihre Politiker treten etwa in Talkshows nur auf, wenn sie eine Monolog-Garantie bekommen. Politische Gegner und kritische Journalisten dürfen nicht anwesend sein. So weit ging noch nicht einmal Berlusconi. Aber der ist ja auch von gestern.

Willkommen in der Gegenrealität, in der neuen, italienischen Digital-„Demokratie.“ Man fragt sich , wann Europa aufwacht. Vermutlich, wenn ihnen alles um die Ohren fliegt.

Rino the Voice

Ein verregneter Nachmittag in Viterbo. Die zentrale Piazza vor dem Palazzo dei Priori, einer mittelalterlichen Wuchtburg, in der heute die Stadtverwaltung untergebracht ist. Eine Bühne ist aufgebaut, weil es aber so schüttet, ist sie leer geblieben. Die Band, die dort spielen sollte, hat sich unter die schützenden Arkaden verzogen. Sie heißt nach ihrem Leadsänger: „Rino la Voce.“

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Drei Jungs, die zusammen 180 Jahre alt sind. Mindestens. Drei Stoiker. Ihr Publikum besteht aus gezählt sechs Unentwegten, die nach jedem Song höflich klatschen und ein bisschen juchzen. Das Repertoire besteht aus soliden italienischen 60er und 70er Jahre-Nummern, manchmal klingt es sogar entfernt englisch. Und mittendrin hat man das beruhigende Gefühl, dass Italien doch noch nicht ganz irre geworden ist, solange es Typen wie Rino the Voice gibt.

Seinen letzten großen Auftritt hatte er vor ein paar Wochen um die Ecke, in der „Casa della Bistecca.“

Matera

Für die heutige Ausgabe des SZ-Magazins bin ich nach Matera gereist, die archaische Höhlenstadt in der Basilicata.

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Die Altstadt dort teilt sich in zwei Sassi (wörtlich Steine), ein riesiges Museum aus Höhlen, Häusern und Kirchen, verbunden durch Gassen, winzige Plätze und steile Treppen. Seit der Steinzeit haben die Menschen sich hier Wohnungen aus dem Fels geschlagen, um buchstäblich in den Leib der Erde zu ziehen. Das alte Matera ist eine Stadt wie ein riesiger Uterus, archaisch, und organisch: Mutter Erde, Vater Stein. Allerdings lebt kaum noch jemand in diesem einzigartigen Gebilde. 1954 verbot die italienische Regierung das Wohnen in den Sassi. Damals waren die Höhlen ein international berüchtigtes Schandmal für Italien, mit 18.000 Menschen, die auf engstem Raum gemeinsam mit ihren Tieren in großer Armut unter unerträglichen hygienischen Bedingungen lebten, nahezu ohne Licht und Luft, mit einem Loch im Boden als Klo.

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Viele machte das krank. Und als man aus den Statistiken lesen konnte, dass in Matera fast jedes zweite Neugeborene starb, da griff der Staat endlich ein. Die Höhlenmenschen wurden in neu gebaute Wohnviertel umgesiedelt, in Häuser mit Fenstern, fließendem Wasser, einer Heizung. Und mit Schatten spendenden Bäumen vor der Tür. Oberhalb der Höhlen wuchs Matera weiter, zu einer ganz normalen Stadt von 60.000 Einwohnern, mit bunten Fassaden, Schaufenstern und schmalen Straßen, in denen sich zur Rushhour am späten Nachmittag die Autos stauen.

In den Sassi wohnt so gut wie niemand mehr. Es gibt dort aber jede Menge Hotels, in denen die Touristen für ihre einfachen Höhlenzimmer eine Menge Geld zahlen. Und Restaurants und Künstlerwerkstätten. Außerdem tatsächlich das hier, immer dem Pfeil nachgehen!

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