Rino the Voice

Ein verregneter Nachmittag in Viterbo. Die zentrale Piazza vor dem Palazzo dei Priori, einer mittelalterlichen Wuchtburg, in der heute die Stadtverwaltung untergebracht ist. Eine Bühne ist aufgebaut, weil es aber so schüttet, ist sie leer geblieben. Die Band, die dort spielen sollte, hat sich unter die schützenden Arkaden verzogen. Sie heißt nach ihrem Leadsänger: „Rino la Voce.“

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Drei Jungs, die zusammen 180 Jahre alt sind. Mindestens. Drei Stoiker. Ihr Publikum besteht aus gezählt sechs Unentwegten, die nach jedem Song höflich klatschen und ein bisschen juchzen. Das Repertoire besteht aus soliden italienischen 60er und 70er Jahre-Nummern, manchmal klingt es sogar entfernt englisch. Und mittendrin hat man das beruhigende Gefühl, dass Italien doch noch nicht ganz irre geworden ist, solange es Typen wie Rino the Voice gibt.

Seinen letzten großen Auftritt hatte er vor ein paar Wochen um die Ecke, in der „Casa della Bistecca.“

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Matera

Für die heutige Ausgabe des SZ-Magazins bin ich nach Matera gereist, die archaische Höhlenstadt in der Basilicata.

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Die Altstadt dort teilt sich in zwei Sassi (wörtlich Steine), ein riesiges Museum aus Höhlen, Häusern und Kirchen, verbunden durch Gassen, winzige Plätze und steile Treppen. Seit der Steinzeit haben die Menschen sich hier Wohnungen aus dem Fels geschlagen, um buchstäblich in den Leib der Erde zu ziehen. Das alte Matera ist eine Stadt wie ein riesiger Uterus, archaisch, und organisch: Mutter Erde, Vater Stein. Allerdings lebt kaum noch jemand in diesem einzigartigen Gebilde. 1954 verbot die italienische Regierung das Wohnen in den Sassi. Damals waren die Höhlen ein international berüchtigtes Schandmal für Italien, mit 18.000 Menschen, die auf engstem Raum gemeinsam mit ihren Tieren in großer Armut unter unerträglichen hygienischen Bedingungen lebten, nahezu ohne Licht und Luft, mit einem Loch im Boden als Klo.

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Viele machte das krank. Und als man aus den Statistiken lesen konnte, dass in Matera fast jedes zweite Neugeborene starb, da griff der Staat endlich ein. Die Höhlenmenschen wurden in neu gebaute Wohnviertel umgesiedelt, in Häuser mit Fenstern, fließendem Wasser, einer Heizung. Und mit Schatten spendenden Bäumen vor der Tür. Oberhalb der Höhlen wuchs Matera weiter, zu einer ganz normalen Stadt von 60.000 Einwohnern, mit bunten Fassaden, Schaufenstern und schmalen Straßen, in denen sich zur Rushhour am späten Nachmittag die Autos stauen.

In den Sassi wohnt so gut wie niemand mehr. Es gibt dort aber jede Menge Hotels, in denen die Touristen für ihre einfachen Höhlenzimmer eine Menge Geld zahlen. Und Restaurants und Künstlerwerkstätten. Außerdem tatsächlich das hier, immer dem Pfeil nachgehen!

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Massimo Arkadien

Was deutsche Fußball-Künstler in Italien machen, wissen wir: gerade nicht so viel. Aber was ist mit den anderen, den Dichtern, Malern, Komponisten? Um das herauszufinden, bin ich durch die Villa Massimo gestreift, Deutschlands edelste Künstlerakademie, die sich seit über hundert Jahren in Rom befindet. Ein Arkadien auf Zeit für neun glückliche Stipendiaten, die hier zehn Monate lang Tür an Tür wohnen, in einer beispiellosen Kreativkommune. Wie das da so ist, steht heute in der SZ.

Gäbe es die Villa Massimo nicht, man müsste sie erfinden!

 

28:0

Ganz Sizilien wählt die Fünfsternsekte. Ganz Sizilien? Jawohl, alle 28 Wahlkreise.

Noch nicht mal die Democrazia Cristiana selig hat das geschafft, ein einziges Mal gelang es Silvio Berlusconi. 28:0. Früher hätte man angesichts eines solchen Ergebnisses leise angefragt, ob das denn mit rechten Dingen zugehe. Oder ob da vielleicht die Mafia…? Und am allerlautesten hätten die Fünf Sterne gebrüllt: Alle Wahlkreise für eine Partei? Logisch, gekaufte Stimmen, Wahlmanipulation, MAFIA.

Heute regt sich nichts. Niemand wundert sich. Erst recht keiner erhebt die Stimme.

Warum auch, schließlich ist endlich ein Traum wahr geworden.

28:0 für die Fünf Sterne sind der Beweis: Die Mafia auf Sizilien, die gibt’s nicht mehr.

Welcher Fußball?

Seit zwei Monaten befindet sich Italiens Fußball in Schockstarre. Oder ist er gar schon richtig tot? Seit zwei Monaten gibt es keine Verbandsführung, keinen Nationaltrainer und keine Nationalmannschaft mehr. Irre!!! Aber natürlich hat dieser Wahnsinn Methode. Denn während gleich nach dem skandalösen Versagen in der WM-Qualifikation alle Zeichen auf Sturm, Revolte und Grunderneuerung standen, sind diese Empörung und der Drang zum Neuanfang jetzt schon wieder verpufft. Und jene Aussitzer, Mauschler und alten Säcke, die nach Lampedusas Motto, alles müsse sich ändern, damit alles so bleiben könne, wie es immer schon war, haben schon wieder Oberwasser.

Am 4. März wird ein neues italienisches Parlament gewählt. Und alles deutet darauf hin, als würde es auch hier am Schluss eine große Koalition geben. Und zwar, bitte anschnallen, aus Renzis PD und Berlusconis Forza Italia. Diese Konstellation würde in Brüssel und Berlin nicht nur geduldet, sondern sogar gewünscht – sofern die unberechenbaren Rechtsaußen von der Lega Nord nicht mit ins Boot stiegen, gegen die die Herren von der CSU wirken wie ein Männerchor der Herz-Jesu-Marxisten. Geduldet, ja erwünscht, weil Berlusconi selbst ja nicht in der neuen Regierung sein würde. Er darf nicht, als verurteilter Steuerbetrüger (dass er beim FC Bayern problemlos Präsident werden könnte, steht auf einem anderen Blatt).  Berlusconi bliebe im Hintergrund und alle wären zufrieden. Europa hat längst andere, neue, größere Probleme und außerdem agiert ja schon ein Forza-Italia-Mann zur allgemeinen Zufriedenheit als Präsident des Europaparlaments. Es gilt also nur, in Italien ein Vollchaos durch eine Regierung der Fünf Sterne zu verhindern. Berlusconi ist das kleinere Übel. Der ist ja noch nicht mal gegen den Euro, überhaupt ist er im Unterschied zu den Grillini extrem flexibel, kein bisschen ideologisch und schon gar nicht lustfeindlich. Besonders letzteres ist erwiesen.

So viel zum Treiben im Hintergrund. Der italienische Fußball wird nicht reformiert, weil man noch nicht weiß, welche Partei am 4. März gewinnen wird. Die Fünf Sterne lassen wir mal außen vor, die interessieren sich weder für Fußball, noch für Sportpolitik und schon gar nicht für die Nationalmannschaft. Wahrscheinlich würden sie überhaupt am liebsten das Profiwesen im Fußball abschaffen, weil sie gegen alles sind, was nur annähernd professionell ist, zum Beispiel bei der Müllabfuhr und im Journalismus. Unter den Fünf Sternen gäbe es allerhöchstens eine Squadra Azzurra der Amateure. Avanti Dilettanti!

 

 

Von Müll und Schrott

China will keinen Plastikmüll mehr aus Europa. Italien aber diskutiert über Plastiktüten aus zu 40 Prozent biologisch abbaubarem Material, die seit Neujahr an den Obst- und Gemüseständen der Supermärkte vorgeschrieben sind. Die Dinger kosten die Kunden 2 bis 5 Cent. Und wie so oft, ist die Idee durchaus ehrenwert, die Durchführung aber leicht absurd. So muss man etwa die Tüten bezahlen, auch wenn man sie gar nicht benutzt und das Preisetikett direkt auf die Banane oder Aubergine klebt. Oder wenn man verschiedene Gemüsesorten in eine Tüte packt und diese Verpackung dann mit mehreren Preisetiketten versieht. Der Tütenpreis ist nämlich schon im Abwiegeetikett enthalten, er wird automatisch draufgeschlagen. Tüten oder Körbe von zu Hause mitzunehmen, ist verboten, weil unhygienisch. Alles ziemlich gaga.

Wieso man da nicht einfach auf die gute, alte Papiertüte zurückgreift, ist mir schleierhaft. Zumal größere Papiertüten als Tragegerät in den Geschäften sehr verbreitet sind – im Unterschied zu Deutschland.

Die Müllentsorgung funktioniert hier in Umbrien hervorragend: Täglich kommt ein kleiner Wagen und holt Biomüll, Plastik-Metall, Papier, Glas und Restmüll ab, an jedem Werktag eine andere Müllsorte, die Küchenabfälle sogar zwei Mal wöchentlich. In Parma, wo ich vor ein paar Tagen war, sind die Müllwagen ungelogen Tag und Nacht unterwegs, da gibt es keine Tonnen, sondern nur Mülltüten, die die Leute vor die Haustüren legen. Keine gute Idee, weil die Stadtverwaltung jetzt ständig mit Aufräumen beschäftigt ist.

Zum Thema Schrott muss ich jetzt aber auch noch dieses Foto loswerden:

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Eine Runde PANZERFAHREN für die lieben Kleinen, Preis ein Euro! Gesehen vor einer Kaffeebar in der freundlichen Kleinstadt Amelia.

Buon Anno 2018

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Ein gesundes und heiteres Neues Jahr allen Leserinnen und Lesern! Die Fußballoper startet heute mit diesem Blick aus dem Fenster in den Morgennebel um den Monte Soratte in ihren dritten Akt und – wie schön! – das Publikum wird ja tatsächlich immer größer. Also soll es 2018 gefälligst weitergehen mit dem Fußball und Italien. Auch wenn die russische WM ohne die Azzurri steigt, gibt es genügend Programm in diesem Theater. Etwa die Wahlen am 4. März, bei denen ermittelt wird, ob hier zukünftig die strammen Rechtsaußen von der Lega, die Berlusconi-Mumien, die müden Männer vom sozialdemokratischen PD oder die rabiaten Dilettanten von den Fünf Sternen regieren werden. Soviel steht schon heute fest: Eine Frau wird wieder nicht Regierungschefin. Selbst bei der neuen Linkspartei Liberi e Uguali (Freie und Gleiche) haben sie lieber einen 72-Jährigen pensionierten Richter und amtierenden Senatspräsidenten zum Spitzenkandidaten küren wollen als die 15 Jahre jüngere Menschenrechtsaktivistin Laura Boldrini, aktuell noch Vorsitzende der Abgeordnetenkammer. Also: Es wird ein Mann. Davon abgesehen wird es garantiert finster. Und interessant.

Im Fußball ist die Lage hoffnungslos aber nicht ernst. Endlich ein richtiger Titelkampf, mit dem Hinrundensieger Napoli als Favorit und der Dauerregentin Juventus als Verfolgerin, der chinesische FC Internazionale mischt ebenfalls kräftig mit. Da tut sich also was, schade nur, dass  Italiens Fußballer das wichtigste Sportereignis des Jahres nur im Fernseher verfolgen werden, flankiert von Holländern und Österreichern. Zum 14. Juni zieht die Fußballoper an den Strand, direkt in die Badeanstalt von Buffon.

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La Romanina in Massa, Toscana.

Also heiter weiter!