Strache und Berlusconi

Wir JournalistInnen kümmern uns ja selten um unser Geschreibsel von gestern, weil wir davon ausgehen, dass die geneigte Leserschaft es ohnehin spätestens fünf Minuten nach dem Schlusssatz vergessen hat – übrigens fast immer zu Recht. Umso schmeichelhafter, dass Olivera Stajic nun im Standard einen uralten ZEIT-Text von mir zitiert, nämlich „Silvio, besorg es uns!“ aus dem fernen 2011. Es geht um das ausschweifende Sexualleben von Berlusconi und den Verdacht der Beziehungen zu Minderjährigen. Und darum, dass sich damals in Italien kaum jemand daran störte:

„Der Skandal ist so enorm, der Verdacht so ungeheuerlich, dass der Rücktritt des Ministerpräsidenten wohl in jeder anderen europäischen Demokratie unausweichlich wäre. Nicht so in Italien. Berlusconis Gefolgsleute haben stattdessen die Losung ausgegeben, man müsse das Land von „Staatsanwälten erlösen, die unsere Freiheit bedrohen“, der Premier selbst erklärte in einer ästhetisch an die Spätphase der Sowjetunion erinnernden Videobotschaft an das italienische Fernsehvolk, er habe es nie nötig gehabt, Frauen zu bezahlen. Im Übrigen habe er eine feste Freundin, die so etwas auch gar nicht dulden würde.

Der Mailänder Kardinal Dionigi Tettamanzi hatte gewarnt: „Italien ist heute krank wie zur Zeit der großen Pest. Die Amoralität verbreitet sich in allen Schichten unserer Gesellschaft.“ Das größte Problem hätten jene Eltern, die ihren Kindern erklären müssten, was da geschehe. „Und die vielleicht Töchter im Alter der jungen Frauen haben, deren Fotos man in allen Zeitungen sieht.“ Doch die Eltern, deren Töchter den sechsfachen Großvater Berlusconi frequentieren, scheinen darüber weniger entsetzt als erfreut zu sein.

Die wenigsten Italiener geben zu bedenken, wie ungewöhnlich es ist, dass sich ein Mann im Greisenalter mit Dutzenden junger Frauen umgibt, von denen sich einige prostituieren. Ein Regierungschef mit solcher Freizeitgestaltung wird erpressbar, von dem Imageschaden für sein Land ganz abgesehen. „Wie kann er uns anfassen und am nächsten Tag regieren?“, wunderte sich eines der Partymädchen.“

In der Tat hatte Berlusconi Italien zehn Monate später an den Rand einer Staatspleite gebracht und musste abtreten. Zuvor hatten sich auch ausländische Politiker daran gestört, dass der italienische Ministerpräsident bei Verhandlungen und bilateralen Treffen immer wieder einfach einschlief; er hatte da wohl mal wieder eine schlaflose Nacht hinter sich.

Politisch schwerer als der Bunga Bunga wogen andere Dinge. Richterkorruption. En-bloc-Stimmenkauf von Parlamentariern. Seine Anhänger störten sich auch daran nicht. Trotz aller Skandale determinierte Silvio Berlusconi zwei Jahrzehnte lang die italienische Politik, bis heute ist er der größte Kulturunternehmer im Land. Bei der Europawahl kam er immer noch auf 8,8 Prozent, sein Wahlverein Forza Italia stellt sieben Abgeordnete der EVP. Die übrigens auch immer zu ihm gehalten hat.

Strache kann Berlusconi in keiner Beziehung das Wasser reichen. Der Italiener ließ sich nicht bestechen, er kaufte lieber selbst alles, was bei drei nicht auf dem Baum war. Er wurde nicht zu vorgeblichen Oligarchinnen eingeladen, sondern hatte Putin zu Gast in seinen Villen. Und Red Bull würde er wohl noch nicht mal unter vorgehaltener Pistole trinken.

Strache ähnelt eher Salvini. So hat jetzt jedes Land die rechten Kotzbrocken, die es verdient.

 

Werbeanzeigen

Auf die Nüsse

In unsere Gegend an der Schnittstelle von Toskana, Umbrien und Latium kommen alljährlich Millionen gut verdienende Touristen aus Europa und aus Nordamerika. Leute, die an Kultur interessiert sind und sich von intakten mittelalterlichen Städten, pittoresken Dörfern und einer von Olivenhainen und Weinbergen geprägten, uralten Kultur-Landschaft in berauschen und beruhigen lassen wollen: Italien, wie es im Prospekt steht.

Tatsächlich ist es gerade so, dass die Städte und Dörfer unangetastet auf ihren Hügel träumen, wie es sich gehört – außer, sie befinden sich in Erdbeben-Hochrisikogebieten. Die Landschaft aber verändert sich radikal. Weinberge, mehr noch Olivenhaine verwildern und verschwinden, weil es zu mühselig und zu teuer wird, sie instandzuhalten. Die Landflucht der jungen Italiener hält seit Jahrzehnten an, in der Kleinflächen-Landwirtschaft arbeiten fast nur noch die Alten. Und die Klimaveränderung macht auch den Großproduzenten zu schaffen. Wer kann sich in diesen Zeiten noch darauf verlassen, dass die nächste Olivenernte das Überleben des Betriebs sichert? Wir (Kleinbauern mit 50 tragenden Bäumen) ernten schon seit zwei Jahren nicht mehr. Im ersten Jahr war’s die Fliege, im zweiten eine grausame Frostwelle mit einer Woche bei minus zehn Grad. Einer unserer Freunde, Landgraf und Großbauer in den nahen Sabiner Bergen mit 1500 Bäumen, schafft sich gerade ein neues Lagersystem an, mit dem das Öl auch in zwei Jahren nicht ranzig werden soll. Um der nächsten Missernte vorzubeugen.

Andere satteln gleich ganz um. Auf Haselnüsse. Hier sieht man, wie das geht. Die letzten Olivenbäume wurden, übel zurecht gestutzt, vor den neuen Haselnuss-Wänden stehen gelassen, mehr tot als lebendig:

DSC_0123

Italien ist heute nach der Türkei die Nummer zwei der Haselnuss-Produzenten weltweit. Die Türken halten 70 Prozent, die Italiener 12 Prozent. Der Abstand ist also riesig, soll aber möglichst rasch verkleinert werden. Ferrero (Nutella etc.) will bis 2025 jährlich 20.000 Tonnen mehr Haselnüsse aus Italien beziehen – der Lebensmittelriese war zum Beispiel wegen Kinderarbeit auf den Haselnussplantagen der Türkei ins Gerede gekommen. Und was Erdogan als Nächstes einfällt, weiß man als italienischer Unternehmer ja auch nicht.

Das Herz der Haselnussproduktion schlägt in unserer Gegend, genauer: In der Provinz Viterbo. 45.000 Tonnen jährlich, Tendenz steigend. Überall sieht man, wie aus Olivenhainen im Handumdrehen (tatsächlich schaufeln die Bagger) Haselnusswälder werden. Hier zum Beispiel ist der einzige Olivenhain weit und breit unschwer als silbergrauer Fleck zu erkennen. Ringsherum stehen nur noch dunkelgrüne Haselnuss-Plantagen.

DSC_0111

 

Der Effekt ist verheerend, nicht nur für’s Auge. Denn der Haselnuss-Strauch ist im Unterschied zum Olivenbaum nicht immergrün. Sein dunkelgrünes Laub fällt im Herbst ohne Anstalten zu machen, sich wenigstens dekorativ zu färben. Die Haselnuss ist außerdem kein Baum, schon gar nicht ist sie knorrig. Sie wird nicht tausend Jahre alt wie der Olivenbaum. Es sind langweilige Sträucher im Standardformat, industriell angepflanzt.

DSC_0130

Gegenüber dem Olivenbaum ist der Haselnussstrauch ein Starkfresser. Er frisst Dünger und Wasser tonnenweise. Für die Dürre-resistenten Olivenbäume braucht man allerhöchsten ein bisschen Naturdünger (wir nehmen Eselmist), viele Bauern düngen überhaupt nicht. Zum Schutz vor Fäule genügt Kupfersulfat, das auch in der Bio-Landwirtschaft zugelassen ist. Die Haselnuss aber will Herbizide, Fungizide und Pestizide en masse. Damit kommt man auf 50 Doppelzentner pro Hektar, während die Bio-Landwirte höchstens 15 bis 20 Doppelzentner erwirtschaften. Bei den Oliven ist das Verhältnis fast 1:1.

Gegen den rasanten Raubbau an der Landschaft hat die Regisseurin Alice Rohrbacher vor ein paar Monaten empört bei den drei Regionalverwaltungen protestiert. Namentlich wehrt sie sich gegen die rapide fortschreitende Monokultur in ihrer Heimat zwischen Orvieto und dem Lago di Bolsena. „Felder und Haine, Hecken und Bäume verschwinden für ein Meer von Haselnuss-Sträuchern“, klagte Rohrwacher. Die Regionalpräsidenten aus Umbrien, Latium und der Toskana antworteten, man müsse zuerst die Bauern schützen und dann die Landschaft. Nachhaltigkeit ist hier überhaupt kein Thema für die Politik. Mit Nachhaltigkeit gewinnt man keine Wahlen. Deshalb lässt man zu, dass die Straßen durch eine der schönsten Gegenden Europas zunehmend so aussehen:

DSC_0126

Trotzdem stemmt sich jetzt wenigstens der Bürgermeister von Bolsena, wo jede Menge Deutsche Urlaub machen, gegen den weiteren Flächenfrass der Haselnuss. Er hat ein Anbauverbot erlassen.

Es ist ein Anfang.

 

Spargel für Fortgeschrittene

Während in Deutschland wie jedes Jahr auf den Wochenmärkten und in den Restaurants das Spargelfieber ausbricht (man könnte auch sagen: der Spargelwahn), haben wir hier eine Rekordsaison des Asparagus acutifolius. Dieser wilde, grüne Spargel wächst im Unterholz der Eichenwälder und in Olivenhainen, und eigentlich ist seine Zeit spätestens Anfang Mai schon abgelaufen. Die Maiensonne ist dem Asparagus schlicht zu warm, er wird hart und faserig und schließlich wächst er sich aus zu einem neuen, kleinen Strauch, seiner Bestimmung.

Aber nun haben wir schon seit Wochen dieses Wetter:

DSC_0109

Regen, ein wenig Sonne, wieder Regen, und das alles so kühl, dass man abends tatsächlich die Heizung aufdrehen muss. Heute nacht soll es an Null Grad gehen, weswegen ich mit der Auspflanzung meiner Paprika und Gurken brav abgewartet habe. Die Eisheiligen marschieren in Mittel-Italien! Natürlich als Santi di Ghiaccio, was gleich viel freundlicher klingt, und ein wenig früher dran als im Norden sind sie ja auch. Jedenfalls schaffen sie locker den kühlsten Maienbeginn seit 1991.

Das viele Wasser und die frische Luft lassen das Gras sprießen, dass es eine Freude ist.

DSC_0102 (1)

Sieht nicht nur gut aus, bringt auch schönes und billiges Heu, nachdem wir letztes Jahr nach der großen Dürre Höchstpreise für wirklich miese Halme zahlen mussten. Im Dorf war der Vorrat sofort weg, für die letzte Fuhre mussten wir dann im Ausland betteln, nämlich auf der anderen Tiberseite, in Latium (das hier ist Umbrien). Also: Heu satt, natürlich nur, wenn’s denn irgendwann auch trocknet. Und Spargel satt, umsonst und draußen, bis er uns aus den Ohren heraussprießt.

DSC_0114

Dafür war ich heute morgen ein Stündchen unterwegs, ausgerüstet mit einer guten Schere. Beim Spargelsuchen darf man keine Angst vor Zecken oder Kreuzottern haben, erstere lauern in den Sträuchern, letztere im Gestrüpp. Also Mütze auf und Stiefel anziehen – und natürlich immer schön aufpassen. Auf Schlangen stoße ich immer wieder, es hat sich auch schonmal eine aufgerichtet, aber gebissen worden bin ich noch nie. Man schafft es dann doch immer, sich aus dem Weg zu gehen. Mehr Respekt als vor den Vipern habe ich sowieso vor den Wildschweinen, weil die nicht unbedingt immer abhauen. Nunja, es gibt also ein Minimum an Abenteuer auf der Spargelsuche. Und zur Belohnung dann einen sehr intensiven Spargelgeschmack. Die Zubereitung so einfach wie möglich: Holzige Enden abschneiden, die weichen Spargelteile kleinschneiden und entweder mit ins Pastawasser geben (Spaghetti con asparagi salvatici: die Nudeln werden dann mit den Spargelstücken abgegossen und schnell in Olivenöl mit frischem Knoblauch und frischem Thymian geschwenkt) oder zwei Minuten in der Pfanne anbraten, bevor man sie mit zwei Eiern pro Person zur Frittata weiter verarbeitet. Dritte Möglichkeit: Wildspargelrisotto. Alles sehr lecker!

Ach so, die Serviette unter den Spargeln ist tatsächlich vor hundert Jahren selbst bedruckt. Man braucht nur Zwiebeln, Salbeiblätter und Stofffarbe. Soviel für heute aus der umbrischen Halbwildnis.

Signora

Heute wird in Villar Perosa Marella Caracciolo di Castagneto zu Grabe getragen, die Witwe des Avvocato Gianni Agnelli (hier ein altes ZEIT-Porträt von mir). Am Samstag ist sie im Alter von fast 92 Jahren gestorben, und nicht nur in Turin haben viele das Gefühl, dass mit dem Tod dieser sehr besonderen Frau eine Ära zu Ende geht. Nicht so sehr das Jahrhundert der von den Agnelli dominierten Autoindustrie, denn das war im Prinzip schon mit dem Ende des Avvocato vorbei. Sondern das Zeitalter der Dame.

Marella_Agnelli

Auf den ersten Blick verkörpert die Dame ein hoffnungslos altmodisches Frauenbild: Nicht berufstätiges Statussymbol eines reichen Ehemannes, der sie zur Mutter seiner Kinder macht, ihr jeden materiellen Wunsch erfüllt und dafür im Gegenzug erwarten darf, dass sie alle seine erotischen Eskapaden ohne Gezeter erträgt. Auf den zweiten Blick ist eine solche Definition aber genau das, was die Dame niemals ist, nämlich schlicht und einfach spießig. Im Wertesystem des Kleinbürgers ist die Ehe wie das ganze Leben ein präzise abgestecktes Do-ut-des, in dem der Einzelne am Ende danach bewertet wird, was er oder sie sich erarbeitet hat. Die Dame spielt in einem solchen Weltbild die Rolle des zugleich bemitleideten und beneideten parasitären Opfers.

Von all‘ dem war Marella Agnelli Lichtjahre entfernt. Geboren 1927 in Florenz als Tochter eines neapolitanischen Fürsten, dessen Urahn einst gegen Lord Nelson gekämpft hatte und dafür am Mastbaum seines Schiffes aufgeknüpft worde war, führte sie von Anfang an ein freies, unabhängiges Leben. Bevor sie Gianni Agnelli kennenlernte und 1953 heiratete, fotografierte sie für Vogue. Später entwarf sie Stoffe und Gärten. Ihre Brüder machten glänzende Karrieren – Carlo Caracciolo als Verleger der großen, liberalen Tageszeitung „La Repubblica“, Nicola als Historiker. Marella aber hatte ein glänzendes Leben als eine der Traumfrauen ihrer Zeit, über die ihr Freund und Bewunderer Truman Capote sagte: „Wenn sie als Juwel in Tiffanys Schaufenster läge, wäre sie sehr, sehr teuer.“

Mit Italiens Ersatzkönig Agnelli bildete die echte Prinzessin ein Traumpaar des internationalen Jet-Sets; attraktiv, weltläufig und jenseits aller Konventionen. Residenzen in New York, St. Moritz, Marrakesch, Paris, Rom und natürlich Turin. Eine Kunstsammlung, die sie kurz vor Giannis Tod in großen Teilen der Stadt Turin vermachten. Ein Haufen Freunde aus Kunst, Literatur und Politik, allen voran Andy Warhol, der die beiden porträtierte, und JFK, der Marella angeblich besonders verehrte. Gianni Agnelli war der schillerndste Industrielle der Welt, ein Autobauer als Kunstmäzen und Sexsymbol. Seine Frau war noch mehr, nämlich der Inbegriff einer fast schon transzendenten Eleganz. Er war ungeheuer populär, ein Cäsar zum Anfassen für seine Arbeiter und als Patron der „Juventus“ vor allem ihr erster Fan. Sie aber war so entrückt, wie es nur echte Damen sein können, die über der Vulgarität des so genannten echten Lebens schweben.

Giannis Frauengeschichten und die Ehe der beiden – Privatsache. Der Schmerz über den Freitod des einzigen Sohnes Edoardo, der sich 2000 von einer Autobahnbrücke stürzte – Privatsache. Die Erbschaftsstreitigkeiten mit der Tochter Margherita – Privatsache. Diskretion und eine gewisse, empathische Distanz waren ihre Lebenshaltung, bis zuletzt. Erst nach ihrem Tod erfuhr man zum Beispiel, dass sie schwer an Parkinson erkrankt war und die letzten beiden Jahre künstlich ernährt werden musste. Wie schwer das Leben sein konnte, wusste nur sie selbst. Die Außenwelt sah nur vorbildliche Leichtigkeit.

Marella Agnelli hat den Krieg überlebt und die antifaschistische Resistenza, zu der ihre Familie gehörte. Sie hat den Industrieboom erlebt, der sie zu einer der reichsten Frauen der Welt machte. Sie begegnete Päpste und amerikanischen Präsidenten, europäischen Fürsten und dem nordafrikanischen Tyrannen Gaddafi, den ihr Mann als Anteilseigner zu Fiat und Juventus holte. Zu all‘ diesen Männer gab es von ihr öffentlich keinen Kommentar. Privat soll sie geistreich gewesen sein, aber immer leise.

Fast spurlos gingen die Jahre und Schicksalsschläge an ihr vorüber, eine auffallende Schönheit war sie nie, aber zeitlos schön blieb sie doch. Understatement war ihr Stil, noch nicht einmal die stets kurz geschnittenen Haare färbte sie sich. Marella Agnelli trug am liebsten flache Absätze und lange Hosen. Nie wurde sie als „Signora“ angesprochen, sie, die doch eine ganze Dame war. Sondern immer nur als „Donna Marella.“ Das italienische Wort für Frau ist als Anrede den Aristokratinnen vorbehalten.

Als Gianni Agnelli starb, gab in Italien der Medienzar Berlusconi den Ton an. Zur Trauerfeier seines Rivalen fuhr er demonstrativ im Audi vor. Inzwischen ist das Land mitsamt seiner regierenden Kaste noch weiter abgestiegen, in eine faschistoide Vorhölle des Vulgärpopulismus. Die Männer, die jetzt Italien regieren, sind hasserfüllte Kleinbürger, Zerstörer, die sich von Geist und Schönheit provoziert fühlen. Die Demokratie ist in ihren Augen viel zu damenhaft. In Italien, und nicht nur dort, triumphiert die Hässlichkeit. Es ist die aggressive Fast-Food-Ästhetik des ignoranten Pöbels und der wutschnaubenden Rassisten.

Keine Welt für Damen.

Winter auf dem Land

Den Januar auf dem Land in Mittelitalien zu verbringen, ist nichts für Feiglinge. Zwar liegt kein Schnee, aber es friert. Oder regnet. Die Eselwiese verwandelt sich unaufhaltsam in eine Schlammfläche (es gibt natürlich einen Stall) und morgens muss ich oft die Eisschicht auf den Wasserbehältern zerschlagen. Das Heu ist dieses Jahr so schlecht wie noch nie, halb verschimmelt, voller Eichenblätter und Schilfrohr; ein Bauer aus dem Nachbardorf hat uns hereingelegt. Neues Heu zu organisieren, ist immerhin leichter als im letzten Jahr, da war die Ware so knapp, dass wir das letzte Fuder 30km weiter gefunden hatten, für einen Phantasiepreis natürlich.

Im Gemüsegarten ist der Fenchel verfroren, immerhin gibt’s noch Radicchio, Endivien und jede Menge Kohl. Und okay, tatsächlich überwintern im Haus die umbrischen Wintertomaten, eine regionale Sorte, deren dicke Haut die Einlagerung möglich macht. Natürlich der pure Luxus.

Weil es draußen so wenig zu tun gibt, muss man sich im Winter auf das Drinnen konzentrieren. Also Schreibtisch. Zeit, das nächste Buch zu schreiben! Seitdem der Abgabetermin für das Manuskript feststeht, sind die Tage auf einmal verdammt kurz.

Versione 2

Im Winter ist das Dorf eher leer. Nur die Alten bleiben, und ein paar Familien. Sehr wenige, um ehrlich zu sein. In der Grundschule gibt es Klassen mit neun Schülern. Der Ausländeranteil ist hoch. Die Italiener kriegen ja kaum noch Kinder und vor allem leben sie dann mit diesen wenigen Kindern eher nicht auf dem Land. Keine Arbeit. Von Schönheit kann man halt nicht leben.  Und von der Landschaft auch immer weniger.

dsc_0024

Hier sieht man wenigstens noch Ackerfläche (und dahinter den Schnee bedeckten Monte Terminillo). Es liegt aber auch viel Land brach. Hunderte Hektar von Olivenhainen stehen zum Verkauf. Die Landwirtschaft stirbt, weil sie nur noch von den Alten betrieben wird.

Und so riskiert Italiens wunderbare Landschaft, zur Kulisse zu verkommen, wie schon die Städte. Zum Beispiel in der Toskana. Hatte ich gesagt, dass der Januar die perfekte Zeit für einen Trip durch die Provinz Siena ist? Keine Touristenbusse, kein Stress unter den Einheimischen, herrlich gemütliche Gasthäuser, Platz in den Museen und dazu das südliche Winterlicht auf den Hügeln.

dsc_0839

Für mich ist die Anreise mit einer Stunde Fahrtzeit überschaubar. Nach Pienza zum Beispiel, die ideale Stadt von Pius II. , der von 1458-64 Papst war und seinen Geburtsort in eine steinerne Utopie umwandeln ließ.

dsc_0814

Heute ist Pienza eines von vielen besonders schönen Dörfern in der Toskana, bestens renoviert, aber nicht geleckt, mit alten Palazzi, in denen lokale Produkte feilgeboten werden, hier: Vino, Öl und Schafskäse. Besonders zu preisen (weder verwandt, noch verschwägert) ist unter vielen die Käserei Di Mario mit ihrem Laden am Corso Rossellino 16, die nicht nur alle möglichen, leckeren pecorini feilbietet, sondern auch Ziegenkäse. Aber bitte den Dom nicht vergessen! Pecorino gibt’s am Ende überall, die filigrane Hallenkirche mit den allüberall verstreuten Halbmonden aus dem Papstwappen aber ist einzigartig. Wenn man heraustritt, kann man in der Bar direkt gegenüber (siehe Foto) Prachtexemplare des homo toscanus treffen. Alte Männer mit Schirmmütze, Jäger in Tarnanzügen, selbstbewusste Landladys in hohen Stiefeln. Das Chaos aus Carabinieri-Zeitschriften, Bonbons, aufgerissenen Toastbrot-Packungen und Schnapsflaschen hinter der Theke ist sehenswert. Weil’s so schön kalt ist, kippen die Herren einen Caffè corretto, einen mit Grappa „korrigierten“ Espresso. Die Damen schlürfen einen exzellenten Cappuccino.

Und der Nachhauseweg führt dann hier entlang.

dsc_0844

 

 

Für Giuseppe

Heute vor einem Jahr starb in Crotone Giuseppe Parretta, Sohn der Antimafia-Aktivistin Katia Villirillo. Er wurde 18 Jahre alt. Wenige Stunden vor seinem Tod hatte seine Mutter ihm ein neues Motorrad geschenkt, versehen mit den üblichen, mütterlichen Ermahnungen. Fahre nicht zu schnell, pass‘ auf dich auf, vor allem auf die anderen.

Giuseppe wurde erschossen, weil sein Mörder Salvatore Gerace ihn für einen Polizeispitzel hielt. Gerace handelte mit Drogen. Er fühlte sich von dem jungen Mann beobachtet, der dauernd vor seinem Haus vorbeiging und gleich nebenan die Räume einer ehrenamtlichen Organisation betrat. Der Verein heißt „Libere Donne“, freie Frauen. Katia Villirillo ist die Gründerin und Vorsitzende. Sie kümmert sich um Frauen, die Opfer männlicher Gewalt werden.

Gerace konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mann mit diesem Verein etwas zu tun haben wollte. Er schoss, als Giuseppe wieder einmal seine Mutter besuchte. Und Giuseppe starb in Katias Armen. Zu seiner Beerdigung kam halb Crotone, die Leute waren schockiert und empört. Jetzt, da ein Jahr vergangen ist, ist Katia mit ihrem Schmerz allein.

Sie fühlt sich verlassen, von allen, auch vom Staat. All‘ die Versprechen, ihr mehr Sicherheit zu garantieren, damit sie weiter machen kann mit ihrem Verein, wurden nicht erfüllt. Noch nicht einmal ein paar Videokameras, zur Kontrolle., zu schweigen von neuen Räumlichkeiten, weit weg vom Ort des Verbrechens. Katia macht dort, wo ihr Kind ermordet wurde, weiter mit ihrem Einsatz für die Frauen von Crotone.

Mutterseelenallein.

Im Süden Italiens ist so etwas zum Glück nicht mehr an der Tagesordnung. Aber es ist immer noch möglich, dass eine Gesellschaft und ihre politische Kaste zur Tagesordnung übergeht, nachdem eine Mutter ihren Sohn verloren hat, weil er die Wege eines Kriminellen kreuzte. Garace ist kein Mafia-Pate, nur einer von vielen, die für die ‚Ndrangheta Drogen verkaufen. Ein kleiner Mitläufer, der das größte denkbare Verbrechen begeht. Das Leben eines jungen Menschen auszulöschen, einer Mutter ihr Kind zu nehmen.

Katia Villirillo hat vielen Frauen geholfen, die Opfer von brutalen Männern wie Salvatore Gerace wurden. Ihren eigenen Sohn konnte sie nicht schützen. Sie sagt, dass sie weiter macht, weil sie das Giuseppe versprochen hat