Mare Monstrum

Heribert Prantl ist ja jetzt in Pension, aber er hat auch vorher kein Blatt vor den Mund genommen. Wenn es darum geht, Grundrechte zu verteidigen, redet Prantl Tacheles. Derart wortgewaltige und leidenschaftliche Journalisten wie er sind auch in Deutschland sehr selten geworden, genau wie in Italien. Hierzulande werden sie verfolgt. Und man kann sich schon ausmalen, wie Salvini reagieren wird, wenn ihm zugetragen wird, dass Prantl die Regierung mit der Mafia verglichen hat: „Beide zerstören das Gemeinwesen.“ Aber es stimmt. Diese Regierung in Rom zerstört das Gemeinwesen, sie zerstört die Demokratie, Tag für Tag. Sie zerstört sie auf eine Weise, die sich Berlusconi nie getraut hätte, für die er aber den Boden bereitet hat.

In Italien stehen heute demokratische Grundrechte zur Disposition. Meinungsfreiheit, Menschenwürde, Minderheitenschutz. Man kann das gar nicht laut genug sagen – und die deutschen Medien sagen es (noch) nicht laut genug. Vermutlich, weil man es einfach nicht fassen kann, dass das alles wieder möglich ist. Dass Italien sich auf dem Steilflug in den Faschismus befindet.

Man traut sich kaum, das auszusprechen. Außer Heribert Prantl. Grazie.

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Olympias Fackel

Jubel, Trubel, Heiterkeit: Nach dem Zuschlag für die Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina verbreiten Italiens Politik und Medien vereint Enthusiasmus. Es gibt keine Parteien mehr, nur noch Olympier! Man schaut sich das an und denkt: aber auch irgendwie von gestern.

Strache und Berlusconi

Wir JournalistInnen kümmern uns ja selten um unser Geschreibsel von gestern, weil wir davon ausgehen, dass die geneigte Leserschaft es ohnehin spätestens fünf Minuten nach dem Schlusssatz vergessen hat – übrigens fast immer zu Recht. Umso schmeichelhafter, dass Olivera Stajic nun im Standard einen uralten ZEIT-Text von mir zitiert, nämlich „Silvio, besorg es uns!“ aus dem fernen 2011. Es geht um das ausschweifende Sexualleben von Berlusconi und den Verdacht der Beziehungen zu Minderjährigen. Und darum, dass sich damals in Italien kaum jemand daran störte:

„Der Skandal ist so enorm, der Verdacht so ungeheuerlich, dass der Rücktritt des Ministerpräsidenten wohl in jeder anderen europäischen Demokratie unausweichlich wäre. Nicht so in Italien. Berlusconis Gefolgsleute haben stattdessen die Losung ausgegeben, man müsse das Land von „Staatsanwälten erlösen, die unsere Freiheit bedrohen“, der Premier selbst erklärte in einer ästhetisch an die Spätphase der Sowjetunion erinnernden Videobotschaft an das italienische Fernsehvolk, er habe es nie nötig gehabt, Frauen zu bezahlen. Im Übrigen habe er eine feste Freundin, die so etwas auch gar nicht dulden würde.

Der Mailänder Kardinal Dionigi Tettamanzi hatte gewarnt: „Italien ist heute krank wie zur Zeit der großen Pest. Die Amoralität verbreitet sich in allen Schichten unserer Gesellschaft.“ Das größte Problem hätten jene Eltern, die ihren Kindern erklären müssten, was da geschehe. „Und die vielleicht Töchter im Alter der jungen Frauen haben, deren Fotos man in allen Zeitungen sieht.“ Doch die Eltern, deren Töchter den sechsfachen Großvater Berlusconi frequentieren, scheinen darüber weniger entsetzt als erfreut zu sein.

Die wenigsten Italiener geben zu bedenken, wie ungewöhnlich es ist, dass sich ein Mann im Greisenalter mit Dutzenden junger Frauen umgibt, von denen sich einige prostituieren. Ein Regierungschef mit solcher Freizeitgestaltung wird erpressbar, von dem Imageschaden für sein Land ganz abgesehen. „Wie kann er uns anfassen und am nächsten Tag regieren?“, wunderte sich eines der Partymädchen.“

In der Tat hatte Berlusconi Italien zehn Monate später an den Rand einer Staatspleite gebracht und musste abtreten. Zuvor hatten sich auch ausländische Politiker daran gestört, dass der italienische Ministerpräsident bei Verhandlungen und bilateralen Treffen immer wieder einfach einschlief; er hatte da wohl mal wieder eine schlaflose Nacht hinter sich.

Politisch schwerer als der Bunga Bunga wogen andere Dinge. Richterkorruption. En-bloc-Stimmenkauf von Parlamentariern. Seine Anhänger störten sich auch daran nicht. Trotz aller Skandale determinierte Silvio Berlusconi zwei Jahrzehnte lang die italienische Politik, bis heute ist er der größte Kulturunternehmer im Land. Bei der Europawahl kam er immer noch auf 8,8 Prozent, sein Wahlverein Forza Italia stellt sieben Abgeordnete der EVP. Die übrigens auch immer zu ihm gehalten hat.

Strache kann Berlusconi in keiner Beziehung das Wasser reichen. Der Italiener ließ sich nicht bestechen, er kaufte lieber selbst alles, was bei drei nicht auf dem Baum war. Er wurde nicht zu vorgeblichen Oligarchinnen eingeladen, sondern hatte Putin zu Gast in seinen Villen. Und Red Bull würde er wohl noch nicht mal unter vorgehaltener Pistole trinken.

Strache ähnelt eher Salvini. So hat jetzt jedes Land die rechten Kotzbrocken, die es verdient.

 

Auf die Nüsse

In unsere Gegend an der Schnittstelle von Toskana, Umbrien und Latium kommen alljährlich Millionen gut verdienende Touristen aus Europa und aus Nordamerika. Leute, die an Kultur interessiert sind und sich von intakten mittelalterlichen Städten, pittoresken Dörfern und einer von Olivenhainen und Weinbergen geprägten, uralten Kultur-Landschaft in berauschen und beruhigen lassen wollen: Italien, wie es im Prospekt steht.

Tatsächlich ist es gerade so, dass die Städte und Dörfer unangetastet auf ihren Hügel träumen, wie es sich gehört – außer, sie befinden sich in Erdbeben-Hochrisikogebieten. Die Landschaft aber verändert sich radikal. Weinberge, mehr noch Olivenhaine verwildern und verschwinden, weil es zu mühselig und zu teuer wird, sie instandzuhalten. Die Landflucht der jungen Italiener hält seit Jahrzehnten an, in der Kleinflächen-Landwirtschaft arbeiten fast nur noch die Alten. Und die Klimaveränderung macht auch den Großproduzenten zu schaffen. Wer kann sich in diesen Zeiten noch darauf verlassen, dass die nächste Olivenernte das Überleben des Betriebs sichert? Wir (Kleinbauern mit 50 tragenden Bäumen) ernten schon seit zwei Jahren nicht mehr. Im ersten Jahr war’s die Fliege, im zweiten eine grausame Frostwelle mit einer Woche bei minus zehn Grad. Einer unserer Freunde, Landgraf und Großbauer in den nahen Sabiner Bergen mit 1500 Bäumen, schafft sich gerade ein neues Lagersystem an, mit dem das Öl auch in zwei Jahren nicht ranzig werden soll. Um der nächsten Missernte vorzubeugen.

Andere satteln gleich ganz um. Auf Haselnüsse. Hier sieht man, wie das geht. Die letzten Olivenbäume wurden, übel zurecht gestutzt, vor den neuen Haselnuss-Wänden stehen gelassen, mehr tot als lebendig:

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Italien ist heute nach der Türkei die Nummer zwei der Haselnuss-Produzenten weltweit. Die Türken halten 70 Prozent, die Italiener 12 Prozent. Der Abstand ist also riesig, soll aber möglichst rasch verkleinert werden. Ferrero (Nutella etc.) will bis 2025 jährlich 20.000 Tonnen mehr Haselnüsse aus Italien beziehen – der Lebensmittelriese war zum Beispiel wegen Kinderarbeit auf den Haselnussplantagen der Türkei ins Gerede gekommen. Und was Erdogan als Nächstes einfällt, weiß man als italienischer Unternehmer ja auch nicht.

Das Herz der Haselnussproduktion schlägt in unserer Gegend, genauer: In der Provinz Viterbo. 45.000 Tonnen jährlich, Tendenz steigend. Überall sieht man, wie aus Olivenhainen im Handumdrehen (tatsächlich schaufeln die Bagger) Haselnusswälder werden. Hier zum Beispiel ist der einzige Olivenhain weit und breit unschwer als silbergrauer Fleck zu erkennen. Ringsherum stehen nur noch dunkelgrüne Haselnuss-Plantagen.

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Der Effekt ist verheerend, nicht nur für’s Auge. Denn der Haselnuss-Strauch ist im Unterschied zum Olivenbaum nicht immergrün. Sein dunkelgrünes Laub fällt im Herbst ohne Anstalten zu machen, sich wenigstens dekorativ zu färben. Die Haselnuss ist außerdem kein Baum, schon gar nicht ist sie knorrig. Sie wird nicht tausend Jahre alt wie der Olivenbaum. Es sind langweilige Sträucher im Standardformat, industriell angepflanzt.

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Gegenüber dem Olivenbaum ist der Haselnussstrauch ein Starkfresser. Er frisst Dünger und Wasser tonnenweise. Für die Dürre-resistenten Olivenbäume braucht man allerhöchsten ein bisschen Naturdünger (wir nehmen Eselmist), viele Bauern düngen überhaupt nicht. Zum Schutz vor Fäule genügt Kupfersulfat, das auch in der Bio-Landwirtschaft zugelassen ist. Die Haselnuss aber will Herbizide, Fungizide und Pestizide en masse. Damit kommt man auf 50 Doppelzentner pro Hektar, während die Bio-Landwirte höchstens 15 bis 20 Doppelzentner erwirtschaften. Bei den Oliven ist das Verhältnis fast 1:1.

Gegen den rasanten Raubbau an der Landschaft hat die Regisseurin Alice Rohrbacher vor ein paar Monaten empört bei den drei Regionalverwaltungen protestiert. Namentlich wehrt sie sich gegen die rapide fortschreitende Monokultur in ihrer Heimat zwischen Orvieto und dem Lago di Bolsena. „Felder und Haine, Hecken und Bäume verschwinden für ein Meer von Haselnuss-Sträuchern“, klagte Rohrwacher. Die Regionalpräsidenten aus Umbrien, Latium und der Toskana antworteten, man müsse zuerst die Bauern schützen und dann die Landschaft. Nachhaltigkeit ist hier überhaupt kein Thema für die Politik. Mit Nachhaltigkeit gewinnt man keine Wahlen. Deshalb lässt man zu, dass die Straßen durch eine der schönsten Gegenden Europas zunehmend so aussehen:

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Trotzdem stemmt sich jetzt wenigstens der Bürgermeister von Bolsena, wo jede Menge Deutsche Urlaub machen, gegen den weiteren Flächenfrass der Haselnuss. Er hat ein Anbauverbot erlassen.

Es ist ein Anfang.

 

Spargel für Fortgeschrittene

Während in Deutschland wie jedes Jahr auf den Wochenmärkten und in den Restaurants das Spargelfieber ausbricht (man könnte auch sagen: der Spargelwahn), haben wir hier eine Rekordsaison des Asparagus acutifolius. Dieser wilde, grüne Spargel wächst im Unterholz der Eichenwälder und in Olivenhainen, und eigentlich ist seine Zeit spätestens Anfang Mai schon abgelaufen. Die Maiensonne ist dem Asparagus schlicht zu warm, er wird hart und faserig und schließlich wächst er sich aus zu einem neuen, kleinen Strauch, seiner Bestimmung.

Aber nun haben wir schon seit Wochen dieses Wetter:

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Regen, ein wenig Sonne, wieder Regen, und das alles so kühl, dass man abends tatsächlich die Heizung aufdrehen muss. Heute nacht soll es an Null Grad gehen, weswegen ich mit der Auspflanzung meiner Paprika und Gurken brav abgewartet habe. Die Eisheiligen marschieren in Mittel-Italien! Natürlich als Santi di Ghiaccio, was gleich viel freundlicher klingt, und ein wenig früher dran als im Norden sind sie ja auch. Jedenfalls schaffen sie locker den kühlsten Maienbeginn seit 1991.

Das viele Wasser und die frische Luft lassen das Gras sprießen, dass es eine Freude ist.

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Sieht nicht nur gut aus, bringt auch schönes und billiges Heu, nachdem wir letztes Jahr nach der großen Dürre Höchstpreise für wirklich miese Halme zahlen mussten. Im Dorf war der Vorrat sofort weg, für die letzte Fuhre mussten wir dann im Ausland betteln, nämlich auf der anderen Tiberseite, in Latium (das hier ist Umbrien). Also: Heu satt, natürlich nur, wenn’s denn irgendwann auch trocknet. Und Spargel satt, umsonst und draußen, bis er uns aus den Ohren heraussprießt.

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Dafür war ich heute morgen ein Stündchen unterwegs, ausgerüstet mit einer guten Schere. Beim Spargelsuchen darf man keine Angst vor Zecken oder Kreuzottern haben, erstere lauern in den Sträuchern, letztere im Gestrüpp. Also Mütze auf und Stiefel anziehen – und natürlich immer schön aufpassen. Auf Schlangen stoße ich immer wieder, es hat sich auch schonmal eine aufgerichtet, aber gebissen worden bin ich noch nie. Man schafft es dann doch immer, sich aus dem Weg zu gehen. Mehr Respekt als vor den Vipern habe ich sowieso vor den Wildschweinen, weil die nicht unbedingt immer abhauen. Nunja, es gibt also ein Minimum an Abenteuer auf der Spargelsuche. Und zur Belohnung dann einen sehr intensiven Spargelgeschmack. Die Zubereitung so einfach wie möglich: Holzige Enden abschneiden, die weichen Spargelteile kleinschneiden und entweder mit ins Pastawasser geben (Spaghetti con asparagi salvatici: die Nudeln werden dann mit den Spargelstücken abgegossen und schnell in Olivenöl mit frischem Knoblauch und frischem Thymian geschwenkt) oder zwei Minuten in der Pfanne anbraten, bevor man sie mit zwei Eiern pro Person zur Frittata weiter verarbeitet. Dritte Möglichkeit: Wildspargelrisotto. Alles sehr lecker!

Ach so, die Serviette unter den Spargeln ist tatsächlich vor hundert Jahren selbst bedruckt. Man braucht nur Zwiebeln, Salbeiblätter und Stofffarbe. Soviel für heute aus der umbrischen Halbwildnis.

Signora

Heute wird in Villar Perosa Marella Caracciolo di Castagneto zu Grabe getragen, die Witwe des Avvocato Gianni Agnelli (hier ein altes ZEIT-Porträt von mir). Am Samstag ist sie im Alter von fast 92 Jahren gestorben, und nicht nur in Turin haben viele das Gefühl, dass mit dem Tod dieser sehr besonderen Frau eine Ära zu Ende geht. Nicht so sehr das Jahrhundert der von den Agnelli dominierten Autoindustrie, denn das war im Prinzip schon mit dem Ende des Avvocato vorbei. Sondern das Zeitalter der Dame.

Marella_Agnelli

Auf den ersten Blick verkörpert die Dame ein hoffnungslos altmodisches Frauenbild: Nicht berufstätiges Statussymbol eines reichen Ehemannes, der sie zur Mutter seiner Kinder macht, ihr jeden materiellen Wunsch erfüllt und dafür im Gegenzug erwarten darf, dass sie alle seine erotischen Eskapaden ohne Gezeter erträgt. Auf den zweiten Blick ist eine solche Definition aber genau das, was die Dame niemals ist, nämlich schlicht und einfach spießig. Im Wertesystem des Kleinbürgers ist die Ehe wie das ganze Leben ein präzise abgestecktes Do-ut-des, in dem der Einzelne am Ende danach bewertet wird, was er oder sie sich erarbeitet hat. Die Dame spielt in einem solchen Weltbild die Rolle des zugleich bemitleideten und beneideten parasitären Opfers.

Von all‘ dem war Marella Agnelli Lichtjahre entfernt. Geboren 1927 in Florenz als Tochter eines neapolitanischen Fürsten, dessen Urahn einst gegen Lord Nelson gekämpft hatte und dafür am Mastbaum seines Schiffes aufgeknüpft worde war, führte sie von Anfang an ein freies, unabhängiges Leben. Bevor sie Gianni Agnelli kennenlernte und 1953 heiratete, fotografierte sie für Vogue. Später entwarf sie Stoffe und Gärten. Ihre Brüder machten glänzende Karrieren – Carlo Caracciolo als Verleger der großen, liberalen Tageszeitung „La Repubblica“, Nicola als Historiker. Marella aber hatte ein glänzendes Leben als eine der Traumfrauen ihrer Zeit, über die ihr Freund und Bewunderer Truman Capote sagte: „Wenn sie als Juwel in Tiffanys Schaufenster läge, wäre sie sehr, sehr teuer.“

Mit Italiens Ersatzkönig Agnelli bildete die echte Prinzessin ein Traumpaar des internationalen Jet-Sets; attraktiv, weltläufig und jenseits aller Konventionen. Residenzen in New York, St. Moritz, Marrakesch, Paris, Rom und natürlich Turin. Eine Kunstsammlung, die sie kurz vor Giannis Tod in großen Teilen der Stadt Turin vermachten. Ein Haufen Freunde aus Kunst, Literatur und Politik, allen voran Andy Warhol, der die beiden porträtierte, und JFK, der Marella angeblich besonders verehrte. Gianni Agnelli war der schillerndste Industrielle der Welt, ein Autobauer als Kunstmäzen und Sexsymbol. Seine Frau war noch mehr, nämlich der Inbegriff einer fast schon transzendenten Eleganz. Er war ungeheuer populär, ein Cäsar zum Anfassen für seine Arbeiter und als Patron der „Juventus“ vor allem ihr erster Fan. Sie aber war so entrückt, wie es nur echte Damen sein können, die über der Vulgarität des so genannten echten Lebens schweben.

Giannis Frauengeschichten und die Ehe der beiden – Privatsache. Der Schmerz über den Freitod des einzigen Sohnes Edoardo, der sich 2000 von einer Autobahnbrücke stürzte – Privatsache. Die Erbschaftsstreitigkeiten mit der Tochter Margherita – Privatsache. Diskretion und eine gewisse, empathische Distanz waren ihre Lebenshaltung, bis zuletzt. Erst nach ihrem Tod erfuhr man zum Beispiel, dass sie schwer an Parkinson erkrankt war und die letzten beiden Jahre künstlich ernährt werden musste. Wie schwer das Leben sein konnte, wusste nur sie selbst. Die Außenwelt sah nur vorbildliche Leichtigkeit.

Marella Agnelli hat den Krieg überlebt und die antifaschistische Resistenza, zu der ihre Familie gehörte. Sie hat den Industrieboom erlebt, der sie zu einer der reichsten Frauen der Welt machte. Sie begegnete Päpste und amerikanischen Präsidenten, europäischen Fürsten und dem nordafrikanischen Tyrannen Gaddafi, den ihr Mann als Anteilseigner zu Fiat und Juventus holte. Zu all‘ diesen Männer gab es von ihr öffentlich keinen Kommentar. Privat soll sie geistreich gewesen sein, aber immer leise.

Fast spurlos gingen die Jahre und Schicksalsschläge an ihr vorüber, eine auffallende Schönheit war sie nie, aber zeitlos schön blieb sie doch. Understatement war ihr Stil, noch nicht einmal die stets kurz geschnittenen Haare färbte sie sich. Marella Agnelli trug am liebsten flache Absätze und lange Hosen. Nie wurde sie als „Signora“ angesprochen, sie, die doch eine ganze Dame war. Sondern immer nur als „Donna Marella.“ Das italienische Wort für Frau ist als Anrede den Aristokratinnen vorbehalten.

Als Gianni Agnelli starb, gab in Italien der Medienzar Berlusconi den Ton an. Zur Trauerfeier seines Rivalen fuhr er demonstrativ im Audi vor. Inzwischen ist das Land mitsamt seiner regierenden Kaste noch weiter abgestiegen, in eine faschistoide Vorhölle des Vulgärpopulismus. Die Männer, die jetzt Italien regieren, sind hasserfüllte Kleinbürger, Zerstörer, die sich von Geist und Schönheit provoziert fühlen. Die Demokratie ist in ihren Augen viel zu damenhaft. In Italien, und nicht nur dort, triumphiert die Hässlichkeit. Es ist die aggressive Fast-Food-Ästhetik des ignoranten Pöbels und der wutschnaubenden Rassisten.

Keine Welt für Damen.