Italiens Dilemma

Je näher der Juni rückt, desto mulmiger wird es uns. Mit wem man auch spricht, im Norden oder im Süden, immer fällt der Satz: „Wenn das nur gut geht.“ Ab dem 3. Juni dürfen Italiens BürgerInnen sich nach drei Monaten Reiseverbot von einer Region in die andere bewegen. Drei Monate lang haben wir aus Umbrien die Nachbarregion Latium aus dem Fenster zwar gesehen, sie ist nämlich nur fünf Kilometer Luftlinie entfernt. Aber betreten durften wir sie nicht. Erst in zwei Wochen wieder.

Die Sache ist, dass die Regierung zur allgemeinen Überraschung auch AusländerInnen erlaubt, sich ab dem 3. Juni frei im Land zu bewegen. Gleichzeitig mit den Regionalgrenzen werden die Landesgrenzen geöffnet – und das geht vielen zu schnell. Denn das Virus ist durch den strengen Lockdown stark zurück gedrängt, in manchen Regionen gibt es seit Wochen null Neuansteckungen. Andere, wie die Lombardei, verzeichnen täglich hunderte Neuinfizierte und müssen nach wie vor viele Todesfälle beklagen. Der zuständige Minister droht damit, betroffene Regionen erneut abzuriegeln. Aber wie soll das gehen, wenn die TouristInnen erstmal im Land sind?

Ministerpräsident Conte hat heute erneut an alle appelliert, Zusammenrottungen zu vermeiden. Es sei jetzt halt keine Partytime. Die Medien bringen Bilder von Gruppen junger Leute, die zum Aperitif die Bars füllen, dazu empörte Kommentare. Ganz ehrlich, verglichen mit den Bildern aus München, wo an der Isar schon wieder gegrillt wird und im Englischen Garten gefeiert, wirken die norditalienischen Bars unterbesetzt. Vor allem aber: Wie will man ausländischen TouristInnen vermitteln, dass sie in ihrem Urlaub keine Partys feiern können und sich gefälligst per App auf dem Strand ihrer Wahl anmelden – wenn sie nicht in eine Badeanstalt gehen, was in diesem Jahr noch teurer ist als gewöhnlich.

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Am besten blieben Italiens Strände in diesem Sommer so leer wie hier bei Tindari, Sizilien, im September 2018. Am besten für die Gesundheit von Natur und Mensch. Derzeit ist es noch verboten, die Liege oder das Handtuch auf dem Sand zu platzieren, nur Spazieren gehen und Schwimmen sind erlaubt. Aber das wird nicht so bleiben.

Italien braucht den Tourismus, nur deshalb werden die Grenzen so frühzeitig geöffnet. Früher als in Spanien und in Frankreich, wo das Virus ähnlich wütet, der Schuldenberg aber nicht so groß ist. Deshalb sollen sie einrollen, die BesucherInnen aus dem Norden, deshalb bleibt es deren Sensibilität überlassen, ob sie die Not ihrer Gastgeber verstehen oder nicht.

Wenn das nur gut geht.

Dauereinsatz

Vor dem Ausbruch der Seuche standen vor dem Eingang des Supermarktes immer zwei, drei junge Nigerianer. Sie boten sich zum Einräumen der Einkäufe ins Auto an, um die Münze aus dem Einkaufswagen zu bekommen. Sie fragten nach einer kleinen Spende.

Jetzt sind die Nigerianer verschwunden. An ihrer Stelle bewacht ein maskierter  Uniformierter den Eingang, sorgt dafür, dass alle den Sicherheitsabstand in der Warteschlange einhalten, regelt den Zugang zum Supermarkt, damit der Laden nicht zu voll wird. Wer hereingeht, wird von ihm angewiesen, die bereit stehenden Plastikhandschuhe überzustreifen. Wer herausgeht, wird aufgefordert, die gebrauchten Handschuhe in eine Extratonne zu entsorgen. Das geht so seit Anfang März. Zwischendurch konnte ich ein paar Wochen nicht in den Supermarkt, weil er im Nachbarort liegt und wir unser Heimatdorf nicht verlassen durften. Inzwischen ist Einkaufen in der gesamten Region Umbrien erlaubt. Der Uniformierte steht immer noch vor dem Supermarkt, ganz allein. Zeit für ein Gespräch.

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Zweieinhalb Monate hat er an sechs Tagen in der Woche Dienst geschoben, von morgens um acht bis abends um acht. Keine besonderen Vorfälle, aber manche Leute seien schon anstrengend gewesen. Es gebe halt immer jene, die es für eine Zumutung halten, in der Schlange zu stehen wie alle anderen, und dann auch mal eine halbe Stunde warten zu müssen. Andere, die ihre Handschuhe von zu Hause mitbrächten und nicht einsähen, dass das aus hygienischen Gründen nicht gehe. Aber eigentlich: bewundernswerte Disziplin.

Wenn die Schlange schrumpft, raucht er schnell eine Zigarette. Gegen den Stress oder die Langeweile, beides ist übrigens durchaus identisch. Er steht sich ja die Beine in den Bauch bei einer wahnsinnig öden Tätigkeit, die zugleich Konzentration erfordert. Von acht bis acht.

Oben im Ort wird es langsam wieder lebendig. Die Geschäfte sind seit dieser Woche wieder offen, die Leute sind unterwegs, flanieren durch das schöne Zentrum mit den herrlichen Ausblicken in die Umgebung. Man kann endlich aufatmen, in der ganzen Region gibt es weniger als 80 Infizierte, im Ort selbst keinen mehr. Umbrien hat es erst einmal geschafft.

Unten vor dem Supermarkt sagt der Wachmann: Am 7. Juni werde ich abgezogen. Dann komme der nächste Einsatz – am Strand. Die Supermarktkunden hätten es jetzt begriffen, da werde kein Wachpersonal mehr gebraucht. Aber am Strand, da müssten die Leute erst noch lernen, wie es geht. Vor allem die Kinder und die Touristen, die möglicherweise ja doch kämen. Der Strand gelte als nächste Gefahrenzone.

Er wird natürlich seine schwarze Uniform tragen, dazu Atemschutzmaske und Handschuhe. Wachdienst geht nicht in Badehose. Und wenn in der Mittagsglut die Badegäste unterm Sonnenschirm dösen, wird er hastig ein paar Zigaretten rauchen.

Der Mann vor dem Supermarkt kann nicht ahnen, dass in Deutschland Menschen protestieren, weil sie seinen Einsatz als Freiheitsberaubung empfänden. Er weiß nicht, dass die Leute allen Ernstes gegen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung demonstrieren. Dass sie wahlweise behaupten, die Pandemie sei nur eine Grippe oder eine biologische Waffe der Chinesen im Verein mit dem Weltjudentum und mit Bill Gates.

Der Mann vor dem Supermarkt in Umbrien hat soviel Überstunden aufgehäuft, dass es vermutlich für vier Wochen Urlaub reichen würde. Wenn er denn Urlaub machen könnte, stattdessen steht er bald in Uniform am Strand.

Ich frage mich, ob die Nigerianer wieder kommen. Was wohl aus ihnen geworden ist in dieser Zeit. Aber das ist ein anderes Thema.

 

 

 

Wenn der Barbiere geht

Eine Whatsapp-Nachricht von Vincenzo: Er gehe in Pension. Nach drei Monaten Zwangspause wolle er nicht mehr weitermachen und überlasse die Wiedereröffung des Salons im Juni seinem Kollegen.

Vincenzo ist der Friseur meines Mannes. Oder vielmehr: Er ist der Barbiere der Familie, seit Generationen. Mein Schwiegervater, Jahrgang 1919, lernte Vincenzo als Laufjunge bei seinem Barbiere kennen. Da war Vincenzo 15 Jahre alt und aus der Provinz Cosenza, Kalabrien, gerade in Rom eingetroffen. Fast 60 Jahre ist das her. In der Zwischenzeit machte Vincenzo sich selbständig mit einem eigenen Salon in der Via Genova, einer Seitenstraße der zentralen Via Nazionale. Er avancierte zum Barbiere von Politikern, Funktionären der nahe gelegenen Banca d’Italia, von hochrangigen Polizisten, denn auch das Innenministerium und das Polizeipräsidium sind nicht weit entfernt. Vor allem aber wurde Vincenzo ein Teil unserer Familie, auch die Frauen kennen ihn gut. Denn mit meinem Schwiegervater kamen bald seine drei Söhne und mit ihnen kamen wieder deren Söhne (meiner beschloss allerdings schon mit elf, dass Vincenzos Haarschnitt für ihn zu konservativ war). Der zierliche Barbiere nahm Anteil an unserem Leben, er besuchte den Schwiegervater, als der nicht mehr zu ihm kommen konnte, schließlich verabschiedete er ihn, diskret bewegt. Und er brachte jeden Sommer aus Kalabrien einen unübertrefflich würzigen Berg-Oregano mit, der aus unserer Küche überhaupt nicht mehr wegzudenken ist.

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Das oben ist nicht Vincenzos Salon, sondern der eines Kollegen in Bologna. Aber auch Vincenzo trägt natürlich immer einen sorgfältig gebügelten Friseurkittel aus dicker, weißer Baumwolle. Seine dichten grauen Haare liegen perfekt und er verströmt einen dezenten Duft nach Bergamotte, der wundervoll herb-aromatischen Zitrusfrucht aus seiner Heimat.

Mit Mitte Siebzig darf man natürlich in Pension gehen. Aber wie schade, dass es nun so gekommen ist: Ein erzwungener, resignierter Abschied in der Corona-Krise, eher ein Aufgeben als ein Loslassen. So geht das alte Italien.

Vincenzo ist übrigens Laziale. Nobody is perfect.

 

Berlusconi – Fortsetzung folgt

Silvio Berlusconis Wahlverein „Forza Italia“ dümpelt bei sechs Prozent. Milan ist verkauft, Mediaset hat auch schon bessere Zeiten gesehen, genau wie die Buchverlage Einaudi und Mondadori. Der Alte (im September wird er 84) hat sich mit einer neuen, gerade 30-Jährigen „Verlobten“, Parlamentsabgeordnete von Don Silvios Gnaden, in einer Villa in der Provence verschanzt, um die Corona-Krise auszusitzen. Wer deshalb denkt, Berlusconi sei ein Auslaufmodell, der irrt allerdings gewaltig. Noch immer ist er der größte Kulturunternehmer Italiens. Noch immer zieht er hinter den Kulissen die Fäden. Noch immer vertritt er Italien in der EVP – vielleicht ist das der Grund, warum die SZ „Forza Italia“ neuerdings ziemlich großzügig  als „bürgerlich“ bezeichnet.

Diese Kategorie wäre mir im Leben nicht eingefallen, aber gut. Was noch nicht in der Zeitung stand: Berlusconis jüngster Sohn Luigi, 31 und seine Schwestern Barbara und Eleonora mischen auch schon gewaltig mit. So schnell wird Italien die Berlusconis nicht los, wobei die Frage wäre: Wer will das hier überhaupt?

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Die Holding „Bending Spoons“ hat mit den Berlusconis als Anteilseigner die App „Immuni“ entwickelt, die Italiens Regierung soeben zur Eindämmung der weiteren Verbreitung des Corona-Virus ausgesucht hat. Eigentlich logisch, denn die Berlusconi-Kinder gehören zu den reichsten Erben Italiens. Ihre älteren Halbgeschwister Marina und Piersilvio haben das Verlagsgeschäft, bzw. das Fernsehen übernommen, also investieren die Jüngsten in die Neuen Medien. Mit im Boot sind bei „Immuni“ außerdem auch „Diesel“-Markeneigner Renzo Rossi und Vertreter der Familie Benetton. Diese Unternehmer stehen „Forza Italia“ seit jeher eher kritisch gegenüber, aber wenn es ums Geschäft geht, ziehen Italiens wichtigste Familien schon immer an einem Strang.

Es ist indes etwas befremdlich, dass ausgerechnet eine Regierung unter federführender Beteiligung der Fünf Sterne (Conte wurde von ihnen ausgewählt, auch wenn er kein Mitglied ist), die Erben ihres Erzfeindes Berlusconi mit dem wichtigsten Staatsauftrag ausstattet, der zurzeit vergeben werden kann: Die Überwachung von Bewegungen und Kontakten der Bürgerinnen und Bürger. Die schärfsten Kritiker der Elche werden in Italien halt immer selber welche. Und die Grillini haben sich, genau wie Berlusconi, noch nie um ihr Geschwätz von gestern gekümmert.

Wozu auch irgendwie passt, dass „Bending Spoons“ dem Vernehmen nach kürzlich 260 Millionen Euro geboten hat, um in die weltgrößte Homosexuellen-Dating-App Grindr einzusteigen. Silvio Berlusconi hat bei jeder Gelegenheit gegen Schwule gehetzt. Für seine Kinder aber wäre Grindr ein Riesengeschäft.

 

 

 

 

 

 

 

Borgo

Der italienische Architekt Stefano Boeri ist weltbekannt durch seine Projekte zur Begrünung von Großstädten oder Megastädten. Boeri arbeitet in Mexiko, China und Ägypten, gefeiert wurde er für die begrünten Hochhäuser seiner Heimatstadt Mailand. Seine Architektur zielt darauf ab, die Kultur- und Geldmetropolen mit reichlich Grün auszustatten, also eine straff domestizierte Natur in den urbanen Raum zu holen. Jetzt aber macht Boeri auf einmal Werbung für den Borgo.

Der Borgo ist das italienische Dorf, gewöhnlich wie ein Nest malerisch auf einem Hügel drapiert. Es gibt abertausende von solchen Dorfhügeln oder Hügeldörfern in Italien, im Norden wie im Süden, auch wenn man sich im Ausland meistens die in der Toskana oder in Umbrien vorstellt. Manche dieser Borghi sind fast schon kleine Städte, andere sind wirklich kleine Käffer, so wie mein umbrischer Borgo, dessen winziges Centro Storico aus einer Piazza, zwei Straßen und einer Aussichtsterrasse über dem Tibertal besteht.

Boeri rechnet vor, dass es 5.800 Orte mit weniger als 5.000 Einwohnern gebe und dass von denen 2.300 so gut wie verlassen seien. Es handelt sich zumeist um abgelegene Orte, abgeschnitten vom öffentlichen Transportwesen und nur über gewundene Landstraßen zu erreichen. Diese Orte, so fordert der weltberühmte Architekt, sollten jetzt von den italienischen Großstädten „adoptiert“, also mit Investitionen zu neuem Leben erweckt werden. Die Corona-Krise habe nämlich gezeigt, dass man in einem Borgo viel besser leben könne als in der Stadt. Wer über eine Zweitwohnung auf dem Land verfüge, der werde sich künftig über längere Zeiträume dorthin verflüchtigen.

Diese Zweitwohnungen darf man sich übrigens nicht in Villengröße vorstellen. Viele Italiener haben sie geerbt, andere günstig gekauft (in meinem Dorf ist man ab 30.000 Euro im Borgo dabei), um während der dreimonatigen Sommerferien der Kinder einen Platz fernab der glühend heißen Stadt zu haben. Die „seconda casa“ ist sehr viel verbreiterer als in Deutschland. Italienische Familien reisen weniger und kehren im Sommer lieber an jenen Ort zurück, aus dem Eltern oder Großeltern einst in die Stadt aufgebrochen sind.

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Boeris Vorstoß wurde von den Dorfverbänden mit gemischten Gefühlen aufgenommen: Warum rücken die Borghi eigentlich nur in Krisenzeiten in den Focus? Im übrigen ist es ein typisches Großstädter-Klischee, dass das Leben mit Miss Corona hier einfacher ist als in der Stadt. Erstens kann ein Dorf, wie der Fall unseres Nachbarortes beweist, im Nullkommanichts zur Falle werden. Da reichen 30 Infizierte – ein Zehntel von ganz Umbrien – um über Wochen als „Rote Zone“ abgeriegelt zu werden, in die niemand hineindarf und aus der keiner herauskommt. Weil das auch für die Ärzte gilt, haben wir in unserem Dorf seit Wochen keinen Hausarzt mehr, denn der befindet sich in der „Zona Rossa.“ Krank werden ist gerade noch schwieriger als sonst.

Zweitens gelten die Beschränkungen für Städter wie Dörfler gleichermaßen. Die Vorschrift, sich nicht weiter als 200 Meter vom eigenen Wohnhaus zu entfernen, ist in einem Borgo natürlich absurd – je weiter man läuft, desto weniger Menschen trifft man ja. Im Moment trifft man jedoch vor allem: die Polizei. Und wenn ab dem 4. Mai endlich wieder Bewegung im gesamten Wohnort erlaubt ist, gleichgültig, ob zum Spazieren gehen oder zum Einkaufen, dann gilt das für den Wohnort Rom ebenso wie für den Wohnort Borgo. Der gesamte Wohnort ist hier halt sehr klein. Viele haben vor der Krise ganz selbstverständlich im nächst gelegenen Supermarkt eingekauft. Aber der liegt nicht nur im Nachbarort, sondern sogar in der Nachbarregion. Zwar nur zehn Kilometer entfernt, aber laut Vorschrift unerreichbar.

Das größte Problem haben die Pendler. Fast alle hier im Dorf müssen weit zur Arbeit fahren, die meisten mit dem Zug nach Rom. Bislang war das die billigste und schnellste Möglichkeit – allein die Autobahnmaut in die 80 Kilometer entfernte Hauptstadt kostet hin und zurück schon neun Euro. Aber ob und wie die chronisch überfüllten Pendlerzüge verkehren, ob demnächst endlich mehr zur Verfügung gestellt werden oder, im Gegenteil, vielleicht noch weniger fahren, das steht zurzeit noch in den Sternen.

Die Gewerbetreibenden im Dorf überleben im Moment, wenn sie einen der vier Lebensmittel-Läden betreiben. Vier alimentari für 1000 Einwohner, das ist viel. Das Geschäft brummt. Aber da wären auch noch zwei Friseure, zwei Restaurants, eine Bar und einige Handwerksbetriebe. Alle geschlossen. Die Dörfler fühlen sich in diesem Moment so abgehängt wie nie. Normalerweise kommen im Frühling die Besitzer der seconde case – und weil da auch richtige Landhäuser dabei sind, die von Leuten nicht nur aus Rom, sondern auch aus den europäischen Hauptstädten bewohnt werden, bringt das Geld ins Dorf und in die gesamte Gegend. Jetzt aber ist alles blockiert. Und wer weiß, wie lange noch.

Italiens Borghi sind Kleinode. Aber sie sind in Gefahr. Nicht erst seit heute, doch heute besonders.

 

 

Benaltrismo

Es gibt im Italienischen eine Wortschöpfung, die im Moment ungefähr so beliebt ist wie das deutsche „systemrelevant“ – und ebenso absurd. Benaltrismo klingt nur viel besser, da liegt Melodie drin, es ist wirklich ein musikalisches Wort. Es bedeutet: Da gibt es aber wirklich andere Probleme. Ben altri problemi!

Traditionell fallen in diese Kategorie der Feminismus, die Rechte von Minderheiten, die Würde von Flüchtlingen und der Umweltschutz. Für Gerhard Schröder, einen der Bannerträger des Benaltrismo, war nur ersteres „Gedöns“, quasi als niedersächsische Variante des B.A.. Aber Schröder verhielt sich zu den Populisten, die heute die transnationale Partei des Benaltrismo bilden, ja auch wie Hannover zu Rio de Janeiro.

Im Windschatten von Miss Corona erobert der B.A. gerade die Welt, auf eine Weise, die man Atem beraubend nennen müsste, wenn das nicht in diesem Zusammenhang nicht  zynisch klingen müsste. Aber die Wahrheit ist: der Benaltrismo hat uns fest im Griff. Er ist plötzlich systemrelevant.

Frauen verschwinden aus der Öffentlichkeit und machen im Home Office mehr Home als Office? Na, da gibt es doch ganz andere Probleme. Die Bürgerrechte werden in vielen Staaten massiv eingeschränkt, bis hin zum Hausarrest und Spaniens und Italiens Kinder dürfen Monate lang nicht vor die Tür? Ben altri problemi. Flüchtlinge müssen auch verstehen, dass wir, genau, jetzt wirklich mal andere Sorgen haben. Und Umweltschützer müssten sowieso zufrieden sein, oder? Kein Flugverkehr, kaum Autoverkehr, Schiffe bleiben auch im Hafen. Die Erde erholt sich von uns, liest man ja überall. Fridays for Future sind nicht nur verboten, sondern überflüssig.

Bis vor drei Monaten war man als umweltbewusster Europäer zum Beispiel davon besessen, Plastikmüll zu vermeiden. Die Zeitungen waren voll mit Geschichten über Modellfamilien, die überhaupt keinen Verpackungsmüll verusachten oder mit Artikeln über Geschäfte, die Nudeln ohne Karton verkauften. Familienintern gab es da sogar mal einen Wettbewerb: wer produziert weniger Plastikabfall in einer Woche?

Dazu hier ein Archivbild:

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Damals konnte man mit dieser Ausbeute keinen Blumentopf gewinnen. Und heute?

Haben wir ganz andere Probleme als Plastikteile in Walmägen oder in den Weltmeeren. Nach Südostasien, wo der meiste Dreck herumschwimmt, können wir doch sowieso nicht fahren! Plastik triumphiert, denn es schützt vor Ansteckung. Vor dem Supermarkt werden Plastikhandschuhe verteilt, ohne kommt man gar nicht mehr hinein. Ebenso vor Buchhandlungen, wobei die Bücher auch in Plastik verschweißt sind. Plexiglas soll uns demnächst in den Restaurants voneinander abtrennen, vielleicht auch im Flugzeug.

Plastikhandschuhe braucht man, um demnächst wieder in öffentliche Verkehrsmittel zu steigen – zusätzlich zu den Masken. Weil Busse, Bahnen und Metros aber sehr viel weniger Passagiere transportieren dürfen, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten, werden die Allermeisten ins Auto steigen. Der Himmel über Mailand, Rom und Neapel, momentan so klar wie zuletzt 1870, wird mit Abgasen geschwängert sein wie noch nie. Zwar haben die Stadtverwaltungen in Mailand und Rom neue Instant-Radwege versprochen, die flüchtig aufgepinselt werden oder mit Absperrband kreiert. Sehr löblich, nur wird das leider den Pendlern wenig helfen. Die Pendler werden aus Angst, sich im Zug anzustecken, mit dem Auto fahren. Sehr viel mehr als sonst werden das tun. Und das Resultat wird verheerend sein, ein richtiger Bumerang-Effekt.

Auch im Konsumverhalten ist Umweltschutz gerade Gedöns. In Italien sind wir polizeilich angewiesen, nur den nächstgelegenen Supermarkt zu besuchen, bzw. nur die Geschäfte im eigenen Dorf. Bioläden? Pustekuchen. Ben altri problemi. In meinem Ort verkaufen die Tante-Emma-Läden ausschließlich Käfigeier. Die sind zwar EU-weit seit zehn Jahren verboten, aber Italien bezahlt eine Strafe und lässt die armen Legehennen lustig weiter im Knast. Kommt billiger.

Da steht man dann im Laden und fühlt sich wahnsinnig Radical Chic, weil man nach Bioeiern gefragt hat. Der Händler verzichtet diese Woche schon auf Maske und Handschuhe, obwohl es im Nachbardorf zwei Covid-19-Tote gibt. Eben dieses Nachbardorf  ist zurzeit das bestgetestete in Italien. 1900 Einwohner, 1900 Tests, 29 Noch-Infizierte, vier im Krankenhaus, der ganze Ort nach wie vor Zona Rossa, also durch Polizeiposten hermetisch abgeriegelt. Kann man angesichts dieser Lage einen Gedanken an Legehennen verschwenden? Eben.

Und so trollt man sich, beladen mit jeder Menge künftigem Verpackungsmüll, nach Hause, immer schön am rechten Straßenrand laufend, weil die vielen Amazon-Transporter wirklich einen heißen Reifen fahren.

Es gibt halt wirklich andere Probleme.

 

 

Triumph der Bürokratie

Ja, es wird langsam langweilig, über den italienischen Lockdown zu lesen. Noch langweiliger ist es, über ihn zu schreiben. Und noch viel langweiliger ist es, in ihm zu leben. Seit zwei Monaten bewegt sich: nichts. Außer einer gewaltigen Menge von Polizisten, die uns dankenswerterweise an jeder Straßenecke kontrollieren geduldig befragen, warum wir unsere Behausung verlassen haben und uns anschließend, je nach Laune, mit erhobener Augenbraue laufen lassen, mit erhobenem Zeigefinger wieder nach Hause schicken oder uns 280 Euro aufwärts für unseren Ungehorsam abknöpfen. Offenbar sind diese Bußgelder derzeit eine wichtige Einnahmequelle für den italienischen Staat.

Vergangenen Freitag durfte ich im 1. Programm des staatlichen Radios sprechen, es ging um die Finanzhilfen der EU. Ich kam dran zwischen EU-Wirtschaftskommissar Gentiloni und dem Lega-Fraktionsführer in der Abgeordnetenkammer, dessen Namen man sich hoffentlich nicht merken muss. Gentiloni war wie immer sehr europäisch und zweckoptimistisch. Nach ihm kamen einige Hörerstimmen, die sehr aufgebracht klangen und sich über Frau Merkel empörten, als sei sie alleinverantwortlich für die Ausbreitung des Corona-Virus, die drohende Pleitewelle und den Stillstand der Serie A. Für die frühe Morgenstunde war erstaunlich viel Testosteron im Spiel. Ich wies darauf hin, dass Deutschland gar nicht allein über das EU-Wiederaufbauprogramm entscheide und Frau Merkel schon mal gar nicht. Man kann das nicht oft und deutlich genug sagen, weil hier sehr viele Medien und Politiker genau das Gegenteil behaupten. Ich erklärte außerdem, das Geld sei da und das Programm beschlossen. Es gehe jetzt darum, wie es ausgegeben und verteilt würde, dazu seien Verhandlungen vorgesehen, alles ziemlich normal. Wenn ich live im italienischen Radio sprechen muss (hermetisch geschlossene Fenster wegen der Esel), neige ich zum merkeln. Das ist eine neue Erkenntnis. Dann sagte ich aber noch, Herr Conte habe gut daran getan,  im deutschen Fernsehen und in einigen großen Zeitungen vorstellig zu werden, denn die letzten starken Bilder, die die deutsche Öffentlichkeit vor Corona aus Italien gesehen habe, beträfen Flüchtlingsschiffe, die Abführung von Carola Rackete und den damaligen Vizepremier Salvini, der mit nacktem Oberkörper aus einem Strandbad gegen die Flüchtlinge und Frau Rackete hetzte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Merkel-Phase schon wieder überwunden. Dann war auch schon der Lega-Mann dran. Ich hörte noch, wie er nach Luft schnappte, bevor sich eine freundliche Redakteurin von mir verabschiedete und ich aus der Leitung flog.

Vergangenen Samstag feierte Italien den Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Nationalsozialismus. Das ist der Tag, den mein Mann seit 28 Jahren mit den Worten einleitet, ganz Italien sei von den Deutschen befreit, außer ihm. Die Sonne schien und an unserem Grundstück spazierten zwei ungefähr Zwölfjährige Jungs vorbei. Exakt 90 Minuten später kam ein Polizeiauto (die Straße ist ein besserer Feldweg). Die Jungen wurden angehalten, es folgte eine Befragung, sie wurden nach Hause geschickt. Ein Bußgeld setzte es nicht. Geht das überhaupt, bei Minderjährigen? Oder müssen für sie die Eltern bezahlen, wenn sie sich weiter als 200 Meter von zu Hause entfernen, in einem Dorf mit 1000 Einwohnern und null positiv Getesteten? In der gesamten Region Umbrien sind heute 371 Menschen positiv, darunter zwei Neuansteckungen vom Tage. Seit Wochen geht hier keiner ohne Maske auf die Straße.

Gestern, Sonntag, sprach Ministerpräsident Conte im Fernsehen. Mit der Miene eines Onkels, der ein großes Geschenk überreicht, versprach er neue Freiheiten ab dem 4. Mai. Es sei dann erlaubt, Sport im Freien zu treiben, auch außerhalb der 200-Meter-Zone. Man dürfe Verwandte besuchen, die in derselben Region wohnten, müsse aber dabei eine Maske tragen (und die Verwandten natürlich auch). Von Freunden war nicht die Rede. Von etwaigen Liebsten auch nicht. In Corona-Zeiten muss man verheiratet sein oder zumindest zusammen leben, sonst darf man nicht zueinander. Trauerfeiern sind erlaubt (max. 15 Personen). Messen nicht. Die Parks werden wieder geöffnet, für Spielplätze gilt ein Numerus Clausus. Die meisten Geschäfte bleiben weiter geschlossen, Friseursalons, Bars und Restaurants sowieso.

Das größte Geschenk aber macht Onkel Conte den Bürokraten, denn man braucht, um in den Genuss all‘ der neuen Freiheiten zu kommen, weiter eine Autocertificazione.

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Also ein Formblatt, das man sich von der Webseite des Innenministeriums herunterlädt und auf dem man neben den eigenen Daten einen triftigen Grund angibt, warum man das Haus verlässt. Das Formblatt wird bei Polizeikontrollen einbehalten, beim nächsten Freigang muss ein neues ausgefüllt werden.

Es ist der Triumph der Bürokratie in einem Land, das eine Pandemie in vorderster Front von der Polizei bekämpfen lässt. Wobei betont werden muss: Die Innenministerin ist dagegen. Sie findet offenbar, zwei Monate Formblatt-Sammeln reichten, ihre Polizisten hätten jetzt Wichtigeres zu tun. Ich frage mich, was eigentlich aus den Millionen von  einegsammelten Formblättern wird. Werden die aufbewahrt? Kommen die in die Papiertonne? Benutzt die Polizei die leere Rückseite für Notizen?

Die Task Force (so heißt hier das Beratergremium) der Regierung macht sich schon Gedanken über die Öffnung der Strände. Man soll sich über eine App anmelden und erklären, wo genau man seinen Sonnenschirm abstellt. Wir sind ein Volk unmündiger Kinder, die zum Abstandhalten mühsam erzogen werden müssen.

Am wasserfesten Formblatt wird deshalb noch gearbeitet.

 

 

 

Unter Dachsen

Ein alter Traum von mir ist es, ein Buch über Dachse zu schreiben. Dachse gehören in die Kategorie der chronisch unterschätzten Tiere. Sie stehen ewig in zweiter Reihe, so wie der Esel hinter dem Pferd und die Ente hinter dem Huhn. Der Fuchs ist sagenhaft schlau, der Dachs ist… ja, was eigentlich? Man weiß so wenig über ihn. Dabei ist er doch ein wirklich markant aussehendes Geschöpf.

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Sodoma verhält sich zu Signorelli ja auch ein wenig wie der Dachs zum Fuchs. Der erste gilt als attraktiver Sonderling, der zweite als einer der ganz großen Stars der Kunstgeschichte. In Monte Oliveto Maggiore sprang Sodoma als Ersatz für Signorelli ein, als dieser einen besseren Job gefunden hatte als die Auspinselei eines Kreuzganges in der toskanischen Provinz. Prompt malte die zweite Wahl Sodoma überall Dachse ins Gewölbe. Der Schwarzweiße auf diesem Fresko trägt ein rotes Halsband, ein Hinweis darauf, dass Dachse in früheren Zeiten gezähmt wurden, etwa um Jagd auf Füchse zu machen. Ganz sicher waren sie kein Schoßhund-Ersatz. Denn Dachse stinken. Wie alle Marder setzten sie ihre Drüsensäfte großzügig zum Markieren und zur Selbstverteidigung ein. Auf diesem Fresko scharen sie sich indes sehr zutraulich um einen jungen Mann, der Sodomas Züge trägt. In seinem Haus in Siena umgab sich der Künstler, der eigentlich Giovanni Antonio Bazzi hieß, außer mit Dachsen auch mit Affen, Papageien und Rabenvögeln. Ihm ist es zu verdanken, dass Meles Meles seinen Auftritt in der Welt der Kunst bekam.

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Wir leben ebenfalls mit Dachsen, allerdings nicht unter einem Dach. Die Tiere stehen auch in Italien unter Schutz und sollen schön draußen bleiben. Wie viele es sind, wissen wir nicht genau, aber fast jeden Abend können wir sie hören, wenn sie im Olivenhain Wurzeln ausgraben oder gleich neben dem Haus laut schmatzend irgendwelche Kleintiere verzehren. Dachse essen besonders gern Regenwürmer, aber auch Käfer und Mäuse (die unsere verwöhnten Katzen liegen lassen). Zur Not geht auch Gemüse. Als die Kinder klein waren, schickte ich sie mit den Obst- und Gemüseabfällen zum Komposthaufen, etwa 100 Meter vom Haus entfernt. Ich sagte nicht: „Wirf das Zeug auf den Kompost“, sondern: „Bringe es bitte dem Dachs.“ Das fanden sie gleich viel interessanter.

Heute morgen habe ich dann gesehen, dass das mit dem Dachs und dem Kompost durchaus keine Erfindung war. Denn direkt neben dem Gemüseabfallhaufen auf der Grenze zwischen Olivenhain und Wald, sah ich das hier:

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Der große Baumeister hat gebuddelt. Und wie! Der Dachs gräbt sich ja nicht einfach ein Loch, sondern konstruiert komplizierte Wohnhöhlen, die aus Dutzenden von „Kammern“ bestehen können. Füchse sind als Untermieter willkommen. In Mecklenburg wurde eine weitläufige Höhle entdeckt, die sagenhafte 10.000 Jahre von Dachsen bewohnt gewesen sein soll. Forscher entnahmen das den Knochen-Funden von Beutetieren, die schon seit Urzeiten ausgestorben sind.

Was das Bauwerk auf unserem Grundstück angeht, könnte es sich um zwei neue Ausgänge jener Dachshöhle handeln, deren „Haupteingang“ ungefähr 150 Meter weiter hangaufwärts liegt. Für einen Dachs keine Entfernun, die buddeln ja locker kilometerlange Tunnel. Der neue Höhleneingang ist malerisch mit Efeu umrahmt. Schöner Wohnen bei Signore Tasso.

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Einmal bin ich sogar fast mit ihm zusammen gestoßen. Es war am Hoftor. Ich kam gerade von einem Spaziergang nach Hause, als der Dachs hektisch schnaubend die Wurzeln unter dem Kirschbaum inspizierte. Als er mich bemerkte, protestierte er. Es hörte sich wirklich an wie beleidigtes Schimpfen! Erst nach einer halben Minute drehte er mir sein breites Hinterteil zu und drehte ab.

Meine Nachbarn, der Dachs, ist ein knorriger Typ.

Einmal Sitzen, 280 Euro

Während die Lega und Forza Italia (letztere in Fraktion der EVP) in Straßburg gegen den Grünen-Antrag für Eurobonds stimmen, geschieht in Rom:

Eine 60Jährige Frau macht sich im Stadtteil Testaccio auf, um ihre Einkäufe zu erledigen. Angetan mit Schutzmaske und Plastikhandschuhen geht sie zu Fuß zur ca. 100 Meter von ihrer Wohnung entfernten, zentralen Piazza, an der sich zahlreiche Lebensmittelgeschäfte befinden. Die Frau bemerkt vor den Geschäften lange Schlangen. Anstatt sich einzureihen, setzt sie sich auf eine Bank. Nur einen Moment die Sonne genießen. Ihre Wohnung hat weder Terrasse, noch Balkon. Spazieren gehen, etwa am nah gelegenen Tiberufer, darf sie nicht. Der Spaziergangsradius für ItalienerInnen liegt sechs Wochen nach dem Lockdown bei 200 Metern. Wer sich weiter von seiner Wohnung entfernt, darf bestraft werden.

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Bleibt die Bank. Denkt die Frau. Bis sich vor ihr ein Carabiniere aufbaut und ihr erklärt, sie verstoße gerade gegen die Vorschriften. Dann geht der Polizist. Die Frau bleibt sitzen. Eine weitere Carabiniera erscheint, fordert sie auf, sofort aufzustehen und die Bank zu verlassen. Was sie da tue, nämlich allein in der Sonne zu sitzen, sei illegal.

Der erste Carabiniere kommt zurück. Händigt der Frau auf der Bank ein Formular aus. Es ist eine Bescheinigung über ein Bußgeld von 280 Euro. Verstoß gegen die Seuchenschutz-Notverordnung.

 

Bücher schmücken ein Zimmer

Books do Furnish a Room, das ist der Titel von Band 10 in Anthony Powells Romanzyklus „A Dance to the Music of Time.“ Der Autor lässt offen, ob der Mann, dem er diesen denkwürdigen Satz zuschreibt, ihn hervorstößt, während er sich nackt seiner auf dem Sofa hindrapierten Geliebten nähert. Oder während er von einem umstürzenden Bücherregal getroffen wird wie Johannes XXI am 14. Mai 1277. Der portugiesische Papst hat das nicht überlebt, weil mit seinen Büchern tragischerweise der halbe Dachstuhl der Bibliothek herunterkam. Übrigens in Viterbo, wohin sich die Päpste damals aus Angst vor den Römern zurückgezogen hatten. Wenn es soweit ist, fände ich es auch unbedingt schicker, von meinen Büchern getötet zu werden als von der Straßenbahn, wie der unglückliche andere große Portugiese Fernando Pessoa.

Aber zurück zu Powell, den ich an dieser Stelle dringend empfehlen möchte. Man hat erstens eine Weile zu tun mit seinem Romantanz, zweitens amüsiert sich man sich dabei, weil es drittens um die britische Literatur- und Partyszene geht, also angenehmerweise um nichts. Die Bände, die sich vornehmlich um den Weltkrieg drehen, überfliegt man am besten. Da geht es nämlich auch um nichts, außer darum, wie die Londoner Elite den Krieg zum Karrieremachen nutzte. Nach 30, 50 Seiten hat man es kapiert und kann zur Nachkriegszeit übergehen.

Wenn man das tut, rettet man sich also in den sehr unterhaltsamen Band „Bücher schmücken ein Zimmer“ und stößt unter anderem auf so einen Satz: „Ich habe mich vom zeitgenössischen Leben abgewendet.“ Was soll ich sagen – das trifft’s.

Im zeitgenössischen Leben ziehen Deutsche vor Gericht, um ihren Osterspaziergang an der Ostsee durchzudrücken – und kriegen Recht. Der eigene Vater (78, mehrere Vorerkrankungen) ruft an, beklagt sich, dass er hinter seiner von der Schwiegertochter genähten Schutzmaske „kaum Luft“ kriegt und sie deshalb nicht aufzieht, „denn hier haben wir eigentlich alles im Griff“, bis auf die 30.000 in den Krankenhäusern, mehr als in Italien. Im zeitgenössischen Leben wird der Lockdown für uns ItalienerInnen bis zum 4. Mai verlängert, die Leute dürfen an Ostern ihre Wohnungen nur verlassen, wenn sie zum Notarzt müssen. Die Carabinieri fahren vorsorglich schonmal Streife, sogar durch die Olivenhaine. Täglich kommen neue, entsetzliche Details ans Tageslicht darüber, wie im Norden des Landes kranke, alte Menschen einfach sich selbst überlassen wurden und zu Hause sterben mussten. Im zeitgenössischen Leben zeichnet sich außerdem eine drohende Staatspleite ab, während die Pfennigwuchser der sich gerade auflösenden EU noch um die Hilfen für die Südländer feilschen. Die Brüsseler Abteilung für Demokratie und Grundrechte ist derweil wegen Corona geschlossen, was man an den Beispielen Ungarn und Polen sieht, die sich gerade ungestraft von der einen wie den anderen verabschieden dürfen. Die Bundesliga will wieder spielen. Fußball! Ohne mich.

Ich wende mich vom zeitgenössischen Leben ab. Aber mit dem größten Vergnügen.

 

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Meine Zeitgenossenschaft beschränkt sich gerade darauf, das letzte Grünzeug aus dem Gemüsegarten zu klauben (je, genau, richtig gesehen: Cime di rapa und Zwiebelchen) und neues zu pflanzen. Im Dorf hat jetzt ein Landhandel aufgemacht. Das Geschäft der Stunde! Es ist der langsamste Landhandel Italiens, unter 40 Minuten kommt man da nie raus, aber egal. Hauptsache, Salat, Tomaten, Auberginen, Paprika, Zucchini. Blumen gibt’s nicht, weil nicht systemrelevant.

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Und dann wären da noch die Mandeln vom letzten Herbst. Zu öffnen mit einem Stein auf der Gartenmauer. Nussknacker eignen sich nach meiner Erfahrung nämlich nicht dazu. Ein Baum, 300 Gramm netto.

Mandeln schmücken den Osterkuchen wie Bücher ein Zimmer. Mindestens.