Borgo

Der italienische Architekt Stefano Boeri ist weltbekannt durch seine Projekte zur Begrünung von Großstädten oder Megastädten. Boeri arbeitet in Mexiko, China und Ägypten, gefeiert wurde er für die begrünten Hochhäuser seiner Heimatstadt Mailand. Seine Architektur zielt darauf ab, die Kultur- und Geldmetropolen mit reichlich Grün auszustatten, also eine straff domestizierte Natur in den urbanen Raum zu holen. Jetzt aber macht Boeri auf einmal Werbung für den Borgo.

Der Borgo ist das italienische Dorf, gewöhnlich wie ein Nest malerisch auf einem Hügel drapiert. Es gibt abertausende von solchen Dorfhügeln oder Hügeldörfern in Italien, im Norden wie im Süden, auch wenn man sich im Ausland meistens die in der Toskana oder in Umbrien vorstellt. Manche dieser Borghi sind fast schon kleine Städte, andere sind wirklich kleine Käffer, so wie mein umbrischer Borgo, dessen winziges Centro Storico aus einer Piazza, zwei Straßen und einer Aussichtsterrasse über dem Tibertal besteht.

Boeri rechnet vor, dass es 5.800 Orte mit weniger als 5.000 Einwohnern gebe und dass von denen 2.300 so gut wie verlassen seien. Es handelt sich zumeist um abgelegene Orte, abgeschnitten vom öffentlichen Transportwesen und nur über gewundene Landstraßen zu erreichen. Diese Orte, so fordert der weltberühmte Architekt, sollten jetzt von den italienischen Großstädten „adoptiert“, also mit Investitionen zu neuem Leben erweckt werden. Die Corona-Krise habe nämlich gezeigt, dass man in einem Borgo viel besser leben könne als in der Stadt. Wer über eine Zweitwohnung auf dem Land verfüge, der werde sich künftig über längere Zeiträume dorthin verflüchtigen.

Diese Zweitwohnungen darf man sich übrigens nicht in Villengröße vorstellen. Viele Italiener haben sie geerbt, andere günstig gekauft (in meinem Dorf ist man ab 30.000 Euro im Borgo dabei), um während der dreimonatigen Sommerferien der Kinder einen Platz fernab der glühend heißen Stadt zu haben. Die „seconda casa“ ist sehr viel verbreiterer als in Deutschland. Italienische Familien reisen weniger und kehren im Sommer lieber an jenen Ort zurück, aus dem Eltern oder Großeltern einst in die Stadt aufgebrochen sind.

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Boeris Vorstoß wurde von den Dorfverbänden mit gemischten Gefühlen aufgenommen: Warum rücken die Borghi eigentlich nur in Krisenzeiten in den Focus? Im übrigen ist es ein typisches Großstädter-Klischee, dass das Leben mit Miss Corona hier einfacher ist als in der Stadt. Erstens kann ein Dorf, wie der Fall unseres Nachbarortes beweist, im Nullkommanichts zur Falle werden. Da reichen 30 Infizierte – ein Zehntel von ganz Umbrien – um über Wochen als „Rote Zone“ abgeriegelt zu werden, in die niemand hineindarf und aus der keiner herauskommt. Weil das auch für die Ärzte gilt, haben wir in unserem Dorf seit Wochen keinen Hausarzt mehr, denn der befindet sich in der „Zona Rossa.“ Krank werden ist gerade noch schwieriger als sonst.

Zweitens gelten die Beschränkungen für Städter wie Dörfler gleichermaßen. Die Vorschrift, sich nicht weiter als 200 Meter vom eigenen Wohnhaus zu entfernen, ist in einem Borgo natürlich absurd – je weiter man läuft, desto weniger Menschen trifft man ja. Im Moment trifft man jedoch vor allem: die Polizei. Und wenn ab dem 4. Mai endlich wieder Bewegung im gesamten Wohnort erlaubt ist, gleichgültig, ob zum Spazieren gehen oder zum Einkaufen, dann gilt das für den Wohnort Rom ebenso wie für den Wohnort Borgo. Der gesamte Wohnort ist hier halt sehr klein. Viele haben vor der Krise ganz selbstverständlich im nächst gelegenen Supermarkt eingekauft. Aber der liegt nicht nur im Nachbarort, sondern sogar in der Nachbarregion. Zwar nur zehn Kilometer entfernt, aber laut Vorschrift unerreichbar.

Das größte Problem haben die Pendler. Fast alle hier im Dorf müssen weit zur Arbeit fahren, die meisten mit dem Zug nach Rom. Bislang war das die billigste und schnellste Möglichkeit – allein die Autobahnmaut in die 80 Kilometer entfernte Hauptstadt kostet hin und zurück schon neun Euro. Aber ob und wie die chronisch überfüllten Pendlerzüge verkehren, ob demnächst endlich mehr zur Verfügung gestellt werden oder, im Gegenteil, vielleicht noch weniger fahren, das steht zurzeit noch in den Sternen.

Die Gewerbetreibenden im Dorf überleben im Moment, wenn sie einen der vier Lebensmittel-Läden betreiben. Vier alimentari für 1000 Einwohner, das ist viel. Das Geschäft brummt. Aber da wären auch noch zwei Friseure, zwei Restaurants, eine Bar und einige Handwerksbetriebe. Alle geschlossen. Die Dörfler fühlen sich in diesem Moment so abgehängt wie nie. Normalerweise kommen im Frühling die Besitzer der seconde case – und weil da auch richtige Landhäuser dabei sind, die von Leuten nicht nur aus Rom, sondern auch aus den europäischen Hauptstädten bewohnt werden, bringt das Geld ins Dorf und in die gesamte Gegend. Jetzt aber ist alles blockiert. Und wer weiß, wie lange noch.

Italiens Borghi sind Kleinode. Aber sie sind in Gefahr. Nicht erst seit heute, doch heute besonders.

 

 

Benaltrismo

Es gibt im Italienischen eine Wortschöpfung, die im Moment ungefähr so beliebt ist wie das deutsche „systemrelevant“ – und ebenso absurd. Benaltrismo klingt nur viel besser, da liegt Melodie drin, es ist wirklich ein musikalisches Wort. Es bedeutet: Da gibt es aber wirklich andere Probleme. Ben altri problemi!

Traditionell fallen in diese Kategorie der Feminismus, die Rechte von Minderheiten, die Würde von Flüchtlingen und der Umweltschutz. Für Gerhard Schröder, einen der Bannerträger des Benaltrismo, war nur ersteres „Gedöns“, quasi als niedersächsische Variante des B.A.. Aber Schröder verhielt sich zu den Populisten, die heute die transnationale Partei des Benaltrismo bilden, ja auch wie Hannover zu Rio de Janeiro.

Im Windschatten von Miss Corona erobert der B.A. gerade die Welt, auf eine Weise, die man Atem beraubend nennen müsste, wenn das nicht in diesem Zusammenhang nicht  zynisch klingen müsste. Aber die Wahrheit ist: der Benaltrismo hat uns fest im Griff. Er ist plötzlich systemrelevant.

Frauen verschwinden aus der Öffentlichkeit und machen im Home Office mehr Home als Office? Na, da gibt es doch ganz andere Probleme. Die Bürgerrechte werden in vielen Staaten massiv eingeschränkt, bis hin zum Hausarrest und Spaniens und Italiens Kinder dürfen Monate lang nicht vor die Tür? Ben altri problemi. Flüchtlinge müssen auch verstehen, dass wir, genau, jetzt wirklich mal andere Sorgen haben. Und Umweltschützer müssten sowieso zufrieden sein, oder? Kein Flugverkehr, kaum Autoverkehr, Schiffe bleiben auch im Hafen. Die Erde erholt sich von uns, liest man ja überall. Fridays for Future sind nicht nur verboten, sondern überflüssig.

Bis vor drei Monaten war man als umweltbewusster Europäer zum Beispiel davon besessen, Plastikmüll zu vermeiden. Die Zeitungen waren voll mit Geschichten über Modellfamilien, die überhaupt keinen Verpackungsmüll verusachten oder mit Artikeln über Geschäfte, die Nudeln ohne Karton verkauften. Familienintern gab es da sogar mal einen Wettbewerb: wer produziert weniger Plastikabfall in einer Woche?

Dazu hier ein Archivbild:

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Damals konnte man mit dieser Ausbeute keinen Blumentopf gewinnen. Und heute?

Haben wir ganz andere Probleme als Plastikteile in Walmägen oder in den Weltmeeren. Nach Südostasien, wo der meiste Dreck herumschwimmt, können wir doch sowieso nicht fahren! Plastik triumphiert, denn es schützt vor Ansteckung. Vor dem Supermarkt werden Plastikhandschuhe verteilt, ohne kommt man gar nicht mehr hinein. Ebenso vor Buchhandlungen, wobei die Bücher auch in Plastik verschweißt sind. Plexiglas soll uns demnächst in den Restaurants voneinander abtrennen, vielleicht auch im Flugzeug.

Plastikhandschuhe braucht man, um demnächst wieder in öffentliche Verkehrsmittel zu steigen – zusätzlich zu den Masken. Weil Busse, Bahnen und Metros aber sehr viel weniger Passagiere transportieren dürfen, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten, werden die Allermeisten ins Auto steigen. Der Himmel über Mailand, Rom und Neapel, momentan so klar wie zuletzt 1870, wird mit Abgasen geschwängert sein wie noch nie. Zwar haben die Stadtverwaltungen in Mailand und Rom neue Instant-Radwege versprochen, die flüchtig aufgepinselt werden oder mit Absperrband kreiert. Sehr löblich, nur wird das leider den Pendlern wenig helfen. Die Pendler werden aus Angst, sich im Zug anzustecken, mit dem Auto fahren. Sehr viel mehr als sonst werden das tun. Und das Resultat wird verheerend sein, ein richtiger Bumerang-Effekt.

Auch im Konsumverhalten ist Umweltschutz gerade Gedöns. In Italien sind wir polizeilich angewiesen, nur den nächstgelegenen Supermarkt zu besuchen, bzw. nur die Geschäfte im eigenen Dorf. Bioläden? Pustekuchen. Ben altri problemi. In meinem Ort verkaufen die Tante-Emma-Läden ausschließlich Käfigeier. Die sind zwar EU-weit seit zehn Jahren verboten, aber Italien bezahlt eine Strafe und lässt die armen Legehennen lustig weiter im Knast. Kommt billiger.

Da steht man dann im Laden und fühlt sich wahnsinnig Radical Chic, weil man nach Bioeiern gefragt hat. Der Händler verzichtet diese Woche schon auf Maske und Handschuhe, obwohl es im Nachbardorf zwei Covid-19-Tote gibt. Eben dieses Nachbardorf  ist zurzeit das bestgetestete in Italien. 1900 Einwohner, 1900 Tests, 29 Noch-Infizierte, vier im Krankenhaus, der ganze Ort nach wie vor Zona Rossa, also durch Polizeiposten hermetisch abgeriegelt. Kann man angesichts dieser Lage einen Gedanken an Legehennen verschwenden? Eben.

Und so trollt man sich, beladen mit jeder Menge künftigem Verpackungsmüll, nach Hause, immer schön am rechten Straßenrand laufend, weil die vielen Amazon-Transporter wirklich einen heißen Reifen fahren.

Es gibt halt wirklich andere Probleme.

 

 

Triumph der Bürokratie

Ja, es wird langsam langweilig, über den italienischen Lockdown zu lesen. Noch langweiliger ist es, über ihn zu schreiben. Und noch viel langweiliger ist es, in ihm zu leben. Seit zwei Monaten bewegt sich: nichts. Außer einer gewaltigen Menge von Polizisten, die uns dankenswerterweise an jeder Straßenecke kontrollieren geduldig befragen, warum wir unsere Behausung verlassen haben und uns anschließend, je nach Laune, mit erhobener Augenbraue laufen lassen, mit erhobenem Zeigefinger wieder nach Hause schicken oder uns 280 Euro aufwärts für unseren Ungehorsam abknöpfen. Offenbar sind diese Bußgelder derzeit eine wichtige Einnahmequelle für den italienischen Staat.

Vergangenen Freitag durfte ich im 1. Programm des staatlichen Radios sprechen, es ging um die Finanzhilfen der EU. Ich kam dran zwischen EU-Wirtschaftskommissar Gentiloni und dem Lega-Fraktionsführer in der Abgeordnetenkammer, dessen Namen man sich hoffentlich nicht merken muss. Gentiloni war wie immer sehr europäisch und zweckoptimistisch. Nach ihm kamen einige Hörerstimmen, die sehr aufgebracht klangen und sich über Frau Merkel empörten, als sei sie alleinverantwortlich für die Ausbreitung des Corona-Virus, die drohende Pleitewelle und den Stillstand der Serie A. Für die frühe Morgenstunde war erstaunlich viel Testosteron im Spiel. Ich wies darauf hin, dass Deutschland gar nicht allein über das EU-Wiederaufbauprogramm entscheide und Frau Merkel schon mal gar nicht. Man kann das nicht oft und deutlich genug sagen, weil hier sehr viele Medien und Politiker genau das Gegenteil behaupten. Ich erklärte außerdem, das Geld sei da und das Programm beschlossen. Es gehe jetzt darum, wie es ausgegeben und verteilt würde, dazu seien Verhandlungen vorgesehen, alles ziemlich normal. Wenn ich live im italienischen Radio sprechen muss (hermetisch geschlossene Fenster wegen der Esel), neige ich zum merkeln. Das ist eine neue Erkenntnis. Dann sagte ich aber noch, Herr Conte habe gut daran getan,  im deutschen Fernsehen und in einigen großen Zeitungen vorstellig zu werden, denn die letzten starken Bilder, die die deutsche Öffentlichkeit vor Corona aus Italien gesehen habe, beträfen Flüchtlingsschiffe, die Abführung von Carola Rackete und den damaligen Vizepremier Salvini, der mit nacktem Oberkörper aus einem Strandbad gegen die Flüchtlinge und Frau Rackete hetzte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Merkel-Phase schon wieder überwunden. Dann war auch schon der Lega-Mann dran. Ich hörte noch, wie er nach Luft schnappte, bevor sich eine freundliche Redakteurin von mir verabschiedete und ich aus der Leitung flog.

Vergangenen Samstag feierte Italien den Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Nationalsozialismus. Das ist der Tag, den mein Mann seit 28 Jahren mit den Worten einleitet, ganz Italien sei von den Deutschen befreit, außer ihm. Die Sonne schien und an unserem Grundstück spazierten zwei ungefähr Zwölfjährige Jungs vorbei. Exakt 90 Minuten später kam ein Polizeiauto (die Straße ist ein besserer Feldweg). Die Jungen wurden angehalten, es folgte eine Befragung, sie wurden nach Hause geschickt. Ein Bußgeld setzte es nicht. Geht das überhaupt, bei Minderjährigen? Oder müssen für sie die Eltern bezahlen, wenn sie sich weiter als 200 Meter von zu Hause entfernen, in einem Dorf mit 1000 Einwohnern und null positiv Getesteten? In der gesamten Region Umbrien sind heute 371 Menschen positiv, darunter zwei Neuansteckungen vom Tage. Seit Wochen geht hier keiner ohne Maske auf die Straße.

Gestern, Sonntag, sprach Ministerpräsident Conte im Fernsehen. Mit der Miene eines Onkels, der ein großes Geschenk überreicht, versprach er neue Freiheiten ab dem 4. Mai. Es sei dann erlaubt, Sport im Freien zu treiben, auch außerhalb der 200-Meter-Zone. Man dürfe Verwandte besuchen, die in derselben Region wohnten, müsse aber dabei eine Maske tragen (und die Verwandten natürlich auch). Von Freunden war nicht die Rede. Von etwaigen Liebsten auch nicht. In Corona-Zeiten muss man verheiratet sein oder zumindest zusammen leben, sonst darf man nicht zueinander. Trauerfeiern sind erlaubt (max. 15 Personen). Messen nicht. Die Parks werden wieder geöffnet, für Spielplätze gilt ein Numerus Clausus. Die meisten Geschäfte bleiben weiter geschlossen, Friseursalons, Bars und Restaurants sowieso.

Das größte Geschenk aber macht Onkel Conte den Bürokraten, denn man braucht, um in den Genuss all‘ der neuen Freiheiten zu kommen, weiter eine Autocertificazione.

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Also ein Formblatt, das man sich von der Webseite des Innenministeriums herunterlädt und auf dem man neben den eigenen Daten einen triftigen Grund angibt, warum man das Haus verlässt. Das Formblatt wird bei Polizeikontrollen einbehalten, beim nächsten Freigang muss ein neues ausgefüllt werden.

Es ist der Triumph der Bürokratie in einem Land, das eine Pandemie in vorderster Front von der Polizei bekämpfen lässt. Wobei betont werden muss: Die Innenministerin ist dagegen. Sie findet offenbar, zwei Monate Formblatt-Sammeln reichten, ihre Polizisten hätten jetzt Wichtigeres zu tun. Ich frage mich, was eigentlich aus den Millionen von  einegsammelten Formblättern wird. Werden die aufbewahrt? Kommen die in die Papiertonne? Benutzt die Polizei die leere Rückseite für Notizen?

Die Task Force (so heißt hier das Beratergremium) der Regierung macht sich schon Gedanken über die Öffnung der Strände. Man soll sich über eine App anmelden und erklären, wo genau man seinen Sonnenschirm abstellt. Wir sind ein Volk unmündiger Kinder, die zum Abstandhalten mühsam erzogen werden müssen.

Am wasserfesten Formblatt wird deshalb noch gearbeitet.

 

 

 

Unter Dachsen

Ein alter Traum von mir ist es, ein Buch über Dachse zu schreiben. Dachse gehören in die Kategorie der chronisch unterschätzten Tiere. Sie stehen ewig in zweiter Reihe, so wie der Esel hinter dem Pferd und die Ente hinter dem Huhn. Der Fuchs ist sagenhaft schlau, der Dachs ist… ja, was eigentlich? Man weiß so wenig über ihn. Dabei ist er doch ein wirklich markant aussehendes Geschöpf.

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Sodoma verhält sich zu Signorelli ja auch ein wenig wie der Dachs zum Fuchs. Der erste gilt als attraktiver Sonderling, der zweite als einer der ganz großen Stars der Kunstgeschichte. In Monte Oliveto Maggiore sprang Sodoma als Ersatz für Signorelli ein, als dieser einen besseren Job gefunden hatte als die Auspinselei eines Kreuzganges in der toskanischen Provinz. Prompt malte die zweite Wahl Sodoma überall Dachse ins Gewölbe. Der Schwarzweiße auf diesem Fresko trägt ein rotes Halsband, ein Hinweis darauf, dass Dachse in früheren Zeiten gezähmt wurden, etwa um Jagd auf Füchse zu machen. Ganz sicher waren sie kein Schoßhund-Ersatz. Denn Dachse stinken. Wie alle Marder setzten sie ihre Drüsensäfte großzügig zum Markieren und zur Selbstverteidigung ein. Auf diesem Fresko scharen sie sich indes sehr zutraulich um einen jungen Mann, der Sodomas Züge trägt. In seinem Haus in Siena umgab sich der Künstler, der eigentlich Giovanni Antonio Bazzi hieß, außer mit Dachsen auch mit Affen, Papageien und Rabenvögeln. Ihm ist es zu verdanken, dass Meles Meles seinen Auftritt in der Welt der Kunst bekam.

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Wir leben ebenfalls mit Dachsen, allerdings nicht unter einem Dach. Die Tiere stehen auch in Italien unter Schutz und sollen schön draußen bleiben. Wie viele es sind, wissen wir nicht genau, aber fast jeden Abend können wir sie hören, wenn sie im Olivenhain Wurzeln ausgraben oder gleich neben dem Haus laut schmatzend irgendwelche Kleintiere verzehren. Dachse essen besonders gern Regenwürmer, aber auch Käfer und Mäuse (die unsere verwöhnten Katzen liegen lassen). Zur Not geht auch Gemüse. Als die Kinder klein waren, schickte ich sie mit den Obst- und Gemüseabfällen zum Komposthaufen, etwa 100 Meter vom Haus entfernt. Ich sagte nicht: „Wirf das Zeug auf den Kompost“, sondern: „Bringe es bitte dem Dachs.“ Das fanden sie gleich viel interessanter.

Heute morgen habe ich dann gesehen, dass das mit dem Dachs und dem Kompost durchaus keine Erfindung war. Denn direkt neben dem Gemüseabfallhaufen auf der Grenze zwischen Olivenhain und Wald, sah ich das hier:

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Der große Baumeister hat gebuddelt. Und wie! Der Dachs gräbt sich ja nicht einfach ein Loch, sondern konstruiert komplizierte Wohnhöhlen, die aus Dutzenden von „Kammern“ bestehen können. Füchse sind als Untermieter willkommen. In Mecklenburg wurde eine weitläufige Höhle entdeckt, die sagenhafte 10.000 Jahre von Dachsen bewohnt gewesen sein soll. Forscher entnahmen das den Knochen-Funden von Beutetieren, die schon seit Urzeiten ausgestorben sind.

Was das Bauwerk auf unserem Grundstück angeht, könnte es sich um zwei neue Ausgänge jener Dachshöhle handeln, deren „Haupteingang“ ungefähr 150 Meter weiter hangaufwärts liegt. Für einen Dachs keine Entfernun, die buddeln ja locker kilometerlange Tunnel. Der neue Höhleneingang ist malerisch mit Efeu umrahmt. Schöner Wohnen bei Signore Tasso.

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Einmal bin ich sogar fast mit ihm zusammen gestoßen. Es war am Hoftor. Ich kam gerade von einem Spaziergang nach Hause, als der Dachs hektisch schnaubend die Wurzeln unter dem Kirschbaum inspizierte. Als er mich bemerkte, protestierte er. Es hörte sich wirklich an wie beleidigtes Schimpfen! Erst nach einer halben Minute drehte er mir sein breites Hinterteil zu und drehte ab.

Meine Nachbarn, der Dachs, ist ein knorriger Typ.

Einmal Sitzen, 280 Euro

Während die Lega und Forza Italia (letztere in Fraktion der EVP) in Straßburg gegen den Grünen-Antrag für Eurobonds stimmen, geschieht in Rom:

Eine 60Jährige Frau macht sich im Stadtteil Testaccio auf, um ihre Einkäufe zu erledigen. Angetan mit Schutzmaske und Plastikhandschuhen geht sie zu Fuß zur ca. 100 Meter von ihrer Wohnung entfernten, zentralen Piazza, an der sich zahlreiche Lebensmittelgeschäfte befinden. Die Frau bemerkt vor den Geschäften lange Schlangen. Anstatt sich einzureihen, setzt sie sich auf eine Bank. Nur einen Moment die Sonne genießen. Ihre Wohnung hat weder Terrasse, noch Balkon. Spazieren gehen, etwa am nah gelegenen Tiberufer, darf sie nicht. Der Spaziergangsradius für ItalienerInnen liegt sechs Wochen nach dem Lockdown bei 200 Metern. Wer sich weiter von seiner Wohnung entfernt, darf bestraft werden.

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Bleibt die Bank. Denkt die Frau. Bis sich vor ihr ein Carabiniere aufbaut und ihr erklärt, sie verstoße gerade gegen die Vorschriften. Dann geht der Polizist. Die Frau bleibt sitzen. Eine weitere Carabiniera erscheint, fordert sie auf, sofort aufzustehen und die Bank zu verlassen. Was sie da tue, nämlich allein in der Sonne zu sitzen, sei illegal.

Der erste Carabiniere kommt zurück. Händigt der Frau auf der Bank ein Formular aus. Es ist eine Bescheinigung über ein Bußgeld von 280 Euro. Verstoß gegen die Seuchenschutz-Notverordnung.

So etwas geschieht in Italien im Moment allerorten.

Und ich konnte, nachdem ich die Bank-Episode gestern abend auf „La Repubblica“ gelesen habe, die halbe Nacht nicht schlafen.

Bücher schmücken ein Zimmer

Books do Furnish a Room, das ist der Titel von Band 10 in Anthony Powells Romanzyklus „A Dance to the Music of Time.“ Der Autor lässt offen, ob der Mann, dem er diesen denkwürdigen Satz zuschreibt, ihn hervorstößt, während er sich nackt seiner auf dem Sofa hindrapierten Geliebten nähert. Oder während er von einem umstürzenden Bücherregal getroffen wird wie Johannes XXI am 14. Mai 1277. Der portugiesische Papst hat das nicht überlebt, weil mit seinen Büchern tragischerweise der halbe Dachstuhl der Bibliothek herunterkam. Übrigens in Viterbo, wohin sich die Päpste damals aus Angst vor den Römern zurückgezogen hatten. Wenn es soweit ist, fände ich es auch unbedingt schicker, von meinen Büchern getötet zu werden als von der Straßenbahn, wie der unglückliche andere große Portugiese Fernando Pessoa.

Aber zurück zu Powell, den ich an dieser Stelle dringend empfehlen möchte. Man hat erstens eine Weile zu tun mit seinem Romantanz, zweitens amüsiert sich man sich dabei, weil es drittens um die britische Literatur- und Partyszene geht, also angenehmerweise um nichts. Die Bände, die sich vornehmlich um den Weltkrieg drehen, überfliegt man am besten. Da geht es nämlich auch um nichts, außer darum, wie die Londoner Elite den Krieg zum Karrieremachen nutzte. Nach 30, 50 Seiten hat man es kapiert und kann zur Nachkriegszeit übergehen.

Wenn man das tut, rettet man sich also in den sehr unterhaltsamen Band „Bücher schmücken ein Zimmer“ und stößt unter anderem auf so einen Satz: „Ich habe mich vom zeitgenössischen Leben abgewendet.“ Was soll ich sagen – das trifft’s.

Im zeitgenössischen Leben ziehen Deutsche vor Gericht, um ihren Osterspaziergang an der Ostsee durchzudrücken – und kriegen Recht. Der eigene Vater (78, mehrere Vorerkrankungen) ruft an, beklagt sich, dass er hinter seiner von der Schwiegertochter genähten Schutzmaske „kaum Luft“ kriegt und sie deshalb nicht aufzieht, „denn hier haben wir eigentlich alles im Griff“, bis auf die 30.000 in den Krankenhäusern, mehr als in Italien. Im zeitgenössischen Leben wird der Lockdown für uns ItalienerInnen bis zum 4. Mai verlängert, die Leute dürfen an Ostern ihre Wohnungen nur verlassen, wenn sie zum Notarzt müssen. Die Carabinieri fahren vorsorglich schonmal Streife, sogar durch die Olivenhaine. Täglich kommen neue, entsetzliche Details ans Tageslicht darüber, wie im Norden des Landes kranke, alte Menschen einfach sich selbst überlassen wurden und zu Hause sterben mussten. Im zeitgenössischen Leben zeichnet sich außerdem eine drohende Staatspleite ab, während die Pfennigwuchser der sich gerade auflösenden EU noch um die Hilfen für die Südländer feilschen. Die Brüsseler Abteilung für Demokratie und Grundrechte ist derweil wegen Corona geschlossen, was man an den Beispielen Ungarn und Polen sieht, die sich gerade ungestraft von der einen wie den anderen verabschieden dürfen. Die Bundesliga will wieder spielen. Fußball! Ohne mich.

Ich wende mich vom zeitgenössischen Leben ab. Aber mit dem größten Vergnügen.

 

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Meine Zeitgenossenschaft beschränkt sich gerade darauf, das letzte Grünzeug aus dem Gemüsegarten zu klauben (je, genau, richtig gesehen: Cime di rapa und Zwiebelchen) und neues zu pflanzen. Im Dorf hat jetzt ein Landhandel aufgemacht. Das Geschäft der Stunde! Es ist der langsamste Landhandel Italiens, unter 40 Minuten kommt man da nie raus, aber egal. Hauptsache, Salat, Tomaten, Auberginen, Paprika, Zucchini. Blumen gibt’s nicht, weil nicht systemrelevant.

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Und dann wären da noch die Mandeln vom letzten Herbst. Zu öffnen mit einem Stein auf der Gartenmauer. Nussknacker eignen sich nach meiner Erfahrung nämlich nicht dazu. Ein Baum, 300 Gramm netto.

Mandeln schmücken den Osterkuchen wie Bücher ein Zimmer. Mindestens.

Die Liebe in Zeiten von Corona

Es sind schlechte Zeiten für die Wirtschaft, aber darüber sollen sich andere verbreiten. Tun sie ja auch zu Genüge (wobei die meisten davon ausgehen, dass wir KonsumentInnen nachher willig konsumieren wie vorher. Ich bin mir da nicht so sicher, weil ich gerade vor allem lerne, was ich alles NICHT brauche.)

Es sind schlechte Zeiten für die Liebe. Für jene, die jetzt einen geliebten Menschen verlieren, ohne sich von ihm verabschieden zu können. Das ist das Schlimmste. Aber dann gibt es auch die vielen Liebenden, die sich nicht sehen können. Junge Leute mt ihren Fernbeziehungen, oft in zwei verschiedenen Ländern. Die Generation Erasmus, Heerscharen von Europäern, die bis gestern noch der Arbeit oder der Liebe wegen ins Flugzeug stiegen wie weiland ihre Großeltern in die Straßenbahn. Für sie ist die Liebe jetzt wie eingefroren auf dem kalt leuchtenden Rechteck des Smartphones oder des Computers. Enttäuschend wie diese verheißungsvoll glitzernden Schmetterlinge auf einer Mauer in Rom: Pures Plastik.

 

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Und dann gibt es tatsächlich zwei, die sich finden. Auf Distanz, von Balkon zu Balkon, in Verona.

Verona. Balkon. Da war doch mal was.

„But soft! What light through yonder window breaks? It ist the east and Juliet is the sun! Arise, fair sun, and kill the envious moon, who is already sick and pale with grief.“

Hier spricht ein gewisser Romeo Montague, der widerrechtlich im Garten der Familie Capulet herumlungert, um einen Blick, ein Wort und einen Kuss seiner angebeteten Julia zu erhaschen.

„With love’s light wings did I o’er perch this walls; for stony limits cannot hold love out.“

Michele D’Alpaos formuliert das etwas schlichter. Er hat auf seiner Terrasse ein Bettlaken mit dem aufgepinselten Namen „Paola“ montiert. Paola ist seine Nachbarin. Sie wohnt im sechsten Stock der Via Cimarosa 8 in Verona und Michele wohnt im siebten Stock in der Via Cimarosa 9. Michele ist 38 Jahre alt, Bankangestellter. Paola ist 39 Jahre alt und Rechtsanwältin. Jahrzehntelang sind sie einander nicht aufgefallen. Aber dann kommt der 17. März, die Ausgangssperre, ein Balkonkonzert. Paolas Schwester spielt auf ihrer Geige „We are the Champions“ von Queen. Michele hört zu. Und sieht Paola, neben ihrer Schwester. Er macht sie auf Instagram ausfindig – und so fängt es an: „Wir telefonieren zehn Mal am Tag und schauen uns über Stunden einfach nur an, von Balkon zu Balkon.“ Mehr sei noch nicht gewesen, schwören beide. Die Kontaktsperre!

„Nie hätte ich gedacht, in solch einer Situation so starke Gefühle empfinden zu können“, sagt sie. Dabei ist verbotene Liebe doch ein Klassiker. Nachschlagen bei Shakespeare: Nachts schläft in Verona auch die Polizei.

 

 

 

Die Eingeschlossenen

Vor einer Woche gab es im fünf Kilometer entfernten Nachbardorf zwei Infizierte. Inzwischen sind es 19. Das Dorf mit seinen knapp 2000 Einwohnern ist auf einmal einer der umbrischen Covid-19-Brennpunkte. Und ein Politikum.

Einige Ansteckungen erfolgten in der Coop, einem kleinen Laden mit engen Gängen. Das Geschäft musste für ein paar Tage geschlossen werden, zur porentiefen Großreinigung. Die Leute aus dem Dorf fuhren mangels Alternativen in den nächsten Ort, um einzukaufen. Da war dann aber die Hölle los. Man ließ die Kaufwilligen aus dem Corona-Dorf nicht in den Supermarkt. Das Personal dort verweigerte den Zutritt, im Verein mit der einheimischen Kundschaft. Der Bürgermeister aus dem Ort mit den Infizierten, ein Mann der sozialdemokratischen PD, protestierte. Der Bürgermeister aus dem Dorf mit dem offenen Supermarkt, ein Mann der Lega, blaffte zurück, er müsse jetzt seine eigenen Leute schützen, deshalb sollten die Nachbarn aus dem Pest-Nest gefälligst zu Hause bleiben. Man könne ihnen Lebensmittel bringen, das sei Solidarität genug.

Das passiert also, wenn so eine Dorf-Festung befallen ist. Ich ertappe mich dabei, Erleichterung darüber zu empfinden, dass es nicht mein Dorf ist. Natürlich ein gottserbärmlich dummer Gedanke. Schon morgen kann hier der oder die erste Positive ausgemacht werden – ach was, in der nächsten Stunde. Vielleicht bin ich es selbst. Und dann? Dann wird man, das zeigt das Beispiel des Nachbardorfs, in seinem Haus eingeschlossen, mitsamt der Familie oder den engsten Sozialkontakten. Aktuell sind das im Covid-Nest 38 Menschen. Von den 19 Infizierten sind drei im Krankenhaus, die anderen haben leichte oder gar keine Symptome.

Hier liegt das Dorf, in Nebelwatte verpackt:

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Seit Tagen bittet der Bürgermeister die Gesundheitsbehörde um mehr Tests. Die Behörde verweigert das aber. Noch nicht einmal alle 38 Eingeschlossenen wurden getestet. Erst bei eindeutigen Symptomen wird das fällig. Ansonsten gilt: Bleibt zu Hause und rührt euch nicht. Bleibt dem Staat vom Leib mit eurem Corona. Denn das Gesundheitssystem ist nicht einfach nur überlastet. Es geht überhaupt nichts mehr. Rien ne va plus.

Erst in diesen Tagen hat das Innenministerium bekräftigt, dass auch Kindern keine Bewegung an freier Luft zugestanden wird. Seit vier Wochen sind die Schulen geschlossen, seit zwei Wochen die Fabriken. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, wann es wieder anders werden könnte, stattdessen täglich neue, niederschmetternde Zahlen. Um die 3000 Neuansteckungen, um die 700 Tote. Täglich. Während es in Deutschland ein Thema ist, wie Schüler aus Neuseeland zurückgeholt und Reisebuchungen für den Sommer erstattet werden, überlegt die Regierung hier, wie man noch mehr Polizisten auf die Straße bringt, um zu kontrollieren, dass sich die Menschen nicht mehr als 200 Schritte von ihren Wohnungen entfernen. Gestern, am Samstag vor Palmsonntag wurden 9.300 Geldbußen wegen Verstößen gegen die Ausgangssperre verhängt. An Ostern sollen sämtliche Autobahnausfahren gecheckt werden. Das zeigt, wie groß die Verzweiflung der Regierung ist. Aber auch ihr Unvermögen. Keine Tests, keine Masken, keine Erleichterungen. Nur Verbote und Lebensmittelgutscheine, für die Armen.

Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, zappe ich manchmal durch die deutschen Fernseh-Talk-Shows. Sehe SchauspielerInnen, die aus ihren Wohnzimmern zugeschaltet sind oder mit Sicherheitsabstand in Studios sitzen, vor sich Obst und Getränke. Die ihre neuen Bücher oder Filme anpreisen und sich darüber verbreiten, was sie kochen, wer bei ihnen zu Hause putzt oder wie anstrengend es ist, mit ihren Kindern Schulaufgaben zu machen. Es werden Psychologinnen eingeladen, die Tipps zur Bewältigung von Ehekrisen geben. Offenbar ist es für deutsche Ehepaare ein Problem, viel Zeit miteinander zu verbringen. Wenn man deutsche Talkshows sieht, hat man das Gefühl, das Land mache gerade ein paar Wochen Zwangsferien, mit Rücksicht auf die ältere Generation. Die Jüngeren leiden ein bisschen darunter, dass sie gerade nicht an den Gardasee fahren können.

Okay, Talkshows bilden natürlich nicht die Realität ab. Aber vielleicht spiegeln sie ja doch ein wenig die Stimmung wider. Wenn ich lese, dass die bayerische Bergwacht die Münchner angefleht hat, auf ihre Wochenendausflüge zu verzichten, dann weiß ich jedenfalls, dass Italien in diesem Moment von Deutschland sehr viel weiter entfernt ist als das Fernseh-Gequatsche von der Wirklichkeit.Unsere ist: Wir dürfen noch nicht mal ins Nachbardorf fahren.

Wollen wir aber auch gar nicht.

 

 

 

 

Esel in Quarantäne

Unser Esel Nando ist am 11.11.11 geboren. Ein echter Karnevalsprinz also. Aber Nando weiß natürlich nichts von Karneval. Er kennt keine fünf Jahreszeiten, sondern nur trocken und nass, warm und kalt, Heu und Karotte. Nando ist ein ziemlich schüchterner, mittelmäßig störrischer Esel. Dass wir ihn nach Nando Mericoni benannt haben, den Protagonisten des Kult-Films „Un Americano a Roma“, ist ein Witz. Unser Nando ist keine Knalltüte wie Mericoni, sondern für einen Eselhengst unglaublich sanft. Ich sage jetzt nicht: verträumt, weil das eine Unterstellung wäre.

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In der Fünfer-Herde geht Nando immer ein bisschen unter, weil er sich nicht so nach vorn drängelt wie seine Verwandtschaft. Dafür ist er nachts am lautesten. Jedesmal, wenn ein Wildschwein oder ein Stachelschwein in seine Nähe kommt, schreckt Nando aus seinem Schlaf auf und fängt empört an, zu trompeten. Daher weiß ich, dass das Nachtleben rund um die Eselwiesen aufregender ist als in den Movida-Vierteln von Rom. Anstatt Eselmilch zu produzieren, wie ahnungslose Städter-Freunde mir seit Jahren nahelegen, sollte ich endlich den Jagdschein machen und mich nachts mit einem Gewehr bei Nando verschanzen. Nein, ich habe kein Mitleid mit Wildschweinen. Stachelschweine würde ich natürlich laufen lassen. Die stehen unter Schutz, auch wenn sie als „umbrischer Kaviar“ gelten.

Zurück zu Nando. Und Auftritt Dottore Carlo. Das ist unser Tierarzt, vielmehr: Der Eselarzt. Das Kleinvieh hat einen anderen Doktor. Carlo, der Vet also, drahtig, alterslos, zu jeder Jahreszeit im T-Shirt, absolviert mit seiner mobilen Praxis täglich zwischen 300 und 400 Kilometern, hügelauf und hügelab. Er kommt immer, wenn man ihn ruft. Egal, ob Wochenende ist oder Weihnachten, Tag oder Nacht. Vor allem kommt er nach dem ersten Einsatz ungefragt nochmal wieder, um zu kontrollieren, ob es den Viechern besser geht. Der Mann ist der Beweis dafür, dass im Umgang mit Tieren vor allem Charisma zählt. Er tritt auf, und die Belegschaft wird ruhig. Keiner trompetet, keiner rennt weg, keiner wird ruppig. Wenn Carlo mein Hausarzt wäre, dann hätte ich ein sorgenfreies Leben. Aber als Eselarzt ist er natürlich auch schon mal sehr beruhigend.

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Nando, der Sanfte, hat entzündete Augen. Zum Glück nichts Schlimmes, sondern nur eine lokale Entzündung durch Spelzen im Heu. Also zehn Tage Antibiotikum und Augensalbe. Bei Nichtbehandlung kann so eine Spelze übrigens wirklich gefährlich werden, es droht sogar die Erblindung. Heute morgen sah es schon besser aus.

Forza, Nando!

 

Von Grafen und Gefangenen

Die Zeit der Quarantäne – soeben ist sie auf die Woche nach Ostern verlängert worden – führt dazu, dass man seine Familienangehörigen und FreundInnen entweder dauernd sieht, weil man mit ihnen eingeschlossen ist. Oder halt überhaupt nicht. In meinem Fall ist die Isolierung von meinem gesamten Umfeld seit dem 9. März total. Aber auf dem Land genießt man immerhin das ungeheure Privileg, an der frischen Luft sein zu dürfen. Man kann spazieren gehen! Gerade hat das Innenministerium zwar Eltern mit Kindern erlaubt, einen kleinen Gang zu machen – jedoch nur in unmittelbarer Nähe der Wohnung. Radius 200 Meter. Den Regionen Lombardei und Kampanien ist selbst das zuviel. Sie halten die Freigabe des Mini-Spaziergangs für das falsche Signal. Italien ist noch nicht über den Berg. Noch lange nicht. Ein Land gefangen in den Klauen der Lungenpest, das den Gefangenenchor, diese heimliche Nationalhymne, in den Wohnzimmern singt.

Ich bin noch nie soviel gelaufen wie in diesen Wochen. Täglich acht bis zehn Kilometer, allein, durch die Felder. Ich laufe dem Virus, vor allem aber der eigenen Einsamkeit davon. Den Schreckensnachrichten, den Schreckensbildern. 12.500 Tote, als wären wir in einem Krieg. Nur weg davon, laufen und laufen, damit man nachts überhaupt schlafen kann. Manchmal treffe ich draußen auf meine Nachbarn aus dem übernächsten Haus, einen erlaubten Stadtspaziergang von 200 Metern entfernt. 20 Jahre lang sind unsere Beziehungen nicht über einen freundlichen Gruß hinausgegangen. Jetzt bilden wir eine Notgemeinschaft in gemeinsamen Wanderungen mit Sicherheitsabstand.

Meine Nachbarin A. kennt sich aus mit Zwangsisolierung. Sie ist eine beeindruckend toughe Mittsechzigerin, vor ihrer Pensionierung leitete sie eines der beiden römischen Gefängnisse. Ihr Mann, ein überaus freundlicher und leiser Signore, war im Gefängnis von A. der Arzt. Die beiden sind die perfekte Gesellschaft in diesen Zeiten, abgeklärte, lebenserfahrene Menschen, die wissen, was es wirklich bedeutet, eingesperrt zu sein. Und mich daran erinnern, dass unsere Sozialsperre dagegen ein Spaziergang ist.

Vor Wochen gab es in Italiens Gefängnissen Revolten und Ausbruchsversuche gegen eine Verordnung, die im Zuge des allgemeinen Lockdown für die Dauer-Eingeschlossenen auch noch Hafturlaub und Besuche strich. 12 Menschen starben. Eine Ungeheuerlichkeit, die im allgemeinen Corona-Schrecken unterging.

Italiens Haftanstalten sind dauerüberfüllt, quasi im Jahrestakt hagelt es deshalb Ermahnungen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ich habe aber auch Modell-Gefängnisse erlebt, vielleicht nicht von ungefähr handelte es sich um die beiden letzten Haftanstalten auf Inseln. Die eine ist Nisida, ein winziges Eiland, das durch eine Brücke mit Neapel verbunden ist. Auf Nisida befindet sich das Jugendgefängnis. Die Insassen sind Jugendliche, die dort zum ersten Mal Mannschaftssport treiben können (Straßenfußball gibt es in Neapel schon seit vielen Jahren so gut wie gar nicht mehr), die sich handwerklich betätigen, die zur Schule gehen. Das alles in einer Festungsanlage aus bourbonischer Zeit, mit Blick auf Golf und Vesuv.

Die andere Gefängnisinsel heißt Gorgona und gehört zu Livorno. Dorthin führt keine Brücke, man muss einen Antrag stellen und mit einem Polizeiboot fahren, 34 Kilometer über das Tyrrhenische Meer.

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In der griechischen Mythologie waren die Gorgonen wilde Monster, das berühmteste unter ihnen war die Medusa, deren Schreckensblick Menschen versteinern ließ. Und aus Stein, genauer aus kargem, grauen Fels ist auch die Insel Gorgona. Zwei Quadratmeter groß, nur sieben Dauerbewohner plus rund 70 Gefangene und ihre Bewachung. Die Nachbarinsel ist Montecristo, wo Alexandre Dumas seinen Roman „Der Graf von Monte Christo“ spielen ließ, übrigens ein fantastischer Schmöker für diese langen Wochen, richtig mitreißende, saftige Unterhaltungsliteratur.

Nach Gorgona brachte mich vor Jahren der Marchese Frescobaldi, ein berühmter und sehr reicher Weinbauer aus Florenz. Frescobaldi lässt seit 2011 Wein auf der Insel anbauen, die Strafgefangenen pflegen und ernten die Trauben. Der Vino schmeckt nicht schlecht, ist aber mit rund 80 Euro pro Flasche unfassbar überteuert, wofür Frescobaldi natürlich die Ausrede parat hat, die Anbaubedingungen seien derart schwierig, dass er dabei noch draufzahle. In Wirklichkeit lässt er sich die Exklusivität des Gefängnisweins teuer bezahlen. Gorgona-Wein gibt es halt nur einmal auf der Welt. Der Marchese propagiert ihn mit dem berückend geschmacklosen Slogan „Ein Wein mit dem Geschmack nach Freiheit.“

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Einer der Arbeiter im Weinberg dieses Florentiner Edlen war Benedetto Ceraulo. Ein drahtiger Mann mit einem fein geschnittenen Gesicht und einer ruhigen, überlegten Art. Beruf? „Sagen wir: Maurer.“ Aber als Maurer wurde Ceraulo nicht bekannt, sondern als Killer des Modeunternehmers Maurizio Gucci. Im März 1995 tötete er Gucci vor dessen Mailänder Wohnung mit drei Schüssen in den Nacken und einem ins Gesicht. Auftraggeberin für den Mord war Guccis Ex-Frau, die dem Killer angeblich 500 Millionen Lire gezahlt hatte, umgerechnet etwa eine Viertelmillion Euro. Ceraulo kam nach Gorgona und wurde Kellermeister des Edelwinzers Frescobaldi. Für ihn sei das, so sagte der Gucci-Mörder, wie ein Sechser in der Lebenslotterie. Bezahlt wurde er nach Gefangenen-Tarif, knapp fünf Euro die Stunde.

Die Häftlinge von Gorgona sind privilegiert, weil sie einen Großteil des Tages außerhalb ihrer Zellen verbringen können. Alle arbeiten. Sechs Stunden täglich, von sieben bis 13 Uhr, sind sie mit ihrer Selbstversorgung beschäftigt. Sie melken Kühe, Ziegen und Schafe, sie schlachten ab und zu ein Schwein für Schnitzel, Braten und Wurst. Sie versorgen den großen Gemüsegarten hoch über dem Meer, den Salat, die Paprika, Kohlköpfe, Tomaten, Kartoffeln, Auberginen und Artischocken. Sie backen Brot aus dem Hartweizenmehl, das vom Festland gebracht wird. Sie produzieren ihr eigenes Olivenöl und Käse auch für andere Haftanstalten.

Wenn sie von ihrer Zeit in einem normalen Gefängnis erzählten, waren das Berichte aus der Hölle. Schaudernd erinnerten sich die Inselgefangenen an die Untätigkeit in überfüllten Zellen auf dem Festland. Dass es an allem mangelte, an warmem Wasser, an Bettdecken. Am allermeisten aber, das sagten sie alle, habe ihnen gefehlt: der Blick nach draußen. Dieses ewige Starren auf eine Mauer. Oder durch ein vergittertes Fenster aus Plexiglas auf eine andere Mauer. Die Überfahrt nach Gorgona sei ein Schock gewesen. Nur Meer, nur Weite, endlos. Auf der Insel, sagten die Gefangenen, hätten sie wieder sehen gelernt.

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