Die Eingeschlossenen

Vor einer Woche gab es im fünf Kilometer entfernten Nachbardorf zwei Infizierte. Inzwischen sind es 19. Das Dorf mit seinen knapp 2000 Einwohnern ist auf einmal einer der umbrischen Covid-19-Brennpunkte. Und ein Politikum.

Einige Ansteckungen erfolgten in der Coop, einem kleinen Laden mit engen Gängen. Das Geschäft musste für ein paar Tage geschlossen werden, zur porentiefen Großreinigung. Die Leute aus dem Dorf fuhren mangels Alternativen in den nächsten Ort, um einzukaufen. Da war dann aber die Hölle los. Man ließ die Kaufwilligen aus dem Corona-Dorf nicht in den Supermarkt. Das Personal dort verweigerte den Zutritt, im Verein mit der einheimischen Kundschaft. Der Bürgermeister aus dem Ort mit den Infizierten, ein Mann der sozialdemokratischen PD, protestierte. Der Bürgermeister aus dem Dorf mit dem offenen Supermarkt, ein Mann der Lega, blaffte zurück, er müsse jetzt seine eigenen Leute schützen, deshalb sollten die Nachbarn aus dem Pest-Nest gefälligst zu Hause bleiben. Man könne ihnen Lebensmittel bringen, das sei Solidarität genug.

Das passiert also, wenn so eine Dorf-Festung befallen ist. Ich ertappe mich dabei, Erleichterung darüber zu empfinden, dass es nicht mein Dorf ist. Natürlich ein gottserbärmlich dummer Gedanke. Schon morgen kann hier der oder die erste Positive ausgemacht werden – ach was, in der nächsten Stunde. Vielleicht bin ich es selbst. Und dann? Dann wird man, das zeigt das Beispiel des Nachbardorfs, in seinem Haus eingeschlossen, mitsamt der Familie oder den engsten Sozialkontakten. Aktuell sind das im Covid-Nest 38 Menschen. Von den 19 Infizierten sind drei im Krankenhaus, die anderen haben leichte oder gar keine Symptome.

Hier liegt das Dorf, in Nebelwatte verpackt:

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Seit Tagen bittet der Bürgermeister die Gesundheitsbehörde um mehr Tests. Die Behörde verweigert das aber. Noch nicht einmal alle 38 Eingeschlossenen wurden getestet. Erst bei eindeutigen Symptomen wird das fällig. Ansonsten gilt: Bleibt zu Hause und rührt euch nicht. Bleibt dem Staat vom Leib mit eurem Corona. Denn das Gesundheitssystem ist nicht einfach nur überlastet. Es geht überhaupt nichts mehr. Rien ne va plus.

Erst in diesen Tagen hat das Innenministerium bekräftigt, dass auch Kindern keine Bewegung an freier Luft zugestanden wird. Seit vier Wochen sind die Schulen geschlossen, seit zwei Wochen die Fabriken. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, wann es wieder anders werden könnte, stattdessen täglich neue, niederschmetternde Zahlen. Um die 3000 Neuansteckungen, um die 700 Tote. Täglich. Während es in Deutschland ein Thema ist, wie Schüler aus Neuseeland zurückgeholt und Reisebuchungen für den Sommer erstattet werden, überlegt die Regierung hier, wie man noch mehr Polizisten auf die Straße bringt, um zu kontrollieren, dass sich die Menschen nicht mehr als 200 Schritte von ihren Wohnungen entfernen. Gestern, am Samstag vor Palmsonntag wurden 9.300 Geldbußen wegen Verstößen gegen die Ausgangssperre verhängt. An Ostern sollen sämtliche Autobahnausfahren gecheckt werden. Das zeigt, wie groß die Verzweiflung der Regierung ist. Aber auch ihr Unvermögen. Keine Tests, keine Masken, keine Erleichterungen. Nur Verbote und Lebensmittelgutscheine, für die Armen.

Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, zappe ich manchmal durch die deutschen Fernseh-Talk-Shows. Sehe SchauspielerInnen, die aus ihren Wohnzimmern zugeschaltet sind oder mit Sicherheitsabstand in Studios sitzen, vor sich Obst und Getränke. Die ihre neuen Bücher oder Filme anpreisen und sich darüber verbreiten, was sie kochen, wer bei ihnen zu Hause putzt oder wie anstrengend es ist, mit ihren Kindern Schulaufgaben zu machen. Es werden Psychologinnen eingeladen, die Tipps zur Bewältigung von Ehekrisen geben. Offenbar ist es für deutsche Ehepaare ein Problem, viel Zeit miteinander zu verbringen. Wenn man deutsche Talkshows sieht, hat man das Gefühl, das Land mache gerade ein paar Wochen Zwangsferien, mit Rücksicht auf die ältere Generation. Die Jüngeren leiden ein bisschen darunter, dass sie gerade nicht an den Gardasee fahren können.

Okay, Talkshows bilden natürlich nicht die Realität ab. Aber vielleicht spiegeln sie ja doch ein wenig die Stimmung wider. Wenn ich lese, dass die bayerische Bergwacht die Münchner angefleht hat, auf ihre Wochenendausflüge zu verzichten, dann weiß ich jedenfalls, dass Italien in diesem Moment von Deutschland sehr viel weiter entfernt ist als das Fernseh-Gequatsche von der Wirklichkeit.Unsere ist: Wir dürfen noch nicht mal ins Nachbardorf fahren.

Wollen wir aber auch gar nicht.

 

 

 

 

Esel in Quarantäne

Unser Esel Nando ist am 11.11.11 geboren. Ein echter Karnevalsprinz also. Aber Nando weiß natürlich nichts von Karneval. Er kennt keine fünf Jahreszeiten, sondern nur trocken und nass, warm und kalt, Heu und Karotte. Nando ist ein ziemlich schüchterner, mittelmäßig störrischer Esel. Dass wir ihn nach Nando Mericoni benannt haben, den Protagonisten des Kult-Films „Un Americano a Roma“, ist ein Witz. Unser Nando ist keine Knalltüte wie Mericoni, sondern für einen Eselhengst unglaublich sanft. Ich sage jetzt nicht: verträumt, weil das eine Unterstellung wäre.

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In der Fünfer-Herde geht Nando immer ein bisschen unter, weil er sich nicht so nach vorn drängelt wie seine Verwandtschaft. Dafür ist er nachts am lautesten. Jedesmal, wenn ein Wildschwein oder ein Stachelschwein in seine Nähe kommt, schreckt Nando aus seinem Schlaf auf und fängt empört an, zu trompeten. Daher weiß ich, dass das Nachtleben rund um die Eselwiesen aufregender ist als in den Movida-Vierteln von Rom. Anstatt Eselmilch zu produzieren, wie ahnungslose Städter-Freunde mir seit Jahren nahelegen, sollte ich endlich den Jagdschein machen und mich nachts mit einem Gewehr bei Nando verschanzen. Nein, ich habe kein Mitleid mit Wildschweinen. Stachelschweine würde ich natürlich laufen lassen. Die stehen unter Schutz, auch wenn sie als „umbrischer Kaviar“ gelten.

Zurück zu Nando. Und Auftritt Dottore Carlo. Das ist unser Tierarzt, vielmehr: Der Eselarzt. Das Kleinvieh hat einen anderen Doktor. Carlo, der Vet also, drahtig, alterslos, zu jeder Jahreszeit im T-Shirt, absolviert mit seiner mobilen Praxis täglich zwischen 300 und 400 Kilometern, hügelauf und hügelab. Er kommt immer, wenn man ihn ruft. Egal, ob Wochenende ist oder Weihnachten, Tag oder Nacht. Vor allem kommt er nach dem ersten Einsatz ungefragt nochmal wieder, um zu kontrollieren, ob es den Viechern besser geht. Der Mann ist der Beweis dafür, dass im Umgang mit Tieren vor allem Charisma zählt. Er tritt auf, und die Belegschaft wird ruhig. Keiner trompetet, keiner rennt weg, keiner wird ruppig. Wenn Carlo mein Hausarzt wäre, dann hätte ich ein sorgenfreies Leben. Aber als Eselarzt ist er natürlich auch schon mal sehr beruhigend.

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Nando, der Sanfte, hat entzündete Augen. Zum Glück nichts Schlimmes, sondern nur eine lokale Entzündung durch Spelzen im Heu. Also zehn Tage Antibiotikum und Augensalbe. Bei Nichtbehandlung kann so eine Spelze übrigens wirklich gefährlich werden, es droht sogar die Erblindung. Heute morgen sah es schon besser aus.

Forza, Nando!

 

Von Grafen und Gefangenen

Die Zeit der Quarantäne – soeben ist sie auf die Woche nach Ostern verlängert worden – führt dazu, dass man seine Familienangehörigen und FreundInnen entweder dauernd sieht, weil man mit ihnen eingeschlossen ist. Oder halt überhaupt nicht. In meinem Fall ist die Isolierung von meinem gesamten Umfeld seit dem 9. März total. Aber auf dem Land genießt man immerhin das ungeheure Privileg, an der frischen Luft sein zu dürfen. Man kann spazieren gehen! Gerade hat das Innenministerium zwar Eltern mit Kindern erlaubt, einen kleinen Gang zu machen – jedoch nur in unmittelbarer Nähe der Wohnung. Radius 200 Meter. Den Regionen Lombardei und Kampanien ist selbst das zuviel. Sie halten die Freigabe des Mini-Spaziergangs für das falsche Signal. Italien ist noch nicht über den Berg. Noch lange nicht. Ein Land gefangen in den Klauen der Lungenpest, das den Gefangenenchor, diese heimliche Nationalhymne, in den Wohnzimmern singt.

Ich bin noch nie soviel gelaufen wie in diesen Wochen. Täglich acht bis zehn Kilometer, allein, durch die Felder. Ich laufe dem Virus, vor allem aber der eigenen Einsamkeit davon. Den Schreckensnachrichten, den Schreckensbildern. 12.500 Tote, als wären wir in einem Krieg. Nur weg davon, laufen und laufen, damit man nachts überhaupt schlafen kann. Manchmal treffe ich draußen auf meine Nachbarn aus dem übernächsten Haus, einen erlaubten Stadtspaziergang von 200 Metern entfernt. 20 Jahre lang sind unsere Beziehungen nicht über einen freundlichen Gruß hinausgegangen. Jetzt bilden wir eine Notgemeinschaft in gemeinsamen Wanderungen mit Sicherheitsabstand.

Meine Nachbarin A. kennt sich aus mit Zwangsisolierung. Sie ist eine beeindruckend toughe Mittsechzigerin, vor ihrer Pensionierung leitete sie eines der beiden römischen Gefängnisse. Ihr Mann, ein überaus freundlicher und leiser Signore, war im Gefängnis von A. der Arzt. Die beiden sind die perfekte Gesellschaft in diesen Zeiten, abgeklärte, lebenserfahrene Menschen, die wissen, was es wirklich bedeutet, eingesperrt zu sein. Und mich daran erinnern, dass unsere Sozialsperre dagegen ein Spaziergang ist.

Vor Wochen gab es in Italiens Gefängnissen Revolten und Ausbruchsversuche gegen eine Verordnung, die im Zuge des allgemeinen Lockdown für die Dauer-Eingeschlossenen auch noch Hafturlaub und Besuche strich. 12 Menschen starben. Eine Ungeheuerlichkeit, die im allgemeinen Corona-Schrecken unterging.

Italiens Haftanstalten sind dauerüberfüllt, quasi im Jahrestakt hagelt es deshalb Ermahnungen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ich habe aber auch Modell-Gefängnisse erlebt, vielleicht nicht von ungefähr handelte es sich um die beiden letzten Haftanstalten auf Inseln. Die eine ist Nisida, ein winziges Eiland, das durch eine Brücke mit Neapel verbunden ist. Auf Nisida befindet sich das Jugendgefängnis. Die Insassen sind Jugendliche, die dort zum ersten Mal Mannschaftssport treiben können (Straßenfußball gibt es in Neapel schon seit vielen Jahren so gut wie gar nicht mehr), die sich handwerklich betätigen, die zur Schule gehen. Das alles in einer Festungsanlage aus bourbonischer Zeit, mit Blick auf Golf und Vesuv.

Die andere Gefängnisinsel heißt Gorgona und gehört zu Livorno. Dorthin führt keine Brücke, man muss einen Antrag stellen und mit einem Polizeiboot fahren, 34 Kilometer über das Tyrrhenische Meer.

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In der griechischen Mythologie waren die Gorgonen wilde Monster, das berühmteste unter ihnen war die Medusa, deren Schreckensblick Menschen versteinern ließ. Und aus Stein, genauer aus kargem, grauen Fels ist auch die Insel Gorgona. Zwei Quadratmeter groß, nur sieben Dauerbewohner plus rund 70 Gefangene und ihre Bewachung. Die Nachbarinsel ist Montecristo, wo Alexandre Dumas seinen Roman „Der Graf von Monte Christo“ spielen ließ, übrigens ein fantastischer Schmöker für diese langen Wochen, richtig mitreißende, saftige Unterhaltungsliteratur.

Nach Gorgona brachte mich vor Jahren der Marchese Frescobaldi, ein berühmter und sehr reicher Weinbauer aus Florenz. Frescobaldi lässt seit 2011 Wein auf der Insel anbauen, die Strafgefangenen pflegen und ernten die Trauben. Der Vino schmeckt nicht schlecht, ist aber mit rund 80 Euro pro Flasche unfassbar überteuert, wofür Frescobaldi natürlich die Ausrede parat hat, die Anbaubedingungen seien derart schwierig, dass er dabei noch draufzahle. In Wirklichkeit lässt er sich die Exklusivität des Gefängnisweins teuer bezahlen. Gorgona-Wein gibt es halt nur einmal auf der Welt. Der Marchese propagiert ihn mit dem berückend geschmacklosen Slogan „Ein Wein mit dem Geschmack nach Freiheit.“

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Einer der Arbeiter im Weinberg dieses Florentiner Edlen war Benedetto Ceraulo. Ein drahtiger Mann mit einem fein geschnittenen Gesicht und einer ruhigen, überlegten Art. Beruf? „Sagen wir: Maurer.“ Aber als Maurer wurde Ceraulo nicht bekannt, sondern als Killer des Modeunternehmers Maurizio Gucci. Im März 1995 tötete er Gucci vor dessen Mailänder Wohnung mit drei Schüssen in den Nacken und einem ins Gesicht. Auftraggeberin für den Mord war Guccis Ex-Frau, die dem Killer angeblich 500 Millionen Lire gezahlt hatte, umgerechnet etwa eine Viertelmillion Euro. Ceraulo kam nach Gorgona und wurde Kellermeister des Edelwinzers Frescobaldi. Für ihn sei das, so sagte der Gucci-Mörder, wie ein Sechser in der Lebenslotterie. Bezahlt wurde er nach Gefangenen-Tarif, knapp fünf Euro die Stunde.

Die Häftlinge von Gorgona sind privilegiert, weil sie einen Großteil des Tages außerhalb ihrer Zellen verbringen können. Alle arbeiten. Sechs Stunden täglich, von sieben bis 13 Uhr, sind sie mit ihrer Selbstversorgung beschäftigt. Sie melken Kühe, Ziegen und Schafe, sie schlachten ab und zu ein Schwein für Schnitzel, Braten und Wurst. Sie versorgen den großen Gemüsegarten hoch über dem Meer, den Salat, die Paprika, Kohlköpfe, Tomaten, Kartoffeln, Auberginen und Artischocken. Sie backen Brot aus dem Hartweizenmehl, das vom Festland gebracht wird. Sie produzieren ihr eigenes Olivenöl und Käse auch für andere Haftanstalten.

Wenn sie von ihrer Zeit in einem normalen Gefängnis erzählten, waren das Berichte aus der Hölle. Schaudernd erinnerten sich die Inselgefangenen an die Untätigkeit in überfüllten Zellen auf dem Festland. Dass es an allem mangelte, an warmem Wasser, an Bettdecken. Am allermeisten aber, das sagten sie alle, habe ihnen gefehlt: der Blick nach draußen. Dieses ewige Starren auf eine Mauer. Oder durch ein vergittertes Fenster aus Plexiglas auf eine andere Mauer. Die Überfahrt nach Gorgona sei ein Schock gewesen. Nur Meer, nur Weite, endlos. Auf der Insel, sagten die Gefangenen, hätten sie wieder sehen gelernt.

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Geduld

Während außerhalb der Lombardei die Kurve zusehends verflacht, wird im Süden Italiens das nächste Feuer entfacht: Der Aufstand der Armen. In Palermo bewacht die Polizei jetzt die Supermärkte, zur Abwehr von Plünderungen! Die Leute sind verzweifelt, viele wissen nicht, wovon sie ihre Einkäufe bezahlen sollen. Experten warnen vor Revolten und vor einer Mafia, die zuletzt geschwächt erschien, nun aber Profit aus der Notlage ziehen könnte. Eines ihrer Kerngeschäfte ist der Kredit zu Wucherzinsen.

Der ökonomische und soziale Absturz kommt nicht nach der Pandemie, sondern während der Pandemie. Auch diese Lehre könnten die Europäer aus Italien (und leider auch aus dem so grauenhaft verwüsteten Spanien) ziehen, wenn sie sich denn dazu bequemen möchten. Bevor es zu spät ist, für Europa. Dazu hier der eindringliche Appell der italienischen Schriftstellerin Francesca Melandri, die auch daran erinnert, wie privilegiert diejenigen sind, deren Hauptproblem jetzt gerade ist, ihre Kinder zu Hause zu haben oder niemanden zu Hause. Die also einfach mal eine Weile aus ihrer Routine raus sind und jetzt nicht viel mehr beweisen müssen als Geduld und Flexibilität. Gesunde Leute ohne Existenzsorgen haben im Moment schlicht kein Problem.

Davon abgesehen macht uns die Lage natürlich allen zu schaffen. Seit Tagen (und Nächten, denn Schlaf ist in diesen Zeiten ja auch ein Luxus) frage ich mich, wieso ich es trotz aller Tolle-Filme-Listen, die liebe Freunde und Familienmitglieder schicken und Kollegen veröffentlichen, einfach nicht bringe, mich mit schlichtem Film-Schauen abzulenken. Da stieß ich auf ein Interview mit Paolo Legrenzi, einem Psychologie-Professor aus Venedig.

Legrenzi sagt, wir seien in Katastrophenzeiten überhaupt nicht auf Ablenkung gepolt. Vielmehr laufe es so: Erst Unterschätzung, dann Angst, dann Panik, dann Erleichterung. Was uns in Italien angeht, sind wir exakt zwischen Phase zwei und drei, also zwischen Angst und Panik. Und da schafft man es offenbar nicht, sich auf irgendetwas vollkommen Abwegiges zu konzentrieren. Weil man beim Seriengucken sowieso immer die anderen Bilder im Hinterkopf hat. Die Schreckensbilder der Realität.

Seitdem ich das kapiert habe, bin ich auf dem Zauberberg. Also im Roman von Thomas Mann. Absolut das Buch zur Lage. Es geht um Quarantäne, es geht um Lungen, es geht um die Welt der Kranken und den fernen Planeten der Gesunden („im Flachland“).

Es geht also um uns.

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Festung

Jetzt, da so gut wie niemand mehr herein kann oder heraus, gleicht das Dorf wirklich einer Festung. Wenn es sie gäbe, hätte man wohl auch noch die Zugbrücke hochgezogen. Da liegt dann das winzige Centro Storico, eine Piazza, eine Kirche, zwei Straßen, ein Adelspalast, eine Terrasse über dem Tibertal. Und das neue Dorf mit den Reihenhäusern, einigen größeren Eigenheimen mit Garten, dem sozialen Wohnungsbau. Ein Tante-Emma-Laden, ein Getränkehandel mit ein paar Lebensmitteln, ein Metzger (der zweite hat zu Jahresbeginn zugemacht), ein Bäcker, ein Tabakladen mit Zeitungen, eine Apotheke. Zweimal in der Woche kommt ein Gemüsehändler (der Juwelier!), einmal der Fischwagen. Eigentlich gar nicht schlecht für so eine Siedlung mit 1000 Einwohnern. Die Bauernschaft kommt noch hinzu, sie ist sehr weitläufig. Obst- und Gemüsegärten, Olivenhaine, Wein, Hunde und Hühner. Heute morgen, als es schneite, habe ich einen Pfau gesehen, so prächtig wie ein Traumbild.

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Wie wird das mit dem Dorf? Keiner ist infiziert, offiziell. Auch im Nachbarort nicht, in den wir ab heute sowieso nicht mehr fahren dürfen. Erst zehn Kilometer weiter gibt es drei Infizierte, gestern waren es vier.

Es bleiben alle zu Hause. Wenn in Italien ein Viertel der Bevölkerung über 65 ist, so ist es hier knapp die Hälfte. Die Alten haben Angst. Es sind ja auch keine Ärzte da. Normalerweise wechseln sie sich montags bis freitags ab in der Sprechstunde in einem winzigen, ungeheuer spartanischen Untersuchungszimmer neben der Gemeindeverwaltung. Jetzt kommen die Ärzte nicht. Nur die wirklich allerhärtesten 80-Jährigen turnen bei eiskaltem Nordwind in ihren Olivenbäumen herum, weil die unbedingt jetzt noch zurück geschnitten werden müssen. Das sind dieselben, die cool den Motor ihres Ape-Pritschenwägelchen abstellen, wenn’s bergab geht.

Die beiden Apothekerinnen tragen rotkarierte Atemschutzmasken, es sieht aus, als hätten sie eine Serviette im Gesicht. Den lustigen und deshalb zauberhaft beruhigenden Mundschutz hat die Signora Bruna genäht. Bruna näht für das ganze Dorf. Eigentlich kann man auch Nudeln bei ihr bestellen oder Crostata, eine Art Linzer Torte mit selbstgemachter Sauerkirschmarmelade. Das geht jetzt aber leider auch nicht. Bruna ist in ihrem Häuschen mit der hohen Treppe verbarrikadiert. Hochrisikogruppe, sie ist 90. Wenn sie doch mal Einkaufen geht, trägt sie eine ihrer Masken. Grün, blau, rotkariert.

Das Dorf hält sich wacker. Die Müllabfuhr funktioniert, sie kommt weiter täglich. Der Bäcker macht diese großartige, umbrische Osterpizza mit Schafskäse und Pfeffer. Der Gemüse-Juwelier hat Artischocken. Am Samstag kommt der Büffelzüchter aus dem Tal hochgefahren und verkauft seine Mozzarella.

Abgeschottet waren wir ja irgendwie schon immer. Außer in der Ferienzeit, wenn die Städter kommen und ihre Zweithäuser beziehen. Leute aus Rom, aber auch aus Brüssel, aus Wien und Hamburg, sogar ein japanisches Ehepaar aus New York. Jetzt ist bald Ostern und wir werden unter uns bleiben. Keiner darf rein und keiner darf raus.

Aber irgendwann wird die Bar wieder aufmachen. Und die Pizzeria. Und die Festung wird zum Leben erwachen.

Addio Maestro

Heute früh ist im Alter von 74 Jahren Gianni Mura gestorben. Sportreporter, Betrachter des Menschlichen, Kommentator der Zeitläufte, Schriftsteller und Gourmet.

Ein Mann von umfassender Bildung, gelassener Ironie und unbestechlicher Haltung. Mura konnte schreiben wie der Teufel und er tat es unbeirrt auf seiner uralten Olivetti-Schreibmaschine. Als ich ihn damit zum ersten Mal in San Siro auf der Pressetribüne sah – es muss im Winter 1999 gewesen sein – war er schon der Letzte seiner Art. Olivetti, Zigarette, dazu Wollpullover in wechselnden, undefinierbaren Farben, die im Sommer durch eine Fotografen-Weste ausgetauscht wurden.

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Mit dem Fußball verband ihn eine Hassliebe, aber zur Höchstform lief er beim Radsport auf. Hier ein paar Gedanken zu seinem 70., als er die soundsovielte Frankreich-Rundfahrt begleitet hatte.

Mura war ein grandioser Lebens-Erzähler, ein unermüdlicher, aber nie eifernder Journalist. Das Investigative lag ihm nicht, das Betrachtend-Analytische umso mehr. Jeden Sonntag erschien in „La Repubblica“ seine Kult-Kolumne: „Sieben Tage böser Gedanken“, dabei hatte dieser Mann gar keine bösen Gedanken, er wunderte sich höchstens über die der anderen. Männer (und sehr selten auch Frauen) aus Sport, Politik und Gesellschaft bekamen in dieser Kolumne ihr Fett weg. Denn eine Trennung zwischen dem Sport und dem Rest, die gab es für Gianni Mura nicht.

Er war uneitel bis zur Bescheidenheit. Man sah ihn nicht in Talkshows und schon gar nicht in jenen unsäglichen Fußball-Dummschwätz-Runden. Soziale Netzwerke: Null, naturalmente.

Ein Schreiber ist ein Schreiber ist ein Schreiber. Mura war ein Großer. Vielleicht war er der größte italienische Journalist.

 

Bus-Tribunal

Auf der 64er Linie zwischen Vatikan und Bahnhof Termini fahren die meisten Touristen und die meisten Diebe. Beides steht seit Ewigkeiten fest und wundert keine(n) Eingeborenen. Man wappnet sich einfach für die Fahrt mit dem 64er mit ausklappbaren Stacheln an den Ellenbogen, Stiefelsporen und am besten auch noch mit einem kleinen Sauerstoffvorrat, die Luft ist nämlich zum Schneiden.

Und dann passiert in so einem gestopft vollen 64er halt, was passieren muss: Einer Dame  aus den Niederlanden, die nah an der Fahrerkabine steht, wird kurz nach der Haltestelle an der Piazza Venezia die Geldbörse gemopst. Die Dame schreit, aber nicht so laut, viel inbrünstiger schreit der Römer neben ihr, der erstens die Gelegenheit nutzt, den Kavalier zu spielen und zweitens, zu beweisen, dass nicht alle Römer Diebe sind, sondern die anständigsten Menschen. Dazu möchte er jetzt ein Exempel statuieren, das sich gewaschen hat.

„Halt an und ruf‘ die Polizei!“ brüllt der Römer in Richtung Busfahrer. „Wir haben einen Dieb!“ Von dem man übrigens nichts hört und sieht, wahrscheinlich ist er ziemlich klein und befindet sich bereits geknebelt im Polizeigriff des selbsternannten Ordnungshüters.

Der Busfahrer fährt erstmal stur weiter. Könnte ja jeder kommen. Auf der Via Nazionale, an der nächsten Haltestelle bringt er den Bus zum Stehen. Die Türen bleiben geschlossen. Zwei Minuten, fünf Minuten, zehn Minuten.  Das Publikum hinten vor dem Ausstieg tobt.

„Sollen wir etwa warten, bis die Bullen kommen?“ ruft ein junger Mann mit Bart. „Der hat das Portemonnaie doch längst zurück gegeben. Also geht uns nicht auf den Sack!“

„Mamma mia, sogar zum Klauen sind sie heute zu blöd“, stöhnt ein Signore im Kamelhaarmantel. „Mein Gott, der lässt sich erwischen und wir stehen uns hier die Beine in den Bauch. Also, das konnten sie früher besser.“

„Was wird das hier? Geiselnahme?“, zetert eine Frau mit Einkaufstüten. „Das hier ist der 64er, da wird halt geklaut. Muss man sich deshalb so anstellen?“

Der wackere Diebesfänger ist verstummt. Der Fahrer schweigt sowieso. In Minute 12 macht er die Türen auf. Die Polizei ist nicht gekommen. Aber als der Bus weiter fährt, ist der Dieb noch drin.

Altes Rom

Natürlich begegnet einem Latein hier auf Schritt und Tritt. Es ist ja alles voll mit alten Steinen! Aber dass einer seinen Kiosk so bemalt, ist dann doch eher selten:

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Zitiert wird der Anfang von Ciceros berühmter Senatsrede gegen den Verschwörer Lucius Sergius Catilina, der 63 v. Chr. die Herrschaft an sich reißen wollte. Übersetzt: „Wie lange noch (Catilina), wirst du unsere Geduld missbrauchen?“ Gesehen an der Piazza della Repubblica, unweit des Hauptbahnhofs Termini.

An wen sich der Appell richtet, können wir nur raten. An die städtische Polizei und ihre manchmal so willkürlich erscheinenden Bußgelder? An die Stadtverwaltung, die die kraterähnlichen Schlaglöcher rund um diesen wichtigen Verkehrsknotenpunkt partout nicht flickt? An den Fiskus? Die Schwiegermutter? Einen querulanten Kunden?

Fest steht: so gelehrt ist noch selten ein Stoßseufzer per Graffito daher gekommen.

 

 

 

Buon anno

Das Jahr geht zu Ende und mit ihm auch ein Lebensabschnitt. Ein ziemlich langer sogar, immerhin 21 Jahre. So lange habe ich als Sportjournalistin gearbeitet, übrigens ein Job, zu dem ich kam, wie die Jungfrau zum Kinde. Eigentlich wollte ich nur unbedingt für die Süddeutsche Zeitung schreiben und das habe ich ja dann auch eine ganze Weile getan. Der Fußball war nie mein Leben, aber er hat es – und das meiner Familie – natürlich in gewisser Weise bestimmt. Wochenenden, Feiertage, Ferien: immer war da auch der Spielplan. Zum Glück gab es die lange Sommerpause, unterbrochen höchstens von Welt- oder Europameisterschaften.

Es waren lustige Zeiten, viele Jahre lang. Zeiten, in denen es uns JournalistInnen noch erlaubt war, uns selbst und den Fußball nicht so ernst zu nehmen. Zeiten, in denen wir noch nicht zu den LohnschreiberInnen einer riesigen und globalisierten Unterhaltungsindustrie degradiert waren. Sicher, es ist noch nicht so schlimm wie im Fernsehen, wo die armen KollegInnen jedes Not-gegen-Elend-Match zum Superevent hochjubeln müssen und noch die größten Banalitäten, die sich spätpubertäre Millionäre aus ihren Rotznasen ziehen lassen, als Orakel von Delphi verkaufen. Auch wird von uns nicht verlangt, Übungsleiter gleich zu Intellektuellen zu verklären, nur weil sie ab und zu tatsächlich ein Buch lesen (und gern darüber reden) oder Veganer sind.

Aber wir sind andererseits auch weit davon entfernt, die Fußballwelt so zynisch darzustellen, wie sie wirklich ist. Wir nehmen keinen Anstoß mehr daran, dass Gazprom Schalke und die Champions League sponsort oder dass Herr Tuchel in Diensten der Herrscherfamilie von Katar steht und Herr Guardiola in denen des Scheichs von Abu Dhabi. Berlusconi war übrigens ein kleiner Fisch gegenüber diesen Leuten, nicht nur, was die Haremspolitik angeht. Und seine Wurschtigkeit Uli Hoeneß, der nach einer Runde im Knast wieder Präsident des FC Bayern werden durfte, was wir anstandslos geschluckt haben, spielt als Malefikant sowieso in einer ganz anderen Liga.

Natürlich war der Fußball nie unschuldig. Auch vor zwei, vier oder sechs Jahrzehnten ging es vorrangig um Geld. Und um Macht – aus Italien habe ich minutiös darüber berichten können, wie Silvio Berlusconi aus Tifosi Wähler machte, die ihn anhimmelten wie die großen Stars bei seinem Klub AC Milan. Aber man konnte in der Spielpause im Meazza-Stadion mal eben rübergehen zum Berlusca und seinem Hofstaat, um ihm ein paar Sprüche abzuzapfen. Heute wissen wir ja nicht mal, wie die Milan-Besitzer heißen. Oder ob der neue, amerikanische Roma-Patron, der als Toyota-Händler in den Golfstaaten Millionen gescheffelt hat, überhaupt die Abseitsregel kennt, geschweige denn die Vereinshymne.

Kann man alles spannend finden, muss man aber nicht. Was mich betrifft: letzteres. Also schreibe ich jetzt öfter mal über etwas anderes. Natürlich auch in diesem Theater.

Einen guten Rutsch, allen miteinander. Und grazie mille.

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Packt den Taucheranzug ein!

Armes Venedig. Nicht nur, dass für den 21. Dezember das nächste Hochwasser ins Haus steht, voraussichtlich 140 Zentimeter über normal, und laut Prognose 60 Prozent der Stadt überflutet. Nein, jetzt bleiben auch noch die Touristen weg! Nur wegen des bisschen Hochwassers! Schuld daran sind natürlich die Medien. Wer auch sonst. Die bösen Journalisten, die Schreckensbilder von der Rekordflut vom 12. November in die Welt geblasen haben, garniert mit apokalyptischen Untergangsszenarien.

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Sowas zum Beispiel. Ein Bild, für das Vergil die Unterzeile geschaffen hätte: Aeneas trägt seinen Vater huckepack aus dem brennenden Troja. Obwohl…es ist ja eher das Gegenteil.

Nur, so wenig man seine Freizeit im trojanischen Krieg verbracht hätte, so ungern reist man halt in eine Stadt, durch die man in hüfthohen Gummistiefeln waten muss. Sowas interessiert allerhöchstens Katastrophentouristen, aber die sind eine Minderheit. Der Durchschnitt möchte zum Urlaub schönes Wetter, erst recht in Italien. Nach den Hochwasserbildern hagelte es in Venedig Hotelstornierungen. Fast die Hälfte sagte wieder ab, eigentlich überraschend wenig. Es bedeutet ja: Über die Hälfte kamen trotzdem. Durchschnittliche Urlauber sind sehr stoisch, am stoischsten sind die Deutschen. Die buchen am liebsten mindestens ein Jahr im voraus, weil es dann billiger ist, und der Rabatt ist ein Riesenvorschuss an wohligem Urlaubsgefühl.

Für Weihnachten und Januar seien die Buchungen hingegen eingebrochen, klagt der Hoteliersverband. Logisch, eigentlich. Aber in Venedig kriegen sie kalte Füße. Die drei Milliarden Einnahmen im Jahr aus dem Tourismus drohten sich zu halbieren! Also starten die Venezianer eine Werbekampagne, wollen die internationale Presse dazu bringen, jetzt gefälligst positiv zu berichten. Es sei alles gar nicht so schlimm! Wer wird sich denn gleich so anstellen? Taucheranzug einpacken und los geht’s!

Auf die Idee, dass das Hochwasser geschäftsschädigend sein könnte, war in der Lagune offenbar noch niemand gekommen. Man möchte ihnen zurufen: Der gesamte Klimawandel ist auf die Dauer höchst geschäftsschädigend, nicht nur für Venedig.

Andererseits: Der Overtourism erledigt sich gerade von selbst.