Napoli fliegt

Sieht ganz so aus, als könnte es Napolis Jahr werden. Acht Spiele von acht gewonnen, zuletzt heute abend 1:0 bei der Roma. Vor allem aber der Serie A ein lang entbehrtes, schönes Spiel beschert. Immer sind sie am Ball, immer sind sie überraschend, immer schnell, immer voller Ideen. Der Juve-Kraftfußball ist entzaubert, abgelöst von südländischer Leichtigkeit und technischer Finesse. Juventus wurde heute zu Hause 1:2 von Lazio überrollt, kassierte zwei Tore in acht Minuten, steckt offensichtlich tief in einer Motivationskrise. Was nach sechs Meistertiteln in Serie und zwei CL-Endspielen in drei Jahren durchaus nachvollziehbar ist. Da stimmt im Moment gar nichts, angefangen von der lahmen Offensive um Higuain über das berechenbare Mittelfeld bis zur bröseligen Abwehr. Ende einer Ära.

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Auf Tuchfühlung

Früher sah man in italienischen Fankurven oft das Spruchband: „Nein zum modernen Fußball.“ Inzwischen ist es fast verschwunden, was auch daran liegen mag, dass es so absolut hoffnungslos klänge. Das Mailänder Derby wird ja anno 2017 um halb eins Mittags angepfiffen, auch wenn um die Zeit keiner Fußball gucken mag. Aber in China ist prime time und weil Inter und Milan chinesische Eigentümer haben, gehen die Uhren jetzt halt anders. Die Roma gehört Amerikanern, hinter Schalke steht Gazprom, von Paris St. Germain, Manchester City und anderen englischen Großklubs wollen wir hier gar nicht reden. Der Fußball ist derart globalisiert, dass man kaum noch durchsteigt, wer eigentlich gerade bei wem auf der Gehaltsliste steht und wie die Beteiligungen sind. Die Patrons sind gesichtslose Gesellen, die überwiegend sehr mysteriöse Unternehmen führen – bis auf Roman Abramowitsch vielleicht, der ja schon fast zum old money gehört, womit auch schon wieder vieles gesagt wäre.

Wie wohltuend ist es da, nach Villar Perosa zu gondeln, jenes 4000-Einwohner-Nest im Piemont, das alljährlich im August die Mannschaft von Juventus auf dem Dorfplatz beherbergt. Weil die Familie Agnelli, der der Klub gehört, aus Villar Perosa stammt, treten traditionell Buffon, Chiellini, Khedira und Co. gegen die Jugendmannschaft an. Das wäre ja noch einigermaßen normal. Nicht mehr so verbreitet ist im Weltfußball, dass die rund 5000 Fans im Ministadion die Juve-Stars anfassen und sogar ausziehen dürfen. Schon klar, die Unterwäsche muss dran bleiben. Aber wo sonst sieht man Andrea Barzagli, den Brad Pitt des Calcio, in klassisch weißem Feinripp stoisch Autogramme geben?

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Den Staub im Hintergrund haben übrigens die Tifosi bei der nun schon traditionellen Platzinvasion in der 2. Halbzeit aufgewirbelt. Diesmal dauerte das Match bis zur 52. Minute, dann war das Publikum das torlose Rumgegurke seiner Helden Leid und stürmte zum Striptease auf den Rasen.

Vorher sah man Giorgio Chiellini ungefähr 60 mal in Handykameras lächeln:

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Und Sami Khedira etwas eingeschüchtert am Spielfeldrand entlang traben. Khedira schien, anders als der kernige Schweizer Lichtsteiner, nicht so richtig Spaß an dieser Veranstaltung zu haben.

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Nun, so etwas kennt man in Spanien, England oder in Deutschland auch nicht. Unvergessen, wie Thomas Müller sich über das WM-Qualifikationsspiel gegen San Marino beklagte, in der irrigen Annahme, er habe besseres zu tun, als gegen eine Amateurmannschaft zu kicken. Und dann das hier. Auf Tuchfühlung mit den Fans! So ganz ohne Sicherheitsabstand! Als ob man eine ausgewachsene, mit vielen Trophäen beladene Profimannschaft zum Dorffest schicken könnte!

invasionKann man sehr wohl, wenn einem der Laden gehört. Auch dem Präsidenten Agnelli durften die Fans auf die Schulter klopfen. So ist das, wenn ein Fußballklub ein Familienbetrieb ist und die Tifosi wie Verwandte behandelt werden, wenigstens einmal im Jahr.

Mehr über das lustigste Fußballfest der Welt in der SZ.  Wenn es Villar Perosa nicht gäbe – man müsste es erfinden.

Supercoppa

Ja, Juventus ist zu schlagen, auch in Italien. Dass Bonucci nicht mehr da ist, macht sich natürlich bemerkbar – und dass der Rest wie zu jedem Saisonbeginn eine Baustelle ist, auch. Lazio hingegen präsentiert sich wie aus einem Guss, motiviert bis zum Anschlag für eine Partie, „die wir seit Juli vorbereiten“, wie Trainer Simone Inzaghi gesteht. Vollkommen verdient gewinnen die Laziali 3:2, mit einem Doppelpack des in Dortmund so unbeweglichen Ciro Immobile. Juve reichen zwei Tore von Dybala nicht.

Soccer Italy Supercup

Nun geht das ja schon seit Jahren so, dass Juve eher tapsig in die nächste Runde findet. Und am Ende schaffen sie es dann doch. Diesmal aber kommt das Cardiff-Trauma hinzu. Zweimal in drei Jahren das Champions-Finale zu erreichen und dann zu verlieren, das hinterlässt Spuren. Angefangen bei Max Allegri, der in Cardiff spontan zurücktreten wollte. Und bei einer Mannschaft, die sich immer auf ihre Defensive verlassen konnte. Bis zum 1:4 gegen Real Madrid. Aber auch in Rom sah man, dass die berühmte Abwehr schwächelt. Bonucci ist nicht so leicht zu ersetzen. Und die anderen sind einfach nicht mehr taufrisch. Buffon hat schon gesagt, dass er seine letzte Saison einläutet. Für Barzagli ist das Karrierende auch nicht mehr ganz so weit. Und Chiellini denkt an seinen zweiten Master, hat also sowieso einen Plan B.

Man wird sehen. Lazio ist jedenfalls kein Kandidat für das Titelduell, eher schon Napoli. Die Roma spielt diesmal CL, wird den 2. Platz vom Vorjahr aber kaum erreichen können: Zu viele sind gegangen, kaum jemand ist gekommen.

Edle Reserve

Alvaro Morata wechselt zu Chelsea. Und wird unter Antonio Conte endlich mal so richtig zeigen, was er kann. Sicher, 80 Millionen mögen übertrieben sein für einen Reservespieler von Real Madrid. Und doch ist Morata einer der feinsten Angreifer des Kontinents. Schnell, ideenreich, zielsicher. Allerdings auch ziemlich instabil. Er braucht Dauer-Motivation, wofür Zidane sich offenbar nicht zuständig fühlte. Conte aber schon.

Io o Lui

Er oder ich. Das scheint bei Juventus zwischen Massimiliano Allegri und Leonardo Bonucci gelaufen zu sein. Der Coach setzte sich durch. Und Italiens bester Verteidiger zog 140 Kilometer weiter zur AC Milan. Also zu einem Klub, von dem man noch nicht so genau weiß, wem er eigentlich gehört, der aber schon über 200 Millionen Euro auf dem Transfermarkt gelassen hat.

Zizous Rache

CR7 hat seine Drohung wahr gemacht und Juventus zwei verpasst. Im Endspiel bekam Juve mehr Tore serviert als in der gesamten K.O.-Runde und dazu die Erkenntnis, dass man mit einer Weltklasse-Abwehr allein kein Finale gewinnt, wenn eine mediokre Offensive sie allzu selten entlasten kann.

Zinedine Zidane hatte mit Juventus, seinem alten Klub, noch eine Rechnung offen. „Er war eher unterhaltsam als nützlich“ hatte der „Avvocato“ Gianni Agnelli über den Franzosen gelästert, als der nach zwei verlorenen Champions-League-Endspielen den Klub in Richtung Madrid verließ. Jetzt ist Zizou der erste Titelverteidiger, der im Folgejahr den Pokal holt. Und Agnellis Neffe Andrea musste nach dem Schlusspfiff jeden Spieler einzeln trösten.