1 Prozent Ronaldo

Zu 99 Prozent bin ich ein Gentleman. Aber manchmal bricht das andere eine Prozent heraus, soll Cristiano Ronaldo zu der jungen US-Amerikanerin gesagt haben, nachdem er sie angeblich vergewaltigt hat. Neun Jahre später will ein neuer Anwalt der jungen Frau vor Gericht ziehen. Der Spiegel berichtet (hier die kostenfreie, englische Version der Geschichte) und stellt die Klageschrift online.

Deren Inhalt ist bestürzend. CR7 soll die Amerikanerin am Rande einer spontanen Whirlpool-Party in einem Hotel in Las Vegas zunächst übel bedrängt und dann brutal vergewaltigt haben. Danach zahlten seine Anwälte (von einem „Team“ ist in der Klage die Rede) Schweigegeld.

Eine Bombe. Kommt es zu einem Verfahren, steht Ronaldos Karriere auf dem Spiel. Der Spieler schweigt. Juventus schweigt. Und die italienischen Medien tun so, als sei nichts passiert.

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Schwere Geburt

Die Juve gewinnt 3:2 bei Chievo Verona, in letzter Minute, nach einer mühsamen Partie. Die frühe Führung durch Sami Khedira hatte Madama träge werden lassen, nur einer suchte verbissen nach dem Tor: Genau, der Spieler mit der Trikotnummer 7 (ehemals Cuadrado, der jetzt die 16 trägt). Während sich die übrigen Bianconeri gemütlich zurücklehnten, und jede überflüssige Anstrengung sorgfältig vermieden, versuchte Cristiano Ronaldo mit allen Mitteln, an Chievos Stefano Sorrentino vorbei zu kommen. Der Ex von Real Madrid gegen den Ex von Recreativo Huelva. Klappte aber nicht.

Stattdessen schaffte Chievo den Ausgleich und ging dann auch noch per Elfmeter in Führung. Sensationell! Lange blieb es beim 2:1, bis nicht der Neue aus Portugal, sondern der altbekannte Leonardo Bonucci die größte Blamage verhinderte. 2:2 in Minute 75, erzielt vom verlorenen Sohn, der vergangenes Jahr im Streit mit Allegri zur AC Milan abgerauscht war, dort als Kapitän alle enttäuschte, am meisten sich selbst – um reumütig wieder nach Turin zurück zu kehren. Für Bonucci gab es am Anfang Pfiffe, die der Chievo-Leuten waren noch etwas leiser als die der Juventini.

Zum Schluss ein wenig Chaos. Emre Can versuchte sich an Sorrentino. Der wehrte ab, stürzte, der hyperaktive Ronaldo verpasste ihm einen Ellbogenstüber – und Mandzukic trifft. Annullieren, entscheidet der Video-Schiedsrichter, der in Italien übrigens im Unterschied zu Deutschland in jedem Stadion installiert ist. Erst als Sorrentino vom Platz getragen wird, gelingt Juventus der Sieg. Sein Vertreter Seculin lässt sich von Bernadeschi überraschen.

In Turin ist die Welt vorerst wieder in Ordnung. Fazit: Der Neue spielt wirklich nicht schlecht und Mühe gibt er sich ja auch. Also Pazienza. Vielleicht klappt es mit dem Tor nächsten Samstag, zu Hause gegen Lazio.

Auf ein Neues

Saisonstart in Italien! Und gleich sind diese beiden Herren am Zug: CR7 in Verona, bei Chievo-Juventus. Sowie Carlo Ancelotti bei Lazio-Napoli. Mister Ancelotti ist unterm Vesuv wie gewohnt mitsamt seinem ganzen Clan am Werk. Sohn, Schwiersohn, Freundessohn, alle bei Calcio Napoli in Amt und Würden. Tengo Famiglia, so steht es in der SZ.

CR7-Day

Einfach irre, was in Turin passiert, wo Cristiano Ronaldo seit den frühesten Morgenstunden von Tausenden Tifosi erwartet wird. Die Leute hängen bei brütender Hitze hinter Absperrgittern, nur um einen Blick auf das Idol zu erhaschen, als der Spieler sich zum Medizincheck begibt. Tatsächlich läuft Ronaldo dann ca. eine Minute an ihnen vorbei und gibt ein paar Autogramme, genauso angespannt und ernst wie immer. Manche Zeitungen, zum Beispiel der einstmals durchaus seriöse „Corriere della Sera“, hatten auf ihrer Onlineausgabe den ganzen Vormittag über einen Livestream laufen, um nur ja nicht Ronaldos halböffentlichen 100-Meter-Lauf vor dem Stadion zu verpassen!

Angekommen war er gestern, mit einem Privatjet, während des WM-Finales. Geniale Idee. Alle friedlich vorm Fernseher, in der Illusion, der Held käme wie angekündigt heute morgen um zehn Uhr. Offenbar hat die Turiner Polizei Juventus darauf aufmerksam gemacht, dass das ein Sicherheitsproblem werden könnte.

Das Verrückte ist, dass im Moment genau zwei Männer die öffentliche Bühne in Italien beherrschen: Der finstere Rechtsaußen Matteo Salvini und die Lichtgestalt CR7. Wobei deren Klientel durchaus gemischt ist. Während Salvini so tut, als könne er mit seinem brutalen Antiflüchtlings-Programm das Land auch nur um einen Deut sicherer und besser machen, soll Ronaldo dem Rest der Welt zeigen, wozu Italien sonst noch fähig ist. Zwei Seiten einer Medaille für das Wir-sind-wieder-wer.

Logischerweise war das von den Agnelli nicht beabsichtigt. Die können sich vor einem, der so hässlich, hasserfüllt und vulgär ist wie Salvini nur gruseln. Wir werden sehen, ob Ronaldo den Finsterling noch weiter verdunkelt, er überstrahlt ihn ja jetzt schon. Der Fußball ist auf jeden Fall die positive Seite des neuen italienischen Größenwahns. Aber was sagt das aus über eine Gesellschaft, dass sie auf einen 33-Jährigen Portugiesen derart viele Erwartungen projiziert?

Heute morgen übrigens Streik im Fiat-Werk Melfi. Fünf von 1.700 Schichtarbeitern haben die Arbeit niedergelegt – aus Protest dagegen, dass der neue Angestellte Ronaldo so viel verdient und sie selbst so wenig. Das seien genau 0,3 Prozent, hat der FCA-Konzernsprecher ausgerechnet. Das Medienecho der Aktion sei unendlich viel stärker gewesen als das, was sich in der Realität abgespielt habe.

Bem Vindos in der PFRI. Populistische Fußballrepublik Italien.

 

Allez Didi

An dieser Stelle eine kleine Vorbemerkung (und wenn sie sich wie eine Entschuldigung lesen sollte, wäre es auch in Ordnung): Dass ich mich langsam wie die Rolf Seelmann-Eggebert des FC Juventus fühle, hat rein gar nichts mit meinen persönlichen Vorlieben zu tun. Die gehören nämlich unverändert der Roma. Doch es stimmt schon, was der große italienische Fußballschreiber Gianni Brera formulierte, man muss die Juve nicht lieben, aber man sollte sie durchaus bewundern. Vor zwölf Jahren war der Klub total am Boden, erst acht Juventino im WM-Finale zwischen Frankreich und Italien, dann mit drei Weltmeistern im Kader (Buffon, Del Piero, Camoranesi) abgestiegen in die Serie B. Und jetzt wieder ganz obenauf. Nach zwei CL-Finalspielen in drei Jahren gerade den größten Star des Weltfußballs angeheuert (hier ein Link zu einem echten Kult-Interview von CR7 mit dem inzwischen amtierenden portugiesischen Präsidenten Marcelo Rebelo de Sousa, den Ronaldo höflich mit „Herr Professor“ anspricht), und dann ganz abgesehen von der Squadra Azzurra prominent im Finale in Russland vertreten, mit Matuidi, Mandzukic und Didier Deschamps.

Letzterer ist der Grund dafür, warum ich ganz unbedingt für Frankreich bin (der andere ist, dass mir die Kroaten mit ihrem rabiaten Nationalismus suspekt sind, weswegen die europäischen „Identitären“, natürlich auch unser Angstminister Salvini, für Kroatien sind). Deschamps hingegen:Der unprätenziöseste Mann der Fußballwelt. Very, very old school. Am 10. Juli 2006 wurde er Trainer von Juventus in ihrem ersten und einzigen Jahr in der Serie B.

Didier_Deschamps

Aus gegebenem Anlass also eine kleine Hommage aus „La Fidanzata“, von der es übrigens die nächste Auflage mit handschriftlicher Widmung der neuen Nummer 7 geben wird. Hat er jedenfalls versprochen.

DIDIER DESCHAMPS

Mittelfeld, geb. 1968 in Bayonne, Frankreich. Bei Juventus 1994-99, als Trainer 2006-07.

Als Spieler 226 Einsätze, 5 Tore,

3 Meistertitel, 1 Pokal, 1 Champions League, 1 Weltpokal

Der gallische Terrier. Kernig, kurzbeinig, geschätzte 48 Zähne, die sich an jedem Gegner festbissen. In seiner Juve-Zeit wurde der Franzose Deschamps Weltmeister, aber Champagner-Fußball war nun wirklich nie sein Ding. Eher die Abteilung ehrlicher Landwein, mit ein paar Umdrehungen zu viel. Und mit Struktur. Denn das war es, was den Spieler Deschamps ausmachte und den Trainer zum Erfolg führte: Der Mann ist einfach hervorragend strukturiert. Überlässt nichts dem Zufall. Nahm sich früher jeden Zweikampf vor und später genauso akribisch jede gegnerische Mannschaft. Unter Lippi dirigierte dieser Unermüdliche das Mittelfeld, umsichtig, konkret, ohne Schnörkel.

Im Moment der höchsten Not seines Ex-Vereins kehrte der Mann für’s Grobe zurück nach Turin. Deschamps war mittlerweile Trainer, er hatte vier Jahre bei AS Monace verbracht und übernahm nun Juventus in der zweiten Liga, mit 17 Straf-Minuspunkten. Ein rührender Akt der Treue, eine Geste der Ritterlichkeit. Mit Deschamps überstanden die Juventini ihr Büßerjahr glänzend und stiegen sofort wieder auf. Aber nun warf der Franzose hin – so sehr die Spieler ihm vertrauten, so wenig verstand er sich mit der Klubführung, der erstmals in der Geschichte ein Landsmann vorstand. Jean-Claude Blanc, ein Sportmanager aus den französischen Alpen, mit Harvard-Abschluss, ohne einen Hauch von Stallgeruch.

Jahre später, als Blanc, inzwischen Geschäftsführer bei Paris St. Germain und er wieder miteinander redeten, gestand Deschamps, er habe womöglich übereilt gehandelt. Ruppig und rustikal, wie es seine Art ist, hatte er den manikürten Juve-Manager in die Mangel genommen wie weiland seine Gegenspieler. Geschadet hatte es dem getreuen Musketier DD nicht, für ihn sprachen stets die Ergebnisse. Nach einer Station bei Olympique Marseille war er schon gallischer Nationaltrainer.