CR 7 Corner

Drei Tore von Cristiano Ronaldo und die Juve kassiert 270 Millionen an der Börse. Um 17 Prozent hat die Aktie zugelegt. Drei Tore von Cristiano Ronaldo, und der Geldregen rauscht weiter, im Viertelfinale, mit Ticketverkauf und vor allem dem fetten Fernsehgeld. Drei Tore von Cristiano Ronaldo und Juventus hat noch mehr Follower auf Instagram, aktuell sind es über 23 Millionen (die Bayern sind bei 15,6).

Es geht um die Kohle, und womit kann man schon im Moment mehr Kohle machen als mit Emotionen von Männern, die sich beim Fußballgucken vom mühsamen Gestrampel im Hamsterrad des Geldverdienens erholen wollen?

Drei Tore von Cristiano Ronaldo, gesehen in der CR7-Corner-Hotelbar von Cristiano Ronaldo. Hier.

Signora

Heute wird in Villar Perosa Marella Caracciolo di Castagneto zu Grabe getragen, die Witwe des Avvocato Gianni Agnelli (hier ein altes ZEIT-Porträt von mir). Am Samstag ist sie im Alter von fast 92 Jahren gestorben, und nicht nur in Turin haben viele das Gefühl, dass mit dem Tod dieser sehr besonderen Frau eine Ära zu Ende geht. Nicht so sehr das Jahrhundert der von den Agnelli dominierten Autoindustrie, denn das war im Prinzip schon mit dem Ende des Avvocato vorbei. Sondern das Zeitalter der Dame.

Marella_Agnelli

Auf den ersten Blick verkörpert die Dame ein hoffnungslos altmodisches Frauenbild: Nicht berufstätiges Statussymbol eines reichen Ehemannes, der sie zur Mutter seiner Kinder macht, ihr jeden materiellen Wunsch erfüllt und dafür im Gegenzug erwarten darf, dass sie alle seine erotischen Eskapaden ohne Gezeter erträgt. Auf den zweiten Blick ist eine solche Definition aber genau das, was die Dame niemals ist, nämlich schlicht und einfach spießig. Im Wertesystem des Kleinbürgers ist die Ehe wie das ganze Leben ein präzise abgestecktes Do-ut-des, in dem der Einzelne am Ende danach bewertet wird, was er oder sie sich erarbeitet hat. Die Dame spielt in einem solchen Weltbild die Rolle des zugleich bemitleideten und beneideten parasitären Opfers.

Von all‘ dem war Marella Agnelli Lichtjahre entfernt. Geboren 1927 in Florenz als Tochter eines neapolitanischen Fürsten, dessen Urahn einst gegen Lord Nelson gekämpft hatte und dafür am Mastbaum seines Schiffes aufgeknüpft worde war, führte sie von Anfang an ein freies, unabhängiges Leben. Bevor sie Gianni Agnelli kennenlernte und 1953 heiratete, fotografierte sie für Vogue. Später entwarf sie Stoffe und Gärten. Ihre Brüder machten glänzende Karrieren – Carlo Caracciolo als Verleger der großen, liberalen Tageszeitung „La Repubblica“, Nicola als Historiker. Marella aber hatte ein glänzendes Leben als eine der Traumfrauen ihrer Zeit, über die ihr Freund und Bewunderer Truman Capote sagte: „Wenn sie als Juwel in Tiffanys Schaufenster läge, wäre sie sehr, sehr teuer.“

Mit Italiens Ersatzkönig Agnelli bildete die echte Prinzessin ein Traumpaar des internationalen Jet-Sets; attraktiv, weltläufig und jenseits aller Konventionen. Residenzen in New York, St. Moritz, Marrakesch, Paris, Rom und natürlich Turin. Eine Kunstsammlung, die sie kurz vor Giannis Tod in großen Teilen der Stadt Turin vermachten. Ein Haufen Freunde aus Kunst, Literatur und Politik, allen voran Andy Warhol, der die beiden porträtierte, und JFK, der Marella angeblich besonders verehrte. Gianni Agnelli war der schillerndste Industrielle der Welt, ein Autobauer als Kunstmäzen und Sexsymbol. Seine Frau war noch mehr, nämlich der Inbegriff einer fast schon transzendenten Eleganz. Er war ungeheuer populär, ein Cäsar zum Anfassen für seine Arbeiter und als Patron der „Juventus“ vor allem ihr erster Fan. Sie aber war so entrückt, wie es nur echte Damen sein können, die über der Vulgarität des so genannten echten Lebens schweben.

Giannis Frauengeschichten und die Ehe der beiden – Privatsache. Der Schmerz über den Freitod des einzigen Sohnes Edoardo, der sich 2000 von einer Autobahnbrücke stürzte – Privatsache. Die Erbschaftsstreitigkeiten mit der Tochter Margherita – Privatsache. Diskretion und eine gewisse, empathische Distanz waren ihre Lebenshaltung, bis zuletzt. Erst nach ihrem Tod erfuhr man zum Beispiel, dass sie schwer an Parkinson erkrankt war und die letzten beiden Jahre künstlich ernährt werden musste. Wie schwer das Leben sein konnte, wusste nur sie selbst. Die Außenwelt sah nur vorbildliche Leichtigkeit.

Marella Agnelli hat den Krieg überlebt und die antifaschistische Resistenza, zu der ihre Familie gehörte. Sie hat den Industrieboom erlebt, der sie zu einer der reichsten Frauen der Welt machte. Sie begegnete Päpste und amerikanischen Präsidenten, europäischen Fürsten und dem nordafrikanischen Tyrannen Gaddafi, den ihr Mann als Anteilseigner zu Fiat und Juventus holte. Zu all‘ diesen Männer gab es von ihr öffentlich keinen Kommentar. Privat soll sie geistreich gewesen sein, aber immer leise.

Fast spurlos gingen die Jahre und Schicksalsschläge an ihr vorüber, eine auffallende Schönheit war sie nie, aber zeitlos schön blieb sie doch. Understatement war ihr Stil, noch nicht einmal die stets kurz geschnittenen Haare färbte sie sich. Marella Agnelli trug am liebsten flache Absätze und lange Hosen. Nie wurde sie als „Signora“ angesprochen, sie, die doch eine ganze Dame war. Sondern immer nur als „Donna Marella.“ Das italienische Wort für Frau ist als Anrede den Aristokratinnen vorbehalten.

Als Gianni Agnelli starb, gab in Italien der Medienzar Berlusconi den Ton an. Zur Trauerfeier seines Rivalen fuhr er demonstrativ im Audi vor. Inzwischen ist das Land mitsamt seiner regierenden Kaste noch weiter abgestiegen, in eine faschistoide Vorhölle des Vulgärpopulismus. Die Männer, die jetzt Italien regieren, sind hasserfüllte Kleinbürger, Zerstörer, die sich von Geist und Schönheit provoziert fühlen. Die Demokratie ist in ihren Augen viel zu damenhaft. In Italien, und nicht nur dort, triumphiert die Hässlichkeit. Es ist die aggressive Fast-Food-Ästhetik des ignoranten Pöbels und der wutschnaubenden Rassisten.

Keine Welt für Damen.

Allez Didi

An dieser Stelle eine kleine Vorbemerkung (und wenn sie sich wie eine Entschuldigung lesen sollte, wäre es auch in Ordnung): Dass ich mich langsam wie die Rolf Seelmann-Eggebert des FC Juventus fühle, hat rein gar nichts mit meinen persönlichen Vorlieben zu tun. Die gehören nämlich unverändert der Roma. Doch es stimmt schon, was der große italienische Fußballschreiber Gianni Brera formulierte, man muss die Juve nicht lieben, aber man sollte sie durchaus bewundern. Vor zwölf Jahren war der Klub total am Boden, erst acht Juventino im WM-Finale zwischen Frankreich und Italien, dann mit drei Weltmeistern im Kader (Buffon, Del Piero, Camoranesi) abgestiegen in die Serie B. Und jetzt wieder ganz obenauf. Nach zwei CL-Finalspielen in drei Jahren gerade den größten Star des Weltfußballs angeheuert (hier ein Link zu einem echten Kult-Interview von CR7 mit dem inzwischen amtierenden portugiesischen Präsidenten Marcelo Rebelo de Sousa, den Ronaldo höflich mit „Herr Professor“ anspricht), und dann ganz abgesehen von der Squadra Azzurra prominent im Finale in Russland vertreten, mit Matuidi, Mandzukic und Didier Deschamps.

Letzterer ist der Grund dafür, warum ich ganz unbedingt für Frankreich bin (der andere ist, dass mir die Kroaten mit ihrem rabiaten Nationalismus suspekt sind, weswegen die europäischen „Identitären“, natürlich auch unser Angstminister Salvini, für Kroatien sind). Deschamps hingegen:Der unprätenziöseste Mann der Fußballwelt. Very, very old school. Am 10. Juli 2006 wurde er Trainer von Juventus in ihrem ersten und einzigen Jahr in der Serie B.

Didier_Deschamps

Aus gegebenem Anlass also eine kleine Hommage aus „La Fidanzata“, von der es übrigens die nächste Auflage mit handschriftlicher Widmung der neuen Nummer 7 geben wird. Hat er jedenfalls versprochen.

DIDIER DESCHAMPS

Mittelfeld, geb. 1968 in Bayonne, Frankreich. Bei Juventus 1994-99, als Trainer 2006-07.

Als Spieler 226 Einsätze, 5 Tore,

3 Meistertitel, 1 Pokal, 1 Champions League, 1 Weltpokal

Der gallische Terrier. Kernig, kurzbeinig, geschätzte 48 Zähne, die sich an jedem Gegner festbissen. In seiner Juve-Zeit wurde der Franzose Deschamps Weltmeister, aber Champagner-Fußball war nun wirklich nie sein Ding. Eher die Abteilung ehrlicher Landwein, mit ein paar Umdrehungen zu viel. Und mit Struktur. Denn das war es, was den Spieler Deschamps ausmachte und den Trainer zum Erfolg führte: Der Mann ist einfach hervorragend strukturiert. Überlässt nichts dem Zufall. Nahm sich früher jeden Zweikampf vor und später genauso akribisch jede gegnerische Mannschaft. Unter Lippi dirigierte dieser Unermüdliche das Mittelfeld, umsichtig, konkret, ohne Schnörkel.

Im Moment der höchsten Not seines Ex-Vereins kehrte der Mann für’s Grobe zurück nach Turin. Deschamps war mittlerweile Trainer, er hatte vier Jahre bei AS Monace verbracht und übernahm nun Juventus in der zweiten Liga, mit 17 Straf-Minuspunkten. Ein rührender Akt der Treue, eine Geste der Ritterlichkeit. Mit Deschamps überstanden die Juventini ihr Büßerjahr glänzend und stiegen sofort wieder auf. Aber nun warf der Franzose hin – so sehr die Spieler ihm vertrauten, so wenig verstand er sich mit der Klubführung, der erstmals in der Geschichte ein Landsmann vorstand. Jean-Claude Blanc, ein Sportmanager aus den französischen Alpen, mit Harvard-Abschluss, ohne einen Hauch von Stallgeruch.

Jahre später, als Blanc, inzwischen Geschäftsführer bei Paris St. Germain und er wieder miteinander redeten, gestand Deschamps, er habe womöglich übereilt gehandelt. Ruppig und rustikal, wie es seine Art ist, hatte er den manikürten Juve-Manager in die Mangel genommen wie weiland seine Gegenspieler. Geschadet hatte es dem getreuen Musketier DD nicht, für ihn sprachen stets die Ergebnisse. Nach einer Station bei Olympique Marseille war er schon gallischer Nationaltrainer.

Brautschau

Jawohl, ich war ein wenig faul und außerdem fiel mir zu diesem beschämenden, deprimierenden, bestürzenden italienischen Wahlkampf buchstäblich nix mehr ein. Naja, zu ein paar Zeitungs-Zeilen reicht es natürlich immer.

Berlusconi ist wieder da, die Hetzer von der Lega obenauf, der Milchbubi von der Fünfsternsekte idem – was soll man dazu sagen? Mein Dorfkiosk verkauft Mussolini-Kalender, als wenn das ganz normal wäre. Mit dem Argument, die seien vom Grossisten aufgezwungen. Schön emblematisch: Das größte Problem in Italien ist, dass die Italiener die Eigenverantwortung scheuen wie der Teufel das Weihwasser. An allem sind immer die anderen schuld, am meisten die da oben, als wenn die immer keiner gewählt hätte. Gezwungen, Mussolini-Kalender zu verkaufen! Na, das ist nun wirklich 80 Jahre her. Nächstes Argument von meinem Kioskbesitzer: Die Leute wollen das Zeug. Habe schon zwei verkauft.

Zwei Mussolini-Kalender kosten 20 Euro. Ich habe in meinem Dorfkiosk bislang an 365 Tagen im Jahr jeweils sechs Euro gelassen, denn in Italien erscheinen Tageszeitungen täglich. Nun fahre ich ins Nachbardorf, in der Hoffnung, dass mein Dorfkioskmann wenigstens das Rechnen lernt, wenn er schon sonst nichts im Kopf hat.

Übrigens wurde ein Gesetz, das unter anderem Mussolini-Kalender verbietet, neulich im Parlament blockiert. Von Berlusconi, Lega und der Milchbubi-Sekte. Letztere mit dem Argument, sowas beschränke die Meinungsfreiheit.

Morgen wissen wir, welcher Rattenfänger diesmal das Rennen macht.

Einstweilen aber: Hoch die Tassen!

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Der heimliche Bestseller des Fußballbuch-Frühlings 2018 ist endlich da! Alles über Italiens Braut, über Gigi, Pirlo und den Agnelli-Clan, sowie nebenbei auch noch ein ganzes italienisches Jahrhundert. Mussolini kommt natürlich auch vor, außerdem der Juve-Finalfluch, „Tragödien, Intrigen und Skandale, glamouröse Frauen mit Namen wie aus Operetten. Ein lustvoll aufgeblätterter Kosmos von Storys.“ (Danke, 11 Freunde!) Nach der Präsentation im Fußballsalon des Deutschen Theaters ist die erste Auflage schon so gut wie ausverkauft!

 

 

 

 

Auf Tuchfühlung

Früher sah man in italienischen Fankurven oft das Spruchband: „Nein zum modernen Fußball.“ Inzwischen ist es fast verschwunden, was auch daran liegen mag, dass es so absolut hoffnungslos klänge. Das Mailänder Derby wird ja anno 2017 um halb eins Mittags angepfiffen, auch wenn um die Zeit keiner Fußball gucken mag. Aber in China ist prime time und weil Inter und Milan chinesische Eigentümer haben, gehen die Uhren jetzt halt anders. Die Roma gehört Amerikanern, hinter Schalke steht Gazprom, von Paris St. Germain, Manchester City und anderen englischen Großklubs wollen wir hier gar nicht reden. Der Fußball ist derart globalisiert, dass man kaum noch durchsteigt, wer eigentlich gerade bei wem auf der Gehaltsliste steht und wie die Beteiligungen sind. Die Patrons sind gesichtslose Gesellen, die überwiegend sehr mysteriöse Unternehmen führen – bis auf Roman Abramowitsch vielleicht, der ja schon fast zum old money gehört, womit auch schon wieder vieles gesagt wäre.

Wie wohltuend ist es da, nach Villar Perosa zu gondeln, jenes 4000-Einwohner-Nest im Piemont, das alljährlich im August die Mannschaft von Juventus auf dem Dorfplatz beherbergt. Weil die Familie Agnelli, der der Klub gehört, aus Villar Perosa stammt, treten traditionell Buffon, Chiellini, Khedira und Co. gegen die Jugendmannschaft an. Das wäre ja noch einigermaßen normal. Nicht mehr so verbreitet ist im Weltfußball, dass die rund 5000 Fans im Ministadion die Juve-Stars anfassen und sogar ausziehen dürfen. Schon klar, die Unterwäsche muss dran bleiben. Aber wo sonst sieht man Andrea Barzagli, den Brad Pitt des Calcio, in klassisch weißem Feinripp stoisch Autogramme geben?

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Den Staub im Hintergrund haben übrigens die Tifosi bei der nun schon traditionellen Platzinvasion in der 2. Halbzeit aufgewirbelt. Diesmal dauerte das Match bis zur 52. Minute, dann war das Publikum das torlose Rumgegurke seiner Helden Leid und stürmte zum Striptease auf den Rasen.

Vorher sah man Giorgio Chiellini ungefähr 60 mal in Handykameras lächeln:

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Und Sami Khedira etwas eingeschüchtert am Spielfeldrand entlang traben. Khedira schien, anders als der kernige Schweizer Lichtsteiner, nicht so richtig Spaß an dieser Veranstaltung zu haben.

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Nun, so etwas kennt man in Spanien, England oder in Deutschland auch nicht. Unvergessen, wie Thomas Müller sich über das WM-Qualifikationsspiel gegen San Marino beklagte, in der irrigen Annahme, er habe besseres zu tun, als gegen eine Amateurmannschaft zu kicken. Und dann das hier. Auf Tuchfühlung mit den Fans! So ganz ohne Sicherheitsabstand! Als ob man eine ausgewachsene, mit vielen Trophäen beladene Profimannschaft zum Dorffest schicken könnte!

invasionKann man sehr wohl, wenn einem der Laden gehört. Auch dem Präsidenten Agnelli durften die Fans auf die Schulter klopfen. So ist das, wenn ein Fußballklub ein Familienbetrieb ist und die Tifosi wie Verwandte behandelt werden, wenigstens einmal im Jahr.

Mehr über das lustigste Fußballfest der Welt in der SZ.  Wenn es Villar Perosa nicht gäbe – man müsste es erfinden.

Supercoppa

Ja, Juventus ist zu schlagen, auch in Italien. Dass Bonucci nicht mehr da ist, macht sich natürlich bemerkbar – und dass der Rest wie zu jedem Saisonbeginn eine Baustelle ist, auch. Lazio hingegen präsentiert sich wie aus einem Guss, motiviert bis zum Anschlag für eine Partie, „die wir seit Juli vorbereiten“, wie Trainer Simone Inzaghi gesteht. Vollkommen verdient gewinnen die Laziali 3:2, mit einem Doppelpack des in Dortmund so unbeweglichen Ciro Immobile. Juve reichen zwei Tore von Dybala nicht.

Soccer Italy Supercup

Nun geht das ja schon seit Jahren so, dass Juve eher tapsig in die nächste Runde findet. Und am Ende schaffen sie es dann doch. Diesmal aber kommt das Cardiff-Trauma hinzu. Zweimal in drei Jahren das Champions-Finale zu erreichen und dann zu verlieren, das hinterlässt Spuren. Angefangen bei Max Allegri, der in Cardiff spontan zurücktreten wollte. Und bei einer Mannschaft, die sich immer auf ihre Defensive verlassen konnte. Bis zum 1:4 gegen Real Madrid. Aber auch in Rom sah man, dass die berühmte Abwehr schwächelt. Bonucci ist nicht so leicht zu ersetzen. Und die anderen sind einfach nicht mehr taufrisch. Buffon hat schon gesagt, dass er seine letzte Saison einläutet. Für Barzagli ist das Karrierende auch nicht mehr ganz so weit. Und Chiellini denkt an seinen zweiten Master, hat also sowieso einen Plan B.

Man wird sehen. Lazio ist jedenfalls kein Kandidat für das Titelduell, eher schon Napoli. Die Roma spielt diesmal CL, wird den 2. Platz vom Vorjahr aber kaum erreichen können: Zu viele sind gegangen, kaum jemand ist gekommen.

Gigi Grandezza

Man kann für Real Madrid sein oder für Juventus. Oder für keinen von beiden, vielleicht, weil man Bayern-Fan ist, oder weil man gerade mit einer Borussia hadert. Oder, ganz anderer Fall, weil einen die Champions League und der ganze superkapitalistische Turbo-Kommerz im Fußball schon lange nicht mehr interessieren.

Das alles ist möglich und noch viel mehr. Aber am Samstagabend ist Gigi dabei. Und wie kann man diesem großen, 39-Jährigen Jungen bitteschön nicht die Daumen drücken? Eben.

Stell dir vor, es ist Finale und im Tor steht Buffon. Der schrägste und schillerndste Schlussmann der Welt, nebenbei und überhaupt auch noch lange Zeit der beste. Ein Typ, wie es sie im Fußball immer seltener gibt und eigentlich auch schon immer selten gegeben hat. Sein drittes Champions-League-Finale steht an in Cardiff, einen Ort, den man auf der Landkarte, auf internationalen Flugplänen und auf der Liste der Geburtsorte von Nobelpreisträgern eine ganze Weile suchen muss. In Cardiff also will, nein muss Gigi jetzt endlich mal gewinnen. Schon klar, bei den anderen kickt ein gewisser Cristiano Ronaldo. Der hat schon drei Mal den Ohrenpokal geholt und will Gigi nun in seiner üblichen Bescheidenheit zwei rein ballern. Könnte klappen. Die Frage ist: Wer, außer CR7 und den Madrilenen will das?

Juventus vs Sampdoria

Von CR7 steht auf seiner Heimatinsel Madeira ein Bronzedenkmal. Gianluigi Buffon gibt es nicht als Statue, dabei stammt er aus Carrara, der Stadt des weißen Marmors, aus dem schon ein gewisser Michelangelo seinen David klopfte. Beide Eltern waren Leichtathleten, die Mutter Maria Stella sogar dreifache Italienmeisterin im Kugelstoßen, die älteren Schwestern spielten Volleyball: Eine äußerst sportliche Familie. Gigi entschied sich für den Fußball und wurde ein glühender Fan des Heimatklubs Carrarese Calcio – für den er nie gespielt hat, zu dessen Heimspielen er aber auch als junger Profi bei Parma und Juventus noch fuhr, wann immer es möglich war. Mit dem Zug, meistens ohne Fahrkarte: „So oft, dass es in meiner Spielerstatistik auftauchen könnte“, heißt es in seiner Autobiografie Numero1. „Gianluigi Buffon: soundsoviele Elfmeter pariert, soundsoviele Tore kassiert, soundsoviele Schwarzfahrten absolviert.“

In Turin ließ man ihm nicht nur durchgehen, dass auf seinen Torwarthandschuhen der Schriftzug C.U.I.T prangte, die Abkürzung für Comando Ultrà Indian Trips, die organisierten Fans aus Carrara. Juve duldete es auch, dass der Kapitän später seinen Herzensklub kaufte. Von 2010 bis 2016 war Buffon als Patron der Carrarese Klubbesitzer in der Dritten Liga. Es endete damit, dass er auf dem Klubgelände Marmorblöcke versteigern ließ, den Verein aber trotzdem nicht halten konnte, genauso wenig wie das Textilunternehmen Zucchi. Der norditalienische Traditionsbetrieb konnte nach fünf Jahren Buffon gerade noch vor der Pleite gerettet werden. Gigi Nazionale verlor eine Menge Geld, sorgte aber dafür, dass keiner der 1200 Mitarbeiter entlassen wurde. Sein Traum, ein anständiger Unternehmer zu werden, war geplatzt. Von seinem kleinen Imperium blieb ein Strandbad an der heimatlichen Riviera.

Und es blieb der Anstand. Das Wichtigste also, ist die lange Karriere des Gianluigi Buffon doch vor allem ein großer Bildungsroman, und der Protagonist Gigi ein italienischer Wilhelm Meister. Eine ganze Nation nimmt Anteil an der Wandlung eines jugendlichen Hitz- und Wirrkopfes zum lebensklugen Capitano, dessen Weg durch das Inferno von Wettsucht, Depression und Zwangsabstieg in die Zweite Liga führt, aber auch über die olympischen Höhen eines Weltmeistertitels, eines Uefa-Cups und acht gewonnener Italienmeisterschaften. Und doch ist es nicht der Erfolg, der Buffon – Rekordhalter mit 974 torlosen Minuten in über 1000 Profispielen – zum beliebtesten Fußballer Italiens macht. Eher ist es das stets öffentlich zelebrierte Ringen darum, ein anständiger Mensch zu sein, im Reinen mit sich und der Welt aber ohne den Hauch von Konformismus. Nur das Mutterland des Individualismus konnte wohl ein solches Prachtexemplar hervorbringen wie Buffon. Einen, der derart aus der Rolle fällt und doch als leuchtendes Vorbild zwei Generationen von Fußballern überstrahlt.

Unvergessen in der Karriere der großen Skandalnudel Gigi, bleiben ein gekauftes Abitur und der Patzer mit der Trikotnummer 88 beim AC Parma. Für den Macho-Welpen Buffon symbolisierte sie seinerzeit „vier Eier“, für andere aber „Heil Hitler“. Wobei man zugegeben schon sehr um die Ecke denken muss, um darauf zu kommen, dass die 8 für den achten Buchstaben des Alphabets steht, also H und zwei Achten für HH. „Das wissen doch nur Nazis“, reagierte entgeistert Buffon, als der Skandal schon kochte. Und natürlich hatte er vollkommen Recht. Die Suppe auslöffeln musste er trotzdem, geschadet hat es ihm nicht.

Bis heute hat sich Buffon eine entwaffnende Jungenhaftigkeit bewahrt. Natürlich ist er auch im Umgang mit den Medien ein Profi geworden, hat den Dialekt der toskanischen Küste abgestreift, weiß seine Worte zu wägen. Und doch gibt es da immer noch diese Spontaneität. Er ist ehrgeizig, aber nie verkniffen, selbstbewusst, aber nicht eitel. Neulich ließ er sich einen Tom-Selleck-Schnäuzer stehen, das sah so unmöglich aus, dass ganz Italien darüber lachte. Wie man ja überhaupt wunderbar über Gigi lachen kann. Seine Lebensgefährtin Ilaria D’Amico ist die bekannteste Sportjournalistin des Landes, ein paar Jahre älter als Buffon und, nunja, auch noch ein wenig eloquenter. Das Paar hat einen gemeinsamen Sohn – zwei hat Buffon aus seiner ersten Ehe – und schützt seine Privatsphäre konsequent aber mit viel Selbstironie. Kürzlich war D’Amico Gast in einer Talkshow, als Gigi sich gerade im Trainingslager der Squadra Azzurra befand. In die Sendung wurde Nationaltrainer Gian Piero Ventura zugeschaltet und D’Amico durfte ihm eine Frage stellen. „Hat Gigi auch alles aufgegessen?“ erkundigte sie sich. Und dann, listig: „Hat er auch sein Bäuerchen gemacht?“ Hat man je eine Spielerfrau erlebt, die von Fußball mindestens so viel versteht wie ihr Mann – und die ein nationales Symbol öffentlich derart auf den Arm nimmt? Das ist Grandezza.

Stell dir vor, es ist Champions League und im Endspiel steht Gigi Buffon. Der Lulatsch im Juve-Tor, der alle seine Gegner tätschelt. Und dann stell dir vor, der gewinnt den Pokal gegen Cristiano Ronaldo, Sergio Ramos, Marcelo, Toni Kroos und Benzema.

Dafür machen wir doch nachher alle brav unser Bäuerchen.

Anton Graf

Schon als Spieler war mir Antonio Conte immer ein wenig unheimlich. Ein Besessener, von soldatischer Disziplin, etwas finsterem Korpsgeist und unerschütterlicher Humorlosigkeit. Als Trainer ist er immer noch besessen, von Disziplin hält er nach wie vor sehr viel (wie auch nicht), aber er ist empathischer geworden, herzlicher und beweist ein mitreißendes Temperament. Seine Spieler verehren ihn. Vermutlich schafft es keiner, eine Mannschaft so auf sich einzuschwören. Was das betrifft, erinnert Conte an den jungen José Mourinho. Doch die Divenhaftigkeit und vor allem der Hang zum calcio cinico des Portugiesen gehen ihm ab. Stattdessen wirken Contes echte Begeisterung für den Fußball, seine Hingabe an das Spiel, die Spieler und die Fans einfach nur ansteckend. Das ist nichts Finsteres und Verdruckstes mehr, dieser Mann steht im Zenit seines Erfolgs und weiß, warum. Und sein lustiges Englisch ist sogar richtig charmant.

conte

Gerade ist Antonio Conte mit dem FC Chelsea Meister geworden, auf Anhieb, in seinem ersten Jahr in der Premier League. Man gebe ihm eine deprimierte Mannschaft ohne Biss und ohne Perspektive – der Italiener vom Stiefelabsatz macht was draus. So war es mit Juventus (drei Meistertitel in drei Jahren), so war es sogar mit der Squadra Azzurra (EM-Viertelfinale nach dem unsäglichen Ausscheiden in der WM-Vorrunde), so wurde es jetzt wieder mit Chelsea. 28 Siege in 36 Spielen, 76 Tore (natürlich die beste englische Offensive), Spieler wie David Luiz, Cahill, Diego Costa strotzen vor Selbstbewusstsein und Spielfreude, die Ranieri-Entdeckung Kanté erfüllt auch bei Chelsea alle Erwartungen.

Conte wird von Inter Mailand umworben, doch ob die chinesischen Besitzer gehaltsmäßig mit Abramowitsch konkurrieren wollen, darf man getrost bezweifeln. In Russland holte übrigens Massimo Carrera den Titel mit Spartak Moskau, einem Klub, der das zuletzt 2001 geschafft hatte. Carrera war Contes Assistent bei Juve.

Wie es aussieht, macht Anton Graf sogar Schule.

Die Hölle von Block Z

Heute vor 30 Jahren vollzog sich im Heysel-Stadion von Brüssel eine Tragödie, die jeden, der damals an Fußball interessiert war, bis heute verfolgt. Für die SZ habe ich mich zwischen Turin und Arezzo auf Spurensuche der Erinnerungen begeben. Juventus wird nächste Woche wieder ein Landesmeister-Pokalfinale austragen. Und Michel Platini, der damals vor einer gespenstischen Kulisse für Juve das Siegtor erzielte, ist heute Präsident jener Uefa, die mitverantwortlich war für die Schrecken von Heysel. An die 39 Toten von damals werden die Funktionäre des Weltfußballs heute kaum erinnern. Obwohl die Fifa-Neuwahlen die passende Gelegenheit dazu wären. Was im Fußball geschehen kann, wenn korrupte, verantwortungslose Männer ihn regieren – Heysel ist auch dafür ein Fanal.