Oh, Gigi!

Gigi Buffon ist wieder da. Nach einem Jahr in Paris hat er heute bei seinem alten Klub Juventus eingecheckt. Sein Kommentar: „Wenn man von einer Signora eingeladen wird, darf man nicht Nein sagen.“ So lässig wie immer, der alte Gigi, aber mit neuen Erkenntnissen und – Lesetipps. Erzählungen von Jonathan Coe und Osvaldo Soriano – und Krimis von Fred Vargas und Gianrico Carofiglio.

Muss man ja nicht auf der Bank lesen.

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Wer kommt. Und wer geht.

Maurizio Sarri bei Juventus, da reibt man sich die Augen. Sarri, der Trainer mit 20 Stationen in 30 Jahren. Sarri, der als Napoli-Coach und ewiger Zweiter die Juve auf das Inbrünstigste verfluchte – der Fuchs, dem die Trauben zu hoch hingen. Sarri, der alte, weiße Mann, Bukowski-Leser, Kettenraucher, immer im Trainingsanzug, nie um einen kessen Spruch verlegen, wenn es zum Beispiel gegen Frauen geht. Hier die Antwort auf die sachliche Frage einer ihn natürlich siezenden Journalistin: „Du bist eine Frau, du bist hübsch, sonst würde ich sagen, steck ihn dir in den Arsch.“

Hier die unfassbare Attacke gegen den damaligen Inter-Trainer Roberto Mancini. „Er mich Schwuchtel und Tunte genannt. Er ist ein Rassist. Solche Leute dürfen nicht im Fußball arbeiten“, sagt Mancini in dem drei Jahre alten Video. Heute stapelt er tief: „Schnee von gestern. Sarri war im Ausland und hat da sicher viel gelernt. Er ist eine Bereicherung für den italienischen Fußball.“ Mancini ist inzwischen Nationaltrainer, Juve immer noch die Säule der Squadra Azzurra.

Was hat Andrea Agnelli bloß geritten, Maurizio Sarri zu verpflichten? Der Sieg in der Europa League? Eine neue Liebe zum Offensivfußball? Oder der Sparzwang, nachdem er sich mit Cristiano Ronaldo ganz unerwartet doch ein wenig übernommen hat?

Und was hat Francesco Totti geritten, nach seiner Kündigung bei der Roma eine Pressekonferenz im Ehrensaal des Olympia-Komitees einzuberufen und sich darin geschlagene 90 Minuten als Opfer internationaler Intrigen darzustellen? Zu behaupten, der ewig abwesende US-amerikanische Klubeigner Pallotta wolle die Römer aus dem Verein treiben. Sich zu beklagen, weil er bei wichtigen Entscheidungen nicht gefragt wurde – um dann aber zuzugeben, dass Claudio Ranieri auf sein Betreiben hin als Übergangslösung nach Di Francesco geholt wurde. Wie jetzt: Nichts zu sagen haben und dann doch im Alleingang einen Trainer anheuern können?

Soviel Anmaßung ist entlarvend – aber nicht für das Klubmanagement, sondern fuur Totti selbst. Als Spieler war er gewöhnt, bei der Roma gutes und schlechtes Wetter zu machen, den Daumen über Trainer oder Mitspieler zu senken. Bis heute glaubt er allen Ernstes, zum Karrierende gezwungen worden zu sein. Mit 41. Danach musste er sich neu erfinden, den Posten dafür hatte man ihm zur Verfügung gestellt, honoriert mit immer noch beachtlichen 600.000 Euro im Jahr. Nicht wenig für einen Ex-Fußballer mit Buchhalterausbildung.

Zuletzt bot man ihm den Job als Sportdirektor an. Totti ließ sich monatelang Zeit mit der Antwort. Um dann die Türen zu knallen. Beleidigt, weil man ihn vor der Verpflichtung von Paulo Fonseca nicht angehört hatte. Stocksauer, weil er so offensichtlich nicht mehr die Nummer 1 ist.

Willkommen in der Realität, Capitano, der Realität einer Aktiengesellschaft. Willkommen in der globalisierten Unterhaltungsindustrie. Seit acht Jahren hat die Roma keinen Präsidenten mehr, der sonntags in Testaccio gesottenen Ochsenschwanz essen geht. Sondern der die Geschäfte aus Boston führt, unterstützt von einem in London ansässigen, italienischen Berater.

Totti macht jetzt erstmal Ferien (wovon?). Und heuert dann vermutlich bei der Nationalmannschaft an. Also dort, wo man die Italiener vorerst nicht vertreiben will.

Addio Allegri. Oder Arrivederci

Nach fünf Jahren bei Juventus mit fünf Meistertiteln und vier Pokalen muss Massimiliano Allegri gehen. Zwei Champions-League-Endspiele hat er erreicht, beide verloren. Ewiger Sieger in Italien zu sein und immer mal wieder Zweiter in Europa, das reicht Andrea Agnelli nicht. Schließlich hat er unter großem persönlichen Einsatz (Ausflug mit dem Privatjet nach Griechenland) Cristiano Ronaldo in die Mannschaft geholt. Um dann im Viertelfinale an Ajax zu scheitern, einer Boygroup, die zusammen gerade mal ein Drittel des Jahresgehalts von CR7 kassiert.

Jetzt soll Guardiola her. Guardiola! Oder Pochettino, dessen Vorfahren stammen ja aus dem Piemont. „Was hat Pochettino noch gleich gewonnen?“ stichelt Mourinho, aber hej, kann ja noch werden mit Tottenham. Conte ist auch im Gespräch, gähn. Vielmehr: Schlotter. Ein Feldwebel, international nie vorneweg marschiert. Simone Inzaghi wird auch als Kandidat genannt, aber irgendwie hat selbst Agnelli einen Ruf zu verlieren. Allegri, einen der derzeit besten vier, fünf Trainer der Welt, für den kleinen Bruder von Superpippo in die Wüste zu schicken, weil der gerade einmal den Pokal (Opa-Cup im Volksmund) geholt hat, also ich muss doch sehr bitten.

Die Frage ist doch: Wer ist in der Lage, Cristiano Ronaldo zu trainieren? Und wer, den Größenwahn des Fiat-Erben zu befriedigen? Die Juve soll ja endlich ein echter Weltklub werden, nicht nur das personifizierte Heimweh emigrierter italienischer Pizzabäcker (und Physiker). Solchen Ehrgeiz haben Vater, Onkel und Großvater des amtierenden Agnelli noch nicht gekannt, ihnen reichte die Mannschaft als luxuriöses Spielzeug und Bindeglied zu ihren Fiat-Arbeitern.

Tempi passati. Das Band zwischen kickendem und schuftenden Personal ist längst durchschnitten, kein einziger Juvespieler heute hat mal bei Fiat gearbeitet, wie einst Roberto Bettega. Die riesigen Werkshallen in Mirafiori (Adresse: Corso dell’Unione Sovietica…) sind weitgehend verwaist.

Und der nächste Trainer wird kaum der Sohn eines Hafenarbeiters sein.

Wie Max Allegri.

Wenn Siegen nicht mehr reicht

Juve wird zum achten Mal in acht Jahren Meister – und was singen die Fans? Allegri muss weg. Egal, wo man in diesen Tagen Juventini trifft, sie ziehen eine Flunsch, als wäre Neapel in letzter Minute noch vorbei gezogen und nicht abgeschlagen mit 17 Punkten Abstand wieder mal als ewiger Zweiter gedemütigt. Allegri soll weg, weil er schon wieder (!) in der Champions League gescheitert ist.

Ja, und wer soll ihn bitteschön ersetzen? Dazu ein paar Gedanken in der SZ.

Hair

Cristiano Ronaldo präsentiert in Madrid sein neues Investionsobjekt: Eine Spezialklinik für Haarverpflanzungen. Bei der Gelegenheit erklärt er zum Beispiel, er habe sich immer schon für Gesundheit, Technik und Forschung interessiert. Daher jetzt die Klinik, in der 150 Angestellte täglich 18 Haarverpflanzungen vornehmen sollen, zum Preis von jeweils ab 4000 Euro. Mit einem Tagesumsatz von 76.000 Euro eher ein kleines Geschäft für CR7, der als Fußballer pro Tag mehr verdient, nämlich 82.000 Euro netto.

Haarverpflanzungen sind ja im Fußball ein Thema, nicht nur für die Herren Klopp und Conte. Eine Etage drunter machen Gigi Buffon und Andrea Pirlo Werbung für Schuppenshampoo. Der Fußball scheint ein Samson-Syndrom zu haben, vielleicht wird aber auch nur körperliche Perfektion immer wichtiger, wofür Cristiano Ronaldo selbst ja ein herausragendes Beispiel ist. Keine Falte, keine Narbe, kein Tattoo, alles glatt und die Zähne gerichtet. David Beckham hat mit dieser Mode angefangen, allerdings war er noch tätowiert.

Das ist das Eine, was einem zu der Klinik des Herrn Dos Santos Aveiro einfallen könnte. Das Andere ist, dass Fußballer früher mal von ihren Ersparnissen einen Schreibwarenladen aufmachten oder eine Trinkhalle. Und dann natürlich noch, dass derselbe Cristiano Ronaldo erst kürzlich wegen Steuerbetrugs in Madrid vor Gericht stand. Nach Vergleich 23 Monate auf Bewährung und eine Geldbuße von 3,2 Millionen plus Nachzahlung der ausstehenden 14 Millionen. Jetzt sagt derselbe Mann, er verdanke Spanien viel und investiere deshalb gern dort.

Vielleicht spielt CR 7 beim Viertelfinale Ajax-Juve nicht mit, ihm droht wegen seiner obszönen Geste gegen die Fans von Atletico Madrid eine Sperre von der Uefa.

Ich werde jedenfalls beim nächsten Auftritt an die Haarklinik denken. Und daran, was mittlerweile in den Köpfen seiner Fans so alles ausgeblendet werden muss, wenn Cristiano Ronaldo ein Tor schießt.