Oh, Gigi!

Gigi Buffon ist wieder da. Nach einem Jahr in Paris hat er heute bei seinem alten Klub Juventus eingecheckt. Sein Kommentar: „Wenn man von einer Signora eingeladen wird, darf man nicht Nein sagen.“ So lässig wie immer, der alte Gigi, aber mit neuen Erkenntnissen und – Lesetipps. Erzählungen von Jonathan Coe und Osvaldo Soriano – und Krimis von Fred Vargas und Gianrico Carofiglio.

Muss man ja nicht auf der Bank lesen.

Hair

Cristiano Ronaldo präsentiert in Madrid sein neues Investionsobjekt: Eine Spezialklinik für Haarverpflanzungen. Bei der Gelegenheit erklärt er zum Beispiel, er habe sich immer schon für Gesundheit, Technik und Forschung interessiert. Daher jetzt die Klinik, in der 150 Angestellte täglich 18 Haarverpflanzungen vornehmen sollen, zum Preis von jeweils ab 4000 Euro. Mit einem Tagesumsatz von 76.000 Euro eher ein kleines Geschäft für CR7, der als Fußballer pro Tag mehr verdient, nämlich 82.000 Euro netto.

Haarverpflanzungen sind ja im Fußball ein Thema, nicht nur für die Herren Klopp und Conte. Eine Etage drunter machen Gigi Buffon und Andrea Pirlo Werbung für Schuppenshampoo. Der Fußball scheint ein Samson-Syndrom zu haben, vielleicht wird aber auch nur körperliche Perfektion immer wichtiger, wofür Cristiano Ronaldo selbst ja ein herausragendes Beispiel ist. Keine Falte, keine Narbe, kein Tattoo, alles glatt und die Zähne gerichtet. David Beckham hat mit dieser Mode angefangen, allerdings war er noch tätowiert.

Das ist das Eine, was einem zu der Klinik des Herrn Dos Santos Aveiro einfallen könnte. Das Andere ist, dass Fußballer früher mal von ihren Ersparnissen einen Schreibwarenladen aufmachten oder eine Trinkhalle. Und dann natürlich noch, dass derselbe Cristiano Ronaldo erst kürzlich wegen Steuerbetrugs in Madrid vor Gericht stand. Nach Vergleich 23 Monate auf Bewährung und eine Geldbuße von 3,2 Millionen plus Nachzahlung der ausstehenden 14 Millionen. Jetzt sagt derselbe Mann, er verdanke Spanien viel und investiere deshalb gern dort.

Vielleicht spielt CR 7 beim Viertelfinale Ajax-Juve nicht mit, ihm droht wegen seiner obszönen Geste gegen die Fans von Atletico Madrid eine Sperre von der Uefa.

Ich werde jedenfalls beim nächsten Auftritt an die Haarklinik denken. Und daran, was mittlerweile in den Köpfen seiner Fans so alles ausgeblendet werden muss, wenn Cristiano Ronaldo ein Tor schießt.

CR 7 Corner

Drei Tore von Cristiano Ronaldo und die Juve kassiert 270 Millionen an der Börse. Um 17 Prozent hat die Aktie zugelegt. Drei Tore von Cristiano Ronaldo, und der Geldregen rauscht weiter, im Viertelfinale, mit Ticketverkauf und vor allem dem fetten Fernsehgeld. Drei Tore von Cristiano Ronaldo und Juventus hat noch mehr Follower auf Instagram, aktuell sind es über 23 Millionen (die Bayern sind bei 15,6).

Es geht um die Kohle, und womit kann man schon im Moment mehr Kohle machen als mit Emotionen von Männern, die sich beim Fußballgucken vom mühsamen Gestrampel im Hamsterrad des Geldverdienens erholen wollen?

Drei Tore von Cristiano Ronaldo, gesehen in der CR7-Corner-Hotelbar von Cristiano Ronaldo. Hier.

Signora

Heute wird in Villar Perosa Marella Caracciolo di Castagneto zu Grabe getragen, die Witwe des Avvocato Gianni Agnelli (hier ein altes ZEIT-Porträt von mir). Am Samstag ist sie im Alter von fast 92 Jahren gestorben, und nicht nur in Turin haben viele das Gefühl, dass mit dem Tod dieser sehr besonderen Frau eine Ära zu Ende geht. Nicht so sehr das Jahrhundert der von den Agnelli dominierten Autoindustrie, denn das war im Prinzip schon mit dem Ende des Avvocato vorbei. Sondern das Zeitalter der Dame.

Marella_Agnelli

Auf den ersten Blick verkörpert die Dame ein hoffnungslos altmodisches Frauenbild: Nicht berufstätiges Statussymbol eines reichen Ehemannes, der sie zur Mutter seiner Kinder macht, ihr jeden materiellen Wunsch erfüllt und dafür im Gegenzug erwarten darf, dass sie alle seine erotischen Eskapaden ohne Gezeter erträgt. Auf den zweiten Blick ist eine solche Definition aber genau das, was die Dame niemals ist, nämlich schlicht und einfach spießig. Im Wertesystem des Kleinbürgers ist die Ehe wie das ganze Leben ein präzise abgestecktes Do-ut-des, in dem der Einzelne am Ende danach bewertet wird, was er oder sie sich erarbeitet hat. Die Dame spielt in einem solchen Weltbild die Rolle des zugleich bemitleideten und beneideten parasitären Opfers.

Von all‘ dem war Marella Agnelli Lichtjahre entfernt. Geboren 1927 in Florenz als Tochter eines neapolitanischen Fürsten, dessen Urahn einst gegen Lord Nelson gekämpft hatte und dafür am Mastbaum seines Schiffes aufgeknüpft worde war, führte sie von Anfang an ein freies, unabhängiges Leben. Bevor sie Gianni Agnelli kennenlernte und 1953 heiratete, fotografierte sie für Vogue. Später entwarf sie Stoffe und Gärten. Ihre Brüder machten glänzende Karrieren – Carlo Caracciolo als Verleger der großen, liberalen Tageszeitung „La Repubblica“, Nicola als Historiker. Marella aber hatte ein glänzendes Leben als eine der Traumfrauen ihrer Zeit, über die ihr Freund und Bewunderer Truman Capote sagte: „Wenn sie als Juwel in Tiffanys Schaufenster läge, wäre sie sehr, sehr teuer.“

Mit Italiens Ersatzkönig Agnelli bildete die echte Prinzessin ein Traumpaar des internationalen Jet-Sets; attraktiv, weltläufig und jenseits aller Konventionen. Residenzen in New York, St. Moritz, Marrakesch, Paris, Rom und natürlich Turin. Eine Kunstsammlung, die sie kurz vor Giannis Tod in großen Teilen der Stadt Turin vermachten. Ein Haufen Freunde aus Kunst, Literatur und Politik, allen voran Andy Warhol, der die beiden porträtierte, und JFK, der Marella angeblich besonders verehrte. Gianni Agnelli war der schillerndste Industrielle der Welt, ein Autobauer als Kunstmäzen und Sexsymbol. Seine Frau war noch mehr, nämlich der Inbegriff einer fast schon transzendenten Eleganz. Er war ungeheuer populär, ein Cäsar zum Anfassen für seine Arbeiter und als Patron der „Juventus“ vor allem ihr erster Fan. Sie aber war so entrückt, wie es nur echte Damen sein können, die über der Vulgarität des so genannten echten Lebens schweben.

Giannis Frauengeschichten und die Ehe der beiden – Privatsache. Der Schmerz über den Freitod des einzigen Sohnes Edoardo, der sich 2000 von einer Autobahnbrücke stürzte – Privatsache. Die Erbschaftsstreitigkeiten mit der Tochter Margherita – Privatsache. Diskretion und eine gewisse, empathische Distanz waren ihre Lebenshaltung, bis zuletzt. Erst nach ihrem Tod erfuhr man zum Beispiel, dass sie schwer an Parkinson erkrankt war und die letzten beiden Jahre künstlich ernährt werden musste. Wie schwer das Leben sein konnte, wusste nur sie selbst. Die Außenwelt sah nur vorbildliche Leichtigkeit.

Marella Agnelli hat den Krieg überlebt und die antifaschistische Resistenza, zu der ihre Familie gehörte. Sie hat den Industrieboom erlebt, der sie zu einer der reichsten Frauen der Welt machte. Sie begegnete Päpste und amerikanischen Präsidenten, europäischen Fürsten und dem nordafrikanischen Tyrannen Gaddafi, den ihr Mann als Anteilseigner zu Fiat und Juventus holte. Zu all‘ diesen Männer gab es von ihr öffentlich keinen Kommentar. Privat soll sie geistreich gewesen sein, aber immer leise.

Fast spurlos gingen die Jahre und Schicksalsschläge an ihr vorüber, eine auffallende Schönheit war sie nie, aber zeitlos schön blieb sie doch. Understatement war ihr Stil, noch nicht einmal die stets kurz geschnittenen Haare färbte sie sich. Marella Agnelli trug am liebsten flache Absätze und lange Hosen. Nie wurde sie als „Signora“ angesprochen, sie, die doch eine ganze Dame war. Sondern immer nur als „Donna Marella.“ Das italienische Wort für Frau ist als Anrede den Aristokratinnen vorbehalten.

Als Gianni Agnelli starb, gab in Italien der Medienzar Berlusconi den Ton an. Zur Trauerfeier seines Rivalen fuhr er demonstrativ im Audi vor. Inzwischen ist das Land mitsamt seiner regierenden Kaste noch weiter abgestiegen, in eine faschistoide Vorhölle des Vulgärpopulismus. Die Männer, die jetzt Italien regieren, sind hasserfüllte Kleinbürger, Zerstörer, die sich von Geist und Schönheit provoziert fühlen. Die Demokratie ist in ihren Augen viel zu damenhaft. In Italien, und nicht nur dort, triumphiert die Hässlichkeit. Es ist die aggressive Fast-Food-Ästhetik des ignoranten Pöbels und der wutschnaubenden Rassisten.

Keine Welt für Damen.

CR7-Day

Einfach irre, was in Turin passiert, wo Cristiano Ronaldo seit den frühesten Morgenstunden von Tausenden Tifosi erwartet wird. Die Leute hängen bei brütender Hitze hinter Absperrgittern, nur um einen Blick auf das Idol zu erhaschen, als der Spieler sich zum Medizincheck begibt. Tatsächlich läuft Ronaldo dann ca. eine Minute an ihnen vorbei und gibt ein paar Autogramme, genauso angespannt und ernst wie immer. Manche Zeitungen, zum Beispiel der einstmals durchaus seriöse „Corriere della Sera“, hatten auf ihrer Onlineausgabe den ganzen Vormittag über einen Livestream laufen, um nur ja nicht Ronaldos halböffentlichen 100-Meter-Lauf vor dem Stadion zu verpassen!

Angekommen war er gestern, mit einem Privatjet, während des WM-Finales. Geniale Idee. Alle friedlich vorm Fernseher, in der Illusion, der Held käme wie angekündigt heute morgen um zehn Uhr. Offenbar hat die Turiner Polizei Juventus darauf aufmerksam gemacht, dass das ein Sicherheitsproblem werden könnte.

Das Verrückte ist, dass im Moment genau zwei Männer die öffentliche Bühne in Italien beherrschen: Der finstere Rechtsaußen Matteo Salvini und die Lichtgestalt CR7. Wobei deren Klientel durchaus gemischt ist. Während Salvini so tut, als könne er mit seinem brutalen Antiflüchtlings-Programm das Land auch nur um einen Deut sicherer und besser machen, soll Ronaldo dem Rest der Welt zeigen, wozu Italien sonst noch fähig ist. Zwei Seiten einer Medaille für das Wir-sind-wieder-wer.

Logischerweise war das von den Agnelli nicht beabsichtigt. Die können sich vor einem, der so hässlich, hasserfüllt und vulgär ist wie Salvini nur gruseln. Wir werden sehen, ob Ronaldo den Finsterling noch weiter verdunkelt, er überstrahlt ihn ja jetzt schon. Der Fußball ist auf jeden Fall die positive Seite des neuen italienischen Größenwahns. Aber was sagt das aus über eine Gesellschaft, dass sie auf einen 33-Jährigen Portugiesen derart viele Erwartungen projiziert?

Heute morgen übrigens Streik im Fiat-Werk Melfi. Fünf von 1.700 Schichtarbeitern haben die Arbeit niedergelegt – aus Protest dagegen, dass der neue Angestellte Ronaldo so viel verdient und sie selbst so wenig. Das seien genau 0,3 Prozent, hat der FCA-Konzernsprecher ausgerechnet. Das Medienecho der Aktion sei unendlich viel stärker gewesen als das, was sich in der Realität abgespielt habe.

Bem Vindos in der PFRI. Populistische Fußballrepublik Italien.

 

Allez Didi

An dieser Stelle eine kleine Vorbemerkung (und wenn sie sich wie eine Entschuldigung lesen sollte, wäre es auch in Ordnung): Dass ich mich langsam wie die Rolf Seelmann-Eggebert des FC Juventus fühle, hat rein gar nichts mit meinen persönlichen Vorlieben zu tun. Die gehören nämlich unverändert der Roma. Doch es stimmt schon, was der große italienische Fußballschreiber Gianni Brera formulierte, man muss die Juve nicht lieben, aber man sollte sie durchaus bewundern. Vor zwölf Jahren war der Klub total am Boden, erst acht Juventino im WM-Finale zwischen Frankreich und Italien, dann mit drei Weltmeistern im Kader (Buffon, Del Piero, Camoranesi) abgestiegen in die Serie B. Und jetzt wieder ganz obenauf. Nach zwei CL-Finalspielen in drei Jahren gerade den größten Star des Weltfußballs angeheuert (hier ein Link zu einem echten Kult-Interview von CR7 mit dem inzwischen amtierenden portugiesischen Präsidenten Marcelo Rebelo de Sousa, den Ronaldo höflich mit „Herr Professor“ anspricht), und dann ganz abgesehen von der Squadra Azzurra prominent im Finale in Russland vertreten, mit Matuidi, Mandzukic und Didier Deschamps.

Letzterer ist der Grund dafür, warum ich ganz unbedingt für Frankreich bin (der andere ist, dass mir die Kroaten mit ihrem rabiaten Nationalismus suspekt sind, weswegen die europäischen „Identitären“, natürlich auch unser Angstminister Salvini, für Kroatien sind). Deschamps hingegen:Der unprätenziöseste Mann der Fußballwelt. Very, very old school. Am 10. Juli 2006 wurde er Trainer von Juventus in ihrem ersten und einzigen Jahr in der Serie B.

Didier_Deschamps

Aus gegebenem Anlass also eine kleine Hommage aus „La Fidanzata“, von der es übrigens die nächste Auflage mit handschriftlicher Widmung der neuen Nummer 7 geben wird. Hat er jedenfalls versprochen.

DIDIER DESCHAMPS

Mittelfeld, geb. 1968 in Bayonne, Frankreich. Bei Juventus 1994-99, als Trainer 2006-07.

Als Spieler 226 Einsätze, 5 Tore,

3 Meistertitel, 1 Pokal, 1 Champions League, 1 Weltpokal

Der gallische Terrier. Kernig, kurzbeinig, geschätzte 48 Zähne, die sich an jedem Gegner festbissen. In seiner Juve-Zeit wurde der Franzose Deschamps Weltmeister, aber Champagner-Fußball war nun wirklich nie sein Ding. Eher die Abteilung ehrlicher Landwein, mit ein paar Umdrehungen zu viel. Und mit Struktur. Denn das war es, was den Spieler Deschamps ausmachte und den Trainer zum Erfolg führte: Der Mann ist einfach hervorragend strukturiert. Überlässt nichts dem Zufall. Nahm sich früher jeden Zweikampf vor und später genauso akribisch jede gegnerische Mannschaft. Unter Lippi dirigierte dieser Unermüdliche das Mittelfeld, umsichtig, konkret, ohne Schnörkel.

Im Moment der höchsten Not seines Ex-Vereins kehrte der Mann für’s Grobe zurück nach Turin. Deschamps war mittlerweile Trainer, er hatte vier Jahre bei AS Monace verbracht und übernahm nun Juventus in der zweiten Liga, mit 17 Straf-Minuspunkten. Ein rührender Akt der Treue, eine Geste der Ritterlichkeit. Mit Deschamps überstanden die Juventini ihr Büßerjahr glänzend und stiegen sofort wieder auf. Aber nun warf der Franzose hin – so sehr die Spieler ihm vertrauten, so wenig verstand er sich mit der Klubführung, der erstmals in der Geschichte ein Landsmann vorstand. Jean-Claude Blanc, ein Sportmanager aus den französischen Alpen, mit Harvard-Abschluss, ohne einen Hauch von Stallgeruch.

Jahre später, als Blanc, inzwischen Geschäftsführer bei Paris St. Germain und er wieder miteinander redeten, gestand Deschamps, er habe womöglich übereilt gehandelt. Ruppig und rustikal, wie es seine Art ist, hatte er den manikürten Juve-Manager in die Mangel genommen wie weiland seine Gegenspieler. Geschadet hatte es dem getreuen Musketier DD nicht, für ihn sprachen stets die Ergebnisse. Nach einer Station bei Olympique Marseille war er schon gallischer Nationaltrainer.