Happy Birthday, Trap

Giovanni Trapattoni wird 80. Da kann man nur gratulieren. Salute e felicità. Und nochmal aufschreiben, warum es grundfalsch ist, einen der erfolgreichsten Trainer der Fußballgeschichte auf eine so genannte Wutrede zu reduzieren.

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CR 7 Corner

Drei Tore von Cristiano Ronaldo und die Juve kassiert 270 Millionen an der Börse. Um 17 Prozent hat die Aktie zugelegt. Drei Tore von Cristiano Ronaldo, und der Geldregen rauscht weiter, im Viertelfinale, mit Ticketverkauf und vor allem dem fetten Fernsehgeld. Drei Tore von Cristiano Ronaldo und Juventus hat noch mehr Follower auf Instagram, aktuell sind es über 23 Millionen (die Bayern sind bei 15,6).

Es geht um die Kohle, und womit kann man schon im Moment mehr Kohle machen als mit Emotionen von Männern, die sich beim Fußballgucken vom mühsamen Gestrampel im Hamsterrad des Geldverdienens erholen wollen?

Drei Tore von Cristiano Ronaldo, gesehen in der CR7-Corner-Hotelbar von Cristiano Ronaldo. Hier.

Signora

Heute wird in Villar Perosa Marella Caracciolo di Castagneto zu Grabe getragen, die Witwe des Avvocato Gianni Agnelli (hier ein altes ZEIT-Porträt von mir). Am Samstag ist sie im Alter von fast 92 Jahren gestorben, und nicht nur in Turin haben viele das Gefühl, dass mit dem Tod dieser sehr besonderen Frau eine Ära zu Ende geht. Nicht so sehr das Jahrhundert der von den Agnelli dominierten Autoindustrie, denn das war im Prinzip schon mit dem Ende des Avvocato vorbei. Sondern das Zeitalter der Dame.

Marella_Agnelli

Auf den ersten Blick verkörpert die Dame ein hoffnungslos altmodisches Frauenbild: Nicht berufstätiges Statussymbol eines reichen Ehemannes, der sie zur Mutter seiner Kinder macht, ihr jeden materiellen Wunsch erfüllt und dafür im Gegenzug erwarten darf, dass sie alle seine erotischen Eskapaden ohne Gezeter erträgt. Auf den zweiten Blick ist eine solche Definition aber genau das, was die Dame niemals ist, nämlich schlicht und einfach spießig. Im Wertesystem des Kleinbürgers ist die Ehe wie das ganze Leben ein präzise abgestecktes Do-ut-des, in dem der Einzelne am Ende danach bewertet wird, was er oder sie sich erarbeitet hat. Die Dame spielt in einem solchen Weltbild die Rolle des zugleich bemitleideten und beneideten parasitären Opfers.

Von all‘ dem war Marella Agnelli Lichtjahre entfernt. Geboren 1927 in Florenz als Tochter eines neapolitanischen Fürsten, dessen Urahn einst gegen Lord Nelson gekämpft hatte und dafür am Mastbaum seines Schiffes aufgeknüpft worde war, führte sie von Anfang an ein freies, unabhängiges Leben. Bevor sie Gianni Agnelli kennenlernte und 1953 heiratete, fotografierte sie für Vogue. Später entwarf sie Stoffe und Gärten. Ihre Brüder machten glänzende Karrieren – Carlo Caracciolo als Verleger der großen, liberalen Tageszeitung „La Repubblica“, Nicola als Historiker. Marella aber hatte ein glänzendes Leben als eine der Traumfrauen ihrer Zeit, über die ihr Freund und Bewunderer Truman Capote sagte: „Wenn sie als Juwel in Tiffanys Schaufenster läge, wäre sie sehr, sehr teuer.“

Mit Italiens Ersatzkönig Agnelli bildete die echte Prinzessin ein Traumpaar des internationalen Jet-Sets; attraktiv, weltläufig und jenseits aller Konventionen. Residenzen in New York, St. Moritz, Marrakesch, Paris, Rom und natürlich Turin. Eine Kunstsammlung, die sie kurz vor Giannis Tod in großen Teilen der Stadt Turin vermachten. Ein Haufen Freunde aus Kunst, Literatur und Politik, allen voran Andy Warhol, der die beiden porträtierte, und JFK, der Marella angeblich besonders verehrte. Gianni Agnelli war der schillerndste Industrielle der Welt, ein Autobauer als Kunstmäzen und Sexsymbol. Seine Frau war noch mehr, nämlich der Inbegriff einer fast schon transzendenten Eleganz. Er war ungeheuer populär, ein Cäsar zum Anfassen für seine Arbeiter und als Patron der „Juventus“ vor allem ihr erster Fan. Sie aber war so entrückt, wie es nur echte Damen sein können, die über der Vulgarität des so genannten echten Lebens schweben.

Giannis Frauengeschichten und die Ehe der beiden – Privatsache. Der Schmerz über den Freitod des einzigen Sohnes Edoardo, der sich 2000 von einer Autobahnbrücke stürzte – Privatsache. Die Erbschaftsstreitigkeiten mit der Tochter Margherita – Privatsache. Diskretion und eine gewisse, empathische Distanz waren ihre Lebenshaltung, bis zuletzt. Erst nach ihrem Tod erfuhr man zum Beispiel, dass sie schwer an Parkinson erkrankt war und die letzten beiden Jahre künstlich ernährt werden musste. Wie schwer das Leben sein konnte, wusste nur sie selbst. Die Außenwelt sah nur vorbildliche Leichtigkeit.

Marella Agnelli hat den Krieg überlebt und die antifaschistische Resistenza, zu der ihre Familie gehörte. Sie hat den Industrieboom erlebt, der sie zu einer der reichsten Frauen der Welt machte. Sie begegnete Päpste und amerikanischen Präsidenten, europäischen Fürsten und dem nordafrikanischen Tyrannen Gaddafi, den ihr Mann als Anteilseigner zu Fiat und Juventus holte. Zu all‘ diesen Männer gab es von ihr öffentlich keinen Kommentar. Privat soll sie geistreich gewesen sein, aber immer leise.

Fast spurlos gingen die Jahre und Schicksalsschläge an ihr vorüber, eine auffallende Schönheit war sie nie, aber zeitlos schön blieb sie doch. Understatement war ihr Stil, noch nicht einmal die stets kurz geschnittenen Haare färbte sie sich. Marella Agnelli trug am liebsten flache Absätze und lange Hosen. Nie wurde sie als „Signora“ angesprochen, sie, die doch eine ganze Dame war. Sondern immer nur als „Donna Marella.“ Das italienische Wort für Frau ist als Anrede den Aristokratinnen vorbehalten.

Als Gianni Agnelli starb, gab in Italien der Medienzar Berlusconi den Ton an. Zur Trauerfeier seines Rivalen fuhr er demonstrativ im Audi vor. Inzwischen ist das Land mitsamt seiner regierenden Kaste noch weiter abgestiegen, in eine faschistoide Vorhölle des Vulgärpopulismus. Die Männer, die jetzt Italien regieren, sind hasserfüllte Kleinbürger, Zerstörer, die sich von Geist und Schönheit provoziert fühlen. Die Demokratie ist in ihren Augen viel zu damenhaft. In Italien, und nicht nur dort, triumphiert die Hässlichkeit. Es ist die aggressive Fast-Food-Ästhetik des ignoranten Pöbels und der wutschnaubenden Rassisten.

Keine Welt für Damen.

Vorbestraft

Cristiano Ronaldo, einer der reichsten und berühmtesten Fußballer der Welt, läuft seit heute als Vorbestrafter über den Platz. Ein Gericht in Madrid verurteilte ihn wegen Steuerhinterziehung von 5,7 Millionen Euro zu einer Haftstrafe von 23 Monaten. Die CR7 nicht absitzen muss. Hinzu kommt eine Geldbuße von 3,2 Millionen Euro, Zurückzahlung samt Zinsen natürlich auch noch. Cristiano Ronaldo akzeptierte das Urteil – ähnlich wie zuvor Lionel Messi, der 21 Monate kassiert hatte.

Vor dem Gericht unterschrieb CR 7, ganz in Schwarz, mit Brilli am Ohr und in Begleitung der stoischen Georgina oder Josefine oder wie immer sie heißt, ein paar Autogramme und versicherte mit einem Lächeln über 62 Zähne: „Es geht mir blendend.“

War da was? Ehre und Anstand? Leute, totaaal von gestern.

 

1 Prozent Ronaldo

Zu 99 Prozent bin ich ein Gentleman. Aber manchmal bricht das andere eine Prozent heraus, soll Cristiano Ronaldo zu der jungen US-Amerikanerin gesagt haben, nachdem er sie angeblich vergewaltigt hat. Neun Jahre später will ein neuer Anwalt der jungen Frau vor Gericht ziehen. Der Spiegel berichtet (hier die kostenfreie, englische Version der Geschichte) und stellt die Klageschrift online.

Deren Inhalt ist bestürzend. CR7 soll die Amerikanerin am Rande einer spontanen Whirlpool-Party in einem Hotel in Las Vegas zunächst übel bedrängt und dann brutal vergewaltigt haben. Danach zahlten seine Anwälte (von einem „Team“ ist in der Klage die Rede) Schweigegeld.

Eine Bombe. Kommt es zu einem Verfahren, steht Ronaldos Karriere auf dem Spiel. Der Spieler schweigt. Juventus schweigt. Und die italienischen Medien tun so, als sei nichts passiert.

Schwere Geburt

Die Juve gewinnt 3:2 bei Chievo Verona, in letzter Minute, nach einer mühsamen Partie. Die frühe Führung durch Sami Khedira hatte Madama träge werden lassen, nur einer suchte verbissen nach dem Tor: Genau, der Spieler mit der Trikotnummer 7 (ehemals Cuadrado, der jetzt die 16 trägt). Während sich die übrigen Bianconeri gemütlich zurücklehnten, und jede überflüssige Anstrengung sorgfältig vermieden, versuchte Cristiano Ronaldo mit allen Mitteln, an Chievos Stefano Sorrentino vorbei zu kommen. Der Ex von Real Madrid gegen den Ex von Recreativo Huelva. Klappte aber nicht.

Stattdessen schaffte Chievo den Ausgleich und ging dann auch noch per Elfmeter in Führung. Sensationell! Lange blieb es beim 2:1, bis nicht der Neue aus Portugal, sondern der altbekannte Leonardo Bonucci die größte Blamage verhinderte. 2:2 in Minute 75, erzielt vom verlorenen Sohn, der vergangenes Jahr im Streit mit Allegri zur AC Milan abgerauscht war, dort als Kapitän alle enttäuschte, am meisten sich selbst – um reumütig wieder nach Turin zurück zu kehren. Für Bonucci gab es am Anfang Pfiffe, die der Chievo-Leuten waren noch etwas leiser als die der Juventini.

Zum Schluss ein wenig Chaos. Emre Can versuchte sich an Sorrentino. Der wehrte ab, stürzte, der hyperaktive Ronaldo verpasste ihm einen Ellbogenstüber – und Mandzukic trifft. Annullieren, entscheidet der Video-Schiedsrichter, der in Italien übrigens im Unterschied zu Deutschland in jedem Stadion installiert ist. Erst als Sorrentino vom Platz getragen wird, gelingt Juventus der Sieg. Sein Vertreter Seculin lässt sich von Bernadeschi überraschen.

In Turin ist die Welt vorerst wieder in Ordnung. Fazit: Der Neue spielt wirklich nicht schlecht und Mühe gibt er sich ja auch. Also Pazienza. Vielleicht klappt es mit dem Tor nächsten Samstag, zu Hause gegen Lazio.