Tortellini-Kreuzzug

Tortellini kommen ursprünglich aus der Gegend um Bologna, sind aber mittlerweile in ganz Nord- und Mittelitalien ein beliebtes Weihnachtsgericht, am liebsten serviert „in brodo“, also in Fleischbrühe. Es existiert längst auch eine Version für Vegetarier, ursprünglich aber werden die kleinen Teigtaschen mit Hackfleisch, rohem Schinken und Mortadella-Wurst gefüllt. Also mit Schweinefleisch. Ähnlich wie Lasagne, ebenfalls ein Klassiker aus Bologna. In die Hackfleischsauce kommt traditionell auch ein wenig Schweinemett – weil in der Emilia, dem Landstrich um Bologna, halt viele Schweine gemästet werden. Parmaschinken, Mortadella usw. Die Massentierhaltung führt auch in dieser schönen Gegend zu einem massiven Gülleproblem. Aber das ist kein Thema für die italienische Politik.

Lieber streitet man sich um die Tortellinifüllung. Als der Bischof von Bologna kürzlich entschied, einen Teil der Teigtaschen für das große Patronatsfest für den Stadtheiligen St. Petronius mit Hühnerfleisch füllen zu lassen, um auch Nicht-Katholiken die Möglichkeit zum geselligen Miteinander zu geben, kriegte die Spitzenkandidatin der rechtsextremen Lega für die Regionalwahlen im Januar Schnappatmung: „Die verhunzen sogar die Tortellini, um sich an den Islam ranzuwanzen.“ Der Bischof gab kühl zurück, die Gemeinschaft sei ihm wichtiger als die Details eines Küchenrezepts.

Damit hätte die Sache erledigt sein können. Aber die italienische Rechte will weiter ihr Süppchen mit den Tortellini kochen. Für Leute, die naturgemäß nicht über den eigenen Tellerrand gucken können, handelt es sich um ein gefundenes Fressen. Seit Jahren propagieren Salvini und seine Leute das identitäre Essen, was merkwürdigerweise aus jeder Menge Schweinefleisch und Bier besteht, dabei spielen diese Zutaten für die klassische mediterrane Küche überhaupt keine Rolle. Salvinis Parteifreund Luca Zaia, derzeit Regionalpräsident von Venezien, musste sich einmal dafür entschuldigen, weil er beim Silvestermahl in einem chinesischen Restaurant entdeckt wurde.

Echte Italiener essen nur italienisch! Und der italienische Mann stopft aus soviel patriotisches Fleisch in sich hinein, bis es ihm aus den Ohren herauskommt. Geradezu täglich stellt Salvini seine Mahlzeiten in den asozialen Netzwerken aus, es handelt sich um derartige Berge von Fett, Kohlehydraten, Zucker und Alkohol, dass selbst dieser bullige Mittvierziger sie unmöglich bewältigen kann.  Jetzt kommentierte er im Gesichtsbuch: „Tortellini ohne Schweinefleisch sind wie Wein ohne Weintrauben, wie Schokolade ohne Kakao. Das Problem sind nicht die Muslime, sondern einige Italiener, die sich für sich selbst schämen und Jahrtausende Geschichte, Kultur, Tradition und Glauben wegstreichen.“

Unter dem macht er’s nicht.

Den Kreuzzug um die Füllung hat jetzt der Chef persönlich beendet, auf seine eigene, unnachahmlich menschliche Art. Am Sonntag lud Papst Franziskus 1500 Arme zum Mittagessen in die riesige Audienzhalle im Vatikan. Es gab Lasagne für alle – ohne Schweinefleisch. Unter den Armen Roms sind schließlich nicht nur Katholiken. Also sorgt die Kirche dafür, dass es allen schmeckt.

Die Lega kochte mal wieder über. Von Franziskus kein Kommentar. Wozu auch? Der Bischof von Rom repräsentiert eine Weltkirche mit einer Milliarde Gläubigen, und in der Bibel steht auch nichts von Tortellini. Vielleicht hat sich der Papst aber insgeheim vorgestellt, wie man Salvini und die andereren Geiferer dereinst in der Hölle beschäftigen kann: Tortellini-Drehen bis zum Sankt-Nimmerleinstag.

Natürlich mit Hühnerfleisch-Füllung.

 

 

 

 

Spargel für Fortgeschrittene

Während in Deutschland wie jedes Jahr auf den Wochenmärkten und in den Restaurants das Spargelfieber ausbricht (man könnte auch sagen: der Spargelwahn), haben wir hier eine Rekordsaison des Asparagus acutifolius. Dieser wilde, grüne Spargel wächst im Unterholz der Eichenwälder und in Olivenhainen, und eigentlich ist seine Zeit spätestens Anfang Mai schon abgelaufen. Die Maiensonne ist dem Asparagus schlicht zu warm, er wird hart und faserig und schließlich wächst er sich aus zu einem neuen, kleinen Strauch, seiner Bestimmung.

Aber nun haben wir schon seit Wochen dieses Wetter:

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Regen, ein wenig Sonne, wieder Regen, und das alles so kühl, dass man abends tatsächlich die Heizung aufdrehen muss. Heute nacht soll es an Null Grad gehen, weswegen ich mit der Auspflanzung meiner Paprika und Gurken brav abgewartet habe. Die Eisheiligen marschieren in Mittel-Italien! Natürlich als Santi di Ghiaccio, was gleich viel freundlicher klingt, und ein wenig früher dran als im Norden sind sie ja auch. Jedenfalls schaffen sie locker den kühlsten Maienbeginn seit 1991.

Das viele Wasser und die frische Luft lassen das Gras sprießen, dass es eine Freude ist.

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Sieht nicht nur gut aus, bringt auch schönes und billiges Heu, nachdem wir letztes Jahr nach der großen Dürre Höchstpreise für wirklich miese Halme zahlen mussten. Im Dorf war der Vorrat sofort weg, für die letzte Fuhre mussten wir dann im Ausland betteln, nämlich auf der anderen Tiberseite, in Latium (das hier ist Umbrien). Also: Heu satt, natürlich nur, wenn’s denn irgendwann auch trocknet. Und Spargel satt, umsonst und draußen, bis er uns aus den Ohren heraussprießt.

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Dafür war ich heute morgen ein Stündchen unterwegs, ausgerüstet mit einer guten Schere. Beim Spargelsuchen darf man keine Angst vor Zecken oder Kreuzottern haben, erstere lauern in den Sträuchern, letztere im Gestrüpp. Also Mütze auf und Stiefel anziehen – und natürlich immer schön aufpassen. Auf Schlangen stoße ich immer wieder, es hat sich auch schonmal eine aufgerichtet, aber gebissen worden bin ich noch nie. Man schafft es dann doch immer, sich aus dem Weg zu gehen. Mehr Respekt als vor den Vipern habe ich sowieso vor den Wildschweinen, weil die nicht unbedingt immer abhauen. Nunja, es gibt also ein Minimum an Abenteuer auf der Spargelsuche. Und zur Belohnung dann einen sehr intensiven Spargelgeschmack. Die Zubereitung so einfach wie möglich: Holzige Enden abschneiden, die weichen Spargelteile kleinschneiden und entweder mit ins Pastawasser geben (Spaghetti con asparagi salvatici: die Nudeln werden dann mit den Spargelstücken abgegossen und schnell in Olivenöl mit frischem Knoblauch und frischem Thymian geschwenkt) oder zwei Minuten in der Pfanne anbraten, bevor man sie mit zwei Eiern pro Person zur Frittata weiter verarbeitet. Dritte Möglichkeit: Wildspargelrisotto. Alles sehr lecker!

Ach so, die Serviette unter den Spargeln ist tatsächlich vor hundert Jahren selbst bedruckt. Man braucht nur Zwiebeln, Salbeiblätter und Stofffarbe. Soviel für heute aus der umbrischen Halbwildnis.

Heiße Zitrone

Okay, nicht jede(r) kann sich die Bio-Zitrone vom Baum pflücken, wie ich das mit meinen genau 22 reifen Früchtchen tue. Aber es gibt sie ja in jedem Supermarkt. Für diese Variante des Anti-Grippe-Klassikers reicht eine halbe Zitrone pro Person. Die Früchte in Scheiben schneiden, die Scheiben dann vierteln. Mit ein wenig Butter oder Öl ab in die Pfanne, wer’s deftig mag, gibt auch noch ein wenig Knoblauch dazu. Zwei Minuten dünsten reichen, damit die Aromen frei gesetzt werden.

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Ins Pastawasser gibt man am besten ein Lorbeerblatt. Das wird herausgefischt, wenn die Nudeln al dente gar sind und mit der Zitrone vermischt werden. Reichlich Parmesan und ein wenig Fenchelgrün drüber und fertig ist die Medizin!

Weihnachten mit Carletto

Er kocht ein italienisches Weihnachtsmenü für seine kanadische Frau, träumt von Salami, die über seinem Kinderbett baumeln und beklagt die Einsamkeit des Smartphones:

Carlo Ancelotti ist der vielleicht erfolgreichste, auf jeden Fall sympathischste und nachdenklichste Coach, der derzeit den großen Fußball bewegt. Kurz vor dem Fest haben mein Freund und Kollege Claudio Catuogno und ich ihn in München getroffen. Das ganze Interview gibt’s nur in der Printausgabe, wie sich das gehört.

Buon Natale a tutti!

Summertime

Holt Juve wirklich Götze? Oder wenigstens Draxler? Kauft Mr Bee am Sonntag wirklich Milan? Oder wenigstens einen Teil davon? Ist Schweinsteiger gegangen oder gegangen worden? Darf man sich die Tour de France anschauen, ohne dauernd alle des Dopings zu verdächtigen, ja darf man vielleicht sogar ab und zu einfach nur lustig darüber schreiben? Wann entwickelt Pep Guardiola endlich ein Gespür für Lächerlichkeit, das ihn davor bewahren würde, Anno 2015 noch für Separatisten zu kandidieren? Und wann überwinden deutsche Politiker und Medienschaffende ihren natürlichen Impuls, den Rest der Welt dauernd erziehen zu müssen?

Diese und allen weiteren drängenden Fragen bitte an Kater Tiberio:

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Aber nicht zu laut, denn Tiberio ruht. Es ist ja so warm. So wahnsinnig warm. So warm, dass man allenfalls noch den unaufgeräumtesten Gemüsegarten südlich der Alpen wässern kann:

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Der uns zum Dank dafür übrigens ganz tadellos ernährt:

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Ja, genau, das Foto rechts zeigt eine Gemüsepizza. Man weiß ja nicht mehr, wohin mit Tomaten und Zucchini, und so ein Fladen ist im Handumdrehen gemacht. Auch nördlich der Alpen. Nur immer daran denken, die Zucchini schön klein zu verarbeiten, bloß nicht erst, wenn sie schon zu verholzten Riesendingern verwachsen sind. Tiberio kann man sowieso damit jagen.

Aus der Küche (1)

Zuerst Spaghetti vongole, hier ergänzt mit zwei Artischocken, wildem Fenchel und den letzten sieben Wildspargeln, die ich noch gefunden habe: Artischocken kleinschneiden, Spargeln und Fenchel idem, alles mit Stückchen Knoblauch, kleinem Peperoncino und Öl ab in die Pfanne. Nach fünf Minuten kommen die vongole (hier: kleinere, würzigere lupini di mare) dazu. Nach weiteren zwei Minuten ein Schuss Weißwein, salzen, pfeffern, fertig.

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Jetzt Drachenkopf in acqua pazza („verrücktes Wasser“ sagen die verrückten Neapolitaner: In die Pfanne Ideechen Knoblauch, Peperoncino und Öl, siehe oben. Darauf eine Handvoll sehr reife und würzige kleine Tomaten (diese hier sind vom Vesuv, träumt weiter). Fünf Minuten, dann Gläschen Wasser drüber. Nach weiteren zwei Minuten Tomaten vorsichtig zerdrücken. Fisch reinlegen, von jeder Seite zehn Minuten köcheln, fertig. An dieser Stelle, also schon viel zu spät, eine grundsätzliche Bemerkung. Eine Leserin hat angeregt, doch bitte nicht mit Zutaten voranzukochen, die es außerhalb von Italien nicht gibt. Liebe Leute, Kochen ist keine organisierte Religion und ein Rezeptvorschlag kein Dogma. Nehmt Wolfsbarsch, Kabeljau oder Rotbarbe statt Drachenkopf und für die Tomaten müsste ihr auch nicht auf den nächsten Vulkan steigen. Passt dann schon.

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In der Mitte kocht derweil das Spaghetti-Wasser.

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Die Nudeln mit den Vongole vermengen, den Fisch später lauwarm bringen. Das war’s. In einer knappen, halben Stunde.