Spargel für Fortgeschrittene

Während in Deutschland wie jedes Jahr auf den Wochenmärkten und in den Restaurants das Spargelfieber ausbricht (man könnte auch sagen: der Spargelwahn), haben wir hier eine Rekordsaison des Asparagus acutifolius. Dieser wilde, grüne Spargel wächst im Unterholz der Eichenwälder und in Olivenhainen, und eigentlich ist seine Zeit spätestens Anfang Mai schon abgelaufen. Die Maiensonne ist dem Asparagus schlicht zu warm, er wird hart und faserig und schließlich wächst er sich aus zu einem neuen, kleinen Strauch, seiner Bestimmung.

Aber nun haben wir schon seit Wochen dieses Wetter:

DSC_0109

Regen, ein wenig Sonne, wieder Regen, und das alles so kühl, dass man abends tatsächlich die Heizung aufdrehen muss. Heute nacht soll es an Null Grad gehen, weswegen ich mit der Auspflanzung meiner Paprika und Gurken brav abgewartet habe. Die Eisheiligen marschieren in Mittel-Italien! Natürlich als Santi di Ghiaccio, was gleich viel freundlicher klingt, und ein wenig früher dran als im Norden sind sie ja auch. Jedenfalls schaffen sie locker den kühlsten Maienbeginn seit 1991.

Das viele Wasser und die frische Luft lassen das Gras sprießen, dass es eine Freude ist.

DSC_0102 (1)

Sieht nicht nur gut aus, bringt auch schönes und billiges Heu, nachdem wir letztes Jahr nach der großen Dürre Höchstpreise für wirklich miese Halme zahlen mussten. Im Dorf war der Vorrat sofort weg, für die letzte Fuhre mussten wir dann im Ausland betteln, nämlich auf der anderen Tiberseite, in Latium (das hier ist Umbrien). Also: Heu satt, natürlich nur, wenn’s denn irgendwann auch trocknet. Und Spargel satt, umsonst und draußen, bis er uns aus den Ohren heraussprießt.

DSC_0114

Dafür war ich heute morgen ein Stündchen unterwegs, ausgerüstet mit einer guten Schere. Beim Spargelsuchen darf man keine Angst vor Zecken oder Kreuzottern haben, erstere lauern in den Sträuchern, letztere im Gestrüpp. Also Mütze auf und Stiefel anziehen – und natürlich immer schön aufpassen. Auf Schlangen stoße ich immer wieder, es hat sich auch schonmal eine aufgerichtet, aber gebissen worden bin ich noch nie. Man schafft es dann doch immer, sich aus dem Weg zu gehen. Mehr Respekt als vor den Vipern habe ich sowieso vor den Wildschweinen, weil die nicht unbedingt immer abhauen. Nunja, es gibt also ein Minimum an Abenteuer auf der Spargelsuche. Und zur Belohnung dann einen sehr intensiven Spargelgeschmack. Die Zubereitung so einfach wie möglich: Holzige Enden abschneiden, die weichen Spargelteile kleinschneiden und entweder mit ins Pastawasser geben (Spaghetti con asparagi salvatici: die Nudeln werden dann mit den Spargelstücken abgegossen und schnell in Olivenöl mit frischem Knoblauch und frischem Thymian geschwenkt) oder zwei Minuten in der Pfanne anbraten, bevor man sie mit zwei Eiern pro Person zur Frittata weiter verarbeitet. Dritte Möglichkeit: Wildspargelrisotto. Alles sehr lecker!

Ach so, die Serviette unter den Spargeln ist tatsächlich vor hundert Jahren selbst bedruckt. Man braucht nur Zwiebeln, Salbeiblätter und Stofffarbe. Soviel für heute aus der umbrischen Halbwildnis.

Werbeanzeigen

Taxi nach Paris

Auf diese geniale Geschichte soll es Applaus und Preise regnen: Selten so gelacht wie über Dirk Gieselmanns Reise durch Paris. Gieselmann war dort, wo Tripadvisor Best- und Schlechtnoten vergibt. Klingt simpel, ist als Idee aber Weltklasse. Und was er daraus macht, ist so entlarvend und lustig, dass man es auswendig lernen möchte.

„Das hier war kein Hotel, sondern ein Polizeigefängnis in einem Unrechtsstaat, und wir waren die unschuldig Inhaftierten. Aus den Zellen im ersten Stock drang das tuberkulöse Husten eines Greises. Ich fühlte mich krank und gebrochen. Warum war ich hier? Um die Bettwanzen, die ich auf den Bildern gesehen hatte, persönlich kennenzulernen?“

Heiße Zitrone

Okay, nicht jede(r) kann sich die Bio-Zitrone vom Baum pflücken, wie ich das mit meinen genau 22 reifen Früchtchen tue. Aber es gibt sie ja in jedem Supermarkt. Für diese Variante des Anti-Grippe-Klassikers reicht eine halbe Zitrone pro Person. Die Früchte in Scheiben schneiden, die Scheiben dann vierteln. Mit ein wenig Butter oder Öl ab in die Pfanne, wer’s deftig mag, gibt auch noch ein wenig Knoblauch dazu. Zwei Minuten dünsten reichen, damit die Aromen frei gesetzt werden.

20180111_135857.jpg

Ins Pastawasser gibt man am besten ein Lorbeerblatt. Das wird herausgefischt, wenn die Nudeln al dente gar sind und mit der Zitrone vermischt werden. Reichlich Parmesan und ein wenig Fenchelgrün drüber und fertig ist die Medizin!

In der Küche

Mittags um halb zwei, das Telefon geht. „Bist du in der Küche?“ fragt mich mein Lieblingschef und wischt meinen Hinweis, dass man weiblichen Kollegen solche Fragen eigentlich nicht mehr stellen sollte, großzügig vom Tisch. Mein Lieblingschef kennt mich. Natürlich bin ich um halb zwei in der Küche, wo denn sonst. Um zum Beispiel so etwas hier zu verputzen:

pastarucolaMittags muss es einfach eine schnelle Pasta sein. So wie diese Nudeln mit Rucola. Knoblauch in ein wenig Öl erhitzen, mit Zitronensaft ablöschen. Dazu ein wenig geriebener Parmesan und ein, zwei Esslöffel Kochwasser, das wäre dann die Basis, in der wenig später die Nudeln landen. Zum Schluss die Rucola untermischen. Mein Freund Claudio bietet das in seinem römischen Restaurant „Armando al Pantheon“ als Pasta alla verde an. Bei ihm schmeckt’s natürlich hervorragend, aber es ist wirklich simpelst nachzukochen, in nicht mehr als 15 Minuten. Das würde (hier wird es gewagt) sogar mein Chef schaffen.

Danach einen Kaffee und schnell ab nach Perugia, zum Internationalen Festival des Journalismus‘ (Festival ist für unsere Branche in diesen Zeiten ein großes Wort). Da gab es dann ein Podium mit der Kollegin Tonia Mastrobuoni, die aus Berlin klug und kenntnisreich für „La Repubblica“ berichtet zum Thema „Deutschland vor der Wahl.

Perugia, um das noch schnell loszuwerden, ist ja eine der langweiligsten Städte Italiens. Man kurvt endlos um den Berg, auf der Suche nach einem Parkplatz, von dem Rolltreppen in die Altstadt führen. Und wenn man dann zwei Mal den Corso Vannucci rauf und runter gegangen ist und eines der unfassbar schönen, unerhört trockenen und unglaublich teuren Schokotörtchen der Pasticceria Sandri probiert hat, weiß man schon nicht mehr weiter. Obwohl das hier natürlich immer einen Besuch wert ist, schon allein wegen Piero della Francesca und Perugino.

Wer aber Piero und Perugino nichts abgewinnen kann und kein Festivals-Journalist ist, der kann Perugia definitiv links liegen lassen.

Weihnachten mit Carletto

Er kocht ein italienisches Weihnachtsmenü für seine kanadische Frau, träumt von Salami, die über seinem Kinderbett baumeln und beklagt die Einsamkeit des Smartphones:

Carlo Ancelotti ist der vielleicht erfolgreichste, auf jeden Fall sympathischste und nachdenklichste Coach, der derzeit den großen Fußball bewegt. Kurz vor dem Fest haben mein Freund und Kollege Claudio Catuogno und ich ihn in München getroffen. Das ganze Interview gibt’s nur in der Printausgabe, wie sich das gehört.

Buon Natale a tutti!

Wintermärchen II

Naja, Winter ist ein großes Wort für das liebliche Westfalen. Ein paar Tage Frost und gleich wieder grüne Wiesen, heute wehte gar ein frühlingshaftes Lüftchen aus Südsüdwest. Würde mich nicht wundern, wenn zum Wochenende die ersten Biergärten öffneten und die kühnsten Cabrio-Fahrer ihr Verdeck zurück klappten.

Schräg genug wären sie hier. Unter den Schrägen aber sei hier Ludger (Westfalen über 40 heißen öfter Ludger, nach dem Schutzpatron des südlichen Münsterlandes) Bücker aus Herzfeld erwähnt, einem Wallfahrtsort an der Lippe, in dessen Café am Kreisverkehr freitags die weltbesten Reibekuchen mit Apfelmus serviert werden. Man sitzt da also am Kreisverkehr, sinnt den Traktoren und Bierlastern nach, ein Reibekuchen folgt derweil auf den anderen  – und plötzlich schiebt ein Mann mit seiner Waschmaschine um die Ecke. Der will nicht umziehen, sondern weiter. 1200 Kilometer hat Ludger Bücker sein Trömmelchen „Mikaela“ bereits durch Deutschland geschoben, hinzu kamen weitere tausend durch Dänemark und Polen, bergauf, bergab, auf der Sackkarre. Von der Heimatzeitung „Die Glocke“ (so etwas gibt es hier noch, der Lippstädter Konkurrent heißt „Der Patriot“) gefragt, was denn der Antrieb für die Waschmaschinen-Tour gewesen sei, antwortete Bücker: „Im Prinzip wollte ich mir einfach mal etwas Sinnfreies gönnen.“

Sich einfach mal was Sinnfreies gönnen, im Prinzip. Märchenhaftes Westfalen. Deine Philosophen. Und deine Reibekuchen.