Animali per esperti

Hatte ich schon gesagt, wie gern ich Eva Menasse lese? Ihr „Tiere für Fortgeschrittene“ ist als Sommerlektüre nur zu empfehlen. Geht aber auch im Frühling, Herbst oder Winter. Erzählungen werden leider von Kritik und Publikum immer noch unterschätzt. Eva Menasse ist eine Meisterin dieser Form. Abgründig, witzig, warmherzig, verschroben, raffiniert. Wenn man will, kann man grübeln, was die jeweilige Geschichte eigentlich mit dem Namen gebenden Tier zu tun hat. Muss man aber nicht.

Hier liest sie (mit italienischen Untertiteln) aus „Enten.“ Und ich gebe (wer’s überspringen will: bis Minute 4:58) die Vorgruppe, ohne Untertitel. Ein Projekt des österreichischen Kulturinstituts Rom.

Bücher schmücken ein Zimmer

Books do Furnish a Room, das ist der Titel von Band 10 in Anthony Powells Romanzyklus „A Dance to the Music of Time.“ Der Autor lässt offen, ob der Mann, dem er diesen denkwürdigen Satz zuschreibt, ihn hervorstößt, während er sich nackt seiner auf dem Sofa hindrapierten Geliebten nähert. Oder während er von einem umstürzenden Bücherregal getroffen wird wie Johannes XXI am 14. Mai 1277. Der portugiesische Papst hat das nicht überlebt, weil mit seinen Büchern tragischerweise der halbe Dachstuhl der Bibliothek herunterkam. Übrigens in Viterbo, wohin sich die Päpste damals aus Angst vor den Römern zurückgezogen hatten. Wenn es soweit ist, fände ich es auch unbedingt schicker, von meinen Büchern getötet zu werden als von der Straßenbahn, wie der unglückliche andere große Portugiese Fernando Pessoa.

Aber zurück zu Powell, den ich an dieser Stelle dringend empfehlen möchte. Man hat erstens eine Weile zu tun mit seinem Romantanz, zweitens amüsiert sich man sich dabei, weil es drittens um die britische Literatur- und Partyszene geht, also angenehmerweise um nichts. Die Bände, die sich vornehmlich um den Weltkrieg drehen, überfliegt man am besten. Da geht es nämlich auch um nichts, außer darum, wie die Londoner Elite den Krieg zum Karrieremachen nutzte. Nach 30, 50 Seiten hat man es kapiert und kann zur Nachkriegszeit übergehen.

Wenn man das tut, rettet man sich also in den sehr unterhaltsamen Band „Bücher schmücken ein Zimmer“ und stößt unter anderem auf so einen Satz: „Ich habe mich vom zeitgenössischen Leben abgewendet.“ Was soll ich sagen – das trifft’s.

Im zeitgenössischen Leben ziehen Deutsche vor Gericht, um ihren Osterspaziergang an der Ostsee durchzudrücken – und kriegen Recht. Der eigene Vater (78, mehrere Vorerkrankungen) ruft an, beklagt sich, dass er hinter seiner von der Schwiegertochter genähten Schutzmaske „kaum Luft“ kriegt und sie deshalb nicht aufzieht, „denn hier haben wir eigentlich alles im Griff“, bis auf die 30.000 in den Krankenhäusern, mehr als in Italien. Im zeitgenössischen Leben wird der Lockdown für uns ItalienerInnen bis zum 4. Mai verlängert, die Leute dürfen an Ostern ihre Wohnungen nur verlassen, wenn sie zum Notarzt müssen. Die Carabinieri fahren vorsorglich schonmal Streife, sogar durch die Olivenhaine. Täglich kommen neue, entsetzliche Details ans Tageslicht darüber, wie im Norden des Landes kranke, alte Menschen einfach sich selbst überlassen wurden und zu Hause sterben mussten. Im zeitgenössischen Leben zeichnet sich außerdem eine drohende Staatspleite ab, während die Pfennigwuchser der sich gerade auflösenden EU noch um die Hilfen für die Südländer feilschen. Die Brüsseler Abteilung für Demokratie und Grundrechte ist derweil wegen Corona geschlossen, was man an den Beispielen Ungarn und Polen sieht, die sich gerade ungestraft von der einen wie den anderen verabschieden dürfen. Die Bundesliga will wieder spielen. Fußball! Ohne mich.

Ich wende mich vom zeitgenössischen Leben ab. Aber mit dem größten Vergnügen.

 

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Meine Zeitgenossenschaft beschränkt sich gerade darauf, das letzte Grünzeug aus dem Gemüsegarten zu klauben (je, genau, richtig gesehen: Cime di rapa und Zwiebelchen) und neues zu pflanzen. Im Dorf hat jetzt ein Landhandel aufgemacht. Das Geschäft der Stunde! Es ist der langsamste Landhandel Italiens, unter 40 Minuten kommt man da nie raus, aber egal. Hauptsache, Salat, Tomaten, Auberginen, Paprika, Zucchini. Blumen gibt’s nicht, weil nicht systemrelevant.

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Und dann wären da noch die Mandeln vom letzten Herbst. Zu öffnen mit einem Stein auf der Gartenmauer. Nussknacker eignen sich nach meiner Erfahrung nämlich nicht dazu. Ein Baum, 300 Gramm netto.

Mandeln schmücken den Osterkuchen wie Bücher ein Zimmer. Mindestens.

Von Grafen und Gefangenen

Die Zeit der Quarantäne – soeben ist sie auf die Woche nach Ostern verlängert worden – führt dazu, dass man seine Familienangehörigen und FreundInnen entweder dauernd sieht, weil man mit ihnen eingeschlossen ist. Oder halt überhaupt nicht. In meinem Fall ist die Isolierung von meinem gesamten Umfeld seit dem 9. März total. Aber auf dem Land genießt man immerhin das ungeheure Privileg, an der frischen Luft sein zu dürfen. Man kann spazieren gehen! Gerade hat das Innenministerium zwar Eltern mit Kindern erlaubt, einen kleinen Gang zu machen – jedoch nur in unmittelbarer Nähe der Wohnung. Radius 200 Meter. Den Regionen Lombardei und Kampanien ist selbst das zuviel. Sie halten die Freigabe des Mini-Spaziergangs für das falsche Signal. Italien ist noch nicht über den Berg. Noch lange nicht. Ein Land gefangen in den Klauen der Lungenpest, das den Gefangenenchor, diese heimliche Nationalhymne, in den Wohnzimmern singt.

Ich bin noch nie soviel gelaufen wie in diesen Wochen. Täglich acht bis zehn Kilometer, allein, durch die Felder. Ich laufe dem Virus, vor allem aber der eigenen Einsamkeit davon. Den Schreckensnachrichten, den Schreckensbildern. 12.500 Tote, als wären wir in einem Krieg. Nur weg davon, laufen und laufen, damit man nachts überhaupt schlafen kann. Manchmal treffe ich draußen auf meine Nachbarn aus dem übernächsten Haus, einen erlaubten Stadtspaziergang von 200 Metern entfernt. 20 Jahre lang sind unsere Beziehungen nicht über einen freundlichen Gruß hinausgegangen. Jetzt bilden wir eine Notgemeinschaft in gemeinsamen Wanderungen mit Sicherheitsabstand.

Meine Nachbarin A. kennt sich aus mit Zwangsisolierung. Sie ist eine beeindruckend toughe Mittsechzigerin, vor ihrer Pensionierung leitete sie eines der beiden römischen Gefängnisse. Ihr Mann, ein überaus freundlicher und leiser Signore, war im Gefängnis von A. der Arzt. Die beiden sind die perfekte Gesellschaft in diesen Zeiten, abgeklärte, lebenserfahrene Menschen, die wissen, was es wirklich bedeutet, eingesperrt zu sein. Und mich daran erinnern, dass unsere Sozialsperre dagegen ein Spaziergang ist.

Vor Wochen gab es in Italiens Gefängnissen Revolten und Ausbruchsversuche gegen eine Verordnung, die im Zuge des allgemeinen Lockdown für die Dauer-Eingeschlossenen auch noch Hafturlaub und Besuche strich. 12 Menschen starben. Eine Ungeheuerlichkeit, die im allgemeinen Corona-Schrecken unterging.

Italiens Haftanstalten sind dauerüberfüllt, quasi im Jahrestakt hagelt es deshalb Ermahnungen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ich habe aber auch Modell-Gefängnisse erlebt, vielleicht nicht von ungefähr handelte es sich um die beiden letzten Haftanstalten auf Inseln. Die eine ist Nisida, ein winziges Eiland, das durch eine Brücke mit Neapel verbunden ist. Auf Nisida befindet sich das Jugendgefängnis. Die Insassen sind Jugendliche, die dort zum ersten Mal Mannschaftssport treiben können (Straßenfußball gibt es in Neapel schon seit vielen Jahren so gut wie gar nicht mehr), die sich handwerklich betätigen, die zur Schule gehen. Das alles in einer Festungsanlage aus bourbonischer Zeit, mit Blick auf Golf und Vesuv.

Die andere Gefängnisinsel heißt Gorgona und gehört zu Livorno. Dorthin führt keine Brücke, man muss einen Antrag stellen und mit einem Polizeiboot fahren, 34 Kilometer über das Tyrrhenische Meer.

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In der griechischen Mythologie waren die Gorgonen wilde Monster, das berühmteste unter ihnen war die Medusa, deren Schreckensblick Menschen versteinern ließ. Und aus Stein, genauer aus kargem, grauen Fels ist auch die Insel Gorgona. Zwei Quadratmeter groß, nur sieben Dauerbewohner plus rund 70 Gefangene und ihre Bewachung. Die Nachbarinsel ist Montecristo, wo Alexandre Dumas seinen Roman „Der Graf von Monte Christo“ spielen ließ, übrigens ein fantastischer Schmöker für diese langen Wochen, richtig mitreißende, saftige Unterhaltungsliteratur.

Nach Gorgona brachte mich vor Jahren der Marchese Frescobaldi, ein berühmter und sehr reicher Weinbauer aus Florenz. Frescobaldi lässt seit 2011 Wein auf der Insel anbauen, die Strafgefangenen pflegen und ernten die Trauben. Der Vino schmeckt nicht schlecht, ist aber mit rund 80 Euro pro Flasche unfassbar überteuert, wofür Frescobaldi natürlich die Ausrede parat hat, die Anbaubedingungen seien derart schwierig, dass er dabei noch draufzahle. In Wirklichkeit lässt er sich die Exklusivität des Gefängnisweins teuer bezahlen. Gorgona-Wein gibt es halt nur einmal auf der Welt. Der Marchese propagiert ihn mit dem berückend geschmacklosen Slogan „Ein Wein mit dem Geschmack nach Freiheit.“

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Einer der Arbeiter im Weinberg dieses Florentiner Edlen war Benedetto Ceraulo. Ein drahtiger Mann mit einem fein geschnittenen Gesicht und einer ruhigen, überlegten Art. Beruf? „Sagen wir: Maurer.“ Aber als Maurer wurde Ceraulo nicht bekannt, sondern als Killer des Modeunternehmers Maurizio Gucci. Im März 1995 tötete er Gucci vor dessen Mailänder Wohnung mit drei Schüssen in den Nacken und einem ins Gesicht. Auftraggeberin für den Mord war Guccis Ex-Frau, die dem Killer angeblich 500 Millionen Lire gezahlt hatte, umgerechnet etwa eine Viertelmillion Euro. Ceraulo kam nach Gorgona und wurde Kellermeister des Edelwinzers Frescobaldi. Für ihn sei das, so sagte der Gucci-Mörder, wie ein Sechser in der Lebenslotterie. Bezahlt wurde er nach Gefangenen-Tarif, knapp fünf Euro die Stunde.

Die Häftlinge von Gorgona sind privilegiert, weil sie einen Großteil des Tages außerhalb ihrer Zellen verbringen können. Alle arbeiten. Sechs Stunden täglich, von sieben bis 13 Uhr, sind sie mit ihrer Selbstversorgung beschäftigt. Sie melken Kühe, Ziegen und Schafe, sie schlachten ab und zu ein Schwein für Schnitzel, Braten und Wurst. Sie versorgen den großen Gemüsegarten hoch über dem Meer, den Salat, die Paprika, Kohlköpfe, Tomaten, Kartoffeln, Auberginen und Artischocken. Sie backen Brot aus dem Hartweizenmehl, das vom Festland gebracht wird. Sie produzieren ihr eigenes Olivenöl und Käse auch für andere Haftanstalten.

Wenn sie von ihrer Zeit in einem normalen Gefängnis erzählten, waren das Berichte aus der Hölle. Schaudernd erinnerten sich die Inselgefangenen an die Untätigkeit in überfüllten Zellen auf dem Festland. Dass es an allem mangelte, an warmem Wasser, an Bettdecken. Am allermeisten aber, das sagten sie alle, habe ihnen gefehlt: der Blick nach draußen. Dieses ewige Starren auf eine Mauer. Oder durch ein vergittertes Fenster aus Plexiglas auf eine andere Mauer. Die Überfahrt nach Gorgona sei ein Schock gewesen. Nur Meer, nur Weite, endlos. Auf der Insel, sagten die Gefangenen, hätten sie wieder sehen gelernt.

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Geduld

Während außerhalb der Lombardei die Kurve zusehends verflacht, wird im Süden Italiens das nächste Feuer entfacht: Der Aufstand der Armen. In Palermo bewacht die Polizei jetzt die Supermärkte, zur Abwehr von Plünderungen! Die Leute sind verzweifelt, viele wissen nicht, wovon sie ihre Einkäufe bezahlen sollen. Experten warnen vor Revolten und vor einer Mafia, die zuletzt geschwächt erschien, nun aber Profit aus der Notlage ziehen könnte. Eines ihrer Kerngeschäfte ist der Kredit zu Wucherzinsen.

Der ökonomische und soziale Absturz kommt nicht nach der Pandemie, sondern während der Pandemie. Auch diese Lehre könnten die Europäer aus Italien (und leider auch aus dem so grauenhaft verwüsteten Spanien) ziehen, wenn sie sich denn dazu bequemen möchten. Bevor es zu spät ist, für Europa. Dazu hier der eindringliche Appell der italienischen Schriftstellerin Francesca Melandri, die auch daran erinnert, wie privilegiert diejenigen sind, deren Hauptproblem jetzt gerade ist, ihre Kinder zu Hause zu haben oder niemanden zu Hause. Die also einfach mal eine Weile aus ihrer Routine raus sind und jetzt nicht viel mehr beweisen müssen als Geduld und Flexibilität. Gesunde Leute ohne Existenzsorgen haben im Moment schlicht kein Problem.

Davon abgesehen macht uns die Lage natürlich allen zu schaffen. Seit Tagen (und Nächten, denn Schlaf ist in diesen Zeiten ja auch ein Luxus) frage ich mich, wieso ich es trotz aller Tolle-Filme-Listen, die liebe Freunde und Familienmitglieder schicken und Kollegen veröffentlichen, einfach nicht bringe, mich mit schlichtem Film-Schauen abzulenken. Da stieß ich auf ein Interview mit Paolo Legrenzi, einem Psychologie-Professor aus Venedig.

Legrenzi sagt, wir seien in Katastrophenzeiten überhaupt nicht auf Ablenkung gepolt. Vielmehr laufe es so: Erst Unterschätzung, dann Angst, dann Panik, dann Erleichterung. Was uns in Italien angeht, sind wir exakt zwischen Phase zwei und drei, also zwischen Angst und Panik. Und da schafft man es offenbar nicht, sich auf irgendetwas vollkommen Abwegiges zu konzentrieren. Weil man beim Seriengucken sowieso immer die anderen Bilder im Hinterkopf hat. Die Schreckensbilder der Realität.

Seitdem ich das kapiert habe, bin ich auf dem Zauberberg. Also im Roman von Thomas Mann. Absolut das Buch zur Lage. Es geht um Quarantäne, es geht um Lungen, es geht um die Welt der Kranken und den fernen Planeten der Gesunden („im Flachland“).

Es geht also um uns.

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Bieguni

Wenn man heute abend auf Google den Namen Olga Tokarczuk eingibt, dann bietet die große Suchmaschine keine Fotos von der Nobelpreisverleihung, die Stunden zuvor stattgefunden hat. Peter Handke kann man natürlich längst im Frack sehen, schließlich ist er seit Bekanntgabe der Wahl der große Aufreger in den Medien. Genug aufgeregt, von mir an dieser Stelle kein Wort mehr über den unbelehrbaren, alten Zausel. Lieber möchte ich mich darüber verbreiten, welches Geschenk der Literatur-Nobelpreis an Olga Tokarczuk für die LeserInnen dieser Welt ist. Ich kannte sie nämlich gar nicht, entdecke sie gerade und bin sehr begeistert. Und gehe mal großzügig davon aus, nicht die einzige zu sein, die erst jetzt auf sie aufmerksam gemacht wurde. Insofern kann der Nobelpreis doch eine feine Angelegenheit sein; er bringt manchmal auch Menschen dazu, AutorInnen zu entdecken, die noch nicht so weltberühmt sind, es jetzt aber zu Recht werden können.

Für Bieguni, zu deutsch: „Unrast“ jedenfalls ist der Preis ganz und gar nicht verschwendet. Es geht, in diesem Post-Roman-Format, was neuerdings ja ziemlich angesagt ist, also ein Mosaik aus längeren und kürzeren Erzählungen, Betrachtungen, Essaystücken und Aphorismen, um das allgemeine Getriebenwerden unserer Zeit. Und um die kläglichen Versuche, dabei der Vergänglichkeit gegenzusteuern. Das klingt jetzt kompliziert, in Wirklichkeit ist das Buch oft sehr unterhaltsam. Zum Beispiel die Geschichte des Doktor Blau, der sich auf die Haltbarmachung pathologischer Proben durch Silikonplastinierung spezialisiert hat, vulgo auf die Konservierung von Darmgeschwulsten und Nierensteinen. Oder die Flucht des Sultans aus dem Harem, vor allem aber vor seiner Mutter. Mal geht es um einen Fährmann namens Eryk, der eines Tages die Fähre samt Insassen vom Kurs bringt und auf’s Meer ausbricht. Mal um die letzte Kreuzfahrt eines Gelehrten und seiner Frau auf den Spuren von Odysseus. Und immer wieder um Flüge und Flughäfen, „eine spezielle Kategorie von Stadtstaaten mit festem Standort, jedoch ständig wechselnder Bevölkerung.“ Man darf sich im Labyrinth von Tokarczuk übrigens durchaus nicht in Eile bewegen, sonst verliert man den Faden, der alles miteinander verbindet.

Die flüchtige Vitalität des Reisens, die schnell enttäuschte Sehnsucht nach Rasten und Ruhe. Die Tatsache, dass wir alle immer überall unterwegs sind, und damit genauso auf der Flucht vor dem Leben, als wenn wir still an einem Ort verharren. Umso schöner, Olga Tokarczuk bei ihren sprühenden, witzigen, eleganten Sprüngen durch Zeit und Raum zu folgen. Etwa auf dem Flug von Irkutsk nach Moskau, Abflug acht Uhr morgens, Ankunft ebenso.

„Man verharrt in einem Augenblick, in einem großen, ruhigen, ausgedehnten Jetzt, das so groß ist wie Sibirien. In dieser Zeit müsste man seine Lebensbeichte ablegen. Die Zeit vergeht im Inneren des Flugzeugs, aber verrinnt nicht außerhalb von ihm.“

Übersetzung von Esther Kinsky.