Italien – Corona 0:1

Knapp 120 Menschen in Italien haben sich mit dem Corona-Virus angesteckt, davon 89 in der Lombardei, der Region um Mailand, und weitere 25 in Venetien. Zwei der Erkrankten sind gestorben. In zwei italienischen Regionen mit insgesamt 15 Millionen Einwohnern haben sich also 115 Menschen angesteckt. Das ist der Stand am 23. Februar mittags.

Die Reaktion: 11 Ortschaften mit insgesamt 50.000 Einwohnern in Quarantäne. Keiner darf rein, keiner darf raus. Geschäfte, Schulen, Ämter, Museen und Kinos sind geschlossen, die Bevölkerung ist aufgerufen, die eigene Wohnung nicht zu verlassen. Geschlossene Universitäten in der gesamtem Lombardei, in Venetien und im Piemont, wo bislang ein Infizierter ausgemacht wurde – ein einziger, einsamer Student der Agrarwissenschaften. Der Karneval in Venedig wurde genauso abgesagt wie die Messen. Die Messen! Der Glaube der katholischen Priesterschaft versetzt also nicht nur keine Berge, er kapituliert vor der chinesischen Grippe. Geschlossen sind auch drei Stadien. Die Serie A-Partien Inter-Sampdoria, Atalanta-Sassuolo und Verona-Cagliari wurden abgesagt und auf den St. Nimmerleinstag verschoben.

Wieso eigentlich? Seit wann braucht man zum Fußballspielen ein volles Stadion? In Katar wird demnächst eine ganze WM ohne Fans stattfinden. Italienische Mannschaften haben wegen einer Stadionsperre schon so oft vor leeren Rängen gespielt, da käme es auf einmal mehr oder weniger wirklich nicht an.

Und die Eingesperrten in ihren Quarantäneorten könnten wenigstens virenfreien Fußball gucken.

Stattdessen schauen wir zu, wie Stück für Stück ein ganzes Land wegen des Corona-Virus lahmgelegt wird. Auch in Rom (Achtung: eine erkrankte Person!) soll die Uni geschlossen bleiben – auf Wunsch der Professoren. Atemmasken sind sowieso schon längst überall ausverkauft, in den Chinarestaurants herrscht gähnende Leere, die Leute gehen aber auch nicht mehr ins Kino. Oder zu Freunden: Gerade erreicht mich die Whatsapp-Nachricht einer Freundin, die übermorgen lieber doch nicht zum Essen kommen will, weil sie von ihrer Wohnung zu meiner mit der U-Bahn fahren müsste.

Die Ansteckungsgefahr bei Hysterie ist um ein vielfaches höher als die bei Corona. Und die Heilungschancen sind vermutlich geringer.

 

 

Der Leisetreter

Heute wird die „Gazzetta dello Sport“ 120 Jahre alt. Und ausgerechnet an diesem Geburtstag der ältesten und berühmtesten europäischen Sporttageszeitung ist Cesare Maldini gestorben. Es ist nicht übertrieben  zu sagen, dass ihn ganz Italien beweint. Und deshalb auch hier ein kleiner Nachruf:

Selten hat ein Vorname schlechter zu einem Menschen gepasst als Cesare zu Maldini. Als Cesare Maldini selbst noch Fußball spielte, in den 50er und 60er Jahren, waren andere die Cäsaren des Weltfußballs, nicht ein Abwehrspieler vom AC Mailand. Und als er dann Trainer war, als Assistent von Enzo Bearzot 1982 den Weltmeistertitel mit Italien holte, mit der U-21-Mannschaft drei Mal Europameister wurde und schließlich von 1996 bis 1998 als Chefcoach der Squadra Azzurra arbeitete, da hatte er immer noch nicht Cäsarenhaftes an sich. Weit entfernt von Feldwebel-Allüren oder von revolutionären Ambitionen setzte er auf die gute alte Manndeckung. Mit 70 Jahren hatte er bei der WM 2002 einen Auftritt als Nationaltrainer von Paraguay, bis er im Achtelfinale gegen Deutschland unterging. Es folgte ein kurzes Engagement als Fußballkommentator bei Al Jazeera. Das große Geld und den großen Ruhm überließ Cesare Maldini den nachfolgenden Generationen.

Die Nation nannte ihn Papà Maldini. Nicht nur, weil Cesare bei den Azzurri seinen Sohn Paolo trainierte, der dem Vater auf den Posten als Milan-Verteidiger gefolgt war und ihn bald überflügelt hatte. Paolo Maldini war ein Weltstar, Papà Maldini wurde als Inbegriff eines italienischen Familienvaters verehrt. Sechs Kinder, drei Töchter und drei Söhne, alle mit seiner Frau Marisa, die 54 Jahre lang mit ihm verheiratet blieb.

maldini

 

Soviel Familie war auch damals schon selten für einen Fußballer, sogar in Italien. Ebenso die unbedingte Vereinstreue der Maldinis, die zu den großen Fußballerdynastien gehören: Nach Cesare und Paolo spielen nun auch Paolos Söhne Christian und Daniel beim AC Mailand. In den Fußstapfen des Großvaters, wie zum Beweis dafür, dass Milan schon viel länger und ungleich stärker die Heimat der Maldinis ist als der Klub der Berlusconis. Letztere sind ja nur die Besitzer und wer weiß, wie lange noch. Einstweilen wartet das Milan-und-Maldini-Märchen indes noch auf das Happy End. Denn Paolo, dem Berlusconi nach der aktiven Karriere einen Platz  verwehrte, sucht sein Glück nun in Miami, als Mitbesitzer und Manager des lokalen Zweitligaklubs. Der Vater hat dazu geschwiegen.

Cesare Maldini, Sohn eines Matrosen aus Triest, war Milan-Kapitän und Spielführer der Nationalmannschaft. Er absolvierte zwischen 1954 und 1966 fast 350 Spiele für Milan, gewann vier Meistertitel und war 1963 der erste Italiener, der den Europapokal der Landesmeister hochheben durfte. Das war nach dem Finalsieg gegen Benfica Lissabon und den portugiesischen Cäsar Eusebio.

In der Nacht zum Sonntag, zwei Tage vor seinem 84. Geburtstag, ist Maldini gestorben. Ministerpräsident Matteo Renzi verabschiedete ihn pathetisch als „großen Italiener.“ Der legendäre Milan-Libero Franco Baresi sagte: „Ein anständiger Mann ist von uns gegangen.“ Und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, welcher Nachruf ihm besser gefallen hätte. Ein anständiger Mann. Für Papà Maldini, der seine große Karriere auf leisen Sohlen absolvierte, gab es mit Sicherheit kein schöneres Kompliment.