Die Melancholie des Derbys

Es mag daran liegen, dass gestern abend mit Macht der Herbst gekommen ist: ein Hauch von Melancholie lag über dem Derby der Madonnina in Mailand. In den 1990er Jahren ein luxuriöses Spektakel mit großen Spielern und berühmten Trainern, mit dem Rechtspopulisten Berlusconi auf der einen Seite der VIP-Tribüne und dem eher linken Petro-Magnaten Moratti auf der anderen. Inzwischen gehört Milan dem Hegdefonds Elliott und Inter dem chinesischen Elektronikkonzern Suning. Kapitän der Rotschwarzen ist Alessio Romagnoli (who?), nachdem Leonardo Bonucci nach nur einer Saison reumütig nach Turin zur Juventus zurück gekehrt ist. Bei Inter ist Mauro Icardi Mannschaftsführer, ein schwer tätowierter Argentinier, der zur WM in Russland erst gar nicht berufen wurde. Trainer: Gennaro Gattuso (Milan), Luciano Spalletti (Inter).

Das sieht dann alles in allem ziemlich solide aus, besonders bei Inter, wo der alte Fuchs Spalletti (Ex Roma und St. Petersburg) es geschafft hat, eine sehr geordnete Mannschaft zu formen. Solide und ein bisschen schwerfällig, ziemlich berechenbar, ohne großen Esprit. Für Milan spielt jetzt auch Gonzalo Higuain, vor zwei Jahren noch der teuerste Stürmer der Liga, als er nach 36 Toren in 35 Serie-A-Spielen für über 90 Millionen Euro zur Juve wechselte. Dort haben sie jetzt mit CR 7 ein anderes Kaliber und Higuain wurde für 18 Millionen Euro jährlich nach Mailand ausgeliehen.

Beim Torjäger-Derby der Argentinier unterlag er Icardi. In der Nachspielzeit gelang dem noch das 1:0, was der ermüdenden Partie wenigstens noch ein Resultat verlieh. Schön war es nicht, erhebend sowieso nicht, und nach dem Schlusspfiff schnell vergessen.

Malincolia!

 

Advertisements

Kleiner Fisch Gattuso

Milan spielt gegen Benevent. Das müsste zu schaffen sein für Gattuso, den neuen Trainer. Der Aufsteiger aus Kampanien hat an den ersten 14 Spieltagen exakt null Punkte gemacht, und ist damit das Schlusslicht sämtlicher europäischer Ligen. Die Chancen für einen siegreichen Einstand von Gattuso stehen also gut. Die Chancen für eine strahlende Zukunft der AC Milan jetzt aber nicht so sehr. Warum der brave Rino nur ein Notnagel ist und wieso keiner die prekäre Lage bei einem der größten italienischen Klubs kontrolliert, steht heute in der SZ. 

Denk ich an Milan in der Nacht

Die italo-chinesische Operette um die AC Milan finde ich ja sehr faszinierend. Weswegen ich sie ja auch liebend gerne fortschreibe (heute in der SZ). Die Protagonisten sind einfach großartig: Der neue chinesische Besitzer, von dem man nur weiß, dass er eine Phosphatmine besitzt und jede Menge Schulden beim US-Haifischfonds Elliot – im Moment gehört Milan deshalb eigentlich den Amerikanern und nicht den Chinesen. Dann der kahlköpfige Geschäftsführer Fassone, der den kahlköpfigen Berlusconi-Vikar Galliani abgelöst hat und genauso wie sein Vorgänger mit allen Wassern gewaschen ist. Studierter Literaturwissenschaftler, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, und Manager bei den Nutella-Rührern Ferrero, bevor er in den Fußball eingestiegen ist. Last but not least der große Alte, Berlusconi himself. In entscheidenden Momenten, so wie jetzt in der Woche vor dem Derby, taucht er aus der Versenkung auf, vergießt ein paar Krokodilstränen über sein Lieblingsspielzeug (Schmerzensgeld 740 Millionen Euro Verkaufssumme) und macht alles nieder, was nach ihm kommt.

Sowas gibt’s ja alles nicht im biederen deutschen Vereinsfußball.

Milan-Zensur

Das hat selbst Berlusconi nicht gewagt. Aber kaum hat, mit Unterstützung des US-Hedgefonds Elliott, ein chinesischer Unternehmer AC Milan übernommen, da wird Zensur praktiziert. Und zwar gleich an Italiens bekanntester Sportjournalistin Ilaria D’Amico. In der von ihr moderierten Fußballsendung auf SKY hatte D’Amico über Milan gesagt: „Wenn es dafür finanzielle Deckung gibt, hat dieser Klub tolle Sachen angestellt.“ Sie meinte damit den Milan-Transfermarkt. Der Klub hat in dieser Saison annähernd 250 Millionen Euro ausgegeben, obwohl der neue Besitzer, über dessen Geschäfte man nur weiß, dass er eine Phosphatmine in China betreibt, mit 300 Millionen Euro bei Elliott in der Kreide steht.

Kaum waren D’Amicos Worte auf dem Sender verklungen, gab das Milan-Management Anweisung zum SKY-Boykott. Weder der Trainer noch die Spieler durften die vertraglich vereinbarten Interviews geben. D’Amico erklärte prompt die Zusammenhänge. So leicht lässt sie sich nicht einschüchtern. Ilaria D’Amico ist ein Vollprofi.

Milan bekommt von SKY eine Menge Geld für die Übertragungsrechte. Ein Maulkorb gehörte bislang noch nicht zum Geschäftspaket.

 

Meister im Geldrauswerfen

200 Millionen für neue Spieler und der Geschäftsführer sagt: „Noch fehlt uns das Pünktchen auf dem I.“ AC Milan führt sich in diesem Sommer auf dem Transfermarkt auf, als gäbe es kein Morgen. Da wird jeder geholt, der bei drei nicht auf dem Baum ist, sogar der Torwart eines griechischen Provinzklubs – nur weil er der große Bruder des 18-Jährigen Gigio Donnarumma ist. Das irre Szenario heute in der SZ. Und das Irrste daran: Man weiß gar nicht, wem der Klub eigentlich gehört. Heuschrecken aus China oder doch aus der USA? Werden die Kicker mit Geld aus einer riesigen Phosphatmine bezahlt oder doch von einem amerikanischen Hegdefonds?

Nächste Woche übrigens der erste, große Auftritt. In Rumänien, gegen CSU Craiova in der Europa-League-Qualifikation.

Io o Lui

Er oder ich. Das scheint bei Juventus zwischen Massimiliano Allegri und Leonardo Bonucci gelaufen zu sein. Der Coach setzte sich durch. Und Italiens bester Verteidiger zog 140 Kilometer weiter zur AC Milan. Also zu einem Klub, von dem man noch nicht so genau weiß, wem er eigentlich gehört, der aber schon über 200 Millionen Euro auf dem Transfermarkt gelassen hat.

Wenn der Torwart die Prüfung schwänzt

Am Mittwoch hätte Gigio Donnarumma, der Torwart des AC Mailand, seine Abschlussprüfung gehabt. Berufsschule, Qualifikation: Buchhalter, in Deutschland wäre das in etwa mit der Handelsschule vergleichbar.

Am Dienstag ist Donnarumma in die Ferien geflogen. Ibiza statt Pavia, Strand statt Klassenzimmer. Sein Agent Mino Raiola pokerte derweil mit Milan um einen neuen Vertrag. Angeblich sechs Millionen im Jahr für Gigio (18) und noch mal ein Milliönchen drauf für dessen ungleich weniger talentierten Bruder Antonio, der bislang bei einem griechischen Provinzverein im Tor stand und jetzt in Mailand die Nummer zwei oder drei hinter dem kleinen Bruder wird.

Die italienische Bildungsministerin hat einen Leitartikel für die Gazzetta geschrieben. Darin fordert sie Gigio Donnarumma sehr freundlich auf, es im nächsten Jahr bitte noch einmal zu versuchen mit der Prüfung: „So kurz vor dem Ziel gibt man doch nicht auf.“

Dass der Sport und vor allem der Fußball eine Vorbildfunktion hätten, war immer schon leeres Geschwätz. Und nicht jeder schafft es, neben der Profikarriere auch noch den Master in BWL zu absolvieren, wie Giorgio Chiellini, der übrigens auch ein, zwei Trophäen mehr gewonnen hat als der Milan-Torwart. Aber trotzdem ist die Verachtung des jungen Donnarumma für das, was seine weniger privilegierten Altersgenossinnen ganz selbstverständlich leisten, schon beschämend. Eine Respektlosigkeit, klagte die Rektorin jener Berufsschule, bei der Donnarumma sich noch nicht mal abmeldete.

Als Millionär kann man halt nicht an alles denken.