Drogen-Ultras

Italienische Ultras-Organisationen sind nicht selten kriminelle Vereinigungen. Die meisten rechtsextreme Schlägertrupps. Nebenbei verkaufen die Krawallbrüder auch noch Drogen, Mitglieder der Lazio-„Irriducibili“ kassierten beispielsweise schon Haftstrafen, weil sie die Stadion-Kids mit Stoff versorgten. Heute konfiszierte die italienische Justiz das Vermögen eines Führers der Milan-Ultras im Wert von einer Million Euro. Eine Kneipe („Clan 1899“ nach dem Gründungsjahr des Klubs), eine Wohnung und einen Audi A5. Der 38-Jährige Luca Lucci, steht laut Staatsanwaltschaft unter dem Verdacht, mit Drogen gehandelt zu haben, nebst der dafür notwendigen Verbindungen zur organisierten Kriminalität. In Italien wird kein Stoff verkauft, ohne dass ‚Ndrangheta oder Camorra daran beteiligt wären.

„Clan 1899“, der vorgebliche Fan-Treffpunkt soll ein regelrechter Umschlagplatz gewesen sein, den Ultras-Führer Lucci halten die Ermittler für sozial gefährlich. Nichts Neues. Bereits 2009 versetzte der einem Inter-Fan am Rande eines Derbys einen Fausthieb, der derart brutal war, dass der Gegner ein Auge verlor. Er kriegte dafür vier Jahre, fiel letztes Jahr im September beim Heimspiel gegen Sassuolo schon wieder durch massive Gewaltanwendung auf. Zuletzt kassierte er im September 2018 eine 18-monatige Haftstrafe wegen Drogenhandels, es ging um 600 Kilo Haschisch und Kokain. Man fragt sich also, warum seine Kneipe erst heute geschlossen wurde. Man fragt sich auch, warum der Mann nicht hinter Gittern sitzt.

Denn landesweit bekannt wurde Lucci, der „Stier“, durch ein Foto mit dem derzeit mächtigsten Mann Italiens. Bei der 50-Jahrfeier der Milan-Ultras im Dezember 2018 schüttelte er im Stadion Innenminister Salvini die Hand. „Ich treffe so viele Menschen, da kann ich nicht jeden vorher kontrollieren lassen“, wiegelt Salvini ab. Geschenkt. Aber was hat der italienische Polizeiminister auf einem Ultras-Fest zu suchen?

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Happy Birthday, Trap

Giovanni Trapattoni wird 80. Da kann man nur gratulieren. Salute e felicità. Und nochmal aufschreiben, warum es grundfalsch ist, einen der erfolgreichsten Trainer der Fußballgeschichte auf eine so genannte Wutrede zu reduzieren.

Die Melancholie des Derbys

Es mag daran liegen, dass gestern abend mit Macht der Herbst gekommen ist: ein Hauch von Melancholie lag über dem Derby der Madonnina in Mailand. In den 1990er Jahren ein luxuriöses Spektakel mit großen Spielern und berühmten Trainern, mit dem Rechtspopulisten Berlusconi auf der einen Seite der VIP-Tribüne und dem eher linken Petro-Magnaten Moratti auf der anderen. Inzwischen gehört Milan dem Hegdefonds Elliott und Inter dem chinesischen Elektronikkonzern Suning. Kapitän der Rotschwarzen ist Alessio Romagnoli (who?), nachdem Leonardo Bonucci nach nur einer Saison reumütig nach Turin zur Juventus zurück gekehrt ist. Bei Inter ist Mauro Icardi Mannschaftsführer, ein schwer tätowierter Argentinier, der zur WM in Russland erst gar nicht berufen wurde. Trainer: Gennaro Gattuso (Milan), Luciano Spalletti (Inter).

Das sieht dann alles in allem ziemlich solide aus, besonders bei Inter, wo der alte Fuchs Spalletti (Ex Roma und St. Petersburg) es geschafft hat, eine sehr geordnete Mannschaft zu formen. Solide und ein bisschen schwerfällig, ziemlich berechenbar, ohne großen Esprit. Für Milan spielt jetzt auch Gonzalo Higuain, vor zwei Jahren noch der teuerste Stürmer der Liga, als er nach 36 Toren in 35 Serie-A-Spielen für über 90 Millionen Euro zur Juve wechselte. Dort haben sie jetzt mit CR 7 ein anderes Kaliber und Higuain wurde für 18 Millionen Euro jährlich nach Mailand ausgeliehen.

Beim Torjäger-Derby der Argentinier unterlag er Icardi. In der Nachspielzeit gelang dem noch das 1:0, was der ermüdenden Partie wenigstens noch ein Resultat verlieh. Schön war es nicht, erhebend sowieso nicht, und nach dem Schlusspfiff schnell vergessen.

Malincolia!

 

Kleiner Fisch Gattuso

Milan spielt gegen Benevent. Das müsste zu schaffen sein für Gattuso, den neuen Trainer. Der Aufsteiger aus Kampanien hat an den ersten 14 Spieltagen exakt null Punkte gemacht, und ist damit das Schlusslicht sämtlicher europäischer Ligen. Die Chancen für einen siegreichen Einstand von Gattuso stehen also gut. Die Chancen für eine strahlende Zukunft der AC Milan jetzt aber nicht so sehr. Warum der brave Rino nur ein Notnagel ist und wieso keiner die prekäre Lage bei einem der größten italienischen Klubs kontrolliert, steht heute in der SZ. 

Denk ich an Milan in der Nacht

Die italo-chinesische Operette um die AC Milan finde ich ja sehr faszinierend. Weswegen ich sie ja auch liebend gerne fortschreibe (heute in der SZ). Die Protagonisten sind einfach großartig: Der neue chinesische Besitzer, von dem man nur weiß, dass er eine Phosphatmine besitzt und jede Menge Schulden beim US-Haifischfonds Elliot – im Moment gehört Milan deshalb eigentlich den Amerikanern und nicht den Chinesen. Dann der kahlköpfige Geschäftsführer Fassone, der den kahlköpfigen Berlusconi-Vikar Galliani abgelöst hat und genauso wie sein Vorgänger mit allen Wassern gewaschen ist. Studierter Literaturwissenschaftler, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, und Manager bei den Nutella-Rührern Ferrero, bevor er in den Fußball eingestiegen ist. Last but not least der große Alte, Berlusconi himself. In entscheidenden Momenten, so wie jetzt in der Woche vor dem Derby, taucht er aus der Versenkung auf, vergießt ein paar Krokodilstränen über sein Lieblingsspielzeug (Schmerzensgeld 740 Millionen Euro Verkaufssumme) und macht alles nieder, was nach ihm kommt.

Sowas gibt’s ja alles nicht im biederen deutschen Vereinsfußball.

Milan-Zensur

Das hat selbst Berlusconi nicht gewagt. Aber kaum hat, mit Unterstützung des US-Hedgefonds Elliott, ein chinesischer Unternehmer AC Milan übernommen, da wird Zensur praktiziert. Und zwar gleich an Italiens bekanntester Sportjournalistin Ilaria D’Amico. In der von ihr moderierten Fußballsendung auf SKY hatte D’Amico über Milan gesagt: „Wenn es dafür finanzielle Deckung gibt, hat dieser Klub tolle Sachen angestellt.“ Sie meinte damit den Milan-Transfermarkt. Der Klub hat in dieser Saison annähernd 250 Millionen Euro ausgegeben, obwohl der neue Besitzer, über dessen Geschäfte man nur weiß, dass er eine Phosphatmine in China betreibt, mit 300 Millionen Euro bei Elliott in der Kreide steht.

Kaum waren D’Amicos Worte auf dem Sender verklungen, gab das Milan-Management Anweisung zum SKY-Boykott. Weder der Trainer noch die Spieler durften die vertraglich vereinbarten Interviews geben. D’Amico erklärte prompt die Zusammenhänge. So leicht lässt sie sich nicht einschüchtern. Ilaria D’Amico ist ein Vollprofi.

Milan bekommt von SKY eine Menge Geld für die Übertragungsrechte. Ein Maulkorb gehörte bislang noch nicht zum Geschäftspaket.

 

Meister im Geldrauswerfen

200 Millionen für neue Spieler und der Geschäftsführer sagt: „Noch fehlt uns das Pünktchen auf dem I.“ AC Milan führt sich in diesem Sommer auf dem Transfermarkt auf, als gäbe es kein Morgen. Da wird jeder geholt, der bei drei nicht auf dem Baum ist, sogar der Torwart eines griechischen Provinzklubs – nur weil er der große Bruder des 18-Jährigen Gigio Donnarumma ist. Das irre Szenario heute in der SZ. Und das Irrste daran: Man weiß gar nicht, wem der Klub eigentlich gehört. Heuschrecken aus China oder doch aus der USA? Werden die Kicker mit Geld aus einer riesigen Phosphatmine bezahlt oder doch von einem amerikanischen Hegdefonds?

Nächste Woche übrigens der erste, große Auftritt. In Rumänien, gegen CSU Craiova in der Europa-League-Qualifikation.