Eintracht Neapel

Carlo Ancelotti ist der einzige Trainer in Italien, der wirklich laut gegen Rassismus wird. Anderswo in Europa sei unvorstellbar, was immer noch (und wieder) in italienischen Stadien geschehe, sagt er. Wie er Napoli neues Selbstbewusstsein einimpft und wieviel Bier bei einem Heimspiel des FC Bayern verkauft wird, steht heute in der SZ.

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Don Carlo reist nach Paris

Carlo Ancelotti kehrt heute an den Ort einer schlimmen Demütigung zurück. Vor gut einem Jahr wurde er nach dem 0:3 seines FC Bayern gegen PSG in Paris stante pede gefeuert. Heute demonstriert Ancelotti Gelassenheit. Und er sagt: In Neapel lebt man wie Gott in Frankreich. Wenn’s zu stressig wird, dann höre ich halt einfach auf.

Auf ein Neues

Saisonstart in Italien! Und gleich sind diese beiden Herren am Zug: CR7 in Verona, bei Chievo-Juventus. Sowie Carlo Ancelotti bei Lazio-Napoli. Mister Ancelotti ist unterm Vesuv wie gewohnt mitsamt seinem ganzen Clan am Werk. Sohn, Schwiersohn, Freundessohn, alle bei Calcio Napoli in Amt und Würden. Tengo Famiglia, so steht es in der SZ.

Wen der Staat schützt

Roberto Saviano habe ich 2011 näher kennengelernt, als wir einmal über mehrere Monate gemeinsam eine Artikel-Serie für die ZEIT schrieben. Ich erinnere mich noch gut an die absolute Klaustrophobie, die mich überkam, wenn wir uns in irgendwelchen Wohnungen in Rom trafen. Roberto wurde in einem Polizeiwagen gebracht, seine Leibwache sicherte das Gebäude und stand dann, während wir drinnen arbeiteten, vor der Tür. In dieser Zeit erzählte er mir von seinem Leben: Kein Zuhause, keine Zeit allein, keine Freiheit. Ein Leben wie im Gefängnis, der Preis für seinen literarischen Welterfolg „Gomorrha.“

Bis heute muss Roberto Saviano so leben. Wie übrigens andere Journalisten auch – ich erinnere auch sehr gut ein Abendessen am Tiber unter der Engelsburg mit einer Kollegin, deren Leibwache die ganze Zeit um den Tisch stand. Der italienische Staat muss seine Journalisten und Literaten schützen, weil er es nicht schafft, der Mafia beizukommen. Denn darum geht es: Saviano wird nicht von Islamisten verfolgt, sondern von der neapolitanischen Camorra.

Jetzt will Innenminister Salvini ihm die Leibwache nicht länger zahlen, weil Saviano in Opposition zur Rechtsregierung ist. Mit anderen Worten: Ein Innenminister der Republik Italien droht einem Schriftsteller, ihn nicht länger gegen die Mafia zu schützen, nur weil er politisch anderer Meinung ist. Auch die Fünf Sterne versuchen seit Jahren, Saviano zu diskreditieren.

Man möchte kotzen. Aber das einzige, was hilft ist: kämpfen.

Habemus Carlo

Carlo Ancelotti heuert bei SSC Neapel an – für gut sechs Millionen Euro netto pro Saison. Heißt das jetzt, dass Napoli hoch hinaus will oder dass Ancelotti es sich noch gemütlicher machen möchte als zuletzt in München? Sein Clan ist jedenfalls wieder dabei: Rauchender Fitnesstrainer, Sohn, Schwiegersohn. Tengo famiglia, sagen die Neapolitaner. Man hat halt Familie. Weswegen es sich Ancelotti gar nicht leisten kann, als Nationaltrainer zu arbeiten. Für lumpige zwei Millionen macht das jetzt Roberto Mancini.

Simeone, Simeone, Simeone

Ein 22-jähriger Argentinier namens Simeone erledigt SSC Napoli mit drei Toren zu null und macht die frisch entflammten Titelträume im Süden schon wieder zunichte. Eine Woche hat der Höhenflug gedauert, nach Napolis 1:0 gegen Juve in Turin. Da war die alte Schlange angezählt und gestern abend schien sie kurz vor dem endgültigen K.O. zu stehen. Derby d’Italia gegen Inter in San Siro, die Gastgeber sind in Unterzahl, aber einfach besser drauf und kontern die frühe Führung der Turiner mit 2 Toren. Juve hat es dann noch gedreht und siegte 3:2. Jetzt beträgt der Abstand vor Napoli wieder 4 Punkte, die 7. Meisterschaft in Serie ist gar nicht unwahrscheinlich.

Simeone heißt mit Vornamen Giovanni Pablo. Sein Vater ist Diego, der Trainer von Atletico Madrid.

Open!

In der Altstadt wurden Glocken geläutet und Feuerwerke gezündet, am Flughafen standen mitten in der Nacht 10.000 Fans und mittendrin das übliche Szenario: Rituelle Bäder in barocken Brunnen, Hupkonzerte, blockierte Straßen. Üblich, wenn die eigene Mannschaft die Champions League gewinnt oder doch wenigstens die Meisterschaft. In Neapel reichte ein 1:0-Auswärtssieg des SSC beim Erzrivalen Juventus in Turin, um die Stadt in einen Ausnahmezustand zu versetzen. Man mag sich gar nicht vorstellen, was passiert, wenn Napoli tatsächlich Meister wird, erstmals seit 28 Jahren. Das ist nach dem Sieg gegen die Juve tatsächlich möglich. Das Tor von Verteidiger Kalidou Koulibaly hat kurz vor Schluss das Rennen um die Meisterschaft noch einmal spannend gemacht.

Endlich! Es wird ein Kopf-an-Kopf-Duell werden, es wird gefiebert und geträumt. Vier Spieltage noch, alles ist wieder offen. Juventus liegt indes noch vorn, mit einem hauchdünnen Vorsprung von einem Punkt.

Was außerdem geschah: Napolis Trainer Maurizio Sarri zeigt den Juve-Fans, die seinen Mannschaftsbus umlagern und bespucken, den Mittelfinger.

„Signori si nasce“, sagte einst der legendäre Komiker Totò, als Herr wird man geboren. Aber Totò war ja auch ein echter Fürst – und Neapolitaner.