Vom Stolz der Sardinen

Die gemeine Sardine Sardina pilchardus ist ein echter Arme-Leute-Fisch, klein, unprätenziös und schmackhaft, billig aber nährstoffreich. Man isst ihn roh mariniert, gegrillt, frittiert, zur Pasta, im Auflauf, mit Brot, Tomaten, Endivien, sogar mit Pinienkernen und Rosinen.

Neuerdings ist die Sardine aber auch das Symbol einer Bürgerbewegung. In Bologna und Modena haben sich in diesen Tagen auf Initiative einer Handvoll parteiloser junger Leute Tausende von ItalienerInnen versammelt, um gegen jene Hass-Propaganda zu demonstrieren, die die Rechte ohne wirksamen Widerstand ihrer politischen Gegner im Netz verbreitet. Die größten Plätze dieser Städte waren gestopft voll mit Menschen, die eng wie die Sardinen gegen den Hass beieinander stehen wollten. Dabei blieben sie stumm wie die Fische. Manche hielten allerdings ein paar Bilder hoch:

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Rasant erobern die Sardinen das Land. Schon sind Demos für Florenz und Mailand angekündigt, wo die Plätze Zehntausende fassen. Und es deutet viel darauf hin, dass auch dort die Piazza rappelvoll wird.

Das Polit-Labor Italien zeigt sich von seiner fröhlichsten und friedlichsten Seite. Keine Slogans, keine Forderungen, keine Parteigrößen auf der Rednertribüne, nur das gemeinsame Einstehen für demokratische Vielfalt und Toleranz. Und siehe da: Es kann so sexy sein!

Tortellini-Kreuzzug

Tortellini kommen ursprünglich aus der Gegend um Bologna, sind aber mittlerweile in ganz Nord- und Mittelitalien ein beliebtes Weihnachtsgericht, am liebsten serviert „in brodo“, also in Fleischbrühe. Es existiert längst auch eine Version für Vegetarier, ursprünglich aber werden die kleinen Teigtaschen mit Hackfleisch, rohem Schinken und Mortadella-Wurst gefüllt. Also mit Schweinefleisch. Ähnlich wie Lasagne, ebenfalls ein Klassiker aus Bologna. In die Hackfleischsauce kommt traditionell auch ein wenig Schweinemett – weil in der Emilia, dem Landstrich um Bologna, halt viele Schweine gemästet werden. Parmaschinken, Mortadella usw. Die Massentierhaltung führt auch in dieser schönen Gegend zu einem massiven Gülleproblem. Aber das ist kein Thema für die italienische Politik.

Lieber streitet man sich um die Tortellinifüllung. Als der Bischof von Bologna kürzlich entschied, einen Teil der Teigtaschen für das große Patronatsfest für den Stadtheiligen St. Petronius mit Hühnerfleisch füllen zu lassen, um auch Nicht-Katholiken die Möglichkeit zum geselligen Miteinander zu geben, kriegte die Spitzenkandidatin der rechtsextremen Lega für die Regionalwahlen im Januar Schnappatmung: „Die verhunzen sogar die Tortellini, um sich an den Islam ranzuwanzen.“ Der Bischof gab kühl zurück, die Gemeinschaft sei ihm wichtiger als die Details eines Küchenrezepts.

Damit hätte die Sache erledigt sein können. Aber die italienische Rechte will weiter ihr Süppchen mit den Tortellini kochen. Für Leute, die naturgemäß nicht über den eigenen Tellerrand gucken können, handelt es sich um ein gefundenes Fressen. Seit Jahren propagieren Salvini und seine Leute das identitäre Essen, was merkwürdigerweise aus jeder Menge Schweinefleisch und Bier besteht, dabei spielen diese Zutaten für die klassische mediterrane Küche überhaupt keine Rolle. Salvinis Parteifreund Luca Zaia, derzeit Regionalpräsident von Venezien, musste sich einmal dafür entschuldigen, weil er beim Silvestermahl in einem chinesischen Restaurant entdeckt wurde.

Echte Italiener essen nur italienisch! Und der italienische Mann stopft aus soviel patriotisches Fleisch in sich hinein, bis es ihm aus den Ohren herauskommt. Geradezu täglich stellt Salvini seine Mahlzeiten in den asozialen Netzwerken aus, es handelt sich um derartige Berge von Fett, Kohlehydraten, Zucker und Alkohol, dass selbst dieser bullige Mittvierziger sie unmöglich bewältigen kann.  Jetzt kommentierte er im Gesichtsbuch: „Tortellini ohne Schweinefleisch sind wie Wein ohne Weintrauben, wie Schokolade ohne Kakao. Das Problem sind nicht die Muslime, sondern einige Italiener, die sich für sich selbst schämen und Jahrtausende Geschichte, Kultur, Tradition und Glauben wegstreichen.“

Unter dem macht er’s nicht.

Den Kreuzzug um die Füllung hat jetzt der Chef persönlich beendet, auf seine eigene, unnachahmlich menschliche Art. Am Sonntag lud Papst Franziskus 1500 Arme zum Mittagessen in die riesige Audienzhalle im Vatikan. Es gab Lasagne für alle – ohne Schweinefleisch. Unter den Armen Roms sind schließlich nicht nur Katholiken. Also sorgt die Kirche dafür, dass es allen schmeckt.

Die Lega kochte mal wieder über. Von Franziskus kein Kommentar. Wozu auch? Der Bischof von Rom repräsentiert eine Weltkirche mit einer Milliarde Gläubigen, und in der Bibel steht auch nichts von Tortellini. Vielleicht hat sich der Papst aber insgeheim vorgestellt, wie man Salvini und die andereren Geiferer dereinst in der Hölle beschäftigen kann: Tortellini-Drehen bis zum Sankt-Nimmerleinstag.

Natürlich mit Hühnerfleisch-Füllung.

 

 

 

 

La Fontana

226,5 Kilo Verpackungsmüll verursacht jeder Mensch jährlich in Deutschland, auf private Verbraucher entfallen 107 Kilo. Einfach nur irre! Und wenn man dann liest, dass der Plastikmüll nur zur Hälfte recycelt wird, rauft man sich die Haare. In Italien sind es 70 Prozent, immer noch zu wenig, aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass es nicht an der Technologie liegt, wenn deutscher Müll keine Wiederverwertung findet. Man fragt sich, beispielsweise, wieso Plastiktüten erst jetzt verboten werden. In Italien gibt es schon seit 2011 keine mehr! Von wegen Klassenbeste im Umweltschutz. Wir Deutsche sind allerhöchstens Nummer eins im Fach Heuchelei und Verdrängung.

Dabei könnten wir zum Beispiel von den Italien lernen, dem Land, wo die Hochgeschwindigkeitszüge pünktlich fahren. In Rom kriegt man für Plastikflaschen an einigen Recyclingbehältern Bonuspunkte für die Öffentlichen. Also U-Bahn-Tickets für Plastikmüll. Resultat: In elf Wochen Projekt sind 750.000 Pet-Flaschen recycelt worden. Okay, das Pfandprinzip ist noch besser. Aber es müssen ja keine Flaschen sein… wie wäre es zum Beispiel mit Konservendosen?

Ebenfalls kopierwürdig: Der Trinkbrunnen, wie er mittlerweile in vielen italienischen Dörfern und auch in einigen (noch zu wenigen) römischen Stadtteilen steht.

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Ausgegeben wird aufbereitetes Trinkwasser mit und ohne Kohlensäure (ohne kann man es logischerweise auch einfach aus dem Kran nehmen). Anderthalb Liter kosten fünf Cent. Einen Flaschenkorb mit sechs 1,5-Liter-Glasflaschen kann man im Laden nebenan kaufen. Sicher, auch Kohlensäure für zu Hause ist mittlerweile zu haben. Aber sich am Brunnen zu treffen, wie in alten Zeiten, ist doch viel schöner.

 

 

Baseballschlägerjahre

Wie rechte Schläger nach dem Mauerfall den Osten terrorisierten. Und wieso das zum Tabu wurde: Ein wichtiger Artikel in der neuen ZEIT.

Nur zur Ergänzung – auch im Westen, genauer in Dortmund, waren zu jener Zeit Neonazis sehr aktiv. Im Stadion und in den Vierteln mit hohem Ausländeranteil. Auf dem Land in Westfalen sprengten die Glatzen Feste, so dass Freunde immer einen Baseballschläger zur Verteidigung im Kofferraum hatten. War aber auch für die Westmedien kaum ein Thema.

Oberflächlichkeit, Ahnungslosigkeit, Angst.

Zum 9. November

Der Hass auf Juden greift um sich in unserem alten Europa, wie immer angefacht von einer Mischung aus Ignoranz und diffusem Sozialneid – diffus deshalb, weil er sich auf die gesamte Außenwelt richtet, die es angeblich besser und leichter hat als man selbst. Die organisierte Rechte kümmert sich dann darum, diesen herumirrenden Neid zu fokussieren, indem sie den Evergreen verbreitet, die Juden kontrollierten die Weltfinanz. Das passiert in Frankreich, es geschieht in Deutschland,nach Halle, und es greift auch in Italien um sich.

Mit dem Unterschied, dass sich der italienische Antisemitismus genauso wie der italienische Rassismus für harmlos hält und sich permanent selbst Absolution erteilt. Was irgendwie besonders widerlich ist und natürlich kein bisschen weniger brutal. Bei Abendessen in Rom, wo die älteste jüdische Gemeinde außerhalb Palästinas ansässig ist, kann man immer wieder erleben, dass angesehene Herrschaften Judenwitze erzählen oder üble Bemerkungen machen. Und keiner sagt was dazu. Eingreifen und Zurechtweisen gilt als unelegant, als brutta figura. Bitte, der meint das doch nicht so, wer wird denn gleich. Die Toleranz der Italiener gegenüber ihrer eigenen Intoleranz ist grenzenlos.

Der jüdische Journalist Gad Lerner wurde kürzlich bei einem Parteifest der Lega aggressiv beschimpft und bedrängt. Niemand aus der Parteiführung hat sich dafür entschuldigt, dass das Fußvolk den Mailänder anbrüllte, er solle sich gefälligst „in sein eigenes Land“ scheren. Gemeint war Israel.

Seitdem die Auschwitz-Überlebende Liliana Segre (von deutschen Besatzern und italienischen Faschisten deportiert mit 14 Jahren) zur Senatorin auf Lebenszeit ernannt wurde, ist sie die Zielscheibe widerlichster Anfeindungen. Die offen faschistische Forza Nuova hat sie jetzt während einer öffentlichen Veranstaltung sogar mit einem Spruchband beleidigt, hinzu kommt die übliche Hasskampagne im Netz. Forza Nuova pflegt beste Beziehungen zur Lega, die sich schon lange nicht mehr nach rechts abgrenzt (hat Berlusconi übrigens auch nie getan).

Senatorin Segre hatte vergangene Woche die Bildung einer Parlamentskommission gegen Rassismus beantragt. Das halbe Parlament spendete ihrer bewegenden Rede stehend Beifall. Die andere Hälfte – Lega, Berlusconis und die rechten „Brüder Italiens“ blieben demonstrativ sitzen.

Heute hat der Polizeichef von Mailand Liliana Segre wegen akuter Gefährdung ihrer körperlichen Unversehrtheit eine Leibwache zugeteilt. Bodyguards für eine 89-Jährige Dame, so weit ist es in diesem italienischen November gekommen.

Überflüssig, findet Lega-Chef Matteo Salvini. Beleidigungen und Drohungen wie Signora Segre bekomme er selbst auch jeden Tag. Mit anderen Worten: Die Senatorin solle sich nicht so anstellen.

Antisemitismus gibt es nämlich in Italien gar nicht.

 

 

Europas erstes Ghetto

Der Nazi-Terroranschlag in Deutschland ist ein sehr schmerzhafter Beweis für die Existenz dessen, was wir vielleicht zu lange und zu weit von uns weg geschoben haben: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem der Hass auf die Anderen kroch. Beileibe nicht nur im Osten. Trotz aller „Erinnerungsarbeit“ und „Vergangenheitsbewältigung.“ 30 Jahre nach dem Fall der Mauer dürfen wir nicht nachlassen im Kampf gegen Menschenverachtung und Faschismus. Nicht nachlassen und nicht nachgeben. Es darf kein Verständnis und kein Laissez-faire geben gegenüber rechten Gedanken, Verschwörungstheorien und Verleumdungen. In den letzten Jahren ist all‘ dem viel zu oft eine Plattform gewährt worden. Interviews mit rechtsradikalen „Intellektuellen“, mit der ultrarechten Buchhändlerin aus Dresden, Porträts über und Spaziergänge mit Leuten aus der Hundekrawatten-„Partei“.

Aus gegebenem, verstörend traurigem Anlass hier noch einmal ein paar Gedanken über das erste Ghetto in Europa. Vor 500 Jahren, in Venedig.

Salonfähig

Während die neue italienische Regierung die Vertrauens-Abstimmungen in den beiden Parlamentskammern absolviert, mobilisiert die Rechte die Piazza. Salvinis Lega, die neofaschistischen „Brüder Italiens“ und noch radikalere Kleinstparteien wollen einen „Belagerungseffekt“ für die neue Koalition herstellen.

 

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Deren Parlamentarier sollen den Druck der Straße fühlen, weil sie dem Volk angeblich Neuwahlen vorenthalten haben. Dieses Märchen verbreitet die Rechte, seit Salvini in seinem beispiellosen Allmachts-Delirium die Koalition Lega-Fünf Sterne platzen ließ. Das Parlament erwachte daraufhin, genau wie in England, aus seinem Koma. Und die Scheintoten gebaren eine neue Regierung. Die Fünf Sterne, Wahlsieger von 2018, verbündeten sich erstaunlich rasch und schmerzlos mit der Demokratischen Partei, die vor einem Jahr zweitstärkste Kraft geworden war. Italien erwacht gerade aus einem Alptraum, mit dem Gefühl, gerade nochmal am Abgrund vorbei geschrammt zu sein. Was bleibt, ist die Frage: Wie konnte es nur geschehen, dass die siebtgrößte Industrienation der Welt sich innerhalb von 14 Monaten einem rechten Hetzer ausgeliefert hat?

Diese Gefahr ist noch nicht gebannt. Der „Belagerungseffekt“ ist da. Und er fühlt sich gruselig an. Noch nie durften vor dem Parlament in Rom Rechtsradikale unbehelligt aufmarschieren, noch nie sah man im Zetrum der demokratischen Macht so viele dreist emporgereckte rechte Arme.

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Der so genannte „römische Gruß“, den Mussolini einst vorschrieb und Hitler prompt kopierte, ist in Italien verboten. Im Fußballstadion wird er geahndet, auf der Straße nicht. Neofaschistische Propaganda wurde immer geduldet, Salvini hat, indem er ständig mit seinen Slogans spielt, den Neofaschismus endgültig wieder salonfähig gemacht. Seine Verhöhnung des Antifaschismus hat Methode, seine Hetze gegen die Demokratie trägt täglich neue Früchte. Zum Beispiel im Stadion, wo die rechten „Ultras“ wieder Oberwasser haben und sogar Weltstars wie dem Belgier Lukaku ihre wirren Regeln diktieren wollen.

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Die Polizei, die noch vor kurzem den harmlosen Protest gegen Salvini verfolgte und rund um die Plätze, auf denen der Innenminister auftrat, aus den Fenstern gehängte Bettlaken mit satirischen Sprüchen konfiszieren ließ – sie tat diesmal: nichts. Auch nicht, als der Faschistengruß den Polizisten quasi ins Gesicht gestoßen wurde, wie das Foto oben zeigt.

Der italienische Herbst wird also denkbar ungemütlich. Immerhin: Während auf der Piazza Montecitorio die Faschisten aufmarschierten, blockierten Facebook und Instagram endlich die Accounts der beiden Gruppierungen „Casa Pound“ und „Forza Nuova.“ Deren Führer jubelten Salvini zu, als ihre Websites wegen Volksverhetzung gesperrt wurden. Zuckerberg hat also getan, was Italiens Politik und Justiz seit Jahren sträflich versäumen: Den rechten Staatsfeinden die Plattform entziehen.