Benaltrismo

Es gibt im Italienischen eine Wortschöpfung, die im Moment ungefähr so beliebt ist wie das deutsche „systemrelevant“ – und ebenso absurd. Benaltrismo klingt nur viel besser, da liegt Melodie drin, es ist wirklich ein musikalisches Wort. Es bedeutet: Da gibt es aber wirklich andere Probleme. Ben altri problemi!

Traditionell fallen in diese Kategorie der Feminismus, die Rechte von Minderheiten, die Würde von Flüchtlingen und der Umweltschutz. Für Gerhard Schröder, einen der Bannerträger des Benaltrismo, war nur ersteres „Gedöns“, quasi als niedersächsische Variante des B.A.. Aber Schröder verhielt sich zu den Populisten, die heute die transnationale Partei des Benaltrismo bilden, ja auch wie Hannover zu Rio de Janeiro.

Im Windschatten von Miss Corona erobert der B.A. gerade die Welt, auf eine Weise, die man Atem beraubend nennen müsste, wenn das nicht in diesem Zusammenhang nicht  zynisch klingen müsste. Aber die Wahrheit ist: der Benaltrismo hat uns fest im Griff. Er ist plötzlich systemrelevant.

Frauen verschwinden aus der Öffentlichkeit und machen im Home Office mehr Home als Office? Na, da gibt es doch ganz andere Probleme. Die Bürgerrechte werden in vielen Staaten massiv eingeschränkt, bis hin zum Hausarrest und Spaniens und Italiens Kinder dürfen Monate lang nicht vor die Tür? Ben altri problemi. Flüchtlinge müssen auch verstehen, dass wir, genau, jetzt wirklich mal andere Sorgen haben. Und Umweltschützer müssten sowieso zufrieden sein, oder? Kein Flugverkehr, kaum Autoverkehr, Schiffe bleiben auch im Hafen. Die Erde erholt sich von uns, liest man ja überall. Fridays for Future sind nicht nur verboten, sondern überflüssig.

Bis vor drei Monaten war man als umweltbewusster Europäer zum Beispiel davon besessen, Plastikmüll zu vermeiden. Die Zeitungen waren voll mit Geschichten über Modellfamilien, die überhaupt keinen Verpackungsmüll verusachten oder mit Artikeln über Geschäfte, die Nudeln ohne Karton verkauften. Familienintern gab es da sogar mal einen Wettbewerb: wer produziert weniger Plastikabfall in einer Woche?

Dazu hier ein Archivbild:

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Damals konnte man mit dieser Ausbeute keinen Blumentopf gewinnen. Und heute?

Haben wir ganz andere Probleme als Plastikteile in Walmägen oder in den Weltmeeren. Nach Südostasien, wo der meiste Dreck herumschwimmt, können wir doch sowieso nicht fahren! Plastik triumphiert, denn es schützt vor Ansteckung. Vor dem Supermarkt werden Plastikhandschuhe verteilt, ohne kommt man gar nicht mehr hinein. Ebenso vor Buchhandlungen, wobei die Bücher auch in Plastik verschweißt sind. Plexiglas soll uns demnächst in den Restaurants voneinander abtrennen, vielleicht auch im Flugzeug.

Plastikhandschuhe braucht man, um demnächst wieder in öffentliche Verkehrsmittel zu steigen – zusätzlich zu den Masken. Weil Busse, Bahnen und Metros aber sehr viel weniger Passagiere transportieren dürfen, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten, werden die Allermeisten ins Auto steigen. Der Himmel über Mailand, Rom und Neapel, momentan so klar wie zuletzt 1870, wird mit Abgasen geschwängert sein wie noch nie. Zwar haben die Stadtverwaltungen in Mailand und Rom neue Instant-Radwege versprochen, die flüchtig aufgepinselt werden oder mit Absperrband kreiert. Sehr löblich, nur wird das leider den Pendlern wenig helfen. Die Pendler werden aus Angst, sich im Zug anzustecken, mit dem Auto fahren. Sehr viel mehr als sonst werden das tun. Und das Resultat wird verheerend sein, ein richtiger Bumerang-Effekt.

Auch im Konsumverhalten ist Umweltschutz gerade Gedöns. In Italien sind wir polizeilich angewiesen, nur den nächstgelegenen Supermarkt zu besuchen, bzw. nur die Geschäfte im eigenen Dorf. Bioläden? Pustekuchen. Ben altri problemi. In meinem Ort verkaufen die Tante-Emma-Läden ausschließlich Käfigeier. Die sind zwar EU-weit seit zehn Jahren verboten, aber Italien bezahlt eine Strafe und lässt die armen Legehennen lustig weiter im Knast. Kommt billiger.

Da steht man dann im Laden und fühlt sich wahnsinnig Radical Chic, weil man nach Bioeiern gefragt hat. Der Händler verzichtet diese Woche schon auf Maske und Handschuhe, obwohl es im Nachbardorf zwei Covid-19-Tote gibt. Eben dieses Nachbardorf  ist zurzeit das bestgetestete in Italien. 1900 Einwohner, 1900 Tests, 29 Noch-Infizierte, vier im Krankenhaus, der ganze Ort nach wie vor Zona Rossa, also durch Polizeiposten hermetisch abgeriegelt. Kann man angesichts dieser Lage einen Gedanken an Legehennen verschwenden? Eben.

Und so trollt man sich, beladen mit jeder Menge künftigem Verpackungsmüll, nach Hause, immer schön am rechten Straßenrand laufend, weil die vielen Amazon-Transporter wirklich einen heißen Reifen fahren.

Es gibt halt wirklich andere Probleme.

 

 

Triumph der Bürokratie

Ja, es wird langsam langweilig, über den italienischen Lockdown zu lesen. Noch langweiliger ist es, über ihn zu schreiben. Und noch viel langweiliger ist es, in ihm zu leben. Seit zwei Monaten bewegt sich: nichts. Außer einer gewaltigen Menge von Polizisten, die uns dankenswerterweise an jeder Straßenecke kontrollieren geduldig befragen, warum wir unsere Behausung verlassen haben und uns anschließend, je nach Laune, mit erhobener Augenbraue laufen lassen, mit erhobenem Zeigefinger wieder nach Hause schicken oder uns 280 Euro aufwärts für unseren Ungehorsam abknöpfen. Offenbar sind diese Bußgelder derzeit eine wichtige Einnahmequelle für den italienischen Staat.

Vergangenen Freitag durfte ich im 1. Programm des staatlichen Radios sprechen, es ging um die Finanzhilfen der EU. Ich kam dran zwischen EU-Wirtschaftskommissar Gentiloni und dem Lega-Fraktionsführer in der Abgeordnetenkammer, dessen Namen man sich hoffentlich nicht merken muss. Gentiloni war wie immer sehr europäisch und zweckoptimistisch. Nach ihm kamen einige Hörerstimmen, die sehr aufgebracht klangen und sich über Frau Merkel empörten, als sei sie alleinverantwortlich für die Ausbreitung des Corona-Virus, die drohende Pleitewelle und den Stillstand der Serie A. Für die frühe Morgenstunde war erstaunlich viel Testosteron im Spiel. Ich wies darauf hin, dass Deutschland gar nicht allein über das EU-Wiederaufbauprogramm entscheide und Frau Merkel schon mal gar nicht. Man kann das nicht oft und deutlich genug sagen, weil hier sehr viele Medien und Politiker genau das Gegenteil behaupten. Ich erklärte außerdem, das Geld sei da und das Programm beschlossen. Es gehe jetzt darum, wie es ausgegeben und verteilt würde, dazu seien Verhandlungen vorgesehen, alles ziemlich normal. Wenn ich live im italienischen Radio sprechen muss (hermetisch geschlossene Fenster wegen der Esel), neige ich zum merkeln. Das ist eine neue Erkenntnis. Dann sagte ich aber noch, Herr Conte habe gut daran getan,  im deutschen Fernsehen und in einigen großen Zeitungen vorstellig zu werden, denn die letzten starken Bilder, die die deutsche Öffentlichkeit vor Corona aus Italien gesehen habe, beträfen Flüchtlingsschiffe, die Abführung von Carola Rackete und den damaligen Vizepremier Salvini, der mit nacktem Oberkörper aus einem Strandbad gegen die Flüchtlinge und Frau Rackete hetzte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Merkel-Phase schon wieder überwunden. Dann war auch schon der Lega-Mann dran. Ich hörte noch, wie er nach Luft schnappte, bevor sich eine freundliche Redakteurin von mir verabschiedete und ich aus der Leitung flog.

Vergangenen Samstag feierte Italien den Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Nationalsozialismus. Das ist der Tag, den mein Mann seit 28 Jahren mit den Worten einleitet, ganz Italien sei von den Deutschen befreit, außer ihm. Die Sonne schien und an unserem Grundstück spazierten zwei ungefähr Zwölfjährige Jungs vorbei. Exakt 90 Minuten später kam ein Polizeiauto (die Straße ist ein besserer Feldweg). Die Jungen wurden angehalten, es folgte eine Befragung, sie wurden nach Hause geschickt. Ein Bußgeld setzte es nicht. Geht das überhaupt, bei Minderjährigen? Oder müssen für sie die Eltern bezahlen, wenn sie sich weiter als 200 Meter von zu Hause entfernen, in einem Dorf mit 1000 Einwohnern und null positiv Getesteten? In der gesamten Region Umbrien sind heute 371 Menschen positiv, darunter zwei Neuansteckungen vom Tage. Seit Wochen geht hier keiner ohne Maske auf die Straße.

Gestern, Sonntag, sprach Ministerpräsident Conte im Fernsehen. Mit der Miene eines Onkels, der ein großes Geschenk überreicht, versprach er neue Freiheiten ab dem 4. Mai. Es sei dann erlaubt, Sport im Freien zu treiben, auch außerhalb der 200-Meter-Zone. Man dürfe Verwandte besuchen, die in derselben Region wohnten, müsse aber dabei eine Maske tragen (und die Verwandten natürlich auch). Von Freunden war nicht die Rede. Von etwaigen Liebsten auch nicht. In Corona-Zeiten muss man verheiratet sein oder zumindest zusammen leben, sonst darf man nicht zueinander. Trauerfeiern sind erlaubt (max. 15 Personen). Messen nicht. Die Parks werden wieder geöffnet, für Spielplätze gilt ein Numerus Clausus. Die meisten Geschäfte bleiben weiter geschlossen, Friseursalons, Bars und Restaurants sowieso.

Das größte Geschenk aber macht Onkel Conte den Bürokraten, denn man braucht, um in den Genuss all‘ der neuen Freiheiten zu kommen, weiter eine Autocertificazione.

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Also ein Formblatt, das man sich von der Webseite des Innenministeriums herunterlädt und auf dem man neben den eigenen Daten einen triftigen Grund angibt, warum man das Haus verlässt. Das Formblatt wird bei Polizeikontrollen einbehalten, beim nächsten Freigang muss ein neues ausgefüllt werden.

Es ist der Triumph der Bürokratie in einem Land, das eine Pandemie in vorderster Front von der Polizei bekämpfen lässt. Wobei betont werden muss: Die Innenministerin ist dagegen. Sie findet offenbar, zwei Monate Formblatt-Sammeln reichten, ihre Polizisten hätten jetzt Wichtigeres zu tun. Ich frage mich, was eigentlich aus den Millionen von  einegsammelten Formblättern wird. Werden die aufbewahrt? Kommen die in die Papiertonne? Benutzt die Polizei die leere Rückseite für Notizen?

Die Task Force (so heißt hier das Beratergremium) der Regierung macht sich schon Gedanken über die Öffnung der Strände. Man soll sich über eine App anmelden und erklären, wo genau man seinen Sonnenschirm abstellt. Wir sind ein Volk unmündiger Kinder, die zum Abstandhalten mühsam erzogen werden müssen.

Am wasserfesten Formblatt wird deshalb noch gearbeitet.

 

 

 

Locker bleiben

Aus Italien betrachtet, hat man das Gefühl, dass in Deutschland gerade die Stimmung kippt. Die Leute fordern und bekommen Lockerungen, dabei ging es doch auch in den letzten Wochen schon sehr locker zu, verglichen mit Spanien, Frankreich und Italien. Tagelang wurde über eine Maskenpflicht diskutiert, als wäre es ein Angriff auf die Menschenwürde, sich Mund und Nase zu bedecken, um andere vor den eigenen Spucktröpfchen zu schützen. Gestern habe ich im WDR eine Hörerin vernommen, die tatsächlich erklärte, sie sei gegen die Schutzmasken, weil man das Gegenüber damit nicht mehr lächeln sähe – und das deprimiere sie so. Da sage ich als Italienerin: Chi se ne frega, wen juckt das?

Deutschland ist ein reiches Land. Es gab sofort Hilfen in einem Ausmaß, von dem der Rest der Welt nur träumen kann, sogar Künstler konnten einen Antrag stellen. Trotzdem lamentieren sich alle. Die Schausteller glauben, sie hätten ein Recht auf Volksfeste. Die Fußballklubs meinen, der Geldregen von den Fernsehsendern dürfe nie versiegen. Aber Millionärs-Fußball und das Oktoberfest braucht im Moment wirklich gerade kein Mensch. Genauso wenig wie die absurde Urlaubsdebatte. Es ist Pandemie, da kann man die Ferien auch mal ausfallen lassen. Und da wir gerade noch dabei sind, hier ein spezieller Vorschlag: Wir überlassen die Strände und Wellnesshotels in diesem Sommer dem Personal aus Krankenhäusern und Supermärkten, den Paketzustellerinnen und Reinigungskräften. Den einzigen, die wirklich Urlaub brauchen!

 

Einmal Sitzen, 280 Euro

Während die Lega und Forza Italia (letztere in Fraktion der EVP) in Straßburg gegen den Grünen-Antrag für Eurobonds stimmen, geschieht in Rom:

Eine 60Jährige Frau macht sich im Stadtteil Testaccio auf, um ihre Einkäufe zu erledigen. Angetan mit Schutzmaske und Plastikhandschuhen geht sie zu Fuß zur ca. 100 Meter von ihrer Wohnung entfernten, zentralen Piazza, an der sich zahlreiche Lebensmittelgeschäfte befinden. Die Frau bemerkt vor den Geschäften lange Schlangen. Anstatt sich einzureihen, setzt sie sich auf eine Bank. Nur einen Moment die Sonne genießen. Ihre Wohnung hat weder Terrasse, noch Balkon. Spazieren gehen, etwa am nah gelegenen Tiberufer, darf sie nicht. Der Spaziergangsradius für ItalienerInnen liegt sechs Wochen nach dem Lockdown bei 200 Metern. Wer sich weiter von seiner Wohnung entfernt, darf bestraft werden.

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Bleibt die Bank. Denkt die Frau. Bis sich vor ihr ein Carabiniere aufbaut und ihr erklärt, sie verstoße gerade gegen die Vorschriften. Dann geht der Polizist. Die Frau bleibt sitzen. Eine weitere Carabiniera erscheint, fordert sie auf, sofort aufzustehen und die Bank zu verlassen. Was sie da tue, nämlich allein in der Sonne zu sitzen, sei illegal.

Der erste Carabiniere kommt zurück. Händigt der Frau auf der Bank ein Formular aus. Es ist eine Bescheinigung über ein Bußgeld von 280 Euro. Verstoß gegen die Seuchenschutz-Notverordnung.

So etwas geschieht in Italien im Moment allerorten.

Und ich konnte, nachdem ich die Bank-Episode gestern abend auf „La Repubblica“ gelesen habe, die halbe Nacht nicht schlafen.

Merkel und die sieben Samurai

Je lauter sich die Italiener – Regierung, Opposition und fast ausnahmslos alle Medien – über die Deutschen und deren mangelndes Mitgefühl für Italien beschweren, desto stärker wird meine Empathie für Frau Merkel. Nicht, dass ich sie jemals gewählt hätte, das Kreuz bei der CDU zu machen, ist mir genetisch nicht mitgegeben. Kennen gelernt habe ich sie nur flüchtig, bei einem Empfang in der römischen Basisgemeinde St- Egidio, in der einige Mitglieder meiner italienischen Familie engagiert sind.

Und doch stelle ich mir jetzt Angela Merkel vor, der hinterbracht wird, wie markig ihr italienischer Amtskollege Giuseppe Conte Hilfen von der EU und speziell von Deutschland einfordert. Er werde erbittert für Eurobonds kämpfen, sagte Conte vor ein paar Tagen bei einer Fernsehansprache. Der EU-Rettungsschirm sei für Italien nicht das passende Instrument.

Ich bin auch für Eurobonds. Mehr Europa bitte! Gemeinsame europäische Finanzpolitik, Flüchtlingspolitik, Gesundheitspolitik, davon träumt man ja nicht erst seit Ausbruch der Seuche. Trotzdem stört mich das Getrommel von Conte, der übrigens von seinem Vorgänger Romano Prodi postwendend ermahnt wurde, doch erstmal das Geld aus dem Rettungsschirm zu nehmen. Italien könne es sich nämlich gerade wirklich nicht leisten, wählerisch zu sein.

Der parteilose Conte regiert Italien seit knapp zwei Jahren, vorher war er ein außerhalb seines Fachgebiets vollkommen unbekannter Professor für Vertragsrecht an der Uni Florenz. Im ersten Jahr repräsentierte er eine Koalition aus der rechtsextremen Lega Nord und den spinnerten Fünf Sternen. Dann machte Contes Stellvertreter Matteo Salvini den kapitalen Fehler, aus einer Strandbar an der Adria die Koalition zu kündigen und Neuwahlen zu verlangen. Conte und die Fünf Sterne setzten Salvini vor die Tür und regieren seither mit der sozialdemokratischen PD.

Salvini ist Führer einer stramm rechten Opposition, die aus der Lega, Fratelli d’Italia und Berlusconis Mumienverein Forza Italia besteht. Ein Bündnis offen rassistischer, autoritärer rechter Hetzer, die das Parlament für eine Quatschbude halten und Bürgerrechte für Schickeria-Schnickschnack. Natürlich ist Merkel froh, dass sie nicht mit Salvini verhandeln muss, klar ist ihr Conte lieber. Aber zu behaupten, dass Salvini davon profitiert, wenn Deutschland Italien jetzt nicht die geforderten Milliarden schickt, ist Blödsinn. Man kann nicht Brüssel oder Berlin dafür verantwortlich machen, dass die Lega in Umfragen immer noch die stärkste Partei ist. Dafür, dass Populisten in Italien seit einem Vierteljahrhundert politisch den Ton angeben, gibt es wirklich ganz andere Gründe. Einer davon könnte sein, dass die Italiener in der EU die wenigsten Zeitungen und die wenigsten Bücher lesen und die wenigsten Akademiker haben. Gegen die Salvinis dieser Welt schützt Bildung nachweislich besser als Geld.

Bevor Professor Conte auf den Plan trat, hatte Frau Merkel es bereits mit sechs anderen italienischen Ministerpräsidenten zu tun. Zuerst mit Silvio Berlusconi, dann mit Romano Prodi. Darauf kam wieder Berlusconi, der erst zurücktrat, als er Italien an den Rand der Staatspleite gebracht hatte. Mario Monti übernahm, gefolgt von Enrico Letta, Matteo Renzi, Paolo Gentiloni. Schließlich Conte. Berlusconi räsonierte darüber, dass die Kanzlerin mangels körperlicher Vorzüge keine Chance hätte, in seinen Harem aufgenommen zu werden und schlief bei Treffen regelmäßig ein: Sein Nachtleben war zu stressig. Renzi startete in Berlin mit einer Charmeoffensive, um in Rom verlauten zu lassen, Mutti Merkel fresse ihm schon aus der Hand. Conte zeigte anfangs Demut und jetzt die Zähne.

Merkel und die sieben Samurai. Sieben italienische Männer, allesamt überzeugt davon, es im Grunde besser zu können als die deutsche Frau. Realexistierende Anzeichen dafür: keine. Im Gegenteil. Die Staatsverschuldung ist auf 134 Prozent der Wirtschaftsleistung gewachsen, der Graben zwischen Nord- und Süditalien so tief wie nie, die Mafia keineswegs besiegt, die Akademikeremigration nach Nordeuropa rasant gestiegen.

Das alles vor Corona. Jetzt ist die Situation natürlich noch dramatischer. Seit nunmehr fünf Wochen stehen Italiens BürgerInnen quasi unter Hausarrest, und doch gibt es immer noch täglich 500 Tote mehr. Während im Norden das Gesundheitssystem kollabiert, werden im Süden Polizeihubschrauber zur Jagd auf vereinzelte Strandspaziergänger oder Partygäste auf Dachterrassen eingesetzt. Deutschland diskutiert über Schulöffnungen, Italien darüber, ob im Sommer Plexiglas-Vorrichtungen auf die Strände gestellt werden sollen. Als ob irgendjemand hier in den Urlaub fahren könnte. Noch immer gibt es keinen Plan für die so genannte zweite Phase, stattdessen wird die erste Phase der Vollsperrung eines ganzen Landes immer weiter verlängert. Die italienische Politik befindet sich in Schockstarre, sie hat panische Angst davor, dass das Virus auch im bislang verschonten Süden explodieren könnte und keinerlei Instrumente zur Bewältigung der Krise.

Die Wahrheit ist: Das bislang von der EU zugestandene Geld reicht bei weitem nicht aus. Italien wird ein Fass ohne Boden sein.

Frau Merkel weiß das natürlich. Und Giuseppe Conte ahnt es vielleicht auch.

 

Bücher schmücken ein Zimmer

Books do Furnish a Room, das ist der Titel von Band 10 in Anthony Powells Romanzyklus „A Dance to the Music of Time.“ Der Autor lässt offen, ob der Mann, dem er diesen denkwürdigen Satz zuschreibt, ihn hervorstößt, während er sich nackt seiner auf dem Sofa hindrapierten Geliebten nähert. Oder während er von einem umstürzenden Bücherregal getroffen wird wie Johannes XXI am 14. Mai 1277. Der portugiesische Papst hat das nicht überlebt, weil mit seinen Büchern tragischerweise der halbe Dachstuhl der Bibliothek herunterkam. Übrigens in Viterbo, wohin sich die Päpste damals aus Angst vor den Römern zurückgezogen hatten. Wenn es soweit ist, fände ich es auch unbedingt schicker, von meinen Büchern getötet zu werden als von der Straßenbahn, wie der unglückliche andere große Portugiese Fernando Pessoa.

Aber zurück zu Powell, den ich an dieser Stelle dringend empfehlen möchte. Man hat erstens eine Weile zu tun mit seinem Romantanz, zweitens amüsiert sich man sich dabei, weil es drittens um die britische Literatur- und Partyszene geht, also angenehmerweise um nichts. Die Bände, die sich vornehmlich um den Weltkrieg drehen, überfliegt man am besten. Da geht es nämlich auch um nichts, außer darum, wie die Londoner Elite den Krieg zum Karrieremachen nutzte. Nach 30, 50 Seiten hat man es kapiert und kann zur Nachkriegszeit übergehen.

Wenn man das tut, rettet man sich also in den sehr unterhaltsamen Band „Bücher schmücken ein Zimmer“ und stößt unter anderem auf so einen Satz: „Ich habe mich vom zeitgenössischen Leben abgewendet.“ Was soll ich sagen – das trifft’s.

Im zeitgenössischen Leben ziehen Deutsche vor Gericht, um ihren Osterspaziergang an der Ostsee durchzudrücken – und kriegen Recht. Der eigene Vater (78, mehrere Vorerkrankungen) ruft an, beklagt sich, dass er hinter seiner von der Schwiegertochter genähten Schutzmaske „kaum Luft“ kriegt und sie deshalb nicht aufzieht, „denn hier haben wir eigentlich alles im Griff“, bis auf die 30.000 in den Krankenhäusern, mehr als in Italien. Im zeitgenössischen Leben wird der Lockdown für uns ItalienerInnen bis zum 4. Mai verlängert, die Leute dürfen an Ostern ihre Wohnungen nur verlassen, wenn sie zum Notarzt müssen. Die Carabinieri fahren vorsorglich schonmal Streife, sogar durch die Olivenhaine. Täglich kommen neue, entsetzliche Details ans Tageslicht darüber, wie im Norden des Landes kranke, alte Menschen einfach sich selbst überlassen wurden und zu Hause sterben mussten. Im zeitgenössischen Leben zeichnet sich außerdem eine drohende Staatspleite ab, während die Pfennigwuchser der sich gerade auflösenden EU noch um die Hilfen für die Südländer feilschen. Die Brüsseler Abteilung für Demokratie und Grundrechte ist derweil wegen Corona geschlossen, was man an den Beispielen Ungarn und Polen sieht, die sich gerade ungestraft von der einen wie den anderen verabschieden dürfen. Die Bundesliga will wieder spielen. Fußball! Ohne mich.

Ich wende mich vom zeitgenössischen Leben ab. Aber mit dem größten Vergnügen.

 

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Meine Zeitgenossenschaft beschränkt sich gerade darauf, das letzte Grünzeug aus dem Gemüsegarten zu klauben (je, genau, richtig gesehen: Cime di rapa und Zwiebelchen) und neues zu pflanzen. Im Dorf hat jetzt ein Landhandel aufgemacht. Das Geschäft der Stunde! Es ist der langsamste Landhandel Italiens, unter 40 Minuten kommt man da nie raus, aber egal. Hauptsache, Salat, Tomaten, Auberginen, Paprika, Zucchini. Blumen gibt’s nicht, weil nicht systemrelevant.

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Und dann wären da noch die Mandeln vom letzten Herbst. Zu öffnen mit einem Stein auf der Gartenmauer. Nussknacker eignen sich nach meiner Erfahrung nämlich nicht dazu. Ein Baum, 300 Gramm netto.

Mandeln schmücken den Osterkuchen wie Bücher ein Zimmer. Mindestens.

Gesundheit!

Nie war die Großfamilie so bedroht und so wichtig wie in diesen Zeiten. Das gilt natürlich auch für unseren italo-deutsch-amerikanischen Clan, der sich über Ländergrenzen und Meere hinweg in einer Whatsapp-Gruppe austauscht. Es wird debattiert, es werden lustige Videos geschickt, früher ging’s um Fußball, heute geht’s klarerweise um Miss Corona. Eine von uns, Mutter zweier Kleinkinder, arbeitet als Ärztin einem norditalienischen Krankenhaus. Sie schreibt:

„Leider hat nicht nur Trump das Problem unterschätzt. Auch hier sind fatale Fehler begangen worden. In primis, was das Personal im Gesundheitswesen anbelangt. Ärzte, die buchstäblich wie Kanonenfutter behandelt wurden, mit bloßen Händen in den Kampf geschickt. Das ist die Realität. Bis zur Notverordnung am 10. März haben wir unsere Patienten ohne Mundschutz untersuchen müssen, um keine Panikstimmung zu erzeugen. Jetzt sehen wir, was das gebracht hat. Inzwischen sind viele Ärzte krank und sie haben vor allem auch andere angesteckt.“

4824 Personen aus dem Gesundheitsbereich sind infiziert, doppelt soviel wie in China. Natürlich gibt es Verantwortliche dafür, genauso wie es Verantwortliche gibt für die erschreckend hohe Zahl der Toten. Seit Tagen wird gerätselt, wieso die Seuche in vielen anderen Ländern, vor allem aber in Deutschland weniger tödlich ist als in Italien. Angeblich werden in Deutschland nur diejenigen erfasst, die ausschließlich an Corona gestorben sind, während die Italiener MIT Corona sterben, aber mehrere Vorerkrankungen hatten. Aber es schält sich immer deutlicher heraus, dass das bei weitem nicht der einzige Grund ist. Vielmehr sind ältere Italiener weniger gesund als ältere Deutsche. Sie werden weniger umsorgt, dabei ist ein Viertel der Bevölkerung über 65. Es fängt damit an, dass man den Zahnarzt bezahlen muss. Es geht weiter mit Monate langen Wartezeiten für die Diagnostik, von einer OP mal ganz zu schweigen. Italienische Hausärzte setzen keine Spritzen, sie verschreiben höchstens welche. Ihre Diagnose-Gerätschaft beschränkt sich zumeister auf die Auskultation und, wenn man Glück hat, auf den Blutdruckmesser. Die Folge ist, dass alle sehr viel weniger häufig zum Arzt gehen als in Deutschland. Wie oft haben wir uns über die wehleidigen Deutschen lustig gemacht, die wegen einer Erkältung zum Doktor rennen oder über den Kreislauf klagen! Italiener haben keinen Kreislauf, frotzelten wir. Wir brauchen keine Beta-Blocker, wir haben unser tolles italienisches Essen. Und jetzt haben wir den Salat.

Gerade in den Regionen des Nordens haben zudem rechte Verwaltungen das Gesundheitssystem kaputtgespart. Krankenhausbetten gestrichen, Krankenhäuser geschlossen, Planstellen gestrichen. Im Süden gibt es unfassbar wenige Hospitäler, in Kalabrien habe ich die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die normalerweise in Katastrophengebieten und armen Ländern im Einsatz ist, Erntearbeiter behandeln sehen. Das Schiff Italien hat schon lange Schlagseite, jetzt droht es endgültig zu sinken. Sicher, auch die irre Sparpolitik der EU hat ihren Anteil. Plötzlich wird sie obsolet. Aber wird das auch so bleiben? Werden wir uns daran erinnern, dass ein Staat und erst recht ein Staatenverbund nur stark ist, wenn er seine Schwächsten schützt?

Jetzt wird so getan, als sei die Analyse fehl am Platz. Als sei es obszön, die Verantwortlichen zu benennen. Stattdessen wird den Krankenhausleuten vom Balkon applaudiert, werden Durchhalteparolen ausgegeben, sowie Heldensagen erzählt von 85-Jährigen Ärzten, die in den OP zurück kehren (kein Witz!) und 30-Jährigen Jungmedizinern, die an die Front ziehen.

Auf Seite 4 der Süddeutschen finde ich heute diesen Kommentar:

„Bisher halten die Menschen tapfer durch. Es gibt größere Helden, jene, die in Krankenhäusern ganz vorne stehen im verzweifelten Kampf, im Wissen, um im Kriegsvokabular zu bleiben, dass auch sie fallen können. So wie in der 45 000-Einwohner-Stadt Lodi, wo ein Arzt an Covid-19 gestorben ist, der 18. in Italien. Und dann gibt es die zahllosen kleinen Helden. Sie sitzen seit drei Wochen zu Hause, viel drastischer eingesperrt als hier, viele geplagt von Existenzängsten, viele allein, denn die italienische Großfamilie unter einem Dach kommt im Klischee öfter vor als in Wirklichkeit. Trotzdem bewahren die allermeisten Fassung und Disziplin.“

Fassung und Disziplin? Ein ganzes Volk bezahlt hier gerade mit umfänglichster Freiheitsberaubung die Fehler einer politischen Kaste, die das öffentliche Gesundheitssystem ins Koma versetzte, weil sie sich Privatleistungen erlauben konnte. Heute zerren Soldaten auf dem Hauptbahnhof in Mailand die Reisewilligen von den Bahnsteigen, während in römischen Parks Drohnen rebellische Spaziergänger aufspüren sollen (es gab keine). Wo war das Militär, wo bleibt die Polizei, wenn in der Notaufnahme von Neapels Krankenhäusern geschossen wird, wenn dort Ärzte zusammen geschlagen werden, weil sie einen Camorrista nicht rasch genug behandeln? Ich will mich darüber gar nicht weiter verbreiten, sondern lasse lieber die junge Ärztin aus unserer Familie sprechen:

„Es wäre schön, wenn alle einfach ihre Pflicht erfüllten, anstatt von Helden zu reden. Man soll uns schlicht die Bedingungen schaffen, in denen wir unsere Arbeit machen können.“

China hat Ärzte und Geräte geschickt. Russland hat Ärzte und Beatmungsmaschinen geschickt. Kuba hat Ärzte geschickt.

Nach Kuba sandte mein Mann vor Jahren kiloweise Papier an seine Kollegen – die Unis im Castro-Reich hatten keines mehr. Gestern bekam er eine Mail von einem ehemaligen Doktoranden aus China. Der junge Ingenieur fragte nach unserer Adresse, um uns ein Paket mit Atemschutzmasken zu schicken.