Italien-Corona 0:5

Vorab meine heutige Lieblingsschlagzeile, entdeckt auf Zeit-online: „Berlin ist nicht Weimar. Das hat Hamburg gezeigt.“ Grübel, grübel.

Aber hier soll es ja um Italien gehen und um seine Seuchen-Topographie. Am Tag fünf der Massenpanik (325 Infizierte) erleben wir unter anderem: Eine neapolitanische Immobilienagentur, die den Slogan ausgibt „Wir vermieten nicht an Norditaliener“ (in Anspielung an die berüchtigten Schilder zur rassistischen Abwehr von süditalienischen Arbeitsemigranten im Turin und Mailand der 1960er Jahre). Der Bahnhof in Casalpusterlegno, wo wegen des Schwächeanfalls einer Angestellten über Stunden der gesamte Zugverkehr von Nord- nach Süditalien lahmgelegt wird – bis zum negativen Testergebnis der armen Frau. Ein Mailänder Gericht, das Zwei-Meter-Sicherheitsabstand zwischen den Prozessbeteiligten anordnet. Die Verschiebung der Mailänder Möbelmesse, der Kinderbuchmesse in Bologna, das Streichen eines Liederabends für Präsident Macron in Neapel (!) und römische Ärzte, die nicht mehr als fünf Patienten in ihr Wartezimmer lassen. Der WWF hat in der Hauptstadt (ein Infizierter) sogar einen Freiluft-Flashmob abgesagt, gecancelt werden aber auch alle möglichen Pressekonferenzen.

Man schaltet das Radio ein: Corona. Den Fernseher: Idem. Im Internet wird man erschlagen mit Corona. Es scheint gar nichts anderes mehr zu geben, allerdings findet sich im Netz auch der glänzende Kommentar, Österreich solle sofort seine Grenzen schließen, falls noch ein Italiener über 80 stürbe. Im Iran, Irak und auf den Seychellen gilt das schon: Italiener müssen draußen bleiben. Mauritius hat sich damit begnügt, nur den Norditalienern die Einreise zu verweigern. Die Niederlande empfehlen ihren Bürgern, einen Bogen um Norditalien und Rom zu machen.

Aus Deutschland hagelt es besorgte Anrufe.

Alles in Ordnung bei euch? Schon Vorräte eingekauft?

Bestens. Die Busse waren noch nie so leer wie heute. Im Museum und im Restaurant ist man sowieso ganz alleine. Und ihr so?

Machen wir uns nichts vor. Die Italiener mögen zum Melodram neigen, aber in Deutschland wäre die Reaktion wohl auch nicht viel anders. Die Medien befeuern auch dort die Angst schon aus vollen Rohren. Tausende haben ihre Italienreisen abgesagt. Wobei wir bei der ökonomischen Komponente wären. Massenweise Stornierungen in Mailand, Venedig, aber auch in Florenz, Rom und weiter südwärts. Kurssturz an der Börse, Verluste durch die Schließung von Produktionsstätten. Angeblich kostet die Angelegenheit Italien schon jetzt 0,4 Prozent vom Inlandsprodukt, dabei ist das Land ohnehin in der Rezession. Falls es noch Beweise für die irrsinnige Fragilität unserer Konsumgesellschaften brauchte: Prego.

Während Salvini Steuerbefreiung für ganz Norditalien fordert (jawohl, in Corona-Country regieren lauter Lega-Männer), weist Ministerpräsident Conte den Staatsrundfunk an, gefälligst keine Panik zu machen. Und tatsächlich gibt es plötzlich ganz andere Schlagzeilen: 95 Prozent der Infizierten verspürten keinerlei Beschwerden, überhaupt sei Corona nicht mehr als eine Grippe, eher weniger.

Die Welle der Hysterie ebbt also langsam ab. Um der nächsten Platz zu machen.

 

Paranoia

Die Radikalisierung erfolgt im eigenen Schlafzimmer. Allein mit den eigenen Ängsten, verloren im Internet, wird der Hass geschürt. Hass auf alle, die anders sind. Auf die, die unaussprechliche Nachnamen tragen, Bärte oder Kopftücher. Auf jene, die Bücher lesen und es wagen, darüber zu sprechen. Auf Frauen. Auf Juden. Auf türkischstämmige Arbeiter und deutschstämmige Journalisten. Hass auf die Welt. Der Hass ist immer extrem und er ist immer rechts. Egal, ob er Angehörige einer religiösen Glaubensgemeinschaft radikalisiert oder Ungläubige. Er ist natürlich auch stets pathologisch. Der Hass führt zum Realitätsverlust, er macht irre.

Irgendwann schreit der Hass nach Entladung, er befiehlt die Tat. Dann geschieht, was in München passiert ist, in Kassel, in Halle oder in Hanau. Oder auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin.

Der Hass hat in Deutschland eine Partei, deren zynische Vertreter die Paranoia zum Programm machen. Es ist ansteckend wie ein Virus. Es braucht ein starkes Immunsystem, um sich dagegen zu wehren. Vor zwei Wochen haben wir in Thüringen gesehen, dass es bei manchen Volksvertretern nicht mehr stark genug ist. Und fast jeder von uns hat aus dem Bekannten- oder sogar Freundeskreis schon diese Kommentare mit den Worthülsen des Hasses gehört. Der Hass ist längst salonfähig, er hat auch jene Kreise erfasst, die in jeder Hinsicht privilegiert sind. Nicht nur in Deutschland. In Italien war der Hass kürzlich an der Regierung. Und er bildet immer noch die stärkste Partei.

Der Anschlag von Hanau, Nummer drei in neun Monaten, ist auch deshalb erschütternd, weil man das Gespenst der 1930er Jahre marschieren sieht. Man bemerkt die Hilfslosigkeit der deutschen Politik.

Trotzdem kann man den Rechtsterror von 2020 nicht mit dem Naziterror von vor hundert Jahren vergleichen. Deutschland hat eine in 70 Jahren gewachsene Demokratie, einen Rechtsstaat mit funktionierenden Institutionen, es ist ein weltoffenes Land geworden, ein Einwanderungsland, das alljährlich Millionen von Touristen exportiert . Der Rechtsterror ist in diesem Gefüge nicht konsensfähig, weil er nichts zu bieten hat. Die Nazis offerierten den Deutschen das Hab und Gut ihrer jüdischen Nachbarn, deren Wohnungen, Schuhläden und Fabriken. Die paranoiden Männer, die heute ihre Mitbürger ermorden, haben nichts zu verheißen oder zu versprechen. Sie können mit ihrem eigenen Leben genauso wenig anfangen wie mit dem Leben der anderen.

Das macht sie so gefährlich. Der Irrsinn der neuen Nazis ist Sprengstoff für unsere Gesellschaft.

Ehrenbürger Mussolini

Der Stadtrat von Salò hat es mit überwältigender Mehrheit mal wieder abgelehnt, Benito Mussolini die Ehrenbürgerwürde zu entziehen. 14 zu drei Stimmen in einer Ratssitzung, die in einem von der Polizei abgeriegelten Rathaus stattfinden musste, aus Angst vor empörten Demonstranten.

Salò ist ein 10.000-Einwohner-Städtchen am beliebtesten Badesee Münchens, dem Lago di Garda. Salò war aber auch die „Hauptstadt“ der „Republik von Salò“, eines Satellitenstaates der Nazis, in dem Mussolini unter der militärischen Protektion der Wehrmacht nach seiner Entlassung durch den italienischen König 1943 noch ein bisschen Duce spielen durfte.

Ehrenbürger war er da schon längst – seit dem 23. Mai 1924. Fast hundert Jahr später verteidigt die rechte Stadtverwaltung die uralte Auszeichnung für den Mann, der Italien an der Seite Adolf Hitlers in den Zweiten Weltkrieg geführt hatte: Mussolini aus dem Register zu streichen, diene der falschen Sache und sei sowieso anachronistisch.

 

Buon anno

Das Jahr geht zu Ende und mit ihm auch ein Lebensabschnitt. Ein ziemlich langer sogar, immerhin 21 Jahre. So lange habe ich als Sportjournalistin gearbeitet, übrigens ein Job, zu dem ich kam, wie die Jungfrau zum Kinde. Eigentlich wollte ich nur unbedingt für die Süddeutsche Zeitung schreiben und das habe ich ja dann auch eine ganze Weile getan. Der Fußball war nie mein Leben, aber er hat es – und das meiner Familie – natürlich in gewisser Weise bestimmt. Wochenenden, Feiertage, Ferien: immer war da auch der Spielplan. Zum Glück gab es die lange Sommerpause, unterbrochen höchstens von Welt- oder Europameisterschaften.

Es waren lustige Zeiten, viele Jahre lang. Zeiten, in denen es uns JournalistInnen noch erlaubt war, uns selbst und den Fußball nicht so ernst zu nehmen. Zeiten, in denen wir noch nicht zu den LohnschreiberInnen einer riesigen und globalisierten Unterhaltungsindustrie degradiert waren. Sicher, es ist noch nicht so schlimm wie im Fernsehen, wo die armen KollegInnen jedes Not-gegen-Elend-Match zum Superevent hochjubeln müssen und noch die größten Banalitäten, die sich spätpubertäre Millionäre aus ihren Rotznasen ziehen lassen, als Orakel von Delphi verkaufen. Auch wird von uns nicht verlangt, Übungsleiter gleich zu Intellektuellen zu verklären, nur weil sie ab und zu tatsächlich ein Buch lesen (und gern darüber reden) oder Veganer sind.

Aber wir sind andererseits auch weit davon entfernt, die Fußballwelt so zynisch darzustellen, wie sie wirklich ist. Wir nehmen keinen Anstoß mehr daran, dass Gazprom Schalke und die Champions League sponsort oder dass Herr Tuchel in Diensten der Herrscherfamilie von Katar steht und Herr Guardiola in denen des Scheichs von Abu Dhabi. Berlusconi war übrigens ein kleiner Fisch gegenüber diesen Leuten, nicht nur, was die Haremspolitik angeht. Und seine Wurschtigkeit Uli Hoeneß, der nach einer Runde im Knast wieder Präsident des FC Bayern werden durfte, was wir anstandslos geschluckt haben, spielt als Malefikant sowieso in einer ganz anderen Liga.

Natürlich war der Fußball nie unschuldig. Auch vor zwei, vier oder sechs Jahrzehnten ging es vorrangig um Geld. Und um Macht – aus Italien habe ich minutiös darüber berichten können, wie Silvio Berlusconi aus Tifosi Wähler machte, die ihn anhimmelten wie die großen Stars bei seinem Klub AC Milan. Aber man konnte in der Spielpause im Meazza-Stadion mal eben rübergehen zum Berlusca und seinem Hofstaat, um ihm ein paar Sprüche abzuzapfen. Heute wissen wir ja nicht mal, wie die Milan-Besitzer heißen. Oder ob der neue, amerikanische Roma-Patron, der als Toyota-Händler in den Golfstaaten Millionen gescheffelt hat, überhaupt die Abseitsregel kennt, geschweige denn die Vereinshymne.

Kann man alles spannend finden, muss man aber nicht. Was mich betrifft: letzteres. Also schreibe ich jetzt öfter mal über etwas anderes. Natürlich auch in diesem Theater.

Einen guten Rutsch, allen miteinander. Und grazie mille.

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Im Sardinenmeer

Samstag nachmittag, Piazza San Giovanni in Rom: Wir schwimmen im Sardinen-Meer. Sehr junge, Junge, Mittelalte, sehr Alte. Es gibt keine Fahnen, keine Spruchbänder, nur jede Menge selbstgebastelter Pappschilder , kleine und große Fische.

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Es ist das andere Italien! Lustig, bunt, kreativ, dieses Italien, das wir lieben. Niemand da, der die Menge aufpeitscht mit irgendwelchen Predigten oder Sprüchen, niemand, der aufwiegelt, keiner, der hetzt. Wir sind da, wir stehen zusammen.

Und wir sind viele.

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Die Piazza ist voll. Das war das Ziel. Die so genannte, schweigende Mehrheit ist immer noch antifaschistisch, antirassistisch. Nicht die Lega repräsentiert das Land, nicht die Faschisten und die Hater.

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Sondern Leute, die sich lustige Hüte aufsetzen, um zu zeigen, dass sie das Leben und die Menschheit mögen.

Die Sardinen sind keine Partei, und wollen auch keine werden. Sie wollen nur den Hass und die rechte Hetze heraushaben aus dem Alltag, aus dem Netz und aus der Politik.

Das dürfte doch bitte möglich sein.

Keine Liga für Damen

Ein Fußballstar, 32 Tore für Chelsea, 33 für die englische Nationalmannschaft, 14 für Juventus, verlässt nach anderthalb erfolgreichen Jahren in der Serie A Italien. Nicht aus sportlichen Gründen, auch nicht, weil woanders besser gezahlt wird. Sondern, weil der Alltag hierzulande unerträglich rassistisch ist.

„Ich will nicht länger wie eine Diebin behandelt werden, wenn ich ein Geschäft betrete“, hat Eniola Aluko erklärt, in Nigeria geboren, in England aufgewachsen. „Nicht länger, als wäre ich Pablo Escobar höchstpersönlich, wenn ich am Flughafen von Turin ankomme, wo eine ganze Meute von Drogenhunden auf mich angesetzt wird und mich beschnüffelt.“ Aluko hat den Eindruck, dass Italien Jahrzehnte zurück sei, was den selbstverständlichen Umgang mit Menschen dunkler Hautfarbe betrifft. Zudem gebe es im Fußball Präsidenten, die Rassismus als Ausdruck von Männlichkeit verharmlosten.

Gemeint hat Eniola Aluko damit vielleicht den Besitzer von Lazio, Claudio Lotito, der neulich faselte, das Affengebrüll in der Kurve erhebe sich durchaus auch gegen Spieler „normaler Hautfarbe“, gemeint waren Weiße. Eine verstörende Äußerung, abgesehen davon, auch noch blühender Unsinn. Affengeheul gegen Weiße – wo lebt der Mann?

Vielleicht meinte Eniola Aluko aber auch den Präsidenten von Brescia Calcio, Massimo Cellino. Dieser Glücksritter mit Buchhalterdiplom, der die meiste Zeit des Jahres in Miami verbringt, war auch mal Präsident von Cagliari. Meister ist er noch nie geworden, auch nicht mit seinen früheren Klubs West Ham und Leeds United, dafür sammelte er aber eine beeindruckende Zahl von Vorstrafen. Vermutlich ist Cellino in dieser Disziplin der Konkurrenz in Italien und Bayern auf Jahre weit voraus – nicht, was die Schwere, sondern was die Vielzahl seiner Verfehlungen betrifft: Betrug der EU bei der Getreidesubvention – der Prozess endete mit Schuldeingeständnis und Vergleich. 15 Monate Haft für Bilanzfälschung. Drei Monate Untersuchungshaft wegen Betrugs beim Stadionbau. Dieser Mann also sagte über seinen Fußballer Mario Balotelli, Angreifer bei Brescia Calcio: „Balotelli trainiert fleißig, damit er weißer wird.“ 

Großes Schenkelklopfen bei jenen guten, alten Rassisten, die gern beteuern, sie hätten nichts gegen Balotelli, weil der Schwarzer ist, gottbewahre, sondern nur, weil er sich halt nicht benehme könne. Cellino wurde nicht ermahnt und erst recht nicht bestraft. Wieso auch, ist ja schließlich sein Verein und sein Skla… äh, Angestellter. 3,7 Millionen gehen jährlich an Mario Balotelli. Da wird sein Chef ja wohl noch einen Witz machen dürfen.

Nicht ganz so witzig: Die römische Polizei hat heute 51 Haftbefehle in der Drogenszene erlassen. Als obersten Boss im Drogenhandel der Hauptstadt haben die Ermittler Fabrizio Piscitelli ausgemacht, der unter dem Spitznamen „Diabolik“ über Jahrzehnte die „Irriducibili“-Ultras von Lazio kommandierte und heute von ihnen wie ein Märtyrer verehrt wird . Am 7. August wurde Piscitelli, nebenberuflich auch noch Neofaschist, am hellichten Tag auf einer Parkbank mit Blick auf das grandiose Aquädukt von Kaiser Claudius erschossen. Es ging bei dieser gezielten Hinrichtung um die Macht auf dem Drogenmarkt, sagt die Staatsanwaltschaft jetzt. Kein Gramm Kokain, kein Quentchen Haschisch sei in Rom verkauft worden, ohne dass „Diabolik“ davon gewusst habe. Der Stoff wurde von Gewährsmännern der neapolitanischen Camorra geliefert, die vor Jahren den Klub Lazio kaufen wollte.

Soviel für heute vom Fußball in Italien. Hatte ich erwähnt, dass Eniola Aluko, 32, die auf dem Turiner Flughafen wie Pablo Escobar persönlich behandelt wird, mit der Frauenmannschaft von Juventus eine Meisterschaft und einen Pokal gewonnen hat?

Was mich betrifft, frage ich mich manchmal, wieviele solcher Episoden ich in den vergangenen 20 Jahren beschrieben habe, inzwischen ohne die Illusion, dass sich in absehbarer Zeit irgendetwas ändern könnte, jedenfalls nicht zum Positiven. „Unser Fußball ist nichts für Damen“, sagte mir vor vielen Jahren mal Fabio Capello, bei dem ich während des Interviews die ganze Zeit Angst hatte, dass er zuschnappen und mich beißen könnte (hat er natürlich nicht). Im Nachhinein muss ich dem grimmigen Feldmaresciallo Capello Recht geben. Und Eniola Aluko sowieso.

Aber es sind beileibe nicht nur die Frauen, die Italiens Fußball den Rücken kehren. Männer gingen auch, allerdings, ohne sich mit der Angabe von Gründen die weitere Karriere zu verbauen. Und viele sind erst gar nicht gekommen.

 

 

 

 

 

Von wegen grün!

Die Grünen im Europaparlament haben den Antrag der Fünf Sterne auf Beitritt in ihrer Fraktion abgelehnt. Mit der Begründung, bei der „Bewegung“ handele es sich nicht um eine demokratisch geführte Partei. Außerdem hat es den Grünen nicht gefallen, dass die Fünf Sterne sich kürzlich bei der Abstimmung über die Unterstützung der Seenotrettung enthalten haben – und dass „Bewegungs“-Gründer Beppe Grillo die Verfolgung der Uiguren durch China verharmlost.

Entscheidend für die Ablehnung ist aber Punkt 1. In der Tat handelt es sich bei der Fünfstern-„Bewegung“ um eine Firmenpartei, die im Grunde nicht anders geführt wird als Berlusconis Forza Italia unselig – nur mit dem Unterschied, dass Firmenchef Davide Casaleggio seinen Wahlverein nicht aus eigener Tasche finanzieren kann. Dazu hat er die „Rousseau-Stiftung“ erfunden, in die jede/r Abgeordnete einen Obulus entrichten muss (zum Vergleich: Als Berlusconi vor ein paar Jahren von seinen Parteigängern jenen Mitgliedsbeitrag einforderte, den er zuvor großzügig für alle gezahlt hatte, entfachte er einen Exodus aus der Partei).

Casaleggio ist nicht gewählt, sondern schlicht der Sohn und Erbe des Firmen- und Parteigründers. Trotzdem gibt er die Richtung vor und kontrolliert jene mysteriöse Internet-Plattform, mit der die KandidatInnen der Fünf Sterne gewählt und wichtige Programmpunkte zur Abstimmung präsentiert werden.

Nie gab es einen Kongress, nie einen Parteitag. Höchstens Versammlungen, auf denen die tonangebenden Gurus umjubelt wurden. 

Grillo und Casaleggio junior sind sich nicht ganz so grün wie es Grillo und Casaleggio senior waren, weswegen der Berufsentertainer sich aus der Tagespolitik zurückgezogen hat. Ob überhaupt noch jemand dem entwaffnend unfähigen „Politikchef“ Luigi Di Maio, zurzeit Außenminister der Republik Italien, irgendwie grün ist, weiß kein Mensch. Es gibt ja keine öffentlich geführte Debatte, dafür aber nach wie vor ein überaus rabiates Parteiausschlussverfahren für KritikerInnen.

Gerade lösen sich die Fünf Sterne auf. Ein paar Monate Regierungsverantwortung reichten, um den WählerInnen auf das Ausführlichste zu beweisen, dass sie es schlicht nicht können. Erst haben sie es mit der rechtsnationalen Lega versucht, jetzt probieren sie es mit den Sozialdemokraten, das Ergebnis ist ein geist- und planloses Dauergezänk, während die vielen Probleme des Landes vergebens auf Lösung warten.

In der vergangenen Legislaturperiode paktierten die Fünf Sterne in Straßburg übrigens mit Nigel Farage. Von wegen grün! Dabei hatten viele italienische UmweltschützerInnen anfangs auf Grillos Leute gesetzt, nachdem die traditionellen Parteien sie seit Jahrzehnten sträflich vernachlässigen. Die Fünf Sterne hievten tatsächlich den parteilosen Umweltminister Sergio Costa ins Amt, einen überaus integren Mann, der sich zuvor jahrelang gegen die illegale Entsorgung von Giftmüll engagiert hatte. Andererseits war Sergio Costa als Carabinieri-Offizier auch von Amts wegen dazu verpflichtet.

Es ist nicht so, dass Italien keine UmweltschützerInnen hätte. Sie werden nur leider höchst unzureichend politisch vertreten. Anders formuliert: Die Politik hinkt dem Engagement vieler BürgerInnen hoffnungslos hinterher. Der Umweltschutz wird von den Parteien vernachlässigt, weil er keine Lobby hat und weil er nicht sofort sichtbare und damit für den Dauer-Wahlkampf verwertbare Ergebnisse bringt. Nur auf lokaler Ebene spielt die Umwelt für die Politik eine Rolle.

Europa tut also gut daran, auf richtige Grüne aus Italien zu warten. Früher oder später werden sie sich demokratisch formieren.

 

Vom Stolz der Sardinen

Die gemeine Sardine Sardina pilchardus ist ein echter Arme-Leute-Fisch, klein, unprätenziös und schmackhaft, billig aber nährstoffreich. Man isst ihn roh mariniert, gegrillt, frittiert, zur Pasta, im Auflauf, mit Brot, Tomaten, Endivien, sogar mit Pinienkernen und Rosinen.

Neuerdings ist die Sardine aber auch das Symbol einer Bürgerbewegung. In Bologna und Modena haben sich in diesen Tagen auf Initiative einer Handvoll parteiloser junger Leute Tausende von ItalienerInnen versammelt, um gegen jene Hass-Propaganda zu demonstrieren, die die Rechte ohne wirksamen Widerstand ihrer politischen Gegner im Netz verbreitet. Die größten Plätze dieser Städte waren gestopft voll mit Menschen, die eng wie die Sardinen gegen den Hass beieinander stehen wollten. Dabei blieben sie stumm wie die Fische. Manche hielten allerdings ein paar Bilder hoch:

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Rasant erobern die Sardinen das Land. Schon sind Demos für Florenz und Mailand angekündigt, wo die Plätze Zehntausende fassen. Und es deutet viel darauf hin, dass auch dort die Piazza rappelvoll wird.

Das Polit-Labor Italien zeigt sich von seiner fröhlichsten und friedlichsten Seite. Keine Slogans, keine Forderungen, keine Parteigrößen auf der Rednertribüne, nur das gemeinsame Einstehen für demokratische Vielfalt und Toleranz. Und siehe da: Es kann so sexy sein!

Tortellini-Kreuzzug

Tortellini kommen ursprünglich aus der Gegend um Bologna, sind aber mittlerweile in ganz Nord- und Mittelitalien ein beliebtes Weihnachtsgericht, am liebsten serviert „in brodo“, also in Fleischbrühe. Es existiert längst auch eine Version für Vegetarier, ursprünglich aber werden die kleinen Teigtaschen mit Hackfleisch, rohem Schinken und Mortadella-Wurst gefüllt. Also mit Schweinefleisch. Ähnlich wie Lasagne, ebenfalls ein Klassiker aus Bologna. In die Hackfleischsauce kommt traditionell auch ein wenig Schweinemett – weil in der Emilia, dem Landstrich um Bologna, halt viele Schweine gemästet werden. Parmaschinken, Mortadella usw. Die Massentierhaltung führt auch in dieser schönen Gegend zu einem massiven Gülleproblem. Aber das ist kein Thema für die italienische Politik.

Lieber streitet man sich um die Tortellinifüllung. Als der Bischof von Bologna kürzlich entschied, einen Teil der Teigtaschen für das große Patronatsfest für den Stadtheiligen St. Petronius mit Hühnerfleisch füllen zu lassen, um auch Nicht-Katholiken die Möglichkeit zum geselligen Miteinander zu geben, kriegte die Spitzenkandidatin der rechtsextremen Lega für die Regionalwahlen im Januar Schnappatmung: „Die verhunzen sogar die Tortellini, um sich an den Islam ranzuwanzen.“ Der Bischof gab kühl zurück, die Gemeinschaft sei ihm wichtiger als die Details eines Küchenrezepts.

Damit hätte die Sache erledigt sein können. Aber die italienische Rechte will weiter ihr Süppchen mit den Tortellini kochen. Für Leute, die naturgemäß nicht über den eigenen Tellerrand gucken können, handelt es sich um ein gefundenes Fressen. Seit Jahren propagieren Salvini und seine Leute das identitäre Essen, was merkwürdigerweise aus jeder Menge Schweinefleisch und Bier besteht, dabei spielen diese Zutaten für die klassische mediterrane Küche überhaupt keine Rolle. Salvinis Parteifreund Luca Zaia, derzeit Regionalpräsident von Venezien, musste sich einmal dafür entschuldigen, weil er beim Silvestermahl in einem chinesischen Restaurant entdeckt wurde.

Echte Italiener essen nur italienisch! Und der italienische Mann stopft aus soviel patriotisches Fleisch in sich hinein, bis es ihm aus den Ohren herauskommt. Geradezu täglich stellt Salvini seine Mahlzeiten in den asozialen Netzwerken aus, es handelt sich um derartige Berge von Fett, Kohlehydraten, Zucker und Alkohol, dass selbst dieser bullige Mittvierziger sie unmöglich bewältigen kann.  Jetzt kommentierte er im Gesichtsbuch: „Tortellini ohne Schweinefleisch sind wie Wein ohne Weintrauben, wie Schokolade ohne Kakao. Das Problem sind nicht die Muslime, sondern einige Italiener, die sich für sich selbst schämen und Jahrtausende Geschichte, Kultur, Tradition und Glauben wegstreichen.“

Unter dem macht er’s nicht.

Den Kreuzzug um die Füllung hat jetzt der Chef persönlich beendet, auf seine eigene, unnachahmlich menschliche Art. Am Sonntag lud Papst Franziskus 1500 Arme zum Mittagessen in die riesige Audienzhalle im Vatikan. Es gab Lasagne für alle – ohne Schweinefleisch. Unter den Armen Roms sind schließlich nicht nur Katholiken. Also sorgt die Kirche dafür, dass es allen schmeckt.

Die Lega kochte mal wieder über. Von Franziskus kein Kommentar. Wozu auch? Der Bischof von Rom repräsentiert eine Weltkirche mit einer Milliarde Gläubigen, und in der Bibel steht auch nichts von Tortellini. Vielleicht hat sich der Papst aber insgeheim vorgestellt, wie man Salvini und die andereren Geiferer dereinst in der Hölle beschäftigen kann: Tortellini-Drehen bis zum Sankt-Nimmerleinstag.

Natürlich mit Hühnerfleisch-Füllung.