Fliegende Holländer

Warum Ajax die Granden Europas entthront und unsere Herzen erobert. Und warum diese Mannschaft den falschen Namen trägt: Steht alles hier.

Werbeanzeigen

Unser Mark Knopfler

Die Deutsche Akademie für Fußballkultur, der ich seit vielen Jahren angehöre, hat 2019 zum „Trauerjahr für den Fußball“ erklärt. Klingt bombastisch. Aber wieso sollten wir ausgerechnet jetzt einer Sache nachweinen, die es schon lange nicht mehr gibt, ja, die es vielleicht nie gegeben hat? Die Vorstellung, dass Fußball ein reines Vergnügen war, um das uns erst vor kurzem schlimm korrupte Funktionäre gebracht haben, ist reichlich naiv und vielleicht nicht von ungefähr auf Deutschland begrenzt. Die Deutschen haben ja auch an ihr Sommermärchen 2006 geglaubt, also daran, die WM 2006 durch Fleiß, Tüchtigkeit und die besseren Ideen zugeschanzt bekommen zu haben. Eine Phantasie, bei der beispielsweise Italiener und Südamerikaner in schepperndes Hohngelächter ausbrechen würden.

Ein Gutes hat das merkwürdige Akademie-Motto jedenfalls: Endlich hat da mal einer meinen Kollegen Thomas Kistner interviewt. Bigger than life, der Kistner. Ihn unbestechlich zu nennen, wäre verniedlichend. Er schrieb schon über Doping und Bestechung im Sport, als wir alle noch bunte Märchen von tapferen Rennradprofis und treuherzigen Volkstribunen auf den Fußballplätzen erfanden. Wir dichten, Kistner denkt. Wir sind Dudel-Pop, er ist Mark Knopfler. Analyse statt Legende (dieses Wort gehört sowieso auf den Index). Zählt eins und eins zusammen, entlarvt die Strippenzieher und die Machtgeilen, die Korrupten und ihre Zahlmeister. Das alles immer schön lakonisch. Cool, cooler, Kistner. Als Kostprobe hier ein Zitat aus dem Interview, das man sich am besten ganz zu Gemüte führen sollte:

„Beim Fußball blicken wir auf eine Industrie, die immer größere Milliardensummen durch die Weltgeschichte transferiert. Weshalb? Weil der gleiche schlichte Kicker jetzt eben zehn Millionen, 20 oder 80 mehr kostet, der Markt hat sich halt so entwickelt. Der Markt! Da hockt dann so ein junger Kerl mit 20 oder 22 Jahren, oft genug kommt er direkt von der Straße, und kann seine Freundin oder auch die Nebenfreundin gar nicht genug zuwerfen mit all dem Geld. Profitieren tun natürlich auch die eigentlichen Akteure im Hintergrund, vorneweg die Berater. Es ist ein völlig sinnloser, alles andere als schätzenswerter Prozess. Das gehört eigentlich gestoppt, weil es nicht sinnloser geht – und in modernen Zeiten auch nicht geschmackloser.“

Den Fußball wird es wohl noch eine Weile weiter geben, als das, was er in den letzten 100 Jahren war: Pure Unterhaltungsindustrie. Die Fußballkultur als Konstrukt drumherum könnten wir wohl so langsam einmotten.

 

Hair

Cristiano Ronaldo präsentiert in Madrid sein neues Investionsobjekt: Eine Spezialklinik für Haarverpflanzungen. Bei der Gelegenheit erklärt er zum Beispiel, er habe sich immer schon für Gesundheit, Technik und Forschung interessiert. Daher jetzt die Klinik, in der 150 Angestellte täglich 18 Haarverpflanzungen vornehmen sollen, zum Preis von jeweils ab 4000 Euro. Mit einem Tagesumsatz von 76.000 Euro eher ein kleines Geschäft für CR7, der als Fußballer pro Tag mehr verdient, nämlich 82.000 Euro netto.

Haarverpflanzungen sind ja im Fußball ein Thema, nicht nur für die Herren Klopp und Conte. Eine Etage drunter machen Gigi Buffon und Andrea Pirlo Werbung für Schuppenshampoo. Der Fußball scheint ein Samson-Syndrom zu haben, vielleicht wird aber auch nur körperliche Perfektion immer wichtiger, wofür Cristiano Ronaldo selbst ja ein herausragendes Beispiel ist. Keine Falte, keine Narbe, kein Tattoo, alles glatt und die Zähne gerichtet. David Beckham hat mit dieser Mode angefangen, allerdings war er noch tätowiert.

Das ist das Eine, was einem zu der Klinik des Herrn Dos Santos Aveiro einfallen könnte. Das Andere ist, dass Fußballer früher mal von ihren Ersparnissen einen Schreibwarenladen aufmachten oder eine Trinkhalle. Und dann natürlich noch, dass derselbe Cristiano Ronaldo erst kürzlich wegen Steuerbetrugs in Madrid vor Gericht stand. Nach Vergleich 23 Monate auf Bewährung und eine Geldbuße von 3,2 Millionen plus Nachzahlung der ausstehenden 14 Millionen. Jetzt sagt derselbe Mann, er verdanke Spanien viel und investiere deshalb gern dort.

Vielleicht spielt CR 7 beim Viertelfinale Ajax-Juve nicht mit, ihm droht wegen seiner obszönen Geste gegen die Fans von Atletico Madrid eine Sperre von der Uefa.

Ich werde jedenfalls beim nächsten Auftritt an die Haarklinik denken. Und daran, was mittlerweile in den Köpfen seiner Fans so alles ausgeblendet werden muss, wenn Cristiano Ronaldo ein Tor schießt.