Wer kommt. Und wer geht.

Maurizio Sarri bei Juventus, da reibt man sich die Augen. Sarri, der Trainer mit 20 Stationen in 30 Jahren. Sarri, der als Napoli-Coach und ewiger Zweiter die Juve auf das Inbrünstigste verfluchte – der Fuchs, dem die Trauben zu hoch hingen. Sarri, der alte, weiße Mann, Bukowski-Leser, Kettenraucher, immer im Trainingsanzug, nie um einen kessen Spruch verlegen, wenn es zum Beispiel gegen Frauen geht. Hier die Antwort auf die sachliche Frage einer ihn natürlich siezenden Journalistin: „Du bist eine Frau, du bist hübsch, sonst würde ich sagen, steck ihn dir in den Arsch.“

Hier die unfassbare Attacke gegen den damaligen Inter-Trainer Roberto Mancini. „Er mich Schwuchtel und Tunte genannt. Er ist ein Rassist. Solche Leute dürfen nicht im Fußball arbeiten“, sagt Mancini in dem drei Jahre alten Video. Heute stapelt er tief: „Schnee von gestern. Sarri war im Ausland und hat da sicher viel gelernt. Er ist eine Bereicherung für den italienischen Fußball.“ Mancini ist inzwischen Nationaltrainer, Juve immer noch die Säule der Squadra Azzurra.

Was hat Andrea Agnelli bloß geritten, Maurizio Sarri zu verpflichten? Der Sieg in der Europa League? Eine neue Liebe zum Offensivfußball? Oder der Sparzwang, nachdem er sich mit Cristiano Ronaldo ganz unerwartet doch ein wenig übernommen hat?

Und was hat Francesco Totti geritten, nach seiner Kündigung bei der Roma eine Pressekonferenz im Ehrensaal des Olympia-Komitees einzuberufen und sich darin geschlagene 90 Minuten als Opfer internationaler Intrigen darzustellen? Zu behaupten, der ewig abwesende US-amerikanische Klubeigner Pallotta wolle die Römer aus dem Verein treiben. Sich zu beklagen, weil er bei wichtigen Entscheidungen nicht gefragt wurde – um dann aber zuzugeben, dass Claudio Ranieri auf sein Betreiben hin als Übergangslösung nach Di Francesco geholt wurde. Wie jetzt: Nichts zu sagen haben und dann doch im Alleingang einen Trainer anheuern können?

Soviel Anmaßung ist entlarvend – aber nicht für das Klubmanagement, sondern fuur Totti selbst. Als Spieler war er gewöhnt, bei der Roma gutes und schlechtes Wetter zu machen, den Daumen über Trainer oder Mitspieler zu senken. Bis heute glaubt er allen Ernstes, zum Karrierende gezwungen worden zu sein. Mit 41. Danach musste er sich neu erfinden, den Posten dafür hatte man ihm zur Verfügung gestellt, honoriert mit immer noch beachtlichen 600.000 Euro im Jahr. Nicht wenig für einen Ex-Fußballer mit Buchhalterausbildung.

Zuletzt bot man ihm den Job als Sportdirektor an. Totti ließ sich monatelang Zeit mit der Antwort. Um dann die Türen zu knallen. Beleidigt, weil man ihn vor der Verpflichtung von Paulo Fonseca nicht angehört hatte. Stocksauer, weil er so offensichtlich nicht mehr die Nummer 1 ist.

Willkommen in der Realität, Capitano, der Realität einer Aktiengesellschaft. Willkommen in der globalisierten Unterhaltungsindustrie. Seit acht Jahren hat die Roma keinen Präsidenten mehr, der sonntags in Testaccio gesottenen Ochsenschwanz essen geht. Sondern der die Geschäfte aus Boston führt, unterstützt von einem in London ansässigen, italienischen Berater.

Totti macht jetzt erstmal Ferien (wovon?). Und heuert dann vermutlich bei der Nationalmannschaft an. Also dort, wo man die Italiener vorerst nicht vertreiben will.

Werbeanzeigen

Amerikaner in Florenz

Mit Diego Della Valle verlässt einer der letzten großen Fußballmäzene Italiens die Serie A. Aus der elterlichen Schuhfabrik hatte Della Valle ein international erfolgreiches Luxusmode-Unternehmen gemacht, bevor er vor 17 Jahren den bankrotten AC Florenz übernahm. Den Vorsitz im Fußballklub überließ er seinem jüngeren Bruder Andrea, er selbst blieb die graue Eminenz. Was folgten, waren anfangs schöne Jahre für Florenz und seinen Fußball – die Fiorentina flog aus der vierten Liga in die Champions League und spielte lange in der Liga oben mit. Inzwischen avancierte Della Valle zum Großverleger mit dem „Corriere della Sera“ und zum Eisenbahnunternehmer. Er konnte es sich leisten, 25 Millionen Euro für die Restaurierung des Kolosseums zu spenden und lud Journalisten gern zum Interview in seinem Privatjet ein, auf dem Flug nach Hongkong, zur Eröffnung eines neuen Schuhladens. (Ich habe dankend abgelehnt.)

Dass er jetzt die Fiorentina für 165 Millionen Euro an den Italo-Amerikaner Rocco Commisso verkauft, ist ein beunruhigendes Signal. Denn Della Valle gibt nicht etwa auf, weil der Pleitegeier über seinem Klub kreist – im Gegenteil, der AC Florenz ist schuldenfrei. Der 65-Jährige Mäzen hat es einfach satt. Er fühlt sich frustriert und blockiert von einer absurden Bürokratie, die ihm seit Jahren den Bau eines eigenen Stadions versagt. Zuletzt investierte er kaum noch in den Klub und prompt trudelte die Fiorentina der Zweiten Liga entgegen. Zwar rettete sie sich knapp über der Abstiegszone auf Platz 16, doch die Brüder Della Valle wurden vom eigenen Publikum mit Pfiffen überzogen.

Rocco Commisso wird sich davon kaum beeindrucken lassen. Er ist ein klassischer Selfmademan, der als Sohn bitterarmer Emigranten aus Kalabrien zum Großbanker und Medienunternehmer aufstieg. Seit 2017 gehört ihm auch Fußballklub Cosmos New York. In Italien befindet sich Commisso in guter Gesellschaft. Die AS Roma und der FC Bologna gehören ebenfalls Italo-Amerikanern, der AC Mailand einem US-amerikanischen Hedgefonds. Hinter Inter steht der chinesische Konzern Suning, um die beiden zum Verkauf stehenden Erstligaklubs aus Genua feilschen gerade internationale Konsortien. Von den „Sieben Schwestern“ Juventus, Milan, Inter, Roma, Lazio, Fiorentina und Parma, die zur besten Zeit der Serie A um die letzte Jahrhundertwende die Liga dominierten, befinden sich also nur noch drei im Besitz von Italienern, wobei der AC Parma erst kürzlich wieder von einem chinesischen Patron zurück gekauft wurde.

Es ist schon verrückt: In Zeiten, da rund die Hälfte der Italiener rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien wählt, deren „Italien-Zuerst“-Gebrüll die Mahnungen aus Brüssel über die horrende Staatsverschuldung übertönen soll, wird ausgerechnet der Fußball immer internationaler. Interessanterweise sind die Traditionsklubs die einzigen Unternehmen, die ausländische Investoren anziehen, angesichts der irren Bürokratie, der mangelnden Rechtsunsicherheit durch eine schneckenhaft langsame Justiz und dem Totalausfall wirtschaftsfreundlicher Politik haben die allermeisten Ausländer Italien fluchtartig verlassen, während einheimische Unternehmer ihre Schäflein gerade ebenfalls jenseits der Grenzen in Sicherheit bringen.

Ob der neue Besitzer der Fiorentina Flügel verleiht, wird sich zeigen. Bislang ist jedenfalls nur ein einziger italienischer Klub international konkurrenzfähig: Die Juventus aus Turin. Und die gehört seit fast hundert Jahren der sehr italienischen Familie Agnelli.

Addio Allegri. Oder Arrivederci

Nach fünf Jahren bei Juventus mit fünf Meistertiteln und vier Pokalen muss Massimiliano Allegri gehen. Zwei Champions-League-Endspiele hat er erreicht, beide verloren. Ewiger Sieger in Italien zu sein und immer mal wieder Zweiter in Europa, das reicht Andrea Agnelli nicht. Schließlich hat er unter großem persönlichen Einsatz (Ausflug mit dem Privatjet nach Griechenland) Cristiano Ronaldo in die Mannschaft geholt. Um dann im Viertelfinale an Ajax zu scheitern, einer Boygroup, die zusammen gerade mal ein Drittel des Jahresgehalts von CR7 kassiert.

Jetzt soll Guardiola her. Guardiola! Oder Pochettino, dessen Vorfahren stammen ja aus dem Piemont. „Was hat Pochettino noch gleich gewonnen?“ stichelt Mourinho, aber hej, kann ja noch werden mit Tottenham. Conte ist auch im Gespräch, gähn. Vielmehr: Schlotter. Ein Feldwebel, international nie vorneweg marschiert. Simone Inzaghi wird auch als Kandidat genannt, aber irgendwie hat selbst Agnelli einen Ruf zu verlieren. Allegri, einen der derzeit besten vier, fünf Trainer der Welt, für den kleinen Bruder von Superpippo in die Wüste zu schicken, weil der gerade einmal den Pokal (Opa-Cup im Volksmund) geholt hat, also ich muss doch sehr bitten.

Die Frage ist doch: Wer ist in der Lage, Cristiano Ronaldo zu trainieren? Und wer, den Größenwahn des Fiat-Erben zu befriedigen? Die Juve soll ja endlich ein echter Weltklub werden, nicht nur das personifizierte Heimweh emigrierter italienischer Pizzabäcker (und Physiker). Solchen Ehrgeiz haben Vater, Onkel und Großvater des amtierenden Agnelli noch nicht gekannt, ihnen reichte die Mannschaft als luxuriöses Spielzeug und Bindeglied zu ihren Fiat-Arbeitern.

Tempi passati. Das Band zwischen kickendem und schuftenden Personal ist längst durchschnitten, kein einziger Juvespieler heute hat mal bei Fiat gearbeitet, wie einst Roberto Bettega. Die riesigen Werkshallen in Mirafiori (Adresse: Corso dell’Unione Sovietica…) sind weitgehend verwaist.

Und der nächste Trainer wird kaum der Sohn eines Hafenarbeiters sein.

Wie Max Allegri.

Die Verirrung des Luca Toni

Salvini spricht in Modena, und kurz bevor es losgeht, kommt ein großer, gutaussehender Mann auf die Bühne, um ihm vor allem Volk auf der Piazza noch herzlichst die Hand zu schütteln.

Der Mann ist Luca Toni. Weltmeister 2006, Bundesliga-Torschützenkönig mit den Bayern 2008, der einst so lässige und lockere und lustige Monaco Toni.

Jetzt nicht mehr lässig, nicht mehr locker und vor allem kein bisschen lustig an der Seite eines vulgären Demagogen. Sic transit gloria mundi.

Wenn Siegen nicht mehr reicht

Juve wird zum achten Mal in acht Jahren Meister – und was singen die Fans? Allegri muss weg. Egal, wo man in diesen Tagen Juventini trifft, sie ziehen eine Flunsch, als wäre Neapel in letzter Minute noch vorbei gezogen und nicht abgeschlagen mit 17 Punkten Abstand wieder mal als ewiger Zweiter gedemütigt. Allegri soll weg, weil er schon wieder (!) in der Champions League gescheitert ist.

Ja, und wer soll ihn bitteschön ersetzen? Dazu ein paar Gedanken in der SZ.