Ciao Carletto!

Mit einem 4:0 gegen Genk (drei Tore von Milik), segelt Napoli ins Champions-League-Achtelfinale – und entlässt eine knappe Stunde später Trainer Carlo Ancelotti. Per Twitter, mit lieben Grüßen, Freundschaft, Hochachtung und Respekt. Heute wird Gennaro Gattuso angeheuert. Gattuso! Grandezza war bis gestern, jetzt ist Rackern, Wühlen, Wadenbeißen angesagt. Die Mannschaft ist in der Liga nur Siebter, der Schuldige, klar, Don Carletto.

Im Sommer hatte Patron Aurelio De Laurentiis noch verkündet, Ancelotti sei sein bestes Pferd im Stall. Was möglicherweise damit zu tun hatte, dass es weiter keine erwähnenswerten neuen Pferde gab. ADL hatte nämlich lieber in den weltmännischen Coach investiert als in Spieler. Knapp neun Millionen brutto kriegt Ancelotti im Jahr, und das noch bis zum 30. Juni 2021. So lange hat er noch Vertrag.

Um Carletto muss man sich also keine Sorgen machen. Gattuso wird sich mit deutlich weniger zufrieden geben. Und De Laurentiis hat sowieso in diesem Monat eine Menge gespart, er hat nämlich seiner Mannschaft drastisch das Gehalt gekürzt. Zur Strafe, weil die Profis sich nach einer Niederlage geweigert hatten, ins von oben angeordnete Trainingslager zu ziehen. Ancelotti hatte sie gedeckt und der Präsident war stocksauer.

„Ich werde immer gerufen, weil ich beruhigend auf eine Mannschaft wirke“, hat Ancelotti mir mal gesagt. „Und dann schicken sie mich aus eben aus diesem Grund wieder weg. So funktioniert halt der Fußball.“ Seine Gelassenheit wird dann zur Faulheit deklariert. Auch aus Neapel hörte man, genau wie vorher aus München, der Chefcoach kümmere sich zu wenig ums Training. Dass Ancelotti wie üblich seine Familie beim Club untergebracht hatte (Sohn, Schwiegersohn, Freundessohn), kümmerte die Neapolitaner hingegen weniger. Così fan tutti, so machen es dort alle.

Im Unterschied zu manchen Kollegen kann ich das mit Ancelottis angeblicher Faulheit ja nicht so beurteilen. Der Mann hat in meinen Augen eine ganz gesunde Distanz zum Betrieb. Freundlich erklärt er allenthalben, im Fußball seien nunmal die Spieler wichtiger und manche von denen bräuchten eigentlich gar keinen Trainer meht. Natürlich streicht er absurd viel Geld für seinen Posten ein – aber ist das ein Grund, um hysterische Betriebsamkeit vorzutäuschen?

Letzteres kriegen die Neapolitaner jetzt von Gattuso. Meine Prognose: Meister werden sie mit dem nicht. Von der Champions League ganz zu schweigen. Der Mann ist ein Bierkutscher. Vollblutpferde nehmen vor dem Reißaus.

Keine Liga für Damen

Ein Fußballstar, 32 Tore für Chelsea, 33 für die englische Nationalmannschaft, 14 für Juventus, verlässt nach anderthalb erfolgreichen Jahren in der Serie A Italien. Nicht aus sportlichen Gründen, auch nicht, weil woanders besser gezahlt wird. Sondern, weil der Alltag hierzulande unerträglich rassistisch ist.

„Ich will nicht länger wie eine Diebin behandelt werden, wenn ich ein Geschäft betrete“, hat Eniola Aluko erklärt, in Nigeria geboren, in England aufgewachsen. „Nicht länger, als wäre ich Pablo Escobar höchstpersönlich, wenn ich am Flughafen von Turin ankomme, wo eine ganze Meute von Drogenhunden auf mich angesetzt wird und mich beschnüffelt.“ Aluko hat den Eindruck, dass Italien Jahrzehnte zurück sei, was den selbstverständlichen Umgang mit Menschen dunkler Hautfarbe betrifft. Zudem gebe es im Fußball Präsidenten, die Rassismus als Ausdruck von Männlichkeit verharmlosten.

Gemeint hat Eniola Aluko damit vielleicht den Besitzer von Lazio, Claudio Lotito, der neulich faselte, das Affengebrüll in der Kurve erhebe sich durchaus auch gegen Spieler „normaler Hautfarbe“, gemeint waren Weiße. Eine verstörende Äußerung, abgesehen davon, auch noch blühender Unsinn. Affengeheul gegen Weiße – wo lebt der Mann?

Vielleicht meinte Eniola Aluko aber auch den Präsidenten von Brescia Calcio, Massimo Cellino. Dieser Glücksritter mit Buchhalterdiplom, der die meiste Zeit des Jahres in Miami verbringt, war auch mal Präsident von Cagliari. Meister ist er noch nie geworden, auch nicht mit seinen früheren Klubs West Ham und Leeds United, dafür sammelte er aber eine beeindruckende Zahl von Vorstrafen. Vermutlich ist Cellino in dieser Disziplin der Konkurrenz in Italien und Bayern auf Jahre weit voraus – nicht, was die Schwere, sondern was die Vielzahl seiner Verfehlungen betrifft: Betrug der EU bei der Getreidesubvention – der Prozess endete mit Schuldeingeständnis und Vergleich. 15 Monate Haft für Bilanzfälschung. Drei Monate Untersuchungshaft wegen Betrugs beim Stadionbau. Dieser Mann also sagte über seinen Fußballer Mario Balotelli, Angreifer bei Brescia Calcio: „Balotelli trainiert fleißig, damit er weißer wird.“ 

Großes Schenkelklopfen bei jenen guten, alten Rassisten, die gern beteuern, sie hätten nichts gegen Balotelli, weil der Schwarzer ist, gottbewahre, sondern nur, weil er sich halt nicht benehme könne. Cellino wurde nicht ermahnt und erst recht nicht bestraft. Wieso auch, ist ja schließlich sein Verein und sein Skla… äh, Angestellter. 3,7 Millionen gehen jährlich an Mario Balotelli. Da wird sein Chef ja wohl noch einen Witz machen dürfen.

Nicht ganz so witzig: Die römische Polizei hat heute 51 Haftbefehle in der Drogenszene erlassen. Als obersten Boss im Drogenhandel der Hauptstadt haben die Ermittler Fabrizio Piscitelli ausgemacht, der unter dem Spitznamen „Diabolik“ über Jahrzehnte die „Irriducibili“-Ultras von Lazio kommandierte und heute von ihnen wie ein Märtyrer verehrt wird . Am 7. August wurde Piscitelli, nebenberuflich auch noch Neofaschist, am hellichten Tag auf einer Parkbank mit Blick auf das grandiose Aquädukt von Kaiser Claudius erschossen. Es ging bei dieser gezielten Hinrichtung um die Macht auf dem Drogenmarkt, sagt die Staatsanwaltschaft jetzt. Kein Gramm Kokain, kein Quentchen Haschisch sei in Rom verkauft worden, ohne dass „Diabolik“ davon gewusst habe. Der Stoff wurde von Gewährsmännern der neapolitanischen Camorra geliefert, die vor Jahren den Klub Lazio kaufen wollte.

Soviel für heute vom Fußball in Italien. Hatte ich erwähnt, dass Eniola Aluko, 32, die auf dem Turiner Flughafen wie Pablo Escobar persönlich behandelt wird, mit der Frauenmannschaft von Juventus eine Meisterschaft und einen Pokal gewonnen hat?

Was mich betrifft, frage ich mich manchmal, wieviele solcher Episoden ich in den vergangenen 20 Jahren beschrieben habe, inzwischen ohne die Illusion, dass sich in absehbarer Zeit irgendetwas ändern könnte, jedenfalls nicht zum Positiven. „Unser Fußball ist nichts für Damen“, sagte mir vor vielen Jahren mal Fabio Capello, bei dem ich während des Interviews die ganze Zeit Angst hatte, dass er zuschnappen und mich beißen könnte (hat er natürlich nicht). Im Nachhinein muss ich dem grimmigen Feldmaresciallo Capello Recht geben. Und Eniola Aluko sowieso.

Aber es sind beileibe nicht nur die Frauen, die Italiens Fußball den Rücken kehren. Männer gingen auch, allerdings, ohne sich mit der Angabe von Gründen die weitere Karriere zu verbauen. Und viele sind erst gar nicht gekommen.

 

 

 

 

 

Von wegen grün!

Die Grünen im Europabeiparlament haben den Antrag der Fünf Sterne auf Beitritt in ihrer Fraktion abgelehnt. Mit der Begründung, bei der „Bewegung“ handele es sich nicht um eine demokratisch geführte Partei. Außerdem hat es den Grünen nicht gefallen, dass die Fünf Sterne sich kürzlich bei der Abstimmung über die Unterstützung der Seenotrettung enthalten haben – und dass „Bewegungs“-Gründer Beppe Grillo die Verfolgung der Uiguren durch China verharmlost.

Entscheidend für die Ablehnung ist aber Punkt 1. In der Tat handelt es sich bei der Fünfstern-„Bewegung“ um eine Firmenpartei, die im Grunde nicht anders geführt wird als Berlusconis Forza Italia unselig – nur mit dem Unterschied, dass Firmenchef Davide Casaleggio seinen Wahlverein nicht aus eigener Tasche finanzieren kann. Dazu hat er die „Rousseau-Stiftung“ erfunden, in die jede/r Abgeordnete einen Obulus entrichten muss (zum Vergleich: Als Berlusconi vor ein paar Jahren von seinen Parteigängern jenen Mitgliedsbeitrag einforderte, den er zuvor großzügig für alle gezahlt hatte, entfachte er einen Exodus aus der Partei).

Casaleggio ist nicht gewählt, sondern schlicht der Sohn und Erbe des Firmen- und Parteigründers. Trotzdem gibt er die Richtung vor und kontrolliert jene mysteriöse Internet-Plattform, mit der die KandidatInnen der Fünf Sterne gewählt und wichtige Programmpunkte zur Abstimmung präsentiert werden.

Nie gab es einen Kongress, nie einen Parteitag. Höchstens Versammlungen, auf denen die tonangebenden Gurus umjubelt wurden. 

Grillo und Casaleggio junior sind sich nicht ganz so grün wie es Grillo und Casaleggio senior waren, weswegen der Berufsentertainer sich aus der Tagespolitik zurückgezogen hat. Ob überhaupt noch jemand dem entwaffnend unfähigen „Politikchef“ Luigi Di Maio, zurzeit Außenminister der Republik Italien, irgendwie grün ist, weiß kein Mensch. Es gibt ja keine öffentlich geführte Debatte, dafür aber nach wie vor ein überaus rabiates Parteiausschlussverfahren für KritikerInnen.

Gerade lösen sich die Fünf Sterne auf. Ein paar Monate Regierungsverantwortung reichten, um den WählerInnen auf das Ausführlichste zu beweisen, dass sie es schlicht nicht können. Erst haben sie es mit der rechtsnationalen Lega versucht, jetzt probieren sie es mit den Sozialdemokraten, das Ergebnis ist ein geist- und planloses Dauergezänk, während die vielen Probleme des Landes vergebens auf Lösung warten.

In der vergangenen Legislaturperiode paktierten die Fünf Sterne in Straßburg übrigens mit Nigel Farage. Von wegen grün! Dabei hatten viele italienische UmweltschützerInnen anfangs auf Grillos Leute gesetzt, nachdem die traditionellen Parteien sie seit Jahrzehnten sträflich vernachlässigen. Die Fünf Sterne hievten tatsächlich den parteilosen Umweltminister Sergio Costa ins Amt, einen überaus integren Mann, der sich zuvor jahrelang gegen die illegale Entsorgung von Giftmüll engagiert hatte. Andererseits war Sergio Costa als Carabinieri-Offizier auch von Amts wegen dazu verpflichtet.

Es ist nicht so, dass Italien keine UmweltschützerInnen hätte. Sie werden nur leider höchst unzureichend politisch vertreten. Anders formuliert: Die Politik hinkt dem Engagement vieler BürgerInnen hoffnungslos hinterher. Der Umweltschutz wird von den Parteien vernachlässigt, weil er keine Lobby hat und weil er nicht sofort sichtbare und damit für den Dauer-Wahlkampf verwertbare Ergebnisse bringt. Nur auf lokaler Ebene spielt die Umwelt für die Politik eine Rolle.

Europa tut also gut daran, auf richtige Grüne aus Italien zu warten. Früher oder später werden sie sich demokratisch formieren.

 

Wo die Massen sind

Manchmal hat man ja als Journalistin tatsächlich Termine im Kolosseum. Privat gehe ich da sonst nur im Winter hin, in allen anderen Jahreszeiten herrscht IMMER Belagerungszustand. Neulich sah ich an der Metrostation oberhalb des Amphitheaters eine Schlange von Touristen und sprach eine Frau an, wofür sie denn anstünden. Antwort: „Wir stehen hier an, um nicht Schlange stehen zu müssen.“

Ich fand diese Szene ja sehr philosophisch. Schlange stehen, um nicht Schlange stehen zu müssen, sowas gefällt mir. Wir alle leben von absurden Hoffnungen, ahnend, dass sie prompt betrogen werden. In diesem Fall von zwei Verkäufern von Skip-the-Line-Tickets, die gegen Aufpreis ganz normale Eintrittskarten verscherbelten.

Für alle, die draußen bleiben müssen  oder wollen – so sieht’s drinnen aus:

DSC_0211

Hat sich nicht viel geändert in dem alten Gerippe. Ich versuche immer, mir vorzustellen, wie hier im Mittelalter ein ganzes Stadtviertel stand, Wohnungen, Läden. Werkstätten und eine Adelsburg von den Frangipani.

Heute trifft man jede Menge Reisegruppen, die desillusioniert über die Tribünen trotten. Manche scheinen aber auch sehr begeistert zu sein. Diese Gruppe zum Beispiel verfiel Sekunden nach dem Foto in einen kollektiven Sprechgesang. Latein war’s nicht, aber so ungefähr muss es sich angehört haben, wenn die Römer früher schrieen „Habet, hoc habet!“ Jetzt hat er ihn!

DSC_0215

Vor 2000 Jahren war es entschieden lauter im Kolosseum, soviel steht fest. Es war auch entschieden dreckiger. Die Leute verbrachten ja ganze Tage bei Tierhatz und Gladiatorenkämpfen, sie kochten und grillten auch auf ihren Plätzen und ließen ihren Müll einfach liegen. Zum Glück für die Archäologen, die so beweisen können, dass Brathuhn auch im Altertum schon begehrt war, die Currywurst hingegen definitiv noch nicht erfunden.

Heute wird der Müll schön ordentlich entsorgt, mit Betonung auf: schön.

DSC_0216

Diese Eisenmülltonnen sind einfach tolles Design, oder? Da kann man, genau wie früher, eigentlich vom Boden essen.

 

Voglio una donna!

Wenn man der italienischen Regierungskrisen-Hysterie für ein paar Tage entflieht, dann fällt einem erst richtig auf, was der italienischen Politik derzeit am allermeisten fehlt: Frauen. Weder sitzen sie mit am Verhandlungstisch von PD und Fünf Sternen (ok, eine Alibifrau ist dabei), noch werden sie für Ministerposten gehandelt oder den der EU-Kommissarin. Im Spätsommer 2019 geht es in den römischen Palazzi der Macht zu wie in Gaddafis Libyen der 1980er Jahre, die Herren sind unter sich. Was unter anderem daran liegt, dass sämtliche Parteichefs Männer sind, außer Giorgia Meloni, die Chefin der rechtsextremen Fratelli d’Italia (Brüder Italiens, sic).  Die Lega, aber auch die Fünf Sterne sind übelste Macho-Vereine, deren Bosse sich immer wieder mit sexistischen Ausfällen gegen Politikerinnen hervortun, die sie in zivilisierteren Ländern auf ewig ins Abseits platziert hätten.

Aber hier stehen die Frauen im Abseits. Noch nie hat Italien eine Ministerpräsidentin oder eine Staatspräsidentin gehabt, noch nicht mal eine Präsidentin des Verfassungsgerichts. In den zahllosen Sendungen und Live-Schaltungen zur Regierungskrise stellen Journalistinnen jede Menge Fragen und Männer geben darauf ausschweifende Antwortungen (eine Spezialität der italienischen Männer ist, dass sie noch länger schwafeln, um auf den Punkt kommen, als deutsche). Sämtliche, ich wiederhole: sämtliche Experten, die ich in den letzten Wochen im Radio gehört oder im Fernsehen gesehen habe, sind Männer. Es ist schlimmer als beim Fußball.

 

 

Oh, Gigi!

Gigi Buffon ist wieder da. Nach einem Jahr in Paris hat er heute bei seinem alten Klub Juventus eingecheckt. Sein Kommentar: „Wenn man von einer Signora eingeladen wird, darf man nicht Nein sagen.“ So lässig wie immer, der alte Gigi, aber mit neuen Erkenntnissen und – Lesetipps. Erzählungen von Jonathan Coe und Osvaldo Soriano – und Krimis von Fred Vargas und Gianrico Carofiglio.

Muss man ja nicht auf der Bank lesen.