Jedermann

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Italien eine Partei gegründet, die sich „Fronte dell’Uomo Qualunque“ nannte, wörtlich: Front des Jedermanns. Mit dem Jedermann war der im deutschen Sprachraum so beliebte „Kleine Mann“ gemeint, also jener Kleinbürger, der sich durch eine tiefe Skepsis dem Staat gegenüber auszeichnet, vor allem dann, wenn dieser Staat demokratisch organisiert ist.

Bei den Wahlen 1946 gelang der Jedermann-Front der Sprung ins Parlament und damit sogar in die verfassungsgebende Versammlung. Zwei Jahre später war die Partei schon wieder weg vom Fenster. Der Qualunquismo aber, jene typisch italienische Demokratieverdrossenheit, blieb. Eine Comicfigur und eine ganze Reihe von satirischen „Jedermännern“ sind nach ihm benannt, zuletzt eine höchst erfolgreiche Kino-Trilogie um einen kleinbürgerlichen Antihelden namens Cetto La Qualunque ( in Deutschland, wo das unsäglich „F you Goethe“ die Säle füllt, sollte man darüber besser nicht lächeln).

Die italienische Politik wimmelt von Qualunquisti. Berlusconi war der reichste Jedermann, Bossi der vulgärste, Salvini ist der aggressivste, Grillo der abgezockteste. Die Jedermann-Parteien verfügen seit Jahrzehnten über solide Mehrheiten im Parlament – mit kurzen Unterbrechungen, in denen das Land wieder ein bisschen auf Vordermann gebracht wird, was den Leuten den Vorwand liefert, den nächsten Jedermann zu wählen. Oftmals befinden sich die Jedermänner indes sowohl in der Regierung als auch in der Opposition. So auch jetzt. Obwohl: So schlimm wie jetzt war es wirklich noch nie.

Nehmen wir Giuseppe Conte. Er wurde Ministerpräsident, weil er A) mit Messer und Gabel essen kann, B) das auch auf Englisch hinkriegt und C) garantierte, sich nicht in die große Politik der beiden Big Jedermänner Salvini und Grillo einzumischen. Letzteres hat sich inzwischen erledigt, weil Salvini in der Opposition ist und Grillo eigentlich auch, nur nicht so öffentlich.

Im Gegensatz zu diesen beiden richtet Conte keinen Schaden an, indem er Minderheiten verfolgt und die Demokratie demontiert. Er ist einfach da und schwimmt irgendwie oben, wie das einst Generationen christdemokratischer Regierungschefs vor ihm taten, übrigens ist Herr Conte dabei immer auffallend gut frisiert. Das Problem ist nur: Italien erlebt gerade die größte Krise seit Jahrzehnten. Der Schuldenberg wächst wie die Arbeitslosigkeit und die allgemeine Depression, das war schon vor Corona so und jetzt ist es erst recht so, nur noch viel schlimmer. Dass die Zustimmung für Conte während des von seiner Regierung verordneten, strengen Lockdowns, stieg und stieg, war eigentlich ein positives Zeichen. In der Not wollten die Leute doch lieber von einem freundlichen Jura-Professor regiert werden als von dem Rumpelstilzchen Salvini. Inzwischen hat man die ernüchternde Gewissheit, dass das einzig Positive an dieser Regierung die Tatsache ist, dass Salvini ihr nicht angehört. Aber das reicht natürlich nicht.

Seit einem Jahr wird darüber diskutiert, endlich die unsäglichen Gesetze zur Blockade von Flüchtlingsschiffen abzuschaffen, die Salvini mit den Stimmen der Fünf Sterne durchgesetzt hat. Nichts geschieht. Seit einem Jahr verspricht die Regierung die Einrichtung von Arbeitsagenturen. Nichts geschieht. Vom Tisch ist der Vorstoß der Staatsbürgerschaft für Einwandererkinder, den die mit regierende PD eigentlich auch sofort einbringen wollte. Aber dann kam ja Corona. Und eine Krise, die die amtierende Regierung endgültig als einen Haufen von Jedermännern und Jederfrauen entlarvt, die ohne tragfähiges Projekt, ja ohne eine einzige Idee irgendwie an der Macht bleiben wollen. Auch Conte scheint Gefallen an der Macht gefunden zu haben. Leider findet er nicht ganz so leicht einen Ausweg aus der Krise.

Stattdessen gibt Conte den Jedermann. Laut tönt er gegen die angebliche Einmischung der EU (und namentlich der Angela Merkels) bei der Verteilung der Post-Corona-Hilfsgelder. Aber er hat immer noch keinen Plan, wie er das Geld einsetzen soll. Er weiß noch nicht einmal, ob die Fünf Sterne ihm erlauben werden, den 37 Milliarden-Kredit aus dem Rettungsfonds zu akzeptieren. Nach wie vor sind die Grillini dagegen, schließlich haben sie ihrer Klientel Jahre lang vorgelogen, die EU vergäbe Kredite nur zur Gängelung. Der Rettungsfonds ist für die Fünf Sterne eine Schimäre wie die Müllverbrennung und der im Labor erzeugte Bakterienbefall apulischer Olivenbäume. Von all‘ den schönen Verschwörungstheorien kann man jetzt nicht einfach abrücken, nur weil die Realität gerade mal stärker ist.

Die Schwäche des Jedermanns Conte resultiert aus der Stärke der anderen. Oder auch umgekehrt. Das Ergebnis jedenfalls ist Stillstand. Die Blockade wird neue Jedermänner produzieren, womöglich sogar Jederfrauen, denn zurzeit ist rechtsaußen die forsche Giorgia Meloni mit ihren Ewiggestrigen im Aufwind. Neu ist sie nicht, denn sie war schon unter Berlusconi Ministerin. Und neu sind schon gar nicht ihre Überzeugungen  – von Ideen mag man ja gar nicht sprechen. Aber wie es aussieht überdauert der Qualunquismo in all‘ seinen Farben, in Ewigkeit, Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Partita del Secolo

Heute vor 50 Jahren fand im Aztekenstadion von Mexiko City das WM-Halbfinale Italien-Deutschland statt. Italien gewann 4:3. Bis in die 90. Minute hatten die Italiener 1:0 geführt und es geschafft, dieses Resultat eisern zu verteidigen. Dann glich Karl-Heinz Schnellinger aus, der damals bei Milan spielte. Es folgte eine halbe Stunde, in der sich die zuvor ziemlich zähe Begegnung zum allseits verklärten „Jahrhundertspiel“ wandelte. Nie war eine WM-Verlängerung spannender, nie fielen mehr Tore.

94.     1:2 Müller

98.     2:2 Burgnich

104.   3:2 Riva

110.   3:3 Müller

111.    4:3 Rivera

Nebenbei spielte Beckenbauer ab der 65. Minute mit einem an den Körper festgebundenen, rechten Arm, nachdem er sich auf der Jagd nach einem Elfmeter die Schulter verletzt hatte. Der deutsche Radio-Reporter Kurt Brumme empörte sich vor einem Millionen-Publikum über die Italiener: „Mein Gott, ist das ein Fußball hier. Das ist ja entsetzlich, das ist ja widerlich. Burgnich ist soeben verstorben, sehe ich. Nein, da kommt er wieder!“ „Pfui, pfui, pfui, Rivera!“

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Nun, in Italien hat man naturgemäß einen anderen Blick auf das Match. Der 50. Jahrestag wird gefeiert, als wären die Azzurri damals als erste auf dem Mond gelandet. Schon vorher hab es einen Kinofilm und ein Theaterstück zum Thema und Bücher sowieso, das Beste von den dem Soziologen Nando dalla Chiesa. Er schildert, wie die Italiener mit dem Sieg auch die Überwindung eines uralten Minderwertigkeitskomplexes gegenüber den Deutschen feierten: „Es schien, als seien wir jetzt die Deutschen.“ Dalla Chiesa erinnert, wie die Italiener in der Nacht zum ersten Mal als Nation feierten, überall auf den Straßen tanzten und wie der Autocorso geboren wurde. Hunderttausende waren damals als Arbeitsemigranten in Deutschland und zelebrierten den mühsam erkämpften Sieg über die reichen, arroganten Deutschen.

Für die war das 3:4 der Beginn des Italien-Traumas. Es folgten nur noch Niederlagen, bei der WM 1982, bei der WM 2006 (besonders bitter), bei der EM 2012 (ein Doppel-Balotelli, fast genauso bitter). Die Serie endete erst 2016 beim EM-Viertelfinale, das Deutschland beim Elfmeterschießen gewann. Und jedes Mal der gleiche Schlagabtausch in den Medien, die Beschwörung finsterster Klischees, auf beiden Seiten. Persönlich bin ich 2006 wüstens attackiert worden, weil ich mich in einem Feuilletonartikel für die SZ ein wenig über die deutsche Verehrung des „edlen Wilden“ Zidane lustig gemacht hatte. Halb Deutschland war mit dem Franzosen solidarisch, der sich im Endspiel von dem Italiener Materazzi provozieren ließ („deine Schwester…“), ihm den Kopf in den Bauch rammte und natürlich Rot dafür sah. Italien wurde Weltmeister und die Deutschen ärgerten sich schwarz. Der Spiegel beleidigte die Italiener als Muttersöhnchen, die ZEIT warnte: „Mafia im Finale“ und legte nach dem Sieg nach, der WM-Titel würde sich schon noch als Katastrophe für Italien entpuppen. Wäre ja noch schöner!

Die Italiener hingegen packen vor jedem Fußballspiel gegen die Deutschen den Weltkrieg aus. Als ich in Rom ankam, hörte ich zum ersten Mal, dass deutsche Fußballspieler als Panzer bezeichnet wurden. Daran hat sich nichts geändert. Vor dem EM-Halbfinale 2016 etwa schrieb der „Corriere della Sera“, als Italiener müsse man einfach für Frankreich sein. „Sie haben uns Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit geschenkt, während die Deutschen unser Land besetzt und unsere Großeltern hingemetzelt haben.“

Das ist ungefähr das Niveau.

Gestern abend war ich Gast in einer Radio-Sondersendung der RAI, gemeinsam mit dem deutschen Botschafter in Italien, mit dem klugen Professor dalla Chiesa und mit ein paar der alten Recken. Schnellinger war aus Milano due zugeschaltet, wo er seit Ewigkeiten in einem der Wohnblocks wohnt, die einst Silvio Berlusconi hochgezogen hatte. „Perle, was für eine Perle?“ sagte Schnellinger. „Es war nur ein Fußballspiel. Wenn wir gewonnen hätten, wäre es natürlich besser gewesen.“

Tarcisio Burgnich kam da schon mehr in Wallung. Der Sieg sei so wichtig gewesen, „weil wir endlich die Deutschen geschlagen haben, die uns in den 40er Jahren unterdrückt haben.“ Damit war vermutlich die deutsche Besetzung von Italien gemeint. Ein paar Minuten später legte Burgnich nochmal nach. „In zwei Kriegen“ hätten die Deutschen Italien überfallen – dass es im ersten Weltkrieg die Österreicher waren, wagten die Moderatoren nicht zu verbessern. Es sprach dann noch ein Professor für Anthropologie. Er sagte, der Sieg sei eine „Befreiung“ von den Deutschen gewesen.

Ich war ein bisschen schockiert und wies darauf hin, dass Beckenbauer und Müller nun wirklich niemanden überfallen hätten. Also wirklich, was kann man denn gegen piccolo grassotello Müller haben, mir ein Rätsel. Und Beckenbauer ist unerreicht elegant, von wegen Panzer. Die Deutschen hätten damals zwar verloren, aber trotzdem sei das Match als große Nummer in die Geschichte eingegangen, völlig egal, ob Sieg oder Niederlage. Ich wiegelte also ab, malte lustig die deutsche Angst vor Fußballitalien aus und erzählte, dass alle deutschen Reporter wissen, wie man Catenaccio schreibt oder wenigstens spricht. Lange habe ich mich dann darüber geärgert, dass mir, wie so oft, auf die Schnelle nicht der entscheidende Satz einfiel:

1970 hieß unser Bundeskanzler Willy Brandt.

Oh Venezia!

Im Italienischen wie im Deutschen sind Städte eine Frau. Die Stadt, la città. In früheren Zeiten wurden sie personifiziert. Der Göttin Roma ist ein riesiger Tempel am Fuße des Palatin geweiht, von dem heute noch sehr eindrucksvolle Säulen zu sehen sind. Venezia wurde unter anderem von dem Maler Tiepolo dargestellt. Der Meister entwarf eine üppige blonde Schönheit, der Meeresgott Neptun aus einem Füllhorn sehr viele blanke Dukaten verehrt. Das Bild hängt an prominenter Stelle im Dogenpalast:

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Ein vielbenutztes Synonym für Venedig ist „La Serenissima“ – ein Titel, den sich die alte Seerepublik einst selbst gab. Die Heitere, nein: die Heiterste. Ein herrlicher Superlativ, wer möchte nicht so wahr genommen werden? Irgendwas ist dann schief gelaufen mit der venezianischen Imagepflege in den letzten Jahrhunderten, denn heutzutage gilt ja Venezig als schwer melancholisch. Tod in Venedig, Wenn die Gondeln Trauer tragen, Ratten und Nebel, Cholera und Kreuzfahrtschiffe, ganz so, als sei diese Traumstadt eine Verheißung der Düsternis. Es geht nur noch um Hochwasser, um die Invasion von Touristen und die Flucht der letzten echten Venezianer und nebenbei um korrupte Politiker, die letztendlich am Untergang der Stadt Schuld tragen. Überhaupt, der Untergang: Schon seit einer ganzen Weile drehen sich Venedig-Erzählungen um die Frage: Ist diese Stadt noch zu retten? Vor der Klimakatastrophe, dem Massentourismus, der Abwanderung und neuerdings vor der Corona-Krise?

Heute gab es zu diesem Thema eine erhellende Seite Drei in der SZ, nach deren Lektüre die wirklich größte Bedrohung für Venedig kein Geheimnis mehr ist. Venezia, die Heiterste, befindet sich gar nicht mehr in der Lagune. Die Serenissima ist eine Stadt ohne Frauen! Egal ob in den 450 SZ-Zeilen oder dazwischen, es ist schlicht keine zu finden. Die Frauen scheinen aus Venedig geflohen zu sein wie aus Ostdeutschland und aus dem Sauerland. Da dürfen wir uns dann wirklich nicht wundern, wenn das mit dem Untergang nicht mehr abzuwenden ist. Oder wurden sie am Ende einfach nur übersehen?

Ich weiß nicht, ob es sinnvoll wäre, eine Frauenquote für Geschichten einzuführen. 25 Prozent? 30? Oder 50? Hundert Prozent, vielleicht wäre das für den Anfang nicht schlecht. Einfach mal ein Monat oder zwei nur Zeitungsgeschichten mit Frauen, wo es geht, also nicht im Politik- Wirtschafts- oder Sportteil, oh Gott, jetzt hätte ich fast das Feuilleton vergessen, dabei können da auch sehr viele, wichtige Männer natürlich nicht über Wochen unerwähnt bleiben. Aber die Meinungsseite, da ginge doch was!

Die reine Männergeschichte, ich fürchte, das ist mir auch schon passiert – und damit meine ich jetzt nicht beim Thema Fußball. Ganze Städte, ach was, Landstriche ohne Frauen, es geht ja schließlich um die Sache, und die Zeit drängt, da kann man sich nicht mit Gender-Kleinigkeiten aufhalten

Wirklich?

Giuseppe Provenzano von der sozialdemokratischen PD, Italiens Minister für den Süden, hat gerade seine Teilnahme an einer Städte-Konferenz zur Corona-Krise abgesagt. Weil außer ihm nur Männer dazu eingeladen waren. Keine einzige Frau! Männer unter sich, das gilt immer noch als völlig normal, nicht nur in Venezia und Roma. Provenzano ist der erste Minister der Repubblica Italiana, der es skandalös findet. Oder wenigstens hoffnungslos von gestern.

 

 

Wenn die Maske fällt

Der 2. Juni ist einer der beiden Nationalfeiertage Italiens. Am 25. April wird die Befreiung vom Nazi-Faschismus gefeiert, heute das Ende des Königreichs und die Geburtsstunde der Republik. Erstmals seit vielen Jahren fiel der Pandemie wegen die Militärparade auf der von Mussolini einst just zu diesem Zweck angelegten Straße zwischen den Kaiserforen aus. Aber jede Menge Vaterlands-Rhetorik gab es trotzdem. Der „Corriere della Sera“ verteilte Atemschutzmasken in den Nationalfarben (in Deutschland käme wahrscheinlich noch nicht mal die Bild auf so eine Aktion) – und die unvermeidlichen Frecce Tricolori donnerten über den „Vaterlandsaltar“, nachdem sie zuvor schon in anderen Städten ordentlich die noch vom Lockdown reine Luft verpestet hatten. Meine Freundin Paola, deren Terrasse quasi auf das Augustus-Forum gepflanzt ist, hielt einen Moment die Luft an. Aus Angst, dass die Frecce ihr die Balkonplanzen rasieren würden.

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Paola ist sie eine Säule des römischen Kunstbetriebs und steht politisch links. Aber sie mag die Frecce, wie die meisten Italiener. Das Ohren betäubend laute, stinkende Macho-Spektakel ist unglaublich populär. Mir ist es ein Rätsel, wieso die überhaupt noch fliegen, nach dem Unglück von Rammstein. (Zur Erinnerung: Bei einer Flugschau am 28. August 1988 stießen drei Maschinen der Frecce zusammen, eines der Flugzeuge stürzte in die Zuschauermenge. die drei Piloten starben, ebenso 31 Zuschauer. Später starben weitere 36 der mehr als 1000 Verletzten. Insgesamt gab es also 70 Todesopfer.) Heute erinnert sich kaum jemand in Italien an Rammstein und die Medien tun wenig, um das kollektive Gedächtnis zu erwecken.

Für mich sind die Frecce das gruseligste Symbol eines spezifisch italienischen Nationalismus, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann. Es handelt sich um eine sehr ungute Mischung aus Vergangenheits-Verdrängung, Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn. Die Italiener haben ein extrem gespaltenes Verhältnis zur eigenen Nation und einen sehr entwickelten Selbsthass. Man sieht es an ihrer populistischen Rechten: Vor ein paar Jahren verweigerte die Lega noch jede Teilnahme an den Veranstaltungen zu den Nationalfeiertagen, heute boykottiert sie natürlich den 25. April, marschiert aber zum Republikfest auf. Gemeinsam mit der neofaschistischen (viele deutsche Medien nennen sie hoffnungsvoll: postfaschistisch) Fratelli d’Italia wollte Lega-Boss Salvini heute einen Auftritt am Grab des Unbekannten Soldaten in Rom. Der Staatspräsident lehnte dankend ab. Auch, weil schon klar war, dass es sich um den Auftakt zu einer wilden Protestaktion handeln würde.

Tatsächlich mobilisierten Salvini und Co. eine Demo auf der Piazza del Popolo. Ein paar hundert Rechte drängelten sich unter einer großen Italien-Fahne, machten Selfies mit dem Meister und verstießen grölend gegen die Seuchenschutz-Vorschriften. Salvini selbst riss sich die Maske ab, buchstäblich und metaphorisch. Und die Polizei schaute zu.

Jetzt, da die größte Gefahr erst einmal gebannt scheint, die Regierung also die Drecksarbeit für dieses nichtsnutzige Großmaul erledigt hat, fordert er: Abtritt. Viele finden das schon wieder fantastisch. Seuche – welche Seuche? Im Unterholz formieren sich rechte Schlägertrupps und „Orange-Westen“ schon zu einer irren Negationsbewegung. Die Pandemie habe es nie gegeben, die Toten von Brescia und Bergamo seien Opfer der Luftverschmutzung. 34.000 Tote und kein Virus.

Dass es in Deutschland für ein paar Idioten zu viel verlangt ist, angesichts einer weltweiten Bedrohung mal einen Gang runter zu schalten und auf Stadiongang und Ballermann-Urlaub zu verzichten – geschenkt. Aber in Italien?! Man fasst es nicht.

Es ist die immer gleiche, Menschen verachtend zynische Nummer, die diese Faschisten abziehen. Ausgerechnet diejenigen, die sämtliche Bürgerrechte mit Füßen treten, faseln jetzt was von Polizeistaat. Ausgerechnet jene, die sich einen Dreck um die sozial Schwachen scheren, die das staatliche Gesundheitssystem am liebsten ganz abschaffen würden und die Zehnprozent-Steuer für alle fordern, die hetzten jetzt gegen die Regierung. Es stimmt, die Nothilfe ist viel zu schleppend angelaufen. Aber sie läuft an. Es ist wahr, die Wirtschaftskrise wird fürchterlich. Aber die EU steht parat. Und eines ist doch wohl klar: Selbst wenn der warme Geldregen sofort käme, würden die Hetzer nicht verstummen. Das eine hat mit dem anderen leider rein gar nichts zu tun.

Esel trainieren

Im Internet wird jetzt Eseltraining für Führungskräfte angeboten. Wer einen sturen Esel auf Trab bringt, so die These, der könne auch seine Leute besser antreiben. Eine geniale Idee. Und ich Freak dachte, Eselmist sei das Geschäft meiner Zukunft! Dabei wäre es natürlich viel lustiger, den Erfolgreichen bei ihren Versuchen zuzuschauen, meine Esel vorwärts (oder sogar rückwärts, Kleinigkeit!) zu bewegen, mit Aufpreis darf auch der Stall ausgemistet werden. Ich könnte den KundInnenkreis beschränken auf Chefredakteure und Redaktionsleiter aus, sagen wir, Hamburg und München und hätte den Spaß meines Lebens. Im Gegensatz zu den Internet-Eseln sind meine nämlich nicht über Jahre vortrainiert. Weil ich nicht so der Erziehungs- und Dressur-Typ bin, konnten meine Esel bislang machen was sie wollten. Seit 6000 Jahren müssen Esel für den Menschen arbeiten, bei uns war Otium angesagt.

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Da rauft sich natürlich jeder Eselexperte die Haare. Aber auf Eselexperten habe ich ungefähr so viel gegeben wie auf ExpertInnen der Kindererziehung. Sie haben mich schlicht nicht besonders interessiert.

In der langen Quarantäne jedoch kommt man auf abseitige Gedanken. Einer davon ist: Wie wäre es eigentlich, mal mit Lotti spazieren zu gehen? Über Stock und Stein, hügelauf, hügelab? Lotti heißt eigentlich Charlotte und ist mit ihren sieben Jahren die Jüngste der Familie. Schokobraun, großäugig, tolle Figur, eine Schönheit. Sehr verschmust. Und wahnsinnig stur.

Lotti will nicht von mir geführt werden, Lotti will hinter mir her schlurfen. Das findet sie ganz toll. Aber am Halfter angefasst, gar gezogen werden? Lästig! Beleidigend! Fasse ich sie am Halfter, bleibt Lotti stehen und schaut demonstrativ durch mich hindurch. Lasse ich sie los, wartet sie auf die nächste Streicheleinheit. Dann erst setzt sie sich in Bewegung.

Okay, dachte ich, es dauert vielleicht doch noch eine Weile mit dem gemeinsamen Spaziergang. Aber irgendwann wird sie es kapieren. Fehler! Lotti hat natürlich längst kapiert, was sie tun soll. Neben mir her laufen, versteht doch jeder Esel. Sie WILL aber nicht, denn sie weiß nicht, was das jetzt soll. Ganz schlimm wurde es, als ich mit dem Seil auf die Weide trat. Mademoiselle begab sich spontan in den Galopp. Bloß weg hier! Wer weiß, was das für ein Folterinstrument ist! Nach nur drei Tagen hat sie verstanden, dass das Seil nicht gefährlich ist. Jedenfalls auf Abstand. Für’s Anlegen brauche ich vermutlich noch mal eine Woche, konservativ geschätzt. Wenn ich es jetzt versuche, zieht sie sich unter den Holunderbusch zurück und schmollt.

Im Gegensatz zu Menschen muss man, merke dir das, Führungspersönlichkeit! Esel überzeugen, Dinge zu tun. Nicht vollquatschen oder gar anbrüllen: überzeugen. Es sei denn, natürlich, man zwingt sie mit roher Gewalt. Dreht ihnen die empfindlichen Ohren um oder prügelt sie. Für alles jenseits der Körperverletzung und Tierquälerei gilt: Ein Esel ist weder ein Hund noch sonst ein untergebenes Wesen und deshalb auch kein Befehlsempfänger. Ein Esel ist übrigens auch kein Pferd. Mit Pferden konnten Menschen über Jahrtausende in den Krieg ziehen – ein Esel würde den Teufel tun, sich auf ein Schlachtfeld peitschen zu lassen. Der geht ja noch nicht mal über eine Brücke. Esel sind die vorsichtigsten Tiere. Ganz große Skeptiker. Im Zweifel einfach stehen bleiben.

Die Führungspersönlichkeit meiner Lotti zu werden, ist deshalb eine riesige Herausforderung. Im Moment sieht es eher umgekehrt aus.

Umsatteln!

Radfahren in Italien, damit habe ich seit drei Jahrzehnten eine On-Off-Beziehung. In letzter Zeit wieder Off, weil einerseits die Straßen durch immer mehr und immer größere Schlaglöcher immer gefährlich wurden, andererseits der Verkehr auch auf dem Land zunimmt: Paketdienste! Fahren alle wie die Henker. Und Radwege gibt es nicht. In Rom ein paar, aber zu denen muss man erstmal hinkommen. Möglichst mit dem Rad.

In der Stadt steht das Fahrrad also schon eine ganze Weile in der Wohnung im 4. Stock. Unten im Hof durfte ich es nie lassen, es störte die Nachbarn, sie beschwerten sich. Aber wer hat schon Lust, ein nicht ganz leichtes Tourenrad zu jedem Einsatz die Treppen rauf und runter zu tragen, um sich dann, siehe oben, durch den Verkehr zum Tiber-Radweg zu kämpfen? Der zudem im Winter mit Schlamm überzogen ist und im Sommer mit Fressbuden zugestellt?

Dann kam die Seuche und nun wird alles anders. Erst war Radfahren verboten. Jetzt ist Radfahren nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Mehr noch: Es wird gesponsert.

Letzte Woche kam ein Schreiben von unserer Hausverwaltung in Rom. Mit Bitte um Zustimmung für die Anschaffung eines Fahrradständers im Hof. Siiiii!

Diese Woche stehen Schlangen vor den Fahrradgeschäften. Die Leute kaufen Räder wie verrückt, denn 60 Prozent des Kaufpreises übernimmt der Staat, bis zu einem Höchstsatz von 500 Euro. Jede(r) Erwachsene kann davon Gebrauch machen, Kinderfahrräder werden hoffentlich demnächst subventioniert. Ist ja doch ein bisschen blöd, wenn man erst als Erwachsener mit dem Radeln anfängt.

Man sieht sie überall, die Radler und – Sensation! – Radlerinnen. Wer weiß, vielleicht werden ja tatsächlich auch die versprochenen, neuen Radwege realisiert. Auszuschließen ist es nicht!

Und ich gehe jetzt mal pumpen.

Geld raus, Freunde!

Relativ unbeachtet von der Weltöffentlichkeit hat der italienische Senatspräsident Maria Elisabetta Alberti Casellati zum Europatag am 9. Mai ein Video  unters Volk gebracht. (Wer sich darüber wundert, dass hier der Senatspräsident steht, obwohl es sich doch um eine Frau handelt: Dies geschieht auf ausdrücklichen Wunsch von Casellati, die (der?) auf der Anrede Herr Präsident besteht. Wegen der Würde des Amtes, die offenbar durch eine weibliche Anredeform geschmälert würde.)

Casellati ist Jahrgang 1946, könnte also durchaus verschwommene Kindheitserinnerungen an die Unterzeichnung der Römischen Verträge haben. Aufgefallen ist sie bisher als strenge Aufseherin des Sexuallebens italienischer BürgerInnen: Gegen Abtreibung, gegen die Pille danach, gegen gleichgeschlechtliche Ehegemeinschaften – für Besuche der Ehefrauen bei Häftlingen, „damit die hinter Gittern keine unnatürlichen Kontakte haben“, was auch immer sie sich darunter vorstellt.

Der italienische Senatspräsident ist Mitglied der Forza Italia und als solcher von Silvio Berlusconi und seinem Erben Matteo Salvini ins zweithöchste Staatsamt gehievt, allerdings auch mit den Stimmen der Fünf Sterne. Ist noch gar nicht so lange her, noch nicht einmal zwei Jahre.

Zurück zum Video. Für alle, die kein Italienisch können – nach der Vorstellung als „überzeugte Europäerin“ geht es so weiter: „Die EZB soll SOFORT Geld in die Taschen der Bürger stecken. Ich kann nicht glauben, dass Deutschland, dem mehrfach auch von Italien geholfen wurde, da nicht mitmacht, indem es mit Ausreden lebenswichtige Entscheidungen für alle aufhält. Wie sagte Kohl: Ein Land, das seine Vergangenheit ignoriert, hat keine Zukunft. Und ich füge hinzu: Achtung! Während Berlin diskutiert, brennt Europa.“

Die diplomatische Krise war perfekt. Ministerpräsident Conte peinlich berührt, der deutsche Botschafter verschnupft, man kann sich vorstellen, dass die üblichen beteiligten Herrschaften in Rom und Berlin ein lustiges Wochenende hatten.

Dabei hatte der Präsident doch nur ausgeprochen, was eine Mehrheit denkt. Das dominierende Narrativ (ein Unwort, aber hier passt es) lautet nämlich: An unserem Leid sind die Deutschen Schuld. Erst haben sie uns gezwungen, unser Gesundheitssystem wegzusparen, um die irren Auflagen aus dem Stabilitätpakt zu erfüllen. Und jetzt wollen sie uns nicht helfen. Die Deutschen bestimmen überall, sie stehen hinter von der Leyen und hinter Lagarde, sie kommandieren die ganze EU. Jetzt wollen sie uns Kredite geben, damit wir uns noch weiter verschulden und sie uns anschließend unter Kuratel stellen können. Von dem Euro und der EU haben nur die Deutschen profitiert, sie sind dadurch noch reicher geworden und wir noch ärmer. Das erklärt auch, warum sie jetzt so gut durch die Krise kommen, denn sie konnten sich abertausende von Intensivmedizin-Betten einrichten und wir nicht.

Vor ein paar Tagen veröffentlichte der Soziologe Ilvo Diamanti in der „Repubblica“ eine Umfrage zu Europa. Wie in Italien üblich, wurden etwa 1000 Personen befragt – in Deutschland dürfen JournalistInnen Ergebnisse von Umfragen mit derart geringer Beteiligung gar nicht zitieren. Die Überschrift bei „Repubblica“ lautete: „Wenn Deutschland Italien von der EU entfernt.“ Im Kleingedruckten konnte man dann lesen, dass eine Mehrheit der Befragten den USA und China mehr vertraut als Deutschland und Frankreich – wobei Frankreich viel schlechter abschnitt als Deutschland.

Vermutlich ist diese deutsch-feindliche Mehrheit identisch mit jener, die bei der nächsten Wahl die Rechtspopulisten wählen würde. In auch international zitierfähigen Umfragen kommen Lega, Forza Italia und die neofaschistischen Fratelli d’Italia nämlich immer noch auf knapp 50 Prozent – und wenn man die durchaus nicht linke, ganz bestimmt nicht liberale Fünfstern-„Bewegung“ hinzurechnet, sieht es vollends finster aus. Die Fünf Sterne, auch das nur zur Erinnerung, bildeten bis vor Jahresfrist im Europaparlament eine Fraktion mit Farages Brexit-Bewegung Ukip.

Was veranlasst also Repubblica zu so einem irreführenden Titel? Nun, auch die große linke Tageszeitung gießt seit Monaten Öl ins Feuer. Die Europafreunde sind verstummt. Selbst ein Intellektueller wie Roberto Saviano behauptet, wer gegen Eurobonds sei, helfe der Mafia – eine vollkommen wahnwitzige Idee. Als ob die Tatsache, dass die mafiöse Zinswucher in der Krise noch profitabler für die Verleiher und noch erdrückender für ihre Opfer wird, der EU anzulasten wäre. Wucher ist seit Ewigkeiten ein Kerngeschäft der Mafia und die Verarmung des Südens keine Folge von Corona. Die Wahrheit ist, dass die Pandemie die riesigen Probleme, die Italien schon vorher nicht lösen konnte oder wollte, nun noch weiter verschärft.

Die Dinge öffentlich gerade zu rücken, traut sich gerade keiner. Oder er oder sie kommt schlicht nicht zu Wort, mit Ausnahme von Paolo Gentiloni. Der kann aus Brüssel endlich sagen, was er denkt. Aber in der Regierung ergreift niemand die Stimme für Europa, schon gar nicht für Deutschland. Hilfslieferungen von medizinischem Gerät, die Behandlung dutzender Covid-19-Patienten in deutschen Krankenhäusern inklusive Transport in Militärflugzeugen: Die italienische Öffentlichkeit erfährt davon so gut wie nichts.

Ein gewichtiger Teil der Fünf Sterne, allen voran Außenminister Luigi Di Maio, ist gegen die Kredite aus dem EU-Rettungsfonds, ungeachtet dessen, dass der Zinssatz mit 0,1 Prozent und die lange Laufzeit für Italien extrem günstig sind. Es geht Di Maio, der sich stets mit einer Gesichtsmaske in den Nationalfarben zeigt, angeblich um die nationale Ehre, vor allem geht es ihnen um die Stimmen von rechts. Sie drohen damit, die Regierung platzen zu lassen, falls Conte den EU-Milliardenkredit akzeptiert. Wobei man erwähnen sollte, dass die Lega in Straßburg auch gegen die Eurobonds gestimmt hat, weil der Vorschlag von den Grünen kam.

Leuten wie Casellati , Salvini und Di Maio ist Europa vollkommen schnuppe. Halt nein, nicht ganz: Sie brauchen die EU als Geldautomat. Der Rest interessiert sie nicht.

Wenn die Bundesregierung sich spontan für Coronabonds entschieden hätte, hätte das übrigens gar nichts geändert.

 

 

Die Parallelaktion

Wie es aussieht, bin ich genau zum richtigen Zeitpunkt aus dem Sportjournalismus ausgestiegen. Wen interessiert denn jetzt noch die schon vor Ausbruch der C-Krise gründlich heruntergewirtschaftete Serie A? Wer will angesichts der Tragödie in England die Spieler der Premier League laufen sehen, allen Ernstes angehalten, sich nach einem Tor nicht zu umarmen und nicht in der Gegend herum zu spucken – als wenn das ein wirksamer Schutz wäre? Und wer genießt wirklich unbeschwert vor dem Fernseher die Begegnungen der Bundesliga in leeren Stadien?

Früher pflegte ich Leuten, die mir auf die Antwort nach der Berufsfrage ins Gesicht sagten: „Sport interessiert mich nicht“, zu erklären: „Fußball ist kein Sport, sondern eine Industrie.“ Inzwischen gibt sich niemand mehr die Mühe, das zu kaschieren. In Deutschland bringen sie das Arbeitsplätzeargument, in Italien geht es eher um den Frust von Cristiano Ronaldo, der nur im eigenen Garten spielen darf. Alle bis auf CR7 haben natürlich Angst vor der Pleite. Mit dem Fußball ist es wie mit der Luftfahrt, es handelt sich gerade um einen Hochrisikobetrieb. Aber der Fußball meint, auch ohne Passagiere auskommen zu können. Die C-Krise offenbart, dass Stadionzuschauer allerhöchstens eine nette Dreingabe sind, auf die man im Notfall verzichten kann. Solange die Fernsehgelder fließen. Und die Wetten laufen.

Wenn man den Uefa-Präsidenten hört, kann man sich gruseln über soviel Zynismus: „Die Wiedereröffnung der Bundesliga ist eine tolle Nachricht. Das bringt wieder Optimismus in das Leben der Menschen und ist ein Beispiel für uns alle.“  In England, Frankreich, Spanien und Italien, sogar in Deutschland wird weiter an Covid-19 gestorben. Die Zahl der Opfer geht in vielen Ländern in die Zehntausende. Unbeirrt wird an einer Parallelwelt festgehalten, in der manche Europäer auf ihrem Recht auf Fußball und auf ihrem Anspruch auf Strandurlaub am Mittelmeer festhalten. Sollen die anderen sterben, wir müssen uns amüsieren. Das Pay-TV-Abo ist schließlich bezahlt.

Nachdem in Deutschland grünes Licht gegeben wurde, wollen auch die italienischen Funktionäre wieder den Ball rollen lassen. Natürlich in leeren Stadien, aber in welchen? Bis frühestens Anfang Juni gilt hier das Verbot, von einer Region in die andere zu reisen – auch für Fußballmannschaften. Ausnahmen können nur für dringende Arbeitseinsätze gemacht werden. Aber ist ein Fußballspiel wirklich ein dringender Arbeitseinsatz?

Zurzeit sind zehn Spieler positiv, sechs bei der Fiorentina und vier bei Sampdoria. Wer glaubt, dass die jungen, durchtrainierten Männer das Virus locker wegstecken, sollte mal bei Juves Paulo Dybala nachfragen. Der 26-Jährige hat sechs Wochen gebraucht, um wieder gesund zu werden. Beim Fußball Körperkontakt zu vermeiden, ist unmöglich. Wer Fußballspiele zulässt, übernimmt die Verantwortung dafür, wenn die Beteiligten sich infizieren. Offenbar sind Profis tatsächlich moderne Gladiatoren. Man nimmt in Kauf, dass sie erkranken und dass dann eine ganze Mannschaft in Quarantäne muss. Nicht alle Profis in Italien wollen das alles riskieren. In Bergamo sagen das einige auch laut: Sie halten es für undenkbar, Fußball zu spielen, ehe die Seuche nicht besiegt ist. In Norditalien warten hunderte von Angehörigen noch immer darauf, dass ihnen die Urnen mit der Asche ihrer an Covid verstorbenen Lieben ausgehändigt werden.

Und das Publikum? Lässt es sich denn wirklich alles gefallen, Hauptsache, man guckt wieder Dortmund gegen Schalke? Und die JournalistInnen? Sollen Interviews führen wie an normalen Spieltagen? Das Produkt einfach so weiter verkaufen wie bisher? So tun, als sei das alles in Ordnung? Mit Maske am Spielfeldrand.

Vielleicht geht das Zeitalter des Profifußballs ja gerade zu Ende.

Und vielleicht ist das auch ganz in Ordnung so.

Benaltrismo

Es gibt im Italienischen eine Wortschöpfung, die im Moment ungefähr so beliebt ist wie das deutsche „systemrelevant“ – und ebenso absurd. Benaltrismo klingt nur viel besser, da liegt Melodie drin, es ist wirklich ein musikalisches Wort. Es bedeutet: Da gibt es aber wirklich andere Probleme. Ben altri problemi!

Traditionell fallen in diese Kategorie der Feminismus, die Rechte von Minderheiten, die Würde von Flüchtlingen und der Umweltschutz. Für Gerhard Schröder, einen der Bannerträger des Benaltrismo, war nur ersteres „Gedöns“, quasi als niedersächsische Variante des B.A.. Aber Schröder verhielt sich zu den Populisten, die heute die transnationale Partei des Benaltrismo bilden, ja auch wie Hannover zu Rio de Janeiro.

Im Windschatten von Miss Corona erobert der B.A. gerade die Welt, auf eine Weise, die man Atem beraubend nennen müsste, wenn das nicht in diesem Zusammenhang nicht  zynisch klingen müsste. Aber die Wahrheit ist: der Benaltrismo hat uns fest im Griff. Er ist plötzlich systemrelevant.

Frauen verschwinden aus der Öffentlichkeit und machen im Home Office mehr Home als Office? Na, da gibt es doch ganz andere Probleme. Die Bürgerrechte werden in vielen Staaten massiv eingeschränkt, bis hin zum Hausarrest und Spaniens und Italiens Kinder dürfen Monate lang nicht vor die Tür? Ben altri problemi. Flüchtlinge müssen auch verstehen, dass wir, genau, jetzt wirklich mal andere Sorgen haben. Und Umweltschützer müssten sowieso zufrieden sein, oder? Kein Flugverkehr, kaum Autoverkehr, Schiffe bleiben auch im Hafen. Die Erde erholt sich von uns, liest man ja überall. Fridays for Future sind nicht nur verboten, sondern überflüssig.

Bis vor drei Monaten war man als umweltbewusster Europäer zum Beispiel davon besessen, Plastikmüll zu vermeiden. Die Zeitungen waren voll mit Geschichten über Modellfamilien, die überhaupt keinen Verpackungsmüll verusachten oder mit Artikeln über Geschäfte, die Nudeln ohne Karton verkauften. Familienintern gab es da sogar mal einen Wettbewerb: wer produziert weniger Plastikabfall in einer Woche?

Dazu hier ein Archivbild:

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Damals konnte man mit dieser Ausbeute keinen Blumentopf gewinnen. Und heute?

Haben wir ganz andere Probleme als Plastikteile in Walmägen oder in den Weltmeeren. Nach Südostasien, wo der meiste Dreck herumschwimmt, können wir doch sowieso nicht fahren! Plastik triumphiert, denn es schützt vor Ansteckung. Vor dem Supermarkt werden Plastikhandschuhe verteilt, ohne kommt man gar nicht mehr hinein. Ebenso vor Buchhandlungen, wobei die Bücher auch in Plastik verschweißt sind. Plexiglas soll uns demnächst in den Restaurants voneinander abtrennen, vielleicht auch im Flugzeug.

Plastikhandschuhe braucht man, um demnächst wieder in öffentliche Verkehrsmittel zu steigen – zusätzlich zu den Masken. Weil Busse, Bahnen und Metros aber sehr viel weniger Passagiere transportieren dürfen, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten, werden die Allermeisten ins Auto steigen. Der Himmel über Mailand, Rom und Neapel, momentan so klar wie zuletzt 1870, wird mit Abgasen geschwängert sein wie noch nie. Zwar haben die Stadtverwaltungen in Mailand und Rom neue Instant-Radwege versprochen, die flüchtig aufgepinselt werden oder mit Absperrband kreiert. Sehr löblich, nur wird das leider den Pendlern wenig helfen. Die Pendler werden aus Angst, sich im Zug anzustecken, mit dem Auto fahren. Sehr viel mehr als sonst werden das tun. Und das Resultat wird verheerend sein, ein richtiger Bumerang-Effekt.

Auch im Konsumverhalten ist Umweltschutz gerade Gedöns. In Italien sind wir polizeilich angewiesen, nur den nächstgelegenen Supermarkt zu besuchen, bzw. nur die Geschäfte im eigenen Dorf. Bioläden? Pustekuchen. Ben altri problemi. In meinem Ort verkaufen die Tante-Emma-Läden ausschließlich Käfigeier. Die sind zwar EU-weit seit zehn Jahren verboten, aber Italien bezahlt eine Strafe und lässt die armen Legehennen lustig weiter im Knast. Kommt billiger.

Da steht man dann im Laden und fühlt sich wahnsinnig Radical Chic, weil man nach Bioeiern gefragt hat. Der Händler verzichtet diese Woche schon auf Maske und Handschuhe, obwohl es im Nachbardorf zwei Covid-19-Tote gibt. Eben dieses Nachbardorf  ist zurzeit das bestgetestete in Italien. 1900 Einwohner, 1900 Tests, 29 Noch-Infizierte, vier im Krankenhaus, der ganze Ort nach wie vor Zona Rossa, also durch Polizeiposten hermetisch abgeriegelt. Kann man angesichts dieser Lage einen Gedanken an Legehennen verschwenden? Eben.

Und so trollt man sich, beladen mit jeder Menge künftigem Verpackungsmüll, nach Hause, immer schön am rechten Straßenrand laufend, weil die vielen Amazon-Transporter wirklich einen heißen Reifen fahren.

Es gibt halt wirklich andere Probleme.

 

 

Von der Substanz

Wer in diesen Wochen keinen wirklich schlimmen Verlust beklagen musste oder existenzielle Sorgen um seinen Job hat, der durfte immerhin lernen, dass das meiste in unserem Leben ziemlich überflüssig ist. Die nächste Urlaubsreise, neue Klamotten, das letzte Smartphone: who cares, brauchen wir doch eigentlich gar nicht. Man kann wunderbar zwei Monate ohne Friseur leben (sorry, liebe FriseurInnen), ohne Restaurantbesuch (nochmal sorry), man kann sogar auf das Gartencenter verzichten und sich die Tomaten aus der Samentüte heranziehen. Wirklich fehlen können uns Menschen. Freunde und Familienangehörige vor allem, die wir in diesen Zeiten nicht sehen dürfen.

Ganz unabhängig von der dräuenden Wirtschaftskrise, die jetzt bergauf und bergab  herbeizitiert wird, könnten wir also durchaus auch in Zukunft dazu neigen, weniger zu konsumieren. Aus Gewohnheit. Vor allem aber, weil wir schlicht weniger Geld haben. Wir alle sind betroffen. Ja, sogar wir Schreiberlinge. Auch wenn man darüber wenig hört und liest. Wen interessiert es, dass Journalistinnen über Jahre und Jahrzehnte ganz selbstverständlich Kinderbetreuung und Home office miteinander vereinbaren müssen, auch und besonders an Sonntagen, Weihnachten und Ostern? Dass es mittlerweile in vielen Zeitungsredaktionen Kurzarbeit gibt, auch bei der ZEIT, obwohl dort gerade so viele Abos verkauft werden wie noch nie? Dass Autoren um die Zukunft ihrer Verlage bangen, weil der Absatz fast aller Frühjahrs-Neuerscheinungen bei Null liegt? Eben, es gibt wirklich andere und größere Probleme.

Aber ich war beim Konsum stehen geblieben. Und da könnte man doch mal leise fragen: Wer soll eigentlich die neuen Autos kaufen, die jetzt ganz dringend wieder produziert werden müssen? Wer die nächste Flugreise bei der jetzt ganz dringend stützenswerten Lufthansa (vom Milliardengrab Alitalia ganz zu schweigen)? Wer soll als Touristin die Strände Apuliens bevölkern oder Venedigs Gassen verstopfen? Und wer sich im Restaurant des Fernsehkochs auf die Warteliste setzen lassen?

Noch wird uns vorgegaukelt, die Krise sei vorübergehend und durch beherzte Regierungsanweisungen zu stoppen. Aber zum Wirtschaften gehören zwei, der Produzent und der Konsument, die Verkäuferin und die Kundin. Ob letztere jetzt wie auf Knopfdruck wieder fleißig ihren Konsumpflichten nachkommen wollen, muss man erst noch sehen. Von welchem Geld übrigens?

A propos Experten: Krasser Überschriftenfehler bei Spiegel Online. Herr Watzke hat selbstverständlich gemeint, der Schulstart wäre ein Qualitätszeugnis für die Deutschen. Oder müssen wir uns in diesen Zeiten tatsächlich Sorgen um Fußballer machen? 13 Prozent der Profis neigen angeblich gerade zu Depressionen. Eine lächerliche Zahl, gemessen an der Gesamtbevölkerung.