Kleiner Fisch Gattuso

Milan spielt gegen Benevent. Das müsste zu schaffen sein für Gattuso, den neuen Trainer. Der Aufsteiger aus Kampanien hat an den ersten 14 Spieltagen exakt null Punkte gemacht, und ist damit das Schlusslicht sämtlicher europäischer Ligen. Die Chancen für einen siegreichen Einstand von Gattuso stehen also gut. Die Chancen für eine strahlende Zukunft der AC Milan jetzt aber nicht so sehr. Warum der brave Rino nur ein Notnagel ist und wieso keiner die prekäre Lage bei einem der größten italienischen Klubs kontrolliert, steht heute in der SZ. 

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Was Totti so macht

Er engagiert sich zum Beispiel gegen Gewalt an Frauen. In seiner Fußballschule in Ostia gab Totti heute den Anstoß zu einem Wohltätigkeitsmatch: Richter gegen Schauspieler. Organisiert war das Treffen von der Staatssekretärin für Gleichberechtigungsfragen (ja, so heißt das in Italien). In den letzten Jahren hatte es eine Welle der Gewalt gegen Frauen gegeben, die von ehemaligen Liebes- und Lebensgefährten ausging. Diese Männer wollten sich nicht damit abfinden, verlassen worden zu sein und rächten sich mit Säureanschlägen oder töteten sogar ihre Ex-Freundin. Im Mai 2016 strangulierte ein 27-Jähriger eine 22-Jährige Studentin, die die Beziehung zu ihm beendet hatte. Anschließend zündete der Mörder den Leichnam der jungen Frau in deren Auto an.

Daran erinnerte heute das Fußballspiel. Tottis Name hat in Rom immer noch sehr großes Gewicht, deshalb beschäftigten sich vermutlich ein paar Leute mehr mit dem Thema Gewalt an Frauen, als wenn es dazu den x-ten Zeitungsartikel gegeben hätte. Totti hatte die Mutter des Mordopfers in seine Schule geladen. Und er sprach auch selbst, nicht lang, mit einfachen Worten: „Diese Gewalt muss aufhören. Männer und Frauen sind gleich.“

Vor einigen Jahren hatte auch Ex-Nationaltrainer Cesare Prandelli an einer Kampagne gegen Gewalt an Frauen teilgenommen. Heute ist die Nationalmannschaft bekanntlich erst mal von der Bildfläche verschwunden. Oder, wie Totti kommentiert: „Die machen nächsten Sommer erstmal fett Urlaub.“

 

Der Aufstand

Es ist unfassbar, aber wahr: Italiens Verbandspräsident Carlo Tavecchio ,74, weigert sich, nach dem Desaster der Nationalelf seinen Hut zu nehmen. Erstmals seit 1958 eine WM ohne Azzurri, ein in 60 Jahren unerreichter Tiefpunkt und der oberste Funktionär sieht nicht, was ihn das anginge. Ein Telefonat mit Adriano Galliani, dem Vertrauten von Silvio Berlusconi, auf dessen politischem Ticket Tavecchio fährt – und alles soll weiter laufen wie vorher. Weil Berlusconi nichts dagegen hat. Weil Agnelli und die anderen mächtigen Klubchefs schweigen. In der Vorstandssitzung gestern hat Damiano Tommasi, der Vertreter der Spieler, protestierend den Raum verlassen: „Es ist für uns schwierig, über den Neuanfang zu reden, wenn die alte Spitze an der Macht bleibt. Aber eine Trainerbank ist ganz offensichtlich unbequemer als ein Funktionärssessel.“ Renzo Ulivieri, der Vertreter der Trainer, ein ehemaliger Kommunist, unterstützt den Forza-Italia-Christdemokraten Tavecchio. Der Klub der alten Männer hält zusammen, obwohl das Vertrauen bei den Fußballern vollkommen weg ist! Aber wozu braucht man im Fußball Spieler?

Nur Ventura ist gegangen. Halt, stimmt ja gar nicht: Er ist gegangen worden. Von wegen Rücktritt, solche Gesten der Selbstachtung und Würde sind ja in diesen Zeiten viel zu teuer. Und so hat Gian Piero Ventura tatsächlich gewartet, dass er 48 Stunden nach der schlimmsten Niederlage eines italienischen Nationaltrainers entlassen wurde, um nicht auf seinen Lohn verzichten zu müssen. 1,5 Millionen für ihn, 300.000 für seine Mitarbeiter. Und kein Cent weniger.

Fans und Medien schäumen vor Wut. Die „Gazzetta“, sonst eher bekannt für freundliche Hofberichterstattung, lädt die Herren vom Verband ein, doch mal ihre Büros zu verlassen und in eine x-beliebige Kaffeebar zu treten, „damit sie endlich kapieren, was die Stunde geschlagen hat. Sie müssen weg, sie müssen gehen. Alle.“ Aus London meldet sich Gianluca Vialli, Ex-Angreifer der Azzurri, von Juventus, Chelsea und Sampdoria: „Wir brauchen eine Kulturrevolution.“ Neue Köpfe und neue Ideen im Verband, einen Manager der Azzurri wie es Oliver Bierhoff bei den Deutschen ist, hier am besten: Paolo Maldini. Nur bitte weg mit dem Muff von tausend Jahren: „Italien ist ein wunderbares Land, das aber leider von der Politik stranguliert wird. Im Fußball macht der Karriere, der die richtigen Kontakte in der Politik pflegt.“

Unterdessen werden in der Presse SMS aus Spieler-Handys veröffentlicht, die man den Journalisten jetzt freigiebig zuspielt. Einer hat vor dem Spiel gegen Schweden gesimst: „Wir sollten uns besser an Gigi halten. Buffon als Kapitän, Trainer und Spieler. Jetzt sind wir ein Schiff ohne Steuermann, mitten im Sturm.“ Tatsächlich wird sogar über Buffon als Trainer spekuliert, was ziemlich absurd ist, denn Charisma und Spielerfahrung werden kaum ausreichen, um diese Karre wieder aus dem Dreck zu ziehen. Außerdem wird Gigi noch bei Juve gebraucht, zum Beispiel nächste Woche gegen Barcelona.

Verbandschef Tavecchio will Carlo Ancelotti holen. Dieser Trainer, in Italien über alle Kritik erhaben, soll die Squadra Azzurra retten, vor allem aber den Verbandspräsidenten selbst. Ancelotti scheint es, sei nicht abgeneigt, billig wird er natürlich nicht und er besteht auf allen Freiheiten, die Antonio Conte nicht bekam. Bleibt die Frage, mit welchen Spielern er die Rekonstruktion betreiben will. Die Senatoren sind ja weg, bis auf Chiellini, der heute mit einem Interview im „Corriere della Sera“ seine Kandidatur als Kapitän angemeldet hat. Auch Daniele De Rossi ist gegangen, mit einer großen Geste, die der ruhmlos untergegangenen Squadra Azzurra Ehre macht:

Nach dem Schlusspfiff, nach den Tränen und der Trauer erschien De Rossi im Bus der schwedischen Mannschaft. Er entschuldigte sich für die Pfiffe des Publikums von San Siro gegen die schwedische Hymne. Und er sagte den Siegern: „Alles Gute für die WM, Jungs. Wir Italiener drücken euch die Daumen.“

Addio Gigi

Es wäre seine sechste WM gewesen. Jetzt weint Gigi Buffon, dieser wunderbare Sportsmann. Heult vor der Kamera und bringt es doch mit einem Rest von Stimme fertig, so etwas wie eine Analyse zu formulieren. Sagt, was fehlte: Die Energie. Der klare Kopf. Sagt, wem die Zukunft gehört, allen voran Donnarumma, seinem Nachfolger im Tor. Erklärt, dass alle ihren Teil der Schuld, der Verantwortung tragen.

Der Nationaltrainer spricht nicht. Dürfen wir hoffen, dass er in der Sekunde des Schlusspfiffs zurückgetreten ist?

Das erste Mal nach 60 Jahren eine WM ohne Italien. Wie bitter. Zuschauen, wie die anderen das große Ding drehen. Wie enttäuschend. Und doch: Es passiert nicht nur im Fußball. Heute verpassen die Azzurri den Zug nach Russland. Und übermorgen, im Frühling, wenn endlich gewählt wird, verpasst womöglich das Land den Anschluss an Europa. Wenn es den Populisten übergeben wird, einem Grillo, einem Salvini, einem Berlusconi. Männern ohne Strategie, ohne Plan – und, was man dem unglücklichen Signor Ventura nun wirklich nicht vorwerfen kann, auch noch ohne Moral.

Die Nationalmannschaft war diesmal schlicht nicht besser als ihr Land. Und das ist eigentlich am allerbittersten.

Mamma mia.

Keine Spielidee. Keine Energie. Kein Selbstvertrauen. Nur eine elende Durchwurschtelei, ein Sich-Vorbeimogeln-Wollen und Bei-Sich-Selbst-Verharren. Eine Mannschaft, in der keiner Verantwortung übernimmt. Eine Mannschaft, die ihrem Land den Spiegel vorhält. 3-5-2 oder 4-4-2, es ist wie mit dem Wahlgesetz: Die Formeln bringen den Karren auch nicht weiter, wenn ihn niemand wirklich ziehen will. Und der Trainer gibt dem Schiedsrichter die Schuld.

Italien verliert in Schweden 0:1. Und das ist vielleicht erst der Anfang.

Arrivederci Maestro

Pirlo hört auf! Keine Sensation natürlich, mit 38 Jahren und ziemlich kaputten Knien. Die spannende Frage jetzt: Was macht er? Fußballtrainer? Winzer? Schauspieler (mit genau einem Gesichtsausdruck, aber da wäre er ja nicht der einzige)?

Wir werden sehen. Hier einstweilen eine kleine Würdigung.

Ein Welt-Fußballer, verehrt von allen, die den Fußball lieben. Eine Ausnahme-Erscheinung, ein Hochbegabter des Spiels, imstande, das Gefühl zu vermitteln, Fußball sei eine Kunst und Pirlo selbst darin der große Abstrakte. Stets wirkte er zeitlos, mehr noch: aus der Zeit gefallen. Moden und Mätzchen überließ er anderen, er hatte Stil. Im vulgären, lauten Zirkus des Fußballs zelebrierte er das Understatement, die Stille; im allgemeinen Gerenne und Getrete nahm er Tempo aus dem Spiel, bis es in seinem gewünschten Takt tickte. Denn Pirlo war nicht besonders schnell, er konnte nicht dribbeln, akrobatische Einlagen waren erst recht nicht sein Ding und höchst selten gelang ihm mal ein Tor aus dem Spiel heraus. Der ruhende Ball, Freistöße und Ecken waren seine Spezialität, bloß nichts Unberechenbares und bitte keine Hektik und kein Gewusel. Wenn es so weit war, wenn der Ball ruhig lag und auf Pirlos Schuss wartete, hätte man in den lautesten Stadien der Welt eine Stecknadel fallen hören können.

Seine Freistoßtore waren Legion. Traf er, so blieb sein Gesicht genauso ausdruckslos wie zuvor beim Schuss. Ein immer etwas bleiches Gesicht, in das der Weltekel gemalt schien. Ein wild wuchernder Bart, der Gesamteindruck irgendwo zwischen Räuber Hotzenplotz und dem Christus von Mantegna. Die Miene konzentriert, ernsthaft, fast düster.Und wenn dann doch einmal ein knappes Lächeln darüber irrlichterte, so wirkte das fast schon verstörend. Einen Wimpernschlag lang schien er dann die Kontrolle zu verlieren, länger nicht. Es war schon verrückt: Ausgerechnet in der riesigen Emotions-Spektakelmaschine Fussball wurde ein Italiener als Guru verehrt, der auf dem Platz kaum Gefühle zeigte. Sondern ein Höchstmass an Selbstbeherrschung.

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Ein Mann der Präzisionsarbeit, dieser Sohn eines Millionen schweren Stahlunternehmers aus der Provinz Brescia, der von sich sagte: „Schon als Kind wusste ich, dass ich besser Fußball spielen konnte als die anderen.“ Ununterbrochen schien er vor sich hin zu rechnen, die Räume auszutarieren, Winkel zu messen. Dann ein zentimetergenauer Pass. Oder ein Freistoß mit Magnus-Effekt, wenn der Ball im hohen Bogen zum Tor gedreht wurde. Darin war Pirlo unerreicht, er pflegte unerhörte, ungeheure, unhaltbare Freistöße zu drechseln, manchmal von lyrischer Langsamkeit, manchmal über hundert Stundenkilometer schnell. „Ich schieße, wie es dem Moment entspricht“, sagte er selbst. „Da berechne ich halt die Position der Mauer, den Winkel und dann geht’s los.“ Tore mit dem Geodreieck.

Pirlo hat alles gewonnen, die Weltmeisterschaft, die Champions League, nationale Meisterschaften sowieso. Nur keine persönlichen Auszeichnungen, nie war er Fußballer des Jahres, nie wurde er auch nur Juventus-Kapitän. Er war ja mehr, der Fixstern, die Sonne, um die die Mannschaft kreiste, manchmal auch ein Paganini in einem Orchester von Presslufthammern. Sehr wenige können das, die Partitur einer Partie lesen, die Einsätze geben, und im entscheidenden Moment selbst auch noch ein Solo hinlegen. Von seiner Kunst wird noch nach Generationen gesprochen werden, ungeachtet der Resultate, denn nichts war Pirlo weniger als ein Symbol italienischen Effizienzfußballs. Niederlagen und Skandale pflegten an ihm abzuperlen, ganz so, als überstrahle sein Talent mühelos alle Niedrigkeiten. Sie nannten ihn „Architekt“ oder „stiller Anführer“, für viele war er einfach nur genial. Und für Gigi Buffon, seinen alten Weggefährten in der Squadra Azzurra, war Andrea Pirlo sogar ein Beweis für die Existenz Gottes. So hat es Buffon einmal flapsig gesagt, um dann ziemlich ernst hinzuzufügen: „Sein Können macht uns verlegen.“

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„Ein Spieler, um den die Welt uns beneidet“, brüstete sich die „Gazzetta dello Sport.“ Er war nicht schnell, er war nicht schön, er war nicht groß. Er hatte noch nicht mal gerade Beine, nie eine Frisur, nur Haare. Aber er schaffte es, etwas zu sein, was alle so gern wären: Rätselhaft. Geheimnisvoll. Cool. Pirlos unerreichte Coolness war in der Tat spezifisch italienisch, sie entsprang der Suche nach persönlicher Perfektion im Bewusstsein ihrer Vergeblichkeit. Auch als Meister seines Fachs zu wissen, dass die Möglichkeit des Scheiterns allgegenwärtig ist. Der Zufall kann entscheiden, die Tagesform, so ist das Leben. Italien ist ein Land, das den größten Kunstschatz der Welt unter Dauerbedrohung einer feindlichen, unberechenbaren Natur geschaffen hat. Vulkanausbrüche, Überschwemmungen, Erdbeben – alle Schönheit in der atemberaubend schönen Heimat des Andrea Pirlo ist fragil. Alle Berechnungen, alles Streben können müßig sein, zunichtegemacht in einem Wimpernschlag von einem Abwehrspieler, der nicht richtig steht, einem Schiedsrichter, der nicht richtig pfeift oder einem Gegenspieler, der beißt. Pirlo war also die perfekte Inkarnation jenes genio italico, der die Widrigkeiten durch seine Geistesblitze zu überwinden sucht.

Immer umwehte ihn eine gewisse Melancholie, die Brüchigkeit des Erfolgs. Genau das aber brachte ihm überall Verehrung ein. Denn Sieger können banal sein, Pirlo aber verhieß eine andere Dimension. Die Leute wollten Pirlo nicht unbedingt gewinnen oder verlieren sehen, sie wollten ihn einfach spielen sehen. Dabei sein, wenn er über den Platz schlich und schlenzte, wenn er mit dem Fußrücken seine „Aufzug“-Freistöße schraubte, die steil nach oben zogen, um dann gnadenlos nach unten zu fallen. Zuschauen, wie dieser Mann einen präzisen Ball nach dem anderen setzte, die Haltung dabei so schlaff, als wäre er am liebsten zu Hause geblieben. In Wirklichkeit barg diese vordergründige Lässigkeit höchste Konzentration. Pirlo spielte Fußball wie andere Schach.