Die Parallelaktion

Wie es aussieht, bin ich genau zum richtigen Zeitpunkt aus dem Sportjournalismus ausgestiegen. Wen interessiert denn jetzt noch die schon vor Ausbruch der C-Krise gründlich heruntergewirtschaftete Serie A? Wer will angesichts der Tragödie in England die Spieler der Premier League laufen sehen, allen Ernstes angehalten, sich nach einem Tor nicht zu umarmen und nicht in der Gegend herum zu spucken – als wenn das ein wirksamer Schutz wäre? Und wer genießt wirklich unbeschwert vor dem Fernseher die Begegnungen der Bundesliga in leeren Stadien?

Früher pflegte ich Leuten, die mir auf die Antwort nach der Berufsfrage ins Gesicht sagten: „Sport interessiert mich nicht“, zu erklären: „Fußball ist kein Sport, sondern eine Industrie.“ Inzwischen gibt sich niemand mehr die Mühe, das zu kaschieren. In Deutschland bringen sie das Arbeitsplätzeargument, in Italien geht es eher um den Frust von Cristiano Ronaldo, der nur im eigenen Garten spielen darf. Alle bis auf CR7 haben natürlich Angst vor der Pleite. Mit dem Fußball ist es wie mit der Luftfahrt, es handelt sich gerade um einen Hochrisikobetrieb. Aber der Fußball meint, auch ohne Passagiere auskommen zu können. Die C-Krise offenbart, dass Stadionzuschauer allerhöchstens eine nette Dreingabe sind, auf die man im Notfall verzichten kann. Solange die Fernsehgelder fließen. Und die Wetten laufen.

Wenn man den Uefa-Präsidenten hört, kann man sich gruseln über soviel Zynismus: „Die Wiedereröffnung der Bundesliga ist eine tolle Nachricht. Das bringt wieder Optimismus in das Leben der Menschen und ist ein Beispiel für uns alle.“  In England, Frankreich, Spanien und Italien, sogar in Deutschland wird weiter an Covid-19 gestorben. Die Zahl der Opfer geht in vielen Ländern in die Zehntausende. Unbeirrt wird an einer Parallelwelt festgehalten, in der manche Europäer auf ihrem Recht auf Fußball und auf ihrem Anspruch auf Strandurlaub am Mittelmeer festhalten. Sollen die anderen sterben, wir müssen uns amüsieren. Das Pay-TV-Abo ist schließlich bezahlt.

Nachdem in Deutschland grünes Licht gegeben wurde, wollen auch die italienischen Funktionäre wieder den Ball rollen lassen. Natürlich in leeren Stadien, aber in welchen? Bis frühestens Anfang Juni gilt hier das Verbot, von einer Region in die andere zu reisen – auch für Fußballmannschaften. Ausnahmen können nur für dringende Arbeitseinsätze gemacht werden. Aber ist ein Fußballspiel wirklich ein dringender Arbeitseinsatz?

Zurzeit sind zehn Spieler positiv, sechs bei der Fiorentina und vier bei Sampdoria. Wer glaubt, dass die jungen, durchtrainierten Männer das Virus locker wegstecken, sollte mal bei Juves Paulo Dybala nachfragen. Der 26-Jährige hat sechs Wochen gebraucht, um wieder gesund zu werden. Beim Fußball Körperkontakt zu vermeiden, ist unmöglich. Wer Fußballspiele zulässt, übernimmt die Verantwortung dafür, wenn die Beteiligten sich infizieren. Offenbar sind Profis tatsächlich moderne Gladiatoren. Man nimmt in Kauf, dass sie erkranken und dass dann eine ganze Mannschaft in Quarantäne muss. Nicht alle Profis in Italien wollen das alles riskieren. In Bergamo sagen das einige auch laut: Sie halten es für undenkbar, Fußball zu spielen, ehe die Seuche nicht besiegt ist. In Norditalien warten hunderte von Angehörigen noch immer darauf, dass ihnen die Urnen mit der Asche ihrer an Covid verstorbenen Lieben ausgehändigt werden.

Und das Publikum? Lässt es sich denn wirklich alles gefallen, Hauptsache, man guckt wieder Dortmund gegen Schalke? Und die JournalistInnen? Sollen Interviews führen wie an normalen Spieltagen? Das Produkt einfach so weiter verkaufen wie bisher? So tun, als sei das alles in Ordnung? Mit Maske am Spielfeldrand.

Vielleicht geht das Zeitalter des Profifußballs ja gerade zu Ende.

Und vielleicht ist das auch ganz in Ordnung so.

Benaltrismo

Es gibt im Italienischen eine Wortschöpfung, die im Moment ungefähr so beliebt ist wie das deutsche „systemrelevant“ – und ebenso absurd. Benaltrismo klingt nur viel besser, da liegt Melodie drin, es ist wirklich ein musikalisches Wort. Es bedeutet: Da gibt es aber wirklich andere Probleme. Ben altri problemi!

Traditionell fallen in diese Kategorie der Feminismus, die Rechte von Minderheiten, die Würde von Flüchtlingen und der Umweltschutz. Für Gerhard Schröder, einen der Bannerträger des Benaltrismo, war nur ersteres „Gedöns“, quasi als niedersächsische Variante des B.A.. Aber Schröder verhielt sich zu den Populisten, die heute die transnationale Partei des Benaltrismo bilden, ja auch wie Hannover zu Rio de Janeiro.

Im Windschatten von Miss Corona erobert der B.A. gerade die Welt, auf eine Weise, die man Atem beraubend nennen müsste, wenn das nicht in diesem Zusammenhang nicht  zynisch klingen müsste. Aber die Wahrheit ist: der Benaltrismo hat uns fest im Griff. Er ist plötzlich systemrelevant.

Frauen verschwinden aus der Öffentlichkeit und machen im Home Office mehr Home als Office? Na, da gibt es doch ganz andere Probleme. Die Bürgerrechte werden in vielen Staaten massiv eingeschränkt, bis hin zum Hausarrest und Spaniens und Italiens Kinder dürfen Monate lang nicht vor die Tür? Ben altri problemi. Flüchtlinge müssen auch verstehen, dass wir, genau, jetzt wirklich mal andere Sorgen haben. Und Umweltschützer müssten sowieso zufrieden sein, oder? Kein Flugverkehr, kaum Autoverkehr, Schiffe bleiben auch im Hafen. Die Erde erholt sich von uns, liest man ja überall. Fridays for Future sind nicht nur verboten, sondern überflüssig.

Bis vor drei Monaten war man als umweltbewusster Europäer zum Beispiel davon besessen, Plastikmüll zu vermeiden. Die Zeitungen waren voll mit Geschichten über Modellfamilien, die überhaupt keinen Verpackungsmüll verusachten oder mit Artikeln über Geschäfte, die Nudeln ohne Karton verkauften. Familienintern gab es da sogar mal einen Wettbewerb: wer produziert weniger Plastikabfall in einer Woche?

Dazu hier ein Archivbild:

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Damals konnte man mit dieser Ausbeute keinen Blumentopf gewinnen. Und heute?

Haben wir ganz andere Probleme als Plastikteile in Walmägen oder in den Weltmeeren. Nach Südostasien, wo der meiste Dreck herumschwimmt, können wir doch sowieso nicht fahren! Plastik triumphiert, denn es schützt vor Ansteckung. Vor dem Supermarkt werden Plastikhandschuhe verteilt, ohne kommt man gar nicht mehr hinein. Ebenso vor Buchhandlungen, wobei die Bücher auch in Plastik verschweißt sind. Plexiglas soll uns demnächst in den Restaurants voneinander abtrennen, vielleicht auch im Flugzeug.

Plastikhandschuhe braucht man, um demnächst wieder in öffentliche Verkehrsmittel zu steigen – zusätzlich zu den Masken. Weil Busse, Bahnen und Metros aber sehr viel weniger Passagiere transportieren dürfen, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten, werden die Allermeisten ins Auto steigen. Der Himmel über Mailand, Rom und Neapel, momentan so klar wie zuletzt 1870, wird mit Abgasen geschwängert sein wie noch nie. Zwar haben die Stadtverwaltungen in Mailand und Rom neue Instant-Radwege versprochen, die flüchtig aufgepinselt werden oder mit Absperrband kreiert. Sehr löblich, nur wird das leider den Pendlern wenig helfen. Die Pendler werden aus Angst, sich im Zug anzustecken, mit dem Auto fahren. Sehr viel mehr als sonst werden das tun. Und das Resultat wird verheerend sein, ein richtiger Bumerang-Effekt.

Auch im Konsumverhalten ist Umweltschutz gerade Gedöns. In Italien sind wir polizeilich angewiesen, nur den nächstgelegenen Supermarkt zu besuchen, bzw. nur die Geschäfte im eigenen Dorf. Bioläden? Pustekuchen. Ben altri problemi. In meinem Ort verkaufen die Tante-Emma-Läden ausschließlich Käfigeier. Die sind zwar EU-weit seit zehn Jahren verboten, aber Italien bezahlt eine Strafe und lässt die armen Legehennen lustig weiter im Knast. Kommt billiger.

Da steht man dann im Laden und fühlt sich wahnsinnig Radical Chic, weil man nach Bioeiern gefragt hat. Der Händler verzichtet diese Woche schon auf Maske und Handschuhe, obwohl es im Nachbardorf zwei Covid-19-Tote gibt. Eben dieses Nachbardorf  ist zurzeit das bestgetestete in Italien. 1900 Einwohner, 1900 Tests, 29 Noch-Infizierte, vier im Krankenhaus, der ganze Ort nach wie vor Zona Rossa, also durch Polizeiposten hermetisch abgeriegelt. Kann man angesichts dieser Lage einen Gedanken an Legehennen verschwenden? Eben.

Und so trollt man sich, beladen mit jeder Menge künftigem Verpackungsmüll, nach Hause, immer schön am rechten Straßenrand laufend, weil die vielen Amazon-Transporter wirklich einen heißen Reifen fahren.

Es gibt halt wirklich andere Probleme.

 

 

Von der Substanz

Wer in diesen Wochen keinen wirklich schlimmen Verlust beklagen musste oder existenzielle Sorgen um seinen Job hat, der durfte immerhin lernen, dass das meiste in unserem Leben ziemlich überflüssig ist. Die nächste Urlaubsreise, neue Klamotten, das letzte Smartphone: who cares, brauchen wir doch eigentlich gar nicht. Man kann wunderbar zwei Monate ohne Friseur leben (sorry, liebe FriseurInnen), ohne Restaurantbesuch (nochmal sorry), man kann sogar auf das Gartencenter verzichten und sich die Tomaten aus der Samentüte heranziehen. Wirklich fehlen können uns Menschen. Freunde und Familienangehörige vor allem, die wir in diesen Zeiten nicht sehen dürfen.

Ganz unabhängig von der dräuenden Wirtschaftskrise, die jetzt bergauf und bergab  herbeizitiert wird, könnten wir also durchaus auch in Zukunft dazu neigen, weniger zu konsumieren. Aus Gewohnheit. Vor allem aber, weil wir schlicht weniger Geld haben. Wir alle sind betroffen. Ja, sogar wir Schreiberlinge. Auch wenn man darüber wenig hört und liest. Wen interessiert es, dass Journalistinnen über Jahre und Jahrzehnte ganz selbstverständlich Kinderbetreuung und Home office miteinander vereinbaren müssen, auch und besonders an Sonntagen, Weihnachten und Ostern? Dass es mittlerweile in vielen Zeitungsredaktionen Kurzarbeit gibt, auch bei der ZEIT, obwohl dort gerade so viele Abos verkauft werden wie noch nie? Dass Autoren um die Zukunft ihrer Verlage bangen, weil der Absatz fast aller Frühjahrs-Neuerscheinungen bei Null liegt? Eben, es gibt wirklich andere und größere Probleme.

Aber ich war beim Konsum stehen geblieben. Und da könnte man doch mal leise fragen: Wer soll eigentlich die neuen Autos kaufen, die jetzt ganz dringend wieder produziert werden müssen? Wer die nächste Flugreise bei der jetzt ganz dringend stützenswerten Lufthansa (vom Milliardengrab Alitalia ganz zu schweigen)? Wer soll als Touristin die Strände Apuliens bevölkern oder Venedigs Gassen verstopfen? Und wer sich im Restaurant des Fernsehkochs auf die Warteliste setzen lassen?

Noch wird uns vorgegaukelt, die Krise sei vorübergehend und durch beherzte Regierungsanweisungen zu stoppen. Aber zum Wirtschaften gehören zwei, der Produzent und der Konsument, die Verkäuferin und die Kundin. Ob letztere jetzt wie auf Knopfdruck wieder fleißig ihren Konsumpflichten nachkommen wollen, muss man erst noch sehen. Von welchem Geld übrigens?

A propos Experten: Krasser Überschriftenfehler bei Spiegel Online. Herr Watzke hat selbstverständlich gemeint, der Schulstart wäre ein Qualitätszeugnis für die Deutschen. Oder müssen wir uns in diesen Zeiten tatsächlich Sorgen um Fußballer machen? 13 Prozent der Profis neigen angeblich gerade zu Depressionen. Eine lächerliche Zahl, gemessen an der Gesamtbevölkerung.

Triumph der Bürokratie

Ja, es wird langsam langweilig, über den italienischen Lockdown zu lesen. Noch langweiliger ist es, über ihn zu schreiben. Und noch viel langweiliger ist es, in ihm zu leben. Seit zwei Monaten bewegt sich: nichts. Außer einer gewaltigen Menge von Polizisten, die uns dankenswerterweise an jeder Straßenecke kontrollieren geduldig befragen, warum wir unsere Behausung verlassen haben und uns anschließend, je nach Laune, mit erhobener Augenbraue laufen lassen, mit erhobenem Zeigefinger wieder nach Hause schicken oder uns 280 Euro aufwärts für unseren Ungehorsam abknöpfen. Offenbar sind diese Bußgelder derzeit eine wichtige Einnahmequelle für den italienischen Staat.

Vergangenen Freitag durfte ich im 1. Programm des staatlichen Radios sprechen, es ging um die Finanzhilfen der EU. Ich kam dran zwischen EU-Wirtschaftskommissar Gentiloni und dem Lega-Fraktionsführer in der Abgeordnetenkammer, dessen Namen man sich hoffentlich nicht merken muss. Gentiloni war wie immer sehr europäisch und zweckoptimistisch. Nach ihm kamen einige Hörerstimmen, die sehr aufgebracht klangen und sich über Frau Merkel empörten, als sei sie alleinverantwortlich für die Ausbreitung des Corona-Virus, die drohende Pleitewelle und den Stillstand der Serie A. Für die frühe Morgenstunde war erstaunlich viel Testosteron im Spiel. Ich wies darauf hin, dass Deutschland gar nicht allein über das EU-Wiederaufbauprogramm entscheide und Frau Merkel schon mal gar nicht. Man kann das nicht oft und deutlich genug sagen, weil hier sehr viele Medien und Politiker genau das Gegenteil behaupten. Ich erklärte außerdem, das Geld sei da und das Programm beschlossen. Es gehe jetzt darum, wie es ausgegeben und verteilt würde, dazu seien Verhandlungen vorgesehen, alles ziemlich normal. Wenn ich live im italienischen Radio sprechen muss (hermetisch geschlossene Fenster wegen der Esel), neige ich zum merkeln. Das ist eine neue Erkenntnis. Dann sagte ich aber noch, Herr Conte habe gut daran getan,  im deutschen Fernsehen und in einigen großen Zeitungen vorstellig zu werden, denn die letzten starken Bilder, die die deutsche Öffentlichkeit vor Corona aus Italien gesehen habe, beträfen Flüchtlingsschiffe, die Abführung von Carola Rackete und den damaligen Vizepremier Salvini, der mit nacktem Oberkörper aus einem Strandbad gegen die Flüchtlinge und Frau Rackete hetzte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Merkel-Phase schon wieder überwunden. Dann war auch schon der Lega-Mann dran. Ich hörte noch, wie er nach Luft schnappte, bevor sich eine freundliche Redakteurin von mir verabschiedete und ich aus der Leitung flog.

Vergangenen Samstag feierte Italien den Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Nationalsozialismus. Das ist der Tag, den mein Mann seit 28 Jahren mit den Worten einleitet, ganz Italien sei von den Deutschen befreit, außer ihm. Die Sonne schien und an unserem Grundstück spazierten zwei ungefähr Zwölfjährige Jungs vorbei. Exakt 90 Minuten später kam ein Polizeiauto (die Straße ist ein besserer Feldweg). Die Jungen wurden angehalten, es folgte eine Befragung, sie wurden nach Hause geschickt. Ein Bußgeld setzte es nicht. Geht das überhaupt, bei Minderjährigen? Oder müssen für sie die Eltern bezahlen, wenn sie sich weiter als 200 Meter von zu Hause entfernen, in einem Dorf mit 1000 Einwohnern und null positiv Getesteten? In der gesamten Region Umbrien sind heute 371 Menschen positiv, darunter zwei Neuansteckungen vom Tage. Seit Wochen geht hier keiner ohne Maske auf die Straße.

Gestern, Sonntag, sprach Ministerpräsident Conte im Fernsehen. Mit der Miene eines Onkels, der ein großes Geschenk überreicht, versprach er neue Freiheiten ab dem 4. Mai. Es sei dann erlaubt, Sport im Freien zu treiben, auch außerhalb der 200-Meter-Zone. Man dürfe Verwandte besuchen, die in derselben Region wohnten, müsse aber dabei eine Maske tragen (und die Verwandten natürlich auch). Von Freunden war nicht die Rede. Von etwaigen Liebsten auch nicht. In Corona-Zeiten muss man verheiratet sein oder zumindest zusammen leben, sonst darf man nicht zueinander. Trauerfeiern sind erlaubt (max. 15 Personen). Messen nicht. Die Parks werden wieder geöffnet, für Spielplätze gilt ein Numerus Clausus. Die meisten Geschäfte bleiben weiter geschlossen, Friseursalons, Bars und Restaurants sowieso.

Das größte Geschenk aber macht Onkel Conte den Bürokraten, denn man braucht, um in den Genuss all‘ der neuen Freiheiten zu kommen, weiter eine Autocertificazione.

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Also ein Formblatt, das man sich von der Webseite des Innenministeriums herunterlädt und auf dem man neben den eigenen Daten einen triftigen Grund angibt, warum man das Haus verlässt. Das Formblatt wird bei Polizeikontrollen einbehalten, beim nächsten Freigang muss ein neues ausgefüllt werden.

Es ist der Triumph der Bürokratie in einem Land, das eine Pandemie in vorderster Front von der Polizei bekämpfen lässt. Wobei betont werden muss: Die Innenministerin ist dagegen. Sie findet offenbar, zwei Monate Formblatt-Sammeln reichten, ihre Polizisten hätten jetzt Wichtigeres zu tun. Ich frage mich, was eigentlich aus den Millionen von  einegsammelten Formblättern wird. Werden die aufbewahrt? Kommen die in die Papiertonne? Benutzt die Polizei die leere Rückseite für Notizen?

Die Task Force (so heißt hier das Beratergremium) der Regierung macht sich schon Gedanken über die Öffnung der Strände. Man soll sich über eine App anmelden und erklären, wo genau man seinen Sonnenschirm abstellt. Wir sind ein Volk unmündiger Kinder, die zum Abstandhalten mühsam erzogen werden müssen.

Am wasserfesten Formblatt wird deshalb noch gearbeitet.

 

 

 

Risiko-Gemüse

Schon klar, man soll nicht zuviel davon essen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (Ja! Gibt es! Leute, die für uns die Risiken einschätzen. Danke!) rät vom regelmäßigen Verzehr von Borretsch ab. Die Pflanze enthalte Pyrrolizidinalkaloide und die seien auf Dauer gefährlich für die Leber.

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Kurz habe ich mit dem Gedanken gespielt, bei den Risikobewertern anzurufen, um mir das ganz genau erklären zu lassen. Setzt ein Stück Borretschkuchen meiner Leber schlimmer zu als ein Glas Schnaps? Oder gar als zwei Schnäpse? Aber als ich gesehen habe, was da heute außer Borretsch auf dem Programm steht, verzichtete ich auf den Anruf. Geflügelpest! Bakterienverseuchter Salat durch aufbereitetes Gießwasser! Gesundheitliche Risiken durch hohe Gehalte an 3-MCPD- und Glycidyl-Fettsäureestern! Alles nur eventuell, aber immerhin. Fettsäureestern sind übrigens kein Schreibfehler, sondern etwas viel, viel Schlimmeres. Mein Respekt vor den Risikobewertern ist nach dem Besuch ihrer Instituts-Homepage ins Uferlose gewachsen. Man ahnt ja gar nicht, wovor die uns alles schützen!

Aber zurück zum Gemüse. Für alle, die heute auf ihre Schnäpse verzichten mögen, zwei schnelle Rezepte aus der Wildgemüseküche.

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Das erste ist gar kein Rezept, sondern nur ein Deko-Vorschlag. Ricotta (oder Quark) mit Salz und Pfeffer würzen, Borretschblumen drauf, und schon isst das Auge mit!

Auch nicht viel schwieriger ist Zubereitung Nummer zwei für den Kuchen mit Ricotta (oder Frischkäse) und Borretsch.

Dazu einen Hefe- oder Mürbeteig herstellen (bei mir aus 300g Mehl für eine Springform mit 28cm Durchmesser). 500g Borretschblätter in kochendem Salzwasser höchstens fünf Minuten lang kochen, dann kalt abschrecken und fein hacken. Mit 500g Ricotta und zwei Eiern mischen. Salzen, Pfeffern, evtl. Muskatnuss. 30 Minuten in den Ofen – fertig.

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Mit der gleichen Mischung kann man auch Ravioli füllen (geschieht in Ligurien).

Buon appetito!

 

 

Unter Dachsen

Ein alter Traum von mir ist es, ein Buch über Dachse zu schreiben. Dachse gehören in die Kategorie der chronisch unterschätzten Tiere. Sie stehen ewig in zweiter Reihe, so wie der Esel hinter dem Pferd und die Ente hinter dem Huhn. Der Fuchs ist sagenhaft schlau, der Dachs ist… ja, was eigentlich? Man weiß so wenig über ihn. Dabei ist er doch ein wirklich markant aussehendes Geschöpf.

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Sodoma verhält sich zu Signorelli ja auch ein wenig wie der Dachs zum Fuchs. Der erste gilt als attraktiver Sonderling, der zweite als einer der ganz großen Stars der Kunstgeschichte. In Monte Oliveto Maggiore sprang Sodoma als Ersatz für Signorelli ein, als dieser einen besseren Job gefunden hatte als die Auspinselei eines Kreuzganges in der toskanischen Provinz. Prompt malte die zweite Wahl Sodoma überall Dachse ins Gewölbe. Der Schwarzweiße auf diesem Fresko trägt ein rotes Halsband, ein Hinweis darauf, dass Dachse in früheren Zeiten gezähmt wurden, etwa um Jagd auf Füchse zu machen. Ganz sicher waren sie kein Schoßhund-Ersatz. Denn Dachse stinken. Wie alle Marder setzten sie ihre Drüsensäfte großzügig zum Markieren und zur Selbstverteidigung ein. Auf diesem Fresko scharen sie sich indes sehr zutraulich um einen jungen Mann, der Sodomas Züge trägt. In seinem Haus in Siena umgab sich der Künstler, der eigentlich Giovanni Antonio Bazzi hieß, außer mit Dachsen auch mit Affen, Papageien und Rabenvögeln. Ihm ist es zu verdanken, dass Meles Meles seinen Auftritt in der Welt der Kunst bekam.

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Wir leben ebenfalls mit Dachsen, allerdings nicht unter einem Dach. Die Tiere stehen auch in Italien unter Schutz und sollen schön draußen bleiben. Wie viele es sind, wissen wir nicht genau, aber fast jeden Abend können wir sie hören, wenn sie im Olivenhain Wurzeln ausgraben oder gleich neben dem Haus laut schmatzend irgendwelche Kleintiere verzehren. Dachse essen besonders gern Regenwürmer, aber auch Käfer und Mäuse (die unsere verwöhnten Katzen liegen lassen). Zur Not geht auch Gemüse. Als die Kinder klein waren, schickte ich sie mit den Obst- und Gemüseabfällen zum Komposthaufen, etwa 100 Meter vom Haus entfernt. Ich sagte nicht: „Wirf das Zeug auf den Kompost“, sondern: „Bringe es bitte dem Dachs.“ Das fanden sie gleich viel interessanter.

Heute morgen habe ich dann gesehen, dass das mit dem Dachs und dem Kompost durchaus keine Erfindung war. Denn direkt neben dem Gemüseabfallhaufen auf der Grenze zwischen Olivenhain und Wald, sah ich das hier:

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Der große Baumeister hat gebuddelt. Und wie! Der Dachs gräbt sich ja nicht einfach ein Loch, sondern konstruiert komplizierte Wohnhöhlen, die aus Dutzenden von „Kammern“ bestehen können. Füchse sind als Untermieter willkommen. In Mecklenburg wurde eine weitläufige Höhle entdeckt, die sagenhafte 10.000 Jahre von Dachsen bewohnt gewesen sein soll. Forscher entnahmen das den Knochen-Funden von Beutetieren, die schon seit Urzeiten ausgestorben sind.

Was das Bauwerk auf unserem Grundstück angeht, könnte es sich um zwei neue Ausgänge jener Dachshöhle handeln, deren „Haupteingang“ ungefähr 150 Meter weiter hangaufwärts liegt. Für einen Dachs keine Entfernun, die buddeln ja locker kilometerlange Tunnel. Der neue Höhleneingang ist malerisch mit Efeu umrahmt. Schöner Wohnen bei Signore Tasso.

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Einmal bin ich sogar fast mit ihm zusammen gestoßen. Es war am Hoftor. Ich kam gerade von einem Spaziergang nach Hause, als der Dachs hektisch schnaubend die Wurzeln unter dem Kirschbaum inspizierte. Als er mich bemerkte, protestierte er. Es hörte sich wirklich an wie beleidigtes Schimpfen! Erst nach einer halben Minute drehte er mir sein breites Hinterteil zu und drehte ab.

Meine Nachbarn, der Dachs, ist ein knorriger Typ.

Die Liebe in Zeiten von Corona

Es sind schlechte Zeiten für die Wirtschaft, aber darüber sollen sich andere verbreiten. Tun sie ja auch zu Genüge (wobei die meisten davon ausgehen, dass wir KonsumentInnen nachher willig konsumieren wie vorher. Ich bin mir da nicht so sicher, weil ich gerade vor allem lerne, was ich alles NICHT brauche.)

Es sind schlechte Zeiten für die Liebe. Für jene, die jetzt einen geliebten Menschen verlieren, ohne sich von ihm verabschieden zu können. Das ist das Schlimmste. Aber dann gibt es auch die vielen Liebenden, die sich nicht sehen können. Junge Leute mt ihren Fernbeziehungen, oft in zwei verschiedenen Ländern. Die Generation Erasmus, Heerscharen von Europäern, die bis gestern noch der Arbeit oder der Liebe wegen ins Flugzeug stiegen wie weiland ihre Großeltern in die Straßenbahn. Für sie ist die Liebe jetzt wie eingefroren auf dem kalt leuchtenden Rechteck des Smartphones oder des Computers. Enttäuschend wie diese verheißungsvoll glitzernden Schmetterlinge auf einer Mauer in Rom: Pures Plastik.

 

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Und dann gibt es tatsächlich zwei, die sich finden. Auf Distanz, von Balkon zu Balkon, in Verona.

Verona. Balkon. Da war doch mal was.

„But soft! What light through yonder window breaks? It ist the east and Juliet is the sun! Arise, fair sun, and kill the envious moon, who is already sick and pale with grief.“

Hier spricht ein gewisser Romeo Montague, der widerrechtlich im Garten der Familie Capulet herumlungert, um einen Blick, ein Wort und einen Kuss seiner angebeteten Julia zu erhaschen.

„With love’s light wings did I o’er perch this walls; for stony limits cannot hold love out.“

Michele D’Alpaos formuliert das etwas schlichter. Er hat auf seiner Terrasse ein Bettlaken mit dem aufgepinselten Namen „Paola“ montiert. Paola ist seine Nachbarin. Sie wohnt im sechsten Stock der Via Cimarosa 8 in Verona und Michele wohnt im siebten Stock in der Via Cimarosa 9. Michele ist 38 Jahre alt, Bankangestellter. Paola ist 39 Jahre alt und Rechtsanwältin. Jahrzehntelang sind sie einander nicht aufgefallen. Aber dann kommt der 17. März, die Ausgangssperre, ein Balkonkonzert. Paolas Schwester spielt auf ihrer Geige „We are the Champions“ von Queen. Michele hört zu. Und sieht Paola, neben ihrer Schwester. Er macht sie auf Instagram ausfindig – und so fängt es an: „Wir telefonieren zehn Mal am Tag und schauen uns über Stunden einfach nur an, von Balkon zu Balkon.“ Mehr sei noch nicht gewesen, schwören beide. Die Kontaktsperre!

„Nie hätte ich gedacht, in solch einer Situation so starke Gefühle empfinden zu können“, sagt sie. Dabei ist verbotene Liebe doch ein Klassiker. Nachschlagen bei Shakespeare: Nachts schläft in Verona auch die Polizei.

 

 

 

Esel in Quarantäne

Unser Esel Nando ist am 11.11.11 geboren. Ein echter Karnevalsprinz also. Aber Nando weiß natürlich nichts von Karneval. Er kennt keine fünf Jahreszeiten, sondern nur trocken und nass, warm und kalt, Heu und Karotte. Nando ist ein ziemlich schüchterner, mittelmäßig störrischer Esel. Dass wir ihn nach Nando Mericoni benannt haben, den Protagonisten des Kult-Films „Un Americano a Roma“, ist ein Witz. Unser Nando ist keine Knalltüte wie Mericoni, sondern für einen Eselhengst unglaublich sanft. Ich sage jetzt nicht: verträumt, weil das eine Unterstellung wäre.

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In der Fünfer-Herde geht Nando immer ein bisschen unter, weil er sich nicht so nach vorn drängelt wie seine Verwandtschaft. Dafür ist er nachts am lautesten. Jedesmal, wenn ein Wildschwein oder ein Stachelschwein in seine Nähe kommt, schreckt Nando aus seinem Schlaf auf und fängt empört an, zu trompeten. Daher weiß ich, dass das Nachtleben rund um die Eselwiesen aufregender ist als in den Movida-Vierteln von Rom. Anstatt Eselmilch zu produzieren, wie ahnungslose Städter-Freunde mir seit Jahren nahelegen, sollte ich endlich den Jagdschein machen und mich nachts mit einem Gewehr bei Nando verschanzen. Nein, ich habe kein Mitleid mit Wildschweinen. Stachelschweine würde ich natürlich laufen lassen. Die stehen unter Schutz, auch wenn sie als „umbrischer Kaviar“ gelten.

Zurück zu Nando. Und Auftritt Dottore Carlo. Das ist unser Tierarzt, vielmehr: Der Eselarzt. Das Kleinvieh hat einen anderen Doktor. Carlo, der Vet also, drahtig, alterslos, zu jeder Jahreszeit im T-Shirt, absolviert mit seiner mobilen Praxis täglich zwischen 300 und 400 Kilometern, hügelauf und hügelab. Er kommt immer, wenn man ihn ruft. Egal, ob Wochenende ist oder Weihnachten, Tag oder Nacht. Vor allem kommt er nach dem ersten Einsatz ungefragt nochmal wieder, um zu kontrollieren, ob es den Viechern besser geht. Der Mann ist der Beweis dafür, dass im Umgang mit Tieren vor allem Charisma zählt. Er tritt auf, und die Belegschaft wird ruhig. Keiner trompetet, keiner rennt weg, keiner wird ruppig. Wenn Carlo mein Hausarzt wäre, dann hätte ich ein sorgenfreies Leben. Aber als Eselarzt ist er natürlich auch schon mal sehr beruhigend.

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Nando, der Sanfte, hat entzündete Augen. Zum Glück nichts Schlimmes, sondern nur eine lokale Entzündung durch Spelzen im Heu. Also zehn Tage Antibiotikum und Augensalbe. Bei Nichtbehandlung kann so eine Spelze übrigens wirklich gefährlich werden, es droht sogar die Erblindung. Heute morgen sah es schon besser aus.

Forza, Nando!

 

Addio Maestro

Heute früh ist im Alter von 74 Jahren Gianni Mura gestorben. Sportreporter, Betrachter des Menschlichen, Kommentator der Zeitläufte, Schriftsteller und Gourmet.

Ein Mann von umfassender Bildung, gelassener Ironie und unbestechlicher Haltung. Mura konnte schreiben wie der Teufel und er tat es unbeirrt auf seiner uralten Olivetti-Schreibmaschine. Als ich ihn damit zum ersten Mal in San Siro auf der Pressetribüne sah – es muss im Winter 1999 gewesen sein – war er schon der Letzte seiner Art. Olivetti, Zigarette, dazu Wollpullover in wechselnden, undefinierbaren Farben, die im Sommer durch eine Fotografen-Weste ausgetauscht wurden.

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Mit dem Fußball verband ihn eine Hassliebe, aber zur Höchstform lief er beim Radsport auf. Hier ein paar Gedanken zu seinem 70., als er die soundsovielte Frankreich-Rundfahrt begleitet hatte.

Mura war ein grandioser Lebens-Erzähler, ein unermüdlicher, aber nie eifernder Journalist. Das Investigative lag ihm nicht, das Betrachtend-Analytische umso mehr. Jeden Sonntag erschien in „La Repubblica“ seine Kult-Kolumne: „Sieben Tage böser Gedanken“, dabei hatte dieser Mann gar keine bösen Gedanken, er wunderte sich höchstens über die der anderen. Männer (und sehr selten auch Frauen) aus Sport, Politik und Gesellschaft bekamen in dieser Kolumne ihr Fett weg. Denn eine Trennung zwischen dem Sport und dem Rest, die gab es für Gianni Mura nicht.

Er war uneitel bis zur Bescheidenheit. Man sah ihn nicht in Talkshows und schon gar nicht in jenen unsäglichen Fußball-Dummschwätz-Runden. Soziale Netzwerke: Null, naturalmente.

Ein Schreiber ist ein Schreiber ist ein Schreiber. Mura war ein Großer. Vielleicht war er der größte italienische Journalist.

 

Fitness-Park

Was ich in diesen crazy Zeiten immer wieder bewundere, ist die absolute Nonchalance, mit der in Rom zum Beispiel mal eben eine Fitness-Zone im Park eingerichtet wird. Die Stadt hat für sowas kein Geld? Na, dann fragen wir doch einfach im Viertel, wer seinen alten Hometrainer loswerden möchte. Das Ergebnis sieht dann so aus:

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Den Spielplatz dahinter hat dann doch Vater Staat bezahlt.