Rien ne va plus

Und jetzt bitte keine Panik auf der Titanic. So ungefähr beginnt mein Mann, der Professor, heute morgen seine Mails an besorgte StudentInnen. Seit Donnerstag sind die Unis geschlossen, seit heute früh ist quasi das ganze Land abgeriegelt – wobei das natürlich nicht stimmt, denn es wird noch gearbeitet. An der Uni (120.000 Studentinnen) mit Internet-Vorlesungen. Sprechstunden via Skype. Und vor allem: StudentInnen beruhigen. Wie zum Beispiel die junge Frau aus Pakistan, die von ihrer besorgten Familie die Order erhielt, aus dem verseuchten Italien sofort nach Hause zu reisen. Please don’t panic, schreibt mein Mann. Die Studentin ist ganz kurz vor ihrer Masterprüfung. Die auch stattfinden wird, mit Sicherheitsabstand, ohne das hier sonst übliche Publikum.

Please don’t panic, das ist das Gebot der Stunde. Obwohl es natürlich schon gespenstisch ist, wenn man so abgeriegelt wird. Theoretisch muss man schon begründen, wenn man seinen Heimatort verlässt – egal, wie groß der ist.

Eigentlich wollte ich morgen nach Deutschland fliegen, an meinen Heimatort. Natürlich gestrichen. Meine Eltern haben weniger Angst, von mir angesteckt zu werden als vor den Kommentaren der Nachbarn. Mein Bruder, der Death-Metal-Rocker, betreut beruflich alte, behinderte Menschen. Den dürfte ich sowieso nicht mal angucken. (Der andere ist Tischler). Ganz ehrlich, in meiner Kleinstadt würden sich vermutlich nicht allzu viele Leute über meine Anwesenheit freuen. Weil ich halt aus dem Seuchenland komme. Ich kann das verstehen.

So wie uns geht es jetzt gerade vielen. Die Kinder im Ausland, zum Studieren, in meinem Fall auch noch die Eltern. Es geht jetzt gerade nicht hin – und vor allem vielleicht nicht zurück. Und wir überlegen: Geht es eigentlich noch von Rom aufs Land? Laut Notverordnung nicht.

Ich wollte eigentlich nur ein paar Tage bleiben. Wenn ich jetzt zurück in die Stadt fahre – wann kann ich überhaupt wieder kommen? Die grundsätzlichere Frage wäre: Wieso soll ich eigentlich gerade jetzt weg von hier?

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Wenn schon zu Hause bleiben, dann lieber auf dem Land. Das Land ist immer offen, während in der Stadt alles geschlossen ist, was die Stadt ausmacht. Kino, Museen, Theater und jetzt sogar die Restaurants, ab 18 Uhr. Unser Freund Marco, der bei sich zu Hause mit seinem Projektor einen kleinen Kinofreunde-Kreis veranstaltet, hat für nächsten Montag auch schon alles gestrichen. Man darf arbeiten, sich aber nicht nach Dienstschluss versammeln, das ist die Ansage der Regierung. Sicher, irgendwann in den nächsten Tagen muss ich nach Rom, den Mann unterstützen. Aber heute wird erst mal der Gemüsegarten gepflügt.

Fitness-Park

Was ich in diesen crazy Zeiten immer wieder bewundere, ist die absolute Nonchalance, mit der in Rom zum Beispiel mal eben eine Fitness-Zone im Park eingerichtet wird. Die Stadt hat für sowas kein Geld? Na, dann fragen wir doch einfach im Viertel, wer seinen alten Hometrainer loswerden möchte. Das Ergebnis sieht dann so aus:

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Den Spielplatz dahinter hat dann doch Vater Staat bezahlt.

Italien-Corona 1:7

Das soll hier natürlich kein Corona-Blog werden, schließlich ist Italien mehr, viel mehr als ein Virus! Aber es ist wirklich ganz interessant zu sehen, was so eine Mords-Grippe innerhalb von einer Woche anrichten kann, ganz abgesehen von 650 positiv getesteten Menschen (Angabe Zivilschutz), die vielleicht auch nur 282 sind (Angabe zentrales Gesundheitsamt), von 17 Todesopfern (Angabe beide) und 45 Geheilten (dito).

Die Zahlenverwirrung zeigt schon: man ist sich über so gut wie nichts einig. Was man ja durchaus als Zeichen der Gesundung verstehen darf. So lange man hier diskutiert, gibt es Leben! Und so lange Matteo Salvini im Verein mit Matteo Renzi versucht, die Regierung zu stürzen, um ein Notfallkabinett aus dem populistischen Nährboden zu stampfen, wahrscheinlich auch. Aus der alten Volksweisheit „es regnet, die Regierung ist schuld“, wird gerade „Corona, die Regierung muss weg“, was ziemlich gut beweist, dass der Gesundheitszustand der italienischen Politik ziemlich unabhängig von chinesischen Viren Besorgnis erregend ist. Oder kann man sich in Deutschland einen Regionalpräsidenten vorstellen wie den Gouverneur Veneziens, den Lega-Mann Luca Zaia, der im Fernsehen fröhlich posaunt: „Wir haben alle gesehen, wie die Chinesen lebendige Ratten essen!“ Kann man nicht. Noch nicht. Und lebendige Ratten schon mal gar nicht.

Als Römer zelebriert man seit 3000 Jahren gepflegte Coolness und als Römerin natürlich erst recht. Weswegen bei uns alles offen ist (außer ein paar zwischenzeitlich Pleite gegangenen China-Restaurants), aber die nicht ganz so coolen Touristen trotzdem einen großen Bogen um uns uns machen. Hier ein Geheimtipp an die LeserInnen: Noch nie war Rom so billig wie heute. Rote Teppiche vor den Luxushotels (zu Preisen wie früher die dichtgemachte Jugendherberge), Riesenportionen in den Restaurants, keine Schlange vor dem Kolosseum.

Im Ausland erfasst man den gigantischen Unterschied zwischen Rom und Vo‘, Provinz Padua, leider nicht voll und ganz, weswegen immer mehr Länder überhaupt keine ItalienerInnen mehr hereinlassen. Die Häfen sind geschlossen sozusagen, der alte Traum von Salvini, nur, dass er diesmal selbst nicht vom Schiff dürfte. Sein Parteigänger Attilio Fontana, Präsident der Region Lombardei, befindet sich sogar in „Auto-Isolierung“, womit nicht gemeint ist, dass er sich im Wagen verbarrikadiert hat, sondern dass Fontana im Büro schläft, „um meine Familie zu schützen.“ Eine seine Mitarbeiterinnen hatte sich angesteckt, der Präsident ist zwar negativ, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Dass Fontana sich im Gesichtsbuch (vulgo Facebook) theatralisch eine Chirurgenmaske übergezogen hat, fanden selbst Lega-Wähler nicht so toll: Panikmache! Dabei kennt der Mann sich mit Schutzmechanismen aus. Die Wahl hat er locker mit der Ankündigung gewonnen, er wolle die weiße Rasse schützen.

Die physische Gesundung der Lombardei schreitet massiv voran. Auch, weil ab sofort nur noch die Zahl der Neuerkrankungen angegeben wird und nicht die der Infizierten. Man ist ja nicht blöd, die Wirtschaft befindet sich sowieso schon im Sturzflug.

 

Italien-Corona 0:5

Vorab meine heutige Lieblingsschlagzeile, entdeckt auf Zeit-online: „Berlin ist nicht Weimar. Das hat Hamburg gezeigt.“ Grübel, grübel.

Aber hier soll es ja um Italien gehen und um seine Seuchen-Topographie. Am Tag fünf der Massenpanik (325 Infizierte) erleben wir unter anderem: Eine neapolitanische Immobilienagentur, die den Slogan ausgibt „Wir vermieten nicht an Norditaliener“ (in Anspielung an die berüchtigten Schilder zur rassistischen Abwehr von süditalienischen Arbeitsemigranten im Turin und Mailand der 1960er Jahre). Der Bahnhof in Casalpusterlegno, wo wegen des Schwächeanfalls einer Angestellten über Stunden der gesamte Zugverkehr von Nord- nach Süditalien lahmgelegt wird – bis zum negativen Testergebnis der armen Frau. Ein Mailänder Gericht, das Zwei-Meter-Sicherheitsabstand zwischen den Prozessbeteiligten anordnet. Die Verschiebung der Mailänder Möbelmesse, der Kinderbuchmesse in Bologna, das Streichen eines Liederabends für Präsident Macron in Neapel (!) und römische Ärzte, die nicht mehr als fünf Patienten in ihr Wartezimmer lassen. Der WWF hat in der Hauptstadt (ein Infizierter) sogar einen Freiluft-Flashmob abgesagt, gecancelt werden aber auch alle möglichen Pressekonferenzen.

Man schaltet das Radio ein: Corona. Den Fernseher: Idem. Im Internet wird man erschlagen mit Corona. Es scheint gar nichts anderes mehr zu geben, allerdings findet sich im Netz auch der glänzende Kommentar, Österreich solle sofort seine Grenzen schließen, falls noch ein Italiener über 80 stürbe. Im Iran, Irak und auf den Seychellen gilt das schon: Italiener müssen draußen bleiben. Mauritius hat sich damit begnügt, nur den Norditalienern die Einreise zu verweigern. Die Niederlande empfehlen ihren Bürgern, einen Bogen um Norditalien und Rom zu machen.

Aus Deutschland hagelt es besorgte Anrufe.

Alles in Ordnung bei euch? Schon Vorräte eingekauft?

Bestens. Die Busse waren noch nie so leer wie heute. Im Museum und im Restaurant ist man sowieso ganz alleine. Und ihr so?

Machen wir uns nichts vor. Die Italiener mögen zum Melodram neigen, aber in Deutschland wäre die Reaktion wohl auch nicht viel anders. Die Medien befeuern auch dort die Angst schon aus vollen Rohren. Tausende haben ihre Italienreisen abgesagt. Wobei wir bei der ökonomischen Komponente wären. Massenweise Stornierungen in Mailand, Venedig, aber auch in Florenz, Rom und weiter südwärts. Kurssturz an der Börse, Verluste durch die Schließung von Produktionsstätten. Angeblich kostet die Angelegenheit Italien schon jetzt 0,4 Prozent vom Inlandsprodukt, dabei ist das Land ohnehin in der Rezession. Falls es noch Beweise für die irrsinnige Fragilität unserer Konsumgesellschaften brauchte: Prego.

Während Salvini Steuerbefreiung für ganz Norditalien fordert (jawohl, in Corona-Country regieren lauter Lega-Männer), weist Ministerpräsident Conte den Staatsrundfunk an, gefälligst keine Panik zu machen. Und tatsächlich gibt es plötzlich ganz andere Schlagzeilen: 95 Prozent der Infizierten verspürten keinerlei Beschwerden, überhaupt sei Corona nicht mehr als eine Grippe, eher weniger.

Die Welle der Hysterie ebbt also langsam ab. Um der nächsten Platz zu machen.

 

Italien – Corona 0:1

Knapp 120 Menschen in Italien haben sich mit dem Corona-Virus angesteckt, davon 89 in der Lombardei, der Region um Mailand, und weitere 25 in Venetien. Zwei der Erkrankten sind gestorben. In zwei italienischen Regionen mit insgesamt 15 Millionen Einwohnern haben sich also 115 Menschen angesteckt. Das ist der Stand am 23. Februar mittags.

Die Reaktion: 11 Ortschaften mit insgesamt 50.000 Einwohnern in Quarantäne. Keiner darf rein, keiner darf raus. Geschäfte, Schulen, Ämter, Museen und Kinos sind geschlossen, die Bevölkerung ist aufgerufen, die eigene Wohnung nicht zu verlassen. Geschlossene Universitäten in der gesamtem Lombardei, in Venetien und im Piemont, wo bislang ein Infizierter ausgemacht wurde – ein einziger, einsamer Student der Agrarwissenschaften. Der Karneval in Venedig wurde genauso abgesagt wie die Messen. Die Messen! Der Glaube der katholischen Priesterschaft versetzt also nicht nur keine Berge, er kapituliert vor der chinesischen Grippe. Geschlossen sind auch drei Stadien. Die Serie A-Partien Inter-Sampdoria, Atalanta-Sassuolo und Verona-Cagliari wurden abgesagt und auf den St. Nimmerleinstag verschoben.

Wieso eigentlich? Seit wann braucht man zum Fußballspielen ein volles Stadion? In Katar wird demnächst eine ganze WM ohne Fans stattfinden. Italienische Mannschaften haben wegen einer Stadionsperre schon so oft vor leeren Rängen gespielt, da käme es auf einmal mehr oder weniger wirklich nicht an.

Und die Eingesperrten in ihren Quarantäneorten könnten wenigstens virenfreien Fußball gucken.

Stattdessen schauen wir zu, wie Stück für Stück ein ganzes Land wegen des Corona-Virus lahmgelegt wird. Auch in Rom (Achtung: eine erkrankte Person!) soll die Uni geschlossen bleiben – auf Wunsch der Professoren. Atemmasken sind sowieso schon längst überall ausverkauft, in den Chinarestaurants herrscht gähnende Leere, die Leute gehen aber auch nicht mehr ins Kino. Oder zu Freunden: Gerade erreicht mich die Whatsapp-Nachricht einer Freundin, die übermorgen lieber doch nicht zum Essen kommen will, weil sie von ihrer Wohnung zu meiner mit der U-Bahn fahren müsste.

Die Ansteckungsgefahr bei Hysterie ist um ein vielfaches höher als die bei Corona. Und die Heilungschancen sind vermutlich geringer.

 

 

Buon anno

Das Jahr geht zu Ende und mit ihm auch ein Lebensabschnitt. Ein ziemlich langer sogar, immerhin 21 Jahre. So lange habe ich als Sportjournalistin gearbeitet, übrigens ein Job, zu dem ich kam, wie die Jungfrau zum Kinde. Eigentlich wollte ich nur unbedingt für die Süddeutsche Zeitung schreiben und das habe ich ja dann auch eine ganze Weile getan. Der Fußball war nie mein Leben, aber er hat es – und das meiner Familie – natürlich in gewisser Weise bestimmt. Wochenenden, Feiertage, Ferien: immer war da auch der Spielplan. Zum Glück gab es die lange Sommerpause, unterbrochen höchstens von Welt- oder Europameisterschaften.

Es waren lustige Zeiten, viele Jahre lang. Zeiten, in denen es uns JournalistInnen noch erlaubt war, uns selbst und den Fußball nicht so ernst zu nehmen. Zeiten, in denen wir noch nicht zu den LohnschreiberInnen einer riesigen und globalisierten Unterhaltungsindustrie degradiert waren. Sicher, es ist noch nicht so schlimm wie im Fernsehen, wo die armen KollegInnen jedes Not-gegen-Elend-Match zum Superevent hochjubeln müssen und noch die größten Banalitäten, die sich spätpubertäre Millionäre aus ihren Rotznasen ziehen lassen, als Orakel von Delphi verkaufen. Auch wird von uns nicht verlangt, Übungsleiter gleich zu Intellektuellen zu verklären, nur weil sie ab und zu tatsächlich ein Buch lesen (und gern darüber reden) oder Veganer sind.

Aber wir sind andererseits auch weit davon entfernt, die Fußballwelt so zynisch darzustellen, wie sie wirklich ist. Wir nehmen keinen Anstoß mehr daran, dass Gazprom Schalke und die Champions League sponsort oder dass Herr Tuchel in Diensten der Herrscherfamilie von Katar steht und Herr Guardiola in denen des Scheichs von Abu Dhabi. Berlusconi war übrigens ein kleiner Fisch gegenüber diesen Leuten, nicht nur, was die Haremspolitik angeht. Und seine Wurschtigkeit Uli Hoeneß, der nach einer Runde im Knast wieder Präsident des FC Bayern werden durfte, was wir anstandslos geschluckt haben, spielt als Malefikant sowieso in einer ganz anderen Liga.

Natürlich war der Fußball nie unschuldig. Auch vor zwei, vier oder sechs Jahrzehnten ging es vorrangig um Geld. Und um Macht – aus Italien habe ich minutiös darüber berichten können, wie Silvio Berlusconi aus Tifosi Wähler machte, die ihn anhimmelten wie die großen Stars bei seinem Klub AC Milan. Aber man konnte in der Spielpause im Meazza-Stadion mal eben rübergehen zum Berlusca und seinem Hofstaat, um ihm ein paar Sprüche abzuzapfen. Heute wissen wir ja nicht mal, wie die Milan-Besitzer heißen. Oder ob der neue, amerikanische Roma-Patron, der als Toyota-Händler in den Golfstaaten Millionen gescheffelt hat, überhaupt die Abseitsregel kennt, geschweige denn die Vereinshymne.

Kann man alles spannend finden, muss man aber nicht. Was mich betrifft: letzteres. Also schreibe ich jetzt öfter mal über etwas anderes. Natürlich auch in diesem Theater.

Einen guten Rutsch, allen miteinander. Und grazie mille.

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Brivido!

Ein Gruselzittern überfällt die Romanisti in diesem merkwürdigen Vorfrühling um Weihnachten: Was wäre aus uns geworden, wenn Francesco Totti im Februar 1997 zu Sampdoria Genua gewechselt wäre? Das stand tatsächlich an, wie man in diesem kleinen Video der Repubblica-Reihe „Spiel des Lebens“ sehen kann (nur italienisch). Der argentinische Coach Carlos Bianchi wollte sowieso keine Römer in seiner Mannschaft, fand insbesondere Totti faul und aufsässig und verlangte von Klubeigner Franco Sensi einen Besseren: Jari Litmanen. Der Finne kickte damals für Ajax Amsterdam. Sampdoria hatte nichts gegen Römer und war bereit, Totti zu nehmen, er hätte dort in einem Team mit dem heutigen Nationaltrainer Roberto Mancini und mit Vincenzo Montella gespielt.

Totti hatte die Koffer schon gepackt, als überraschend bei einem kleinen Freundschafts-Turnier eingesetzt wurde. Die Roma spielte zu Hause gegen Ajax und Borussia Mönchengladbach. Totti kam, sah und siegte. Ein Tor pro Gegner, in der Zwischenzeit anhaltende, totale Verzauberung. Die Römer schwelgten, der Präsident war schockverliebt – und gehen musste am Ende der unselige Bianchi. Im April wurde der Argentinier gefeuert. Totti aber blieb die nächsten 20 Jahre bei der Roma.

Und Litmanen? Machte Karriere beim FC Barcelona und beim FC Liverpool, bevor er mit 31 Jahren nochmal zu Ajax zurück kehrte. Danach ging es nach Finnland und für ein paar Monate zu Hansa Rostock. Als die Ostdeutschen abstiegen, ging Litmanen nach Hause.

Ciao Carletto!

Mit einem 4:0 gegen Genk (drei Tore von Milik), segelt Napoli ins Champions-League-Achtelfinale – und entlässt eine knappe Stunde später Trainer Carlo Ancelotti. Per Twitter, mit lieben Grüßen, Freundschaft, Hochachtung und Respekt. Heute wird Gennaro Gattuso angeheuert. Gattuso! Grandezza war bis gestern, jetzt ist Rackern, Wühlen, Wadenbeißen angesagt. Die Mannschaft ist in der Liga nur Siebter, der Schuldige, klar, Don Carletto.

Im Sommer hatte Patron Aurelio De Laurentiis noch verkündet, Ancelotti sei sein bestes Pferd im Stall. Was möglicherweise damit zu tun hatte, dass es weiter keine erwähnenswerten neuen Pferde gab. ADL hatte nämlich lieber in den weltmännischen Coach investiert als in Spieler. Knapp neun Millionen brutto kriegt Ancelotti im Jahr, und das noch bis zum 30. Juni 2021. So lange hat er noch Vertrag.

Um Carletto muss man sich also keine Sorgen machen. Gattuso wird sich mit deutlich weniger zufrieden geben. Und De Laurentiis hat sowieso in diesem Monat eine Menge gespart, er hat nämlich seiner Mannschaft drastisch das Gehalt gekürzt. Zur Strafe, weil die Profis sich nach einer Niederlage geweigert hatten, ins von oben angeordnete Trainingslager zu ziehen. Ancelotti hatte sie gedeckt und der Präsident war stocksauer.

„Ich werde immer gerufen, weil ich beruhigend auf eine Mannschaft wirke“, hat Ancelotti mir mal gesagt. „Und dann schicken sie mich aus eben aus diesem Grund wieder weg. So funktioniert halt der Fußball.“ Seine Gelassenheit wird dann zur Faulheit deklariert. Auch aus Neapel hörte man, genau wie vorher aus München, der Chefcoach kümmere sich zu wenig ums Training. Dass Ancelotti wie üblich seine Familie beim Club untergebracht hatte (Sohn, Schwiegersohn, Freundessohn), kümmerte die Neapolitaner hingegen weniger. Così fan tutti, so machen es dort alle.

Im Unterschied zu manchen Kollegen kann ich das mit Ancelottis angeblicher Faulheit ja nicht so beurteilen. Der Mann hat in meinen Augen eine ganz gesunde Distanz zum Betrieb. Freundlich erklärt er allenthalben, im Fußball seien nunmal die Spieler wichtiger und manche von denen bräuchten eigentlich gar keinen Trainer meht. Natürlich streicht er absurd viel Geld für seinen Posten ein – aber ist das ein Grund, um hysterische Betriebsamkeit vorzutäuschen?

Letzteres kriegen die Neapolitaner jetzt von Gattuso. Meine Prognose: Meister werden sie mit dem nicht. Von der Champions League ganz zu schweigen. Der Mann ist ein Bierkutscher. Vollblutpferde nehmen vor dem Reißaus.

Keine Liga für Damen

Ein Fußballstar, 32 Tore für Chelsea, 33 für die englische Nationalmannschaft, 14 für Juventus, verlässt nach anderthalb erfolgreichen Jahren in der Serie A Italien. Nicht aus sportlichen Gründen, auch nicht, weil woanders besser gezahlt wird. Sondern, weil der Alltag hierzulande unerträglich rassistisch ist.

„Ich will nicht länger wie eine Diebin behandelt werden, wenn ich ein Geschäft betrete“, hat Eniola Aluko erklärt, in Nigeria geboren, in England aufgewachsen. „Nicht länger, als wäre ich Pablo Escobar höchstpersönlich, wenn ich am Flughafen von Turin ankomme, wo eine ganze Meute von Drogenhunden auf mich angesetzt wird und mich beschnüffelt.“ Aluko hat den Eindruck, dass Italien Jahrzehnte zurück sei, was den selbstverständlichen Umgang mit Menschen dunkler Hautfarbe betrifft. Zudem gebe es im Fußball Präsidenten, die Rassismus als Ausdruck von Männlichkeit verharmlosten.

Gemeint hat Eniola Aluko damit vielleicht den Besitzer von Lazio, Claudio Lotito, der neulich faselte, das Affengebrüll in der Kurve erhebe sich durchaus auch gegen Spieler „normaler Hautfarbe“, gemeint waren Weiße. Eine verstörende Äußerung, abgesehen davon, auch noch blühender Unsinn. Affengeheul gegen Weiße – wo lebt der Mann?

Vielleicht meinte Eniola Aluko aber auch den Präsidenten von Brescia Calcio, Massimo Cellino. Dieser Glücksritter mit Buchhalterdiplom, der die meiste Zeit des Jahres in Miami verbringt, war auch mal Präsident von Cagliari. Meister ist er noch nie geworden, auch nicht mit seinen früheren Klubs West Ham und Leeds United, dafür sammelte er aber eine beeindruckende Zahl von Vorstrafen. Vermutlich ist Cellino in dieser Disziplin der Konkurrenz in Italien und Bayern auf Jahre weit voraus – nicht, was die Schwere, sondern was die Vielzahl seiner Verfehlungen betrifft: Betrug der EU bei der Getreidesubvention – der Prozess endete mit Schuldeingeständnis und Vergleich. 15 Monate Haft für Bilanzfälschung. Drei Monate Untersuchungshaft wegen Betrugs beim Stadionbau. Dieser Mann also sagte über seinen Fußballer Mario Balotelli, Angreifer bei Brescia Calcio: „Balotelli trainiert fleißig, damit er weißer wird.“ 

Großes Schenkelklopfen bei jenen guten, alten Rassisten, die gern beteuern, sie hätten nichts gegen Balotelli, weil der Schwarzer ist, gottbewahre, sondern nur, weil er sich halt nicht benehme könne. Cellino wurde nicht ermahnt und erst recht nicht bestraft. Wieso auch, ist ja schließlich sein Verein und sein Skla… äh, Angestellter. 3,7 Millionen gehen jährlich an Mario Balotelli. Da wird sein Chef ja wohl noch einen Witz machen dürfen.

Nicht ganz so witzig: Die römische Polizei hat heute 51 Haftbefehle in der Drogenszene erlassen. Als obersten Boss im Drogenhandel der Hauptstadt haben die Ermittler Fabrizio Piscitelli ausgemacht, der unter dem Spitznamen „Diabolik“ über Jahrzehnte die „Irriducibili“-Ultras von Lazio kommandierte und heute von ihnen wie ein Märtyrer verehrt wird . Am 7. August wurde Piscitelli, nebenberuflich auch noch Neofaschist, am hellichten Tag auf einer Parkbank mit Blick auf das grandiose Aquädukt von Kaiser Claudius erschossen. Es ging bei dieser gezielten Hinrichtung um die Macht auf dem Drogenmarkt, sagt die Staatsanwaltschaft jetzt. Kein Gramm Kokain, kein Quentchen Haschisch sei in Rom verkauft worden, ohne dass „Diabolik“ davon gewusst habe. Der Stoff wurde von Gewährsmännern der neapolitanischen Camorra geliefert, die vor Jahren den Klub Lazio kaufen wollte.

Soviel für heute vom Fußball in Italien. Hatte ich erwähnt, dass Eniola Aluko, 32, die auf dem Turiner Flughafen wie Pablo Escobar persönlich behandelt wird, mit der Frauenmannschaft von Juventus eine Meisterschaft und einen Pokal gewonnen hat?

Was mich betrifft, frage ich mich manchmal, wieviele solcher Episoden ich in den vergangenen 20 Jahren beschrieben habe, inzwischen ohne die Illusion, dass sich in absehbarer Zeit irgendetwas ändern könnte, jedenfalls nicht zum Positiven. „Unser Fußball ist nichts für Damen“, sagte mir vor vielen Jahren mal Fabio Capello, bei dem ich während des Interviews die ganze Zeit Angst hatte, dass er zuschnappen und mich beißen könnte (hat er natürlich nicht). Im Nachhinein muss ich dem grimmigen Feldmaresciallo Capello Recht geben. Und Eniola Aluko sowieso.

Aber es sind beileibe nicht nur die Frauen, die Italiens Fußball den Rücken kehren. Männer gingen auch, allerdings, ohne sich mit der Angabe von Gründen die weitere Karriere zu verbauen. Und viele sind erst gar nicht gekommen.

 

 

 

 

 

Von wegen grün!

Die Grünen im Europaparlament haben den Antrag der Fünf Sterne auf Beitritt in ihrer Fraktion abgelehnt. Mit der Begründung, bei der „Bewegung“ handele es sich nicht um eine demokratisch geführte Partei. Außerdem hat es den Grünen nicht gefallen, dass die Fünf Sterne sich kürzlich bei der Abstimmung über die Unterstützung der Seenotrettung enthalten haben – und dass „Bewegungs“-Gründer Beppe Grillo die Verfolgung der Uiguren durch China verharmlost.

Entscheidend für die Ablehnung ist aber Punkt 1. In der Tat handelt es sich bei der Fünfstern-„Bewegung“ um eine Firmenpartei, die im Grunde nicht anders geführt wird als Berlusconis Forza Italia unselig – nur mit dem Unterschied, dass Firmenchef Davide Casaleggio seinen Wahlverein nicht aus eigener Tasche finanzieren kann. Dazu hat er die „Rousseau-Stiftung“ erfunden, in die jede/r Abgeordnete einen Obulus entrichten muss (zum Vergleich: Als Berlusconi vor ein paar Jahren von seinen Parteigängern jenen Mitgliedsbeitrag einforderte, den er zuvor großzügig für alle gezahlt hatte, entfachte er einen Exodus aus der Partei).

Casaleggio ist nicht gewählt, sondern schlicht der Sohn und Erbe des Firmen- und Parteigründers. Trotzdem gibt er die Richtung vor und kontrolliert jene mysteriöse Internet-Plattform, mit der die KandidatInnen der Fünf Sterne gewählt und wichtige Programmpunkte zur Abstimmung präsentiert werden.

Nie gab es einen Kongress, nie einen Parteitag. Höchstens Versammlungen, auf denen die tonangebenden Gurus umjubelt wurden. 

Grillo und Casaleggio junior sind sich nicht ganz so grün wie es Grillo und Casaleggio senior waren, weswegen der Berufsentertainer sich aus der Tagespolitik zurückgezogen hat. Ob überhaupt noch jemand dem entwaffnend unfähigen „Politikchef“ Luigi Di Maio, zurzeit Außenminister der Republik Italien, irgendwie grün ist, weiß kein Mensch. Es gibt ja keine öffentlich geführte Debatte, dafür aber nach wie vor ein überaus rabiates Parteiausschlussverfahren für KritikerInnen.

Gerade lösen sich die Fünf Sterne auf. Ein paar Monate Regierungsverantwortung reichten, um den WählerInnen auf das Ausführlichste zu beweisen, dass sie es schlicht nicht können. Erst haben sie es mit der rechtsnationalen Lega versucht, jetzt probieren sie es mit den Sozialdemokraten, das Ergebnis ist ein geist- und planloses Dauergezänk, während die vielen Probleme des Landes vergebens auf Lösung warten.

In der vergangenen Legislaturperiode paktierten die Fünf Sterne in Straßburg übrigens mit Nigel Farage. Von wegen grün! Dabei hatten viele italienische UmweltschützerInnen anfangs auf Grillos Leute gesetzt, nachdem die traditionellen Parteien sie seit Jahrzehnten sträflich vernachlässigen. Die Fünf Sterne hievten tatsächlich den parteilosen Umweltminister Sergio Costa ins Amt, einen überaus integren Mann, der sich zuvor jahrelang gegen die illegale Entsorgung von Giftmüll engagiert hatte. Andererseits war Sergio Costa als Carabinieri-Offizier auch von Amts wegen dazu verpflichtet.

Es ist nicht so, dass Italien keine UmweltschützerInnen hätte. Sie werden nur leider höchst unzureichend politisch vertreten. Anders formuliert: Die Politik hinkt dem Engagement vieler BürgerInnen hoffnungslos hinterher. Der Umweltschutz wird von den Parteien vernachlässigt, weil er keine Lobby hat und weil er nicht sofort sichtbare und damit für den Dauer-Wahlkampf verwertbare Ergebnisse bringt. Nur auf lokaler Ebene spielt die Umwelt für die Politik eine Rolle.

Europa tut also gut daran, auf richtige Grüne aus Italien zu warten. Früher oder später werden sie sich demokratisch formieren.