Schöner wohnen vor 1900 Jahren

Selbst im Spätherbst ist Rom heute von Touristen nachgerade überflutet. Sie stapeln sich vor dem Kolosseum, vor dem Vatikan, dem Trevibrunnen. Alles weltberühmte Monumente, also ist es natürlich verständlich, dass sie zum Pflichtprogramm der Reise gehören. Was viele nicht wissen: Es wird weiter gegraben, an vielen Stellen, dauernd. Immer wieder machen Archäologen wirklich sensationelle Funde. Dieser hier ist zwar schon seit einigen Jahren bekannt, aber nun gibt es ein tolles Video davon. Es handelt sich um das Privathaus von Trajan auf dem Aventin. Der aus Spanien stammende Trajan (53-117) lebte dort, bevor er 98 Kaiser wurde.

Auf dem Video sieht man, wie die Archäologen durch eine Öffnung der Kanalisation in die antike Villa hinabsteigen. Jetzt könnte ich mich darüber verbreiten, welche Kanaldeckel stadtbekannt sind als geheime Eingangspforten zu unterirdischen antiken Prunksälen. Tue ich nicht. Es gibt ja zum Glück sehr viele offizielle Tore zur einzigartigen Wunderwelt des alten Rom. Vom Thermenmuseum bis zum Palazzo Altemps, zu schweigen von den Kapitolinischen Museen. Und den Trajansmarkt, den Palazzo Massimo, und und und.

Da hat man, unglaublich aber wahr, auch mitten in der Saison seine Ruhe. Im Winter aber sind es magische Orte, an denen man ein Gefühl bekommt für die vielen Schichten der Stadt, für die Wurzeln Europas und für die eigene Vergänglichkeit.

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Was Totti so macht

Er engagiert sich zum Beispiel gegen Gewalt an Frauen. In seiner Fußballschule in Ostia gab Totti heute den Anstoß zu einem Wohltätigkeitsmatch: Richter gegen Schauspieler. Organisiert war das Treffen von der Staatssekretärin für Gleichberechtigungsfragen (ja, so heißt das in Italien). In den letzten Jahren hatte es eine Welle der Gewalt gegen Frauen gegeben, die von ehemaligen Liebes- und Lebensgefährten ausging. Diese Männer wollten sich nicht damit abfinden, verlassen worden zu sein und rächten sich mit Säureanschlägen oder töteten sogar ihre Ex-Freundin. Im Mai 2016 strangulierte ein 27-Jähriger eine 22-Jährige Studentin, die die Beziehung zu ihm beendet hatte. Anschließend zündete der Mörder den Leichnam der jungen Frau in deren Auto an.

Daran erinnerte heute das Fußballspiel. Tottis Name hat in Rom immer noch sehr großes Gewicht, deshalb beschäftigten sich vermutlich ein paar Leute mehr mit dem Thema Gewalt an Frauen, als wenn es dazu den x-ten Zeitungsartikel gegeben hätte. Totti hatte die Mutter des Mordopfers in seine Schule geladen. Und er sprach auch selbst, nicht lang, mit einfachen Worten: „Diese Gewalt muss aufhören. Männer und Frauen sind gleich.“

Vor einigen Jahren hatte auch Ex-Nationaltrainer Cesare Prandelli an einer Kampagne gegen Gewalt an Frauen teilgenommen. Heute ist die Nationalmannschaft bekanntlich erst mal von der Bildfläche verschwunden. Oder, wie Totti kommentiert: „Die machen nächsten Sommer erstmal fett Urlaub.“

 

Schande

Die „Irriducibili“, eine so genannte Ultras-Gruppe von Lazio, kleben während des Ligaspiels Lazio-Cagliari antisemitische Sprüche und Fotomontagen von Anne Frank im Roma-Hemd an die Südkurve des Olympiastadions. Das ist eigentlich die Tribüne der Roma-Fans. Die Laziali, deren eigene Kurve gesperrt ist, durften dort gestern das Heimspiel ihrer Mannschaft sehen.

annefrank

Muss man diese Sprüche übersetzen? Romanista Jude. Romanista Schwuchtel. Und daneben das arme, ermordete Mädchen.

Es ist eine Schande. Es ist zum Kotzen. Diese Typen hatten sich vor Jahren auch mal auf meine Fersen geheftet, weil ich kritisch über sie berichtet hatte. War nicht lustig. Meine Kinder waren damals noch klein.

Ihre Rädelsführer haben wegen Körperverletzung und Drogenhandels im Knast gesessen, das Stadion dürfen sie nicht betreten. Aber sie finden offenbar genügend Helfershelfer.

Und wer meint, es handele sich um die Ränder der Gesellschaft: Vor wenigen Wochen wurde im Parlament eine Gesetzesvorlage zum Verbot neofaschistischer Propanda diskutiert. Dagegen waren: Berlusconi, Lega Nord, Rechtskonservative – und die Fünfstern-„Bewegung.“ Letztere fand, ein Gesetz gegen neofaschistische Hetze beschränke die Meinungsfreiheit.

 

Auguri Capitano

Vermutlich sind weltweit Internet-Passwörter nicht so leicht zu knacken wie in Rom. Konservativ geschätzte 80 Prozent bestehen aus Kombinationen mit 1976, 27 settembre, numero 10 oder einfach: Francesco Totti. Heute wird Totti 41, es ist der erste Geburtstag als pensionierter Spieler.

Es gibt noch ein Datum, das 80 Prozent der Römer parat haben und in Ewigkeiten nicht vergessen werden – der 28. Mai 2017. Niemand käme auf die Idee, es als Passwort zu benutzen. Niemand schafft es auch nur, sich dieses Video anzuschauen. Wir knabbern noch daran. Am meisten wohl der Capitano selbst.

Der Gott als Lehrling

Francesco Totti hat die längsten Ferien seit seiner Schulzeit beendet. Und arbeitet wieder, wie schon seit 25 Jahren, bei der Roma. Aber jetzt trägt er lange Hosen.

tottihosen

Totti spielt nicht mehr, er ist Lehrling im Management (der Herr links ist kein Leibwächter, sondern der neue Sportdirektor Monchi).

Nein, wir sind auch nicht glücklich darüber. Kinder, wie die Zeit vergeht.

Kopf hoch, Capitano!