Lazio und die Frauen

Letztes Wochenende bei Lazio-Napoli (1:2) im Olympiastadion. Eine mysteriöse „Direktive Diabolik Pluto“ verteilt Flugblätter, auf denen die Nordkurve als „heiliger Raum“ bezeichnet wird, in dem ein ungeschriebenes Gesetz gefälligst von allen respektiert werden müsse: „Die ersten Reihen über dem Spielfeld sind wie ein Schützengraben für uns.“ Da hätten „Frauen, Ehefrauen und Verlobte“ nichts zu suchen. „Wer das Stadion als Alternative zu einem romantischen Spaziergang durch den Park betrachtet, soll sich woanders hinsetzen.“ Auf die hinteren Plätze, ab Reihe 10.

Meine erste Reaktion war: wie lächerlich. Nicht mal mehr in ihrem „Schützengraben“ haben die starken Männer in der Curva Nord das letzte Wort! Selbst im „heiligen Raum“ quatschen ihnen die Frauen dazwischen und entlarven so das ganze Kampfgeheul und Mukkigepränge der „Ultras“-Führer als lächerliches Spektakel. Das Problem jener Rädelsführer, die früher tausende von Fans dirigierten: sie sind hoffnungslos von gestern. Anstatt ihnen zu folgen, macht das Fußvolk in der Kurve neuerdings was es will. Selfies für die Freundin etwa. Wo bleibt da die Konzentration im Kampf? Also Flugblätter gegen Frauen. Was für Jammerlappen.

Dann habe ich mal nachgeschaut, was „Diabolik“ und „Pluto“, die stadtbekannten Oberkrawallskis aus der Curva Nord, eigentlich jetzt so treiben. Die Jungs sind ja schon älter, um die Fünfzig, und könnten nach Jahrzehnten Radau im Stadion mal langsam in Rente gehen. Die „Ultras“ von Lazio sind nicht zuletzt dank dieser äußerst ungemütlichen Comicfiguren  D und P als Faschisten berüchtigt. Immer wieder musste der Klub Geldstrafen zahlen und Stadionsperren auch bei internationalen Begegnungen hinnehmen, weil der extremistische Anhang mit antisemitischen oder rassistischen Aktionen auffällig geworden war. Die „Ultras“-Führer haben zum Teil Vorstrafen wegen Körperverletzung, Drogendelikten und Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Über Jahre bedrohten sie auch Klubpräsident Claudio Lotito, weil der ihnen die Lizenz zum Handel mit Lazio-Artikeln entzogen hatte und den Klub nicht an den Clan der Casalesi (Camorra) abgeben wollte, als der stark „interessiert“ war und in mithilfe der „Ultras“ in dem früheren Spieleridol Giorgio Chinaglia sogar schon einen passenden Strohmann gefunden hatten.

Führer „Diabolik“, einer der Kurvenbosse hinter dem sexistischen Flugblatt, kam zuletzt 2013 wegen Drogenhandels ins Gefängnis. Die Antimafiaeinheit der italienischen Justiz konfiszierte damals bei ihm illegal erwirtschaftetes Vermögen im Wert von 2,3 Millionen Euro. „Pluto“ sitzt ebenfalls – wegen Handels mit Kokain, beide haben Verbindungen zum römischen Rechtsextremismus und zur Mafia-Organisation „Banda della Magliana“ sowie zur neapolitanischen Camorra. Ins Stadion dürfen „Diabolik“ und „Pluto“ schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Offenbar will die Kurve, die sie lange auch aus dem Gefängnis dirigierten, nicht mehr nach ihrer Pfeife tanzen. Geschweige denn ihre Ware kaufen. Deshalb jetzt das Flugblatt – gegen Frauen. Dabei geht es um die nur um Rande.  Eigentlich geht es, wie so oft, um  Macht und Kohle. Die neuen Faschos, die heute in Reihe 1 bis 10 turnen, kümmern sich einen Dreck um die alten Säcke, die früher dort den Ton angaben. Und sie nehmen ihre Mädchen gern mit, um sich an Ort und Stelle anhimmeln zu lassen. Die Militarisierung der Kurve ist von gestern. Aus dem Schützengraben wird eine Smartphone-Bühne.

Die Klubführung von Lazio hat sich von dem Pamphlet distanziert. Der Verein sei „gegen jede Form der Diskriminierung.“ Es handele sich um die Aktion einer Minderheit. Die Società Sportiva Lazio ist der größte Sportklub Europas, von Badminton und Bridge bis Skifahren vereint er unzählige Aktivitäten unter einem Dach. Die Frauenfußballmannschaft spielt aktuell in der Dritten Liga. Wappentier ist seit der Gründung Anno 1901 ein Adler, der vor jedem Heimspiel des Männer-Profifußball-Teams über dem Stadion kreist. Ganz selbstverständlich überfliegt Maskottchen „Olympia“ dabei auch die Nordkurve, natürlich inklusive der Reihen 1 bis 10.

Der Lazio-Adler „Olympia“ ist, wie der Name schon sagt: eine Frau.

 

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Kluivert. Justin Kluivert.

Justin Kluivert gibt ein brillantes Debüt bei der Roma. 19 Jahre alt, pures Talent: Der pfeilschnelle und hoch begabte Sohn des großen Patrick Kluivert rettet eine graue Partie der Roma beim FC Toro und beschert Dzeko mit seinem Pass die Vorlage zum 1:0. Da hat man das Gefühl, dass die Roma zumindest auf dem Transfermarkt einiges richtig gemacht hat. Die zweite positive Überraschung ist Torwart Robin Olsen. Der Schwede wurde als Ersatz für den bärenstarken Allison Becker geholt: allgemeine Skepsis. Aber Olsen zeigt zwischen den Pfosten einen geradezu feurigen Einsatz und boxt alles weg, was ihm irgendwie krumm kommt.

Juve, Napoli, Roma haben jeweils drei Punkte eingeheimst. Milan spielt heute noch nicht. Vermutlich ist dort sowieso interessanter, was hinter den Kulissen abgeht. Können Paolo Maldinis Augen lügen? Oder ist die Übernahme durch die US-Heuschrecken von Elliott doch gar nicht so übel? Ich habe da meine Zweifel.

Die Alleswinner

Ein Nullzunull auswärts gegen die Roma reicht der Juve zum Titel Nummer 34, dem 7. in Serie. Weil die Roma in ihrem letzten Heimspiel ja auch einen Punkt gemacht hat und übrigens nächstes Jahr auch wieder in der Champions League spielt, feiern die Juve-Spieler ihren Titel zu den Klängen von „Grazie Roma.“ Und man hat das Gefühl: das könnte ewig so weiter gehen. Der Abstand der Bianconeri zum Rest der Liga ist einfach zu groß – in dieser Saison konnte SSC Napoli lange mithalten, musste sich dann aber in der entscheidenden Phase geschlagen geben. Der Umsatz der Turiner ist doppelt so hoch wie der der Neapolitaner, nach dieser Saison wird noch mehr Geld in die Kassen des Agnelli-Klubs fließen.

Alles so gut wie unabwendbar. In Deutschland und Frankreich das gleiche Lied. Und doch Ehre, wem Ehre gebührt. Max Allegri mit seinen vier Titeln und vier Pokalen in vier Jahren hat einen Riesenanteil an diesem unerhörten Erfolg. Genau wie Eusebio Di Francesco an der sensationellen Leistung seiner Roma.

 

Festa

Was Liverpool und Roma in diesen beiden Halbfinal-Spielen geboten haben, war ein Fest des Fußballs, der Spielfreude, der Leidenschaft und Hingabe. Dass Kloppo mit seinem Team im Finale steht, hat er dem entfesselten Salah aus dem Hinspiel zu verdanken – im römischen Stadio Olimpico war der ägyptische Wunderläufer wieder nur der Wunderläufer, der für die Roma viel gerannt war, aber wenig getroffen hatte.

Spiritus loci, vielleicht. Apropos: Endlich wieder eine Kulisse, wie sie diese römische Mannschaft verdient, voller Farben und Musik, so malerisch, wie in vielleicht keinem anderen Stadion Europas. Die Roma beschließt eine sensationelle Champions-League-Saison, sie hat sich gegen Chelsea, Atletico und Barcelona durchgesetzt, mit einem Trainer, der im vergangenen Jahr noch US Sassuolo anleitete. Dass es Eusebio Di Francesco, der übrigens nach dem großen portugiesischen Spieler benannt ist, es unter die besten vier geschafft hat, ist kein Zufall. Dass zwei Jahre nacheinander zwei Italiener im Halbfinale standen, hoffentlich auch nicht.

Last but not least, die Roma hat einen Kapitän im Jahre eins nach Totti. Daniele De Rossi wird im Juli 35, er hat lange warten müssen im Schatten des Idols und wird vermutlich selbst keines mehr werden. Dennoch: Chapeau vor soviel Beständigkeit und Energie eines Mannes, dessen Leben und Karriere alles andere als glatt verlaufen sind.  Für die SZ habe ich ihn vor dem Rückspiel porträtiert.

 

Mammamia

Was für ein Abend! Die längste Zeit hatte Liverpool besser gespielt und war vor allem um Lichtjahre schneller. Rätselhaft das Verschwinden der römischen Hintermannschaft, mysteriös die Harmlosigkeit von Ünder und Dzeko. Dabei hatte es in den ersten 20 Minuten ganz gut ausgesehen für die Roma. Dann ein rotes Tor nach dem anderen. Ein, zwei, drei, vier, 5:0! Kein Mensch glaubte noch an Gegenwehr. Aber dann: Dzeko. Und der Elfmeter von Perotti. Im Rückspiel würde jetzt ein 3:0 reichen. Nervensache! Daje!

Dass Salah treffen würde, war zu erwarten. Die ätzenden Kommentare („Wieso hattet ihr den nochmal an Liverpool verkauft?“) auch. Dass er sich den Torjubel verkneifen würde: Respekt. In Rom war er ebenso schnell gerannt, hatte aber nicht annähernd so sicher getroffen. In seiner Bescheidenheit und sanft-verspielten Liebenswürdigkeit bleibt ägyptische Wunderläufer zutiefst sympathisch.

Noch sympathischer wäre, wenn er nächste Woche einfach in England bleiben würde.