Die Alleswinner

Ein Nullzunull auswärts gegen die Roma reicht der Juve zum Titel Nummer 34, dem 7. in Serie. Weil die Roma in ihrem letzten Heimspiel ja auch einen Punkt gemacht hat und übrigens nächstes Jahr auch wieder in der Champions League spielt, feiern die Juve-Spieler ihren Titel zu den Klängen von „Grazie Roma.“ Und man hat das Gefühl: das könnte ewig so weiter gehen. Der Abstand der Bianconeri zum Rest der Liga ist einfach zu groß – in dieser Saison konnte SSC Napoli lange mithalten, musste sich dann aber in der entscheidenden Phase geschlagen geben. Der Umsatz der Turiner ist doppelt so hoch wie der der Neapolitaner, nach dieser Saison wird noch mehr Geld in die Kassen des Agnelli-Klubs fließen.

Alles so gut wie unabwendbar. In Deutschland und Frankreich das gleiche Lied. Und doch Ehre, wem Ehre gebührt. Max Allegri mit seinen vier Titeln und vier Pokalen in vier Jahren hat einen Riesenanteil an diesem unerhörten Erfolg. Genau wie Eusebio Di Francesco an der sensationellen Leistung seiner Roma.

 

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Festa

Was Liverpool und Roma in diesen beiden Halbfinal-Spielen geboten haben, war ein Fest des Fußballs, der Spielfreude, der Leidenschaft und Hingabe. Dass Kloppo mit seinem Team im Finale steht, hat er dem entfesselten Salah aus dem Hinspiel zu verdanken – im römischen Stadio Olimpico war der ägyptische Wunderläufer wieder nur der Wunderläufer, der für die Roma viel gerannt war, aber wenig getroffen hatte.

Spiritus loci, vielleicht. Apropos: Endlich wieder eine Kulisse, wie sie diese römische Mannschaft verdient, voller Farben und Musik, so malerisch, wie in vielleicht keinem anderen Stadion Europas. Die Roma beschließt eine sensationelle Champions-League-Saison, sie hat sich gegen Chelsea, Atletico und Barcelona durchgesetzt, mit einem Trainer, der im vergangenen Jahr noch US Sassuolo anleitete. Dass es Eusebio Di Francesco, der übrigens nach dem großen portugiesischen Spieler benannt ist, es unter die besten vier geschafft hat, ist kein Zufall. Dass zwei Jahre nacheinander zwei Italiener im Halbfinale standen, hoffentlich auch nicht.

Last but not least, die Roma hat einen Kapitän im Jahre eins nach Totti. Daniele De Rossi wird im Juli 35, er hat lange warten müssen im Schatten des Idols und wird vermutlich selbst keines mehr werden. Dennoch: Chapeau vor soviel Beständigkeit und Energie eines Mannes, dessen Leben und Karriere alles andere als glatt verlaufen sind.  Für die SZ habe ich ihn vor dem Rückspiel porträtiert.

 

Mammamia

Was für ein Abend! Die längste Zeit hatte Liverpool besser gespielt und war vor allem um Lichtjahre schneller. Rätselhaft das Verschwinden der römischen Hintermannschaft, mysteriös die Harmlosigkeit von Ünder und Dzeko. Dabei hatte es in den ersten 20 Minuten ganz gut ausgesehen für die Roma. Dann ein rotes Tor nach dem anderen. Ein, zwei, drei, vier, 5:0! Kein Mensch glaubte noch an Gegenwehr. Aber dann: Dzeko. Und der Elfmeter von Perotti. Im Rückspiel würde jetzt ein 3:0 reichen. Nervensache! Daje!

Dass Salah treffen würde, war zu erwarten. Die ätzenden Kommentare („Wieso hattet ihr den nochmal an Liverpool verkauft?“) auch. Dass er sich den Torjubel verkneifen würde: Respekt. In Rom war er ebenso schnell gerannt, hatte aber nicht annähernd so sicher getroffen. In seiner Bescheidenheit und sanft-verspielten Liebenswürdigkeit bleibt ägyptische Wunderläufer zutiefst sympathisch.

Noch sympathischer wäre, wenn er nächste Woche einfach in England bleiben würde.

Massimo Arkadien

Was deutsche Fußball-Künstler in Italien machen, wissen wir: gerade nicht so viel. Aber was ist mit den anderen, den Dichtern, Malern, Komponisten? Um das herauszufinden, bin ich durch die Villa Massimo gestreift, Deutschlands edelste Künstlerakademie, die sich seit über hundert Jahren in Rom befindet. Ein Arkadien auf Zeit für neun glückliche Stipendiaten, die hier zehn Monate lang Tür an Tür wohnen, in einer beispiellosen Kreativkommune. Wie das da so ist, steht heute in der SZ.

Gäbe es die Villa Massimo nicht, man müsste sie erfinden!

 

Kicken mit 100

Mit ihrer Schwester Maria war unsere Nachbarin Rina Montebovi in dem großen Gründerzeitbau an der Piazza Vittorio Emanuele II. aufgewachsen, und hatte dort quasi ein ganzes Jahrhundert erlebt. Das Königreich, den Faschismus, den Krieg, bei dem in noch nicht einmal einem Kilometer Luftlinie entfernt hinter der Stazione Termini Bomben der Alliierten auf Häuser, die Kirche San Lorenzo und eine vollbesetzte Trambahn fielen, den anschließenden Schwarzmarkt unter den Bögen des größten Platzes von Rom. Und dann die Republik und deren Niedergang. Als sie zum ersten Mal wählen durfte, war Rina schon 33 und arbeitete als Bürokraft. Geheiratet haben sie und Maria nie. „Deshalb sind wir so alt geworden“, scherzte sie. Beide bestanden auf der Anrede Signorina.

Mit knapp hundert kickte Fräulein Rina auf der Dachterrasse mit den winzigen Kindern ihrer Haushaltshilfe aus Bangladesh. Zu diesem Haushalt der Schwestern Montebovi gehörten auch zwei Kanarienvögel, die Maria morgens in ihrem sorgfältig mit Zeitungspapier gegen die Sonne abgedeckten Käfig aufs Fensterbrett stellte. Sie rauchte dazu die erste von sehr vielen Zigarette, denn Maria Montebovi war Kettenraucherin und ist vielleicht deshalb nur 98 Jahre alt geworden. Rina hätte im April ihren 105. Geburtstag geschafft. Heute wurde sie beerdigt.

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Und das war dann eine der Gelegenheiten, bei denen die ur-römische Hausgemeinschaft von der Piazza Vittorio (hier ein Winterbild von 2012) zusammenkam, um in Erinnerungen zu schwelgen. Etwa die, als bei mir eines Nachmittags zwei Carabinieri klingelten und mich baten, bei den Schwestern für sie ein gutes Wort einzulegen. Rina war am Vormittag auf dem Weg zur Messe in der Metrostation ausgeraubt worden. Nun wollten die beiden Militärpolizisten sie dazu vernehmen, aber die Schwestern wollten ihnen die Tür nicht öffnen. Sie blieb auch verschlossen, als ich es dann versuchte. „Es sind wirklich Carabinieri“, schrie ich – die Nachbarinnen waren da schon sehr schwerhörig. „Es sind Männer“, schrie Rina zurück. „Und fremden Männern machen wir nicht auf. Nur, wenn sie mit hereinkommen!“ Das tat ich. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, als Aufpasserin für die italienische Polizei gebraucht zu werden?

Das Verhör war anstrengend, weil alle schreien mussten, was die Lungen hergaben. „Der spricht so komisch“, klagte Rina in voller Lautstärke über den älteren der beiden Carabinieri. „Ist der etwa Ausländer?!“ Er komme aus Neapel, erklärte der Polizist, leicht gekränkt. „Sag ich doch!“, gab Rina ungerührt zurück.

„Bis ich in Pension ging, habe ich mein Fahrrad immer noch in den 4. Stock getragen“, sagte sie, wenn ich schnaufend die Treppe hochkam.

Gute Reise, Signorina. Die Erde sei Ihnen leicht.