Auguri Capitano

Francesco Totti feiert seinen 42. Geburtstag mit der Vorstellung seiner Autobiographie im Kolosseum. Ganz große Fußballoper.

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Ich dachte ja: Eine Riesenveranstaltung. Aber schon unter dem Konstantinsbogen, wo die Einlasskontrolle stand, dämmerte mir, dass es so groß nicht werden würde. Es gab nämlich keine Schlange. Also schwungvoll um die halbe Arena, schnell noch Daniele De Rossi überholt. Und dann: siehe oben. Eine kleine Bühne im riesigen Amphitheater. Knapp 200 Gäste für den capitano. Und ich einzige Ausländerin neben Vincent Candela. Ach, Quatsch, Ausland. Nirgends sind wir Römer derart Römer wie mit Totti. Im Kolosseum!

Zuerst mal sprechen zwei Frauen. Die Direktorin des Archäologischen Parks um Kolosseum und Forum Romanum und die Präsidentin des Kinderkrankenhauses Bambin Gesù. Der Verkaufserlös des Totti-Buchs fließt in die Restaurierung antiker Statuen auf dem Palatin und in die Betreuung krebskranker Jugendlicher. Die beiden Signoras, alles andere als Fußball-affin, übertreffen sich in ihrer Verehrung für Totti. Die erste sagt: Eine Ikone der Neoklassik und ein Vorbild für die Jugend. Die zweite: Gehört bei uns zur Familie.

Kann man sich das in Deutschland bei der Vorstellung von, sagen wir, Lahm-Memoiren, vorstellen?

Kann man nicht.

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Das hier ist eine andere Liga. Für Totti, so steht’s im Buch, hat ein bereits entlassener Häftling seinen Aufenthalt im römischen Gefängnis um eine Woche verlängert, weil er sonst den Besuch des capitano verpasst hätte. Sie lauern Totti vor Restaurants auf, sie springen auf sein Auto, nur um an die Windschutzscheibe zu klopfen. Sie haben den Fußabtreter der elterlichen Wohnung an der Via Vetulonia dreimal in einer Woche geklaut, weil der heilige Fuß darauf gestanden hatte.

Neben dem capitano gibt es an diesem Abend viele alte Bekannte.

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Etwa diese beiden Herren, Cesare Prandelli und Claudio Ranieri.  Und dann natürlich Antonio Cassano, der dereinst von Familie Totti quasi adoptiert wurde, sich dann aber mit Francesco zerstritt, als er argwöhnte, dessen Haushälterin habe ihm seinen Gehaltsscheck gestohlen. Tage später fand der chaotische Cassano den Scheck in seinem Auto wieder.

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Die Familie Totti ist Roms first family, quasi als Nachfolgerin der Julisch-Claudischen Sippe von Cäsar, Augustus und Konsorten. Mamma Fiorella, hier links im Bild, ist die Chefin. Aus Angst, ihr beibringen zu müssen, dass er zu Real Madrid wechselt, sagte Totti den Königlichen zwei Mal ab und blieb lieber in Rom. 25 Jahre bei einem Klub, das gibt es eigentlich nicht mehr. Den ganzen Fußball von früher gibt es nicht mehr, sinniert Totti an seinem Geburtstag.

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Rechts neben Fiorella übrigens Papà Enzo. Der hat, wie in guten römischen Familien üblich, nicht ganz so viel zu melden, darf aber im Unterschied zu Francesco so viele Nudeln essen, wie er will. Man sieht es ein bisschen.

Hier ist die Frau, die dem Kapitän die Nudeln abzählt:

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Ilary, Showgirl im Berlusconi-Fernsehen und Mamma von drei Totti-Kindern, die alle genauso blond sind wie sie.

Die Stimmung war also fröhlich-familiär, wie es sich für einen Geburtstag gehört. Nur als die Bürgermeisterin Virgina Raggi von der Fünfsternbewegung Totti gratulierte, wurde es für einen Moment eisig. Zuerst flötete Raggi: „Ach, wir siezen uns jetzt?“, was heißen sollte, dass sie den superpopulären Totti in Wirklichkeit duzt. Das war sehr ranschmeißerisch und Totti siezte ungerührt weiter. Dann machte Raggi auf Kleinmädchen und erzählte, wie ihr Mann sich vergebens abmühte, ihr die Abseitsregeln zu erklären. Peinlich. Darüber kann im Jahr 2018 sogar in Italien kaum noch jemand lachen, schon gar nicht im Totti-Clan mit seinen Fußball-kompetenten Frauen.

Und außerdem – wenn eine noch nicht mal rafft, was Abseits ist… wie soll sie dann Rom regieren?

Mehr über den Totti-Geburtstag  in der SZ.

Massimo Arkadien

Was deutsche Fußball-Künstler in Italien machen, wissen wir: gerade nicht so viel. Aber was ist mit den anderen, den Dichtern, Malern, Komponisten? Um das herauszufinden, bin ich durch die Villa Massimo gestreift, Deutschlands edelste Künstlerakademie, die sich seit über hundert Jahren in Rom befindet. Ein Arkadien auf Zeit für neun glückliche Stipendiaten, die hier zehn Monate lang Tür an Tür wohnen, in einer beispiellosen Kreativkommune. Wie das da so ist, steht heute in der SZ.

Gäbe es die Villa Massimo nicht, man müsste sie erfinden!

 

Kicken mit 100

Mit ihrer Schwester Maria war unsere Nachbarin Rina Montebovi in dem großen Gründerzeitbau an der Piazza Vittorio Emanuele II. aufgewachsen, und hatte dort quasi ein ganzes Jahrhundert erlebt. Das Königreich, den Faschismus, den Krieg, bei dem in noch nicht einmal einem Kilometer Luftlinie entfernt hinter der Stazione Termini Bomben der Alliierten auf Häuser, die Kirche San Lorenzo und eine vollbesetzte Trambahn fielen, den anschließenden Schwarzmarkt unter den Bögen des größten Platzes von Rom. Und dann die Republik und deren Niedergang. Als sie zum ersten Mal wählen durfte, war Rina schon 33 und arbeitete als Bürokraft. Geheiratet haben sie und Maria nie. „Deshalb sind wir so alt geworden“, scherzte sie. Beide bestanden auf der Anrede Signorina.

Mit knapp hundert kickte Fräulein Rina auf der Dachterrasse mit den winzigen Kindern ihrer Haushaltshilfe aus Bangladesh. Zu diesem Haushalt der Schwestern Montebovi gehörten auch zwei Kanarienvögel, die Maria morgens in ihrem sorgfältig mit Zeitungspapier gegen die Sonne abgedeckten Käfig aufs Fensterbrett stellte. Sie rauchte dazu die erste von sehr vielen Zigarette, denn Maria Montebovi war Kettenraucherin und ist vielleicht deshalb nur 98 Jahre alt geworden. Rina hätte im April ihren 105. Geburtstag geschafft. Heute wurde sie beerdigt.

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Und das war dann eine der Gelegenheiten, bei denen die ur-römische Hausgemeinschaft von der Piazza Vittorio (hier ein Winterbild von 2012) zusammenkam, um in Erinnerungen zu schwelgen. Etwa die, als bei mir eines Nachmittags zwei Carabinieri klingelten und mich baten, bei den Schwestern für sie ein gutes Wort einzulegen. Rina war am Vormittag auf dem Weg zur Messe in der Metrostation ausgeraubt worden. Nun wollten die beiden Militärpolizisten sie dazu vernehmen, aber die Schwestern wollten ihnen die Tür nicht öffnen. Sie blieb auch verschlossen, als ich es dann versuchte. „Es sind wirklich Carabinieri“, schrie ich – die Nachbarinnen waren da schon sehr schwerhörig. „Es sind Männer“, schrie Rina zurück. „Und fremden Männern machen wir nicht auf. Nur, wenn sie mit hereinkommen!“ Das tat ich. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, als Aufpasserin für die italienische Polizei gebraucht zu werden?

Das Verhör war anstrengend, weil alle schreien mussten, was die Lungen hergaben. „Der spricht so komisch“, klagte Rina in voller Lautstärke über den älteren der beiden Carabinieri. „Ist der etwa Ausländer?!“ Er komme aus Neapel, erklärte der Polizist, leicht gekränkt. „Sag ich doch!“, gab Rina ungerührt zurück.

„Bis ich in Pension ging, habe ich mein Fahrrad immer noch in den 4. Stock getragen“, sagte sie, wenn ich schnaufend die Treppe hochkam.

Gute Reise, Signorina. Die Erde sei Ihnen leicht.

Schöner wohnen vor 1900 Jahren

Selbst im Spätherbst ist Rom heute von Touristen nachgerade überflutet. Sie stapeln sich vor dem Kolosseum, vor dem Vatikan, dem Trevibrunnen. Alles weltberühmte Monumente, also ist es natürlich verständlich, dass sie zum Pflichtprogramm der Reise gehören. Was viele nicht wissen: Es wird weiter gegraben, an vielen Stellen, dauernd. Immer wieder machen Archäologen wirklich sensationelle Funde. Dieser hier ist zwar schon seit einigen Jahren bekannt, aber nun gibt es ein tolles Video davon. Es handelt sich um das Privathaus von Trajan auf dem Aventin. Der aus Spanien stammende Trajan (53-117) lebte dort, bevor er 98 Kaiser wurde.

Auf dem Video sieht man, wie die Archäologen durch eine Öffnung der Kanalisation in die antike Villa hinabsteigen. Jetzt könnte ich mich darüber verbreiten, welche Kanaldeckel stadtbekannt sind als geheime Eingangspforten zu unterirdischen antiken Prunksälen. Tue ich nicht. Es gibt ja zum Glück sehr viele offizielle Tore zur einzigartigen Wunderwelt des alten Rom. Vom Thermenmuseum bis zum Palazzo Altemps, zu schweigen von den Kapitolinischen Museen. Und den Trajansmarkt, den Palazzo Massimo, und und und.

Da hat man, unglaublich aber wahr, auch mitten in der Saison seine Ruhe. Im Winter aber sind es magische Orte, an denen man ein Gefühl bekommt für die vielen Schichten der Stadt, für die Wurzeln Europas und für die eigene Vergänglichkeit.

Schande

Die „Irriducibili“, eine so genannte Ultras-Gruppe von Lazio, kleben während des Ligaspiels Lazio-Cagliari antisemitische Sprüche und Fotomontagen von Anne Frank im Roma-Hemd an die Südkurve des Olympiastadions. Das ist eigentlich die Tribüne der Roma-Fans. Die Laziali, deren eigene Kurve gesperrt ist, durften dort gestern das Heimspiel ihrer Mannschaft sehen.

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Muss man diese Sprüche übersetzen? Romanista Jude. Romanista Schwuchtel. Und daneben das arme, ermordete Mädchen.

Es ist eine Schande. Es ist zum Kotzen. Diese Typen hatten sich vor Jahren auch mal auf meine Fersen geheftet, weil ich kritisch über sie berichtet hatte. War nicht lustig. Meine Kinder waren damals noch klein.

Ihre Rädelsführer haben wegen Körperverletzung und Drogenhandels im Knast gesessen, das Stadion dürfen sie nicht betreten. Aber sie finden offenbar genügend Helfershelfer.

Und wer meint, es handele sich um die Ränder der Gesellschaft: Vor wenigen Wochen wurde im Parlament eine Gesetzesvorlage zum Verbot neofaschistischer Propanda diskutiert. Dagegen waren: Berlusconi, Lega Nord, Rechtskonservative – und die Fünfstern-„Bewegung.“ Letztere fand, ein Gesetz gegen neofaschistische Hetze beschränke die Meinungsfreiheit.

 

Der Gott als Lehrling

Francesco Totti hat die längsten Ferien seit seiner Schulzeit beendet. Und arbeitet wieder, wie schon seit 25 Jahren, bei der Roma. Aber jetzt trägt er lange Hosen.

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Totti spielt nicht mehr, er ist Lehrling im Management (der Herr links ist kein Leibwächter, sondern der neue Sportdirektor Monchi).

Nein, wir sind auch nicht glücklich darüber. Kinder, wie die Zeit vergeht.

Kopf hoch, Capitano!