Schöner wohnen vor 1900 Jahren

Selbst im Spätherbst ist Rom heute von Touristen nachgerade überflutet. Sie stapeln sich vor dem Kolosseum, vor dem Vatikan, dem Trevibrunnen. Alles weltberühmte Monumente, also ist es natürlich verständlich, dass sie zum Pflichtprogramm der Reise gehören. Was viele nicht wissen: Es wird weiter gegraben, an vielen Stellen, dauernd. Immer wieder machen Archäologen wirklich sensationelle Funde. Dieser hier ist zwar schon seit einigen Jahren bekannt, aber nun gibt es ein tolles Video davon. Es handelt sich um das Privathaus von Trajan auf dem Aventin. Der aus Spanien stammende Trajan (53-117) lebte dort, bevor er 98 Kaiser wurde.

Auf dem Video sieht man, wie die Archäologen durch eine Öffnung der Kanalisation in die antike Villa hinabsteigen. Jetzt könnte ich mich darüber verbreiten, welche Kanaldeckel stadtbekannt sind als geheime Eingangspforten zu unterirdischen antiken Prunksälen. Tue ich nicht. Es gibt ja zum Glück sehr viele offizielle Tore zur einzigartigen Wunderwelt des alten Rom. Vom Thermenmuseum bis zum Palazzo Altemps, zu schweigen von den Kapitolinischen Museen. Und den Trajansmarkt, den Palazzo Massimo, und und und.

Da hat man, unglaublich aber wahr, auch mitten in der Saison seine Ruhe. Im Winter aber sind es magische Orte, an denen man ein Gefühl bekommt für die vielen Schichten der Stadt, für die Wurzeln Europas und für die eigene Vergänglichkeit.

Schande

Die „Irriducibili“, eine so genannte Ultras-Gruppe von Lazio, kleben während des Ligaspiels Lazio-Cagliari antisemitische Sprüche und Fotomontagen von Anne Frank im Roma-Hemd an die Südkurve des Olympiastadions. Das ist eigentlich die Tribüne der Roma-Fans. Die Laziali, deren eigene Kurve gesperrt ist, durften dort gestern das Heimspiel ihrer Mannschaft sehen.

annefrank

Muss man diese Sprüche übersetzen? Romanista Jude. Romanista Schwuchtel. Und daneben das arme, ermordete Mädchen.

Es ist eine Schande. Es ist zum Kotzen. Diese Typen hatten sich vor Jahren auch mal auf meine Fersen geheftet, weil ich kritisch über sie berichtet hatte. War nicht lustig. Meine Kinder waren damals noch klein.

Ihre Rädelsführer haben wegen Körperverletzung und Drogenhandels im Knast gesessen, das Stadion dürfen sie nicht betreten. Aber sie finden offenbar genügend Helfershelfer.

Und wer meint, es handele sich um die Ränder der Gesellschaft: Vor wenigen Wochen wurde im Parlament eine Gesetzesvorlage zum Verbot neofaschistischer Propanda diskutiert. Dagegen waren: Berlusconi, Lega Nord, Rechtskonservative – und die Fünfstern-„Bewegung.“ Letztere fand, ein Gesetz gegen neofaschistische Hetze beschränke die Meinungsfreiheit.

 

Der Gott als Lehrling

Francesco Totti hat die längsten Ferien seit seiner Schulzeit beendet. Und arbeitet wieder, wie schon seit 25 Jahren, bei der Roma. Aber jetzt trägt er lange Hosen.

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Totti spielt nicht mehr, er ist Lehrling im Management (der Herr links ist kein Leibwächter, sondern der neue Sportdirektor Monchi).

Nein, wir sind auch nicht glücklich darüber. Kinder, wie die Zeit vergeht.

Kopf hoch, Capitano!

Freiheitsberaubung

Heute im Parlament: Die Fünfstern-„Bewegung“ des komischen Komikers Grillo lehnt einen Gesetzentwurf zur Strafverfolgung neofaschistischer Propaganda mit dem Argument ab, das sei „freiheitsberaubend.“

Jeder hat das Recht auf persönliche Ahnungslosigkeit, daran wollen wir hier gar nicht deuteln. Aber wer sich in einer Demokratie zum Volksvertreter bestellen lässt, der sollte wenigstens annähernd wissen, was links und rechts, Freiheit und Diktatur, Regierung und Regime bedeuten (die Grillini plappern gern vom Renzi-Regime). Der sollte vielleicht auch ungefähr wissen, was sich in Italien, Europa und der Welt ereignet hat in den Jahren 1922-1945. Um dann womöglich auch nicht gar so dumm daher zu schwätzen, wenn es um Flüchtlinge geht, die die Fünfstern-Leute neuerdings als persönliche Freiheitsberaubung und Bedrohung der Italiener empfinden.

A propos Europa: Man wird sich noch die Haare raufen nach der Italienwahl 2018, falls es tatsächlich zur Koalition von Grillo und Lega Nord kommen sollte. Die Lega ist selbstredend auch gegen Strafe für Faschisten, weil es „unsinnig ist, im Jahre 2017 noch eine Meinungsäußerung unter Strafe zu stellen.“

Tja, rechts unten im Trüben fischen alle gern. A propos fischen: Die historische Leistung der Fünfstern-„Bürgermeisterin“ Raggi besteht darin, dass sie Rom nach 2000 Jahren gerade das Gratis-Wasser abdreht. Kaiser und Päpste, Kommunisten und Faschisten hatten die städtischen Trinkwasserbrunnen für Durstige aus aller Welt fließen lassen, zuletzt gab es in ganz Rom noch rund 2800. Unsere Tochter, die gerade am Fuße des Palatin in der römischen Urgeschichte buddelt, füllt an einem dieser Brunnen ihre Wasserflasche. Ob Archäologen, Bauarbeiter, Passanten oder Touristen – alle haben Erfrischung nötig in einem Rekordsummer mit Dauerhitze seit Mitte Mai.

Pure Verschwendung, befanden die Handlanger des komischen Komikers. Und drehen gerade täglich 80 Hähne ab.

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Rom ohne fließende Brunnen, kann man sich etwas Traurigeres vorstellen? Die gesparte Wassermenge ist übrigens minimal. Aber die Botschaft, die ist geballt angekommen.

 

Addio Valentino

Heute ist Valentino Parlato gestorben, einer der großen Alten Italiens, Journalist und „sein Leben lang Kommunist“, wie seine Zeitung „Il Manifesto“ ihn erinnert. Parlato wurde 1931 in Tripolis geboren und als 20jähriger aus Libyen vertrieben. Zu seinem Glück, wie er später gestand. Doch die Affinität zu Libyen blieb, er brachte neben Werken von Engels, Lenin, Gramsci auch eine Sammlung von Erzählungen des Oberst Gaddafi heraus. Das war noch sehr viel merkwürdiger als die Tatsache, dass Gaddafi Jahre lang Anteilseigner bei FIAT und auch bei Juventus war – letzteres nutzte er, um einen seinen Söhne in der Mannschaft unterzubringen. Das klappte nicht, Gaddafi jun. spielte stattdessen für den AC Perugia.

Valentino Parlato wurde 1969 aus der KPI geworfen, weil er die Partei dafür attackierte, dass sie den sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei nicht verdammt hatte. Heute wird, in der nostalgischen Verklärung des italienischen Kommunismus, oft vergessen, wie stalinistisch die Genossen waren. Parlato ging seinen eigenen Weg und die von ihm mit begründete Tageszeitung „Il Manifesto“ wurde zum Sprachrohr der Linksalternativen, als die TAZ noch als Quark im Schaufenster lag. Journalistisch galt das Blatt bald als anspruchsvoll – die Manifesto-Redakteurin Giuliana Sgrena etwa berichtete bis zu ihrer Entführung im Irak 2005 auch für die ZEIT über die muslimisch-iranische Welt und von verschiedenen Kriegsschauplätzen.

Inzwischen gibt es die KPI schon lange nicht mehr, und dem Manifesto geht es ziemlich schlecht. Ein Wunder, dass er überhaupt noch erscheint. Parlato hatte sich zuletzt von der Zeitung distanziert, wie das oft geschieht, wenn die Schöpfer ihre eigenen Geschöpfe nicht mehr verstehen.

Man traf ihn im Viertel, einen leise-ironischen, stets lässig-elegant gekleideten, zierlichen Signore. Wenn er einkaufen ging, orderte er alles von der Ladentür aus, damit er seine Zigarette nicht ausmachen musste. Parlato rauchte 80 Zigaretten am Tag und trank vom späten Vormittag an eigentlich nichts anderes als Weißwein. In Talkshows ging er nie, nur selten zu den Terrassenfesten der römischen Linken. Dann saß er meist als stiller Beobachter am Rande und sah seinen Rauchwolken nach.

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Auf der Piazza

Heute  nachmittag, auf der Piazza Vittorio Emanuele II., mitten in Rom. Das Faschismus-Plakat stammt von der rechtsextremen „Casa Pound“, das Schild mit den italienischen Produkten von einem Straßenhändler aus Bangladesh, der seinen Stand mit Klamotten gleich darunter aufgebaut hat.

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Der Gentleman muss gehen

Zugegeben, ich bin ein Fan von Claudio Ranieri. Einfach deshalb, weil die feinen Menschen nicht nur im Fußball so verdammt selten geworden sind. Die Welt ist halt voller Wichtigtuer und Schreihälse, in der Politik sowieso und in den Redaktionen… ach, lassen wir das, kann ja jeder selber lesen.

Jedenfalls war es wundervoll, dass der Leisetreter Ranieri aus Testaccio mit dem Außenseiterklub Leicester Meister geworden ist. Und dass sie ihn jetzt so schnöde entlassen haben, ist einfach nur haarsträubend undankbar. Sicher, er hätte im Sommer gehen können, gleich nach dem Titelgewinn. Aber gerade dass er das nicht getan hat, obwohl er genau wusste, dass der Niedergang unausweichlich sein würde, spricht doch für Ranieri. Der vielleicht gar keinen neuen Job suchen wird, es reicht ja jetzt auch. Leicester aber wird schnell wieder in der Versenkung verschwinden, nunmehr ganz ohne unsere Sympathie.