Posto alle poste

Die Empfangnahme eines Einschreibens zu verpassen, bedeutet in Rom, Stunden zu verlieren.  Zwei (!) Werktage nach der verpassten Zustellung wird der Brief in einem Postamt deponiert und wartet dort 30 Tage lang auf Abholung.

Leider ist das Postamt aber nie das nächstgelegene, das 200 Meter von zu Hause entfernt liegt und wo so viele junge Leute mit Migrationshintergrund arbeiten, dass es nach meiner empirischen Schätzung das schnellste Postamt der Stadt ist.

Mein Einschreiben wartet an der Piazza della Repubblica, zwei Metrostationen weiter, wie gut, dass die Metro nach nur acht Monaten Pause wieder funktioniert. So lange hat es gedauert, nach einem Rolltreppenunfall die Station wieder auf Vordermann zu bringen.

Aber ich schweife ab. Das Postamt hier ist groß, modern, hell. Und leer, gähnend leer. Drei Wartende für zehn Schalter, an denen – empirische Schätzung – nur Italiener ohne Migrationshintergrund arbeiten. Ich ziehe meinen Wartezettel und setze mich. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Fünfzehn Minuten. Nach 20 Minuten wird meine Nummer aufgerufen.

Buongiorno.

Keine Antwort. Stumm und ohne mich anzuschauen nimmt der Mann am Schalter Zustellungszettel und Personalausweis entgegen. Er überlegt. Steht nach einer Weile auf. Verschwindet für fünf Minuten, kommt zurück und lässt sich laut stöhnend auf seinen Stuhl fallen.

Anstrengend was? sage ich.

Wie bitte?

Ich sagte: Anstrengend.

Und wie! Sie haben ja keine Vorstellung.

Ich nehme meinen Brief, sage danke, wünsche einen guten Tag.

Arrivederci, sagt er müde.

In Italien ist „un posto alle poste“ sprichwörtlich geworden. Einen Arbeitsplatz bei der Post zu haben, das war der Traum von Generationen. Bombensicherer Job.

Aber Spaß scheint er wirklich nicht zu machen.

Salonfähig

Während die neue italienische Regierung die Vertrauens-Abstimmungen in den beiden Parlamentskammern absolviert, mobilisiert die Rechte die Piazza. Salvinis Lega, die neofaschistischen „Brüder Italiens“ und noch radikalere Kleinstparteien wollen einen „Belagerungseffekt“ für die neue Koalition herstellen.

 

download

Deren Parlamentarier sollen den Druck der Straße fühlen, weil sie dem Volk angeblich Neuwahlen vorenthalten haben. Dieses Märchen verbreitet die Rechte, seit Salvini in seinem beispiellosen Allmachts-Delirium die Koalition Lega-Fünf Sterne platzen ließ. Das Parlament erwachte daraufhin, genau wie in England, aus seinem Koma. Und die Scheintoten gebaren eine neue Regierung. Die Fünf Sterne, Wahlsieger von 2018, verbündeten sich erstaunlich rasch und schmerzlos mit der Demokratischen Partei, die vor einem Jahr zweitstärkste Kraft geworden war. Italien erwacht gerade aus einem Alptraum, mit dem Gefühl, gerade nochmal am Abgrund vorbei geschrammt zu sein. Was bleibt, ist die Frage: Wie konnte es nur geschehen, dass die siebtgrößte Industrienation der Welt sich innerhalb von 14 Monaten einem rechten Hetzer ausgeliefert hat?

Diese Gefahr ist noch nicht gebannt. Der „Belagerungseffekt“ ist da. Und er fühlt sich gruselig an. Noch nie durften vor dem Parlament in Rom Rechtsradikale unbehelligt aufmarschieren, noch nie sah man im Zetrum der demokratischen Macht so viele dreist emporgereckte rechte Arme.

images

Der so genannte „römische Gruß“, den Mussolini einst vorschrieb und Hitler prompt kopierte, ist in Italien verboten. Im Fußballstadion wird er geahndet, auf der Straße nicht. Neofaschistische Propaganda wurde immer geduldet, Salvini hat, indem er ständig mit seinen Slogans spielt, den Neofaschismus endgültig wieder salonfähig gemacht. Seine Verhöhnung des Antifaschismus hat Methode, seine Hetze gegen die Demokratie trägt täglich neue Früchte. Zum Beispiel im Stadion, wo die rechten „Ultras“ wieder Oberwasser haben und sogar Weltstars wie dem Belgier Lukaku ihre wirren Regeln diktieren wollen.

EEBXpQAWsAA2di-

Die Polizei, die noch vor kurzem den harmlosen Protest gegen Salvini verfolgte und rund um die Plätze, auf denen der Innenminister auftrat, aus den Fenstern gehängte Bettlaken mit satirischen Sprüchen konfiszieren ließ – sie tat diesmal: nichts. Auch nicht, als der Faschistengruß den Polizisten quasi ins Gesicht gestoßen wurde, wie das Foto oben zeigt.

Der italienische Herbst wird also denkbar ungemütlich. Immerhin: Während auf der Piazza Montecitorio die Faschisten aufmarschierten, blockierten Facebook und Instagram endlich die Accounts der beiden Gruppierungen „Casa Pound“ und „Forza Nuova.“ Deren Führer jubelten Salvini zu, als ihre Websites wegen Volksverhetzung gesperrt wurden. Zuckerberg hat also getan, was Italiens Politik und Justiz seit Jahren sträflich versäumen: Den rechten Staatsfeinden die Plattform entziehen.

 

Seine Eminenz Robin Hood

In Deutschland sind Frauen im Kirchenstreik, um ihre Forderungen nach Gleichberechtigung in der katholischen Kirche zu unterstreichen. Maria 2.0. Das ist sicher wichtig, auch wenn ich es als Nicht-Gläubige nicht ganz verstehen kann. Gleichberechtigung bei den Katholiken hieße doch dann auch, dass Frauen Päpstin werden können, oder? Aber wäre das dann noch die katholische Kirche? Die mit dem Anspruch auf Alleinseligmachung und der strikten Heiligen-Hierarchie? Wir werden sehen. Es ist jedenfalls ein spannender Kulturkampf, der sich allerdings auf die protestantisch geprägten Länder nördlich der Alpen beschränkt.

Südlich der Alpen passiert derweil so etwas: Der Verantwortliche der Päpstlichen Almosenverwaltung, Kurienkardinal Konrad Krajewski, fährt an einem Samstag mit einem Lieferwagen voller Spielzeug und Kinderkleidung zu einem besetzten Haus an der Via di Santa Croce in Gerusalemme unweit der Lateransbasilika. Er steigt aus, verteilt das Spielzeug unter den 100 Kindern. Insgesamt leben in dem Gebäude, das mal Büros der staatlichen Sozialversicherungsanstalt beherbergte, 170 Familien, insgesamt 450 Personen. Flüchtlinge, italienische Wohnungslose, kurz: Arme Menschen aus aller Welt, die in Rom keine andere Bleibe gefunden haben und von denen die wenigsten katholische Christen sind.

Für (von der Caritas) geschätzte 14.000 Wohnungslose gibt es derzeit 2000 Schlafplätze. Von Wohnungen mal ganz zu schweigen. In der letzten Woche kam es an der Peripherie zu Tumulten, als eine 14-köpfige (!) Roma-Familie eine ihr zugewiesene Sozialwohnung bezog. Auf der Straße vor der Wohnung machten Neofaschisten Radau und bedrohten die Roma. Einer von ihnen schrie einer Frau ins Gesicht: „Ich werde dich vergewaltigen, du Nutte.“ Über die asozialen Netzwerke wies Innenminister Matteo Salvini darauf hin, dass Sozialwohnungen gefälligst an Italiener zu gehen hätten und nicht an Roma. Das ist das Klima in diesem eiskalten Mai. Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi wurde von ihrem Fünfstern-Parteiführer, Wirtschafts- und Sozialminister Luigi Di Maio zurecht gewiesen, weil sie es gewagt hatte, die bedrängte Roma-Familie zu verteidigen. „Zuerst kümmern wir uns um die Italiener“, sagte Di Maio. Papst Franziskus lud die Verfemten spontan zu einer Audienz in den Vatikan ein. Die Familie ist muslimischen Glaubens.

Krajewski hat kaum die Geschenke verteilt, da zieht er sich einen Blaumann an und steigt in den Keller. Mit einer dicken Taschenlampe, denn in dem Gebäude wurde vor sechs Tagen der Strom abgestellt. Die Hausbesetzer hatten die Leitung angezapft und natürlich die Rechnungen nicht bezahlt. Erstens kamen diese Rechnungen logischerweise nicht bei ihnen an, schließlich sind sie Besetzer und nicht Besitzer. Zweitens hätten sie sowieso kein Geld. Als sich in sechs Jahren 300.000 Euro angehäuft haben, kappt der Versorgerbetrieb den Strom.

Sechs Tage ohne Licht, Kühlschrank und warmes Wasser sind eine lange Zeit. Zu lange für die Familien, entscheidet Seine Eminenz. Er wird bei der Polizeipräfektin vorstellig. Die sagt, sie kann nichts machen, es wäre gegen das Gesetz. Also stellt der Kardinal im Blaumann den Strom für die Rechtlosen eigenhändig wieder an. Er kann das, er hat es gelernt, bevor er Priester wurde in Polen.

„Dann soll er jetzt auch die Stromrechnung bezahlen“, hetzt Matteo Salvini. Er will alle besetzten Häuser in Rom räumen lassen – außer jenem Palazzo, in dem seit Jahren illegal die Neofaschisten von „Casa Pound“ hausen. Nichtbezahlte Stromrechnungen über 210.000 Euro. Die Bürgermeisterin hat längst einen Räumungsbefehl ausgegeben, aber Innenminister Salvini stellt sich quer: „Ich sehe keine Priorität.“ Schon klar, sind ja echte Italiener. Genau wie die Brüder der rechtsextremen „Forza Nuova“, ebenfalls Salvinis Verbündete. Die sind am Sonntag vor der Peterskirche aufmarschiert, mit einem riesigen Spruchband gegen Papst Franziskus. Soviel zum Kulturkampf in Rom.

Am Tag nach dem Handwerkereinsatz des Kardinals Krajewski zeigt sich die Stadtverwaltung zu Verhandlungen bereit. Man wird eine Lösung finden für die Stromrechnung der Hausbesetzer.

In Deutschland Maria 2.0, in Italien Konrad 1.0.

Passt.

 

 

Auguri Capitano

Francesco Totti feiert seinen 42. Geburtstag mit der Vorstellung seiner Autobiographie im Kolosseum. Ganz große Fußballoper.

abendkollosseum

Ich dachte ja: Eine Riesenveranstaltung. Aber schon unter dem Konstantinsbogen, wo die Einlasskontrolle stand, dämmerte mir, dass es so groß nicht werden würde. Es gab nämlich keine Schlange. Also schwungvoll um die halbe Arena, schnell noch Daniele De Rossi überholt. Und dann: siehe oben. Eine kleine Bühne im riesigen Amphitheater. Knapp 200 Gäste für den capitano. Und ich einzige Ausländerin neben Vincent Candela. Ach, Quatsch, Ausland. Nirgends sind wir Römer derart Römer wie mit Totti. Im Kolosseum!

Zuerst mal sprechen zwei Frauen. Die Direktorin des Archäologischen Parks um Kolosseum und Forum Romanum und die Präsidentin des Kinderkrankenhauses Bambin Gesù. Der Verkaufserlös des Totti-Buchs fließt in die Restaurierung antiker Statuen auf dem Palatin und in die Betreuung krebskranker Jugendlicher. Die beiden Signoras, alles andere als Fußball-affin, übertreffen sich in ihrer Verehrung für Totti. Die erste sagt: Eine Ikone der Neoklassik und ein Vorbild für die Jugend. Die zweite: Gehört bei uns zur Familie.

Kann man sich das in Deutschland bei der Vorstellung von, sagen wir, Lahm-Memoiren, vorstellen?

Kann man nicht.

tottibuch1

Das hier ist eine andere Liga. Für Totti, so steht’s im Buch, hat ein bereits entlassener Häftling seinen Aufenthalt im römischen Gefängnis um eine Woche verlängert, weil er sonst den Besuch des capitano verpasst hätte. Sie lauern Totti vor Restaurants auf, sie springen auf sein Auto, nur um an die Windschutzscheibe zu klopfen. Sie haben den Fußabtreter der elterlichen Wohnung an der Via Vetulonia dreimal in einer Woche geklaut, weil der heilige Fuß darauf gestanden hatte.

Neben dem capitano gibt es an diesem Abend viele alte Bekannte.

prandelliranieri

Etwa diese beiden Herren, Cesare Prandelli und Claudio Ranieri.  Und dann natürlich Antonio Cassano, der dereinst von Familie Totti quasi adoptiert wurde, sich dann aber mit Francesco zerstritt, als er argwöhnte, dessen Haushälterin habe ihm seinen Gehaltsscheck gestohlen. Tage später fand der chaotische Cassano den Scheck in seinem Auto wieder.

tottiacassano

Die Familie Totti ist Roms first family, quasi als Nachfolgerin der Julisch-Claudischen Sippe von Cäsar, Augustus und Konsorten. Mamma Fiorella, hier links im Bild, ist die Chefin. Aus Angst, ihr beibringen zu müssen, dass er zu Real Madrid wechselt, sagte Totti den Königlichen zwei Mal ab und blieb lieber in Rom. 25 Jahre bei einem Klub, das gibt es eigentlich nicht mehr. Den ganzen Fußball von früher gibt es nicht mehr, sinniert Totti an seinem Geburtstag.

tottieltern

Rechts neben Fiorella übrigens Papà Enzo. Der hat, wie in guten römischen Familien üblich, nicht ganz so viel zu melden, darf aber im Unterschied zu Francesco so viele Nudeln essen, wie er will. Man sieht es ein bisschen.

Hier ist die Frau, die dem Kapitän die Nudeln abzählt:

ilary

 

Ilary, Showgirl im Berlusconi-Fernsehen und Mamma von drei Totti-Kindern, die alle genauso blond sind wie sie.

Die Stimmung war also fröhlich-familiär, wie es sich für einen Geburtstag gehört. Nur als die Bürgermeisterin Virgina Raggi von der Fünfsternbewegung Totti gratulierte, wurde es für einen Moment eisig. Zuerst flötete Raggi: „Ach, wir siezen uns jetzt?“, was heißen sollte, dass sie den superpopulären Totti in Wirklichkeit duzt. Das war sehr ranschmeißerisch und Totti siezte ungerührt weiter. Dann machte Raggi auf Kleinmädchen und erzählte, wie ihr Mann sich vergebens abmühte, ihr die Abseitsregeln zu erklären. Peinlich. Darüber kann im Jahr 2018 sogar in Italien kaum noch jemand lachen, schon gar nicht im Totti-Clan mit seinen Fußball-kompetenten Frauen.

Und außerdem – wenn eine noch nicht mal rafft, was Abseits ist… wie soll sie dann Rom regieren?

Mehr über den Totti-Geburtstag  in der SZ.

Massimo Arkadien

Was deutsche Fußball-Künstler in Italien machen, wissen wir: gerade nicht so viel. Aber was ist mit den anderen, den Dichtern, Malern, Komponisten? Um das herauszufinden, bin ich durch die Villa Massimo gestreift, Deutschlands edelste Künstlerakademie, die sich seit über hundert Jahren in Rom befindet. Ein Arkadien auf Zeit für neun glückliche Stipendiaten, die hier zehn Monate lang Tür an Tür wohnen, in einer beispiellosen Kreativkommune. Wie das da so ist, steht heute in der SZ.

Gäbe es die Villa Massimo nicht, man müsste sie erfinden!

 

Kicken mit 100

Mit ihrer Schwester Maria war unsere Nachbarin Rina Montebovi in dem großen Gründerzeitbau an der Piazza Vittorio Emanuele II. aufgewachsen, und hatte dort quasi ein ganzes Jahrhundert erlebt. Das Königreich, den Faschismus, den Krieg, bei dem in noch nicht einmal einem Kilometer Luftlinie entfernt hinter der Stazione Termini Bomben der Alliierten auf Häuser, die Kirche San Lorenzo und eine vollbesetzte Trambahn fielen, den anschließenden Schwarzmarkt unter den Bögen des größten Platzes von Rom. Und dann die Republik und deren Niedergang. Als sie zum ersten Mal wählen durfte, war Rina schon 33 und arbeitete als Bürokraft. Geheiratet haben sie und Maria nie. „Deshalb sind wir so alt geworden“, scherzte sie. Beide bestanden auf der Anrede Signorina.

Mit knapp hundert kickte Fräulein Rina auf der Dachterrasse mit den winzigen Kindern ihrer Haushaltshilfe aus Bangladesh. Zu diesem Haushalt der Schwestern Montebovi gehörten auch zwei Kanarienvögel, die Maria morgens in ihrem sorgfältig mit Zeitungspapier gegen die Sonne abgedeckten Käfig aufs Fensterbrett stellte. Sie rauchte dazu die erste von sehr vielen Zigarette, denn Maria Montebovi war Kettenraucherin und ist vielleicht deshalb nur 98 Jahre alt geworden. Rina hätte im April ihren 105. Geburtstag geschafft. Heute wurde sie beerdigt.

DSC_0136

Und das war dann eine der Gelegenheiten, bei denen die ur-römische Hausgemeinschaft von der Piazza Vittorio (hier ein Winterbild von 2012) zusammenkam, um in Erinnerungen zu schwelgen. Etwa die, als bei mir eines Nachmittags zwei Carabinieri klingelten und mich baten, bei den Schwestern für sie ein gutes Wort einzulegen. Rina war am Vormittag auf dem Weg zur Messe in der Metrostation ausgeraubt worden. Nun wollten die beiden Militärpolizisten sie dazu vernehmen, aber die Schwestern wollten ihnen die Tür nicht öffnen. Sie blieb auch verschlossen, als ich es dann versuchte. „Es sind wirklich Carabinieri“, schrie ich – die Nachbarinnen waren da schon sehr schwerhörig. „Es sind Männer“, schrie Rina zurück. „Und fremden Männern machen wir nicht auf. Nur, wenn sie mit hereinkommen!“ Das tat ich. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, als Aufpasserin für die italienische Polizei gebraucht zu werden?

Das Verhör war anstrengend, weil alle schreien mussten, was die Lungen hergaben. „Der spricht so komisch“, klagte Rina in voller Lautstärke über den älteren der beiden Carabinieri. „Ist der etwa Ausländer?!“ Er komme aus Neapel, erklärte der Polizist, leicht gekränkt. „Sag ich doch!“, gab Rina ungerührt zurück.

„Bis ich in Pension ging, habe ich mein Fahrrad immer noch in den 4. Stock getragen“, sagte sie, wenn ich schnaufend die Treppe hochkam.

Gute Reise, Signorina. Die Erde sei Ihnen leicht.

Schöner wohnen vor 1900 Jahren

Selbst im Spätherbst ist Rom heute von Touristen nachgerade überflutet. Sie stapeln sich vor dem Kolosseum, vor dem Vatikan, dem Trevibrunnen. Alles weltberühmte Monumente, also ist es natürlich verständlich, dass sie zum Pflichtprogramm der Reise gehören. Was viele nicht wissen: Es wird weiter gegraben, an vielen Stellen, dauernd. Immer wieder machen Archäologen wirklich sensationelle Funde. Dieser hier ist zwar schon seit einigen Jahren bekannt, aber nun gibt es ein tolles Video davon. Es handelt sich um das Privathaus von Trajan auf dem Aventin. Der aus Spanien stammende Trajan (53-117) lebte dort, bevor er 98 Kaiser wurde.

Auf dem Video sieht man, wie die Archäologen durch eine Öffnung der Kanalisation in die antike Villa hinabsteigen. Jetzt könnte ich mich darüber verbreiten, welche Kanaldeckel stadtbekannt sind als geheime Eingangspforten zu unterirdischen antiken Prunksälen. Tue ich nicht. Es gibt ja zum Glück sehr viele offizielle Tore zur einzigartigen Wunderwelt des alten Rom. Vom Thermenmuseum bis zum Palazzo Altemps, zu schweigen von den Kapitolinischen Museen. Und den Trajansmarkt, den Palazzo Massimo, und und und.

Da hat man, unglaublich aber wahr, auch mitten in der Saison seine Ruhe. Im Winter aber sind es magische Orte, an denen man ein Gefühl bekommt für die vielen Schichten der Stadt, für die Wurzeln Europas und für die eigene Vergänglichkeit.

Schande

Die „Irriducibili“, eine so genannte Ultras-Gruppe von Lazio, kleben während des Ligaspiels Lazio-Cagliari antisemitische Sprüche und Fotomontagen von Anne Frank im Roma-Hemd an die Südkurve des Olympiastadions. Das ist eigentlich die Tribüne der Roma-Fans. Die Laziali, deren eigene Kurve gesperrt ist, durften dort gestern das Heimspiel ihrer Mannschaft sehen.

annefrank

Muss man diese Sprüche übersetzen? Romanista Jude. Romanista Schwuchtel. Und daneben das arme, ermordete Mädchen.

Es ist eine Schande. Es ist zum Kotzen. Diese Typen hatten sich vor Jahren auch mal auf meine Fersen geheftet, weil ich kritisch über sie berichtet hatte. War nicht lustig. Meine Kinder waren damals noch klein.

Ihre Rädelsführer haben wegen Körperverletzung und Drogenhandels im Knast gesessen, das Stadion dürfen sie nicht betreten. Aber sie finden offenbar genügend Helfershelfer.

Und wer meint, es handele sich um die Ränder der Gesellschaft: Vor wenigen Wochen wurde im Parlament eine Gesetzesvorlage zum Verbot neofaschistischer Propanda diskutiert. Dagegen waren: Berlusconi, Lega Nord, Rechtskonservative – und die Fünfstern-„Bewegung.“ Letztere fand, ein Gesetz gegen neofaschistische Hetze beschränke die Meinungsfreiheit.