Familientribüne

Juventus und Milan tragen das Match um den Ligapokal in Dschidda, Saudi Arabien, aus. Mit im Stadion: Mehr als 10.000 Frauen. Erstmals durften sie auch ohne männliche Begleitung an einem Sporteignis teilnehmen, allerdings nur im zugewiesenen Bereich auf der „Familientribüne.“ Einfach alles für alle zugänglich machen, das gibt es bei den Saudis nicht. Wäre ja noch schöner.

In den Tagen vor dem Match inszenierte die italienischen Presse eine massive Werbekampagne. Eigens entsandte Sportreporterinnen interviewten saudische Frauen zum Thema und alle sagten mehr oder weniger das gleiche: Ihr Westler versteht das nicht, für uns ist es ein großer Schritt, wir dürfen erst seit 2018 überhaupt in die Stadien, der Fußball befördert unsere Emanzipation, etc.

Ich finde, da geht noch was. Und durchaus ein bisschen schneller. Im übrigen muss man jetzt auch nicht so tun, als würde der Ligapokal bei den Saudis gespielt, um dort der Frauenemanzipation auf die Sprünge zu helfen. Es geht, natürlich, um Kohle. Viel Kohle, die noch mehr geworden wäre, wenn man bei Vertragsabschluss schon gewusst hätte, dass für Juve der Frauenfreund CR7 spielt.

Italienische Fans, egal ob Männer oder Familientribüne, sucht man in Dschidda vergeblich. Wer soll sich das leisten können, mal eben für ein vollkommen unbedeutendes Spiel nach Saudi-Arabien? Aber für die Fans spielen Juve und Milan heute abend auch nicht.

Siehe oben.

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Alle zu Laura

In der Reihe: Verteidiger des italienischen Rechtsstaates geht es erfreulicherweise schon heute weiter, mit dem Urteil eines Amtsgerichts in Savona. Ein Dorfbürgermeister (847 EinwohnerInnen) wurde zu einer Buße von 20.000 Euro verurteilt plus Zahlung von weiteren 20.000 Euro Schmerzensgeld, weil er 2017 in den asozialen Netzwerken über die damalige Parlamentspräsidentin Laura Boldrini fantasiert hatte.

Der Mann, ein Politiker der Lega (Nord), hatte nach der Gruppenvergewaltigung in Rimini durch vier Afrikaner geschrieben, die vier Vergewaltiger sollten ihre Haftstrafe in der Wohnung von Boldrini verbringen, „hoffentlich bringen sie sie zum Lächeln.“ Für die Richter klare Hetze. Ein diffamierender Einschüchterungsversuch, einer von vielen, die Boldrini als Parlamentspräsidentin ertragen musste. Die linke Politikerin war früher eine Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfwerks UNHCR und ist deshalb seit jeher bei den italienischen Rechten und bei den Fünf Sternen verhasst. In ihrer Zeit als Vorsitzende war sie auf Facebook und Twitter massiv mit Mord- und Vergewaltigungsdrohungen überzogen worden. Boldrini hatte einige der digitalen Hetzer angezeigt und aus ihrer Anonymität reißen können. Der ultrarechte Dorfbürgermeister hatte es gar nicht für nötig befunden, sich zu verstecken.

Der Facebook-Brutalinski von der Lega erklärte vor Gericht ungerührt, wer wie Boldrini der Einwanderung Tür und Tor öffne, lade damit implizit auch Verbrecher ins Land ein.  Deshalb habe er Boldrini gewünscht, „, diese Leute zu Hause zu haben. Sie hat sie ja schließlich nach Italien geholt.“

Auf diesem Niveau hetzt die Rechte nicht nur gegen Boldrini, sondern gegen alle, die es wagt, ihre offen rassistisches Gebaren zu kritisieren. Wer auch immer in Italien die Position einer liberalen Einwanderungspolitik verteidigt – oder auch nur humanitäre Prinzipien – der muss sich anhören: „Dann nimm sie doch bei dir zu Hause auf.“

Der Sänger Claudio Baglioni etwa ist seit Tagen Zielscheibe eines brutalen Shitstorms, weil er es gewagt hatte, die Politik der Rechtsregierung zu kritisieren. Bei einer Pressekonferenz zur Präsentation des Schlagerfestivals von San Remo sagte Baglioni: „Unser Land ist böse und hasserfüllt gegen Flüchtlinge geworden. Die Maßnahmen dieser Regierung wie der Vorgängerregierungen werden der Lage absolut nicht gerecht.“ Baglioni bezog sich auf die 49 Migranten des NGO-Schiffs „Seawatch“, die Woche lang vor Malta ausharren mussten, weil sie nicht in Europa andocken durften. Italiens Innenminister hatte sich bis zuletzt geweigert, auch nur fünf der Migranten aufzunehmen. Fünf Personen! Niemand soll mehr ins Land, tönt Innenminister Matteo Salvini, der selbst ernannte „Leader“ der Lega (Nord). Parteivorsitzender reicht nämlich nicht mehr. Das ist was für demokratische Waschlappen.

Salvini will dem populären Baglioni den Mund verbieten. Er solle gefälligst nur seine Lieder singen und sich nicht über Politik auslassen, solange er als Moderator im Staatsfernsehen im Sold der Gebührenzahler stehe: „Das Festival von San Remo ist ein Fest der italienischen Musik, nicht der kommunistischen Partei oder der Migranten.“ Die neue RAI-Führung, kürzlich erst von der rechten Regierung eingesetzt, hat bereits eilfertig angedeutet, dass Baglionis Vertrag nicht verlängert wird. Und im Netz hetzt das Fußvolk der Digitalfaschisten: „Der soll sie gefälligst zu Hause aufnehmen.“

Alle zu Claudio also. Oder zu Laura. Oder zu all‘ jenen, die immer noch glauben, dass Politik die Schwächsten schützen muss, den demokratischen Diskurs pflegen, die Meinungsfreiheit hoch halten. All‘ das ist im Italien von heute hoffnungslos von gestern.

 

Der Orang Utan des Senatspräsidenten

Im bizarren Zoo der italienischen Politik stellt Roberto Calderoli schon immer ein ganz besonderes Fabelwesen dar. Der Politiker der Lega (Nord) ist nun schon in der vierten Legislaturperiode Vizepräsident des Senats, er war aber auch mal Minister für Vereinfachung – dieses Amt mit dem Monty Python-Namen hatte sich Silvio Berlusconi ausgedacht, mit dem die Lega ja viele Jahre Italien regierte, bevor sie zu den kongenialen Fünf Sternen überwechselte.

Calderoli, 62, ist ein Lega-Mann der ersten Stunde, brachial homophob, offensiv rassistisch und unerschütterlich frauenfeindlich. Bekannt wurde er, als er mit einem Schwein an der Leine über ein Grundstück flanierte, das für den Bau einer Moschee ausersehen war. Im Jahre 2006 trat er, gewandet in ein T-Shirt mit einer Mohammed-Karikatur im Staatsfernsehen RAI auf, was dazu führte, dass vor dem italienischen Konsulat von Bengasi, Libyen, eine wütende Menge gegen Italien protestierte. Die libysche Polizei eröffnete das Feuer, elf Menschen starben.

Gut, dafür kann man Calderoli nun wirklich nicht verantwortlich machen. Auch das Riesenfeuer auf dem Hof der römischen Feuerwehr, in dem 375.000 von ihm abgeschaffte Gesetze verbrannten, war eher ein Happening als ein ernstzunehmender politischer Akt. Die Gewerkschaft der Feuerwehr protestierte damals, man habe wichtigeres zu tun, als das Ego eines Lega-Ministers zu befeuern. Umweltschützer wiesen auf die unzulässige Form der Abfallbeseitigung hin. Vereinfachungsminister Calderoli behauptete, die Abschaffung der überflüssigen Vorschriften führe zu einer jährlichen Ersparnis von 58 Millionen Euro. Wenn man diesen Mann im Amt gelassen hätte, um weiter Gesetze zu verbrennen, hätten sich die italienischen Staatsschulden auf dem Hof der Feuerwehr also von ganz allein in Luft, äh in Rauch aufgelöst.

Angesichts der Typen, die jetzt gerade Italien regieren, war Senator Calderoli auf dem besten Weg, zum würdigen Elder Statesman zu mutieren, als ihn heute seine Vergangenheit einholte. Ein Gericht in Bergamo verurteilte ihn erstinstanzlich zu 18 Monaten Haft – wegen rassistischer Beleidigung. Als Senatspräsident hatte der Lega-Rechtsaußen im Juli 2013 geäußert: „Ich mag Tiere, besonders Bären und Wölfe, aber wenn ich die Kyenge sehe, muss ich an die Ähnlichkeit mit einem Orang Utan denken.“ Cecile Kyenge, eine aus Kongo stammende Augenärztin und Politikerin des sozialdemokratischen Partito Democratico, war damals Integrationsministerin.

Calderoli wurde angezeigt. Doch der Senat verweigerte die Aufhebung der parlamentarischen Immunität. Die Senatoren waren dazu regelrecht erpresst worden. Der Ex-Minister für Vereinfachung hatte nämlich einen Algorhytmus entwickeln lassen, der im Nu über 500.000 Änderungsanträge für das Haushaltsgesetz ausspuckte. Der Haushalt für das laufende Jahr drohte damit auf den St-.Nimmerleinstag verschoben zu werden. Also machte Kyenges Partei einen Deal: Calderoli zieht die Änderungsanträge zurück und wir lassen ihn laufen.

Doch die Richter in Bergamo gaben sich nicht geschlagen. Sie legten Beschwerde beim Verfassungericht ein und bekamen Recht. Fünfeinhalb Jahre nach dem rassistischen Affront wurde Calderoli verurteilt. Ins Gefängnis gehen muss er trotzdem nicht, das droht in Italien, wenn überhaupt, erst nach der dritten und letzten Instanz. Und bis dahin ist die Beleidigung längst verjährt.

Cecile Kyenge, inzwischen Europaabgeordnete, hat darauf verzichtet, als Nebenklägerin aufzutreten oder Schadensersatz zu fordern. Für sie ist nur wichtig, dass der italienische Rechtsstaat gezeigt hat, dass er funktioniert.

Trotz einer Regierung, deren führende Mitglieder sich offen rassistisch äußern. Und die nicht im Traum daran denken, den nun als Rassisten verurteilten Roberto Calderoli zum Rücktritt von seinem Posten als stellvertretender Senatspräsident zu bewegen.

Für Giuseppe

Heute vor einem Jahr starb in Crotone Giuseppe Parretta, Sohn der Antimafia-Aktivistin Katia Villirillo. Er wurde 18 Jahre alt. Wenige Stunden vor seinem Tod hatte seine Mutter ihm ein neues Motorrad geschenkt, versehen mit den üblichen, mütterlichen Ermahnungen. Fahre nicht zu schnell, pass‘ auf dich auf, vor allem auf die anderen.

Giuseppe wurde erschossen, weil sein Mörder Salvatore Gerace ihn für einen Polizeispitzel hielt. Gerace handelte mit Drogen. Er fühlte sich von dem jungen Mann beobachtet, der dauernd vor seinem Haus vorbeiging und gleich nebenan die Räume einer ehrenamtlichen Organisation betrat. Der Verein heißt „Libere Donne“, freie Frauen. Katia Villirillo ist die Gründerin und Vorsitzende. Sie kümmert sich um Frauen, die Opfer männlicher Gewalt werden.

Gerace konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mann mit diesem Verein etwas zu tun haben wollte. Er schoss, als Giuseppe wieder einmal seine Mutter besuchte. Und Giuseppe starb in Katias Armen. Zu seiner Beerdigung kam halb Crotone, die Leute waren schockiert und empört. Jetzt, da ein Jahr vergangen ist, ist Katia mit ihrem Schmerz allein.

Sie fühlt sich verlassen, von allen, auch vom Staat. All‘ die Versprechen, ihr mehr Sicherheit zu garantieren, damit sie weiter machen kann mit ihrem Verein, wurden nicht erfüllt. Noch nicht einmal ein paar Videokameras, zur Kontrolle., zu schweigen von neuen Räumlichkeiten, weit weg vom Ort des Verbrechens. Katia macht dort, wo ihr Kind ermordet wurde, weiter mit ihrem Einsatz für die Frauen von Crotone.

Mutterseelenallein.

Im Süden Italiens ist so etwas zum Glück nicht mehr an der Tagesordnung. Aber es ist immer noch möglich, dass eine Gesellschaft und ihre politische Kaste zur Tagesordnung übergeht, nachdem eine Mutter ihren Sohn verloren hat, weil er die Wege eines Kriminellen kreuzte. Garace ist kein Mafia-Pate, nur einer von vielen, die für die ‚Ndrangheta Drogen verkaufen. Ein kleiner Mitläufer, der das größte denkbare Verbrechen begeht. Das Leben eines jungen Menschen auszulöschen, einer Mutter ihr Kind zu nehmen.

Katia Villirillo hat vielen Frauen geholfen, die Opfer von brutalen Männern wie Salvatore Gerace wurden. Ihren eigenen Sohn konnte sie nicht schützen. Sie sagt, dass sie weiter macht, weil sie das Giuseppe versprochen hat

 

Trap goes social

Gerade, wenn man denkt, dass einen der Fußball von heute eigentlich nur noch anwidert mit seinen vulgären Balltretern, wichtigtuerischen Trainern und korrupten Funktionären, gerade also, wenn man entschieden hat, als Dame mit diesem Männersumpf nichts mehr zu tun haben zu wollen, da lacht einem aus dem Internet der Trap entgegen. Und hastdunichtgesehen lacht man zurück.

Giovanni Trapattoni, der im März 80 wird, hat das Netz als neue Spielwiese entdeckt. Er postet jetzt auf Instagram: https://www.instagram.com/giovanni_iltrap/?hl=it

Und was soll ich sagen: Willkommen in der heiteren Fußballwelt des Trap. Es mag eine Welt von gestern sein, aber für uns existiert sie zum Glück noch ein bisschen weiter. Eine Welt, in der das Spiel noch ein Spiel ist und gleichzeitig das ganze Leben. Im ersten Video (für alle, die nicht so gut Italienisch können), sieht man unseren Giovanni, wie er sich durch die Accounts seiner Ex-Zöglinge klickt, Lothar Matthäus ist auch dabei. Bei jedem Ex-Spieler hängt Trapattoni sich als Follower dran. Bis irgendwann seine Frau Paola aus der Küche ruft: „Werde mal fertig mit der Mannschaftsaufstellung. Das Essen wird kalt!“

In diesem Sinne, buon anno für alle Leserinnen und Leser. Lasst uns alle dem großen Opernfreund Trap followen. Aber klickt nicht zuviel, liebe Leute.

Sonst wird das Essen kalt.

Oh, Lässigkeit

Einer meiner Lieblingssprüche aus der Welt des Fußballs ist dieser von Roberto Baggio: „Ich lasse den Ball laufen, der schwitzt nicht.“ Leider spielt Baggio schon länger nicht mehr – er ist 51 – und die, die heute spielen, die müssen rennen, um zu zeigen, dass sie schwitzen.  Lässige Spieler sind sehr, sehr selten geworden, nach dem Abgang von Pirlo und Totti fällt mir eigentlich nur noch Buffon ein. Ab und an mal eine rauchen, ein Gläschen Wein trinken und Nutella löffeln, wer traut sich das denn noch? Die meisten sind doch Hochleistungsmaschinen, angetrieben von Trainern, die den Fußball als Gralssuche nach den allerletzten Wahrheiten betreiben.

Als wäre das Leben nicht sowieso anstrengend genug.

Einer, der das ja nicht so mitmacht, ist Carlo Ancelotti. In München haben sie ihm deswegen vorgeworfen, viel zu lasch zu sein. Sie hätten zu wenig mit ihm gearbeitet, schimpften seine Spieler. Er hätte ja gar nicht richtig trainiert, wussten die Journalisten, und: Er sei nicht innovativ genug. Manche verstiegen sich gar in trauter Kollegenrunde zu der These, der Mann hätte schlicht keine Ahnung.

Mittlerweile ist Ancelotti in Neapel, er möchte da einfach noch eine Runde auf dem Karussell drehen, obwohl es von außen betrachtet ja ein Abstieg ist. Der Champions-League-Gewinner beim Außenseiter.

Und dann passieren solche Spiele wie PSG-Napoli 2:2. Herrlich. Die neapolitanischen Winzlinge Insigne (1,63) und Mertens (1,69) gegen die Riesen Neymar und Cavani mitsamt dem jungen Supertalent Mbappé. Frechheit vorn. Lässigkeit siegt (bis Angel Di Maria kommt, aber der gehört ja in dieselbe Kategorie). Und Tuchel grübelt und grübelt.

Der deutsche Trainer ist nicht zu beneiden auf seinem Schleudersitz. Aber mal ehrlich: Fußball, das hat doch ganz entfernt auch was mit Spaß zu tun, oder? Der Begriff „Arbeit“ wird in diesem Zusammenhang viel zu inflationär gebraucht. (Und das Unwort „Druck“ gehört sowieso verboten).

TT sollte vielleicht mal eine Traingsrunde bei Roberto Baggio einlegen. Oder mit Carletto Tortellini essen, die gibt es ja jetzt auch vegan. Und dann beim Rückspiel in Neapel demonstrativ ein Schächtelchen Pralinen am Spielfeldrand verzehren. Mit Gigi im Tor läuft die Sache schon. Hinterher können sie dann gemeinsam eine quarzen .