Mare Monstrum

Heribert Prantl ist ja jetzt in Pension, aber er hat auch vorher kein Blatt vor den Mund genommen. Wenn es darum geht, Grundrechte zu verteidigen, redet Prantl Tacheles. Derart wortgewaltige und leidenschaftliche Journalisten wie er sind auch in Deutschland sehr selten geworden, genau wie in Italien. Hierzulande werden sie verfolgt. Und man kann sich schon ausmalen, wie Salvini reagieren wird, wenn ihm zugetragen wird, dass Prantl die Regierung mit der Mafia verglichen hat: „Beide zerstören das Gemeinwesen.“ Aber es stimmt. Diese Regierung in Rom zerstört das Gemeinwesen, sie zerstört die Demokratie, Tag für Tag. Sie zerstört sie auf eine Weise, die sich Berlusconi nie getraut hätte, für die er aber den Boden bereitet hat.

In Italien stehen heute demokratische Grundrechte zur Disposition. Meinungsfreiheit, Menschenwürde, Minderheitenschutz. Man kann das gar nicht laut genug sagen – und die deutschen Medien sagen es (noch) nicht laut genug. Vermutlich, weil man es einfach nicht fassen kann, dass das alles wieder möglich ist. Dass Italien sich auf dem Steilflug in den Faschismus befindet.

Man traut sich kaum, das auszusprechen. Außer Heribert Prantl. Grazie.

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Forza Capitana

Matteo Salvinis stärkster Gegner ist eine junge Deutsche mit Rasta-Haaren: Carola Rackete, 31, Kapitänin des NGO-Schiffs „Sea Watch.“ Vor zwei Wochen haben sie und ihre Crew 42 schiffbrüchige Flüchtlinge vor Libyen gerettet. Mit ihnen Tripolis anzusteuern und so in die libysche Folterhölle zurückzukehren, kam nicht in Frage. Tunesien, wo es kein politisches Asyl gibt, ebenso wenig. Blieb als nächster sicherer Hafen Lampedusa, Italien. Doch Italien will keine Bootsflüchtlinge mehr aufnehmen. Nacht für Nacht schaffen es zwar Verzweifelte, an italienischen Küsten anzulegen. Die „Sea Watch“ aber ist zu groß, um unentdeckt zu bleiben. Also wurde sie ein Fanal. Salvini will an ihr ein Exempel statutieren. An der NGO und an der Kapitänin.

„Noch nicht mal an Weihnachten lass ich die an Land“, twitterte er. Höhnte, Rackete solle die Geflüchteten nach Amsterdam, Brüssel oder Berlin bringen. Er, Salvini, sei verpflichtet, Italien und die Italiener zu verteidigen. Gegen 42 Menschen, darunter sechs Frauen, die den libyschen Lagern entkommen sind, um wochenlang in der Sommerhitze auf dem Mittelmeer zu treiben. Für den Innenminister der sechstgrößten Wirtschaftsmacht der Welt sind sie eine Bedrohung. Invasoren, die den armen Italienern ihr sauer verdientes Geld wegnehmen und ihre Frauen bedrängen.

Vorgestern nahm Carola Rackete Kurs auf den Hafen von Lampedusa, nachdem ihre Hilferufe an italienische Behörden keine Antwort gefunden hatten. „Ich weiß, was ich riskiere, aber die 42 Geretteten sind erschöpft. Ich bringe sie jetzt in Sicherheit.“ So schlicht und einfach klingt ziviler Ungehorsam für die Menschlichkeit. Welches Gesetz gilt denn eigentlich für uns Europäer – das Gebot der Menschenrechte, der Menschenwürde, die uralte, unveränderliche, sakrosankte Regel, nach der Hilfesuchenden Hilfe zuteil werden muss, nach der ein Menschenleben über allem steht? Oder die zynischen Bau-Vorschriften der Festung Europa?

Rackete riskiert Gefängnis und eine horrende Geldstrafe von 50.000 Euro. Sie pfeift darauf. Eine Meile vor der Insel wurde sie zwar gestoppt, aparterweise von der Finanzpolizei, die, anstatt den italienischen Volkssport Steuerhinterziehung und die Geschäfte der Cosa Nostra zu unterbinden, offenbar jetzt die Ärmsten der Armen blockieren muss. Aber die Bilder von dem Schiff vor Lampedusa lassen in Italien keinen kalt. Salvinis Anhänger schäumen: Schiff versenken, Kapitänin ab in den Knast. Wobei letzteres noch die freundlichste Variante ist. Auf die junge Aktivistin entlädt sich der ganze Hass eines zutiefst frauen- und menschenverachtenden Pöbels. Nicht nur, dass sie Deutsche ist. Sie ist vor allem: eine Frau.

„Ich habe keine Zeit zu lesen, was Innenminister Salvini über mich schreibt“, sagt sie. Das ist nur zu verständlich und außerdem auch klug. Salvini schreibt zum Beispiel: „Nicht alle, die als reiche, weiße Deutsche geboren werden, müssen uns in Italien auf den Sack gehen.“ Wörtlich. „Was sagt denn die Regierung in Berlin dazu? Ist das normal, dass eine ihrer Bürgerinnen zu uns kommt und sagt: die italienischen Gesetze jucken mich nicht? Lampedusa und Italien brauchen zahlende Touristen, keine Illegalen, für die wir bezahlen müssen.“ Salvini nennt Rackete „die Signorina“ oder „die kleine Angeberin“, er höhnt, die „Sea Watch“ sei kein Kreuzfahrtschiff und könne deshalb sehr wohl in Tunesien anlegen, wo ja kein Krieg herrsche. Er argwöhnt, Rackete werde von internationalen „Finanziers“ bezahlt, eine Anspielung auf das Lieblingshassobjekt der Faschisten, den jüdischen Philantropen George Soros. Er argumentiert, die Kapitänin habe das Verbot der italienischen Behörden missachtet wie ein Autofahrer, der eine Polizeikontrolle ignoriert. Je länger die „Sea Watch“ vor Lampedusa liegt und je stoischer Rackete ihn überhört, desto irrer und brutaler werden seine Tweets. Alle verhaften, auch jene Parlamentarier der Opposition, die zur Unterstützung auf das Schiff gekommen sind, „um sich ein schönes Wochenende zu machen, auf Kosten der Steuerzahler.“ Am Ende tönt er nur noch, keiner der Flüchtlinge werde in Italien kontrolliert – diese Drohung mit dem Bruch der EU-Regeln ist ziemlich überflüssig, weil die Kontrollen ohnehin extrem lasch sind.

Innerhalb von 24 Stunden spenden Italienerinnen und Italiener über 250.000 Euro, damit die „Sea Watch“-Leute ihre Geldstrafen zahlen können. Carola Rackete sagt: „Ich muss mich bei Matteo Salvini bedanken, für diese überwältigende Unterstützung.“ Aber auch Italien kann sich bei ihr bedanken, weil sie vorgeführt hat, dass der Hetzer nackt ist. Ein hysterischer Rassist ohne Plan und ohne Lösung, der ein ganzes Land in Geiselhaft nimmt. Italien ist nicht Salvini. Italien ist das Land mit tausenden Flüchtlingshelferinnen und -helfern, das Land jener Seefahrer, die Menschenleben retten, anstatt zynisch mit ihnen zu spielen. Carola Rackete hat nicht nur den Schreihals Salvini vorgeführt, sondern ganz Europa. Wie lange soll das noch so weiter gehen, dass wir die Gemarterten und Verzweifelten ablehnen? Wie lange wollen wir sie überhören, übersehen, uns aus der Verantwortung stehlen? Wie lange wollen wir diese Schande noch?

Matteo Salvini hatte sein Pulver schon verschossen, bevor die Flüchtlinge an Land gehen konnten. Leute wie er haben keine Argumente, nur Hass. Und der Hass, das hat die Kapitänin Rackete bewiesen, reicht als Treibstoff keine einzige Seemeile weit.

Drogen-Ultras

Italienische Ultras-Organisationen sind nicht selten kriminelle Vereinigungen. Die meisten rechtsextreme Schlägertrupps. Nebenbei verkaufen die Krawallbrüder auch noch Drogen, Mitglieder der Lazio-„Irriducibili“ kassierten beispielsweise schon Haftstrafen, weil sie die Stadion-Kids mit Stoff versorgten. Heute konfiszierte die italienische Justiz das Vermögen eines Führers der Milan-Ultras im Wert von einer Million Euro. Eine Kneipe („Clan 1899“ nach dem Gründungsjahr des Klubs), eine Wohnung und einen Audi A5. Der 38-Jährige Luca Lucci, steht laut Staatsanwaltschaft unter dem Verdacht, mit Drogen gehandelt zu haben, nebst der dafür notwendigen Verbindungen zur organisierten Kriminalität. In Italien wird kein Stoff verkauft, ohne dass ‚Ndrangheta oder Camorra daran beteiligt wären.

„Clan 1899“, der vorgebliche Fan-Treffpunkt soll ein regelrechter Umschlagplatz gewesen sein, den Ultras-Führer Lucci halten die Ermittler für sozial gefährlich. Nichts Neues. Bereits 2009 versetzte der einem Inter-Fan am Rande eines Derbys einen Fausthieb, der derart brutal war, dass der Gegner ein Auge verlor. Er kriegte dafür vier Jahre, fiel letztes Jahr im September beim Heimspiel gegen Sassuolo schon wieder durch massive Gewaltanwendung auf. Zuletzt kassierte er im September 2018 eine 18-monatige Haftstrafe wegen Drogenhandels, es ging um 600 Kilo Haschisch und Kokain. Man fragt sich also, warum seine Kneipe erst heute geschlossen wurde. Man fragt sich auch, warum der Mann nicht hinter Gittern sitzt.

Denn landesweit bekannt wurde Lucci, der „Stier“, durch ein Foto mit dem derzeit mächtigsten Mann Italiens. Bei der 50-Jahrfeier der Milan-Ultras im Dezember 2018 schüttelte er im Stadion Innenminister Salvini die Hand. „Ich treffe so viele Menschen, da kann ich nicht jeden vorher kontrollieren lassen“, wiegelt Salvini ab. Geschenkt. Aber was hat der italienische Polizeiminister auf einem Ultras-Fest zu suchen?

Va pensiero…

Ganz große Oper: In Zürich wird Verdis „Nabucco“ gespielt. Nichts wie hin! Kurz vor Premiere kann man schonmal mein Gespräch mit Dramaturg Fabio Dietsche für das Opernmagazin lesen (weiter unten auf der Seite, „Wenn Italien die Stimme erhebt“). Es geht um das Risorgimento, um Gestern und Heute, Musik und Politik. Und darum, wieso Salvini Verdi durch Puccini ersetzt hat.

Salvinis Krieg gegen die Schwächsten

Tweet des italienischen Innenministers Matteo Salvini am 18. Juni 2019 um 11:49 Uhr: „Diese verdammte Diebin soll für dreißig Jahre ins Gefängnis gehen. Es soll dafür gesorgt werden, dass sie keine Kinder mehr bekommt und ihre armen Sprößlinge sollen anständigen Familien zur Adoption gegeben werden. Punkt.“

Vielleicht ist das der Tiefpunkt. Oder doch: Der Tiefpunkt der Woche. Denn täglich, nein stündlich verabreicht der Hetzer sein Gift über die asozialen Medien, sorgt dafür, dass es „den Italienern“, wie er sich in Abgrenzung nichtitalienischer BürgerInnen dieses Landes ausdrückt, langsam eingeträufelt wird. Stetig wird die Dosis ein wenig erhöht, und schon jetzt ist die Atmosphäre derart vergiftet, dass rechtsextreme Angriffe auf Minderheiten an der Tagesordnung sind.

Die „verdammte Diebin“, auf die sich der Minister einschießt, ist eine 33-jährige Roma aus Bosnien, die ihre wegen verschiedener Eigentumsdelikten kassierten Haftstrafen wegen elf Schwangerschaften nicht antreten musste. Die italienischen Haftanstalten sind chronisch überfüllt und deshalb immer wieder ein Fall für den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Menschenrechte. Diritti dell’uomo. E della donna. Im Wortschatz und im Bewusstsein von Matteo Salvini und seiner Anhänger kommt das nicht vor.

 

 

 

Wer kommt. Und wer geht.

Maurizio Sarri bei Juventus, da reibt man sich die Augen. Sarri, der Trainer mit 20 Stationen in 30 Jahren. Sarri, der als Napoli-Coach und ewiger Zweiter die Juve auf das Inbrünstigste verfluchte – der Fuchs, dem die Trauben zu hoch hingen. Sarri, der alte, weiße Mann, Bukowski-Leser, Kettenraucher, immer im Trainingsanzug, nie um einen kessen Spruch verlegen, wenn es zum Beispiel gegen Frauen geht. Hier die Antwort auf die sachliche Frage einer ihn natürlich siezenden Journalistin: „Du bist eine Frau, du bist hübsch, sonst würde ich sagen, steck ihn dir in den Arsch.“

Hier die unfassbare Attacke gegen den damaligen Inter-Trainer Roberto Mancini. „Er mich Schwuchtel und Tunte genannt. Er ist ein Rassist. Solche Leute dürfen nicht im Fußball arbeiten“, sagt Mancini in dem drei Jahre alten Video. Heute stapelt er tief: „Schnee von gestern. Sarri war im Ausland und hat da sicher viel gelernt. Er ist eine Bereicherung für den italienischen Fußball.“ Mancini ist inzwischen Nationaltrainer, Juve immer noch die Säule der Squadra Azzurra.

Was hat Andrea Agnelli bloß geritten, Maurizio Sarri zu verpflichten? Der Sieg in der Europa League? Eine neue Liebe zum Offensivfußball? Oder der Sparzwang, nachdem er sich mit Cristiano Ronaldo ganz unerwartet doch ein wenig übernommen hat?

Und was hat Francesco Totti geritten, nach seiner Kündigung bei der Roma eine Pressekonferenz im Ehrensaal des Olympia-Komitees einzuberufen und sich darin geschlagene 90 Minuten als Opfer internationaler Intrigen darzustellen? Zu behaupten, der ewig abwesende US-amerikanische Klubeigner Pallotta wolle die Römer aus dem Verein treiben. Sich zu beklagen, weil er bei wichtigen Entscheidungen nicht gefragt wurde – um dann aber zuzugeben, dass Claudio Ranieri auf sein Betreiben hin als Übergangslösung nach Di Francesco geholt wurde. Wie jetzt: Nichts zu sagen haben und dann doch im Alleingang einen Trainer anheuern können?

Soviel Anmaßung ist entlarvend – aber nicht für das Klubmanagement, sondern fuur Totti selbst. Als Spieler war er gewöhnt, bei der Roma gutes und schlechtes Wetter zu machen, den Daumen über Trainer oder Mitspieler zu senken. Bis heute glaubt er allen Ernstes, zum Karrierende gezwungen worden zu sein. Mit 41. Danach musste er sich neu erfinden, den Posten dafür hatte man ihm zur Verfügung gestellt, honoriert mit immer noch beachtlichen 600.000 Euro im Jahr. Nicht wenig für einen Ex-Fußballer mit Buchhalterausbildung.

Zuletzt bot man ihm den Job als Sportdirektor an. Totti ließ sich monatelang Zeit mit der Antwort. Um dann die Türen zu knallen. Beleidigt, weil man ihn vor der Verpflichtung von Paulo Fonseca nicht angehört hatte. Stocksauer, weil er so offensichtlich nicht mehr die Nummer 1 ist.

Willkommen in der Realität, Capitano, der Realität einer Aktiengesellschaft. Willkommen in der globalisierten Unterhaltungsindustrie. Seit acht Jahren hat die Roma keinen Präsidenten mehr, der sonntags in Testaccio gesottenen Ochsenschwanz essen geht. Sondern der die Geschäfte aus Boston führt, unterstützt von einem in London ansässigen, italienischen Berater.

Totti macht jetzt erstmal Ferien (wovon?). Und heuert dann vermutlich bei der Nationalmannschaft an. Also dort, wo man die Italiener vorerst nicht vertreiben will.