Ferragosto

Dieses Fest ist älter als das Christentum, das es in Mariae Himmelfahrt umgewandelt hat.  Die Kirche, diese große Recyclingmaschine!Wenig haben sie erfunden, noch nicht mal die Himmelfahrt selbst. Einem Mann, der ihren verstorbenen Gatten Augustus in den Himmel aufsteigen sah (angeblich), zahlte Livia eine Million Sesterzen, weil damit der „Beweis“ für die Vergöttlichung des Princeps erbracht war. Divus Augustus!

Dieser Princeps Augustus hatte die Feriae Augusti im Jahr 18 v. Chr. eingeführt, auf dem Höhepunkt seiner Macht und Popularität. Ein paar Tage Ruhepause Mitte August, nach getaner Erntearbeit, jedenfalls für die Menschen. Nutztiere wie Esel und Ochsen mussten um die Wette rennen und sich dabei erst recht schinden, immerhin mit Blumen bekränzt. In manchen Gegenden Italiens hält sich der Brauch bis heute, etwa beim Palio in Siena, dem Pferderennen um die Piazza del Campo.

In diesem Jahr fällt der Palio aus, wie überhaupt fast alle Volksfeste ausfallen, aus bekannten Gründen. Im Nachbardorf, mit 50 Infizierten und 2 Toten als Zona Rossa abgeriegelt, fand nichts statt. Hier ein Foto aus dem Vorjahr, als die improvisierte Trattoria mit den wundervollen Salsicce vom Holzkohlegrill voll im Einsatz war.

DSC_1725

 

In unserem Dorf gab es einen Versuch. Viele, darunter auch wir, sind nicht hingegangen. Uns war nicht danach. Muss dann eine traurige Veranstaltung gewesen sein, im Schatten der Turnhalle, anstatt auf dem Renaissance-Dorfplatz, Masken rauf und runter, kein Tanz, kein Feuerwerk.

Aus dem Sommerfest ist ein Tag des Innehaltens geworden. Man schaut auf die zurückliegenden Monate und stellt fest, dass man sie noch nicht ganz verdaut hat. Man schaut nach vorn, mit einem mulmigen Gefühl. Gerade schleppen die jungen Italiener, die nach Kroatien oder Griechenland gefahren sind, das Virus wieder ein. Für die Rückkehrer sind Tests angeordnet, manche Regionen wollen gleich die Quarantäne.

Dazu die Hitze. Ist es ein persönlicher Eindruck, dass jeder Sommer immer noch wärmer wird? Seit Wochen herrscht Dürre bei Temperaturen über 30, in den letzten Tagen über 35 Grad. Im Garten verschrumpeln die Tomaten, die Auberginen haben das Wachstum eingestellt, das Gurken- und Zucchinizeugs sowieso. Nachbarn haben ihr Gemüse mit Bettlaken abgedeckt, gegen die brutale Sonne. Wir alle verbringen die brütend warmen Nachmittage mit verschlossenen Läden in unseren Häusern. So sind der halbe Juli und der halbe August vergangen.

Ferragosto ist zugleich der Höhepunkt und der Wendepunkt des Sommers. Der Herbst lauert schon, hinter dem nächsten Hügel. Wir streben ihm entgegen, voller Sehnsucht nach frischen Tagen und kühlen Abenden. Und mit ein wenig Sorge für den Rest.

Die Poesie des Augenblicks

In der griechischen Mythologie ist Atalante eine amazonenhafte Jägerin, schneller und geschickter als alle Männer. Sie will sich nicht einfangen lassen, von niemandem, und schwört deswegen, Jungfrau bleiben zu wollen.

Natürlich wird daraus nichts, ihr Vater will sie verheiraten. Sie stellt die Bedingung, dass nur, wer sie im Lauf besiegt, ihr Mann werden kann. Rübe ab für die Verlierer. Viele verlieren. Schließlich hilft die Göttin Aphrodite einem Bewerber, den sie mit drei goldenen Äpfeln ausstattet. Der junge Mann lässt sie fallen im Wettbewerb gegen die nackte Atalante (in Griechenland waren beim Sport immer alle nackt, also alle Männer, die Frauen waren zu Hause, im Frauenzimmer eingesperrt). Und die jungfräuliche Jägerin, diamonds are a girl’s best friends, bückt sich. Verliert durch Ablenkung, muss den Typen heiraten, der so unwichtig ist, dass von seinem Namen bis heute zwei Versionen kursieren, je nachdem, ob die Variante aus Nord- oder Südgriechenland erzählt wird.

Ein bisschen war es auch heute abend so, im Champions-League-Viertelfinale.

Atalanta gegen PSG, das ist wie Frau gegen Mann, also David gegen Goliath. Aber auch wie Mythos gegen Mammon und Göttin gegen Götze (Achtung: kein Vorname!). Das Team der Namenlosen aus einer Stadt, die seit dem Seuchenausbruch die ganze Welt kennt: Bergamo, gegen Leute, denen die goldenen Äpfel überall herausquillen. Die Nobodys schaffen es bis ins Viertelfinale der Königsklasse, beflügelt vom Rausch des Überlebens und dem lebensklugen Grandseigneur Gasperini. Gegen Paris spielen sie um den Einzug ins Halbfinale.

Hände hoch, wer nicht für Atalanta war. Wer nicht gejubelt hat beim 1:0, die Poesie des Augenblicks genossen und dann gezittert bis in die 90. Minute, als die Pariser den Ausgleich machten. Wer nicht getrauert hat beim prosaischen 1:2 und erstarrt ist beim Freudentritt des Thomas Tuchel. Der Asket, der sich für einen Idealisten hält und bei den Scheichs von Katar auf der Gehaltsliste steht. In Katar trägt kein Fußballklub die Jägerin Atalante im Namen. Frauen dürfen dort erst neuerdings ins Stadion, wegen der WM 2022, natürlich nur ins Publikum und natürlich nicht nackt.

images

Dabei lieben die Franzosen L’Atalante. Jean Vigo drehte den Film 1934, die Nouvelle Vague machte die Geschichte von Jean, Juliette und ihrem Frachter L’Atalante erst zum Kult. Heute sind die Hauptdarsteller Dita Parlo und Jean Dasté so unbekannt wie die Spieler von Atalanta Bergamo. Und doch sehnen wir uns alle nach ihrer existentiellen Leichtigkeit auf einem Frachter, der uns über die Flüsse des Lebens fährt.

Am Ende gibt es kein Ergebnis, nur die L’Atalante, die aus dem Bild fährt.

Und wir träumen weiter, von einem Rennen ohne goldene Äpfel.

download

Autogenes Training!

Als am Mittag bekannt wurde, dass Juventus den Trainer Maurizio Sarri entlässt, dachte ich: Endlich. Einer Typ wie Sarri, frauenfeindlich und homophob, also zutiefst reaktionär, hätte niemals Juve trainieren dürfen. Nicht, dass ich Juve-Fan wäre, aber immerhin handelt es sich um den mittlerweile einzigen italienischen Klub mit internationalem Renommée und dem Anspruch, progressiv zu sein. Alle Initiativen gegen Rassismus und Sexismus verpuffen, wenn der eigene Trainer in der PK zu einer Journalistin sagt: „Wenn du nicht so hübsch wärest, würde ich sagen, steck ihn dir in den Arsch.“ Oder wenn er den gegnerischen Kollegen als Schwuchtel bezeichnet.

Ja, ich weiß, ich habe das schon öfter geschrieben, weil ich es skandalös finde, wie schnell sowas unter den Tisch gekehrt wird und in Vergessenheit gerät. Die homophobe Attacke etwa wurde vom Verband nicht geahndet, weil der Attackierte nicht homosexuell ist und deshalb nicht beleidigt sein konnte! Und die frauenfeindliche Bemerkung, von den Männern im Saal mit zustimmendem Gelächter begrüßt, musste die Kollegin sowieso einstecken, Fußball ist halt nichts für Mimosen.

Ein Juve-Trainer ist Protagonist einer globalen Unterhaltungsindustrie. Und als solcher trägt er Verantwortung. Er steht nicht nur für sich selbst und seine Arbeit beschränkt sich nicht nur darauf, das Training der 1. Mannschaft zu kontrollieren und die richtigen Einwechslungen vorzunehmen.

In diesem Sinne: Sarri weg, finalmente, schon viel zu spät.

Dann wurde der Name des Nachfolgers bekannt gegeben. Es ist der Herr rechts.

download-1

Voilà. Andrea Pirlo. „Muss bitter sein, für Cristiano Ronaldo, dass er jetzt bei Juve nur noch der zweitbeste Fußballer ist“, hat ein Witzbold im Netz geschrieben. Haha. Muss auch bitter sein für Gianluigi Buffon, 42, dass er jetzt noch älter ist als sein Trainer, 41.

Für diese Personalentscheidung gibt es eigentlich nur eine Erklärung: Andrea Agnelli (der Herr links im Bild) will jetzt endlich selbst coachen. Immerhin wäre er mit 44 der Älteste in dem aparten Triumvirat mit Torwart und Trainer, außerdem ist er der Präsident und zahlt den ganzen Quatsch. Vor ein paar Tagen hatte er Pirlo noch zum U-23-Coach berufen, da entstand das Bild oben mit der Unterschrift. Jetzt 1. Mannschaft, dabei hat der Chef-Übungsleiter noch nicht mal den Trainerschein!

Um so einen so finden, einen Coach ohne Trainerschein nämlich, muss man sich weit zurückwühlen in die Klubgeschichte. Juve war nämlich in den 1930er Jahren der erste Verein, der Profis engagierte.

Okay, die Freistoßtechnik von Cristiano Ronaldo könnte unter Einwirken des Meisters aller Klassen noch ein wenig besser werden. Aber sonst rauft sich jede/r, der Pirlo nicht nur spielen sah, sondern sprechen hörte in den für ihn typischen kryptisch-verschwurbelten Sätzen, die Haare. Ganz ehrlich, Pirlo ist ein echter Rasenphilosoph. Die schönste Projektion der europäischen Intellektuellen, aber eben nur eine Projektion. Wenn er nicht spielt, sondern redet, dann wird es… tut mir leid, aber es ist so, eher schlicht. Wie soll dieser Mann die beste italienische Mannschaft coachen? Ferngesteuert von Agnelli? Oder übernimmt die Kombi Cristiano Ronaldo/Buffon?

Es könnte sich auch um ein wirklich spannendes Experiment handeln. Ausgerechnet bei Juve, wo sie einst den Trainer-zentrierten Effizienz- und Feldwebelfußball erfunden haben, wird nun bewiesen, dass es keinen Coach mehr braucht. Die Guardiolas und Tuchels dieser Welt können einpacken. Denn Maestro Pirlo zelebriert:

Autogenes Training!

Bei Perugino

Pietro di Cristoforo Vannucci, wahrscheinlich 1448 in Città della Pieve geboren, wurde als „Perugino“ einer der berühmtesten und begehrtesten Maler seiner Zeit. Er arbeitete in Florenz mit Leonardo, Ghirlandaio, Filippino Lippi, Botticelli und Pinturicchio zusammen und malte als 30-Jähriger in der Sixtinischen Kapelle, wo seine „Taufe Christi“ als einziges der großen Fresken eine Signatur trägt.

Damals strotzte der divin pittore (göttlicher Maler) vor Selbstbewusstsein. Alle wollten seine lieblichen Madonnen und edlen Heiligen, die er stets elegant gekleidet, sorgfältig frisiert, mit geradem Rücken und beseelt-gelassenem Gesichtsausdruck in der sanften Landschaft seiner Heimat Umbrien platzierte. Blaue Hügel, pastellgrüne Wiesen, hier und da ein Bäumchen und am Horizont der Lago di Trasimeno, das wurde Peruginos Markenzeichen. In späteren Jahrhunderten galt das als dekorativ, was nicht besonders anerkennend gemeint war. Mit etwas mehr Empathie kann man bei Perugino heitere Seelenlandschaften entdecken, perfekt für harmoniesüchtige Gemüter wie mich. Mir gefällt er allemal besser als sein Schüler Raffael oder der noch viel harmonischere Kollege Botticelli.

Also auf nach Città della Pieve. Mehr Dorf als Stadt, auf der Grenze zwischen Umbrien und Toskana gelegen, charakteristisch durch mittelalterlichen Ziegelsteinbauten. 7000 Einwohner, der berühmteste zurzeit Colin Firth. Und drei Peruginos, passend für einen gemütlichen Spaziergang an einem halbwegs frischen Julimorgen.

DSC_0825

Das Fresko „Anbetung der Heiligen Könige“, befindet sich im winzigen Oratorio di Santa Maria dei Bianchi. An den Wänden der Kapelle hängen noch die schwarzweißen Kutten der Ordensbrüder, die sich auch „Kompanie der Disziplinierten“ nannten. Anfang des 16. Jahrhunderts war diese Bruderschaft so wichtig, dass sie es sich erlauben konnte, bei Perugino anzuklopfen. Dafür, ihn angemessen zu bezahlen, scheint es dann allerdings nicht gereicht zu haben. Der Maler verlangte 200 Gulden und war nach langem Hin und Her bereit, für die Hälfte zu arbeiten, quasi als Geschenk für seine Heimatstadt. Den lieben Landsleuten aus Città della Pieve war das aber nicht entgegenkommend genug. Sie handelten den Malerstar auf 75 Gulden herunter. Um nicht vollends sein Gesicht zu verlieren, forderte Perugino, dass man ihm wenigstens ein Maultier für die Anreise aus Perugia schicken möge. Das immerhin wurde ihm gewährt.

DSC_0829

Das Gefolge der Könige malte Perugino als langen Zug der Ritter, sogar ein Falkner ist dabei. Ansonsten sieht man wie üblich viel Wiese und flaches Wasser, verklärte Gesichter und schöne Stoffe. Das Jesuskind ist aparterweise größer als ein Schaf (ich arbeite seit Jahren an meiner Sammlung ungestalter Jesuskinder großer Maler) und der Esel stämmiger als der Ochs (der Esel in der Kunstgeschichte wäre auch mal einen Aufsatz wert).

Wahrscheinlich hat Perugino das gar nicht selbst verbockt, sondern der für Jesuskinder und Tiere zuständige Gehilfe aus seiner Werkstatt. Der Meister war für Gesichter und allenfalls noch Füße zuständig – und die stimmen. Tatsache ist aber auch, dass Peruginos Stern 1504, als er für die Diszplinierten arbeitete, gerade dabei war zu verblassen. In Mantua hatte Markgräfin Isabella d’Este über einen von ihr in Auftrag gegebenen „Kampf zwischen Amor und Keuschheit“ das Näschen gerümpft. Perugino hatte es gewagt, eine nackte Venus ins Bild zu bringen – und überhaupt, falsche Technik und falsche Interpretation. Zu einem Platz im Louvre hat es später allemal noch gereicht, aber Isabellas Kritik sprach sich rasch bei Adels herum und die Aufträge für Perugino brachen ein.

So richtig hat er sich nicht mehr davon erholt. Der „Göttliche“ war einfach nicht mehr angesagt. Im Dom seiner Heimatstadt hinterließ er zwei weitere Werke. Eine Taufe und ein Heiligendefilee, erstere ganz gelungen, letzteres naja.

DSC_0844

Der Jordan ist hier eher ein Teppich als ein Fluss. Sieht aus, als hätte der verblüffend staubfreie Johannes das Taufwasser im Fläschchen mitbringen müssen. Vielleicht war in der Flasche auch Eau Sauvage von Dior, denn die glatte Brust des wilden John duftet einem richtiggehend aus  dem Bild entgegen. Und seine Kombi aus leichter Fellweste und lässig drapierter Purpurseide könnte er grandios im Mailänder Herbst tragen.

In der Krypta des Doms findet sich sehr versteckt der Rest eines Freskos von Benozzo Gozzoli. Nur als Hinweis für Kenner.  Man erkennt Adam und Eva beim Sündenfall, aber der Hammer ist die Blumengirlande rechts. Renaissance-Flowerpower!

DSC_0850

Città della Pieve ist also wirklich etwas Besonderes. Wo sonst auf der Welt heißt der Platz vor dem Dom Piazza Antonio Gramsci? Wo sonst gibt es noch Metzger, bei denen man aus dem Verkaufsraum in die Küche schauen kann – auf Berge von frischer Salsiccia, die da gerade mit Bindfaden abgeschnürt wird? Marco Rosi heißt der macellaio, er verkauft auch Safran, der in den Hügeln um die Stadt (wieder) angebaut wird. Und als wäre das alles noch nicht sympathisch genug, sind die Pievenser (?!) auch noch lustig kreativ.

Ob das Colins Firths Regenrinne ist?

DSC_0835

Quatsch, der hat sicher ein Anwesen in der Campagna. Zypressen, Zikaden, Pool und was man als Weltstar noch so braucht. Vielleicht kauft er ja seine Zeitungen hier:

DSC_0841.

Gibt es auch in Italien kaum noch, solche Läden. Kleine Zeitreise in eine Welt, da die Maler noch auf Maultieren reisten. Für mich geht’s zurück mit dem Auto, ein Stündchen durch die Hügel. Die Landschaft des Perugino.

 

 

 

Villa Lante

In diesem Sommer also Entdeckungstouren vor der eigenen Haustür. FreundInnen erzählen begeistert von Rundgängen durch die nahezu leeren Vatikanischen Museen, wo auf einmal nicht mehr 20.000 BesucherInnen pro Tag unterwegs sind, sondern nur noch 200. Kein Wächter trompetet mehr „Silenzio!“ in der Sistina, weil es da sowieso schon so still ist. Endlich in Ruhe Michelangelo gucken! Und Luca Signorelli, Perugino, Ghirlandaio, Botticelli. Demnächst. Im Sommer bleibe ich ja dann doch lieber draußen. Zum Beispiel in der Villa Lante.

lante6

Genauso frisch wie auf dem Bild ist es dort wirklich, an einem heißen Julimorgen. Dabei sind gar nicht alle Brunnen in Betrieb, aber die Lage in der Hügellandschaft um Viterbo, ein leichter Wind und die Schatten der alten Bäume reichen schon für Linderung. Die Villa Lante ist ein ziemlich kleiner Park,  für die winzige Ortschaft Bagnaia jedoch schon überdimensioniert.

lante9

Die Provinz Viterbo ist ein Nest des Manierismus. Reiche, von der Esoterik angehauchte Landadelige engagierten allenthalben phantasievolle Landschaftsarchitekten, die je nach Neigung der Kundschaft Ungeheuer (Bomarzo) oder Labyrinthe und formenreiche Brunnen in großzügig bepflanzte Parks drapierten. In Bagnaia war um 1570 der Gartenbauer Jacopo Barozzi am Werk, beauftragt von Kardinal Giovanni Francesco Gambara. Der Kirchenmann war Mitte Dreißig, als er die Verwaltung von Viterbo und Tuscania übernahm, ein ziemlich großes, aber relativ dünn besiedeltes Gebiet voller dichter Wälder und tiefer Seen zum Jagen und Fischen.

Vor den Toren von Viterbo ließ sich Gambara eine kleine Jagdvilla mit Park erbauen, klein, ja intim aber voller Raffinesse. Hier ein kleines Gartenhäuschen – das Haupthaus mit der fantastisch freskengeschmückten Loggia ist leider seit Jahren geschlossen. Pertsonalmanhel! Im Moment passen drei gemütliche ältere Herren mit baumelnden Gesichtsmasken auf Park und Publikum auf.

lante4

Als Gambara 1587 starb, erbte den Besitz Kardinal Alessandro Peretti di Montalto, der sich prompt ein zweites Haus in den Park pflanzen ließ. Peretti ging in die Kirchengeschichte ein, weil er schon mit 14 Jahren zum Kardinal ernannt wurde. Als er Bagnaia übernahm, war er immerhin 17 und sich seiner Würde offenbar schon sehr bewusst. Angesichts der heutigen Gerontokratie in der Römischen Kirche vergisst man leicht, wie jung Kurienmänner und Päpste früher waren, ganz selbstverständlich zu Pferd unterwegs und das meistens gut bewaffnet. Ätherische Gestalten wie Benedikt XVI waren eher selten, es ging ja schließlich auch weniger um himmlische Fährnisse als um weltliche Macht. Altmänner-Gespinste wie der Verzicht auf Sex oder Fleisch am Freitag haben Typen wie Gambara, Peretti aber auch ihre Vorgesetzten nicht die Bohne interessiert, und Martin Luthers Stänkereien sind in Viterbo bis heute nicht angekommen. Lieber lud man als junger Kirchenfürst Gäste zu rauschenden Gartenpartys ein, platzierte sie an einem langen Tisch mit einem Wasserlauf in der Mitte und tafelte im Schein von 14.000 Kerzen.

 

lante2

Der ganze Park evoziert spielerisch das Miteinander von Kunst und Natur. Ein Evergreen! Der Park und seine Brunnen sollten so natürlich wie möglich wirken, geschafft haben die Architekten des 16. Jahrhunderts das sicher mit diesem Nymphäum:

lante5

Man muss es nur anschauen, und schon kühlt die Körpertemperatur ab! Was das anging, hatte Kardinal Peretti noch ein anderes, eiskaltes Geheimnis. Er ließ im Winter Schnee in eine zehn Meter tiefe Höhle schaufeln, die er im Sommer als Kühltruhe benutzen konnte. So schmeckte auch der Weißwein aus dem benachbarten Montefiascone besser…

Villa Lante

Via Jacopo Barozzi 71, Bagnaia

Tel. +39-0761-288088, Tgl. außer Mo von 8.30 bis 19.30 Uhr, 5 Euro. Maskenpflicht!

 

Soundtrack des Lebens

Es gibt Filme, von denen man nur noch die Musik erinnert. Und wenn das so ist, dann stammt diese Musik garantiert von Ennio Morricone. Der Mann, von dem wir alle irgendeine Melodie kennen, ist heute mit 91 Jahren in Rom gestorben. Sein ganzes Leben hat er in seiner Heimatstadt verbracht. Morricone liebte Rom und Rom verehrte ihn. In den letzten Jahren dirigierte er so viele Konzerte wie nie zuvor,  alle ausverkauft.

Es war nicht nur die Nostalgie, die die Säle füllte. Irgendwie scheint es, als habe dieser zierliche, leise Herr den Soundtrack unseres Lebens geschrieben. Seine Kompositionen bleiben unverrückbar in unserem Gedächtnis, unserer Seele, weil niemand sonst Emotionen derart klingen und schwingen lassen konnte. Der verrückteste Ort, an dem ich sein „Spiel mir das Lied vom Tod“ gehört habe, war die Kirche San Domenico in Neapel – zu einer Hochzeit.

images-1

Morricone war mit seinem späteren Kompagnon Sergio Leone im Stadtteil Trastevere zur Grundschule gegangen. Er war der Beginn eines ewigen Derbys. Leone war für Lazio, Morricone Romanista. Einmal fragte ich ihn, ob er gern die Roma-Hymne geschrieben hätte. Er lächelte abgründig. Ein Fußballspiel musikalisch zu begleiten, halte er jedenfalls nicht für unmöglich.

Sein Erfolg war immer ein wenig unheimlich. Oder besser: Er wollte nie mit Filmmusik weltberühmt werden. Die Soundtracks waren ja nur eine Gelegenheit, Geld zu verdienen für seine Familie, die Ehefrau Maria, mit der er 64 Jahre verheiratet war, und die vier Kinder. Ein Brotberuf, aber der Komponist Morricone hätte lieber Ruhm mit „richtiger“ Musik erlangt, mit „ernsthaften“ Orchesterwerken seine Kollegen und die Fachwelt beeindruckt. Er träumte also von Höherem, genoss aber natürlich die Popularität.

Die Anerkennung der Musikwelt kam spät. Auch die der Filmbranche: 2007 der Ehren-Oscar und erst 2016 ein „richtiger“ für den wenig erinnerungswürdigen Tarantino-Movie „Hateful eight.“

Dabei war er längst ein Klassiker, ein Großer des 20. Jahrhunderts. Seine Musik wird bleiben. Grazie Maestro.

Roma capoccia

Es ist heiß. Und es ist leer. Am frühen Morgen ist es noch nicht so heiß, aber dafür noch leerer, also die beste Zeit zum draußen sein. Heute mal zu Fuß, das Fahrrad ist im Hof angeschlossen, aber der Sohnemann hat den Schlüssel verklüngelt. Zum Rad und zu den zwei Türen davor. Zahnarzttermin mit Nervtötung erst um 11 Uhr, also ist man um halb sieben strahlender Laune.

viafori (1)

Ist ja auch schön, oder? Mit dem Rad wäre es schöner, schon wegen der leichten Brise. Aber auf dem Rad sieht man nicht so viel wie zu Fuß. Zum Beispiel diesen Blumenkübel vor dem Kolosseum:

kubelvicino (1)

Okay, der Zoom ist ein bisschen ungerecht. Schließlich stehen hier gleich drei von diesen Dingern, sorgsam aufgereiht.

kubelcolosseo (1)

Die E- Roller gehören mittlerweile auch zum Stadtbild. Man muss verdammt aufpassen,  nicht umgefahren zu werden, vor allem aber, nicht über die Dinger zu stolpern. Immerhin ist das aber viel einfacher zu Fuß. Denn mit dem Rad hätte ich hier tatsächlich ein klitzekleines Problem:

pattini

Soviel zu Rom als neuer Radlerhauptstadt. In Wirklichkeit entwickelt sich die Stadt gerade zur neuen Metropole der Monopattini – klingt das nicht viel netter als E-Roller? Ach so, hier auf dem Weg vom Kolosseum zum Circus Maximus. Da soll demnächst auch die U-Bahn direkt verkehren. Also irgendwann demnächst.

metrocolosseo (1)

Ich bin immerhin schon so lange in town, dass ich mich noch an eine Zeit ohne diese Baustelle erinnere. Allerdings war das Kolosseum da auch noch altersschwarz. Man konnte damals einfach so das Augustus-Forum sehen. Das waren Zeiten! Heute geht das nicht mehr, höchstens sehr früh morgens, wenn man die Absperrungen ignoriert.

Vorhang auf:

foroaugusto (1)

Was das soll? Nun, ein gewisser Alberto Angela, TV-Moderator einer Wissenschaftsshow, hat sich an den interessantesten Ausgrabungsplätzen Italiens die Rechte für seine Multimedial-Märchenstunde vor zahlendem Publikum gesichert. Der Mann ist der unumstrittene Boss der Geschichts-Verkitschung, übrigens schon in zweiter Generation, denn vor ihm hatte sein Vater Piero das übernommen. Das derlei Monopole erstens überhaupt bestehen und zweitens auch noch vererbt werden, wäre anderswo undenkbar. Hier aber versperrt die absurde Tribüne für die abendliche Lightshow nicht nur monatelang den Blick auf das Forum, sie verschandelt auch eine einmalige Stadtlandschaft. Und das, obwohl sie auch abends leer bleibt!

foroaugustototale (1)

Wobei….Stadtlandschaft? Mitten in Rom kann man sich neuerdings sein Mittagessen zusammensammeln. Rucola sprießt direkt am Kolosseum. Die lichtblau blühende Cicoria – also die deutsche Wegwarte – ein in der römischen (Restaurant)-Küche sehr beliebtes Gemüse, hat sich neuen Lebensraum an der Forenstraße erobert. Früher hatten wir mal StadtgärtnerInnen. Jetzt haben wir die Fünf Sterne im Rathaus. Und das Kraut sprießt überall, wie es will. Genau wie der Müll.

cicoria (1)

Wenn die Stadt so leer ist, könnte man sie doch glatt mal aufräumen. Für uns RömerInnen, damit wir es in diesen harten Zeiten ein bisschen netter haben.

Welch ein naiver Gedanke auf einem Morgenspaziergang durch die schönste Stadt der Welt. Was ich übrigens nicht fotografiert habe: Die Hundescheißepäckchen auf den Fensterbänken verschlossener Hotels. Die überall achtlos hingeworfenen Atemschutzmasken. Die Matratze auf dem Bürgersteig unweit von Neros Goldenem Haus, Nachtlager für arme Menschen.

Und jetzt ab zum Zahnarzt.