Saufen gegen den Faschismus

Eine merkwürdige Idee, das alte, italienische Partisanenlied Bella Ciao mit dem Argument zum Spitzenreiter der Oktoberfest-Hitparade zu erklären, in diesen Zeiten gelte es anzusingen gegen den sich ausbreitenden Faschismus. Sicher meint der SZ-Kollege Stephan Handel es gut, wenn er das in seiner Kolumne vorschlägt. Und vermutlich schafft es der Remix sowieso in die Bierzelte, auch wenn die Leute gar nicht ahnen, was sie da grölen. Irgendwas mit schönen Frauen, oder? „Ist das nicht aus einer Serie?“ fragte gestern jemand in einer Whatsapp-Gruppe Münchner Studenten. Genau. Die Serie heißt Zweiter Weltkrieg und hatte traumhafte Einschaltquoten.

Die Frage ist: Müssen wir jetzt wirklich schon saufen gegen den Faschismus? Oder fällt uns unter Umständen auch noch was besseres ein?

Die paar Italiener, denen es bei der Vorstellung, dass deutsche Suffköpfe das alte Lied gegen den Vormarsch der (übrigens auch dauerbesoffenen Wehrmacht) in ihrem Land überhaupt noch gruselt – in München offenbar zu vernachlässigen. Dabei ist Bella Ciao in Italien immer noch ein politisches Lied. Hier kann man zum Beispiel Passagiere eines Flughafenbusses in Brindisi sehen, die es anstimmen, als Innenminister Matteo Salvini einsteigt. Und hier spielt eine Band das Lied, als Salvini einen Markt in Mailand erstürmt. Der reagiert sarkastisch. Im umbrischen Amelia gab es dieses Jahr Streit, weil die Forza-Italia-Bürgermeisterin verbot, bei der Feier am 25. April, dem Nationalfeiertag im Gedenken an die Befreiung vom Faschismus, Bella Ciao zu spielen. Mit dem Argument: kommunistisch.

Es gäbe da noch ein paar andere Bierzeltlieder aus Italien. Fischia il vento zum Beispiel, schmissig, schmissig. Oder Bandiera Rossa. Klappt auch noch nach drei Maß und nach der vierten glaubt man sogar dran.

Dass wir mit denen tatsächlich nochmal fertig werden.

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Lazio und die Frauen

Letztes Wochenende bei Lazio-Napoli (1:2) im Olympiastadion. Eine mysteriöse „Direktive Diabolik Pluto“ verteilt Flugblätter, auf denen die Nordkurve als „heiliger Raum“ bezeichnet wird, in dem ein ungeschriebenes Gesetz gefälligst von allen respektiert werden müsse: „Die ersten Reihen über dem Spielfeld sind wie ein Schützengraben für uns.“ Da hätten „Frauen, Ehefrauen und Verlobte“ nichts zu suchen. „Wer das Stadion als Alternative zu einem romantischen Spaziergang durch den Park betrachtet, soll sich woanders hinsetzen.“ Auf die hinteren Plätze, ab Reihe 10.

Meine erste Reaktion war: wie lächerlich. Nicht mal mehr in ihrem „Schützengraben“ haben die starken Männer in der Curva Nord das letzte Wort! Selbst im „heiligen Raum“ quatschen ihnen die Frauen dazwischen und entlarven so das ganze Kampfgeheul und Mukkigepränge der „Ultras“-Führer als lächerliches Spektakel. Das Problem jener Rädelsführer, die früher tausende von Fans dirigierten: sie sind hoffnungslos von gestern. Anstatt ihnen zu folgen, macht das Fußvolk in der Kurve neuerdings was es will. Selfies für die Freundin etwa. Wo bleibt da die Konzentration im Kampf? Also Flugblätter gegen Frauen. Was für Jammerlappen.

Dann habe ich mal nachgeschaut, was „Diabolik“ und „Pluto“, die stadtbekannten Oberkrawallskis aus der Curva Nord, eigentlich jetzt so treiben. Die Jungs sind ja schon älter, um die Fünfzig, und könnten nach Jahrzehnten Radau im Stadion mal langsam in Rente gehen. Die „Ultras“ von Lazio sind nicht zuletzt dank dieser äußerst ungemütlichen Comicfiguren  D und P als Faschisten berüchtigt. Immer wieder musste der Klub Geldstrafen zahlen und Stadionsperren auch bei internationalen Begegnungen hinnehmen, weil der extremistische Anhang mit antisemitischen oder rassistischen Aktionen auffällig geworden war. Die „Ultras“-Führer haben zum Teil Vorstrafen wegen Körperverletzung, Drogendelikten und Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Über Jahre bedrohten sie auch Klubpräsident Claudio Lotito, weil der ihnen die Lizenz zum Handel mit Lazio-Artikeln entzogen hatte und den Klub nicht an den Clan der Casalesi (Camorra) abgeben wollte, als der stark „interessiert“ war und in mithilfe der „Ultras“ in dem früheren Spieleridol Giorgio Chinaglia sogar schon einen passenden Strohmann gefunden hatten.

Führer „Diabolik“, einer der Kurvenbosse hinter dem sexistischen Flugblatt, kam zuletzt 2013 wegen Drogenhandels ins Gefängnis. Die Antimafiaeinheit der italienischen Justiz konfiszierte damals bei ihm illegal erwirtschaftetes Vermögen im Wert von 2,3 Millionen Euro. „Pluto“ sitzt ebenfalls – wegen Handels mit Kokain, beide haben Verbindungen zum römischen Rechtsextremismus und zur Mafia-Organisation „Banda della Magliana“ sowie zur neapolitanischen Camorra. Ins Stadion dürfen „Diabolik“ und „Pluto“ schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Offenbar will die Kurve, die sie lange auch aus dem Gefängnis dirigierten, nicht mehr nach ihrer Pfeife tanzen. Geschweige denn ihre Ware kaufen. Deshalb jetzt das Flugblatt – gegen Frauen. Dabei geht es um die nur um Rande.  Eigentlich geht es, wie so oft, um  Macht und Kohle. Die neuen Faschos, die heute in Reihe 1 bis 10 turnen, kümmern sich einen Dreck um die alten Säcke, die früher dort den Ton angaben. Und sie nehmen ihre Mädchen gern mit, um sich an Ort und Stelle anhimmeln zu lassen. Die Militarisierung der Kurve ist von gestern. Aus dem Schützengraben wird eine Smartphone-Bühne.

Die Klubführung von Lazio hat sich von dem Pamphlet distanziert. Der Verein sei „gegen jede Form der Diskriminierung.“ Es handele sich um die Aktion einer Minderheit. Die Società Sportiva Lazio ist der größte Sportklub Europas, von Badminton und Bridge bis Skifahren vereint er unzählige Aktivitäten unter einem Dach. Die Frauenfußballmannschaft spielt aktuell in der Dritten Liga. Wappentier ist seit der Gründung Anno 1901 ein Adler, der vor jedem Heimspiel des Männer-Profifußball-Teams über dem Stadion kreist. Ganz selbstverständlich überfliegt Maskottchen „Olympia“ dabei auch die Nordkurve, natürlich inklusive der Reihen 1 bis 10.

Der Lazio-Adler „Olympia“ ist, wie der Name schon sagt: eine Frau.

 

Kluivert. Justin Kluivert.

Justin Kluivert gibt ein brillantes Debüt bei der Roma. 19 Jahre alt, pures Talent: Der pfeilschnelle und hoch begabte Sohn des großen Patrick Kluivert rettet eine graue Partie der Roma beim FC Toro und beschert Dzeko mit seinem Pass die Vorlage zum 1:0. Da hat man das Gefühl, dass die Roma zumindest auf dem Transfermarkt einiges richtig gemacht hat. Die zweite positive Überraschung ist Torwart Robin Olsen. Der Schwede wurde als Ersatz für den bärenstarken Allison Becker geholt: allgemeine Skepsis. Aber Olsen zeigt zwischen den Pfosten einen geradezu feurigen Einsatz und boxt alles weg, was ihm irgendwie krumm kommt.

Juve, Napoli, Roma haben jeweils drei Punkte eingeheimst. Milan spielt heute noch nicht. Vermutlich ist dort sowieso interessanter, was hinter den Kulissen abgeht. Können Paolo Maldinis Augen lügen? Oder ist die Übernahme durch die US-Heuschrecken von Elliott doch gar nicht so übel? Ich habe da meine Zweifel.

Schwere Geburt

Die Juve gewinnt 3:2 bei Chievo Verona, in letzter Minute, nach einer mühsamen Partie. Die frühe Führung durch Sami Khedira hatte Madama träge werden lassen, nur einer suchte verbissen nach dem Tor: Genau, der Spieler mit der Trikotnummer 7 (ehemals Cuadrado, der jetzt die 16 trägt). Während sich die übrigen Bianconeri gemütlich zurücklehnten, und jede überflüssige Anstrengung sorgfältig vermieden, versuchte Cristiano Ronaldo mit allen Mitteln, an Chievos Stefano Sorrentino vorbei zu kommen. Der Ex von Real Madrid gegen den Ex von Recreativo Huelva. Klappte aber nicht.

Stattdessen schaffte Chievo den Ausgleich und ging dann auch noch per Elfmeter in Führung. Sensationell! Lange blieb es beim 2:1, bis nicht der Neue aus Portugal, sondern der altbekannte Leonardo Bonucci die größte Blamage verhinderte. 2:2 in Minute 75, erzielt vom verlorenen Sohn, der vergangenes Jahr im Streit mit Allegri zur AC Milan abgerauscht war, dort als Kapitän alle enttäuschte, am meisten sich selbst – um reumütig wieder nach Turin zurück zu kehren. Für Bonucci gab es am Anfang Pfiffe, die der Chievo-Leuten waren noch etwas leiser als die der Juventini.

Zum Schluss ein wenig Chaos. Emre Can versuchte sich an Sorrentino. Der wehrte ab, stürzte, der hyperaktive Ronaldo verpasste ihm einen Ellbogenstüber – und Mandzukic trifft. Annullieren, entscheidet der Video-Schiedsrichter, der in Italien übrigens im Unterschied zu Deutschland in jedem Stadion installiert ist. Erst als Sorrentino vom Platz getragen wird, gelingt Juventus der Sieg. Sein Vertreter Seculin lässt sich von Bernadeschi überraschen.

In Turin ist die Welt vorerst wieder in Ordnung. Fazit: Der Neue spielt wirklich nicht schlecht und Mühe gibt er sich ja auch. Also Pazienza. Vielleicht klappt es mit dem Tor nächsten Samstag, zu Hause gegen Lazio.

Auf ein Neues

Saisonstart in Italien! Und gleich sind diese beiden Herren am Zug: CR7 in Verona, bei Chievo-Juventus. Sowie Carlo Ancelotti bei Lazio-Napoli. Mister Ancelotti ist unterm Vesuv wie gewohnt mitsamt seinem ganzen Clan am Werk. Sohn, Schwiersohn, Freundessohn, alle bei Calcio Napoli in Amt und Würden. Tengo Famiglia, so steht es in der SZ.

Abgang mit Detonation

Mezut Özil hat lange gewartet mit seiner Reaktion. Zu lange, um nicht ernsthaft nachgedacht zu haben über seine eigene Rolle in der Affäre um das Erdogan-Foto und die nachfolgende Debatte. Zu lange vor allem, um derart ungefiltert derart viel Wut zu verbreiten. Keine Selbstreflexion. Keine Selbstkritik. Nur der Hinweis, er sei eben kein Politiker, sondern Fußballer. Als wenn der Umstand, Profikicker zu sein, einen erwachsenen Mann von Verantwortung und reflektierter Entscheidung befreien würde.

Özil ist nicht nur ein Fußballer. Er war Nationalspieler. Weltmeister. Und ein Symbol für die Integrationsfähigkeit der bundesdeutschen Gesellschaft. Als solches hätte er Erdogan nicht huldigen dürfen. Mit seinem furiosen Rücktritt aus der Nationalmannschaft hat er das Integrationssymbol Özil demontiert und gleichzeitig die Integrationsfähigkeit Deutschlands in Frage gestellt. Demontiert wird sie selbstverständlich nicht von ihm, sondern von anderen.

Bei aller Kritik an seiner Person – nicht Özil ist das Problem. Sondern der von ihm zu Recht beklagte Rassismus in der deutschen Gesellschaft. Und vor allem die zu Recht attackierte Unfähigkeit deutscher Fußballfunktionäre, den symbolischen und, jawohl, politischen Wert der Nationalmannschaft zu begreifen und zu würdigen, sowie ihren Spielern zu verdeutlichen, dass man von ihnen mehr verlangen muss, als sportliche Leistungen.

Nicht das Ausscheiden nach der Vorrunde ist die Stunde Null der Nationalmannschaft, sondern der Abgang ihres langjährigen Mittelfeldregisseurs. (Dazu hier auch der kluge Kommentar meines SZ-Kollegen Martin Schneider). Die Verlogenheit, die hierzulande im Umgang mit der wichtigsten Nationalelf herrscht, ist unfassbar. Özil hat ja recht, wenn er moniert, dass Lothar Matthäus sich ganz selbstverständlich mit Putin fotografieren lässt. Und nicht nur Matthäus, auch die ganze FIFA-Chefetage, die Putin umgarnte und nun bereit ist, Katar zuzujubeln. In einem Land, da ein ehemaliger Bundeskanzler für einen russischen Energiekonzern arbeitet, regen sich die Leute über einen Brausefabrikanten als Eigentümer des Erstligaklubs in Leipzig auf. Dabei ist Red Bull verglichen mit Gazprom (Schalke, Uefa-Champions League) ein Schrebergartenverein.

Özils Aufschrei gegen die Scheinheiligkeit des Fußballbetriebs ist richtig und wichtig. Leider fürchte ich, dass er schnell verhallen wird. Wohin der Hase in der Debatte laufen soll, hat ja heute morgen schon Uli Hoeneß angezeigt: „Hat einen Dreck gespielt. Froh, dass der Spuk vorbei ist.“ Der Spuk ist vorbei? Tja, auch da spricht der Richtige. Sich mit Erdogan fotografieren zu lassen, mit dem übrigens die Bundesrepublik einen tollen Deal fabriziert hat, um sich und der verehrten Wählerschaft Kriegsflüchtlinge vom Leib zu halten, ist jedenfalls nicht strafbar.

Bleibt die DFB-Führung, bei der man sich sowieso wundert, wieso die eigentlich noch im Amt ist. In anderen Ländern reicht eine Vorrundenpleite (Italien 2010). Hier aber kann einer der wenigen verbliebenen Weltstars den Rassismus der eigenen Chefetage beklagen und Türen knallend das Team verlassen, ohne das was passiert.

Man stelle sich dieses ganze Affentheater mal in Frankreich vor.

Nun, deswegen sind die ja auch Weltmeister.

Vollends unerträglich

Kaum war die WM in Russland beendet und der stumme Diener Infantino abserviert, traf sich Putin mit Trump. Von den Pussy Riots aus dem Finale hört man nichts mehr. Und als nächste Station erwarten uns die Weihnachtsspiele in Katar.

Mein Kollege Claudio Catuogno zieht ein bitteres Resümée des Turniers. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der Gipfel der Verlogenheit offenbar noch lange nicht erreicht ist. Sehr lesenswert!

„Der Fußball hat die Strahlkraft, Tausende Volunteers in die Selbstausbeutung zu treiben, nur um des Gefühls willen, Teil einer großen Sache zu sein. Aber was macht der Fußball aus dieser Strahlkraft? Nichts. Sag Ja zu Vielfalt, sag Nein zu Rassismus – das ist bloß die Soße, die er über seine Werbespots gießt, um den Betrieb mit gesellschaftlicher Bedeutung aufzuladen.“