Carabinieri

Die Carabinieri sind bei weitem nicht die einzige Polizisten in Italien. Es wären da noch: Die Finanzpolizei (Guardia di Finanza) , die normale Polizei (Polizia), die Ordnungspolizei (Vigili), sowie in Sizilien und in Südtirol die Forstpolizei. Aber die Carabinieri sind am bekanntesten und am populärsten. In jeder Dorfkneipe, bei jedem Herrenfrisör liegt die Zeitschrift der Carabinieri aus wie eine Art italienische Bäckerblume. Dass sie viel präsenter sind als die übrige Polizei, liegt wohl auch an ihren tollen Uniformen, den schnittigen Alfa Romeos und den Super-Sonnenbrillen.

Es gibt sie seit mehr als 200 Jahren, nämlich seit dem 13.7.1814. L’Arma dei Carabinieri, gegründet im Piemont, ist älter als Italien. Die Carabinieri haben massiv zur Einigung Italiens beigetragen, bis heute ist der Anteil der Süditaliener bei dieser Militärpolizei sehr hoch. Die ersten Süditaliener, die noch vor der Emigrationswelle der 50er und 60er Jahre nach Norden gingen, waren Carabinieri.

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Kommt ein Carabiniere zum Automechaniker: „Sieh dir mal das rechte Rücklicht an.“

„Was soll damit sein?“

„Mal geht es, mal geht es nicht.“

„Das ist der Blinker!“

Das war jetzt ein Klassiker der Carabinieri-Witze. Und dann gibt es natürlich die Heldengeschichten all‘ derjenigen, die im Kampf gegen die Mafia gefallen sind. Ein General wie Carlo Alberto dalla Chiesa. Und unzählige andere.

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Die 110.000 Männer und seit 2000 auch Frauen werden auch mal im Ausland eingesetzt, und sind im Inland unter anderem zuständig für Umweltschutz und die Sicherstellung geraubter Kunstwerke. Italiens Umweltminister Sergio Costa ist ebenfalls Carabinieri-General, er hat sich einen Namen im Kampf gegen die Giftmüll-Mafia gemacht.

Derzeit sind die Carabinieri im Einsatz gegen einen unsichtbaren Feind:

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Sie kontrollieren, dass überall die Ausgehsperre eingehalten wird. 500.000 Kontrollen in vier Tagen, 20.000 Bußgelder, unzählige Ermahnungen.

An die Frau, die ihren Hund dreimal am Tag ausführt (angeblich zu oft).

An den Mann, der zum Zeitungskiosk unterwegs ist (angeblich überflüssig).

An den Alten, der in seinen Garten außerhalb der Ortschaft will (total verwegen).

Auch hier im Dorf stehen die Carabinieri. Halten Leute an, die zur Apotheke spazieren oder zum Bäcker. Schon klar, die Militärpolizei macht ihre Arbeit. Aber gruselig ist es doch. Und man sehnt die Stunde herbei, da die Carabinieri wieder Verbrecher jagen.

A propos: Normale Verbrechen, gibt es die im Moment eigentlich noch?

 

 

 

Una canzone vola

Freitag, der 13. März, 18 Uhr. Während die Zahl der Toten im allabendlichen Corona-Kriegsbulletin steigt, gehen die ItalienerInnen auf die Balkone ihrer Häuser und singen.

Singen gegen die Angst, wie hier in einem Wohnhaus in Mailand. Greifen zur Geige wie hier der erste Violinist der Scala. Zur Gitarre wie hier in Bologna. Oder zum Taktstock wie dieser Dirigent hier in Neapel.

Die Verbreitung des Virus bekämpft man mit eiserner Disziplin.

Aber die Angst, die besiegen wir nur mit Lebensfreude!

 

Pandemie

Aus der Fußballoper wird gerade – in aller Bescheidenheit – eine kleine Brücke zwischen Italien und der Außenwelt. Das, weil man hier in Sachen Pandemie dem Rest Europas voraus ist. In Deutschland etwa waren alle Reaktionen und Verdrängungsmechanismen abzulesen, die wir hier auch schon hatten. Auch auf diesem Blog.

Erster Schritt: Chinesische Grippe. Zweiter: Naja, nur eine Grippe. Und Mundschutz tragen hier nur Asiaten. Dritter: Betrifft ja nur Norditalien. Vierter: Immer noch weniger Tote als bei einer normalen Grippe. Fünfter: Tja.

Heute werden vielleicht die Zahnarztpraxen geschlossen – die meisten Dentisten haben das von sich aus getan. Als größtes Problem der Seuche könnte sich die medizinische Mangelversorgung in anderen Bereichen erweisen.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. An erster Stelle: Ja, die Opfer sind zumeist alte Menschen. Aber 85 Prozent der über 80-Jährigen überleben! Und nur die Hälfte der Erkrankten (der Erkrankten, nicht der Infizierten!) muss überhaupt ins Krankenhaus, von ihnen landet dann ein Fünftel auf der Intensivstation. Da wird es dann, nach den Erfahrungsberichten der Ärzte, wirklich sehr hart.

Noch ein paar Zahlen: das Durchschnittsalter der getesteten Infizierten liegt bei 65 Jahren, das der Todesopfer bei 82. Neun Prozent der Opfer sind über 90, 33 Prozent zwischen 70 und 79, acht Prozent zwischen 60 und 69, nur zwei Prozent zwischen 50 und 59. Es gibt derzeit keine Todesopfer unter 50.

Wir sollten uns alle vom Virus der Vernunft anstecken lassen. Schützen wir unsere Alten. Und damit uns selbst – denn wer weiß, wie sich diese Geschichte weiter entwickelt.

 

Welcher Salvini?

Alle reden jetzt von den wirtschaftlichen Folgen des Virus. Das Bezahlen von Hauskrediten und Gasrechnungen soll für’s erste ausgesetzt werden, die Regierung zahlt bedürftigen Familien 600 Euro im Monat für Babysitter. Die Hoteliers und Gastronomen klagen und in der Lombardei wird gerade darüber nachgedacht, alle Geschäfte außer Lebensmittelläden und Apotheken zu schließen. Tatsächlich braucht man ja auch kaum etwas anderes. Wer denkt denn jetzt an Frühjahrsmode oder ein neues Smartphone? Was das betrifft, ist die Corona-Invasion sehr lehrreich. Das ganze Gerede von Konsum und Wachstum ist auf einmal verstummt und der Himmel über Italien nur deshalb nicht so blau wie nie, weil alle Olivenbauer gerade auf einmal ihren Baumschnitt verbrennen.

Aber es gibt auch politische Folgen und die sind durchaus schon spürbar: Wenn ein Volk auf allen Kanälen Corona schaut, wie das die ItalienerInnen gerade tun, dann sieht man plötzlich keine Rechtsextremen mehr. Wahrscheinlich beißt Matteo Salvini gerade mehrmals täglich in den Tisch. Wenn er jetzt noch Innenminister wäre, dann würde er wohl von einem martialischen Auftritt zum nächsten marschieren, jedenfalls in den asozialen Medien. Aber Salvini ist kein Innenminister, sondern nur Vorsitzender einer Oppositionspartei. Und die Entscheidungen trifft gerade der parteilose Professor Giuseppe Conte, der von Tag zu Tag gestresster und verschwurbelter wirkt, mit seiner heiseren Stimme aber die Leute beruhigt, obwohl er ihnen ebenfalls täglich neue Ungeheuerlichkeiten zumutet.

Conte macht gerade aus den ItalienerInnen eine Solidargemeinschaft. Also genau das Gegenteil von dem, was Salvini und die anderen Rechten erreichen wollen. Populisten müssen spalten, sonst läuft das Geschäft nicht.

In den Umfragen purzelte die Lega letzte Woche erstmals auf 27 Prozent (von 34 bei der Europawahl). Ihre Regionalpräsidenten machen keine besonders gute Figur. Und der so genannte Capitano hat im Moment nichts zu sagen, was irgendjemanden interessieren würde.

Rien ne va plus

Und jetzt bitte keine Panik auf der Titanic. So ungefähr beginnt mein Mann, der Professor, heute morgen seine Mails an besorgte StudentInnen. Seit Donnerstag sind die Unis geschlossen, seit heute früh ist quasi das ganze Land abgeriegelt – wobei das natürlich nicht stimmt, denn es wird noch gearbeitet. An der Uni (120.000 Studentinnen) mit Internet-Vorlesungen. Sprechstunden via Skype. Und vor allem: StudentInnen beruhigen. Wie zum Beispiel die junge Frau aus Pakistan, die von ihrer besorgten Familie die Order erhielt, aus dem verseuchten Italien sofort nach Hause zu reisen. Please don’t panic, schreibt mein Mann. Die Studentin ist ganz kurz vor ihrer Masterprüfung. Die auch stattfinden wird, mit Sicherheitsabstand, ohne das hier sonst übliche Publikum.

Please don’t panic, das ist das Gebot der Stunde. Obwohl es natürlich schon gespenstisch ist, wenn man so abgeriegelt wird. Theoretisch muss man schon begründen, wenn man seinen Heimatort verlässt – egal, wie groß der ist.

Eigentlich wollte ich morgen nach Deutschland fliegen, an meinen Heimatort. Natürlich gestrichen. Meine Eltern haben weniger Angst, von mir angesteckt zu werden als vor den Kommentaren der Nachbarn. Mein Bruder, der Death-Metal-Rocker, betreut beruflich alte, behinderte Menschen. Den dürfte ich sowieso nicht mal angucken. (Der andere ist Tischler). Ganz ehrlich, in meiner Kleinstadt würden sich vermutlich nicht allzu viele Leute über meine Anwesenheit freuen. Weil ich halt aus dem Seuchenland komme. Ich kann das verstehen.

So wie uns geht es jetzt gerade vielen. Die Kinder im Ausland, zum Studieren, in meinem Fall auch noch die Eltern. Es geht jetzt gerade nicht hin – und vor allem vielleicht nicht zurück. Und wir überlegen: Geht es eigentlich noch von Rom aufs Land? Laut Notverordnung nicht.

Ich wollte eigentlich nur ein paar Tage bleiben. Wenn ich jetzt zurück in die Stadt fahre – wann kann ich überhaupt wieder kommen? Die grundsätzlichere Frage wäre: Wieso soll ich eigentlich gerade jetzt weg von hier?

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Wenn schon zu Hause bleiben, dann lieber auf dem Land. Das Land ist immer offen, während in der Stadt alles geschlossen ist, was die Stadt ausmacht. Kino, Museen, Theater und jetzt sogar die Restaurants, ab 18 Uhr. Unser Freund Marco, der bei sich zu Hause mit seinem Projektor einen kleinen Kinofreunde-Kreis veranstaltet, hat für nächsten Montag auch schon alles gestrichen. Man darf arbeiten, sich aber nicht nach Dienstschluss versammeln, das ist die Ansage der Regierung. Sicher, irgendwann in den nächsten Tagen muss ich nach Rom, den Mann unterstützen. Aber heute wird erst mal der Gemüsegarten gepflügt.

Cricetare

Das italienische Wort für  „hamstern“ wäre „cricetare.“ Aber das gibt es gar nicht, man sagt „fare provviste“, Vorräte machen. Vielleicht liegt es daran, dass der Zwerghamster als Haustier hier sehr unüblich ist. Italiener können Hamster nicht wirklich von Mäusen unterscheiden, und das Hamsterrad fänden sie ohnehin schockierend. Was soll man auch mit nachtaktiven Kleinsttieren, die zudem noch eine Zwangsstörung haben, beißen und stinken? Eine bei italienischen Freunden beliebte Anekdoten betrifft einen berühmten Journalistenkollegen vom Spiegel und die Meerschweinchen seiner Tochter. Der Kollege hatte seinen Meerschweinchenbullen (oder Meereber?) in Rom von einem Tierarzt sterilisieren lassen. Der Tierarzt hat 600 Euro dafür genommen. Das finden meine Freunde, die übrigens auch kein Meerschweinchen von einem Hamster unterscheiden können, sehr lustig.

Als Kind und auch noch als Studentin hatte ich Hamster. Die ersten brachte mein Patenonkel Herbert in kleinen Pappschachteln mit, in die er Atmungslöcher gestochen hatte. Onkel Herbert hatte eine Autowerkstatt und selbstgebastelte, dritte Zähne. Beides fanden wir als Kinder faszinierend. Als Erwachsene muss ich sagen, dass seine Installationen aus getrockneten Zierkürbissen, Draht und blauem Autolack noch faszinierender waren.

Die Hamster starben immer ganz schnell, außer meinem letzten, eine Hamsterin namens Giuseppina. Für eine Maus war Giuseppina eindeutig zu fett. Sie hatte freien Auslauf in meiner Wohnung im Dortmunder Kreuzviertel (80 Quadratmeter, 200 Mark im Monat), dauernd Kohlestaub im Fell, wenn sie sich wieder mal in meinen Kohleöfen versteckt hatte und sie fraß Löcher in die selbstbestickten Decken, die meine Oma auf der Flucht aus Pommern gerettet hatte. Als ich nach Italien zog, übergab ich Giuseppina meinem Bruder, dem Altenpfleger und Death-Metal-Rocker.

Gerade kann man viel darüber lesen, dass die Deutschen hamstern, die allerbeste Geschichte dazu ist diese hier. Meine italienischen Freunde finden es sehr interessant, dass es in Deutschland Dosenravioli gibt und haben Spaß daran, Pichelsteiner Topf auszusprechen. Am lustigsten finden sie aber, dass die Deutschen Klopapier bunkern. Sie meinen, das sei ein Fall für die Psychoanalyse. Manche analysieren es auch gleich selbst, aber was dabei herauskommt, schreibe ich jetzt mal lieber nicht.

Hier werden auch Vorräte gemacht. Reis, Mehl, Zucker, Linsen, grobes Salz. Und Pasta, Tonnen von Pasta. Nur eine Sorte, die bleibt im Regal: Penne lisce.

Das ist doch ein interessanter Fall für die Marktforschung.

 

Fitness-Park

Was ich in diesen crazy Zeiten immer wieder bewundere, ist die absolute Nonchalance, mit der in Rom zum Beispiel mal eben eine Fitness-Zone im Park eingerichtet wird. Die Stadt hat für sowas kein Geld? Na, dann fragen wir doch einfach im Viertel, wer seinen alten Hometrainer loswerden möchte. Das Ergebnis sieht dann so aus:

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Den Spielplatz dahinter hat dann doch Vater Staat bezahlt.