Rino the Voice

Ein verregneter Nachmittag in Viterbo. Die zentrale Piazza vor dem Palazzo dei Priori, einer mittelalterlichen Wuchtburg, in der heute die Stadtverwaltung untergebracht ist. Eine Bühne ist aufgebaut, weil es aber so schüttet, ist sie leer geblieben. Die Band, die dort spielen sollte, hat sich unter die schützenden Arkaden verzogen. Sie heißt nach ihrem Leadsänger: „Rino la Voce.“

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Drei Jungs, die zusammen 180 Jahre alt sind. Mindestens. Drei Stoiker. Ihr Publikum besteht aus gezählt sechs Unentwegten, die nach jedem Song höflich klatschen und ein bisschen juchzen. Das Repertoire besteht aus soliden italienischen 60er und 70er Jahre-Nummern, manchmal klingt es sogar entfernt englisch. Und mittendrin hat man das beruhigende Gefühl, dass Italien doch noch nicht ganz irre geworden ist, solange es Typen wie Rino the Voice gibt.

Seinen letzten großen Auftritt hatte er vor ein paar Wochen um die Ecke, in der „Casa della Bistecca.“

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Kaiser der Hochstapler

Eine wunderbare Seite Drei in der SZ von meinem Kollegen Boris Herrmann über den Brasilianer Carlos Kaiser: Wie der vermutlich größte Hochstapler der Fußballwelt eine Profikarriere absolvierte, ohne spielen zu können. Und vor allem: Ohne zu spielen.

„Im Zuge der Verwissenschaftlichung des Fußballs wurde vor einigen Jahren der Begriff der „falschen Neun“ geprägt. Früher hätte man dazu hängende Spitze gesagt. Carlos Kaiser war eher eine abhängende Spitze, und zwar hing sie lässig am Spielfeldrand ab. Er war eine falsche Neun im wörtlichen Sinne. In seiner gesamten Spielerkarriere verfolgte er ein einziges Ziel: Nur nicht spielen.“

Dieser Kaiser war der Felix Krull des Fußballs, schreibt Herrmann. Der unerreichte Maestro in einer Welt, in der die Wahrheit durchaus nicht auf dem Platz liegt.

„Maradona mit seiner Gotteshand, Geoff Hurst mit seinem Wembleytor, Andy Möller mit seiner Jahrhundertschwalbe. Der Fußball war immer auch ein Geschäft mit Halbwahrheiten und Täuschungsmanövern, mit kleinen und großen Notlügen. Spanische Vereine haben sich auf die Erfindung von europäischen Großeltern spezialisiert, um mehr Südamerikaner verpflichten zu können als die Ausländerregel erlaubt. Afrikaner sind Meister der Altersfälschung. In Iran wurden vier Spielerinnen der Frauen-Nationalelf suspendiert, weil sie Männer waren. Der brasilianische Werderaner Ailton hält den Weltrekord für den Fußballer mit den meisten Tanten. Sie hatten immer genau dann Geburtstag, wenn bei Werder Trainingsauftakt war.“

 

Skylla und Charybdis

In der Odyssee beherrschen diese beiden Ungeheuer die Meerenge von Sizilien (empfehlenswert dazu: Stefano D’Arrigos „Horcynus Orca“ in der Übersetzung von Moshe Kahn). In der italienischen Realität tragen sie die Namen Lega und Fünfsternbewegung, weil sie am 4. März viele Bürger gewählt haben, beherrschen sie die politische Bühne, nur das Land regieren, das können sie (noch) nicht.

Die Lega ist mit Silvio Berlusconi verbunden und kann den alten Tycoon nicht so schnell loswerden, wie es für sie opportun wäre, denn dazu hat er immer noch zuviele Stimmen, Macht und Geld. Die Fünfsterne wollen sich mit der Lega verbünden, aber nicht mit Berlusconi, weil sie den fast so erbittert bekämpft haben wie den Sozialdemokraten Matteo Renzi. Zwei Monate lang hat der Fünfstern-Spitzenkandidat und angebliche politische Anführer Luigi Di Maio mit seinem Lega-Kollegen Matteo Salvini verhandelt, zwischendurch auch mal die Fronten gewechselt und es beim sozialdemokratischen PD versucht – das alles auf derart haarsträubend dilettantische Weise, dass man nicht wusste, ob man lachen oder weinen sollte als dickköpfige Anhängerin der hoffnungslos altmodischen parlamentarischen Demokratie.

Weder Salvini noch Di Maio machen einen Hehl daraus, dass sie diese Demokratie für hoffnungslos von gestern halten, darin gleichen sie Silvio Berlusconi. Strikt verweigern sie sich dem Vorschlag des Staatspräsidenten, eine überparteiliche Regierung aus Experten die Geschäfte führen zu lassen, um durch das neu gewählte Parlament wenigstens die wichtigsten Gesetze zu bringen, allen voran den Haushalt und vielleicht noch eine Wahlrechtsreform, die bei den unabwendbaren Neuwahlen vielleicht stabilere Verhältnisse schafft. Beide wollen sofort Neuwahlen, was logisch ist, denn etwas anderes als Wahlkampf können diese Herren nicht. Im Wahlkampf kann man dem Volk das Blaue vom Himmel herunterlügen und versprechen, kann man den politischen Gegner geifernd attackieren, beides Disziplinen, in denen beide Meister sind.

Für die Expertenregierung ist nur der PD, der damit sehend in den eigenen Untergang geht. Denn die Antidemokraten von den beiden Populistenfelsen kreischen jetzt schon, in Wahrheit wollten die Sozialdemokraten den Volkswillen verraten und erneut regieren, mit überparteilichen Figuren, die eigentlich gar nicht überparteilich seien.

Die angeschlagene Repubblica Italiana durch die Strudel des Populismus zu geleiten, obliegt jetzt dem Sizilianer Sergio Mattarella. Doch dieses Staatsoberhaupt wirkt genauso müde wie jene Demokratie, die er leiten und schützen soll. Weiß man eigentlich, dass Italien in der Rangliste der Pressefreiheit laut Reporters sans Frontieres Platz 46 besetzt (Deutschland Platz 15)? Wegen der Verfolgung von JournalistInnen durch Mafia-Organisationen aber auch, ausdrücklich, wegen der Lügenpresse-Kampagne der Fünf Sterne, die unliebsame JournalistInnen an den Internet-Pranger stellen. Wer nicht schreibt oder sagt, was den Fünf Sternen passt, der arbeitet entweder im Auftrag der Mafia oder im Auftrag von Matteo Renzi, was für diese Leute ohnehin ungefähr das gleiche ist.

Beppe Grillo übrigens hat die Meerenge von Sizilien zwischen Skylla und Charybdis vor ein paar Jahren durchschwommen. Es war ein Wahlkampfgag, danach wurden seine Fünf Sterne auf der Insel stärkste Partei.

Schon damals hätte das Ausland genauer hinschauen sollen. Jetzt hat man das Gefühl, in Berlin, Brüssel und Paris kriegen sie gar nicht mit, was hier wirklich abgeht. Nicht die übliche italienische Operette, sondern ein Endzeit-Drama, in dem es nicht um Politik gerungen wird, sondern nur um die Macht. Was soll bei Neuwahlen herauskommen, wenn nicht wieder der gleiche Patt? Womöglich verschwindet der PD, das ist sogar wahrscheinlich. Unfähig, den Kompass für einen personellen und ideellen Neuanfang zu finden, steht der Partei das Wasser schon jetzt bis zum Hals.

Vielleicht spekulieren Di Maio und Salvini aber auch darauf, dass Berlusconi beim nächsten Urnengang untergeht. Dann können sie endlich miteinander ganz oben auf dem Scherbenhaufen hocken.

Siebtes Siegel

Es ist besiegelt. Okay, noch nicht ganz. Die Neapolitaner könnten an den letzten beiden Spieltagen noch siegend 11 Tore schießen und Juventus bei zwei Niederlagen mindestens sechs Treffer kassieren. Dann würde SSC Neapel bei gleicher Punktzahl mit dem besseren Torverhältnis am Pfingstsonntag Meister. Aber daran glauben noch nicht einmal mehr die dauerenthusiastischen Fans aus Napoli, die entgegen sonstiger Gewohnheiten auch keine Verschwörungstheorien entwerfen mögen.

Juve ist Meister, zum siebten Mal in Serie. Diesmal war es vor allem Nervensache. Das 0:1 gegen Napoli vor zwei Wochen hat die Rivalen vorzeitig beflügelt, die Turiner jedoch ernsthaft wachgerüttelt. Null Titel drohten, also drehte man die Woche drauf in Mailand noch ein 1:2 zum 3:2 gegen Inter (in Unterzahl). Napoli war davon so erschüttert, dass sie gegen Florenz 0:3 untergingen. Der Rest ist schnell erzählt. Gestern ein Sieg der Juve gegen Bologna, ein müdes Remis der Neapolitaner gegen den Toro.

Titel Nummer 34. Am Mittwoch dann noch Pokalfinale gegen AC Milan, es wäre der 4. Cup in Folge für Allegri (vier Meistertitel, ebenfalls Serie). Die Juve-Monster haben vor allem einen ungeheuer guten Trainer. Dass er das schöne Spiel sucht, kann man ihm nicht vorwerfen, ebenso wenig aber jenen Zynismus, für den Juve einst berüchtigt war. Dieses Team ist vor allem kämpferisch und clever.

Runderneuern muss es sich trotzdem. Buffon und Barzagli treten ab, Khedira geht vielleicht nach England, Allegri selbst könnte sich erstmals im Ausland ausprobieren.

Als nächste Jahr Napoli? Nichts da. Die Roma ist dran.

 

 

 

Taxi nach Paris

Auf diese geniale Geschichte soll es Applaus und Preise regnen: Selten so gelacht wie über Dirk Gieselmanns Reise durch Paris. Gieselmann war dort, wo Tripadvisor Best- und Schlechtnoten vergibt. Klingt simpel, ist als Idee aber Weltklasse. Und was er daraus macht, ist so entlarvend und lustig, dass man es auswendig lernen möchte.

„Das hier war kein Hotel, sondern ein Polizeigefängnis in einem Unrechtsstaat, und wir waren die unschuldig Inhaftierten. Aus den Zellen im ersten Stock drang das tuberkulöse Husten eines Greises. Ich fühlte mich krank und gebrochen. Warum war ich hier? Um die Bettwanzen, die ich auf den Bildern gesehen hatte, persönlich kennenzulernen?“

Festa

Was Liverpool und Roma in diesen beiden Halbfinal-Spielen geboten haben, war ein Fest des Fußballs, der Spielfreude, der Leidenschaft und Hingabe. Dass Kloppo mit seinem Team im Finale steht, hat er dem entfesselten Salah aus dem Hinspiel zu verdanken – im römischen Stadio Olimpico war der ägyptische Wunderläufer wieder nur der Wunderläufer, der für die Roma viel gerannt war, aber wenig getroffen hatte.

Spiritus loci, vielleicht. Apropos: Endlich wieder eine Kulisse, wie sie diese römische Mannschaft verdient, voller Farben und Musik, so malerisch, wie in vielleicht keinem anderen Stadion Europas. Die Roma beschließt eine sensationelle Champions-League-Saison, sie hat sich gegen Chelsea, Atletico und Barcelona durchgesetzt, mit einem Trainer, der im vergangenen Jahr noch US Sassuolo anleitete. Dass es Eusebio Di Francesco, der übrigens nach dem großen portugiesischen Spieler benannt ist, es unter die besten vier geschafft hat, ist kein Zufall. Dass zwei Jahre nacheinander zwei Italiener im Halbfinale standen, hoffentlich auch nicht.

Last but not least, die Roma hat einen Kapitän im Jahre eins nach Totti. Daniele De Rossi wird im Juli 35, er hat lange warten müssen im Schatten des Idols und wird vermutlich selbst keines mehr werden. Dennoch: Chapeau vor soviel Beständigkeit und Energie eines Mannes, dessen Leben und Karriere alles andere als glatt verlaufen sind.  Für die SZ habe ich ihn vor dem Rückspiel porträtiert.

 

Der Patt und seine Folgen

Wo ein Wille ist, da ist ein Weg – auch und vor allem in der Politik. Aber in Italien hat keiner der drei großen politischen Kräfte den Willen, einen Ausweg aus dem Patt nach den Wahlen am 4. März zu finden. Die ultrarechte Lega nicht, weil ihr Anführer Matteo Salvini weiß, dass er nur abwarten muss, um das Erbe von Silvio Berlusconi anzutreten und das gesamte Rechtsbündnis zu übernehmen. Die sozialdemokratische PD nicht, weil ihr schwant, dass ein Pakt mit Populisten die eigene Auflösung besiegeln würde. Und die Firmen-Bewegung Fünf Sterne nicht, weil sie auf ihrem eigenen „Programm“ beharren muss, das es den Wählern vom Grundeinkommen bis zum Impfboykott Recht zu machen sucht.

Im Moment läuft alles auf Neuwahlen hinaus. Meine Prognose: Salvini triumphiert (wie schon bei den jüngsten Regionalwahlen), PD sinkt auf einen neuen Tiefpunkt, die Fünf Sterne implodieren. Ihr Monate langes Taktieren wird sich ebenso wenig auszahlen wie der Eindruck, sie würden sich mit jedem verbünden, um nur an die Macht zu kommen.

Italien dürfte noch weiter nach rechts rücken. Der kurze Traum vom großen Wandel ist schon ausgeträumt, an seine Stelle tritt: Mit aller Kraft zurück.