O Buffon-Elysées!

Nicht nur Juventus-Fans finden es ein bisschen seltsam, dass Gigi Buffon heute bei PSG angeheuert hat. „Mit dem Enthusiasmus eines kleinen Jungen!“ Er wollte weiter spielen, bei Juve wollten sie ihm kein weiteres Jahr Vertrag geben. Also ab nach Paris, Scheichs statt Agnellis, Neymar statt Mandzukic, Seine statt Strandbad in der Toskana (führen Mamma und Schwester weiter). Was noch seltsamer wäre: Wenn Gigi in der Champions League auf die Juve träfe. Zumindest in der Gruppenphase besteht diese Gefahr nicht, da ist er nämlich nach seinem Ausraster beim Rückspiel gegen Real Madrid einstweilen gesperrt.

Advertisements

Zweierlei Maß

Gebannt verfolgt die westliche Welt die Rettung der Jungen aus einer Höhle in Thailand, hat Mitleid mit den armen Eingeschlossenen und ihren Eltern. Genau dieses Mitleid lässt der Westen gegenüber Bootsflüchtlingen vermissen – ein Zivilisationsverlust, wie Matthias Dobrinski in der Süddeutschen schreibt. Der Begriff ist viel zu elegant. Es ist die Abkehr von Menschlichkeit, von der Pflicht zur Humanität, die sich gerade ausbreitet wie ein Virus. Und zwar überall. Wer kennt denn nicht die Diskussionen mit Bekannten, die man bislang zwar für ein wenig konservativ gehalten hat, die einen jetzt aber in abgrundtiefe Verlegenheit bringen mit ihrem Gehetze gegen „Wirtschaftsflüchtlinge“ (wer hat dieses Unwort noch gleich erfunden?).

Leute, die in privilegierten Welt-Gegenden leben, weil ihnen ihre privilegierten Berufe (oder die ihrer Ehepartner) das ermöglichen. Leute, die das Flüchtlingselend aus sicherer Entfernung im Fernsehen oder im Internet verfolgen, und doch fühlen sie sich aus dieser Distanz belästigt, ja bedroht. Auch die Deutschland lassen sie die Maske fallen, spätestens nach der letzten Regierungskrise wissen wir, wohin die Richtung führt. Der Konsens gegen die Schwächsten und Hilfsbedürftigsten wächst stetig, und es ist reine Augenwischerei zu glauben, dass er unter den ohnehin Abgehängten und Ausgegrenzten wuchert. Das Wort „Transitzentrum“ ist nicht von Hartz-IV-Empfängern geprägt worden, und es ist frappierend, wie selbstverständlich auch der angeblich liberale Mittelstand davon faselt, Deutschland müsse seine Grenzen schützen.

In Italien wird von Regierungsmitgliedern schlimmere Hetze betrieben, allen voran von dem rechtsextremen Innenminister und Führer der Lega (Nord). Der Mann regiert über Twitter wie Donald Trump. Seine Mission: Italien von Flüchtlingen befreien. Weiß man alles, wird aber täglich schlimmer. Heute keilt er gegen den Leiter der Staatsanwaltschaft in Turin: „Vielleicht meint der Oberstaatsanwalt, dass Italien ganz Afrika aufnehmen könnte? Eine bizarre Idee.“ Tatsächlich hat Oberstaatsanwalt Spataro erstens konstatiert, dass in seiner Stadt die ausländerfeindlichen und rassistischen Übergriffe zunehmen und zweitens Strafsicherheit für solche Übergriffe gefordert. Was bitte ist daran bizarr? Bei Tötung von Einbrechern aus Notwehr fordert die Lega vehement den Verzicht auf jede polizeiliche Untersuchung. Zu Hause soll frei geschossen werden dürfen. Das ist bizarr.

Zweierlei Maß für „Volksempfinden“ und Rechtsstaat. Das ist nicht nur bizarr. Sondern bedrohlich. Erst wird ein Klima geschafften, das die Übergriffe gegen Ausländer befeuert. Und dann erklärt man die Garanten von Recht und Gesetz zu Staatsfeinden.

 

Der Fall Bierhoff

Ein kluger Kommentar meines SZ- Kollegen Martin Schneider zum Fall Özil, der spätestens seit dem unmöglichen „Welt“-Interview ein Fall Bierhoff geworden ist. Die Erdogan-Affäre war von Anfang an durch den DFB – und vor allem durch Bierhoff – schlecht gemanagt worden. Der DFB hätte seinerzeit Özil und Gündogan öffentlich rügen müssen: Wer für die deutsche Nationalmannschaft spielt, hat keine Werbeauftritte für einen türkischen Diktator zu absolvieren. Stattdessen rügte Bierhoff die als lästig empfundene Presse mit ihren überflüssigen Fragen.

Was Özil dann bei der WM erleben musste, war auch eine Folge des schlechten Stils beim DFB. Die Ablehnung, die dem Spieler entgegenschwoll, kam nicht von Verteidigern von Pressefreiheit und sonstigen Menschenrechten in der Türkei, sondern aus der rechten Ecke jener ewig Gestrigen, die meinen, in der deutschen Nationalmannschaft dürften nur Vollarier spielen. Also purer Rassismus, dem der DFB jetzt aber auch nicht entschieden entgegen treten wollte. Politisch Position zu beziehen, scheint für die Nationalmannschaft eine Zumutung zu sein. Vielleicht, weil das die Werbepartner nicht wollen? Aber wofür steht diese Mannschaft dann eigentlich? Nur für sich selbst? Es ist eine Illusion, dass Fussball nichts mit Politik zu tun hat. In diesen Zeiten! Wenn die Mannschaft für ein tolerantes, weltoffenes Deutschland steht, dann muss sie das auch zeigen. Sonst verkommt dieser Anspruch zu einem substanzlosen Werbeslogan.

Die Reaktion auf das WM-Desaster ist ein Totalausfall. Löw bleibt und mit ihm die gesamte Führungsspitze. Und Bierhoff tritt dann auch noch ganz bewusst nach gegen Özil. Der Spieler soll zum Sündenbock gemacht werden für das Scheitern eines ganzen Teams, seines Trainers und seiner Manager. Das Ding voll an die Wand fahren und die Veranwortung auf andere abwälzen: Das kennt man auch aus anderen deutschen Betrieben.

Schneckenfest

Welche Zeitung der Welt würde denn nach dem allerallergrößten Desaster einer deutschen Fußballnationalmannschaft seit 1938 eine Glosse ausgerechnet aus Italien bringen? Nun, die Süddeutsche tut es: Lido Azzurro.  Die glorreiche SZ-Sportredaktion, sie sei gepriesen, jetzt und immerdar.

Natürlich nicht nur deshalb.

La Corea

E‘ una corea, sagen die Italiener, wenn eine Niederlage ganz besonders niederschmetternd ist. So wie jene 1966 in England gegen Nordkorea. Oder die andere 2012 gegen Südkorea, bei der ein korrupter Schiedsrichter aus Ecuador Feder führend war und eine nationale Empörungswelle auslöste. In Deutschland war die Reaktion: Schadenfreude. Aber das nur nebenbei.

Heute erlebt Deutschland sein Korea und in Italien kann man nachfühlen, wie das ist. Ausscheiden nach der Vorrunde, als Weltmeister. Das ist Spanien 2014 passiert und Italien 2010. Man sollte hier nicht Löw allein die Schuld geben, aber bedenkenswert ist es schon, dass im extrem schnelllebigen Fußball Motivation sehr, sehr viel bedeutet. Und dass neue Ideen ebenso wie Spielfreude und Siegeswille nicht vom Himmel fallen.

Diesmal waren die Deutschen die Italiener des Turniers. Drei Spiele lang nur Leiden für die Fans, mit einem einzigen lichten Moment – dem Freistoß von Kroos. Aber ein Hochbegabter allein kann eine derart müde Truppe nun mal nicht retten. Insofern: Gut, dass diese Qual vorbei ist!

Es kommt jetzt eine Phase des Wiederaufbaus, mit einem anderen Trainer und vielleicht auch mit einer anderen DFB-Führung. Die amtierende hat sich schon im Fall Özil/Gündogan nicht gerade weltmeisterlich verhalten.

Eine Katastrophe ist so ein Ausscheiden aus der WM natürlich nicht. Kein Grund zur Volkstrauer. Wir Italiener sagen: Benvenuti am LIDO AZZURRO.

KEKS AUS MEXIKO

 

Müsste reichen. Also dicke. So gut wie gelaufen. Aber man weiß ja nie. Einerseits scheint Südkorea in der Gruppe F die Rolle des freundlichen Verlierers eingenommen zu haben. Allen sympathisch, weil sie gern auch die andere Wange hinhalten. Mal ehrlich, liebe Koreaner, zwei, drei weitere Gegentore tun euch doch auch nicht weh. Andererseits…was ist, wenn da jetzt auf einmal eiskalt richtig Fußball gespielt wird? Und die Koreaner 1:0 gewinnen? Und wenn dazu Schweden und Mexiko zusammen einen 1:0-Keks backen? Dann wäre zwischen Deutschland und Schweden die Fairplay-Regel entscheidend. Und die Schweden kämen hinter Mexiko weiter. Sicher, total unwahrscheinlich.

Aber, liebe Germanen und Germaninnen, nichts ist neu unter der Sonne. Biscotto nennt man das bei uns im Lido. Bei euch heißt das, wenn zwei sich freuen, leidet der Dritte. Wenn also Schweden gegen Mexiko verliert, könnten trotzdem beide im Achtelfinale stehen – und für Germania könnte es eng werden. Unmöglich, sagt ihr jetzt. Viel zu kompliziert. Total unwahrscheinlich. Wir sagen nur: Europameisterschaft 2004. Dänemark und Schweden backen zusammen einen Biscotto, trennen sich im letzten Gruppenspiel 2:2, esattamente jener Ergebnis, das beide weiterbringt und Italien den Weg ins Achtelfinale verrammelt. Großer, skandanischer Verschwörungskeks, dabei hatten die Azzurri unter Anführung des großen Opernfreunds Giovanni Trapattoni kein Spiel verloren!

Der Trap kriegt bis heute keine Kekse mehr runter. Und ihr – fangt schon mal an, euch Sorgen zu machen. (Dieser Satz ist übrigens ein Zitat aus SMS-Botschaften, die italienische Mütter ihren Kindern zu schicken pflegen: „Komme morgen an. Fangt schon mal an, euch Sorgen zu machen, Mamma.) Gut, zurück zum Keks. Wir meinen es gut mit euch, weil ihr ganz eindeutig die Italiener im Turnier seid. Diesmal. Sozusagen stellvertretend.

Wie wir darauf kommen? Nun, wir haben am Samstag gesehen, wie sehr ihr leiden könnt. Gegen Schweden ein einziges, großes Leiden, von der 1. bis zur 95. Minute, vorne, hinten, in der Mitte. Mammamia, haben wir uns da gesagt, die Deutschen sind die neuen Italiener! Denn bislang waren wir die Dauerweltmeister beim Leiden im Fußball. La sofferenza! Wie oft hörten wir nach einem ganz, ganz knappen (und im Extremfall sogar unverdienten Sieg) von Mannschaft und Trainern: Wir haben wieder gezeigt, dass wir leiden können. Soffrire! Dazu braucht man sehr, sehr viel Selbstdisziplin und nunja, Demut. Und wenn das Leiden nicht umsonst sein soll, dann braucht man auch noch Kroos.

Ohne Kroos können Schweden sehr endgültig sein. Wir sprechen da aus Erfahrung. Mit Kroos würden wir jetzt nicht im Strandbad sitzen und Kekse futtern. Übrigens: Schöne Grüße auch heute vom Liegennachbarn Zlatan, der schon wieder sehr offensiv vor sich hin kaut. Zlatan, das Krümelmonster. Was ist das eigentlich für ein Gebäck? Zeig doch mal, Ibra, und hör auf, die Möwen zu füttern! Auf der Packung steht: Coyotas. „Lecker Kekse mit braunem Zucker“, grinst Zlatan und reicht uns einen rüber: „Probier mal. Direkt aus Mexiko.“