Ostern am grünen Fluss

Hier also fließt Old Europe. Vor zweitausend Jahren zogen die Römer den Fluss hinauf, immer wieder, in Richtung Osten. Vor allem die Claudier: Drusus, Tiberius, Germanicus mitsamt ihren Legionen. Und natürlich der unglückliche Varus, den die Krieger des römischen Offiziers Arminius vernichtend schlugen. Auch danach marschierten noch tausende von Männern die Lippe entlang, um Roms Macht und Stärke zu mehren. Es wurde nichts daraus, Germanien ließ sich nicht erobern. Heute ist die „Römerroute“ an der Lippe ein Fahrradweg mit Kilometerstandsanzeigen in römischen Zahlen. Meilen wären wohl zuviel des Guten gewesen.

Außer den Römerhelmen auf den Wegweisern erinnert nichts an die Kriege vergangener Zeiten. Der Fluss meiner Kindheit durchschlängelt eine Proustische Auenlandschaft, auch der Weißdorn blüht ganz wie in Combray. Vor allem aber sind da Weiden, einstweilen nur mit grünem Flaum bezogen. Bald wird sich ihr Dach schließen, dann liegt die Lippe im Schatten. Jetzt aber lassen die Bäume das Frühlingslicht noch so gut wie ungefiltert im Wasser changieren.

Die Gegend ist flach, der Himmel weit. Einst war es ein Land der Windmühlen, heute wird nicht länger Getreide gemahlen, dafür Strom produziert. Die Proteste halten sich in Grenzen, schließlich hat man schon immer mit dem Wind gearbeitet und dafür riesige Flügel gebaut, die die Luft durchschnitten.

Vögel gibt es genug. Die Wildgänse sind nach Wochen langer Rast weiter nach Norden gezogen. Geblieben sind die Störche.

In meiner Kindheit bildete so ein Storch eine echte Sensation. Inzwischen stehen für sie überall einladend vorgefertigte Horste, dieser wird gerade kritisch beäugt. Störche bei der Wohnungsbesichtigung! Wer weiß, was für sie den Ausschlag gab, niedergelassen haben sich diese beiden jedenfalls woanders.

Kaum vorstellbar, dass sie die Nachbarschaft nicht mochten. Landwirtschaft gibt es natürlich noch, inmitten des Vogelschutzgebiets grasen schwere Fleischrinder, aus deren Futtertrögen sich ein penetranter Biergeruch erhebt. Das Vieh bekommt Biertreber, ein eiweißreiches Abfallprodukt der Brauereien. Passt doch zur Römerroute, bekamen doch die Schweine in der Antike kurz vor dem Schlachten Honigwein ins Futter gemischt. Ob dieses Kälbchen mit der Muttermilch auch schon ein paar selig machende Promille saugt? Früher war Bier in Westfalen ja ein Grundnahrungsmittel, auch für Kinder. Biersuppen waren sozusagen das täglich Brot. Vor meiner Zeit!

Einen Stall haben die beiden noch nie von innen gesehen. Stattdessen haben sie ihren Ausblick auf majestätische Bäume. Soviel Grün in Grün.

Oben segelt der Reiher.

Und unten stolziert, im letzten Abendlicht, der Adebar. Der sich im Unterschied zu den Rehen und Hasen auch noch ganz geduldig fotografieren lässt (mit Sicherheitsabstand natürlich).
Soviel zum Osterspaziergang im April 2021.

Die Italiensehnsucht lassen wir heute mal zu Hause, mitsamt ihrem Erfinder, dem ollen Goethe. Stattdessen die Recherche auf die Ohren, im eleganten Wiener Singsang von Peter Matic gelesen. Um zu merken, wie viele Welten uns in dieser Zeit trotz allem offenstehen.

Bleibt gesund!

Cime di rapa

Orecchiette con cime di rapa sind eines meiner Lieblingsgerichte und ein tolles, schnelles Essen, wenn man viele Leute auf unkomplizierte Weise verwöhnen möchte. Ich habe sie auch schon bei einem Familientreffen in Florida gekocht. Nudeln und Gemüse gab es bei Whole Foods, dem Bio-Supermarkt von Amazon. Mit Gemüsemärkten unter freiem Himmel haben sie es nicht so in der Gegend, was für mich schonmal sehr klar gegen einen Umzug in den Sonnenstaat spricht. Unter anderem bin ich beim Essen sehr eigen.

Also Cime di rapa. Das klassische, süditalienische Arme-Leute-Gemüse, bei Whole Foods kostete der Bund vier Dollar. Für elf Erwachsene (die Kinder kriegten natürlich Tomatensauce) hätte man zehn davon gebraucht, so viele gab es leider aber gar nicht. Ganz abgesehen davon, dass es obszön ist, soviel Geld für ein bisschen Grünzeugs auszugeben. Es wurden nicht die besten Orecchiette meiner Küchen-Laufbahn, immerhin hat es der zweite Gang, Frikadellen mit Senfsauce, dann noch rausgerissen.

Hier in Deutschland bietet der Bioladen auch Cime di rapa an. Sie nennen es „Wild-Broccoli“ und wollen für acht Stängel 3,50 Euro. No Way.

Heute kam ich dann mit dem Rad an einem Rapsfeld vorbei. Na bitte!

Cime di rapa heißt wörtlich übersetzt: Rapsspitzen. Nix Wildbroccoli, es geht hier um die Knospen von Raps und Rüben. Sehen sie nicht perfekt aus? Frisch vom Feld. Habe ich jetzt zum Rapsklau aufgerufen? Natürlich nicht! Immer hübsch die Bäuerin fragen. Außer, wenn es gerade nicht anders geht.

Zubereiten werde ich sie, indem ich das nur grob zerkleinerte Gemüse (Knospen, Stängel und Blätter) die letzten drei Minuten mit der Pasta mitkoche, dann alles zusammen abgieße und in mit Peperoncino und Knoblauch aromatisiertes Olivenöl gebe. Dazu geröstetes Vollkorn-Paniermehl und fertig ist das Mahl zum Gründonnerstag.

Kann man aber auch an jedem anderen Frühlingstag essen.

Römerinnen!

In den vergangenen drei Jahrzehnten habe ich überwiegend über Männer geschrieben. Das lag sicher auch an den Themen meiner Artikel: In Politik und Wirtschaft sind Frauen in der Minderheit, im Profi-Sport kommen sie so gut wie gar nicht vor. So lange, wie der Fußball als globale Unterhaltungsindustrie die Sportteile füllt, werden Frauen unter „Restsport“ sortiert. So heißt das in der Branche, und darunter fällt natürlich auch der Frauenfußball.

Restsport. Ich habe also etwas aufzuholen. Und nicht nur ich.

Bei den Recherchen zu meinem ersten Buch über Frauen stellte ich fest: Auch die Herren Historiker schreiben am liebsten über Männer. Ganz früher, damals und heute immer noch. Sozusagen mit wachsender Begeisterung. Denn auch im 21. Jahrhundert gibt es Biografien über Augustus, die auf 450 Seiten genau zwei Mal sein einziges Kind Julia erwähnen. Wurde geboren, wurde verheiratet, hat den Papa verärgert, wurde verbannt. Und schon ist man fertig mit Julia. Um Brechts Frage des lesenden Arbeiters zu variieren: „Augustus erbaute Rom und sein Reich neu. Ja, war denn keine einzige Frau dabei?“

Oder nehmen wir Nero, den Christenverfolger und Wüterich. Neuerdings ist es en vogue, sein schlechtes Image ein wenig aufzupolieren, aber keiner seiner (männlichen) Biografen macht sich die Mühe, auch die alten Klischees über Neros Mutter Agrippina zu hinterfragen. Wie weiland Tacitus und Sueton behaupten sie tapfer, Nero habe seine dominante Mama irgendwann nicht mehr ertragen und sie deshalb umgebracht. Tja, Agrippina – selber schuld! Das kommt davon, wenn man seinen Sohn zu sehr bevormundet. Um Nero an die Macht zu bringen, soll Agrippina ihren eigenen Gatten Claudius vergiftet haben. Aber vielleicht ist das nur ein Schauermärchen, bewiesen ist jedenfalls gar nichts. Belegt ist hingegen, dass Claudius nur mit Hilfe der Briganten-Fürstin Cartimandua Britannien erobern konnte. Steht schwarz auf weiß bei Tacitus, ist aber in der Versenkung verschwunden.

Bis heute gilt Agrippina als Lady Macbeth der Antike und eines der größten weiblichen Monster aller Zeiten. Dabei muss man sich nur die Mühe machen, die alten Quellen ein wenig genauer zu lesen. Und siehe da, ihnen entsteigt eine umsichtige Politikerin, die sich um die Staatsfinanzen ebenso kümmerte wie um die Befriedung der Provinzen. Die freigeistige Agrippina ermöglichte zudem einem gewissen Seneca seine große Karriere. Zum Dank beteiligte der Philosoph sich am Mordkomplott gegen sie.

(Foto mit freundl. Genehmigung von Anna Homberg)

Natürlich hatte auch Nero nur eine Mutter. In meinem Buch geht es um sie, um seine Großmutter und seine Urgroßmutter. Es geht um hundert Jahre Herrschaft des julisch-claudischen Clans, hundert Jahre Rom, hundert Jahre Weltgeschichte. Und hundert Jahre Frauengeschichte.

Fast alle weiblichen Nachkommen des Augustus wurden verbannt und starben in Gefangenschaft oder eines gewaltsamen Todes. Augustus Tochter Julia wurde wegen Ehebruchs auf die Insel Ventotene deportiert und verhungerte weitab von Rom. Ihre Tochter, die ältere Agrippina, wurde von Tiberius als Staatsfeindin ebenfalls nach Ventotene verschleppt und starb dort den Hungertod. Auch ihre Tochter, die jüngere Agrippina, war auf Ventotene gefangen – auf Befehl ihres Bruders Caligula. Die Gefängnisinsel der Kaiserfrauen wurde Jahrhunderte später von Mussolini wieder entdeckt, der seine politischen Gegner dorthin verfrachtete. Aber Augustus hatte es erfunden.

Neros Mütter waren die reichsten und mächtigsten Frauen der Welt. Rom und das Reich lagen ihnen zu Füßen. Sie kommandierten Heerscharen von Sklaven, zeitweise sogar Legionäre. Sie ritten über die Alpen und segelten auf dem Nil, sie speisten mit Ovid oder publizierten selbst ihre Memoiren. Wenn sie aber den Männern der Familie zu gefährlich wurden, mussten sie verschwinden. Lange, allzu lange fand die Geschichtsschreibung: Zu Recht.

„Neros Mütter“ ist heute im Berenberg-Verlag erschienen. Tausend Dank!

Don Raffaè

Ich begegnete Don Raffaè in den 1990er Jahren, im Gericht von Neapel, das damals noch in einer mittelalterlichen Burg tagte. In dem prächtigen Gerichtssaal war Raffaele Cutolo in einem eisernen Käfig verschlossen, als Angeklagter in einem Prozess, der sich mit der Entführung eines führenden Christdemokraten durch die Roten Brigaden befasste. Um den Politiker zu befreien, hatten staatliche Stellen und Geheimdienste den Kontakt zu Cutolo gesucht, dem Chef der Nuova Camorra Organizzata (NCO), einem Zusammenschluss von Clans in Neapel und seinem Hinterland. Cutolo war einer der größten Massenmörder der europäischen Nachkriegszeit, auf seine Weisung hatten hunderte von Menschen den Tod gefunden, er überzog Neapel und sein Hinterland mit Terror. Dass er trotzdem für manche „Staatsdiener“ ein Ehrenmann war, sagt viel über das Italien der 1980er und 1990er Jahre. 

Die Verhandlung war so verschachtelt und zäh, dass ich nicht viel davon behalten habe. Aber eine Begebenheit werde ich nie vergessen: Eine junge Frau mit langen, dunklen Haaren, die die ganze Zeit neben Cutolos Käfig gehockt hatte, machte dem Richter ein Zeichen, erhob sich und sprach mit ihm. Der Richter unterbrach daraufhin die Verhandlung. Im Saal erschien ein Junge mit einem Tablett, darauf ein Plastikbecher mit Espresso. Die junge Frau nahm den Becher, reichte ihn in den Käfig und Cutolo trank seinen Kaffee. Langsam. Fast feierlich. In kleinen Schlucken. Er zelebrierte es. Erst als Cutolo mit dem Espresso fertig war, ging es weiter mit dem Prozess. 

Die junge Frau, so erfuhr ich, war Cutolos Gattin Immacolata. Jahre später gebar sie ihrem Mann eine in vitro gezeugte Tochter, nachdem alle Anträge auf eine „intime eheliche Begegnung“ im Hochsicherheitsgefängnis abgelehnt worden waren. Damals, vor Gericht wirkte sie wie eine Madonna, übrigens evoziert der Name Immacolata ja auch die unbefleckte Empfängnis. Immacolata hatte Cutolo im Gefängnis geheiratet. Ihr Vater und ein Bruder waren als Camorristi in den Clankriegen ums Leben gekommen, ein anderer Bruder brachte später seine Ehefrau und deren Mutter um. Das Leben der Immacolata Cutolo ist eine Abfolge von Gewalt, Tragödien und Knast-Besuchen bei ihrem Mann, dem Mörder.

Cutolos menschenverachtende Arroganz war ebenso spürbar wie der skandalöse Respekt des Gerichts, das ihn übrigens später in zweiter Instanz von der Anklage der versuchten Erpressung freisprach. Das änderte natürlich nichts daran, dass er im Gefängnis blieb, lebenslänglich. Am 17. Februar ist er in Parma gestorben. 

Über diesen Verbrecher wurden einst Romane geschrieben und Kinofilme gedreht. Ein Lied des 1999 gestorbenen Fabrizio De Andrè machte Cutolo richtiggehend populär. Dabei prangert „Don Raffaè“ ein System an, in dem die Bosse der Mafia wie Könige in den Gefängnissen residierten, umgeben von beflissenen „Wächtern“, die ihnen nicht nur den Kaffee brachten, sondern auch die Anweisungen an die „Soldaten“ draußen weitergaben. Doch De Andres kritischer Text ist so wunderbar ironisch und die Melodie so herrlich eingängig, dass „Don Raffaè“ ein echter Hit wurde, was nolens volens Cutolos Legende nährte.

Heute nennt der Volksmund das Gefängnis von Neapel nicht länger „Hotel Poggioreale“, ohnehin werden die Bosse woanders inhaftiert, irgendwo im Norden. Das Medici-Schloss in Ottaviano, das Cutolo sich einst unter den Nagel riss, gehört mittlerweile wieder dem Staat und ist Verwaltungssitz des Nationalparks Vesuv. Die NCO ist längst aufgelöst, es gibt keine Nachfolgeorganisation, und auch wenn die Banden der Camorra nach wie vor ihre Geschäfte mit Drogenhandel, illegaler Müllentsorgung, Zinswucher und Schutzgelderpressung machen, werden sie hartnäckiger verfolgt als früher. Neapel wird in zweiter Amtszeit von einem früheren Staatsanwalt regiert, die Camorra-Hochburg Casal di Principe von einem Antimafia-Aktivisten. Und doch: Roberto Saviano, einer der erfolgreichsten italienischen Schriftsteller, auch er aus Casal di Principe, muss seit Jahren vor der Camorra untertauchen. JournalistInnen dürfen nur mit Leibwache zur Arbeit. Priester werden bedroht, ebenso wie PolitikerInnen, StaatsanwältInnen, AktivistInnen. Noch sind die Adepten des Don Raffaè zahlreich – in der Krise könnten es noch mehr werden. Und schon wieder hat die Mafia-Bekämpfung für Italiens Regierenden nicht die höchste Priorität. 

Ganz so, als wäre es eine alte Geschichte, die niemanden mehr kümmern muss. 

Auf ein Neues

Aber was wird wirklich neu? Die Probleme sind uralt, seit Jahrzehnten noch nicht mal ansatzweise gelöst – und das Personal kennt man eigentlich auch schon eine Weile. Die Vereidigung der Regierung von Mario Draghi (73) ähnelt dem ersten Schultag nach den großen Ferien, die für die einen etwas länger dauerten als für die anderen. Lange pausiert haben etwa die MinisterInnen von Forza Italia, der aggressive Renato Brunetta (zuständig für Öffentliche Verwaltung), die liberale Mara Carfagna (früher Showgirl und Aktmodell, dann Gleichberechtigungsministerin, jetzt zuständig für den Süden) und Maria Stella Gelmini (Kernkompetenz: Berlusconis Treueste). Überhaupt nie weg war Außenminister Luigi Di Maio (5 Sterne), den man andererseits im Ausland auch nie bemerkt hatte, außer vielleicht in Südtirol. Für Di Maio ist es die dritte Regierung in drei Jahren, aber er ist immer noch blutiger Anfänger – in allem. Drei Ministerien an Berlusconi (davon zwei Frauen), drei an Salvinis Lega (eine Frau), vier an die Sterne (eine Frau), eins an Renzi (eine Frau), drei an die PD (keine Frau). Keine Frau? Keine Frau. Bei so wenigen Posten war halt kein Platz für Schnickschnack. 

Zum Glück hat Draghi drei Schlüsselministerien mit parteilosen Expertinnen weiblich besetzt – Innen, Justiz und Universität. Noch besser wäre gewesen, er hätte das Finanzressort einer Frau übergeben und dazu Umwelt und Energie. Aber die sind zu wichtig, da geht’s um zuviel Geld, nämlich um einen Riesenbatzen der 200 Milliarden von der EU. Da müssen Männer ran.

Acht Frauen von 23 Ministern, die meisten „ohne Etat“, also am Katzentisch, das zeigt überdeutlich, wo Italien heute steht: Vorgestern. Wahrscheinlich wird eher eine Frau Papst oder US-Präsidentin als Regierungschefin in Rom. Da nützt auch das ganze Zukunftsgeheul nichts und die Euphorie um Draghi. Dass die PD-Männer tatsächlich mit dem finsteren Flüchtlings-Jäger Salvini regieren, die Sterne mit dem verhassten Berlusconi und alle zusammen mit dem noch verhassteren Renzi, hat nur einen einzigen Grund: Alle wollen sie Zugriff auf die Kohle. 

Jede Wette, dass die ersten Streitereien noch in der Stunde nach der Vereidigung losgehen. Jede Wette, dass das Kabinett Draghi trotzdem länger durchhält als die Regierungen von Giuseppe Conte (der übrigens schon abgehakt ist und ab nächste Woche wieder bei seiner alten Uni Vertragsrecht unterrichtet). Denn es geht halt um sehr viel Geld. Nur wer dabei ist, kriegt was ab. Nach diesem Motto funktioniert Italiens Politik seit gut 2000 Jahren.

Den ItalienerInnen ist es inzwischen ziemlich egal, wer sie regiert. Hauptsache, es passiert endlich etwas. Hauptsache, man macht mal einen Schritt nach vorn. Wie das gehen soll, mit so wenig Frauen und einem MinisterInnen-Durchschnittsalter von 54 Jahren (okay, noch unter der 1. Mannschaft von Milan), das weiß wohl nur der aus dem Ruhestand zurück beorderte Mario Draghi.

Hoffentlich.

Supermario

Jetzt also Draghi. Unfähig, für die Verteilung von über 200 Milliarden Euro Aufbauhilfe aus Brüssel die Verantwortung zu übernehmen, hisst die italienische Politik die weiße Fahne. Ein Notfallkabinett aus Experten soll die Führung des Landes übernehmen und so ist der frühere EZB-Chef Draghi nach dem Rücktritt von Giuseppe Conte beauftragt, sich eine Mehrheit im Parlament zu suchen. Einfach wird das nicht. Selbst wenn Draghi ins Amt käme, wäre das nur der Beginn einer langen Schlacht um die Überwindung der Krise, bei der die beteiligten Parteien vor allem das Beste für sich herausholen wollen. Schließlich geht es um einen gigantischen Kuchen.

Contes Abgang und Draghis Übernahme beschleunigen neuerliche Auflösungen und Umbrüche in einer seit Jahrzehnten nicht mehr festgefügten Parteienlandschaft. Zunächst betrifft das die Fünf Sterne. Als „Leckt-uns-am-Arsch-Bewegung“ von einem Digital-Nerd erfunden (und weiterhin quasi im Familienbesitz), als Protestbewegung Sieger bei den Wahlen 2018, paktierte die „Anti-System-Partei“ erst mit der stramm rechten Lega und dann mit dem lau linken PD. Für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Fünf Sterne ist Draghi, wie es ihnen ihr Guru Grillo vorgekräht hat, Handlanger der Finanzmärkte, des internationalen Großkapitals und dessen Brüsseler Schergen. Also quasi die Inkarnation des Bösen. Vermutlich ist die Fraktion der Pragmatiker innerhalb der Grillo-Partei inzwischen größer, diese Leute wollen an der Macht bleiben – und wenn ihnen das nicht gelingt, wenigstens im Parlament. Bei Neuwahlen wären sie weg vom Fenster, also unterstützen sie jetzt Zähne knirschend den früheren EZB-Chef, obwohl sie gestern noch den Euro abschaffen wollten. 

Der PD als größte Nachfolgeformation der vor hundert Jahren gegründeten KPI hat seinen Selbstfindungsprozess auch 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht abgeschlossen. Man ist irgendwie sozialdemokratisch, im Grunde aber wertkonservativ. Frauen und Umwelt beispielsweise sind für die PD-Männer immer noch Gedöns, den Ausbau erneuerbarer Energien betreibt sie ebenso halbherzig wie die Bekämpfung der Mafia. Unter Bauchschmerzen (und nur auf Befehl des Ex-Vorsitzenden Matteo Renzi) hat die Partei homosexuelle Lebensgemeinschaften legalisiert, zu einem zeitgemäßen Einwanderungsgesetz mit der Staatsbürgerschaft für im Land geborene Zuwandererkinder hat es aber nicht gereicht. Schon lange wäre die Zeit reif für eine grüne, progressive Partei ohne den esoterisch-aggressiven Populismus der Fünf Sterne (nie werde ich vergessen, wie Grillo mir in seiner Villa am Meer erklärte, warum Italien keine Hochgeschwindigkeitszüge und keine Straßen brauche, weil „Digitalautobahnen“ vollkommen ausreichend seien), bei der Frauen in der Führungsriege und im Parlament selbstverständlich sind. 

Auch was letzteres angeht, ist Renzi fortschrittlicher als seine Konkurrenz, die bei manchen seiner Ministerinnen, argwöhnte, es handele sich um seine Geliebten. Jawohl, so reaktionär ist die italienische Politik (und so unfassbar von gestern sind auch manche Chefredakteure). Doch Renzis Machtgier ist stärker als sein Reformwille. Obwohl seine Kritik an Conte berechtigt war, hat er die Regierung natürlich nicht aus hehren Motiven platzen lassen. Es geht schlicht um sehr viel Geld. Über 200 Milliarden Aufbauhilfe von der EU, darüber ist der freundliche, aber dauer-überforderte Conte gestolpert, der keinen wirklichen Plan hatte, was mit dem Batzen geschehen soll. Kein Plan, damit könnte man Contes Wirken als Regierungschef ohnehin überschreiben. Erst mit der Lega, dann mit dem PD, irgendwie ging es vor allem darum, oben zu bleiben. Zuletzt hatte Conte zu viel Gefallen an einem Job gefunden, der ihm sehr zufällig zuteil geworden war. In keinem anderen westlichen Land ist es derart einfach, Ministerpräsident zu werden und Conte wurde es, weil ihn seine Koalitionspartner vorzeigbar aber harmlos fanden. Er hatte keine Partei und keine Ansprüche, ist aber immer gut angezogen, spricht dialektfrei italienisch und passabel englisch und kann mit Messer und Gabel essen. 

Das reicht natürlich nicht und hatte nie gereicht. Ohne die Corona-Krise wäre der Mann längst weg vom Fenster gewesen. Er will jetzt offenbar eine Partei gründen, aber die WählerInnen werden, wenn die Krise irgendwann überstanden ist, sich vor allem an sein Versagen erinnern: Pandemiebekämpfung mit der Polizei, die Einkaufstüten kontrollierte, Hubschrauber auf Strandspaziergänger hetzte, ältere Frauen für eine Ruhepause auf Parkbänken bestrafte. „Sofort“-Hilfen, die weder sofort noch später eintrafen. Nächtliche Auftritte mit der Verkündigung neuer Maßnahmen via Facebook. Und hinter allem ein allmächtiger „Kommunikationsberater“ von den Fünf Sternen. Conte ist kein Parlamentarier und fühlte sich dem Parlament nie verpflichtet. 

Auch Draghi ist kein Parlamentarier. Und genau wie Conte kein Politiker. Aber anders als der Jura-Professor kennt er sich mit Geld aus. Er kennt das internationale Parkett. Und, mindestens genauso wichtig: Macht interessiert ihn eigentlich nicht mehr. Mit 73 wollte er eigentlich den Ruhestand genießen. Pustekuchen. Wenn das Vaterland ruft, müssen die verdienten alten Männer nochmal ran. (Alte Frauen gibt es offenbar in Italien nicht. Quatsch, es gibt sie natürlich. Aber sie sind, siehe oben, nicht mehrheitsfähig.)

Draghi soll es richten, whatever it takes. In Brüssel und in Berlin dürfte man zuversichtlich sein. Auch die ItalienerInnen sind mehrheitlich erleichtert. Man verspricht sich von dem Ökonomen mit der Physiognomie und den Manieren eines Kurienkardinals, dass Italien nun endlich wieder in die Gänge kommt. Too big to fail, deshalb muss Draghi übernehmen. Das viele Geld an den gierigen Schlünden der Parteiklientel vorbei zu tragen und in wirklich zukunftsträchtige Projekte zu investieren, das traut man nur diesem mit allen Wassern gewaschenen Römer zu. 

Was das über den Zustand der italienischen Demokratie aussagt, sei dahin gestellt. Diese Frage wird uns ohnehin noch länger beschäftigen.

Sabine die Große

Sabine Töpperwien geht in Pension. „Eine Pionierin des Sportjournalismus“ nennt sie die SZ, die „den anderen eine Schneise freigeschlagen“ habe, andere Frauen im Fußball sind damit wohl gemeint. Heerscharen sind es seit Töpperwiens Karrierestart Mitte der 1980er Jahre allerdings auch nicht geworden, die Schneise also nicht besonders breit. Wieso glaubt man eigentlich, Frauen in Männerberufen würden anderen Frauen den Weg bahnen? „Eine Schneise freischlagen“ – mit der Axt oder dem Buschmesser? Als wäre man nicht vollends damit beschäftigt, selbst auf der Spur zu bleiben. Reicht aber offenbar nicht. Und was ist, wenn auf die eine Frau keine Frau folgt? Tja.

Weiterhin heißt es bei der SZ, dass es für eine Journalistin, die sich derart durchkämpfen musste, eine „große Lebensleistung“ sei, unter den Unverschämtheiten der Männer nicht bitter geworden zu sein. Bei diesem Satz, ich gebe es zu, musste ich zuerst ein wenig schlucken und dann sehr leise in mich hineinlächeln. Aber es geht ja nicht um mich, sondern um Sabine Töpperwien, die im Gegensatz zu mir stets eine begeisterte Sportjournalistin war, sehr fleißig, sehr Fußball-kompetent und auch sehr ehrgeizig, weswegen sie jetzt den WDR als Hörfunk-Sportchefin verlässt.

In einem großen Interview mit dem von mir geschätzten Jörg Thadeusz kann man ihren beeindruckenden Weg noch einmal nachverfolgen, von der Verbandsliga im Harz zu Champions-League-Finalspielen und Olympia. Im Gegensatz zu Sabine fand ich ihren Bruder Rolf immer ganz furchtbar, ein übler Prolet und Frauenverächter („Ich gehe zu den Jungs in deren Stammkneipen, und da spüren die dann beim Bier: Der Töppi hat ja die gleichen Interessen wie ich, der kennt die Hitparade, und der pfeift auch mal einer Frau nach“), der sich auf ZDF-Briefpapier über seine Puff-Rechnung mokierte („Bin kein Marathonmann“). Dass Sabine Töpperwien sich von diesem Brocken nie distanzierte, sondern bis heute versichert, seine innovativen Rasen-Interviews seien vorbildhaft gewesen, das ist auch eine große Lebensleistung. Man könnte vermuten, dass eine kleine Schwester, die einen solchen großen Bruder überflügelt, mit Typen wie Otto Rehhagel spielend fertig wird, schließlich ist sie mit so einem ja wenigstens nicht verwandt.

Sabine die Große traf ich in all‘ den Jahren nur einmal, in San Siro, bei irgendeinem Champions-League-Spiel. Ich stellte mich schüchtern vor, sie kannte mich natürlich nicht. Damals war sie schon eine Queen. Anderthalb Stunden live zu kommentieren, das Spiel immer mitzufühlen und trotzdem zu analysieren, das machte sie wirklich toll und souverän. Ein Spektakel.

Als Ex wird sie bestimmt weiter Fußball hören und schauen. Auch das unterscheidet uns.

Grande Sabine!

Auf der Rewerbahn

Dem Lieblingsrömer ist nach Pizza, er will eine holen von nebenan. „Auf keinen Fall“, sage ich, „die können ja noch nicht mal Mozzarella richtig schreiben.“ In der Pizzeria nebenan, italienisches Traditionsgasthaus seit über vierzig Jahren, gibt es Pizza mit Käse und Pizza mit „Mozarella“. Unter Käse verstehen die Pizzabäcker von nebenan Gouda. Schinken übersetzen sie mit: Formfleisch.

„Was ist das?“ fragt der Lieblingsrömer. „Das willst du nicht wissen“, sage ich, „und ich übrigens auch nicht. Irgendein Hundefutter.“

Als mein Schwiegervater 1966 mit seinen beiden älteren Söhnen eine Campingreise den Rhein herunter machte – meine Schwiegermutter forschte damals in Amsterdam – da erwischten die Jungs in einem deutschen Supermarkt mal aus Versehen eine Dose Hundefutter. Das Abendessen war kein großer Erfolg und mein Schwiegervater blieb seitdem ewig misstrauisch gegen deutsche Küchenerzeugnisse. Weil meistens ich als Köchin für Familienfeste im Einsatz war, gab meine Schwiegermutter mir vorsichtshalber Wochen im voraus ihre Menüwünsche durch, mit genauen Rezeptangaben.

Durch die Schule meiner Familie bin ich zur Küchenitalienerin mutiert. Deutschland ist kulinarisches Ausland, manchmal richtig exotisch. Wenn der Lieblingsrömer etwa anregt, wir sollten „auf die Rewerbahn“ gehen (gemeint ist die im Lockdown einzig mögliche Lustmeile im Rewe), dann bestaunen wir fasziniert die mit Sauerkraut, Gurken, Rotkohl und Apfelmus überfüllten Regale. Das müssen die deutschen Lieblingskonserven sein, sonst gäbe es nicht so viel davon.

Allein die Namen: Burgergurken und Ananas-Kraut, Apfelrotkohl und Senfgurken. Toll, toll, toll. Soviel Sorten gibt es in Italien allenfalls bei der Pasta. Hier beschränkt man sich auf Spaghetti, Fusilli und Penne, also da geht noch was. Mich irritiert, dass auf den meisten Produkten nicht draufsteht, wo sie herkommen. Egal ob Zucker oder Hülsenfrüchte, Reis oder Marmelade, die Herkunft ist fast immer ungewiss. Noch nicht einmal beim Fleisch muss sie angegeben werden, dafür gibt es in Deutschland keine Käfigeier mehr: Punkt für die Rewerbahn. Bei Bio und Fairtrade steht es Unentschieden.

Mit Bio-Dosentomaten, Burrata und Sardellen geht es zurück in die Küche. Der Hefeteig ist schnell gemacht, die Pizza sowieso.

Während sie backt, finde ich noch ein paar Highlights von den „italienischen“ Speisekarten unserer kleinen Stadt. „Carbonara“ mit Sahne und Speck, „Aglio e Olio“ mit Cocktailtomaten, Sellerie und Parmesan, „Penne Alberto“ mit Filetstreifen, Sahne und Champignons, „Penne Pesto“ mit Sahne und Basilikum – und als absoluter Grusel-Favorit Bandnudeln mit Lachs-Proseccosauce.

Die Prosecco-Sauce hatte mich mal bei lieben Freunden erwischt, die liebenswürdigerweise gekocht hatten: Lasagne mit Wirsing, Lachs, Sahne und eben Dosen-Prosecco. Es war sehr exotisch, ein paar Ananasstücke hätten eigentlich gut dazu gepasst.

ItalienerInnen sind zugegebenermaßen Küchensnobs. Liegt aber auch daran, dass die italienische Küche mehrheitlich sehr einfach ist und man sich eigentlich Mühe geben muss, sie zu verhunzen. Für die meisten Gerichte reichen nur wenige Zutaten, die müssen halt gut sein. In Deutschland hingegen gibt es immer noch den Drang zu „Mehr ist mehr.“ Man sieht es zum Beispiel in der Zeitschrift „Essen und Trinken.“ Da arbeiten geschätzte Profis mit Redaktionsküche, genau wie bei „La Cucina Italiana.“ Doch die Zutatenliste bei den deutschen Rezepten ist immer viel länger. Anstatt Zwiebeln oder Knoblauch, Butter oder Öl, Petersilie oder Basilikum, Essig oder Zitrone wird immer beides genommen, Sahne ist immer noch allgegenwärtig und der Bierteig für Backfisch wird mit Koriander, Kreuzkümmel und Chili gleich dreifach überladen. Dazu noch Paprika-Remoulade, wer soll das aushalten?

Weniger ist mehr, dann klappt es auch mit der italo-deutschen Fusionküche. Zum Steckrübenrisotto etwa die Rübe klein würfeln, mit einer (!!!) Knoblauchzehe und einer Winzigkeit Orange anbraten, zehn Minuten schmoren lassen, den Reis draufgeben und mit wenig Wasser garen. Kein Wein, keine Sahne, nur zum Schluss ein wenig Parmesan. Safran ist möglich.

Wenn ich noch fauler bin, werfe ich geputzte und halbierte Rosenkohl-Röschen mit den Nudeln ins Wasser, gieße nach zehn Minuten alles zusammen ab und röste es kurz mit Knoblauch, Paniermehl und Olivenöl in der Pfanne. Kein Parmesan. Mit Grünkohl funktioniert dieses Gericht genauso gut. Was auch ganz schnell geht: Pesto aus blanchierten Wirsingblättern, Mandeln und Pecorino-Käse, dito aus rohem Radicchio, Walnüssen, ein bisschen Gorgonzola.

Das Gemüse gibt’s natürlich auf dem Markt. Wunderbarer deutscher Winterkohl! Ein letzter Tipp: Endiviensalat kurz kochen und anschließend mit Kapern und Knofel in der Pfanne schmoren. Schmeckt hervorragend als Pizzabelag! Oder zum Speckkuchen.

Soviel aus der Küche. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Post vom Fürsten

Emanuele Filiberto, 48, Fürst von Venedig und Piemont und Enkel des letzten italienischen Königs Umberto II., hat sich in einem Brief an die jüdischen Gemeinden Italiens dafür entschuldigt, dass sein Urgroßvater König Vittorio Emanuele III. 1938 die faschistischen „Rassegesetze“ unterzeichnet hat. Der Ton ist genauso aufgeblasen wie die ganze Persönlichkeit des „Chefs des Hauses Savoyen“, wie sich E.F. nennen lässt – auch auf die Anrede „Königliche Hoheit“ legt er Wert, obwohl Adelstitel in der Republik Italien eigentlich abgeschafft sind: „Ich schreibe euch mit offenem Herzen einen Brief, der mir sicherlich nicht leicht fällt, weil ich es richtig finde, ein für allemal für die Familie die ich heute repräsentiere, im Namen ihrer tausendjährigen Geschichte die Rechnungen mit der Geschichte zu begleiten.“

Die Savoyer regierten Italien zwischen 1861 und 1946, es handelte sich also nicht exakt um ein, pardon, Tausendjähriges Reich. Wegen ihrer Mauschelei mit dem Faschismus wurde die Familie 1948 ins Exil geschickt – die Monarchie war zuvor per Volksabstimmung abgeschafft wurden. Bis 2002 durften die männlichen Mitglieder des Hauses Savoyen nicht nach Italien einreisen. Emanuele Filiberto wuchs als einziges Kind von Prinz Vittorio Emanuele und der Erbin eines ligurischen Keksfabrikanten in der Schweiz auf. Der Vater wurde berüchtigt durch den „Jagdunfall“, bei dem er 1978 den jungen Deutschen Dirk Hamer (Sohn des ebenfalls berüchtigten „Wunderheilers“ Geerd Hamer) erschoss und hatte auch später immer mal wieder Probleme mit der Justiz. 

Emanuele Filiberto führt seit Kindertagen ein Jet-Set-Leben, allerdings ohne richtigen Beruf oder angemessene Beschäftigung. Die Uni brach er ab, danach versuchte er sein Glück ein bisschen in der Finanzwelt, vor allem aber im Fernsehen. Da war er sich für nichts zu schade: Gurkenwerbung, Fußballreporter (für seinen Lieblingsklub Juventus), Tänzer, Sänger beim Schlagerfestival von San Remo, Juror bei Miss Italia, Dschungelcamp. Politische Aktivitäten scheiterten. Seine Partei „Werte und Zukunft mit Emanuele Filiberto“ holte bei den Parlamentswahlen 2008 gerade mal 0,4 Prozent und damit den letzten Platz. Ein Jahr später nahm die Königliche Hoheit bei der Europawahl einen neuen Anlauf mit der Zentrumspartei UDC: wieder nichts. Letztes Jahr hat er die Bewegung „Realität Italien“ gegründet, die wenigstens einen Trostpreis für den originellsten Namen gewinnen müsste, denn wenn E.F. mit irgendetwas beharrlich überhaupt nichts zu schaffen hat, dann mit der italienischen Realität. Mit seiner Frau, der französischen Schauspielerin Clotilde Courau und zwei gemeinsamen Töchtern lebt er in Montecarlo, von Italien kennt er vor allem das Autorennen Mille Miglia, das Stadion der Juve und die Fernsehstudios der RAI. 

Ein beeindruckender Realitätsverlust sprach auch aus seinem 2007 formulierten Antrag an den italienischen Staat, ihm und seiner Familie 260 Millionen Euro Schadensersatz für „moralisches Unrecht“ zu zahlen, das den armen Savoyern durch das „Zwangsexil“ und den Verlust der Heimat zugemutet worden sei. Emanuele und sein Vater forderten darüber hinaus der Rückgabe aller beschlagnahmten Güter. 

Von dieser ungeheuren Dreistigkeit bis zum Brief an die jüdischen Gemeinden war es sicher ein großer Schritt. Das muss Emanuele Filiberto bei aller Aufgeblasenheit zugestanden werden. Der Mann erinnert ohne Wenn und Aber an 7500 von Nazis und Faschisten ermordete jüdische Italiener und entschuldigt sich „offiziell und feierlich“ für das von seiner Familie begangene Unrecht.

Die Reaktion der jüdischen Gemeinden ist kühl. Man könne sich nur persönlich entschuldigen, erklärte der römische Oberrabbiner Riccardo Di Segni, ein überaus kluger und zurückhaltender Mann, der sich schon sein Leben lang für die Aussöhnung aber auch für eine italienische Vergangenheitsbewältigung engagiert. Um Verzeihung hätten also eher Emanuele Filibertos Vorfahren bitten müssen, sagte Di Segni. 

Haben sie nicht. Und nicht nur sie: Beim Nationalfeiertag am 25. April, dem Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Nationalsozialismus, sind die Vertreter der Jüdischen Partisanenbrigade bis heute nicht erwünscht, während Palästinensergruppen eingeladen werden. Der Antisemitismus der italienischen Linken ist mindestens genauso erschreckend wie der der Rechten. Judenhass oder Judenverachtung gehören auch in intellektuellen Kreisen zum guten Ton, während die Mussolini-Diktatur verharmlost wird. 

Und deshalb ist bemerkenswert, was E.F. in einem Interview zu seinem Brief hinzufügte. Sein Urgroßvater, der König, sei vollumfänglich dafür verantwortlich, dass 50.000 jüdische Italiener ihre Bürgerrechte verloren: „Aber bevor der König sie unterschrieb, waren diese Gesetze vom Parlament mit erdrückender Mehrheit verabschiedet worden. Ich habe um Verzeihung gebeten, doch ganz Italien müsste das tun.“

Die „Rassengesetze“ waren zunächst von der faschistisch besetzten Abgeordnetenkammer abgesegnet worden, die sich kurz danach auch offiziell in Camera dei Fasci e delle Corporazioni, also „Kammer der Verbände und Innungen“ umbenannte. Am 20 Dezember 1938 wurde die Vorlage im Senat eingebracht, dessen Mitglieder vom König ernannt waren. Zu den auf Lebenszeit berufenen Senatoren gehörte beispielsweise auch der spätere Staatspräsident Luigi Einaudi. Neun Senatoren waren Juden, vier von ihnen Mitglieder der faschistischen Partei. Zur Abstimmung über die „Rassengesetze“ erschienen die jüdischen Senatoren nicht. Von 164 anwesenden Senatoren stimmten neun dagegen. Allerdings waren zehn keine Faschisten.

Chapeau dem Gurkenprinz.

Oben bleiben

In der Krise beweist Giuseppe Conte Beharrlichkeit bei größtmöglicher Flexibilität. Er wankt, aber fällt nicht – zweifellos ein Qualitätsmerkmal. Jedenfalls, solange es nur darum geht, nicht unterzugehen, sondern weiter zu treiben und zu trudeln. Gerade, weil er so substanzlos ist, könnte Conte es auch diesmal schaffen, bald aber wird seine Substanzlosigkeit nicht nur für Italien ein großes Problem werden. Oben bleiben ist sein Selbstzweck, doch es ist kein Ziel.

Wofür steht Giuseppe Conte? Ursprünglich war er ein Mann der Schreihals-Bewegung Fünf Sterne, die den parteilosen Professor vor zweieinhalb Jahren als Ministerpräsidenten eines Kabinetts mit der rechtsradikalen Lega aus dem Hut zauberten. Ein Jahr später wurde Conte dann Regierungschef einer neuen Koalition der Fünf Sterne mit dem sozialdemokratischen PD. Allein, dass es ihm gelingt, mit derart unterschiedlichen Partnern zu funktionieren, beweist eine in der deutschen Politik ganz unvorstellbare Elastizität.

Es kam die Pandemie und damit eine der schwersten Krisen in der Geschichte der Republik. Conte navigierte nun mit immer neuen Notverordnungen, die zumeist zu nächtlicher Stunde dem Volk bekannt gegeben wurden. In der Tragödie hielt er Kurs – oben bleiben. Alles andere war ohnehin nicht mehr wichtig, es ging ums blanke Überleben. Auch diesmal wird er es schaffen, denn sein Gegenspieler Matteo Renzi hat den Fehdehandschuh zu früh geworfen. Noch geht es nicht um Programme der Zukunft, um die Konkurrenzfähigkeit, um Klimaschutz und die Verteilung des gigantischen Wiederaufbauhilfe-Kuchens. Sondern um die Abwendung des Untergangs, falls sich die zweite Corona-Welle zu einem Tsunami auswächst.

Conte wird weiter treiben, irgendwie. Vielleicht ist sogar irgendwann Land in Sicht. Spätestens dann aber braucht man Ideen, Projekte und Risikobereitschaft, um nicht abgehängt zu werden. Da hilft kein Pater Pio, dessen Bild Conte tatsächlich in seiner Brieftasche trägt, und auch keine EU, für die der freundliche Professor natürlich das weitaus kleinere Übel ist, verglichen mit dem finsteren Menschenfeind Salvini. Conte verkörpert zweifellos das alte Italien, stets kompromissbereit und immer mit Einstecktuch. Er hat Manieren, er fällt nicht aus der Rolle, er kann moderieren. Bis morgen wird das reichen, für das Übermorgen aber könnte es heute schon zu spät sein.