Von der Substanz

Wer in diesen Wochen keinen wirklich schlimmen Verlust beklagen musste oder existenzielle Sorgen um seinen Job hat, der durfte immerhin lernen, dass das meiste in unserem Leben ziemlich überflüssig ist. Die nächste Urlaubsreise, neue Klamotten, das letzte Smartphone: who cares, brauchen wir doch eigentlich gar nicht. Man kann wunderbar zwei Monate ohne Friseur leben (sorry, liebe FriseurInnen), ohne Restaurantbesuch (nochmal sorry), man kann sogar auf das Gartencenter verzichten und sich die Tomaten aus der Samentüte heranziehen. Wirklich fehlen können uns Menschen. Freunde und Familienangehörige vor allem, die wir in diesen Zeiten nicht sehen dürfen.

Ganz unabhängig von der dräuenden Wirtschaftskrise, die jetzt bergauf und bergab  herbeizitiert wird, könnten wir also durchaus auch in Zukunft dazu neigen, weniger zu konsumieren. Aus Gewohnheit. Vor allem aber, weil wir schlicht weniger Geld haben. Wir alle sind betroffen. Ja, sogar wir Schreiberlinge. Auch wenn man darüber wenig hört und liest. Wen interessiert es, dass Journalistinnen über Jahre und Jahrzehnte ganz selbstverständlich Kinderbetreuung und Home office miteinander vereinbaren müssen, auch und besonders an Sonntagen, Weihnachten und Ostern? Dass es mittlerweile in vielen Zeitungsredaktionen Kurzarbeit gibt, auch bei der ZEIT, obwohl dort gerade so viele Abos verkauft werden wie noch nie? Dass Autoren um die Zukunft ihrer Verlage bangen, weil der Absatz fast aller Frühjahrs-Neuerscheinungen bei Null liegt? Eben, es gibt wirklich andere und größere Probleme.

Aber ich war beim Konsum stehen geblieben. Und da könnte man doch mal leise fragen: Wer soll eigentlich die neuen Autos kaufen, die jetzt ganz dringend wieder produziert werden müssen? Wer die nächste Flugreise bei der jetzt ganz dringend stützenswerten Lufthansa (vom Milliardengrab Alitalia ganz zu schweigen)? Wer soll als Touristin die Strände Apuliens bevölkern oder Venedigs Gassen verstopfen? Und wer sich im Restaurant des Fernsehkochs auf die Warteliste setzen lassen?

Noch wird uns vorgegaukelt, die Krise sei vorübergehend und durch beherzte Regierungsanweisungen zu stoppen. Aber zum Wirtschaften gehören zwei, der Produzent und der Konsument, die Verkäuferin und die Kundin. Ob letztere jetzt wie auf Knopfdruck wieder fleißig ihren Konsumpflichten nachkommen wollen, muss man erst noch sehen. Von welchem Geld übrigens?

A propos Experten: Krasser Überschriftenfehler bei Spiegel Online. Herr Watzke hat selbstverständlich gemeint, der Schulstart wäre ein Qualitätszeugnis für die Deutschen. Oder müssen wir uns in diesen Zeiten tatsächlich Sorgen um Fußballer machen? 13 Prozent der Profis neigen angeblich gerade zu Depressionen. Eine lächerliche Zahl, gemessen an der Gesamtbevölkerung.

Triumph der Bürokratie

Ja, es wird langsam langweilig, über den italienischen Lockdown zu lesen. Noch langweiliger ist es, über ihn zu schreiben. Und noch viel langweiliger ist es, in ihm zu leben. Seit zwei Monaten bewegt sich: nichts. Außer einer gewaltigen Menge von Polizisten, die uns dankenswerterweise an jeder Straßenecke kontrollieren geduldig befragen, warum wir unsere Behausung verlassen haben und uns anschließend, je nach Laune, mit erhobener Augenbraue laufen lassen, mit erhobenem Zeigefinger wieder nach Hause schicken oder uns 280 Euro aufwärts für unseren Ungehorsam abknöpfen. Offenbar sind diese Bußgelder derzeit eine wichtige Einnahmequelle für den italienischen Staat.

Vergangenen Freitag durfte ich im 1. Programm des staatlichen Radios sprechen, es ging um die Finanzhilfen der EU. Ich kam dran zwischen EU-Wirtschaftskommissar Gentiloni und dem Lega-Fraktionsführer in der Abgeordnetenkammer, dessen Namen man sich hoffentlich nicht merken muss. Gentiloni war wie immer sehr europäisch und zweckoptimistisch. Nach ihm kamen einige Hörerstimmen, die sehr aufgebracht klangen und sich über Frau Merkel empörten, als sei sie alleinverantwortlich für die Ausbreitung des Corona-Virus, die drohende Pleitewelle und den Stillstand der Serie A. Für die frühe Morgenstunde war erstaunlich viel Testosteron im Spiel. Ich wies darauf hin, dass Deutschland gar nicht allein über das EU-Wiederaufbauprogramm entscheide und Frau Merkel schon mal gar nicht. Man kann das nicht oft und deutlich genug sagen, weil hier sehr viele Medien und Politiker genau das Gegenteil behaupten. Ich erklärte außerdem, das Geld sei da und das Programm beschlossen. Es gehe jetzt darum, wie es ausgegeben und verteilt würde, dazu seien Verhandlungen vorgesehen, alles ziemlich normal. Wenn ich live im italienischen Radio sprechen muss (hermetisch geschlossene Fenster wegen der Esel), neige ich zum merkeln. Das ist eine neue Erkenntnis. Dann sagte ich aber noch, Herr Conte habe gut daran getan,  im deutschen Fernsehen und in einigen großen Zeitungen vorstellig zu werden, denn die letzten starken Bilder, die die deutsche Öffentlichkeit vor Corona aus Italien gesehen habe, beträfen Flüchtlingsschiffe, die Abführung von Carola Rackete und den damaligen Vizepremier Salvini, der mit nacktem Oberkörper aus einem Strandbad gegen die Flüchtlinge und Frau Rackete hetzte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Merkel-Phase schon wieder überwunden. Dann war auch schon der Lega-Mann dran. Ich hörte noch, wie er nach Luft schnappte, bevor sich eine freundliche Redakteurin von mir verabschiedete und ich aus der Leitung flog.

Vergangenen Samstag feierte Italien den Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Nationalsozialismus. Das ist der Tag, den mein Mann seit 28 Jahren mit den Worten einleitet, ganz Italien sei von den Deutschen befreit, außer ihm. Die Sonne schien und an unserem Grundstück spazierten zwei ungefähr Zwölfjährige Jungs vorbei. Exakt 90 Minuten später kam ein Polizeiauto (die Straße ist ein besserer Feldweg). Die Jungen wurden angehalten, es folgte eine Befragung, sie wurden nach Hause geschickt. Ein Bußgeld setzte es nicht. Geht das überhaupt, bei Minderjährigen? Oder müssen für sie die Eltern bezahlen, wenn sie sich weiter als 200 Meter von zu Hause entfernen, in einem Dorf mit 1000 Einwohnern und null positiv Getesteten? In der gesamten Region Umbrien sind heute 371 Menschen positiv, darunter zwei Neuansteckungen vom Tage. Seit Wochen geht hier keiner ohne Maske auf die Straße.

Gestern, Sonntag, sprach Ministerpräsident Conte im Fernsehen. Mit der Miene eines Onkels, der ein großes Geschenk überreicht, versprach er neue Freiheiten ab dem 4. Mai. Es sei dann erlaubt, Sport im Freien zu treiben, auch außerhalb der 200-Meter-Zone. Man dürfe Verwandte besuchen, die in derselben Region wohnten, müsse aber dabei eine Maske tragen (und die Verwandten natürlich auch). Von Freunden war nicht die Rede. Von etwaigen Liebsten auch nicht. In Corona-Zeiten muss man verheiratet sein oder zumindest zusammen leben, sonst darf man nicht zueinander. Trauerfeiern sind erlaubt (max. 15 Personen). Messen nicht. Die Parks werden wieder geöffnet, für Spielplätze gilt ein Numerus Clausus. Die meisten Geschäfte bleiben weiter geschlossen, Friseursalons, Bars und Restaurants sowieso.

Das größte Geschenk aber macht Onkel Conte den Bürokraten, denn man braucht, um in den Genuss all‘ der neuen Freiheiten zu kommen, weiter eine Autocertificazione.

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Also ein Formblatt, das man sich von der Webseite des Innenministeriums herunterlädt und auf dem man neben den eigenen Daten einen triftigen Grund angibt, warum man das Haus verlässt. Das Formblatt wird bei Polizeikontrollen einbehalten, beim nächsten Freigang muss ein neues ausgefüllt werden.

Es ist der Triumph der Bürokratie in einem Land, das eine Pandemie in vorderster Front von der Polizei bekämpfen lässt. Wobei betont werden muss: Die Innenministerin ist dagegen. Sie findet offenbar, zwei Monate Formblatt-Sammeln reichten, ihre Polizisten hätten jetzt Wichtigeres zu tun. Ich frage mich, was eigentlich aus den Millionen von  einegsammelten Formblättern wird. Werden die aufbewahrt? Kommen die in die Papiertonne? Benutzt die Polizei die leere Rückseite für Notizen?

Die Task Force (so heißt hier das Beratergremium) der Regierung macht sich schon Gedanken über die Öffnung der Strände. Man soll sich über eine App anmelden und erklären, wo genau man seinen Sonnenschirm abstellt. Wir sind ein Volk unmündiger Kinder, die zum Abstandhalten mühsam erzogen werden müssen.

Am wasserfesten Formblatt wird deshalb noch gearbeitet.

 

 

 

Locker bleiben

Aus Italien betrachtet, hat man das Gefühl, dass in Deutschland gerade die Stimmung kippt. Die Leute fordern und bekommen Lockerungen, dabei ging es doch auch in den letzten Wochen schon sehr locker zu, verglichen mit Spanien, Frankreich und Italien. Tagelang wurde über eine Maskenpflicht diskutiert, als wäre es ein Angriff auf die Menschenwürde, sich Mund und Nase zu bedecken, um andere vor den eigenen Spucktröpfchen zu schützen. Gestern habe ich im WDR eine Hörerin vernommen, die tatsächlich erklärte, sie sei gegen die Schutzmasken, weil man das Gegenüber damit nicht mehr lächeln sähe – und das deprimiere sie so. Da sage ich als Italienerin: Chi se ne frega, wen juckt das?

Deutschland ist ein reiches Land. Es gab sofort Hilfen in einem Ausmaß, von dem der Rest der Welt nur träumen kann, sogar Künstler konnten einen Antrag stellen. Trotzdem lamentieren sich alle. Die Schausteller glauben, sie hätten ein Recht auf Volksfeste. Die Fußballklubs meinen, der Geldregen von den Fernsehsendern dürfe nie versiegen. Aber Millionärs-Fußball und das Oktoberfest braucht im Moment wirklich gerade kein Mensch. Genauso wenig wie die absurde Urlaubsdebatte. Es ist Pandemie, da kann man die Ferien auch mal ausfallen lassen. Und da wir gerade noch dabei sind, hier ein spezieller Vorschlag: Wir überlassen die Strände und Wellnesshotels in diesem Sommer dem Personal aus Krankenhäusern und Supermärkten, den Paketzustellerinnen und Reinigungskräften. Den einzigen, die wirklich Urlaub brauchen!

 

Risiko-Gemüse

Schon klar, man soll nicht zuviel davon essen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (Ja! Gibt es! Leute, die für uns die Risiken einschätzen. Danke!) rät vom regelmäßigen Verzehr von Borretsch ab. Die Pflanze enthalte Pyrrolizidinalkaloide und die seien auf Dauer gefährlich für die Leber.

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Kurz habe ich mit dem Gedanken gespielt, bei den Risikobewertern anzurufen, um mir das ganz genau erklären zu lassen. Setzt ein Stück Borretschkuchen meiner Leber schlimmer zu als ein Glas Schnaps? Oder gar als zwei Schnäpse? Aber als ich gesehen habe, was da heute außer Borretsch auf dem Programm steht, verzichtete ich auf den Anruf. Geflügelpest! Bakterienverseuchter Salat durch aufbereitetes Gießwasser! Gesundheitliche Risiken durch hohe Gehalte an 3-MCPD- und Glycidyl-Fettsäureestern! Alles nur eventuell, aber immerhin. Fettsäureestern sind übrigens kein Schreibfehler, sondern etwas viel, viel Schlimmeres. Mein Respekt vor den Risikobewertern ist nach dem Besuch ihrer Instituts-Homepage ins Uferlose gewachsen. Man ahnt ja gar nicht, wovor die uns alles schützen!

Aber zurück zum Gemüse. Für alle, die heute auf ihre Schnäpse verzichten mögen, zwei schnelle Rezepte aus der Wildgemüseküche.

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Das erste ist gar kein Rezept, sondern nur ein Deko-Vorschlag. Ricotta (oder Quark) mit Salz und Pfeffer würzen, Borretschblumen drauf, und schon isst das Auge mit!

Auch nicht viel schwieriger ist Zubereitung Nummer zwei für den Kuchen mit Ricotta (oder Frischkäse) und Borretsch.

Dazu einen Hefe- oder Mürbeteig herstellen (bei mir aus 300g Mehl für eine Springform mit 28cm Durchmesser). 500g Borretschblätter in kochendem Salzwasser höchstens fünf Minuten lang kochen, dann kalt abschrecken und fein hacken. Mit 500g Ricotta und zwei Eiern mischen. Salzen, Pfeffern, evtl. Muskatnuss. 30 Minuten in den Ofen – fertig.

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Mit der gleichen Mischung kann man auch Ravioli füllen (geschieht in Ligurien).

Buon appetito!

 

 

Unter Dachsen

Ein alter Traum von mir ist es, ein Buch über Dachse zu schreiben. Dachse gehören in die Kategorie der chronisch unterschätzten Tiere. Sie stehen ewig in zweiter Reihe, so wie der Esel hinter dem Pferd und die Ente hinter dem Huhn. Der Fuchs ist sagenhaft schlau, der Dachs ist… ja, was eigentlich? Man weiß so wenig über ihn. Dabei ist er doch ein wirklich markant aussehendes Geschöpf.

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Sodoma verhält sich zu Signorelli ja auch ein wenig wie der Dachs zum Fuchs. Der erste gilt als attraktiver Sonderling, der zweite als einer der ganz großen Stars der Kunstgeschichte. In Monte Oliveto Maggiore sprang Sodoma als Ersatz für Signorelli ein, als dieser einen besseren Job gefunden hatte als die Auspinselei eines Kreuzganges in der toskanischen Provinz. Prompt malte die zweite Wahl Sodoma überall Dachse ins Gewölbe. Der Schwarzweiße auf diesem Fresko trägt ein rotes Halsband, ein Hinweis darauf, dass Dachse in früheren Zeiten gezähmt wurden, etwa um Jagd auf Füchse zu machen. Ganz sicher waren sie kein Schoßhund-Ersatz. Denn Dachse stinken. Wie alle Marder setzten sie ihre Drüsensäfte großzügig zum Markieren und zur Selbstverteidigung ein. Auf diesem Fresko scharen sie sich indes sehr zutraulich um einen jungen Mann, der Sodomas Züge trägt. In seinem Haus in Siena umgab sich der Künstler, der eigentlich Giovanni Antonio Bazzi hieß, außer mit Dachsen auch mit Affen, Papageien und Rabenvögeln. Ihm ist es zu verdanken, dass Meles Meles seinen Auftritt in der Welt der Kunst bekam.

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Wir leben ebenfalls mit Dachsen, allerdings nicht unter einem Dach. Die Tiere stehen auch in Italien unter Schutz und sollen schön draußen bleiben. Wie viele es sind, wissen wir nicht genau, aber fast jeden Abend können wir sie hören, wenn sie im Olivenhain Wurzeln ausgraben oder gleich neben dem Haus laut schmatzend irgendwelche Kleintiere verzehren. Dachse essen besonders gern Regenwürmer, aber auch Käfer und Mäuse (die unsere verwöhnten Katzen liegen lassen). Zur Not geht auch Gemüse. Als die Kinder klein waren, schickte ich sie mit den Obst- und Gemüseabfällen zum Komposthaufen, etwa 100 Meter vom Haus entfernt. Ich sagte nicht: „Wirf das Zeug auf den Kompost“, sondern: „Bringe es bitte dem Dachs.“ Das fanden sie gleich viel interessanter.

Heute morgen habe ich dann gesehen, dass das mit dem Dachs und dem Kompost durchaus keine Erfindung war. Denn direkt neben dem Gemüseabfallhaufen auf der Grenze zwischen Olivenhain und Wald, sah ich das hier:

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Der große Baumeister hat gebuddelt. Und wie! Der Dachs gräbt sich ja nicht einfach ein Loch, sondern konstruiert komplizierte Wohnhöhlen, die aus Dutzenden von „Kammern“ bestehen können. Füchse sind als Untermieter willkommen. In Mecklenburg wurde eine weitläufige Höhle entdeckt, die sagenhafte 10.000 Jahre von Dachsen bewohnt gewesen sein soll. Forscher entnahmen das den Knochen-Funden von Beutetieren, die schon seit Urzeiten ausgestorben sind.

Was das Bauwerk auf unserem Grundstück angeht, könnte es sich um zwei neue Ausgänge jener Dachshöhle handeln, deren „Haupteingang“ ungefähr 150 Meter weiter hangaufwärts liegt. Für einen Dachs keine Entfernun, die buddeln ja locker kilometerlange Tunnel. Der neue Höhleneingang ist malerisch mit Efeu umrahmt. Schöner Wohnen bei Signore Tasso.

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Einmal bin ich sogar fast mit ihm zusammen gestoßen. Es war am Hoftor. Ich kam gerade von einem Spaziergang nach Hause, als der Dachs hektisch schnaubend die Wurzeln unter dem Kirschbaum inspizierte. Als er mich bemerkte, protestierte er. Es hörte sich wirklich an wie beleidigtes Schimpfen! Erst nach einer halben Minute drehte er mir sein breites Hinterteil zu und drehte ab.

Meine Nachbarn, der Dachs, ist ein knorriger Typ.

Einmal Sitzen, 280 Euro

Während die Lega und Forza Italia (letztere in Fraktion der EVP) in Straßburg gegen den Grünen-Antrag für Eurobonds stimmen, geschieht in Rom:

Eine 60Jährige Frau macht sich im Stadtteil Testaccio auf, um ihre Einkäufe zu erledigen. Angetan mit Schutzmaske und Plastikhandschuhen geht sie zu Fuß zur ca. 100 Meter von ihrer Wohnung entfernten, zentralen Piazza, an der sich zahlreiche Lebensmittelgeschäfte befinden. Die Frau bemerkt vor den Geschäften lange Schlangen. Anstatt sich einzureihen, setzt sie sich auf eine Bank. Nur einen Moment die Sonne genießen. Ihre Wohnung hat weder Terrasse, noch Balkon. Spazieren gehen, etwa am nah gelegenen Tiberufer, darf sie nicht. Der Spaziergangsradius für ItalienerInnen liegt sechs Wochen nach dem Lockdown bei 200 Metern. Wer sich weiter von seiner Wohnung entfernt, darf bestraft werden.

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Bleibt die Bank. Denkt die Frau. Bis sich vor ihr ein Carabiniere aufbaut und ihr erklärt, sie verstoße gerade gegen die Vorschriften. Dann geht der Polizist. Die Frau bleibt sitzen. Eine weitere Carabiniera erscheint, fordert sie auf, sofort aufzustehen und die Bank zu verlassen. Was sie da tue, nämlich allein in der Sonne zu sitzen, sei illegal.

Der erste Carabiniere kommt zurück. Händigt der Frau auf der Bank ein Formular aus. Es ist eine Bescheinigung über ein Bußgeld von 280 Euro. Verstoß gegen die Seuchenschutz-Notverordnung.

So etwas geschieht in Italien im Moment allerorten.

Und ich konnte, nachdem ich die Bank-Episode gestern abend auf „La Repubblica“ gelesen habe, die halbe Nacht nicht schlafen.

Merkel und die sieben Samurai

Je lauter sich die Italiener – Regierung, Opposition und fast ausnahmslos alle Medien – über die Deutschen und deren mangelndes Mitgefühl für Italien beschweren, desto stärker wird meine Empathie für Frau Merkel. Nicht, dass ich sie jemals gewählt hätte, das Kreuz bei der CDU zu machen, ist mir genetisch nicht mitgegeben. Kennen gelernt habe ich sie nur flüchtig, bei einem Empfang in der römischen Basisgemeinde St- Egidio, in der einige Mitglieder meiner italienischen Familie engagiert sind.

Und doch stelle ich mir jetzt Angela Merkel vor, der hinterbracht wird, wie markig ihr italienischer Amtskollege Giuseppe Conte Hilfen von der EU und speziell von Deutschland einfordert. Er werde erbittert für Eurobonds kämpfen, sagte Conte vor ein paar Tagen bei einer Fernsehansprache. Der EU-Rettungsschirm sei für Italien nicht das passende Instrument.

Ich bin auch für Eurobonds. Mehr Europa bitte! Gemeinsame europäische Finanzpolitik, Flüchtlingspolitik, Gesundheitspolitik, davon träumt man ja nicht erst seit Ausbruch der Seuche. Trotzdem stört mich das Getrommel von Conte, der übrigens von seinem Vorgänger Romano Prodi postwendend ermahnt wurde, doch erstmal das Geld aus dem Rettungsschirm zu nehmen. Italien könne es sich nämlich gerade wirklich nicht leisten, wählerisch zu sein.

Der parteilose Conte regiert Italien seit knapp zwei Jahren, vorher war er ein außerhalb seines Fachgebiets vollkommen unbekannter Professor für Vertragsrecht an der Uni Florenz. Im ersten Jahr repräsentierte er eine Koalition aus der rechtsextremen Lega Nord und den spinnerten Fünf Sternen. Dann machte Contes Stellvertreter Matteo Salvini den kapitalen Fehler, aus einer Strandbar an der Adria die Koalition zu kündigen und Neuwahlen zu verlangen. Conte und die Fünf Sterne setzten Salvini vor die Tür und regieren seither mit der sozialdemokratischen PD.

Salvini ist Führer einer stramm rechten Opposition, die aus der Lega, Fratelli d’Italia und Berlusconis Mumienverein Forza Italia besteht. Ein Bündnis offen rassistischer, autoritärer rechter Hetzer, die das Parlament für eine Quatschbude halten und Bürgerrechte für Schickeria-Schnickschnack. Natürlich ist Merkel froh, dass sie nicht mit Salvini verhandeln muss, klar ist ihr Conte lieber. Aber zu behaupten, dass Salvini davon profitiert, wenn Deutschland Italien jetzt nicht die geforderten Milliarden schickt, ist Blödsinn. Man kann nicht Brüssel oder Berlin dafür verantwortlich machen, dass die Lega in Umfragen immer noch die stärkste Partei ist. Dafür, dass Populisten in Italien seit einem Vierteljahrhundert politisch den Ton angeben, gibt es wirklich ganz andere Gründe. Einer davon könnte sein, dass die Italiener in der EU die wenigsten Zeitungen und die wenigsten Bücher lesen und die wenigsten Akademiker haben. Gegen die Salvinis dieser Welt schützt Bildung nachweislich besser als Geld.

Bevor Professor Conte auf den Plan trat, hatte Frau Merkel es bereits mit sechs anderen italienischen Ministerpräsidenten zu tun. Zuerst mit Silvio Berlusconi, dann mit Romano Prodi. Darauf kam wieder Berlusconi, der erst zurücktrat, als er Italien an den Rand der Staatspleite gebracht hatte. Mario Monti übernahm, gefolgt von Enrico Letta, Matteo Renzi, Paolo Gentiloni. Schließlich Conte. Berlusconi räsonierte darüber, dass die Kanzlerin mangels körperlicher Vorzüge keine Chance hätte, in seinen Harem aufgenommen zu werden und schlief bei Treffen regelmäßig ein: Sein Nachtleben war zu stressig. Renzi startete in Berlin mit einer Charmeoffensive, um in Rom verlauten zu lassen, Mutti Merkel fresse ihm schon aus der Hand. Conte zeigte anfangs Demut und jetzt die Zähne.

Merkel und die sieben Samurai. Sieben italienische Männer, allesamt überzeugt davon, es im Grunde besser zu können als die deutsche Frau. Realexistierende Anzeichen dafür: keine. Im Gegenteil. Die Staatsverschuldung ist auf 134 Prozent der Wirtschaftsleistung gewachsen, der Graben zwischen Nord- und Süditalien so tief wie nie, die Mafia keineswegs besiegt, die Akademikeremigration nach Nordeuropa rasant gestiegen.

Das alles vor Corona. Jetzt ist die Situation natürlich noch dramatischer. Seit nunmehr fünf Wochen stehen Italiens BürgerInnen quasi unter Hausarrest, und doch gibt es immer noch täglich 500 Tote mehr. Während im Norden das Gesundheitssystem kollabiert, werden im Süden Polizeihubschrauber zur Jagd auf vereinzelte Strandspaziergänger oder Partygäste auf Dachterrassen eingesetzt. Deutschland diskutiert über Schulöffnungen, Italien darüber, ob im Sommer Plexiglas-Vorrichtungen auf die Strände gestellt werden sollen. Als ob irgendjemand hier in den Urlaub fahren könnte. Noch immer gibt es keinen Plan für die so genannte zweite Phase, stattdessen wird die erste Phase der Vollsperrung eines ganzen Landes immer weiter verlängert. Die italienische Politik befindet sich in Schockstarre, sie hat panische Angst davor, dass das Virus auch im bislang verschonten Süden explodieren könnte und keinerlei Instrumente zur Bewältigung der Krise.

Die Wahrheit ist: Das bislang von der EU zugestandene Geld reicht bei weitem nicht aus. Italien wird ein Fass ohne Boden sein.

Frau Merkel weiß das natürlich. Und Giuseppe Conte ahnt es vielleicht auch.