Einmal Sitzen, 280 Euro

Während die Lega und Forza Italia (letztere in Fraktion der EVP) in Straßburg gegen den Grünen-Antrag für Eurobonds stimmen, geschieht in Rom:

Eine 60Jährige Frau macht sich im Stadtteil Testaccio auf, um ihre Einkäufe zu erledigen. Angetan mit Schutzmaske und Plastikhandschuhen geht sie zu Fuß zur ca. 100 Meter von ihrer Wohnung entfernten, zentralen Piazza, an der sich zahlreiche Lebensmittelgeschäfte befinden. Die Frau bemerkt vor den Geschäften lange Schlangen. Anstatt sich einzureihen, setzt sie sich auf eine Bank. Nur einen Moment die Sonne genießen. Ihre Wohnung hat weder Terrasse, noch Balkon. Spazieren gehen, etwa am nah gelegenen Tiberufer, darf sie nicht. Der Spaziergangsradius für ItalienerInnen liegt sechs Wochen nach dem Lockdown bei 200 Metern. Wer sich weiter von seiner Wohnung entfernt, darf bestraft werden.

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Bleibt die Bank. Denkt die Frau. Bis sich vor ihr ein Carabiniere aufbaut und ihr erklärt, sie verstoße gerade gegen die Vorschriften. Dann geht der Polizist. Die Frau bleibt sitzen. Eine weitere Carabiniera erscheint, fordert sie auf, sofort aufzustehen und die Bank zu verlassen. Was sie da tue, nämlich allein in der Sonne zu sitzen, sei illegal.

Der erste Carabiniere kommt zurück. Händigt der Frau auf der Bank ein Formular aus. Es ist eine Bescheinigung über ein Bußgeld von 280 Euro. Verstoß gegen die Seuchenschutz-Notverordnung.

So etwas geschieht in Italien im Moment allerorten.

Und ich konnte, nachdem ich die Bank-Episode gestern abend auf „La Repubblica“ gelesen habe, die halbe Nacht nicht schlafen.

Merkel und die sieben Samurai

Je lauter sich die Italiener – Regierung, Opposition und fast ausnahmslos alle Medien – über die Deutschen und deren mangelndes Mitgefühl für Italien beschweren, desto stärker wird meine Empathie für Frau Merkel. Nicht, dass ich sie jemals gewählt hätte, das Kreuz bei der CDU zu machen, ist mir genetisch nicht mitgegeben. Kennen gelernt habe ich sie nur flüchtig, bei einem Empfang in der römischen Basisgemeinde St- Egidio, in der einige Mitglieder meiner italienischen Familie engagiert sind.

Und doch stelle ich mir jetzt Angela Merkel vor, der hinterbracht wird, wie markig ihr italienischer Amtskollege Giuseppe Conte Hilfen von der EU und speziell von Deutschland einfordert. Er werde erbittert für Eurobonds kämpfen, sagte Conte vor ein paar Tagen bei einer Fernsehansprache. Der EU-Rettungsschirm sei für Italien nicht das passende Instrument.

Ich bin auch für Eurobonds. Mehr Europa bitte! Gemeinsame europäische Finanzpolitik, Flüchtlingspolitik, Gesundheitspolitik, davon träumt man ja nicht erst seit Ausbruch der Seuche. Trotzdem stört mich das Getrommel von Conte, der übrigens von seinem Vorgänger Romano Prodi postwendend ermahnt wurde, doch erstmal das Geld aus dem Rettungsschirm zu nehmen. Italien könne es sich nämlich gerade wirklich nicht leisten, wählerisch zu sein.

Der parteilose Conte regiert Italien seit knapp zwei Jahren, vorher war er ein außerhalb seines Fachgebiets vollkommen unbekannter Professor für Vertragsrecht an der Uni Florenz. Im ersten Jahr repräsentierte er eine Koalition aus der rechtsextremen Lega Nord und den spinnerten Fünf Sternen. Dann machte Contes Stellvertreter Matteo Salvini den kapitalen Fehler, aus einer Strandbar an der Adria die Koalition zu kündigen und Neuwahlen zu verlangen. Conte und die Fünf Sterne setzten Salvini vor die Tür und regieren seither mit der sozialdemokratischen PD.

Salvini ist Führer einer stramm rechten Opposition, die aus der Lega, Fratelli d’Italia und Berlusconis Mumienverein Forza Italia besteht. Ein Bündnis offen rassistischer, autoritärer rechter Hetzer, die das Parlament für eine Quatschbude halten und Bürgerrechte für Schickeria-Schnickschnack. Natürlich ist Merkel froh, dass sie nicht mit Salvini verhandeln muss, klar ist ihr Conte lieber. Aber zu behaupten, dass Salvini davon profitiert, wenn Deutschland Italien jetzt nicht die geforderten Milliarden schickt, ist Blödsinn. Man kann nicht Brüssel oder Berlin dafür verantwortlich machen, dass die Lega in Umfragen immer noch die stärkste Partei ist. Dafür, dass Populisten in Italien seit einem Vierteljahrhundert politisch den Ton angeben, gibt es wirklich ganz andere Gründe. Einer davon könnte sein, dass die Italiener in der EU die wenigsten Zeitungen und die wenigsten Bücher lesen und die wenigsten Akademiker haben. Gegen die Salvinis dieser Welt schützt Bildung nachweislich besser als Geld.

Bevor Professor Conte auf den Plan trat, hatte Frau Merkel es bereits mit sechs anderen italienischen Ministerpräsidenten zu tun. Zuerst mit Silvio Berlusconi, dann mit Romano Prodi. Darauf kam wieder Berlusconi, der erst zurücktrat, als er Italien an den Rand der Staatspleite gebracht hatte. Mario Monti übernahm, gefolgt von Enrico Letta, Matteo Renzi, Paolo Gentiloni. Schließlich Conte. Berlusconi räsonierte darüber, dass die Kanzlerin mangels körperlicher Vorzüge keine Chance hätte, in seinen Harem aufgenommen zu werden und schlief bei Treffen regelmäßig ein: Sein Nachtleben war zu stressig. Renzi startete in Berlin mit einer Charmeoffensive, um in Rom verlauten zu lassen, Mutti Merkel fresse ihm schon aus der Hand. Conte zeigte anfangs Demut und jetzt die Zähne.

Merkel und die sieben Samurai. Sieben italienische Männer, allesamt überzeugt davon, es im Grunde besser zu können als die deutsche Frau. Realexistierende Anzeichen dafür: keine. Im Gegenteil. Die Staatsverschuldung ist auf 134 Prozent der Wirtschaftsleistung gewachsen, der Graben zwischen Nord- und Süditalien so tief wie nie, die Mafia keineswegs besiegt, die Akademikeremigration nach Nordeuropa rasant gestiegen.

Das alles vor Corona. Jetzt ist die Situation natürlich noch dramatischer. Seit nunmehr fünf Wochen stehen Italiens BürgerInnen quasi unter Hausarrest, und doch gibt es immer noch täglich 500 Tote mehr. Während im Norden das Gesundheitssystem kollabiert, werden im Süden Polizeihubschrauber zur Jagd auf vereinzelte Strandspaziergänger oder Partygäste auf Dachterrassen eingesetzt. Deutschland diskutiert über Schulöffnungen, Italien darüber, ob im Sommer Plexiglas-Vorrichtungen auf die Strände gestellt werden sollen. Als ob irgendjemand hier in den Urlaub fahren könnte. Noch immer gibt es keinen Plan für die so genannte zweite Phase, stattdessen wird die erste Phase der Vollsperrung eines ganzen Landes immer weiter verlängert. Die italienische Politik befindet sich in Schockstarre, sie hat panische Angst davor, dass das Virus auch im bislang verschonten Süden explodieren könnte und keinerlei Instrumente zur Bewältigung der Krise.

Die Wahrheit ist: Das bislang von der EU zugestandene Geld reicht bei weitem nicht aus. Italien wird ein Fass ohne Boden sein.

Frau Merkel weiß das natürlich. Und Giuseppe Conte ahnt es vielleicht auch.

 

Aufgeschoben

Kann man Ostern aufschieben? Man muss. Die zuständigen Kardinäle der katholischen Kirche haben ernsthaft darüber nachgedacht – und dann doch darauf verzichtet. Aber leere Kirchen am wichtigsten, christlichen Feiertag sind Signal genug. Das Fest der Auferstehung, des Wiederaufbaus, des Neu-Erblühens: später, Leute. Wann genau, weiß kein Mensch. Es könnte auch mitten im Winter sein oder mit Weihnachten zusammen fallen. Es könnte natürlich auch sein, dass unser nächstes Weihnachten auf das nächste Ostern verschoben werden muss. All‘ das hängt auch gar nicht vom Papst ab oder von irgendwelchen anderen Theologen. Sondern von der Wissenschaft. Von Ärztinnen.

A propos: gibt es eigentlich in Deutschland keine Virologinnen neben dem kultisch verehrten, weil sehr eloquenten Professor Drosten? Der heißt zwar mit drittem Vornamen Maria aber ich finde, das reicht nicht aus. Nur mal so als ketzerischer Sidekick angesichts der Tatsache, dass ja heute auch der Osterhase seinen großen Auftritt verpasst. Man könnte ihn demnächst durchaus durch eine Häsin ersetzen, denn bekanntlich wird ja nach diesem verfluchten, ewigen Corona-Winter nichts mehr so sein wie vorher. (Bis auf unsere Eierjagd. Das Bild ist natürlich ein Archivfoto).

Carpe diem!

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Bücher schmücken ein Zimmer

Books do Furnish a Room, das ist der Titel von Band 10 in Anthony Powells Romanzyklus „A Dance to the Music of Time.“ Der Autor lässt offen, ob der Mann, dem er diesen denkwürdigen Satz zuschreibt, ihn hervorstößt, während er sich nackt seiner auf dem Sofa hindrapierten Geliebten nähert. Oder während er von einem umstürzenden Bücherregal getroffen wird wie Johannes XXI am 14. Mai 1277. Der portugiesische Papst hat das nicht überlebt, weil mit seinen Büchern tragischerweise der halbe Dachstuhl der Bibliothek herunterkam. Übrigens in Viterbo, wohin sich die Päpste damals aus Angst vor den Römern zurückgezogen hatten. Wenn es soweit ist, fände ich es auch unbedingt schicker, von meinen Büchern getötet zu werden als von der Straßenbahn, wie der unglückliche andere große Portugiese Fernando Pessoa.

Aber zurück zu Powell, den ich an dieser Stelle dringend empfehlen möchte. Man hat erstens eine Weile zu tun mit seinem Romantanz, zweitens amüsiert sich man sich dabei, weil es drittens um die britische Literatur- und Partyszene geht, also angenehmerweise um nichts. Die Bände, die sich vornehmlich um den Weltkrieg drehen, überfliegt man am besten. Da geht es nämlich auch um nichts, außer darum, wie die Londoner Elite den Krieg zum Karrieremachen nutzte. Nach 30, 50 Seiten hat man es kapiert und kann zur Nachkriegszeit übergehen.

Wenn man das tut, rettet man sich also in den sehr unterhaltsamen Band „Bücher schmücken ein Zimmer“ und stößt unter anderem auf so einen Satz: „Ich habe mich vom zeitgenössischen Leben abgewendet.“ Was soll ich sagen – das trifft’s.

Im zeitgenössischen Leben ziehen Deutsche vor Gericht, um ihren Osterspaziergang an der Ostsee durchzudrücken – und kriegen Recht. Der eigene Vater (78, mehrere Vorerkrankungen) ruft an, beklagt sich, dass er hinter seiner von der Schwiegertochter genähten Schutzmaske „kaum Luft“ kriegt und sie deshalb nicht aufzieht, „denn hier haben wir eigentlich alles im Griff“, bis auf die 30.000 in den Krankenhäusern, mehr als in Italien. Im zeitgenössischen Leben wird der Lockdown für uns ItalienerInnen bis zum 4. Mai verlängert, die Leute dürfen an Ostern ihre Wohnungen nur verlassen, wenn sie zum Notarzt müssen. Die Carabinieri fahren vorsorglich schonmal Streife, sogar durch die Olivenhaine. Täglich kommen neue, entsetzliche Details ans Tageslicht darüber, wie im Norden des Landes kranke, alte Menschen einfach sich selbst überlassen wurden und zu Hause sterben mussten. Im zeitgenössischen Leben zeichnet sich außerdem eine drohende Staatspleite ab, während die Pfennigwuchser der sich gerade auflösenden EU noch um die Hilfen für die Südländer feilschen. Die Brüsseler Abteilung für Demokratie und Grundrechte ist derweil wegen Corona geschlossen, was man an den Beispielen Ungarn und Polen sieht, die sich gerade ungestraft von der einen wie den anderen verabschieden dürfen. Die Bundesliga will wieder spielen. Fußball! Ohne mich.

Ich wende mich vom zeitgenössischen Leben ab. Aber mit dem größten Vergnügen.

 

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Meine Zeitgenossenschaft beschränkt sich gerade darauf, das letzte Grünzeug aus dem Gemüsegarten zu klauben (je, genau, richtig gesehen: Cime di rapa und Zwiebelchen) und neues zu pflanzen. Im Dorf hat jetzt ein Landhandel aufgemacht. Das Geschäft der Stunde! Es ist der langsamste Landhandel Italiens, unter 40 Minuten kommt man da nie raus, aber egal. Hauptsache, Salat, Tomaten, Auberginen, Paprika, Zucchini. Blumen gibt’s nicht, weil nicht systemrelevant.

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Und dann wären da noch die Mandeln vom letzten Herbst. Zu öffnen mit einem Stein auf der Gartenmauer. Nussknacker eignen sich nach meiner Erfahrung nämlich nicht dazu. Ein Baum, 300 Gramm netto.

Mandeln schmücken den Osterkuchen wie Bücher ein Zimmer. Mindestens.

Die Liebe in Zeiten von Corona

Es sind schlechte Zeiten für die Wirtschaft, aber darüber sollen sich andere verbreiten. Tun sie ja auch zu Genüge (wobei die meisten davon ausgehen, dass wir KonsumentInnen nachher willig konsumieren wie vorher. Ich bin mir da nicht so sicher, weil ich gerade vor allem lerne, was ich alles NICHT brauche.)

Es sind schlechte Zeiten für die Liebe. Für jene, die jetzt einen geliebten Menschen verlieren, ohne sich von ihm verabschieden zu können. Das ist das Schlimmste. Aber dann gibt es auch die vielen Liebenden, die sich nicht sehen können. Junge Leute mt ihren Fernbeziehungen, oft in zwei verschiedenen Ländern. Die Generation Erasmus, Heerscharen von Europäern, die bis gestern noch der Arbeit oder der Liebe wegen ins Flugzeug stiegen wie weiland ihre Großeltern in die Straßenbahn. Für sie ist die Liebe jetzt wie eingefroren auf dem kalt leuchtenden Rechteck des Smartphones oder des Computers. Enttäuschend wie diese verheißungsvoll glitzernden Schmetterlinge auf einer Mauer in Rom: Pures Plastik.

 

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Und dann gibt es tatsächlich zwei, die sich finden. Auf Distanz, von Balkon zu Balkon, in Verona.

Verona. Balkon. Da war doch mal was.

„But soft! What light through yonder window breaks? It ist the east and Juliet is the sun! Arise, fair sun, and kill the envious moon, who is already sick and pale with grief.“

Hier spricht ein gewisser Romeo Montague, der widerrechtlich im Garten der Familie Capulet herumlungert, um einen Blick, ein Wort und einen Kuss seiner angebeteten Julia zu erhaschen.

„With love’s light wings did I o’er perch this walls; for stony limits cannot hold love out.“

Michele D’Alpaos formuliert das etwas schlichter. Er hat auf seiner Terrasse ein Bettlaken mit dem aufgepinselten Namen „Paola“ montiert. Paola ist seine Nachbarin. Sie wohnt im sechsten Stock der Via Cimarosa 8 in Verona und Michele wohnt im siebten Stock in der Via Cimarosa 9. Michele ist 38 Jahre alt, Bankangestellter. Paola ist 39 Jahre alt und Rechtsanwältin. Jahrzehntelang sind sie einander nicht aufgefallen. Aber dann kommt der 17. März, die Ausgangssperre, ein Balkonkonzert. Paolas Schwester spielt auf ihrer Geige „We are the Champions“ von Queen. Michele hört zu. Und sieht Paola, neben ihrer Schwester. Er macht sie auf Instagram ausfindig – und so fängt es an: „Wir telefonieren zehn Mal am Tag und schauen uns über Stunden einfach nur an, von Balkon zu Balkon.“ Mehr sei noch nicht gewesen, schwören beide. Die Kontaktsperre!

„Nie hätte ich gedacht, in solch einer Situation so starke Gefühle empfinden zu können“, sagt sie. Dabei ist verbotene Liebe doch ein Klassiker. Nachschlagen bei Shakespeare: Nachts schläft in Verona auch die Polizei.

 

 

 

Die Eingeschlossenen

Vor einer Woche gab es im fünf Kilometer entfernten Nachbardorf zwei Infizierte. Inzwischen sind es 19. Das Dorf mit seinen knapp 2000 Einwohnern ist auf einmal einer der umbrischen Covid-19-Brennpunkte. Und ein Politikum.

Einige Ansteckungen erfolgten in der Coop, einem kleinen Laden mit engen Gängen. Das Geschäft musste für ein paar Tage geschlossen werden, zur porentiefen Großreinigung. Die Leute aus dem Dorf fuhren mangels Alternativen in den nächsten Ort, um einzukaufen. Da war dann aber die Hölle los. Man ließ die Kaufwilligen aus dem Corona-Dorf nicht in den Supermarkt. Das Personal dort verweigerte den Zutritt, im Verein mit der einheimischen Kundschaft. Der Bürgermeister aus dem Ort mit den Infizierten, ein Mann der sozialdemokratischen PD, protestierte. Der Bürgermeister aus dem Dorf mit dem offenen Supermarkt, ein Mann der Lega, blaffte zurück, er müsse jetzt seine eigenen Leute schützen, deshalb sollten die Nachbarn aus dem Pest-Nest gefälligst zu Hause bleiben. Man könne ihnen Lebensmittel bringen, das sei Solidarität genug.

Das passiert also, wenn so eine Dorf-Festung befallen ist. Ich ertappe mich dabei, Erleichterung darüber zu empfinden, dass es nicht mein Dorf ist. Natürlich ein gottserbärmlich dummer Gedanke. Schon morgen kann hier der oder die erste Positive ausgemacht werden – ach was, in der nächsten Stunde. Vielleicht bin ich es selbst. Und dann? Dann wird man, das zeigt das Beispiel des Nachbardorfs, in seinem Haus eingeschlossen, mitsamt der Familie oder den engsten Sozialkontakten. Aktuell sind das im Covid-Nest 38 Menschen. Von den 19 Infizierten sind drei im Krankenhaus, die anderen haben leichte oder gar keine Symptome.

Hier liegt das Dorf, in Nebelwatte verpackt:

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Seit Tagen bittet der Bürgermeister die Gesundheitsbehörde um mehr Tests. Die Behörde verweigert das aber. Noch nicht einmal alle 38 Eingeschlossenen wurden getestet. Erst bei eindeutigen Symptomen wird das fällig. Ansonsten gilt: Bleibt zu Hause und rührt euch nicht. Bleibt dem Staat vom Leib mit eurem Corona. Denn das Gesundheitssystem ist nicht einfach nur überlastet. Es geht überhaupt nichts mehr. Rien ne va plus.

Erst in diesen Tagen hat das Innenministerium bekräftigt, dass auch Kindern keine Bewegung an freier Luft zugestanden wird. Seit vier Wochen sind die Schulen geschlossen, seit zwei Wochen die Fabriken. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, wann es wieder anders werden könnte, stattdessen täglich neue, niederschmetternde Zahlen. Um die 3000 Neuansteckungen, um die 700 Tote. Täglich. Während es in Deutschland ein Thema ist, wie Schüler aus Neuseeland zurückgeholt und Reisebuchungen für den Sommer erstattet werden, überlegt die Regierung hier, wie man noch mehr Polizisten auf die Straße bringt, um zu kontrollieren, dass sich die Menschen nicht mehr als 200 Schritte von ihren Wohnungen entfernen. Gestern, am Samstag vor Palmsonntag wurden 9.300 Geldbußen wegen Verstößen gegen die Ausgangssperre verhängt. An Ostern sollen sämtliche Autobahnausfahren gecheckt werden. Das zeigt, wie groß die Verzweiflung der Regierung ist. Aber auch ihr Unvermögen. Keine Tests, keine Masken, keine Erleichterungen. Nur Verbote und Lebensmittelgutscheine, für die Armen.

Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, zappe ich manchmal durch die deutschen Fernseh-Talk-Shows. Sehe SchauspielerInnen, die aus ihren Wohnzimmern zugeschaltet sind oder mit Sicherheitsabstand in Studios sitzen, vor sich Obst und Getränke. Die ihre neuen Bücher oder Filme anpreisen und sich darüber verbreiten, was sie kochen, wer bei ihnen zu Hause putzt oder wie anstrengend es ist, mit ihren Kindern Schulaufgaben zu machen. Es werden Psychologinnen eingeladen, die Tipps zur Bewältigung von Ehekrisen geben. Offenbar ist es für deutsche Ehepaare ein Problem, viel Zeit miteinander zu verbringen. Wenn man deutsche Talkshows sieht, hat man das Gefühl, das Land mache gerade ein paar Wochen Zwangsferien, mit Rücksicht auf die ältere Generation. Die Jüngeren leiden ein bisschen darunter, dass sie gerade nicht an den Gardasee fahren können.

Okay, Talkshows bilden natürlich nicht die Realität ab. Aber vielleicht spiegeln sie ja doch ein wenig die Stimmung wider. Wenn ich lese, dass die bayerische Bergwacht die Münchner angefleht hat, auf ihre Wochenendausflüge zu verzichten, dann weiß ich jedenfalls, dass Italien in diesem Moment von Deutschland sehr viel weiter entfernt ist als das Fernseh-Gequatsche von der Wirklichkeit.Unsere ist: Wir dürfen noch nicht mal ins Nachbardorf fahren.

Wollen wir aber auch gar nicht.

 

 

 

 

Esel in Quarantäne

Unser Esel Nando ist am 11.11.11 geboren. Ein echter Karnevalsprinz also. Aber Nando weiß natürlich nichts von Karneval. Er kennt keine fünf Jahreszeiten, sondern nur trocken und nass, warm und kalt, Heu und Karotte. Nando ist ein ziemlich schüchterner, mittelmäßig störrischer Esel. Dass wir ihn nach Nando Mericoni benannt haben, den Protagonisten des Kult-Films „Un Americano a Roma“, ist ein Witz. Unser Nando ist keine Knalltüte wie Mericoni, sondern für einen Eselhengst unglaublich sanft. Ich sage jetzt nicht: verträumt, weil das eine Unterstellung wäre.

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In der Fünfer-Herde geht Nando immer ein bisschen unter, weil er sich nicht so nach vorn drängelt wie seine Verwandtschaft. Dafür ist er nachts am lautesten. Jedesmal, wenn ein Wildschwein oder ein Stachelschwein in seine Nähe kommt, schreckt Nando aus seinem Schlaf auf und fängt empört an, zu trompeten. Daher weiß ich, dass das Nachtleben rund um die Eselwiesen aufregender ist als in den Movida-Vierteln von Rom. Anstatt Eselmilch zu produzieren, wie ahnungslose Städter-Freunde mir seit Jahren nahelegen, sollte ich endlich den Jagdschein machen und mich nachts mit einem Gewehr bei Nando verschanzen. Nein, ich habe kein Mitleid mit Wildschweinen. Stachelschweine würde ich natürlich laufen lassen. Die stehen unter Schutz, auch wenn sie als „umbrischer Kaviar“ gelten.

Zurück zu Nando. Und Auftritt Dottore Carlo. Das ist unser Tierarzt, vielmehr: Der Eselarzt. Das Kleinvieh hat einen anderen Doktor. Carlo, der Vet also, drahtig, alterslos, zu jeder Jahreszeit im T-Shirt, absolviert mit seiner mobilen Praxis täglich zwischen 300 und 400 Kilometern, hügelauf und hügelab. Er kommt immer, wenn man ihn ruft. Egal, ob Wochenende ist oder Weihnachten, Tag oder Nacht. Vor allem kommt er nach dem ersten Einsatz ungefragt nochmal wieder, um zu kontrollieren, ob es den Viechern besser geht. Der Mann ist der Beweis dafür, dass im Umgang mit Tieren vor allem Charisma zählt. Er tritt auf, und die Belegschaft wird ruhig. Keiner trompetet, keiner rennt weg, keiner wird ruppig. Wenn Carlo mein Hausarzt wäre, dann hätte ich ein sorgenfreies Leben. Aber als Eselarzt ist er natürlich auch schon mal sehr beruhigend.

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Nando, der Sanfte, hat entzündete Augen. Zum Glück nichts Schlimmes, sondern nur eine lokale Entzündung durch Spelzen im Heu. Also zehn Tage Antibiotikum und Augensalbe. Bei Nichtbehandlung kann so eine Spelze übrigens wirklich gefährlich werden, es droht sogar die Erblindung. Heute morgen sah es schon besser aus.

Forza, Nando!

 

Von Grafen und Gefangenen

Die Zeit der Quarantäne – soeben ist sie auf die Woche nach Ostern verlängert worden – führt dazu, dass man seine Familienangehörigen und FreundInnen entweder dauernd sieht, weil man mit ihnen eingeschlossen ist. Oder halt überhaupt nicht. In meinem Fall ist die Isolierung von meinem gesamten Umfeld seit dem 9. März total. Aber auf dem Land genießt man immerhin das ungeheure Privileg, an der frischen Luft sein zu dürfen. Man kann spazieren gehen! Gerade hat das Innenministerium zwar Eltern mit Kindern erlaubt, einen kleinen Gang zu machen – jedoch nur in unmittelbarer Nähe der Wohnung. Radius 200 Meter. Den Regionen Lombardei und Kampanien ist selbst das zuviel. Sie halten die Freigabe des Mini-Spaziergangs für das falsche Signal. Italien ist noch nicht über den Berg. Noch lange nicht. Ein Land gefangen in den Klauen der Lungenpest, das den Gefangenenchor, diese heimliche Nationalhymne, in den Wohnzimmern singt.

Ich bin noch nie soviel gelaufen wie in diesen Wochen. Täglich acht bis zehn Kilometer, allein, durch die Felder. Ich laufe dem Virus, vor allem aber der eigenen Einsamkeit davon. Den Schreckensnachrichten, den Schreckensbildern. 12.500 Tote, als wären wir in einem Krieg. Nur weg davon, laufen und laufen, damit man nachts überhaupt schlafen kann. Manchmal treffe ich draußen auf meine Nachbarn aus dem übernächsten Haus, einen erlaubten Stadtspaziergang von 200 Metern entfernt. 20 Jahre lang sind unsere Beziehungen nicht über einen freundlichen Gruß hinausgegangen. Jetzt bilden wir eine Notgemeinschaft in gemeinsamen Wanderungen mit Sicherheitsabstand.

Meine Nachbarin A. kennt sich aus mit Zwangsisolierung. Sie ist eine beeindruckend toughe Mittsechzigerin, vor ihrer Pensionierung leitete sie eines der beiden römischen Gefängnisse. Ihr Mann, ein überaus freundlicher und leiser Signore, war im Gefängnis von A. der Arzt. Die beiden sind die perfekte Gesellschaft in diesen Zeiten, abgeklärte, lebenserfahrene Menschen, die wissen, was es wirklich bedeutet, eingesperrt zu sein. Und mich daran erinnern, dass unsere Sozialsperre dagegen ein Spaziergang ist.

Vor Wochen gab es in Italiens Gefängnissen Revolten und Ausbruchsversuche gegen eine Verordnung, die im Zuge des allgemeinen Lockdown für die Dauer-Eingeschlossenen auch noch Hafturlaub und Besuche strich. 12 Menschen starben. Eine Ungeheuerlichkeit, die im allgemeinen Corona-Schrecken unterging.

Italiens Haftanstalten sind dauerüberfüllt, quasi im Jahrestakt hagelt es deshalb Ermahnungen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ich habe aber auch Modell-Gefängnisse erlebt, vielleicht nicht von ungefähr handelte es sich um die beiden letzten Haftanstalten auf Inseln. Die eine ist Nisida, ein winziges Eiland, das durch eine Brücke mit Neapel verbunden ist. Auf Nisida befindet sich das Jugendgefängnis. Die Insassen sind Jugendliche, die dort zum ersten Mal Mannschaftssport treiben können (Straßenfußball gibt es in Neapel schon seit vielen Jahren so gut wie gar nicht mehr), die sich handwerklich betätigen, die zur Schule gehen. Das alles in einer Festungsanlage aus bourbonischer Zeit, mit Blick auf Golf und Vesuv.

Die andere Gefängnisinsel heißt Gorgona und gehört zu Livorno. Dorthin führt keine Brücke, man muss einen Antrag stellen und mit einem Polizeiboot fahren, 34 Kilometer über das Tyrrhenische Meer.

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In der griechischen Mythologie waren die Gorgonen wilde Monster, das berühmteste unter ihnen war die Medusa, deren Schreckensblick Menschen versteinern ließ. Und aus Stein, genauer aus kargem, grauen Fels ist auch die Insel Gorgona. Zwei Quadratmeter groß, nur sieben Dauerbewohner plus rund 70 Gefangene und ihre Bewachung. Die Nachbarinsel ist Montecristo, wo Alexandre Dumas seinen Roman „Der Graf von Monte Christo“ spielen ließ, übrigens ein fantastischer Schmöker für diese langen Wochen, richtig mitreißende, saftige Unterhaltungsliteratur.

Nach Gorgona brachte mich vor Jahren der Marchese Frescobaldi, ein berühmter und sehr reicher Weinbauer aus Florenz. Frescobaldi lässt seit 2011 Wein auf der Insel anbauen, die Strafgefangenen pflegen und ernten die Trauben. Der Vino schmeckt nicht schlecht, ist aber mit rund 80 Euro pro Flasche unfassbar überteuert, wofür Frescobaldi natürlich die Ausrede parat hat, die Anbaubedingungen seien derart schwierig, dass er dabei noch draufzahle. In Wirklichkeit lässt er sich die Exklusivität des Gefängnisweins teuer bezahlen. Gorgona-Wein gibt es halt nur einmal auf der Welt. Der Marchese propagiert ihn mit dem berückend geschmacklosen Slogan „Ein Wein mit dem Geschmack nach Freiheit.“

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Einer der Arbeiter im Weinberg dieses Florentiner Edlen war Benedetto Ceraulo. Ein drahtiger Mann mit einem fein geschnittenen Gesicht und einer ruhigen, überlegten Art. Beruf? „Sagen wir: Maurer.“ Aber als Maurer wurde Ceraulo nicht bekannt, sondern als Killer des Modeunternehmers Maurizio Gucci. Im März 1995 tötete er Gucci vor dessen Mailänder Wohnung mit drei Schüssen in den Nacken und einem ins Gesicht. Auftraggeberin für den Mord war Guccis Ex-Frau, die dem Killer angeblich 500 Millionen Lire gezahlt hatte, umgerechnet etwa eine Viertelmillion Euro. Ceraulo kam nach Gorgona und wurde Kellermeister des Edelwinzers Frescobaldi. Für ihn sei das, so sagte der Gucci-Mörder, wie ein Sechser in der Lebenslotterie. Bezahlt wurde er nach Gefangenen-Tarif, knapp fünf Euro die Stunde.

Die Häftlinge von Gorgona sind privilegiert, weil sie einen Großteil des Tages außerhalb ihrer Zellen verbringen können. Alle arbeiten. Sechs Stunden täglich, von sieben bis 13 Uhr, sind sie mit ihrer Selbstversorgung beschäftigt. Sie melken Kühe, Ziegen und Schafe, sie schlachten ab und zu ein Schwein für Schnitzel, Braten und Wurst. Sie versorgen den großen Gemüsegarten hoch über dem Meer, den Salat, die Paprika, Kohlköpfe, Tomaten, Kartoffeln, Auberginen und Artischocken. Sie backen Brot aus dem Hartweizenmehl, das vom Festland gebracht wird. Sie produzieren ihr eigenes Olivenöl und Käse auch für andere Haftanstalten.

Wenn sie von ihrer Zeit in einem normalen Gefängnis erzählten, waren das Berichte aus der Hölle. Schaudernd erinnerten sich die Inselgefangenen an die Untätigkeit in überfüllten Zellen auf dem Festland. Dass es an allem mangelte, an warmem Wasser, an Bettdecken. Am allermeisten aber, das sagten sie alle, habe ihnen gefehlt: der Blick nach draußen. Dieses ewige Starren auf eine Mauer. Oder durch ein vergittertes Fenster aus Plexiglas auf eine andere Mauer. Die Überfahrt nach Gorgona sei ein Schock gewesen. Nur Meer, nur Weite, endlos. Auf der Insel, sagten die Gefangenen, hätten sie wieder sehen gelernt.

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Dorf-Solidarität

Manche kapieren es früher, andere später, nur Donald Trump kapiert es wahrscheinlich nie: Man kann sich Gesundheit nicht kaufen. Und man kann die so genannte Corona-Krise nicht allein bewältigen. Nicht als einzelner und nicht als Staat.

In die Dorf-Festung platzte am Wochenende die Nachricht, dass im Nachbarort zwei Menschen erkrankt sind. Natürlich wissen alle, um wen es sich handelt und in der Schlange vor dem Bäcker lauteten manche Kommentare so, dass man sich spontan wünschte, gleich nach dem Impfstoff gegen Corona solle bitteschön ein Mittel gegen die Dummheit gefunden werden. Letzteres wird dann wohl nicht in Erfüllung gehen, obwohl es doch längst erwiesen ist, dass Dummheit nicht nur in Krisenzeiten den allergrößten Schaden anrichtet. Eine Frau sagte, die Betroffenen hätten keine Schuld daran, dass das Virus sie erwischt habe. Sie führten nämlich ein Geschäft und seien wahrscheinlich von ihrer Kundschaft angesteckt worden. Schuld! Als ob das überhaupt die Frage sein könnte! Das Dorf kann gruselig sein.

Während ich also solche Gedanken hegte, hörte ich über mir die Stimme von Orietta. Sie stand auf ihrem Balkon, rauchte eine und zischte: „Gehst du immer noch ohne Maske einkaufen?“ Ich antwortete, ich hätte keine. Woher nehmen? „Warte“, befahl Orietta – überflüssigerweise, ging in ihre Wohnung und warf mir ein kleines Päckchen vom Balkon. Drinnen, in Plastik, zwei Masken. „Auskochen, trocknen lassen, aufsetzen!“

Das ist Dorfsolidarität. Helfe allen, damit es allen hilft.

Italien bedrückt in diesen Tagen auch die mangelnde Solidarität der EU-Partner, namentlich jener Staaten im Norden, die so tun, als seien die verheerenden Zustände im Süden doch irgendwie hausgemacht. Die also allerhöchstens neue Kredite an Spanien und Italien vergeben wollen, als wäre deren Notsituation nur eine Neuauflage der Finanzkrise. Die Deutschen vertreten (noch) diese Position, aber die Hardliner sind diesmal die Niederländer. Es ist irre: Die Fragilität der unter der Schuldenlast zusammengesparten Gesundheitssysteme Italiens und Spaniens werden implizit für das Desaster verantwortlich gemacht. Weil sie sich kaputtgespart haben, sollen die Südländer jetzt noch mehr Schulden machen, um irgendwelche Kriterien zu erfüllen, die auch im Norden schon obsolet werden. Als sei die bessere Ausstattung mit Beatmungsgeräten eine Belohnung für gutes Wirtschaften und die Katastrophe in der Lombardei die Bestrafung für Schlendrian. Dabei haben Deutschland und andere ein wenig Glück im Unglück gehabt, die Italiener hingegen kolossales Pech. Das Virus grassierte hier, wie man jetzt weiß, schon seit Ende Dezember. Italien ist einfach früher betroffen worden, ohne dass die Ärzte im Norden ahnten, wieso auf einmal so viele ältere Menschen an Lungenentzündung starben.

In der SZ hat der Ökonom Achim Truger, einer der Wirtschaftsweisen der Bundesregierung, dazu ein paar kluge Gedanken geäußert. Die EU-Staaten müßten „verhindern, dass die Finanzmärkte gegen Italien und Spanien spekulieren und die staatlichen Finanzierungskosten nach oben treiben. Wir stehen am gleichen Punkt wie in der Eurokrise. Damals wurde lange gezögert, die Schuldenstaaten erhielten kein Vertrauen. Wenn wir zögern wie in der vergangenen Krise, bricht der Euro auseinander – und wahrscheinlich die EU.“

Truger ist für Corona-Bonds, die gemeinsam zurückgezahlt werden. „Die Auflagen dürfen nicht scharf sein. Viele Länder in Südeuropa haben in der Eurokrise stark gelitten. Italien und Spanien wollen sich nicht an den Eurorettungsfonds ESM wenden, weil sie an den Finanzmärkten abgestempelt werden könnten. Alle Länder sollten beim ESM Hilfe beantragen, dann ist keiner stigmatisiert.“

Sobald sich die Wirtschaft erhole, würden die Schulden tragbar sein, sagt der Experte. „Zu überlegen ist, ob die EZB einen Teil der Corona-Anleihen aufkauft und stilllegt, um die Schulden zu reduzieren. Als eine Art Stunde null. Wenn das wirklich die größte Krise seit dem Krieg ist, sollte man groß denken. Was hilft es uns, wenn wir in Deutschland das Virus und die Wirtschaft in den Griff kriegen, aber die anderen Euroländer es nicht tun? Die Krise ist nicht der Moment für Erbsenzählerei.“ Oder, wie es Romano Prodi flapsiger formulierte: An wen wollen die Holländer eigentlich ihre Tulpen verkaufen, wenn diese Geschichte endlich ausgestanden ist?

Zum Abschluss wieder ein Italien-Bild. Diesmal aus dem Freskenzyklus von Sodoma im Kloster von Monte Oliveto Maggiore. Wenigstens im Moment sollten wir das Wie-Hund-und-Katze-Sein den Hunden und den Katzen überlassen.

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Geduld

Während außerhalb der Lombardei die Kurve zusehends verflacht, wird im Süden Italiens das nächste Feuer entfacht: Der Aufstand der Armen. In Palermo bewacht die Polizei jetzt die Supermärkte, zur Abwehr von Plünderungen! Die Leute sind verzweifelt, viele wissen nicht, wovon sie ihre Einkäufe bezahlen sollen. Experten warnen vor Revolten und vor einer Mafia, die zuletzt geschwächt erschien, nun aber Profit aus der Notlage ziehen könnte. Eines ihrer Kerngeschäfte ist der Kredit zu Wucherzinsen.

Der ökonomische und soziale Absturz kommt nicht nach der Pandemie, sondern während der Pandemie. Auch diese Lehre könnten die Europäer aus Italien (und leider auch aus dem so grauenhaft verwüsteten Spanien) ziehen, wenn sie sich denn dazu bequemen möchten. Bevor es zu spät ist, für Europa. Dazu hier der eindringliche Appell der italienischen Schriftstellerin Francesca Melandri, die auch daran erinnert, wie privilegiert diejenigen sind, deren Hauptproblem jetzt gerade ist, ihre Kinder zu Hause zu haben oder niemanden zu Hause. Die also einfach mal eine Weile aus ihrer Routine raus sind und jetzt nicht viel mehr beweisen müssen als Geduld und Flexibilität. Gesunde Leute ohne Existenzsorgen haben im Moment schlicht kein Problem.

Davon abgesehen macht uns die Lage natürlich allen zu schaffen. Seit Tagen (und Nächten, denn Schlaf ist in diesen Zeiten ja auch ein Luxus) frage ich mich, wieso ich es trotz aller Tolle-Filme-Listen, die liebe Freunde und Familienmitglieder schicken und Kollegen veröffentlichen, einfach nicht bringe, mich mit schlichtem Film-Schauen abzulenken. Da stieß ich auf ein Interview mit Paolo Legrenzi, einem Psychologie-Professor aus Venedig.

Legrenzi sagt, wir seien in Katastrophenzeiten überhaupt nicht auf Ablenkung gepolt. Vielmehr laufe es so: Erst Unterschätzung, dann Angst, dann Panik, dann Erleichterung. Was uns in Italien angeht, sind wir exakt zwischen Phase zwei und drei, also zwischen Angst und Panik. Und da schafft man es offenbar nicht, sich auf irgendetwas vollkommen Abwegiges zu konzentrieren. Weil man beim Seriengucken sowieso immer die anderen Bilder im Hinterkopf hat. Die Schreckensbilder der Realität.

Seitdem ich das kapiert habe, bin ich auf dem Zauberberg. Also im Roman von Thomas Mann. Absolut das Buch zur Lage. Es geht um Quarantäne, es geht um Lungen, es geht um die Welt der Kranken und den fernen Planeten der Gesunden („im Flachland“).

Es geht also um uns.

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