Siziliens Poet

Musik aus Süditalien wird gemeinhin mit erdigem Temperament verknüpft, eher laut als leise, eher schwitzend als schwebend. Die neapolitanische Tarantella, die Pizzica des Salento leben vom Rhythmus und einer schweren, manchmal durchaus aufdringlichen Körperlichkeit, sie sind von einer klebrigen Aggressivität wie die Sommerhitze.

Ganz anders die Melodien von Franco Battiato, der heute mit 76 Jahren nach schwerer Krankheit in seiner Heimat Sizilien, am Fuße des großen Feuerwerkers Ätna, gestorben ist. Battiato war ein Poet, ein Grübler und Um-die-Ecke-Denker, der Musik aus aller Welt osmotisch einfließen ließ in seine Eigenschöpfungen. Derart eklektisch zu sein und doch extrem eigenwillig und stets wiedererkennbar, das schaffte nur Battiato. Seine Musik war auf unnachahmliche Weise zart und flirrend, nichts an ihr war plump, am wenigsten ihr hintergründiges Freiheitsversprechen.

Im Ausland ist dieser große Musiker nicht so bekannt, obwohl er in den 1980ern auch internationale Erfolge hatte. Zum Beispiel das wundervolle „Prospettiva Nevski„, das herrlich schräge „Centro di Gravità Permanente“ oder das unübertreffliche „L’Era del Cinghiale Bianco.“ Seine Texte waren manchmal purer Dadaismus:

„Una vecchia bretone
Con un cappello e un ombrello di carta di riso e canna di bambù
Capitani coraggiosi
Furbi contrabbandieri macedoni
Gesuiti euclidei
Vestiti come dei bonzi per entrare a corte degli imperatori
Della dinastia dei Ming.“

Diese Zeilen haben sich einer ganzen Generation ins Gedächtnis gebrannt. Battiato hat die Leichtigkeit des Lebens für uns besungen und die Sinnlichkeit der Ideen. Das macht ihn unsterblich.

Gendern all’italiana

18 italienische WissenschaftlerInnen, darunter zwei Frauen, haben einen Brief an Regierungschef Mario Draghi und Forschungsministerin Maria Cristina Messa geschrieben. Man pocht darin auf mehr Wahrnehmung, Wertschätzung und Geld, wie immer, wenn ForscherInnen an PolitikerInnen schreiben. Interessant ist allerdings die Anrede: Illustrissimo Presidente, Illustrissimo Ministro. 

Hochverehrter Präsident (Draghi), hochverehrter Minister (Messa). Moment mal!

Maria Cristina Messa, heißt es auf Nachfragen (einer der UnterzeichnerInnen ist mir gut bekannt) bestehe auf der männlichen Anrede. Man habe sich im Ministerium versichert. Tatsächlich ist der offizielle Lebenslauf in einer absurden Grammatik verfasst. Sämtliche Partizipien weiblich (è stata, laureata, impegnata), sämtliche Titel und Betätigungen männlich (professore, rettore, autore). Ein grotesker Sprachsalat, der leider von vielen mächtigen Italienerinnen angerichtet wird, die meinen, sie würden sich verkleinern und verniedlichen, wenn man sie als Frauen wahrnimmt und bezeichnet. 

Senatspräsidentin Maria Elisabetta Alberti Casellati ist ein weiteres Paradebeispiel für eine solch‘ anachronistische Haltung. Bei Amtsantritt bestand sie auf der Anrede „Il Signor Presidente“ – und argumentierte, man könne schließlich nicht das offizielle Briefpapier neu drucken lassen, nur weil erstmals eine Frau die Nummer zwei im Staate sei. Dabei hat es Casellati sonst gar nicht so mit dem Sparen, zuletzt machte sie Schlagzeilen, weil sie sich an den Wochenenden regelmäßig mit der Flugbereitschaft zur Familie nach Venedig bringen lässt. Der Herr Senatspräsident sitzt ungern vier Stunden im Zug oder im Auto, denn seine Zeit ist kostbarer als die der gewöhnlichen Steuerzahlerin. 

Üblicherweise sind diese Frauen auch gegen die Quote, in der Annahme, wenn sie selbst es geschafft hätten, könnte das auch jede andere. Ihre eigene Karriere nehmen sie als Beweis für Chancengleichheit – und merken nicht, dass ihr demonstrativer Verzicht auf die eigene Weiblichkeit erstens schon der Gegenbeweis ist und zweitens zutiefst frauenfeindlich: Ich bin besser als meine Geschlechtsgenossinnen, deshalb redet mich gefälligst als Mann an. Mit einer solchen Ministerin ist bei der Frauenförderung in Wissenschaft und Forschung kein Staat zu machen. Immerhin wird Italiens größte Universität, „La Sapienza“ in Rom erstmals in ihrer über 700jährigen Geschichte von einer Frau verwaltet, die sich „Rettrice“ nennen lässt und nicht „Rettore.“ Unter den ProfessorInnen der Sapienza ist jetzt das Gendersternchen im Einsatz. Nicht mehr „cari colleghi“, sondern car* colleg*.

Geht doch! An der Uni sind sie also schon weiter als im Forschungs-Ministerium. Doch auch anderswo setzt sich das korrekte „Ministra“, „Sottosegretaria“, „Sindaca“ durch. Bei den Jüngeren ist es längst normal, als „Avvocata“ angesprochen zu werden, anstatt als „Herr Rechtsanwalt.“ Aber „Maestra“ bezeichnet immer noch die Grundschullehrerin, während „Maestro“ als Titel für Stardirigenten oder für Andrea Pirlo reserviert ist.

Bleibt die Frage, ob man auf die Befindlichkeiten einiger weniger besonders mächtiger und besonders reaktionärer Frauen besondere Rücksicht nehmen muss. Denn wo kommen wir denn hin, wenn bei jeder Ministerin/Staatssekretärin/Bürgermeisterin erst recherchiert werden muss, wie sie denn angeredet werden möchte?

Das verlangen Männer ja auch nicht.

Göttliches Zöpfchen

Die römisch-katholische Kirche kennt die weise Regel, dass nur Tote selig oder gar heilig gesprochen werden können. Zur Seligsprechung braucht man ein Wunder, zur Heiligsprechung drei, aber das sind Details. Wichtig ist, dass man dem irdischen Leben entrückt sein muss, um in höhere Sphären aufzusteigen. Erst tot, dann heilig, niemals umgekehrt.

Die alten Römer machten es ebenso. Der Kaiser ist tot, es lebe der Gott. Um das Ganze noch ein bisschen pompöser zu machen, erfanden sie die Himmelfahrt. Ja, ganz recht, der Aufstieg in die Wolken ist kein christliches Monopol, im Gegenteil, Petrus und Paulus haben ihn sich wahrscheinlich bei den Landsleuten des Pontius Pilatus abgeguckt. Lange, bevor Jesus in den Himmel aufstieg, gelang das nämlich schon dem glanzvollen Heiden Augustus. Der glückliche Mann, der das bezeugen konnte, wurde von Augustus‘ Witwe Livia mit ein paar hunderttausend Sesterzen belohnt – eine gute Investition, wenn man bedenkt, dass die Vergöttlichung durch die Himmelfahrt amtlich war und Livia fortan nicht mehr nur eine ordinäre Kaiserwitwe, sondern die einzigartige Ehefrau eines Gottes.

Heutzutage ist aus der Himmelfahrt ein alkoholisierter Bollerwagen-Kreuzzug grölender Barbaren geworden und Legenden, Mythen und Idole verorten die meisten nur noch im Fußball. Früher brauchte ein Spieler mindestens zehn Jahre Nationalmannschaft, um mit dem Attribut Mythos bedacht zu werden, heute reichen zehn Spiele und drei Tore – was übrigens nicht an der Qualität liegt. Wohin der Hase läuft, konnte man schon begreifen als Jürgen Kohler zum Fußballgott erklärt wurde. Jürgen Kohler! Ich habe mal mit ihm zusammen im Fernsehen ein Fußballspiel kommentiert, bei dieser Gelegenheit kam er mir kein bisschen außerirdisch vor und ob ich auf seine Himmelfahrt eine Sesterze wetten möchte, das muss ich mir noch überlegen.

Die bisher letzte Stufe der Turbo-Vergöttlichung von Fußballern wird gerade mit der Verfilmung ihrer Biografien beschritten. Die Legendenbildung findet im Streaming-Fernsehen statt, mit echten, schlechten Schauspielern. Den Beginn machte „Speravo de morì prima“, eine Sky-Serie über Francesco Totti mit dem makabren Titel: „Ich hoffte, früher zu sterben.“ Das hatte Totti in einem schwachen Moment über sein Karriere-Ende geäußert, zum Glück ist der Mann quicklebendig. Vor vier Jahren, mit damals knapp 41, drehte er seine tränenreiche, letzte Runde auf dem Rasen des Stadio Olimpico. Eine ganze Stadt heulte damals mit ihm, eine neue Zeitrechnung wurde eingeführt, v.T. und n.T., vor Totti und nach Totti. Im Olymp ist er sowieso, ein Gott wie Totti braucht nicht mehr in den Himmel aufzufahren und wenn der olle Augustus längst vergessen ist, wird Rom immer noch Totti-Statuen polieren.

Aber eine Fernsehserie, während der Held noch voll im Saft ist und vielleicht demnächst von seinem alten Kumpel Mourinho zurück auf den Platz beordert wird, zur Verstärkung von Abwehr und Moral? „Das ist alles vielleicht noch ein bisschen zu früh“, gab Tottis Frau Ilary zu bedenken, eine angemessen zarte Kritik eingedenk der Tatsache, dass ihr Clan selbstredend auch an dieser billigen Heiligenverehrung Rechte geltend macht und entsprechend sein Scherflein abzweigen kann. Tatsächlich lag die Einschaltquote bei null, sogar die engste Totti-Verwandtschaft hatte offenbar gleich nach der ersten Folge besseres zu tun.

Nun ist Roberto Baggio dran, auf Netflix, gottlob nur ein Film und keine ganze Serie. Der Titel „Das göttliche Zöpfchen“ lässt Schlimmstes erahnen, scheint aber immerhin jugendfrei zu sein. Baggio hatte schon 2004 aufgehört, inzwischen lebt er als Privatier und Hobbylandwirt im heimatlichen Venetien, wo er gern verkündet, der Fußball von heute interessiere ihn nicht die Bohne. Er schaue auch keine Serie A mehr, sondern lasse sich lieber von Buddha erleuchten.

Klug und weise, ist doch der Fußballbetrieb vom Nirwana ungefähr so weit entfernt wie José Mourinho von der Heiligsprechung. Baggio hat übrigens mal gesagt, mit der Reinkarnation würde er am liebsten eine Ente werden.

Darüber würde ich ja gern mal eine Netflix-Serie sehen.

Moumou

José Mourinho wird Roma-Coach und das ist die lustigste Nachricht seit langem aus einer Fußballwelt, die schon lange nicht mehr lustig ist. Heiterkeit bei der Vorstellung wie Mou dem nunmehr dritten amerikanischen Klubbesitzer in Rom, einem gewissen Dan Friedkin, die Abseitsregel erklärt (oder auch nicht). Vorfreude auf spektakuläre Pressekonferenzen – bei Mourinho kann man sich als ironiebegabter Mensch abrollen, während Tuchel oder Guardiola allerhöchstens unfreiwillig komisch sind. Noch größerer Spaß, wenn man sich ausmalt, wie die deutsche Sportpresse sich nun wieder an dem Portugiesen abarbeitet, die ganzen abgetretenen Begriffe (Special One!), die spießige Empörungshaltung, der moralische Zeigefinger, die Entrüstung über einen Mann, der als Caligula unter den Übungsleitern gilt.

Wobei die Vorstellung von Caligula ja nicht nur in den Köpfen von Sportreportern weithin unbelastet von historischen Tatsachen existiert. Hier weltexklusiv und knallhart recherchiert für die Leserinnen der Fußballoper: Der römische Princeps Gaius, genannt Caligula, wurde vom Volk wegen seiner Großzügigkeit tief verehrt und mit freundlichsten Kosenamen bedacht. Wie Sueton (Gaius XIII.) berichtet, riefen sie ihn „Stern“, „Küken“, „Bübchen“, „Baby.“ Letzteres heißt auf Lateinisch „Pupum. Und „Pupone“, Riesenbaby hieß zweitausend Jahre später ein gewisser Francesco Totti.

Zurück zu Mou. Siebeneinhalb Millionen Euro netto im Jahr sind ein angemessenes Schmerzensgeld dafür, dass man als leicht abgehalfterter Star-Trainer in die schönste Stadt der Welt ziehen muss. Im Unterschied zu Mourinho ist Rom bekanntlich ewig, liegt allerdings auch eher am Rande des zeitgenössischen Fußball-Imperiums, aus dessen Zentren sich José Mourinho bereits vor Zeiten selbst hinauskatapultiert hat.

Die Konstellation ist dennoch perfekt. Die Roma wird auch mit Mourinho weder Meister werden noch international irgendeinen Blumentopf gewinnen. Aber mit Mourinho können die Stadt und ihr Verein endlich wieder das zelebrieren, wozu der Fußball hierzulande erfunden wurde: Spettacolo. Dass Fußball Circus Maximus ist und keine asketische Turnübung, das hat man als Römer seit Caligula selig begriffen. Der Kaiser selbst fuhr übrigens Wagenrennen und was die Story von seinem Pferd als Konsul anging, sie stimmt wohl nicht ganz. Bezeugt wird vielmehr, dass Gaius-Caligula seinem Lieblingshengst Incitatus („der Pfeilschnelle“) eine prunkvolle Villa errichten ließ und dorthin im Namen des Tieres den Senat einlud – um die reichen und mächtigen, aber auch hoffnungslos korrupten Aristokraten zu demütigen. O tempora o mores.

Ob Klubbesitzer Friedkin Sueton liest? Mou lernt ihn gerade auswendig, soviel ist klar. Wahrscheinlich hat er auch schon einen personal trainer zum Wagenlenken angeheuert oder doch zumindest für die Laufrunden am Tiber, und an der Appia Antica. Die Moderatoren der Fußballradios („Schneewittchen und die Sieben Hügel“) flippen aus, die Römerinnen rätseln, wo der Neue wohl residieren wird. Auf dem Aventin, direkt neben dem Diana-Tempel? Oder stadtauswärts mit Blick auf das grandiose Aquädukt von Caligula und Claudius (Foto auf dem Blog-Titel)?

Drei Jahre, wie vertraglich vorgesehen, werden es nicht werden, jede Wette. Aber was macht das schon. Das Stadio Olimpico hat endlich wieder einen Zauberer. Auch wenn er seine Spieler am liebsten zu Statuen erstarren lässt.

Fußball hinter hohen Mauern

Ein kleiner Fußballplatz für fünf gegen fünf wird renoviert, das Beton-Spielfeld mit Kunstrasen überzogen – und dann kommen zur Eröffnung der Polizeipräsident von Neapel, wichtige Richterinnen, Funktionäre vom Fußballverband FIGC. Der Grund ist nicht, dass der Platz in einer der spektakulärsten Landschaften des Mittelmeeres liegt, auf einem wildromantischen Vulkanfelsen im Golf von Neapel. Sondern, dass er von hohen Mauern umgeben ist. Das Fußballfeld gehört zum Jugendgefängnis von Nisida.

Fußball soll für die derzeit 42 InsassInnen mehr sein als nur Sport und „eine Schule für den Respekt vor Regeln“, wie es sich der Polizeichef wünscht. Die Häftlinge können auch einen Trainerschein machen, nützlich für später. Durchschnittlich bleiben sie knapp drei Jahre auf dem Felsen, die meisten erfahren erst hier, wie es ist, regelmäßig zum Unterricht zu gehen, unter Anleitung zu lernen. „Unsere Jugendlichen kommen aus Neapel und sind dort in einer mafiösen Kultur aufgewachsen“, erklärt der überaus engagierte Gefängnisdirektor (hier in einem Video über die Insel und die Anstalt). Tatsächlich sind die Verhältnisse auf Nisida umgekehrt zu jenen in anderen italienischen Gefängnissen. Nur sechs Häftlinge sind Ausländer. Die meisten Haftstrafen wurden wegen Eigentumsdelikten und Drogenhandels verhängt, einige sitzen aber auch wegen Körperverletzung, sexueller Gewalt, Mord und Totschlag.

Trotz vieler Sozialhilfeprojekte (beispielsweise durch die „Straßenlehrer“) sind die Schulschwänzerquote und die Kriminalitätsrate in Neapel immer noch viel höher als anderswo. Die Camorra rekrutiert schon die Jüngsten, zahlt ihnen ein Taschengeld für Dienste als Drogenkurier, führt sie so in eine „Karriere“ in der Unterwelt. Alternativen zu finden ist schwierig.

Auf Nisida können die Jugendlichen lernen, Pizza zu backen, die Gerichte der neapolitanischen Küche zu kochen, gefördert von den Gastronomieverbänden. Wer Talent und Disziplin beweist, darf sich auf einen Job Hoffnung machen. Sie spielen Theater, probieren handwerklich zu arbeiten. Alles Dinge, die in der Welt draußen schwierig bis unmöglich sind. So verrückt es klingt: Für die jungen Gefangenen ist Nisida vor allem ein Schutzraum und eine Chance.

Früher, als die Insel noch dem Herzog von Amalfi gehörte, wurde das mittelalterliche Kastell als Pest-Lazarett und Quarantänestation genutzt. Seit 1934 existiert das Jugendgefängnis. Teile des alten Kastells wurden restauriert, andere Gebäude hinzugefügt. Auf Nisida hat jede Zelle eine Heizung und heißes Wasser – das ist längst nicht in allen italienischen Haftanstalten eine Selbstverständlichkeit.

Natürlich weckt Nisida als letzte vom Tourismus unentdeckte Insel im Golf von Neapel Begehrlichkeiten. Der ideale Ort für ein Luxushotel, viel exklusiver als Capri! Die Jugendlichen, so wird immer mal wieder von Möchtegern-Investoren angeregt, könnten doch aufs Festland umziehen. Es sei reine Verschwendung, ihnen einen der schönsten Orte Süditaliens zu überlassen.

Von wegen. Der freie Blick übers Meer gehört den Gefangenen. Nur auf dem Fußballplatz können sie es nicht sehen.

Ein Mann allein am Kommando

Eigentlich verkneife ich mir Kritik an KollegInnen, vor allem an jenen meiner früheren Zeitung, der SZ. Das klingt immer so, als wolle man alte Rechnungen begleichen. Nicht mein Fall. Aber wenn es so dicke kommt wie in diesem heillos oberflächlichen, ja naiven Leitartikel zu den EU-Wiederaufbauhilfen für Italien, platzt mir dann doch der Kragen. Denn da wird allen Ernstes suggeriert, die EU gewähre Italien Hilfen und eine massive Neuverschuldung im Wert von insgesamt 248 Milliarden Euro allein deswegen, weil Mario Draghi so eine starke Position in Brüssel habe. Wörtlich:

„Der Name des ehemaligen Chefs der Europäischen Zentralbank wiegt schwerer als der schlechte Ruf Italiens. Das Land war in der Vergangenheit oft unfähig, Strukturhilfen aus Brüssel überhaupt auszugeben. Mal verspielte die irrwitzige Bürokratie das Geld, mal floss es in die falschen Taschen. Dennoch: Draghi glaubt man, ihm schon. Wenn es mal harzt, ruft er Ursula von der Leyen an, und alles ist gut. Er hat schließlich damals, in der Finanzkrise, den Euro gerettet mit seinem „Whatever it takes“, dem berühmten Satz.“

Echt jetzt? So läuft das also? Wenn es mal harzt (harzt!), ruft Mario die Ursula an und „alles ist gut“? So funktioniert Politik, so fließen die Hilfen? Ein Anruf genügt und Uschi schmilzt dahin, denn „bei Draghi denkt man eben immer, er wisse ganz genau, was er tut, auch wenn seine Gesten tollkühn anmuten und gegen den Strom gedacht sind.“

Gesten, gegen den Strom gedacht. Moment! Hier laufen nicht nur die Metaphern wild durcheinander, sondern die Konfusion ist total. Wie sonst könnte ein gestandener Journalist, Italienkorrespondent der SZ, auf die allerdings tollkühne Idee kommen, Brüssel halte zwar wenig von Italien aber so viel von dem ehemaligen EZB-Chef, dass alle Geldhähne offen sind?!

Un uomo solo al comando, sagten früher die Reporter beim Giro d’Italia. Ein Mann allein am Kommando. Es war ironisch gemeint. Alle wussten natürlich, dass ohne Wasserträger kein Radrennen zu gewinnen ist. Nur dem Korrespondenten der SZ ist offenbar entfallen, dass der formidable Draghi gerade den zweitstärksten Industrieproduzenten im Euro-Raum dirigiert. Jawohl, Italien ist die Nummer 2. Allein die Lombardei ist für Deutschland als Handelspartner wichtiger als Japan. Und wenn man das bedenkt, dann fällt einem eigentlich doch automatisch der nächste Satz zu Draghis legendärem „Whatever it takes“ aus dem Eurokrisen-Jahr 2011 ein, nämlich die Italien-Diagnose: „Too big to fail.“ Zu groß, um Pleite gehen zu dürfen. Vor allem jetzt, nach dem Brexit. Die EU muss Italien helfen, weil das für ihr eigenes Überleben notwendig ist.

Die Corona-Krise hat Italien und seine Wirtschaft schwer, viel schwerer getroffen als etwa Deutschland. Die Hilfen werden in der Tat dringend gebraucht für einen Neustart, denn das Land befindet sich seit Jahren im Stillstand, in der Dauerkrise. Diese Krise ist in erster Linie politisch-strukturell – und der Regierungschef Draghi ist ihr Emblem. Denn dass ein parteiloser Bankier an die Spitze einer nachgerade aberwitzigen Großen Koalition aus Populisten, Rechtsextremisten, Linken und Sozialdemokraten gerufen wird, verdeutlicht weniger die angeblichen magischen Fähigkeiten des Mario Draghi als den alarmierenden Zustand der italienischen Demokratie.

Die SZ sieht das anders: „Da ist eine Stimme geboren, laut und eigenständig. In der Europäischen Union hört man sie auch deshalb so klar heraus, weil andere wichtige Stimmen leiser geworden sind: Angela Merkel steht kurz vor dem Ende ihrer Kanzlerschaft, Emmanuel Macron geht geschwächt in die Präsidentschaftswahl 2022. Draghi dagegen, der Parteilose, regiert mit einer breiten Mehrheit im Parlament und ist wohl bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode 2023 da. Zwei Jahre. So fällt Italien nun eine ganze Dosis Leadership zu – völlig unverhofft, aus dem Nichts gewissermaßen. Dank Draghi, dem Supereuropäer, und seinem Team von Experten.“

Ja, andere müssen auf ihre Parteien im Wahlkampf Rücksicht nehmen, wie Frau Merkel, oder gar selbst Wahlen überstehen wie Monsieur Macron. Draghi hat mit diesem lästigen Demokratie-Quatsch nichts zu tun und übernimmt, Achtung!, deshalb in Europa plötzlich „Leadership.“

Angeblich bis 2023. So lange hält die Lega still, obwohl Salvini schon jetzt jede Gelegenheit zum Störfeuer nutzt? Und so lange wird in Italien nichts anderes gemacht als Geld verteilt, keine Anti-Diskriminierungsgesetze, kein Einwanderungsgesetz, nichts, was den merkwürdigen Burgfrieden der Extremisten stören könnte? Nicht nur von der römischen Politik, auch von den Abläufen in Brüssel wird hier ein höchst verzerrtes Bild gezeichnet. Was glaubt der Kollege eigentlich, wie die EU funktioniert? Als Telefongezwitscher zwischen Von der Leyen und den Regierungschefinnen, als persönliches Gemauschel beim Zoom-Aperitivo?

Von wegen. Das Geld für die Corona-Hilfe muss gerade von allen Parlamenten bewilligt werden. Kleiner Tipp: Die Finnen stellen sich im Moment ein bisschen an. Vielleicht haben die noch nicht kapiert, dass in Rom gerade die EU neu erfunden wird. Mit „einer Revolution im Sprint. Mit einem Lächeln.“

Grenzen der Gerechtigkeit

Fast 30 Jahre lang hat die Architektin Roberta Cappelli in Paris ein normales, bürgerliches Leben geführt. Eine Italienerin in Frankreich, eine Europäerin. „Freiheit ist kein abstrakter Wert“, hat Cappelli einmal der „Libération“ gesagt. „Für mich bedeutet Freiheit, dafür zu kämpfen, dass ich hierbleiben kann.“

Mit 66 Jahren hat Cappelli den Kampf um ihre persönliche Freiheit verloren. Sie muss als Gefangene zurück in ihre alte Heimat. Roberta Cappelli war eine Terroristin der Brigate Rosse. Sie soll an drei terroristischen Morden beteiligt gewesen sein und wurde deshalb in Italien zu lebenslanger Haft verurteilt. In Abwesenheit, weil die Angklagte sich der Justiz entzogen hatte. Sie war in Frankreich untergetaucht – unter dem Schutz des Staates. Ihre Freiheit wog schwerer als die Gerechtigkeit für die Terroropfer.

Der damalige Präsident Francois Mitterand, ein in der europäischen Linken bis heute legendärer Sozialist, hatte Cappelli und ihre Genossen unter seine Fittiche genommen. 1985 verfügte Mitterand, dass Italiener unter dem Verdacht des Linksterrorismus nicht ausgeliefert werden durften – es sei denn, man werfe ihnen Mord oder schwere Körperverletzung vor. Diesen einschränkenden Passus nahm er bald darauf zurück. 

Was unfassbar klingt, blieb über Jahrzehnte Realität. Frankreich behandelte die Männer und Frauen der Roten Brigaden und anderer linksterroristischer Gruppen wie politische Verfolgte und gewährte ihnen Asyl. Man stelle sich vor, die Mörder der Roten Armee Fraktion hätten ebenso im Nachbarland untertauchen können! Aber Italien wurde von Frankreich behandelt wie eine Diktatur, in der keine Bürgerrechte galten. Erst die Regierung Macron hob die skandalöse Mitterand-Doktrin auf – oder vielmehr: Der italienisch-stämmige Justizminister Eric Dupond-Moretti bezieht sich auf jenen „vergessenen“ Paragraphen, nach dem Beteiligte an Attentaten keinen Anspruch auf Schutz haben. Deshalb hat Frankreich soeben sieben mutmaßliche Terroristinnen und Terroristen der italienischen Justiz übergeben. Drei weitere sind flüchtig.

An dieser Stelle muss hinzugefügt werden, dass ehemalige Rotbrigadisten auch in Italien lange Zeit eine in Deutschland unvorstellbare Achtung und Sympathie genossen. Der Linksterrorismus wurde von vielen als quasi unvermeidliche Reaktion auf einen autoritären Staat entschuldigt, der seinerseits rechten Terror geduldet, ja sogar gefördert hätte. Ganz so, als habe sich Italien in den 70er und 80er Jahren in einer Art Dauer-Bürgerkrieg befunden, mit Neofaschisten und den von ihnen unterwanderten Geheimdiensten auf der einen Seite und dem linksradikalen „Widerstand“ auf der anderen. Erst in den letzten Jahren hat ein Umdenken eingesetzt.

Als Mario Calabresi, Sohn des 1972 von Linksterroristen ermordeten Polizisten Luigi Calabresi, 2016 Chefredakteur der linken „La Repubblica“ wurde, reagierten Teile der Leserschaft verschnupft auf den Rauswurf des Autors Adriano Sofri. Dabei war Sofri als Anstifter des Mordes an Calabresis Vater verurteilt worden. Nach Verbüßung der Haftstrafe schrieb er für Zeitungen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der italienischen Altlinken fand es bedenklicher, dass Luigi Calabresis Sohn Chef der „Repubblica“ wurde, als dass ein ehemaliger Linksextremist für „Repubblica“ schrieb. 

Sofri und andere Mitglieder des linken Gruppe „Lotta Continua“ hatten den ermordeten Polizisten verdächtigt, für den tödlichen Fenstersturz eines Anarchisten aus dem Vernehmungszimmer der Mailänder Polizei verantwortlich zu sein. Als ich 1990 in Rom ankam, wurde bei den Partys meiner neuen Bekannten ganz selbstverständlich ein Lied gesungen, das Luigi Calabresi als Mörder des Anarchisten verunglimpfte. Calabresi zu verachten und Sofri zu verehren, gehörte sozusagen zum guten Ton. Die „Lotta Continua“-Leute waren damals in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Einige von ihnen machten als Journalisten Karriere bei Berlusconi. Vom linken Untergrund nach rechts oben.

Unter den Ausgelieferten aus Frankreich befindet sich nun auch der frühere „Lotta Continua“-Führer Giorgio Pietrostefani, einer der mutmaßlichen Drahtzieher des Mordes an Luigi Calabresi. Mario Calabresi hatte ihn vor Jahren in Paris getroffen. „Er hat sicher schlechter geschlafen als ich“, glaubte der Sohn des Opfers. Fakt ist: Pietrostefani blieb ungerührt in Frankreich. 

Mit der Übergabe der „Exilanten“ endet ein europäischer Justiz-Skandal. Ein anderer betrifft Deutschland: Als deutsche Staatsbürger waren in Italien gesuchte NS-Kriegsverbrecher vor Auslieferung geschützt. Sie durften in Freiheit sterben, ohne sich jemals vor einem italienischen Gericht für ihre Gräueltaten zu verantworten. 

Zur Einigkeit

In unserer kleinen Stadt in Westfalen liegt die Inzidenz über 100. Wer in ein Geschäft oder zur Friseurin will, muss einen Schnelltest machen. „Alles bloß wegen ein paar Schrauben im Baumarkt“, mault der dicke Sechziger vor mir in der Schlange. Seine Frau rollt mit den Augen. Wahrscheinlich hört sie das jetzt nicht zum ersten Mal.

Wir stehen im schönsten Sonnenschein, bezwitschert von Amsel, Drossel, Fink und Star, beim Schützenverein Einigkeit an. Das Vereinsheim hat ein Kumpel meines jüngsten Bruders angemalt. Da muss ein Foto her:

Ich hätte ja nie gedacht, dass ich die Einigkeit oder irgendeine andere Schützen-Lokalität mal betreten würde. Aber Corona macht es möglich. Bei den Pfadfindern war ich auch schon. Ist doch großartig, dass man auf diese Weise Orte kennenlernt, die einem sonst entgehen würden. Und wie absolut sinnvoll, diese Locations für eine ganz neue Form der Geselligkeit zu nutzen: Die Testgemeinde.

Hier besteht sie zum größten Teil aus älteren Semestern, denn die Einigkeit hat nur nachmittags geöffnet, dafür ohne Anmeldung. Der Tester, ein stämmiger Mittzwanziger mit dröhnender Stimme, ist es offenbar gewöhnt, die Kundschaft zu beruhigen. Er beschreibt sehr detailliert, was jetzt gleich abgehen wird und fordert auf, den Daumen zu recken, falls es wehtut. Bei Missfallen Daumen hoch! Das ist doch interessant. Und schon geht’s los mit dem Doppelpack Rachen und Nase, „für ein sicheres Ergebnis.“

Auch in unserer kleinen Stadt gibt es also das ganze Corona-Programm, inklusive Querdenker-Autokorso jeden 2, Samstag. Beim letzten Mal waren 87 Autos dabei, was exakt 87 TeilnehmerInnen bedeutet, denn natürlich fahren die Querdenker hübsch solo, um mehr Masse zu machen. 87 Corona-Leugner würden sogar auf unserem kleinen Marktplatz einen ziemlich kleinen Haufen abgeben. Aber zwei Stunden lang den Verkehr blockieren, das macht richtig was her! Es gab fünf GegendemonstrantInnen, die von der Polizei angezeigt wurden, weil ihre Demo nicht angemeldet war. Man rauft sich die Haare, aber was will man machen, so geht halt Demokratie.

So richtig aus der Ruhe bringen lassen sich die Leute hier sowieso weder von den rechten Kfz-Marschierern noch von Corona. Klar, es ist schade, dass man sich zum Eisessen nicht direkt bei „Venezia“ hinsetzen kann. Aber ein paar Meter weiter stehen ja Bänke. Und auch, wenn die Kontakte eingeschränkt sind – beim Spaziergang über die Wälle trifft man sowieso alle Bekannten. Rein zufällig. Zu schweigen vom Wochenmarkt. Die Schlange vor der Spargelbäuerin ist der social event am Samstag.

Wahrscheinlich existieren viele solcher Orte in Deutschland. Städte ohne große Probleme, ohne echte soziale Brennpunkte, für die Corona zwar Sorgen und ein paar Einschränkungen bedeutet, aber noch lange keine Katastrophe. In denen nie mehr als ein Zehntel der Intensivbetten mit Covid-Patienten gefüllt waren und wo nun schon fast ein Drittel der EinwohnerInnen geimpft sind. Glückliche Inseln in einem Meer von Krise und Verzweiflung.

Der einzige Großindustrielle am Ort, die Bäckerei „Kuchenmeister“ hat an der Pforte zur feudalen Familienresidenz einen Gruß an die MitbürgerInnen installiert. „Geduldsfäden“ zum Abreißen und Mitnehmen. Abwarten und Tee trinken, mit der netten Corona-Deko!

„Kuchenmeister“ liefert Backwaren in 80 Länder, auch nach Indien und Brasilien. Aber die putzigen Geduldsfäden, die gibt es nur hier.

Die Eingeschlossenen

Wir haben einen bipolaren Freund. Er lebt in einem kleinen Ort südlich von Rom, betreut, wie es so schön heißt. Der Freund ist seit mehr als einem Jahr wegen Corona vor der Welt verschlossen. Niemand darf heraus aus dem Heim, und niemand darf herein. Im vergangenen Sommer, als viele schon wieder in den Urlaub fuhren, auch nach und in Italien, da wollte eine kleine Gruppe von Bekannten den Betreuten besuchen. An der Pforte wies man sie ab. Nein, sie könnten auch nicht unterm Fenster stehen und reden. Zu gefährlich, zu kompliziert was fällt Ihnen ein? Der Betreute wurde über seine Besucher nicht informiert.

Täglich ruft er meinen Mann an, den er seit 40 Jahren kennt. Sie haben zusammen studiert, danach machte der eine Universitätskarriere und der andere arbeitete, so lange es die Krankheit zuließ, an einer privaten Berufsschule, die ihm Verträge nur für das laufende Schuljahr machte, drei Monate Sommerferien nicht inklusive. Der Freund ruft an und erkundigt sich stets nach unserem Befinden. Was macht deine Frau, was machen die Kinder? Seinen eigenen Sohn kann er nicht sehen. Dabei ist er immunisiert, weil zwei Mal geimpft.

Italien öffnet heute wieder so gut wie alles. Nur die über 7000 Heime für Alte und psychisch Kranke bleiben versperrt. Zu viel Aufwand für das Personal.

Bella Ciao

In den vier Jahrzehnten ihres Daseins hat die Deutsche Demokratische Republik vermutlich keinen auch nur annähernd so glamourösen Moment erlebt wie den Auftritt von Milva im Palast der Republik. Die atemberaubend elegante Sängerin im Bühnenlicht und hingerissen applaudierende Genossinnen und Genossen dort, wo sonst Parlament gespielt wurde.

Am übernächsten Tag, dem 1. November 1988, machte das „Neue Deutschland“ mit der Schlagzeile auf, „Plandiskussion zielt auf Gewinn der Produktivität.“ So trostlos grau war die offizielle DDR. Aber auf Seite 4 stand, was das Volk wirklich bewegte, schließlich war das Ereignis vom Fernsehen übertragen worden. Mit „Begeisterung und Blumen für die Lieder der Milva“ wurde da geschwärmt von der „schönen Italienerin mit dem wallenden roten Haar.“ Die Welt da draußen konnte so bunt sein!

Jetzt ist Milva mit 81 Jahren gestorben. Ihr Tod am Vorabend des Nationalfeiertags am 25. April gilt manchen als Menetekel. Denn mit Milva ist die Sirene des italienischen Antifaschismus verstummt.

Der Gedenktag zur Befreiung vom Faschismus ist seit Jahren umstritten, der weltweit populäre Partisanensong „Bella Ciao“ auf vielen Gedenkfeiern verpönt, von manchen Bürgermeistern wird er ausdrücklich verboten. Etwa im umbrischen Amelia, das von einer Rechtskoalition verwaltet wird. Der Text von „Bella Ciao“ sei zu spaltend und deshalb nicht erwünscht, entschieden die umbrischen Lokalpolitiker.

Nicht erwünscht wie die Abrechnung mit dem Faschismus und wie ein Nationalfeiertag, der daran erinnert, dass Italien von einem menschenfeindlichen Regime befreit werden musste. Heute wird von der Rechten massiv die Ansicht verbreitet, Antifaschisten seien Kommunisten, die aus dem Parlament in Rom einen Palast der Republik machen wollten. Dabei sitzen auf dem Montecitorio schon seit vielen Jahren keine Kommunisten mehr, Neofaschisten aber schon.

Milva hat „Bella Ciao“ und andere Partisanenlieder bei unzähligen Auftritten gesungen. Im Staatsfernsehen RAI interpretierte sie einmal die Originalversion, das Lied von norditalienischen Reispflückerinnen. Beeindruckend lakonisch und geschickt spannte sie den Bogen von der LandarbeiterInnenbewegung des 19. Jahrhunderts zur Antifa. Indem sie von Frauen sang, die gepeinigt von „Mücken und Insekten“ arbeiten mussten, während ihr Vorarbeiter „aufrecht mit seinem Stock“ aufpasste, dass keine aus der Reihe tanzte.

Davon sang die große Milva. Heute springen einem, wenn man die RAI einschaltet, Matteo Salvini und Konsorten ins Gesicht. Jeden Tag ist Salvini jetzt wieder auf allen Kanälen, weil seine Lega Teil der Regierung ist. Die Rechte hat also jene Aufmerksamkeit, die sie benötigt, um zu erstarken. Widersprochen wird ihr im Fernsehen schon lange nicht mehr. Und „Bella Ciao“ darf im RAI-Unterhaltungsprogramm erst recht nicht gesungen werden, auch nicht in der Originalversion.

Soviel zu Italien. In Berlin erhebt sich an Stelle des Republik-Palastes wieder das Stadtschloss der Hohenzollern, ein gewaltiger Schritt zurück anstatt nach vorn. Entworfen hat das eklektische Monstrum mitsamt dem Humboldt-Forum ein Landsmann von Milva. Nichts erinnert daran, dass an jener Stelle einst die DDR von Italien träumen durfte.

Ciao bella.