Sag zum Abschied leise Gigi

Wer guckt denn bitte Royal Wedding? Oder, ähem, DFB-Pokal?

Gigi-Festspiele zu seinem letzten Spiel im Juve-Trikot heute abend gegen Hellas Verona: SZ und SPIEGEL online.

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Ciao Gigi!

Nur nicht vor Journalisten weinen. Aber Gigi Buffon musste sich schon sehr zusammenreißen heute bei seiner letzten Pressekonferenz als Juve-Kapitän. Besonders, als sein Präsident und Freund Andrea Agnelli ihn lobte. Altruistisch, charismatisch, aufrichtig. Wer Gigi auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass das nicht übertrieben ist.

Es geht also ein großer Sportsmann, ein toller Italiener wird am Samstag sein letztes Spiel bestreiten – und danach kommt nichts mehr, keine Ehrenrunde bei der Nationalelf, „denn da will ich als Lebender erinnert werden, nicht als Toter“, kein Abschiedsspiel nur für ihn, „schließlich hat es mich schon als Kind bei meinen Geburtstagen genervt, im Mittelpunkt zu stehen.“ Das zumindest hätte man so nicht gedacht.

Da sitzt er dann, blaues Jackett, weißes Hemd, Einstecktuch, die ersten grauen Fäden im Bart. Ein junger Mann von gerade 40 Jahren. Man selbst fühlt sich ein bisschen alt. Gealtert mit Gigi, den ich zum ersten Mal traf, als er gerade zwanzig war, ein schrecklich zugemülltes Auto fuhr, und einen Haufen Blech redete. Da war er schon in aller Munde, „ein großes Talent, wenn ich das parteiisch mal so sagen darf, das erst bei Juve richtig aufblühen konnte.“

Bei Juve, wo er sich heute einreiht, unter Zoff und Sentimenti IV., als Mosaikstein im großen Gefüge. Bis ihn Agnelli verbessert: „Du bist 20 Prozent unserer Familiengeschichte und 30 Prozent unserer Trophäen.“ Dauernd haben die beiden sich heute umarmt und geherzt – eine Fußball-Männerfreundschaft, wie sie zur Zeit der alten Agnellis undenkbar gewesen wären. Die hielten selbst ihre größten Kapitäne auf Abstand, noblesse oblige.

Buffon sieht sich und den nur wenige Jahre älteren Presidente „vereint im Kampf gegen die Heuchelei.“ Das stimmt, outspoken sind sie beide. Er habe Angst gehabt, am Ende nur noch geduldet zu werden, stattdessen dann diese Saison. „Auch mit 40 habe ich mir und diesem Verein Ehre gemacht.“

Gigi! Journalisten heulen erst recht nicht vor Spielern, aber jetzt sind doch viele mächtig gerührt. Nächste Woche will er entscheiden, ob er noch irgendwo zwischen den Pfosten stehen mag, „nichts viertklassiges, das liegt mir nicht, ich will, wenn, ganz oben mitspielen.“ Oder ob er bei Juve als Manager in die Lehre geht, wie einst Pavel Nedved, der heute Agnellis Stellvertreter ist.

Und dann noch ein Gedanke an den Schiedsrichter, der ihn nach dem 3:0 in Madrid vom Platz gestellt hat.  Das erste Mal in Jahrzehnten Champions League, beim allerletzten Spiel. „Die Rote Karte habe ich bis heute nicht kapiert. Aber wie ich später reagiert habe, das war übertrieben.“ Es war vor allem ein Meilenstein im Kampf gegen die Heuchelei. Der Typ solle lieber auf der Tribüne mit seiner Frau Chips essen, als Spitzenspiele zu pfeifen, hatte Buffon unter anderem angeregt. Jetzt wollte er sich öffentlich entschuldigen. „Allerdings nicht ohne ihm zu sagen: Ein bisschen Gelassenheit wäre auch bei ihm ganz schön gewesen.“

Pure Grandezza. Ciao Gigi. Und schnief.

Warten auf

Italiens Problem ist nicht mehr Berlusconi. Die Entscheidung des Mailänder Gerichts, dem Forza-Italia-Eigner wieder politische Ämter zu ermöglichen (also eventuell auch einen Sitz im Parlament), mag im Ausland verwundern. Aber Italien ist ein Rechtsstaat, die Justiz mag langsam sein, doch sie folgt natürlich ihren Regeln. Die Tatsache, dass gegen Berlusconi derzeit noch weitere Prozesse laufen (der Rattenschwanz der Orgien), bedeutet nicht, dass er für sein Steuerhinterziehungs-Vergehen nicht gebüsst hätte.

Ob er also wieder kandidiert oder nicht: Inzwischen hat Italien andere Probleme. Diese sind mit Sicherheit ein Ergebnis des Berlusconismus‘, denn Berlusconi hat in den letzten 20 Jahren den Nährboden bereitet für eine Antipolitik, die zynisch auf der Welle von Emotionen reitet. Noch immer ist er der größte Unterhaltungsunternehmer des Landes, doch international betrachtet ist seine Fininvest eine kleine Nummer. Nicht das Fernsehen bestimmt die Stimmungswogen im Land, sondern das Netz. Was man daran sehen kann, dass die Netzpartei Fünf Sterne die stärkste politische Kraft ist.

Gesteuert über eine Plattform namens Rousseau, deren Markenrechte der Webunternehmer Davide Casaleggio von seinem Vater geerbt hat, macht die Casaleggio und Co. Stimmung, sondiert Bedürfnisse oder schafft sie, castet Kandidaten und wählt den „politischen Kopf“ Luigi Di Maio nach ausgetüfelten Algorithmen. Ursprünglich verfolgten die Fünf Sterne mal „linke“ Ziele wie Sozialhilfe, Umweltschutz, staatliche Versorgungsbetriebe. Inzwischen sind die Sozialdemokraten ihr ärgster Feind. Im Süden, den die traditionelle Linke seit vielen Jahren tatsächlich vollkommen abgehängt hat, st die Fünf-Sterne-Bewegung am stärksten. Sie sammelt den allzu gerechtfertigten Frust, den mehr als legitimen Wunsch nach Veränderung. Das Problem der Fünf Sterne ist ihre eigene autoritäre, antidemokratische Parteistruktur. Hinter der angeblichen Basisdemokratie via Internet verbirgt sich eine wenig transparente Firmenpyramide.

Seit die Sterne mit der Lega über eine Regierung verhandeln (am Tisch: neun Männer, eine Frau), wird im Netz die Mär genährt, die linke PD habe Di Maio quasi in die Arme der ultrarechten Lega getrieben, weil sie ihrerseits eine Koalition verweigert habe. Auch Staatspräsident Mattarella wird desavouiert: Er habe den vorbestraften Berlusconi empfangen (das musste er, weil Mister B. Chef einer Partei ist) und mit ihm über die etwaige Begnadigung eines wegen Mafia-Zugehörigkeit inhaftieren Parteifreundes gesprochen. Diese Unterstellung ist deshalb besonders infam, weil Mattarellas Bruder einst von der Mafia ermordet wurde.

Parallel zu den Koalitionsverhandlungen für die rechteste (?) Regierung eines EU-Gründungsstaates wird also schon massive Realitätsverzerrung betrieben. Wie praktisch, dass man immer wieder den alt bösen Feind Berlusconi verteufeln kann, während über die neuen Medien eine sehr viel effizientere Gedankenwäsche betrieben werden kann, als sie die Mediaset-Kanäle jemals vollbringen konnten. Berlusconi hat das Land in jeder Hinsicht korrumpiert, ethisch, politisch und ökonomisch heruntergewirtschaftet. Die neuen Populisten verkaufen im Unterschied zu ihm nicht mal mehr Träume. Nur noch Ängste und Hass. Angst vor Einwanderern, Hass auf Intellektuelle, Angst vor der Zukunft, Hass auf alle, die noch an große Projekte glauben. Oder auch nur Bürgerrechte wichtig finden. Lega und Fünf Sterne vereint ihre Null Toleranz gegenüber allen, die nicht in ihrem Boot sitzen wollen.

An Italien könnte Europa endgültig scheitern. Nicht der Euro (der auch), sondern der Traum von einem geeinten, freien, friedlichen Europa. Die drittgrößte Volkswirtschaft auf dem Weg in die Ochlokratie.

Die Alleswinner

Ein Nullzunull auswärts gegen die Roma reicht der Juve zum Titel Nummer 34, dem 7. in Serie. Weil die Roma in ihrem letzten Heimspiel ja auch einen Punkt gemacht hat und übrigens nächstes Jahr auch wieder in der Champions League spielt, feiern die Juve-Spieler ihren Titel zu den Klängen von „Grazie Roma.“ Und man hat das Gefühl: das könnte ewig so weiter gehen. Der Abstand der Bianconeri zum Rest der Liga ist einfach zu groß – in dieser Saison konnte SSC Napoli lange mithalten, musste sich dann aber in der entscheidenden Phase geschlagen geben. Der Umsatz der Turiner ist doppelt so hoch wie der der Neapolitaner, nach dieser Saison wird noch mehr Geld in die Kassen des Agnelli-Klubs fließen.

Alles so gut wie unabwendbar. In Deutschland und Frankreich das gleiche Lied. Und doch Ehre, wem Ehre gebührt. Max Allegri mit seinen vier Titeln und vier Pokalen in vier Jahren hat einen Riesenanteil an diesem unerhörten Erfolg. Genau wie Eusebio Di Francesco an der sensationellen Leistung seiner Roma.

 

Avanti Popolo

Über Wochen hat Berlusconi sich geweigert, die mit ihm verbündete Lega für eine Regierung mit den Fünf Sternen freizugeben. Logisch, schließlich bildeten sie zusammen ein Wahlbündnis. Solche Bündnisse zwischen Parteien aus dem gleichen Lager werden in Italien seit vielen Jahren schon im Wahlkampf geschlossen, gemeinsam holt man halt mehr Prozente. Jetzt plötzlich macht Mr. B. einen Rückzieher: Er will sich angesichts einer Regierung aus Lega und Fünf Sternen schlicht enthalten. Also keine richtige Opposition, aber auch kein Mit-ins-Boot-Wollen – die Fünf Sterne lehnen das strikt ab.

Warum so plötzlich, fragt man sich. Ganz einfach: Staatspräsident Mattarella hat Neuwahlen an die Wand gemalt. Im Oktober, möglicherweise schon im Juli. Und bei Neuwahlen würden sich die Stimmen für Forza Italia, die im März bei 14 Prozent lagen, vermutlich halbieren. Zugunsten der Lega, deren rabiater Anführer Matteo Salvini Berlusconis designierter Erbe ist, ohne Fernsehsender, aber dafür mit stramm rechtem Programm.

Aber Berlusconi will sich nicht schon jetzt beerben lassen, Monate vor dem 82. Geburtstag. Also zieht er die Reißleine und rettet so seine Abgeordneten, die im Falle eines Sommervotums schneller wieder aus dem Parlament ausziehen müssten, als sie eingezogen sind. Sich selbst rettet er natürlich auch. Er darf als vorbestrafter Steuerbetrüger zwar sowieso nicht mehr ins Parlament aber hey, man wird noch von ihm hören. Spätestens, wenn es um Steuern und Migranten geht, braucht Salvini seine Stimmen. Dann wird aus der Nicht-Opposition ein bisschen Unterstützung.

Man kann sagen, was man will, aber der Mann ist ein Profi. Nolens volens hat er auch den Freunden vom sozialdemokratischen PD einen Gefallen getan, die nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht, jetzt aber ein wenig Zeit bekommen, um diesen Kopf eventuell wieder zu finden.

Bleibt die Frage: Wer regiert? Tja, da kann man sich auf irgendetwas zwischen Skandal und Satire gefasst machen. Die Fünf Sterne wollen das Grundeinkommen, die Lega die Einheitsssteuer von 15 Prozent. Die Grillo-Leute haben  Trump zugejubelt, die Lega mag Putin. Vom Euro halten sie beide eigentlich nichts und von Einmischungen aus Brüssel und Berlin noch viel weniger. In Straßburg sitzen die Sterne mit den Ukip-Leuten in einer Fraktion (das sind die Brexit-Freaks), die Lega mit Madame Le Pen.

Avanti Popolo! Wilde Zeiten brechen an. Ob es nach vorn oder stramm rückwärts geht, das wird sich bald herausstellen.

Killer-Juve

Aus lauter Angst vor Neuwahlen macht Berlusconi den Weg frei für eine Regierung der Populisten 4.0 von Lega und Fünf Sternen – und rechtsrechtsnationaler Erbe Matteo Salvini  kriegt es am selben Abend ganz dicke. Der bullige Lega-Führer ist ein Fan jenes Klubs, den Berlusconi letztes Jahr an die Chinesen verscherbelt hat, die ihrerseits tief bei den Amerikanern verschuldet sind: AC Milan. Mit den 250 Millionen Euro, die die lustigen neuen Milan-Manager im Sommer auf dem Transfermarkt gelassen hat, wurde immerhin das Pokalfinale gegen Juventus erreicht. „Coppa del Nonno“ nennen die Italiener den Cup, Großvater-Pokal. Milans Trainer Gennaro Gattuso (Ex Sion, Ex Palermo, Ex Pisa) hatte vorher getönt: „Für uns ist das heute wie ein WM-Finale.“

Für die Juve eher nicht. Die reckte und streckte sich ein bisschen, machte vor der Pause nur ein paar Aufwärmübungen auf dem vom Regen rutschigen Rasen und stach dann zu: Benatia, Douglas Costa, Benatia. Zwei Ex-Bayern, wobei dieser Benatia sich immer noch nicht abgewöhnt hat, nach einem Tor wie eine Maschinenpistole zu ballern. Findet der lustig. Benatia, auch das soll an dieser Stelle gesagt werden, ist gemeinhin bei Juve für die Drecksarbeit zuständig und dazu gehört offenbar auch ein Pokalfinale gegen Milan. Douglas Costa zog sich nur sein Trikot aus und offenbarte darunter – ein Unterhemd.

Es stand also nach 65 Minuten 3:0. Auf der Tribüne sah man Maestro Pirlo neben Lazios Putzkolonnenbetreiber Claudio Lotito sitzen, das Gesicht so ausdruckslos wie immer. Pirlo ist Doppelex bei Milan und Juve, Lotito ist Doppelboss bei Lazio und dem Zweitligisten Salernitana.  Man sah unter den Vips auch den alten Fascho Ignazio La Russa und die neue Senatspräsidentin, deren Doppel-Namen ich mir nicht merken kann, wohl aber, dass sie von Fünf Sternen und BerluscaSalvini gemeinsam gewählt wurde und auf dem Forza-Italia-Ticket fährt.

Während ich noch überlegte, wie diese für ihre 70 Jahre so erstaunlich faltenfreie Signora nochmal heißt, kassierte Milan das 0:4, diesmal durch Eigentor von Kalinic. Kameraschwenk auf Salvini, der jetzt echt bedient aussah.

Di Maio hat null Ahnung von Fußball (unter anderem), erklärte aber im Wahlkampf, er sei tendenziell für SSC Napoli. Weils unter Umständen drei Stimmen mehr bringt.

So gesehen: Grazie Killer-Juve! 4:0, vierter Pokal in Serie. Man gönnt sich ja sonst nichts.