Abpfiff

In Ascoli Piceno, wo einst Oliver Bierhoff in der zweiten Liga spielte, wird gerade das Dach der Kirche San Tommaso renoviert. Bei den Arbeiten fielen Dutzende von Bällen herunter, die über Jahrzehnte vom Kirchplatz himmelwärts geschossen worden waren. Zeugen einer Zeit, in der kleine Italiener (und wenige Italienerinnen) Fußball auf der Piazza spielten, mit dem Kirchenportal als Tor.

Generationen von Fußballern begannen so – oder gleich im Oratorio. Das war der Sportplatz der Kirchengemeinde, mit dem Priester oder dem Diakon als Trainer. Es gab sie in ganz Italien, denn der Kirche oblag das Erziehungsmonopol der Kleinsten: Kindergarten, Grundschule, Fußballjugend, alles unter den Fittichen von Sacra Romana Chiesa, wobei die Fittiche das falsche Bild wären, eher wehten die Soutanen im Einsatz auf dem Ascheplatz.

Tempi passati. Im römischen Bischofspalast am Lateran gibt es zwar noch ein Amt für die Oratori, aber die bieten jetzt vor allem Basketball an oder gleich Fotokurse.

Um die Jahrtausendwende, als die Serie A noch Europas Glitzerliga war, trat im Fernsehen Kardinal Tarcisio Bertone als Fußballreporter bei Juventus-Heimspielen auf. Seine Eminenz war glühender Juve-Fan und dem Fußball derart ergeben, dass er im Vatikan den Clericus-Cup einrichtete, eine Art Priester-Liga als Ergänzung zum Laienwettbewerb im Kirchenstaat mit den Wächtern der Sixtinischen Kapelle als Rekordmeister.

Bei Franziskus fiel der Juventino Bertone in Ungnade, weil er allzu prunkvoll Hof hielt. Der Clericus-Cup macht seit 2020 Pause. Und ich frage mich, ob es nicht einen Zusammenhang gibt zwischen den leeren Kirchen in Italien und dem Niedergang des Calcio. Eine Gleichzeitigkeit der Entfremdung von der Religion und vom Fußball. Tatsache ist, dass seit über 40 Jahren der Papst kein Italiener ist, während die Azzurri seit dem letzten Titelgewinn vor fast 16 Jahren bei Weltmeisterschaften zunächst in die Statistenrolle abgedrängt wurden (Vorrunden-Aus 2010 und 2014), um schließlich gar nicht mehr dabei zu sein. Höchstens als Zuschauer, 2022 wie 2018. Aber wer schaut denn eigentlich noch hin? Sicher, es gab den EM-Überraschungssieg im vergangenen Sommer. Die Ausnahme, nicht die Regel. Es reichte für einen kurzen Freudentaumel, und schon geht es wieder abwärts.

Nur die Kirchen sind sonntags noch leerer als die Stadien. Zwar sind die meisten irgendwie katholisch, merken das aber kaum, zumal sie noch nicht einmal Kirchensteuer zahlen müssen. Längst unterscheidet man deshalb „cattolico“, also auf dem Papier katholisch, von „praticante“ (praktizierend). Und die Distanz wächst. Früher nahmen zumindest die Römerinnen Rücksicht auf ihre praktizierenden Eltern und heirateten brav in der Kirche. Inzwischen haben standesamtlichen Eheschließungen die kirchliche Trauung überholt. Sinnigerweise bietet die Stadt Rom als Hochzeitsaal eine entweihte frühchristliche Kirche neben den Caracalla-Thermen an. Auch in der Hauptstadt des Katholizismus werden Kirchen also unaufhaltsam zur Kulisse. Genauso wie das Oratorio. Hier eines der schönsten, umrahmt von antiken Ruinen, bei Sant’Agnese an der Via Nomentana.

Jede Wette: Bei der nächsten Kirchenrenovierung wird in Ascoli kein Ball mehr auf die Piazza fallen.

Casa Balla

Seitdem Putins Soldaten die Ukraine zerstören, müssen sich im Westen auch russische Künstler für ihre Haltung gegenüber dem Regime rechtfertigen. Kunst in Diensten der Tyrannei, das ist ein ewiges Paradox, leider aber auch 2022 noch ein Thema in Europa. Außer in Italien, wo die Verbandelung von Künstlern mit dem Faschismus allerhöchstens akademischen Debattenstoff darstellen, während in den Schulen weiterhin der schwülstige Schmonzes des strammen Faschisten Gabriele D’Annunzio als nationales Kulturgut unterrichtet wird. Das kulinarische Fachblatt La Cucina Italiana feierte kürzlich sogar die Rezepte des „großen Dandy-Dichters“, selbstredend ohne seine appetithemmenden politisch-militärischen Abenteuer auch nur zu erwähnen. Im Gegensatz zu D’Annunzio, der nach der Friedenskonferenz von Wien im September 1919 mit einigen Freischärlern die Stadt Rijeka (heute Kroatien) überfiel und bis Dezember 1920 besetzt hielt, hat sich der Maler Giacomo Balla nicht als Frontkämpfer für den Faschismus hervorgetan. Er begnügte sich mit Propaganda wie mit dem Auftragswerk zum „Marsch auf Rom.“

Solch‘ figürliche Darstellung (der Parteibonzen) ist eine Ausnahme in seinem Werk, denn Balla war Erfinder und Motor der futuristischen Bewegung.

Dass viele Italiener den Futurismus nicht mehr automatisch mit dem Faschismus verbinden, liegt auch an Balla. Seine Kunst erscheint heute als derart modern, dass man dazu neigt, sie aus dem Kontext ihrer Entstehungszeit herauszulösen. Diese Farben! Dieses, ja, zeitlose Design, die abstrakt-geometrischen Formen. Das alles hat zu einer Balla-Renaissance geführt, eingeleitet und befeuert durch die römische Modeschöpferin Laura Biagiotti, die vor einigen Jahren ihre Balla-Sammlung öffentlich im Museum des Augustus-Friedensaltars (!) zeigte und mehr als eine Mode-Kollektion auf den Laufsteg brachte, die anmutete wie von Balla entworfen.

Biagiotti war rechtsextremer Neigungen unverdächtig. Es stimmt ja auch, Balla (1871-1958) war in gewisser Weise der Begründer des italienischen Designs. Er selbst kreierte seine Marke, zeichnete alles mit „FuturBalla.“ Und er war universell unterwegs: Tapeten und Möbel, Teppiche und Kleidung, Kissen, Hüte, Geschirr. Überall finden sich ähnliche Formen und Farben wie auf seinen futuristischen Bildern. Ballas Leben war komplett durchdesignt, und nicht nur seines, sondern auch das seiner beiden Töchter Luce, das heißt Licht, und Elica. Das heißt Propeller. Wer sein Kind so nennt, der kennt keine Grenzen und auch keine Skrupel, der sieht sich selbst als Schöpfergott im eigenen, künstlerischen Parallel-Universum.

Balla gestaltete das Leben seiner Töchter wie ihre Kinderzimmer, in denen sie zeitlebens wohnten. Man weiß nicht, was verstörender ist – seine Liebesdienste für den Duce oder die Tatsache, dass Luce und Elica wie Designgegenstände stets an der Seite des Vaters blieben und auf ein eigenes, unabhängiges Leben verzichteten. Bis zu ihrem Tod (Elica 1993, Luce 1994) wohnten sie in der väterlichen Wohnung in der Via Oslavia 39b im römischen Stadtteil Prati. Heute ist „Casa Balla“ Roms neuestes Museum, betreut vom MAXXI, dem Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst. Eigentlich sollte es im vergangenen Jahr nur ein paar Monate geöffnet bleiben, doch es gab Verlängerung bis Ende 2022. Ein open end ist wahrscheinlich – was sollen die Erben sonst tun mit einer unverkäuflichen Wohnung in Bestlage?
Casa Balla ist verstörend. Man wandert durch die von oben bis unten ausgepinselten Räume, bewundert die Kunstfertigkeit, findet es aber auch komplett irre. Wollt ihr das totale Design? Bitteschön, so schaut es aus, es gibt kein Entrinnen, nirgends, weder auf dem Klo noch auf der (für Besucherinnen unzugänglichen) Terrasse:
Die Küche sieht auf den ersten Blick ganz einladend aus. Aber auf den zweiten sieht man: Tischdecke Balla, Teller Balla, Krüge Balla, Tisch und Stühle Balla. Ballaballa! Weiter geht’s ins Badezimmer.

Im Flur, am von Papa Balla gestalteten Garderobenhaken, hängt noch das Gewand einer der Töchter. Würde ich ja sofort anziehen, Lila ist meine Lieblingsfarbe. Bedeutet andererseits, dass es auch außerhalb der vier Mauern keinen wirklich Balla-freien Raum gab. Wenn sie mal ausgingen, dann in den Kleidern des Alten, plus Hut.

Im Wohnzimmer (der Fußboden, das Sofa!) sind einige Werke ausgestellt.

Und dann gibt es noch die „Arbeitskammer“, ein knallbuntes Kabuff.
Dass Balla Faschist war, darauf wird nirgends hingewiesen. Die großen Propagandawerke hängen sowieso im Museum, viele in der GNAM (Nationalgalerie für moderne Kunst). Wer es im Hinterkopf hat, und das sind vermutlich längst nicht alle Besucher, der gewinnt in der Casa Balla die Erkenntnis, dass der Regime-Künstler sich in seiner eigenen Welt verschanzt hat, die noch unerbittlicher abgeschlossen war als jene da draußen.

Wenn auch in freundlich leuchtenden Farben.

Pink Police

Die italienische Polizeigewerkschaft Sap hat sich bei der Regierung darüber beschwert, dass ihre Mitglieder rosa gefärbte Ffp2-Masken tragen sollen. Die Farbe Rosa sei unangebracht, argumentiert die Gewerkschaft. Schließlich solle die Polizei seriös, ja Respekt gebietend auftreten, man habe es in diesen Zeiten schon schwer genug und werde dauernd angefeindet. Deshalb bitte: Nur Masken in weiß, dunkelblau, schwarz – und hellblau.

Moment, hellblau?

Wenn in Italien ein Kind zur Welt kommen, schmücken die stolzen Eltern und Großeltern ihre Haustür mit einer großen Schleife. Hellblau, wenn es ein Junge ist. Rosa bei einem Mädchen. Hellblau ist also in der allgemeinen Wahrnehmung eine Babyfarbe. Genau wie Rosa.

Warum also soll eine rosa Maske für einen italienischen Polizisten unangemessen sein und seine Autorität untergraben, während eine hellblaue völlig okay wäre?

Genau: Rosa ist für Mädchen.

Dass die Sap rechts und von gestern ist, hat sie schon öfter bewiesen (Einheitsgewerkschaften gibt es in Italien nicht.) Wie mächtig sie ist, leider auch. Von 100.000 PolizistInnen gehören 20.000 diesem Verein an. Jede/r fünfte. Der Frauenanteil bei der Polizei beträgt nur 15 Prozent, aber das Kommando hat eine Frau, die parteilose Innenministerin Luciana Lamorgese.

Die Maskenfarce wird jetzt also richtig interessant. Wie wird Lamorgese auf das Gezeter reagieren? Am einfachsten wäre es natürlich, die Anti-Rosa-Sheriffs ihre Masken selbst kaufen zu lassen. Wer kein Rosa will, muss halt blechen, fertig. Die Steuerzahlerinnen können auf solche Schwurbler keine Rücksicht nehmen, wäre ja noch schöner.

Zumal die Sap, deren Vertreter einst den ausgesprochen peinlichen Polizeiminister Salvini auf das Allerpeinlichste hofierten, auf dem total falschen Dampfer ist. Denn bevor im 20. Jahrhundert Rosa als Mädchenfarbe populär wurde, war es im Abendland die Männerfarbe. Rosa verband das virile, aggressive, leidenschaftliche Rot mit dem intellektuellen, aufrichtigen Weiß. Italiens Malerstars wie Masaccio malten Christus in Rosa, Michelangelo tunkte sogar den Schöpfer selbst in eine pinkfarbene Wolke. Hier entstehen auf göttlichen Fingerzeig gerade Sonne und Mond!

Mehr Autorität geht nicht, oder?

In Venedig, wo die Masken eingesetzt werden sollen (by the way: im Karneval), ist der Dogenpalast rosa. In NRW wurden vor ein paar Jahren Gefängniszellen rosa gestrichen, zur Beruhigung der Häftlinge. Rosa soll nämlich das Stresslevel senken, angeblich.

Rosa Masken für alle, per favore. Aber wieso eigentlich nicht gleich rosa Uniformen? Der rosa Polizei gehört die Zukunft.

Nicht nur in Italien!

Felsenkönigin

Es gibt Leute, die fahren im Winter an die Nordsee. Grazie, mir ist es da im August gerade winterlich genug. Meine Winterinsel heißt Capri. Im Sommer mache ich einen großen Bogen darum, viel zu voll, viel zu heiß und ohne Boot nichts los – wer möchte denn KIESELSTRÄNDE, wenn man doch in Italien den allerfeinsten Sand findet?

Mitten im Winter aber ist Capri konkurrenzlos märchenhaft. Warum und wo und mit wem, das steht heute in der ZEIT, die mich auf Reportage dorthin geschickt hat. Danke, liebe KollegInnen!

Mir kam dort unter anderem die Erkenntnis, dass dieser ganze Sommer- und Bade-Massentourismus spätestens durch den Klimawandel vollkommen irre geworden ist. Bei 40 Grad im Schatten wird es wirklich beschwerlich, auf der Piazzetta dieses ordinäre orangefarbene Klebezeugs zu schlürfen, geschweige denn, einen Spaziergang zu den Ruinen des Tiberius-Palastes zu absolvieren.

Aber bei immerhin 18 Grad war ich da ganz allein. Sowohl auf der Piazzetta als auch beim alten Tiberius. Kunststück, wenn auf der Insel 99 Prozent der Hotels und Restaurants geschlossen sind, von den Läden der üblichen Luxusmarken ganz zu schweigen. Die haben statt Klamotten nur ihre Labeltaschen mit dem Aufdruck: „Happy to see you next summer“ in die Schaufenster gestellt. Kein Problem, wer braucht das Zeug? Kann man bei Bedarf ja auch am Neuen Wall oder in der Maximilianstraße kaufen, dafür muss man wirklich nicht nach Capri.

Nach Capri muss man wegen des Lichts, denn dieses Licht des Südens, das findet man in solcher Intensität nur hier. Nicht in Südfrankreich, nicht in Rom, noch nicht einmal in Neapel. Es muss die Kombination aus Sonne, Felsen und Meer sein, garniert mit der immergrünen Macchia, den Zitronen, den Bougainvilleen…

Im Bild: Die Via Krupp, erbaut um 1900 von dem deutschen Industriellen Friedrich Alfred Krupp, der auf Capri die schönste und schlimmste Zeit seines Lebens erfuhr, und sich jedenfalls verewigte.

Damals gab es schon Tourismus. Aus dem Norden kamen Leute, die es sich leisten konnten – im Winter. Um dem Dauergrau in der Heimat zu entfliehen. Denn Grau, das sieht auf Capri ungefähr so aus:

Es ist leer, aber aufregend und immer irgendwie mysteriös. Ein einziger Rausch von Landschaft und Farben. Und dann ist diese Insel ja voller Geschichten, als Lieblingstreffpunkt von Dandys, Exzentrikern, Aussteigern…Nichts wie hin, kann ich nur sagen. Gerade in diesen lausigen Zeiten. Stilvoller kann man dem Lärm der Zeit nicht entfliehen.

Tuffo!

Er hat es wieder getan. Maurizio Palmulli, in unserer kleinen Stadt weltberühmt als „Mister Ok“, hat sich zum 33. Mal vom Ponte Cavour in den Tiber gestürzt. Kopfüber, klassischer „tuffo“ mit langestreckten Armen und Beinen, ein eleganter Engelflug. Mit 68 Jahren. Seit 1990 macht er das an jedem Neujahrstag, als Nachfolger von anderen „Mister Ok“, die den mysteriösen Ehrentitel wie ein Feldherr des Imperiums tragen, weil sie, kaum in das bereitstehende Feuerwehr-Boot geklettert, den rechten Daumen zum Zeichen ihres Siegs über Kälte, Scham und Lebensalter recken.

Hoch sei er gepriesen. Nicht nur, dass Palmulli, im Hauptberuf Bademeister in Ostia, mit selbstbewusster Nonchalance die zeitlose Klasse der schwarzen Slip-Badehose vorführt. Ein Tibersprung im neumodischen Flatterteil mit Krokodil- oder Kaktusdruck? Ma per carità, unvorstellbar! Mister Ok, der seinen durchtrainierten Großvaterkörper so unverdrossen in die schmutzigen Fluten wirft, ist ein Held unserer Zeit. Er personifiziert die urrömische Haltung, dass alle Unbill am Ende doch nur den Tiber herunterfliesst in Richtung Ostia. Rom hat alles schon gesehen und lässt sich durch nichts erschüttern. Ewig halt.

Omikron wird abflauen zur Corona-Pfütze, nur der Tiber möge fließen bis ans Ende der Zeit. So blond, wie ihn die Römer verklären, wird er dabei wohl nie werden. Er bionno Tevere, von wegen. Allenfalls straßenköterblond. Oder, wie es hier heißt: Color cane che fugge – Hund, der abhaut.

Ins Blaue

Mit Jahresrückblicken habe ich es nicht so. Lieber nach vorn schauen, wo das Jahr 2022 vor uns liegt, wie eine große, glatte Meeresoberfläche, so blau, wie es sich gehört.

Und ja, der Berg da mittendrin, das ist der Vesuv. Sieht friedlich aus, kann jederzeit ungemütlich werden. Ein Bild von ungeheurer Symbolik! Kleiner Scherz, dieses Foto will überhaupt nichts sagen, außer: Blau.

Denn ins Blaue zu schauen, zu fahren, zu leben, das wäre doch ein ganz gutes Programm für das nächste Jahr. Man lebt immer so grau oder so blau, wie man sich fühlt.

In diesem Sinne: Allen ein gutes, blaues Jahr!

Vino vom Gucci-Mörder

„House of Gucci“ werde ich mir nicht ansehen. Un’americanata, wie wir Römerinnen sagen. Aber weil man allenthalben über die Rezensionen stolpert, fiel mir ein, dass ich ja mal den Gucci-Mörder getroffen und gesprochen habe. Vor Jahren, auf der Gefängnisinsel Gorgona (hier entlang zum alten Post), die Reportage erschien dann im Zürcher „Tagesanzeiger„.

In diesem Lagerraum traf ich Benedetto Ceraulo bei der Arbeit an. Er war dort als Kellermeister für den Florentiner Weinunternehmer Lamberto Frescobaldi im Einsatz. Ein drahtiger Mann mit einem fein geschnittenen Gesicht und einer ruhigen, überlegten Art. Saß da und hielt sich die Wange, in die ihn gerade eine Wespe gestochen hatte. Ich fragte ihn nach seinem Beruf, das erste, was mir einfiel. Man kann nicht einen Menschen mit dem ersten Buongiorno nach seinem Verbrechen fragen, so geht das nicht. „Sagen wir: Maurer.“ Aber als Maurer wurde Ceraulo nicht bekannt, sondern als Killer des Modeunternehmers Maurizio Gucci. Im März 1995 tötete er Gucci vor dessen Mailänder Wohnung mit drei Schüssen in den Nacken und einem ins Gesicht. Auftraggeberin für den Mord war Guccis Ex-Frau, die dem Killer angeblich 500 Millionen Lire gezahlt hatte, umgerechnet etwa eine Viertelmillion Euro. Den letzten Teil seiner lebenslänglichen Haftstrafe (28 Jahre) verbüßt Ceraulo auf der Gefängnisinsel Gorgona, der letzten ihrer Art in Italien und ganz Europa.

Auf Gorgona arbeiten die Gefangenen täglich sechs Stunden, von sieben bis 13 Uhr, in der Landwirtschaft. Das dient auch ihrer Selbstversorgung. Sie melken Kühe, Ziegen und Schafe, sie schlachten ab und zu ein Schwein. Sie versorgen den großen Gemüsegarten hoch über dem Meer, den Salat, die Paprika, Kohlköpfe, Tomaten, Kartoffeln, Auberginen und Artischocken. Sie backen Brot aus dem Hartweizenmehl, das vom Festland gebracht wird. Sie produzieren ihr eigenes Olivenöl und Käse auch für andere Haftanstalten. Der Lohn: Fünf Euro die Stunde.

Seit Lamberto Frescobaldi 2012 zwei Hektar Land zum Weinbau übernahm, wird auf Gorgona auch Vino hergestellt, zunächst nur Weißer, neuerdings auch Roter. Der Weiße ist ein schöner, runder Sommerwein und mit rund 70 Euro pro Flasche natürlich maßlos überteuert. Die Herstellung auf der Insel, erklärte der Marchese, sei derart kompliziert, dass die Kosten gerade gedeckt würden.

Zum Mittagessen auf Gorgona hatte Frescobaldi damals einen anderen Weißwein mitgebracht. Ein Gefängniswärter hatte für uns gekocht, es gab Pasta mit Hummer und danach Thunfisch, alles selbstgefischt aus dem unfassbar blauen Meer um die Insel. Es war das definitiv beste Fischessen meines Lebens und es ist mir stärker ins Gedächtnis eingebrannt als die Begegnung mit dem Gucci-Killer – was daran liegt, dass Frescobaldi mich erst auf der Rückfahrt im Polizeiboot über die Vergangenheit seines Mitarbeiters aufklärte: Löblich. Ich hätte ihn allerdings sowieso nicht danach gefragt.

An Benedetto Ceraulo wird der Hype um den Lady-Gaga-Blockbuster vorbeigehen, wenn er denn noch auf der Insel ist. Es gibt kaum einen besser abgeschotteten Ort als Gorgona, erst recht im Winter. Man ist da wirklich komplett aus der Welt.

Play it again, Jeremy

Mein römisches Viertel, der Esquilin, wird gerade ein bisschen gentrifiziert. Szene-Café im Ex-Hutladen, Bars mit Sieben-Euro-Wein, Restaurants ohne Pastagerichte, die übliche Soße also. Vorläufiger Höhepunkt der Entwicklung ist der Bäcker um die Ecke, puristische Einrichtung, vier Laibe Brot im Regal, ein Stückchen Strudel für vier Euro. Un’ipsterata, sagen die Kinder dazu: Hipsterkram.

Aber noch sind wir vom Prenzlberg Lichtjahre entfernt und mitten im prallen Leben. Gestern erst kam der Lieblingsrömer nach Hause und entwickelte folgende, philosophische Betrachtung: Er habe vor der Haustür ein Grüppchen saufender junger Männer angetroffen, alle Afrikaner und offenbar schon ziemlich besoffen. Prompt sei er in Versuchung geraten, sie zu ermahnen, sogar mit der Polizei zu drohen. Doch dann sei ihm noch rechtzeitig eingefallen, dass die Einheimischen exakt 30 Meter weiter rechts, vor der angesagten Enoteca, ja genau das gleiche täten. Nur halt Wein statt Maurerbier und an Designertischen.

An unserem Platz schlafen im Winter wieder mehr obdachlose Menschen, weil die Arkaden wenigstens Schutz vor Regen bieten. Es sind auch zwei Rollstuhlfahrer darunter. Sie hieven sich abends aus ihren Rollstühlen, legen sich auf Kartons, decken sich mit Wolldecken zu. Natürlich haben die Armen kein Klo und keine Dusche. Deshalb riecht es manchmal nicht gut vor unserer Haustür.

Und hier kommt Jeremy ins Spiel. Ein junger Holländer, lange, blonde Haare. Jeremy putzt die Arkaden, hingebungsvoll. Frühmorgens hebt er die Schlafkartons der Armen auf, faltet sie sorgfältig zusammen, verstaut sie an einem Pfeiler. Dann fegt und wischt er den Marmorboden, ebenso schwungvoll wie leise. Es sieht derart anmutig aus, dass wir es anfangs für eine Kunstaktion hielten. Ein Schälchen für den Obolus steht in dezenter Entfernung, wir gaben zwar etwas, hielten es aber für einen Teil der Installation.

Jeremy ist tatsächlich ein Künstler. Er spielt Geige und lebt davon. Auf der Straße.

In unserem Viertel haben ihn ein paar Typen angegriffen, ihn mit Messerstichen verletzt und ihm seine Geige geklaut. Anstatt Musik zu machen, hat Jeremy, kaum aus dem Krankenhaus entlassen, putzen müssen, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Als seine Geschichte die Runde machte im Viertel, das in solchen Angelegenheiten funktioniert wie ein Dorf, fiel einem jungen Mann die Geige ein, die seine Freundin ihm geschenkt hatte. Der Junge hatte das Instrument in den Schrank gestellt und vergessen. Bis er von Jeremy hörte. Schrank auf, Violine raus, weiterverschenkt an den putzenden Holländer, der jetzt nicht mehr wischt, sondern fiedelt, wie es sich gehört.

Sound of Piazza Vittorio.

Dante im Altglas

Rom hat einen neuen Bürgermeister, und der räumt gerade mächtig auf. Also nicht er persönlich, sondern die Müllfrauen und Straßenfeger im Dienste von SPQR. Müllcontainer, die gefühlt seit Jahren überlaufen, werden plötzlich allnächtlich geleert, wobei man nicht so genau weiß, wo der Abfall hinkommt, denn die städtische Deponie ist eigentlich seit Ewigkeiten voll. An jeder Ecke werden Besen geschwungen und – nicht zu vergessen – Knöllchen verteilt. Natürlich haben wir auch schon eins aus der neuen Ära, ergattert vom Lieblingsrömer, dessen Fertigkeit, in winzigste Parklücken hineinzufinden, von mir gar nicht genug bewundert werden kann. Staunenswerter ist höchstens, wie er seine 1,90 Meter mit unverändert jugendlichem Schwung in den Panda faltet. Wenn es sein muss, parkt dieser Mann auch hochkant, aber diesmal war wohl nichts zu machen, drei Zentimeter Zebrastreifen und klatsch: Knöllchen. Natürlich richtig und schon bezahlt. Ablass, wem Ablass gebührt.

Der Lieblingsrömer kann noch was, was ich überhaupt nicht kann: Dante. Also die wichtigsten Stellen der Commedia auswendig. Er kennt das ganze Dante-Personal, aus Hölle, Fegefeuer, Paradies. Ich hingegen hätte bei der Mittelalter-Abschlussprüfung an der Uni am liebsten den Joker angerufen, als die Frage kam, ob Dante Heinrich VII. in den Himmel oder die Hölle versetzt habe. Tja. Zwar hatte ich zur Vorbereitung sämtliche 300 Kirchen Roms abgegrast, aber auf Dante war ich nicht gekommen. Es war eine Fifty-Fifty-Sache und ich riet richtig: Himmel.

Meine italienische Familie hätte es gewusst. Nicht nur der Mann, auch die Kinder haben auf dem Gymnasium Dantes Commedia studiert, unsere Tochter sogar drei Jahre lang. Drei Jahre für eine Wochenstunde inferno, purgatorio, paradiso. Das Paradies ist langweilig, um das zu wissen, braucht man keinen Joker. Die Hölle sei aber super, sagen sie. Glaube ich sofort. Limbus gibt es bei Dante auch, durch ihn flanieren etwa Homer und Ovid. Ein gewisser Joseph Ratzinger hat diese lichte Vorhölle, hier besungen von meinem gelehrten Freund Reinhard Dinkelmeyer, als Benedikt XVI. abgeschafft. Da muss man drauf kommen. Ovid, schon von Augustus nach Rumänien verbannt, jetzt dank Ratzinger im Orbit. Mich würde nicht wundern, wenn B 16 als Emeritus Fack ju Göthe streamt.

Zurück zu Dante und dem römischen Abfall. Jawohl, da gibt es einen Zusammenhang.

34 Altglascontainer im Quartiere Aurelio, das an den Vatikan angrenzt, wurden von KünstlerInnen mit Motiven zu Dantes Hölle gestaltet. Hier oben etwa sieht man Violetta Carpinos „Habgier“, die Dante in den vierten Höllenkreis verweist.

„Chè tutto l’oro ch’è sotto la luna

e che già fu, di quest’anime stanche

non poterebbe farne posare una…“

Alles Gold, das jemals unter dem Mond

ist und war, kann von diesen ermatteten Seelen

nicht eine zur Ruhe kommen lassen.

Nicht die Hölle ist überall, sondern die Literatur. Jedenfalls in Italien.

Martins Sommer

Ein Frühlingslüftchen weht durch Rom, 25 Grad. „Estate di San Martino“ heißt das hier. Der Sommer des heiligen Martin, der am 11. November seinen Namenstag hat. In meiner Kindheit war der Martinstag außer mit fetten Gänsen immer mit Laternenzügen (wochenlanges Basteln) und der anschließenden Messe samt Ausgabe süßer Martinsbrezen verbunden. Letztere hat uns der katholische Priester mal vorenthalten, weil wir Geschwister nicht katholisch waren. Brezen nur für rechtgläubige Kinder! Klingt nach Mittelalter, war so, in den 1970ern auf dem Land in Westfalen. Manchmal frage ich mich, wie es eigentlich den Leuten geht, die noch nie zu einer Minderheit gehörten. Also, die verpassen was.

Zurück in die Hauptstadt des Katholizismus. Martinszüge gibt es hier nicht. Martinsbrezen auch nicht. Aber den Sommer des heiligen Martin und die dazu gehörenden Frühlingsgefühle.

Gesehen heute morgen auf einem Pfeiler des uralten Ponte Cestio zwischen Tiberinsel und Trastevere.

„Ewiger als Rom.“ Wir, unsere Liebe. Und der Fluss und der Travertin.