Italienisch für Anfänger

Italienerin oder Italiener zu werden, ist gar nicht so einfach. Zehntausende von Einwandererkindern können ein Lied davon singen, denn nicht nur die Rechte weiß es hartnäckig zu verhindern, dass sie mit der Geburtsurkunde auch die Staatsbürgerschaft bekommen. Auch die Linke drückt sich seit Jahren um das Ius Soli. Bürgerrechte für alle scheinen für die Gemeinschaft riskant zu sein, also bleibt der italienische Pass ein Privileg. 

Außer für Fußballer. 

Vor allem für Profis aus Südamerika ist es sehr nützlich, wenn Uroma aus Kalabrien nach Argentinien eingewandert ist. Durch die Ahnen ist Messi genauso Italiener wie Angel di Maria. Beide dürfen für das Parlament in Rom wählen, wo Auslandsitaliener durch Abgeordnete vertreten sind. 

Luis Suarez hat keine italienischen Ahnen, allerdings stammten die Vorfahren seiner Ehefrau aus Friaul. In Spanien reicht das, um den Uruguayer als Europäer einzustufen. In Italien nicht. Als Juventus in diesem Sommer Suarez umwarb, machte der Turiner Klub den italienischen Pass zur Bedingung. Schnell wurde der Antrag eingereicht, bald tauchte ein Problem auf: Der neue Staatsbürger muss nachweisen, dass er Italienisch spricht. Also fand Suarez zur Universität Perugia. Dort studieren viele Ausländer Italienisch. Er nicht. Zum Studieren hat er nun wirklich keine Zeit, höchstens für die Prüfung. Aber auch dafür nur kurz.

Am 17. September war es so weit. Nach dem Morgentraining in Barcelona bestieg der Spieler einen Privatjet, wurde in Perugia mit großem Bahnhof empfangen und legte in der Uni sein Examen ab. In Rekordzeit. Normalsterbliche brauchen dafür zweieinhalb Stunden, Luis Suarez schaffte es in knapp 30 Minuten. Danach gab’s ein Foto mit der Rektorin, und schon saß er wieder im Flugzeug, natürlich mit dem Zertifikat. 

Fünf Tage später zieht die Staatsanwaltschaft die Rote Karte. Die Prüfung sei ein abgekartetes Spiel gewesen, der Profi habe die Fragen zuvor von der Kommission bekommen und die Antworten auswendig gelernt. Immerhin!

„Wenn einer zehn Millionen im Jahr verdient, können wir ihn nicht durchfallen lassen“, soll eine Prüferin gesagt haben, „auch wenn er in Infinitiven spricht.“ Diese Haltung entspricht den Parametern unserer Zeit. Wer mit Balltreten zehn Millionen verdient, ist nun mal gesellschaftlich wichtiger als jemand, der die korrekte Verbkonjugation nicht nur selbst beherrscht, sondern sie womöglich auch noch anderen beibringt.

Juventus hat den Transfer ohnehin platzen lassen. In Turin wurde heute der Spanier Alvaro Morata in Empfang genommen. Morata kehrt von Atletico Madrid zurück, wo Suarez vielleicht bald anheuert. Für ihn wäre der Fall damit erledigt. Außer Spesen nichts gewesen. 

In Perugia aber könnte sich die eine oder andere Hochschul-Karriere erledigen. Die Staatsanwaltschaft interessiert sich nicht für Suarez. Sie ermittelt gegen die Kommission, die Rektorin und den Geschäftsführer der Uni. 

Wer wird denn gleich sterben

Civita di Bagnoregio ist der beste Beweis für die Gültigkeit des alten Bonmots, dass Totgesagte länger leben. Seitdem sich das 16-Einwohner-Dorf zwischen Lago di Bolsena und Tiber, Orvieto und Viterbo den Titel „Città che muore“ (sterbende Stadt) verliehen hat, ist es so quicklebendig wie seit Ewigkeiten nicht. Jahr für Jahr kommen um die 600.000 Touristen nach Civita, das sind gut 1600 pro Tag, Winter mitgerechnet. In Civita brummt also der Bär! Wir konnten uns am letzten Samstagabend davon überzeugen, 12. September, eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang: Ein einziger freier Parkplatz, hunderte von Touristen unterwegs. Alle haben brav ihre fünf Euro Eintritt gezahlt, um über die 200 Meter lange Brücke zu spazieren, die Bagnoregio mit Civita verbindet. Um auf der anderen Seite….ein italienisches Dorf zu sehen. Tuffsteinhäuser, zwei Kirchen, ein wuchtiger Palazzo, eine Piazza und, okay, das vermutlich einzige Erosionsmuseum im Land. Abgesehen von diesem Museo delle frane ist Civita ein Kaff wie jedes andere. Es gibt hunderte, ach was tausende davon in Mittelitalien. Hügelkuppe, obendrauf die Siedlung mit Vorgeschichte (Etrusker, Römer, Longobarden etc.), drumherum viel Landschaft, alles begossen mit reichlich Olivenöl und Vino.

Wieso also Civita? Na, deshalb:

So malerisch ist dann halt doch selten.

Civita liegt auf einem Tuffsteinhügel, umgeben von wilden Calanchi, so genannten Badlands, wüsten, interessant durchfurchten Sandsteinformationen. Der Siedlungsfelsen war einst dreimal so groß und im Mittelalter von 3000 Menschen bewohnt. Dann begann das große Bröckeln, weil unten die beiden Flüsse Rio Chiaro und Rio Torbido (der klare und der trübe Fluss, herrlich!) an dem weichen Tuffstein nagen, vor allem aber weil es immer mal ein Erdbeben gibt, das im Rest der Gegend für keine größere Aufregung sorgt, hier aber schon.

Also nichts wie weg. Das machte schon der heilige Bonaventura so, der 1217 hier geboren wurde und mit kaum 18 Jahren die Flucht ergriff. Ab nach Paris, Theologie studieren, dann kann man Kardinal und schließlich Heiliger werden. Weil das heute nicht mehr ganz so einfach und vielleicht auch nicht mehr so attraktiv ist, gehen die Leute von Civita zum Studieren nach Mailand und Rom oder bleiben in Bagnoregio (3600 Einwohner) und verdienen ihr Geld mit den vielen Touristen.

Frühstückspension, Restaurants, Bruschetta-Buden, Souvenirläden, Acqua di Civita (Civita-Wasser, so heißt ein Parfum). Etruskergrotte und Blick aus dem Gärtchen gegen Eintritt.

Civita ist eine italienische Erfolgsgeschichte. Du hast nichts, also mach‘ was draus. Erfinde eine Geschichte. Setze eine Marke in die Welt. Lade ein paar Journalisten ein, vor allem aber Fotografen. Und du wirst sehen, die Sache läuft.

Seit 20 Jahren wird renoviert und eröffnet, seit sieben Jahren gibt es den Brückeneintritt. So haben alle was davon, auch die Gemeinde.

Und ehrlich gesagt, ist der Tuffstein wirklich schöner als anderswo.

Cinema Moderno

Pitigliano ist alt, uralt. Seit fast dreitausend Jahren besteht die Siedlung auf dem Tuffsteinfelsen zwischen Meer und Lago di Bolsena, dominiert eine archaische Landschaft mit dichten Wäldern, Schluchten, Flussläufen. Von Etruskern gegründet, von Römern erobert, im Mittelalter eingenommen von den Medici, den Orsini. Seit Ende des 16. Jahrhunderts hatte Pitigliano eine große jüdische Gemeinde, von den Feudalherren untergebracht in einem engen Ghetto. Um die Zeit der Reichsgründung 1870 war jeder achte Einwohner im Ort jüdischen Glaubens, mittlerweile mit Bürgerrechten ausgestattet und in jeder Hinsicht gleichberechtigt. Christliche Mitbürger verteidigten die Juden selbstverständlich gegen Plünderungen und Pogrome und retteten viele vor der deutschen Besatzung im 2. Weltkrieg. 22 Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden dennoch von Nazis und Faschisten deportiert und ermordet. Das „kleine Jerusalem“ in der Toskana war zerstört. 1960 schloss die Synagoge, nach 360 Jahren. Und heute ist “la piccola Gerusalemme” vor allem eine Touristenattraktion mit Souvenirläden und jüdischem Gebäck.

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Weil Pitigliano so schön ist, sind auch in diesem Sommer viele Touristen dort. Man hört deutsch und norditalienische Dialekte. Die Läden und Gassen sind voll, die Häuser leer. Wie fast überall in den Dörfern Mittelitaliens leben die Menschen nicht mehr im historischen Kern, sondern in der modernen Siedlung daneben. Knapp 3500 Einwohner hat Pitigliano, jedes Jahr werden es weniger. Einer von ihnen ist Carlo Ceppodomo. Er schaut gerade in seinem Betrieb an der Piazza della Repubblica nach dem Rechten. Ceppodomo ist ein kleiner, älterer Herr, etwas untersetzt, ziemlich gemütlich. Sein Betrieb heißt „Cinema Moderno“ und befindet sich seit 1963 in Familienbesitz. Das Kino von Pitigliano. Ein Saal mit hundert Plätzen, aus Tuffstein gebaut. Der Putz bröckelt, die Vorführungsmaschine läuft digital. Doch das „Cinema Moderno“ ist geschlossen, nicht nur wegen Covid.

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Ceppodomo würde es gern vermieten, die Verantwortung und die Arbeit abgeben, aber er findet niemanden. Seine Kinder haben dankend abgelehnt, einer arbeitet als Manager in China, der andere als Kapitän auf Handelsschiffen. Angesehene, lukrative Berufe. Wer will schon ein Kino übernehmen, in einem Dorf am Rande der Toskana? Ein dritter Sohn hat es versucht. Eröffnet, geschlossen, eröffnet, geschlossen. Wenn überhaupt, lohnt sich das Kino nur im Sommer. Man braucht Ideen, Initiative, vor allem aber Eigenkapital und viel Geduld.

Das „Cinema Moderno“ war supermodern, als es 1919 eröffnet wurde. Direkt nach dem 1. Weltkrieg hatte Pitigliano ungefähr so viele Einwohner wie heute und sie füllten den Saal, um in die Welt des Stummfilms abzutauchen. Weil längst nicht alle lesen konnten, wurde eine Vorleserin engagiert, die mit Stentorstimme die Untertitel ablas. Vorleserin im Kino, das war mal ein Beruf, wenn auch nur für kurze Zeit, in einem anderen Jahrhundert.

Wie viele „Cinema Moderno“ gibt es in Italien? Fast jedes Dorf hatte eins, längst stehen sie leer, im besten Fall wurden sie in eine Aperitifbar verwandelt. Inzwischen hat das große Kinosterben auf die Städte übergegriffen und Covid gibt der italienischen Filmtheater-Kultur gerade den Rest.

Aber in Pitigliano ginge noch was.

Bye Bye Leo

Dass die Fans des FC Barcelona traurig über den Abschied von Leo Messi sind, ist verständlich. Schließlich wird damit  das Ende einer Fußballepoche besiegelt: Bei Barca wird es nie wieder so sein wie früher. Man war gemeinsam auf dem Olymp, jetzt ist der Abstieg angesagt und Messi schert aus.

Wenn große Fußballer aufhören, merken Fans, dass sie selber älter geworden sind. Noch schlimmer, wenn ein überragender Spieler nach 20 Jahren den Klub wechselt – dann fühlen sie sich um einen Teil ihres Lebens verraten. Das ist natürlich absurd. Fußballprofis spielen für Geld, im Falle von Messi für obszön viel Geld. Und für den Erfolg. Wenn der Erfolg ausbleibt, vertreibt das die Motivation und letztlich den Spieler (der Zweitliga-Abstieg der Weltmeister Buffon, Camoranesi und Del Piero mit Juventus 2006 wird wohl auf Ewigkeiten einmalig bleiben).

Mit 33 Jahren will Messi sich nun verändern. Es locken Abu Dhabis Klub Manchester City und Pep Guardiola. Fußball spielen für die Scheichs, es muss halt doch nicht mehr sein als ein Klub, nur das nötige Kleingeld sollte der neue Arbeitgeber haben. Messis Abschied offenbare „tragische Züge“ titelt heute die SZ und beschwört eine Trennung „im dreckigsten Schlamm der Fußballgeschichte.“ Wenn es um Messi geht, werden die besten Journalisten genauso ironiefrei wie der Argentinier selbst.

Denn mal ehrlich: Dieser Abschied ist vor allem wahnsinnig banal. Messi war zwar ewig bei Barca, aber was hat er repräsentiert? Eine Stadt, eine Region, eine Idee? Nein, Messi repräsentierte immer nur sich selbst. Er kann ausnehmend gut Fußball spielen, punkt. Als stets funktionierende Tormaschine ist er das perfekte Emblem der modernen Fußballwelt. Keine Mätzchen, kein Charisma, keine Ecken und Kanten. Bis auf den Reizmagen, aber welcher hart arbeitende Mann hat den nicht? Alles in allem liefert Leo Messi zuverlässig seit vielen Jahren ein Superprodukt nach dem nächsten. Zuverlässig zeichnet ihn die globale Unterhaltungsindustrie Fußball dafür fast alljährlich mit dem großen Verdienstorden aus.

Wenn er gerade nicht arbeitet, scheint er superlangweilig zu sein – und superuninteressiert am Rest der Welt, wie dieses italienische Interview erahnen lässt. Beides kommt wahrscheinlich nicht wenigen Fans und eventuell sogar einigen Sportjournalisten entgegen.  Messi gehört den Anhängern der reinen Leibesübung.

Die anderen finden Cristiano Ronaldo spannender.

 

 

 

Abends am Tiber

Ein Feldweg führt hügelabwärts, gesäumt von mannshohen Brombeerbüschen, mehr Dornen als Früchte. Die nigerianischen Prostuierten vom Straßenstrich sind abgeholt und zum Zug gebracht worden: Ende der Schicht, morgen wieder. Hagebutten glänzen in der Abendsonne, es ist Mücken- und Fledermauszeit, und wenn der Lärm der nahen Autobahn nicht wäre, dann gäbe es hier weder Ort noch Zeit.  So aber prallt, wie so oft in Italien, alles aufeinander. Die Eile und der Stillstand, die Stille und das Gedröhne der Laster, das Gestern und das Heute.

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Unter der Autobahnbrücke liegen die Ruinen des Tiberhafens Seripola, angelegt im 1. Jahrhundert v. Chr. und dann über 500 Jahre im Betrieb. Der Zugang zum Gelände ist durch einen Zaun versperrt, aber man sieht auch von außen die Grundmauern von Lagerhallen und Tavernen, die Reste von Wasserleitungen und Rinnsteinen. Nach der Entdeckung bei Arbeiten für die Autobahn 1962 wurden auch eine Thermenanlage und ein Tempel ausgegraben.

Auf der anderen Tiberseite erhebt sich auf einem Tuffsteinplateau Orte, von den Etruskern gegründet, im Mittelalter wichtig, eine der vielen beeindruckend pittoresken und unerhört vernachlässigten Städte der Gegend. Heute quasi ein Vorort der 80 Kilometer entfernten Hauptstadt und mindestens so international wie Rom. Alle, die sich dort keine Wohnung leisten können, leben hier in Siedlungen zu Füßen des Centro Storico und fahren an Werktagen mit dem Zug 40 Minuten bis Roma Termini. Mit Ortes Umwandlung von einem antiken Agrarzentrum zur modernen Pendlerstadt hat sich 1974 schon Pasolini beschäftigt, hier ein Link zum RAI-Archivfilm. Ab Minute 1 geht es los, leider nur auf Italienisch und ein bisschen unscharf. Aber für einen Eindruck müsste es reichen.

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Am Flussufer stehen Apecar, die kleinen Piaggio-Pritschenwagen. Jemand hat behelfsmäßige Stufen in das lehmige Ufer geschlagen, grazie. Und dann: der Tiber, gewohnt brackig-blond, auf ein Rinnsal zusammengeschrumpft wie jeden Sommer. Aber in diesem Sommer besonders. Das Licht ist schon September und wenn man sich konzentriert, riecht es fast nach Herbst.

Die Apecar gehören Anglern. Männer aus Orte am Tiber. Eine uralte Geschichte.

AS Romulus und Remus

Vor sehr vielen Jahren, als sich die Römer noch über wild knipsende Japaner in der Sixtinischen Kapelle aufregten, stand in irgendeinem Zeitungskommentar, man solle eine Prüfung für derlei Touristen anordnen, in der sie zehn Fragen zur Renaissance beantworten müssten, bevor sie überhaupt Zugang bekämen zu den Hauptwerken der abendländischen Kunst.

Heute hat man hier längst begriffen, dass die knipsenden Japaner entweder den Epilog des untergehenden Kultur-Tourismus bildeten – oder den Prolog zu jener Barbareninvasion, die gerade durch die Seuche etwas abgebremst ist, aber bestimmt nicht für ewig. Das mit der Prüfung hat sich jedenfalls erledigt, ganz abgesehen davon, dass eine Menge Römer sie auch nicht bestehen würden. Aber man könnte die Idee durchaus nochmal aufwärmen: Wer in Rom einen Fußballklub kauft….nein: Wer den römischen Fußballklub kauft, der muss a) Romulus von Remus unterscheiden können und  b) wissen, wie die Abseitsregel funktioniert. Drittens müsste er Testaccio buchstabieren können (angestammtes Roma-Stadtviertel) und viertens die Formation der letzten Meisterschaft 2001 draufhaben. Fünftes die Roma-Hymne und Grazie Roma akzentfrei singen. Fünf Aufgaben, das ist doch nicht zuviel verlangt!

Was a) angeht, sieht es schonmal schlecht aus. Die ad hoc gegründete Gesellschaft des neuen Roma-Besitzers Dan Friedkin heißt „Romulus and Remus Investments“, auf dass sich Titus Livius und Vergil im Grabe herumdrehen. Romulus ist der Stadtgründer und erste König, sein Zwillingsbruder Remus der Unglücksrabe und erstes Opfer. Kann man alles nachlesen, muss gar nicht bei den eben zitierten Herren sein, geht auch auf Wikipedia. Romulus und Remus, das ist keine Marke, sondern ein Mythos, in dem unter anderem Vergewaltigung und Brudermord prominent vorkommen. Also, nach der Abseitsregel sollte man schon besser nicht mehr fragen.

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So sieht er aus, der Neue. Beruf: Autohändler (113 Toyota-Zweigstellen in USA). Hobby: Filme produzieren („The Square“)  und alte Kampfflugzeuge sammeln, siehe Bild. Ex-Präsident Pallotta war Italo-Amerikaner, Friedkin klingt eher nach Däno-Amerikaner. Rund 600 Millionen Euro soll er berappen für die Roma, und danach wird so schnell erstmal nichts ausgegeben, wenn man die blumigen Ankündigung von „langfristigen Investitionen“ richtig interpretiert.

Der Klub-Geschäftsführer bleibt derselbe. Guido Fienga, Römer, eine vernünftige Entscheidung, nicht nur weil er schon in der Ära Pallotta als einziger die Fünf Fragen beantworten konnte. Im Verwaltungsrat sitzen künftig vier amerikanische Autoring-Manager, darunter eine Quotenfrau.

Und Friedkin? Ist er ein knipsender Japaner oder sind wir schon mitten in der Barbareninvasion? Lazios Lotito übrigens spricht Latein und ich wette, der könnte auch Nummer 4 und Nummer 5.

Aber das wäre ja auch keine Lösung.

Ferragosto

Dieses Fest ist älter als das Christentum, das es in Mariae Himmelfahrt umgewandelt hat.  Die Kirche, diese große Recyclingmaschine!Wenig haben sie erfunden, noch nicht mal die Himmelfahrt selbst. Einem Mann, der ihren verstorbenen Gatten Augustus in den Himmel aufsteigen sah (angeblich), zahlte Livia eine Million Sesterzen, weil damit der „Beweis“ für die Vergöttlichung des Princeps erbracht war. Divus Augustus!

Dieser Princeps Augustus hatte die Feriae Augusti im Jahr 18 v. Chr. eingeführt, auf dem Höhepunkt seiner Macht und Popularität. Ein paar Tage Ruhepause Mitte August, nach getaner Erntearbeit, jedenfalls für die Menschen. Nutztiere wie Esel und Ochsen mussten um die Wette rennen und sich dabei erst recht schinden, immerhin mit Blumen bekränzt. In manchen Gegenden Italiens hält sich der Brauch bis heute, etwa beim Palio in Siena, dem Pferderennen um die Piazza del Campo.

In diesem Jahr fällt der Palio aus, wie überhaupt fast alle Volksfeste ausfallen, aus bekannten Gründen. Im Nachbardorf, mit 50 Infizierten und 2 Toten als Zona Rossa abgeriegelt, fand nichts statt. Hier ein Foto aus dem Vorjahr, als die improvisierte Trattoria mit den wundervollen Salsicce vom Holzkohlegrill voll im Einsatz war.

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In unserem Dorf gab es einen Versuch. Viele, darunter auch wir, sind nicht hingegangen. Uns war nicht danach. Muss dann eine traurige Veranstaltung gewesen sein, im Schatten der Turnhalle, anstatt auf dem Renaissance-Dorfplatz, Masken rauf und runter, kein Tanz, kein Feuerwerk.

Aus dem Sommerfest ist ein Tag des Innehaltens geworden. Man schaut auf die zurückliegenden Monate und stellt fest, dass man sie noch nicht ganz verdaut hat. Man schaut nach vorn, mit einem mulmigen Gefühl. Gerade schleppen die jungen Italiener, die nach Kroatien oder Griechenland gefahren sind, das Virus wieder ein. Für die Rückkehrer sind Tests angeordnet, manche Regionen wollen gleich die Quarantäne.

Dazu die Hitze. Ist es ein persönlicher Eindruck, dass jeder Sommer immer noch wärmer wird? Seit Wochen herrscht Dürre bei Temperaturen über 30, in den letzten Tagen über 35 Grad. Im Garten verschrumpeln die Tomaten, die Auberginen haben das Wachstum eingestellt, das Gurken- und Zucchinizeugs sowieso. Nachbarn haben ihr Gemüse mit Bettlaken abgedeckt, gegen die brutale Sonne. Wir alle verbringen die brütend warmen Nachmittage mit verschlossenen Läden in unseren Häusern. So sind der halbe Juli und der halbe August vergangen.

Ferragosto ist zugleich der Höhepunkt und der Wendepunkt des Sommers. Der Herbst lauert schon, hinter dem nächsten Hügel. Wir streben ihm entgegen, voller Sehnsucht nach frischen Tagen und kühlen Abenden. Und mit ein wenig Sorge für den Rest.

Die Poesie des Augenblicks

In der griechischen Mythologie ist Atalante eine amazonenhafte Jägerin, schneller und geschickter als alle Männer. Sie will sich nicht einfangen lassen, von niemandem, und schwört deswegen, Jungfrau bleiben zu wollen.

Natürlich wird daraus nichts, ihr Vater will sie verheiraten. Sie stellt die Bedingung, dass nur, wer sie im Lauf besiegt, ihr Mann werden kann. Rübe ab für die Verlierer. Viele verlieren. Schließlich hilft die Göttin Aphrodite einem Bewerber, den sie mit drei goldenen Äpfeln ausstattet. Der junge Mann lässt sie fallen im Wettbewerb gegen die nackte Atalante (in Griechenland waren beim Sport immer alle nackt, also alle Männer, die Frauen waren zu Hause, im Frauenzimmer eingesperrt). Und die jungfräuliche Jägerin, diamonds are a girl’s best friends, bückt sich. Verliert durch Ablenkung, muss den Typen heiraten, der so unwichtig ist, dass von seinem Namen bis heute zwei Versionen kursieren, je nachdem, ob die Variante aus Nord- oder Südgriechenland erzählt wird.

Ein bisschen war es auch heute abend so, im Champions-League-Viertelfinale.

Atalanta gegen PSG, das ist wie Frau gegen Mann, also David gegen Goliath. Aber auch wie Mythos gegen Mammon und Göttin gegen Götze (Achtung: kein Vorname!). Das Team der Namenlosen aus einer Stadt, die seit dem Seuchenausbruch die ganze Welt kennt: Bergamo, gegen Leute, denen die goldenen Äpfel überall herausquillen. Die Nobodys schaffen es bis ins Viertelfinale der Königsklasse, beflügelt vom Rausch des Überlebens und dem lebensklugen Grandseigneur Gasperini. Gegen Paris spielen sie um den Einzug ins Halbfinale.

Hände hoch, wer nicht für Atalanta war. Wer nicht gejubelt hat beim 1:0, die Poesie des Augenblicks genossen und dann gezittert bis in die 90. Minute, als die Pariser den Ausgleich machten. Wer nicht getrauert hat beim prosaischen 1:2 und erstarrt ist beim Freudentritt des Thomas Tuchel. Der Asket, der sich für einen Idealisten hält und bei den Scheichs von Katar auf der Gehaltsliste steht. In Katar trägt kein Fußballklub die Jägerin Atalante im Namen. Frauen dürfen dort erst neuerdings ins Stadion, wegen der WM 2022, natürlich nur ins Publikum und natürlich nicht nackt.

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Dabei lieben die Franzosen L’Atalante. Jean Vigo drehte den Film 1934, die Nouvelle Vague machte die Geschichte von Jean, Juliette und ihrem Frachter L’Atalante erst zum Kult. Heute sind die Hauptdarsteller Dita Parlo und Jean Dasté so unbekannt wie die Spieler von Atalanta Bergamo. Und doch sehnen wir uns alle nach ihrer existentiellen Leichtigkeit auf einem Frachter, der uns über die Flüsse des Lebens fährt.

Am Ende gibt es kein Ergebnis, nur die L’Atalante, die aus dem Bild fährt.

Und wir träumen weiter, von einem Rennen ohne goldene Äpfel.

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Autogenes Training!

Als am Mittag bekannt wurde, dass Juventus den Trainer Maurizio Sarri entlässt, dachte ich: Endlich. Einer Typ wie Sarri, frauenfeindlich und homophob, also zutiefst reaktionär, hätte niemals Juve trainieren dürfen. Nicht, dass ich Juve-Fan wäre, aber immerhin handelt es sich um den mittlerweile einzigen italienischen Klub mit internationalem Renommée und dem Anspruch, progressiv zu sein. Alle Initiativen gegen Rassismus und Sexismus verpuffen, wenn der eigene Trainer in der PK zu einer Journalistin sagt: „Wenn du nicht so hübsch wärest, würde ich sagen, steck ihn dir in den Arsch.“ Oder wenn er den gegnerischen Kollegen als Schwuchtel bezeichnet.

Ja, ich weiß, ich habe das schon öfter geschrieben, weil ich es skandalös finde, wie schnell sowas unter den Tisch gekehrt wird und in Vergessenheit gerät. Die homophobe Attacke etwa wurde vom Verband nicht geahndet, weil der Attackierte nicht homosexuell ist und deshalb nicht beleidigt sein konnte! Und die frauenfeindliche Bemerkung, von den Männern im Saal mit zustimmendem Gelächter begrüßt, musste die Kollegin sowieso einstecken, Fußball ist halt nichts für Mimosen.

Ein Juve-Trainer ist Protagonist einer globalen Unterhaltungsindustrie. Und als solcher trägt er Verantwortung. Er steht nicht nur für sich selbst und seine Arbeit beschränkt sich nicht nur darauf, das Training der 1. Mannschaft zu kontrollieren und die richtigen Einwechslungen vorzunehmen.

In diesem Sinne: Sarri weg, finalmente, schon viel zu spät.

Dann wurde der Name des Nachfolgers bekannt gegeben. Es ist der Herr rechts.

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Voilà. Andrea Pirlo. „Muss bitter sein, für Cristiano Ronaldo, dass er jetzt bei Juve nur noch der zweitbeste Fußballer ist“, hat ein Witzbold im Netz geschrieben. Haha. Muss auch bitter sein für Gianluigi Buffon, 42, dass er jetzt noch älter ist als sein Trainer, 41.

Für diese Personalentscheidung gibt es eigentlich nur eine Erklärung: Andrea Agnelli (der Herr links im Bild) will jetzt endlich selbst coachen. Immerhin wäre er mit 44 der Älteste in dem aparten Triumvirat mit Torwart und Trainer, außerdem ist er der Präsident und zahlt den ganzen Quatsch. Vor ein paar Tagen hatte er Pirlo noch zum U-23-Coach berufen, da entstand das Bild oben mit der Unterschrift. Jetzt 1. Mannschaft, dabei hat der Chef-Übungsleiter noch nicht mal den Trainerschein!

Um so einen so finden, einen Coach ohne Trainerschein nämlich, muss man sich weit zurückwühlen in die Klubgeschichte. Juve war nämlich in den 1930er Jahren der erste Verein, der Profis engagierte.

Okay, die Freistoßtechnik von Cristiano Ronaldo könnte unter Einwirken des Meisters aller Klassen noch ein wenig besser werden. Aber sonst rauft sich jede/r, der Pirlo nicht nur spielen sah, sondern sprechen hörte in den für ihn typischen kryptisch-verschwurbelten Sätzen, die Haare. Ganz ehrlich, Pirlo ist ein echter Rasenphilosoph. Die schönste Projektion der europäischen Intellektuellen, aber eben nur eine Projektion. Wenn er nicht spielt, sondern redet, dann wird es… tut mir leid, aber es ist so, eher schlicht. Wie soll dieser Mann die beste italienische Mannschaft coachen? Ferngesteuert von Agnelli? Oder übernimmt die Kombi Cristiano Ronaldo/Buffon?

Es könnte sich auch um ein wirklich spannendes Experiment handeln. Ausgerechnet bei Juve, wo sie einst den Trainer-zentrierten Effizienz- und Feldwebelfußball erfunden haben, wird nun bewiesen, dass es keinen Coach mehr braucht. Die Guardiolas und Tuchels dieser Welt können einpacken. Denn Maestro Pirlo zelebriert:

Autogenes Training!