Santo!

‚Na fifa santissima (Heidenangst, wörtlich aber: hochheilige Angst). Nun ce so‘ santi (Dagegen ist kein Kraut gewachsen, wörtlich aber: Es gibt keine Heiligen, die helfen würden). Esse ’no stinco de santo (ein scheinheiliger Typ, wörtlich: Schienbein eines Heiligen).

Natürlich ist Rom die heiligste Stadt Europas. Immer schon gewesen, schließlich wurden die Heiligen hier erfunden, früher, also vor Christus hießen sie nämlich: römische Götter. Die römisch-katholische Kirche ist die perfekte Synthese aus altrömischer Religion und Christentum, das aus ersichtlichen Gründen nicht allzu monotheistisch sein konnte, denn monotheistisch ist ganz schön monoton. Ich will das hier aber alles nicht vertiefen, denn es soll heute nicht um Konfessionen gehen, sondern um Fußball. Andere Religion…oder?

Gesehen beim Morgenspaziergang durch Monti, Via Urbana. Der römische Humor wird ja international unterschätzt, mindestens so sehr wie die römische Lässigkeit. Mir gefallen vor allem die Padre-Pio-Kerzen unten links, denn bei dem Mönch mit Rauschebart handelt es sich um einen Volkshelden, der nach einer beispiellosen Medienkampagne 2002 von Johannes Paul II. heiliggesprochen wurde – gegen den Protest der zuständigen Heiligenkongregation im Vatikan, deren akribische Untersuchungen ergeben hatten, dass Padre Pio ein schlimmer Hysteriker war, der sich seine Stigmata selbst zugefügt hatte. Volkes Stimme wog schwerer, außerdem hatte sich um Pio ein beträchtliches Business entsponnen, dass seiner strukturschwachen apulischen Heimat ein Wirtschaftswunder beschert hatte.

Wenn es Padre Pio geschafft hat, kann es auch Mou schaffen. Allerdings muss er erst tot sein. Dieses erste Gebot für die KandidatInnen zur Heiligsprechung gilt immerhin noch. Und Wunder muss er wirken – die vorgeschriebne Alternative, als Märtyrer für die Kirche zu sterben, wollen wir ihm nicht wünschen.

Wir sind Römer, wir haben 2000 Jahre Papsttum erlebt und Fußball ist unsere Religion. Unser Prophet Totti hat Sendepause, also leisten wir uns jetzt mal einen kauzigen portugiesischen Wanderprediger für zwischendurch. Aus Freude am Spektakel – wobei nicht das auf dem Platz gemeint ist. Auf dem Platz geht es um Punkte.

Da braust er hin, auf einer Hauswand in Testaccio, wo die Roma gegründet wurde und bis heute der wichtigste Roma-Fanklub der Stadt ansässig ist. Aber nicht dorthin ist unser Mann gezogen, sondern er residiert demnächst im feudalen Palazzo Taverna, einer richtigen Trutzburg aus dem Mittelalter, die im 15. Jahrhundert ein wenig auf Renaissance getrimmt wurde, aber immer noch eher wuchtig als elegant ist. Draußen dicke Mauern, drinnen ein Wahnsinnskitsch, einige Säle kann man für Familienfeiern mieten.

Die Mourinhos beziehen angeblich den 2. Stock, damit der Special One sich wie ein Fürst fühlen kann, wie ein Kardinal oder wenigstens wie ein Papst. „Vivere come un Papa“, sagen die Römerinnen, wenn es um „Leben wie Gott in Frankreich“ geht. Gemeint sind natürlich die Popes vergangener Jahrhunderte, als Papst sein noch richtig Spaß machte, mit schönen Frauen und starken Pferden.

Die ausführlichste Wikipedia-Seite über Palazzo Taverna gibt es übrigens auf – genau: Portugiesisch. In Rom rätselt man derweil, wie José es schaffen will, täglich pünktlich zum Training nach Trigoria zu kommen. 30 Kilometer durch den chaotischen Stadtverkehr sind kein Pappenstiel, zumal die Stadtverwaltung sich dem Vernehmen nach dagegen sträubt, die Straßen für die Kutsche von Don Mourinho zu sperren.

Mit der Vespa geht’s schneller, siehe oben.

Cave Canem

Alljährlich im Sommer berichten italienische Zeitungen über ein wiederkehrendes, grauenhaftes Ereignis: Rudel verwilderter Hunde greifen Menschen an, verletzen sie schwer, töten sie manchmal sogar. Zuletzt geschehen in Satriano, unweit der jonischen Küste in Kalabrien, wo etwa 15 Hunde in einem Waldstück ein junges Paar attackierte. Der Mann konnte sich retten und einen Hilferuf absetzen. Die 20-Jährige Frau wurde von den Tieren gebissen und verblutete.

Sie ist schon das dritte (bekannte) Hunde-Opfer in diesem Jahr. Im Frühling wurde ein 80-Jähriger bei Neapel beim Wildspargel-Suchen von einem Rudel „Wildhunde“ angegriffen und getötet. In Ligurien starb ein dreijähriges Kind an den Bissen von Pitbulls – keine Streuner, sondern im Besitz der Nachbarn. Pitbulls und andere Kampfhunde dürfen in Italien von allen gehalten werden, nachdem ein 2006 erlassenes Gesetz, das die Zucht besonders aggressiver Hunderassen limitieren sollte, schon 2009 wieder abgeschafft wurde. Mit der Begründung, es sei wissenschaftlich nicht erwiesen, dass manche Rassen aggressiver seien als andere. Gesetzlich verboten ist es seither lediglich, Hunde mit dem Ziel zu züchten, sie aggressiver zu machen.

Ein Gummiparagraph, denn in gewissen Kreisen gehört es zum guten Ton, sich mit hündischen Kampfmaschinen zu umgeben. Und natürlich auch, die Leinenpflicht zu ignorieren, womit die Machos der Mafia allerdings in allerbester Gesellschaft sind. In unserem Dorf legt kein Mensch seinen Hund zum Gassigehen an die Leine, tierische Hinterlassenschaften werden nicht aufgehoben und verpackt, wir leben ja schließlich nicht in der Stadt.

Manche verstehen unter „Auslauf“, dass sie einfach das Hoftor öffnen, damit ihre Tiere sich ein wenig in der Dorfgemeinschaft umschauen können. Andere legen ihre Hunde an die Kette, obwohl das bei Strafe verboten ist. Nachts kläffen diese armen Viecher, die mutterseelenallein Gemüsegärten oder Geräteschuppen „bewachen“ sollen, verzweifelt im Chor mit den sogenannten „Trüffelhunden.“ Letztere warten in dunklen Verschlägen darauf, dass ihr Besitzer sie zum Edelpilz-Erschnüffeln ausführt. Oder zur Singvogeljagd, Eröffnungsschießen am 1. September. Die Jagdsaison ist nach der Ferienzeit in Sommer übrigens der Zeitraum, in dem die meisten Hunde ausgesetzt werden. Jagdhunde, die nicht jagen können, sich also als untauglich erweisen, werden wie Ballast abgeworfen. Wir reden hier von Umbrien, also jenem Teil des Landes, der allgemein als civilizzato gilt.

Das Hundeleben in Italien ist weitgehend wirklich ein Hundeleben. Die Zahl der Streuner ist vor allem im Süden des Landes Legion, obwohl das Aussetzen von Haustieren mit Haft bis zu einem Jahr und Geldstrafe bis zu 10.000 Euro geahndet wird. Das Problem ist nur, dass kaum jemand erwischt wird, und so werden ganze Würfe mit acht bis zehn Welpen einfach am Straßenrand „entsorgt.“ Das nächste Problem: Kommunen und Amtstierärzte, die vom Gesetzgeber für die Erfassung und Sterilisierung von Streunern verantwortlich gemacht werden, sind mit der Aufgabe vollkommen überfordert.

Um Italiens Straßenhunde kümmern sich Dutzende von Tierschutz-Organisationen. Das Netz quillt über von Fotos süßer Welpen, die Adoption im Norden suchen. Südlich von Rom werden grundsätzlich keine Tiere vermittelt, dafür landen gar nicht wenige in Deutschland.

Aber allzu viele bleiben hinter Gittern oder gleich auf der Straße. Letzteres sollte man wissen, bevor man zu einsamen Spaziergängen auf menschenleeren, sizilianischen Stränden, zum Wandern durch die Abruzzen oder die wunderbaren kalabrischen Wälder aufbricht. Es ist tatsächlich nicht ungefährlich.

Cave canem. Verantwortlich dafür natürlich: Der Mensch.

Die Aufmüpfigen

Der großartige Achim Schmitz-Forte hat sich auf meinem Lieblingssender WDR 5 mit mir über Neros Mütter unterhalten. Grazie mille und tausend Dank! Hoch seien der Moderator und die Redaktion zu preisen, dass sie die alte Geschichten in einem so populären Programm aus der Versenkung holen.

Hier kann man es nachhören.

Lasten und Rad

Schon klar, wir müssen jetzt schleunigst die Welt retten. Ich bin dabei! Aber ich frage mich, wieso man dazu ein Lastenrad braucht, noch dazu ein mit 1000 Euro staatlich subventioniertes. Die Sache ist doch die: Man kann tatsächlich mit einem ganz normalen Fahrrad einkaufen fahren. Auch Kartoffelsäcke, Bierkästen, Blumentöpfe. Geht alles. Mein Vater, 79, praktiziert das seit seiner Kindheit. Er hatte nie ein Auto. Lebt auf dem Land, fährt mit dem Rad zur Corona-Impfung, sogar zum Herzkatheter (ok, das war grenzwertig), früher fuhr er selbstverständlich mit dem Rad in den Urlaub (sogar nach St. Moritz).

Wir drei Kinder sind ohne Auto aufgewachsen. Nächstes Kino: 12 Kilometer. Nächste Kneipe: Immerhin fünf. Im Winter, trotz der herrlich flachen westfälischen Landschaft, durchaus eine Herausforderung. Im Sommer kein Problem.

Lastenräder hatte kein Mensch und wir auch nicht. Aber in Rom habe ich vor vielen Jahren auch mal einen Umzug mit dem Fahrrad gemacht.

Der Wahlkampf treibt schon sehr seltsame Blüten. Wenn ihr mich fragt: Ganz normale Fahrräder vom Staat für Hartz-4-Empfänger. Und die Welt wäre schon sehr viel gerechter.

Meine Mutter, die auch nie ein Auto hatte, fährt übrigens einkaufen mit dem Bus.

Eierjagd

„Und womit vertreibst du dir die Zeit?“ fragte mich heute am Telefon ein famoser Ex-Kollege, nachdem er angesichts meiner absoluten Ahnungslosigkeit über den Spielplan der Bundesliga einen Moment lang sprachlos gewesen war. Übersetzt lautete die Frage: Was um Gottes willen arbeitest du denn jetzt?

Am nächsten Buch, antwortete ich. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Ich hatte nicht den Mut, ihm zu gestehen, dass ich täglich außer mit Gießen auch noch mindestens eine halbe Stunde mit Eiern beschäftigt bin, beziehungsweise mit deren Entfernung. Es ist eine stumme Schlacht, die sich knapp vor Sonnenuntergang in meinem Gemüsegarten vollzieht.

Die Eier stammen vom Großen Kohlweißling. Pieris brassicae, ein gräulich-weißer Schmetterling. Er tanzt auf meinen Kohlpflanzen. Weißkohl, Blumenkohl, Broccoli, Schwarzkohl, insgesamt 42 Pflanzen, die ich in diesem Herbst abzuernten gedenke (für das nächste Frühjahr wird im September weiterer Kohl gesetzt).

Ich habe nichts gegen den Kohlweißling, die Sache ist nur: Er oder wir. Denn aus seinen Eiern – unter jedem Weißkohlblatt befinden sich schätzungsweise 80 bis 100, in meinem Beet täglich rund zehn Nester – schlüpfen Raupen. Diese Raupen bleiben sympathischerweise in einer gemeinsamen Kinderstube und in lieblicher Eintracht würden sie den Kohl, auf dem sie sitzen, ratzekahl abfressen, wenn ich nicht allabendlich die Eier einsammeln würde, um genau das zu verhindern. They call it biologische Landwirtschaft, Baby. Selbstversorger, null Kilometer, all dieser Kram. Gerade habe ich auf der Website einer deutschen Umweltschutzorganisation gesehen, dass die empfehlen, Kohl für die Schmetterlinge anzubauen. Damit die Armen was zu beißen haben, wegen Insektensterben und so. Nee, Leute. Nicht mit mir. Ich müsste den Kohl dann nämlich im Supermarkt kaufen. Oder bei einem Bauern, der sich auch gegen die Raupen wehrt. Kann ja nicht der Sinn der Sache sein.

Eiablage ist hier bis Ende Oktober. Ich kalkuliere jetzt schon, ob es passt, im September endlich mal eine Woche ans Meer zu fahren. Müsste aber drin sein, denn die Raupen schlüpfen nach sieben bis zehn Tagen. Rucola oder Kohlrabi fressen die übrigens auch. Genau wie der Kleine Kohlweißling, der seine Eier gemeinerweise einzeln ablegt. Womit ich mich geschlagen gebe. Jedes Kohlblatt nach einzelnen Schmetterlingseiern absuchen?!

Da kann ich ja gleich wieder Fußball gucken.

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Rave am Lago

Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit erlebt der sonnenverbrannte Landstrich der Tuscia gerade eine Invasion der Barbaren. Die Tuscia ist eine Gegend zwischen Latium und der Toskana, altes Etruskerland mit uralten Städten, unergründlichen Vulkanseen und einer grausandigen Meersküste. Wunderschön, abgelegen und wegen ihrer Abgeschiedenheit leider auch vernachlässigt, ja sich selbst überlassen. So konnte vor Monaten gerade noch abgebogen werden, dass Italiens Atommüll gleich an sechs Stellen in dieser wundervollen Kulturlandschaft versenkt wird (es gibt ja so viele Etruskergräber hier und alle sind leer). Nicht verhindern konnten die Leute der Tuscia eine Barbareninvasion, die sich gewaschen hat – wenn auch leider nicht buchstäblich, wie dieses Video beweist.

Seit in der Nacht vom 13. zum 14. August eine schier endlose Schlange von Lkws und Autos zu den stillen Ufern des kleinen Lago di Mezzano vorrückte, ist rund um den See die Hölle los. Geschätzte 10.000 Menschen aus halb Europa (natürlich auch Deutsche, was für eine Frage!) „feiern“ bei Ohren betäubender Musik einen so genannten Rave, also eine Dauerparty mit viel Drogen, dafür aber ohne Klos und den ganzen bürgerlichen Rest.

Die Kühe, Ziegen und Schafe, die zu normalen Zeiten dort grasen, sind inzwischen auf Tauchstation. Ebenso wie die Rehe und die Kormorane und die paar Leute, die halt Pech gehabt haben, weil sie ausgerechnet am Lago di Mezzano ihre Bio-Landwirtschaft betreiben oder gar Urlaub auf dem Bauernhof machen wollten. Ja, selbst Schuld! Das Feld gehört jetzt den Barbarinnen, die aus grauer Corona-Städte Mauern ausbrachen, um endlich mal wieder den Sommer zu genießen. In Italien kann man schließlich machen, was man will.

Stimmt, leider. Denn die verzweifelten Appelle der Bürgermeister aus den umliegenden Dörfern bleiben ungehört. In der Kreisstadt Viterbo erklärt der Polizeichef, man befinde sich in Verhandlungen mit den Ravern. In Verhandlungen! Ganz so, als handele es sich um ein feindliches Heer oder die Taliban. Die Leute hielten 30 Hektar besetzt, dafür habe man leider nicht das nötige Personal. Eine Räumung sei ausgeschlossen.

30 Hektar, die Fläche ist 20mal so groß wie der Vatikan. Selbst ein Aufgebot von Schweizergardisten würde da vermutlich nicht viel ausrichten. Aber es ist doch erstaunlich, wie leicht man Italien…besetzen kann. Inzwischen gibt es bei den Ravern einen Todesfall (ein 24-Jähriger ertrank im See). Drei sind auf der Intensivstation, davon einer mit Covid, und zwei haben Anzeige wegen Vergewaltigung erstattet. Bei der Polizei.

Wenn der Rave sein, sagen wir, natürliches Ende gefunden hat, werden die Polizisten aus Viterbo dazu abkommandiert werden, den Müll aufzusammeln, weil die Müllabfuhr das allein nicht schaffen kann. Zehntausend Menschen auf 30 Hektar halt. Und ich frage mich, wie spießig meine Erleichterung über unseren Sicherheitsabstand zum nächsten Lago ist. Obwohl – vielleicht ist es ja genau andersherum. Und die Raver von heute sind die Spießer von morgen.

Der große Naive

„Il capocannoniere di un campionato è sempre il miglior poeta dell’anno“, hat Pasolini einmal geschrieben, der sich mit Fußball und Dichtung gleichermaßen auskannte. Der Torschützenkönig einer Saison ist immer der beste Dichter des Jahres. Denn das Tor, so Pasolini, sei der poetischste Moment beim Fußball. So unmittelbar unausweichlich, berührend, erstaunlich, endgültig – wie ein Gedicht.

Am Torjubel des Gerd Müller konnte man ablesen, dass Pasolini Recht hatte. Denn da freute sich einer, der gerade das vollbracht hatte, etwas so Unausweichliches, Berührendes, Erstaunliches und Endgültiges. Er hatte es geschaffen aus einer schier überbordenden Kreativität heraus, mit seinen Füßen, mit dem Kopf, dem Rücken, dem Hintern. Oft wusste er gar nicht, wie. Müller war der große naive Schaffende des Weltfußballs, ausgestattet mit dem verschwenderischen Talent des Generösen, der dem Publikum, der Mannschaft und sich selbst am laufenden Band Katharsis schenkte. Sein Fußball war explosiv, die pure Lebensfreude. Er traf ins Tor und er traf uns ins Herz, weil es so mühelos aussah, und paradoxerweise so wenig zielgerichtet. Wenn er jubelte, sprangen wir mit ihm dem Himmel entgegen. Die Freude eines Kindes, der Jubel eines Künstlers.

In vielen Nachrufen, die wegen Müllers Alzheimer-Erkrankung schon lange geschrieben waren, wird heute daran erinnert, dass er in seinen ersten Jahren beim FC Bayern als Möbelpacker arbeiten musste, weil das Geld für die Tore nicht ausreichte. Unvorstellbar, nicht weil er so wenig verdiente. Sondern weil man sich ja kaum ausmalen kann, wie derselbe Mann, der auf dem Rasen mit den Füßen so viel Leichtigkeit zelebrierte, im richtigen Leben mit seinen Händen schweres Gerät ausliefern sollte. Genauso unvorstellbar, dass er sich selbst vergessen hatte, in den letzten Jahren, obwohl er doch für uns unvergesslich bleiben wird.

Im Himmel wird er müllern. Und wir, hier unten, verneigen uns.

Ferragosto

Als Augustus – oder besser sein Adlatus Marcus Agrippa – die Erzfeinde Kleopatra und Marcus Antonius vernichtend geschlagen hatte, feierte er in der Mitte jenes Monats, der bis heute nach ihm benannt ist, einen dreitägigen Triumph. Die römische Kirche verdrehte die Feriae Augusti (Fest des Augustus) später zur Himmelfahrt Mariens, was deshalb naheliegend war, weil der alte Römer ja auch den postumen Abflug in den Himmel schon für sich gepachtet hatte. Seine Witwe Livia zahlte einem „Augenzeugen“ ein Milliönchen Sesterzen und schon war die Sache perfekt und Augustus ganz offiziell in den Wolken und vergöttlicht (nachzulesen bei den üblichen Verdächtigen oder bei mir, ab morgen in 2. Auflage). In Italien wird folgerichtig bis heute am 15. August „Ferragosto“ gefeiert – normalerweise mit viel Lasagne und Vino am Strand. Heute aber ist es, wie eine meiner überaus gesellschaftsfähigen römischen Freundinnen es definiert, „too hot to be social.“ Und sie kennt sich aus.

Deutsche, kommst du nach Italien, so merke dir: Es kann tatsächlich zu heiß sein für Zusammenkünfte. Ab 30 Grad mittags haben GastgeberInnen hitzefrei und Gäste natürlich auch. Wer euch trotzdem zum Mittagessen einlädt, ist entweder kein Italiener oder erwartet von euch, dass ihr euch höflichst entschuldigt. Ausnahmen gelten, wenn man derart gut miteinander bekannt oder eng miteinander verwandt ist, dass die auf das Mittagessen folgende Siesta inklusive ist. Ansonsten: Man sieht sich, wenn es kühler wird. Also im September, hoffentlich, vielleicht.

Selbst die Touristinnen flüchten heute in den Schatten. Denn Italien erlebt erneut eine Hitzewelle, es ist schon die dritte in diesem Sommer und sie ist besonders brutal. Seit einer Woche haben wir konstant Höchsttemperaturen um die 40 Grad (in den Wochen davor waren es fresh 35). Too hot to be social. Wir stehen im Morgengrauen auf – immerhin schon nach 6 Uhr – und verrammeln uns ab Mittag in den Häusern. Außenläden zu, Innenläden zu, ausharren bis 19 Uhr, wenn bei 36 Grad schon der Gang durch den Garten möglich ist und die zweistündige Gießorgie (natürlich kein Trinkwasser) beginnt. Abendessen gegen 22.30.

An den Strand fahren geht nicht. Viel zu heiß. Und viel zu voll. Die Hölle, das ist ein italienischer Strand im August. Lieber beame ich mich gedanklich in die Frischezone. Mein Favorit in diesem Rekordhitzejahr ist Halldor Laxness, der isländische Literaturnobelpreisträger. Am schönsten finde ich „Das Fischkonzert“, eine herrliche Geschichte um stoische Grauquappen-Fischer und generöse Hochstapler. Flugs habe ich Reykjavik in meiner Wetter-App installiert. Mittagstemperatur heute, 15. August, dreizehn Grad. Ein Traum, es ist, als ströme kühle Luft aus dem Handy. Wobei ich die Grauquappe trotz fleißiger Recherche nicht gefunden habe. Ist sie am Ende wegen Klimawandels ausgestorben?

Für Bäuerinnen ist die Hitze besonders hart. Der Gemüsegarten quillt in normalen Sommern um diese Zeit über, jetzt leidet alles trotz massiver Wasserzufuhr vor sich hin. Und dann die Brandgefahr: Die schlimmsten Pyromanen im Dorf scheinen ihre Aktivität eingestellt zu haben. Sogar Sergio mit seinen Räucherhühnern, die so heißen, weil er täglich kleine Leibhäufchen unter großzügigem Einsatz von Benzin vor ihrem Hühnerstall verbrennt, deren Rauchfahnen neben den armen Tieren auch die armen Nachbarn behelligen – Sergio also gibt tatsächlich Ruhe. Es ist ihm wohl auch schlicht zu heiß. Aber auf der anderen Tiberseite hat es vor Tagen so gebrannt, dass die ganze Gegend von himmelhohen schwarzen Wolken überzogen wurde. Irgendjemand konnte es nicht abwarten, seine Gartenabfälle abzufackeln und hat hektarweise Wald verkohlen lassen. Obwohl die Feuerwehr wirklich schnell war.

In anderen Gegenden ist sie nicht so schnell, nicht so gut ausgestattet oder die Brände sind schlicht zu viele. In Kalabrien, auf Sizilien, in den Abruzzen brennt es allenthalben. Fast immer wird das Feuer gelegt. Bei uns kam es vor Jahren bis fünf Meter vor’s Haus – Jäger aus dem Nachbardorf hatten den Brand entfacht, weil sie im Wald unserer Gemeinde nicht jagen durften. Angezeigt wurde niemand, aus Mangel an Beweisen. Oder aus Angst vor Rache-Attacken.

Übermorgen soll es kühler werden. Nur noch 33 Grad im Schatten, fast schon herbstlich. Vielleicht können wir für Mittwochabend sogar Gäste einladen, Beeilung ist angesagt, denn Samstag sollen es ja schon wieder 36 Grad werden. Too hot to be social. Im Grauquappen-Land erwarten sie 14 Grad und Regen.

Der Sound des Sommers

Sie ratschen wieder, in den Eichen und Oliven, von frühmorgens bis spätabends, um nachts von den ungleich leiseren Grillen abgelöst zu werden. Und es sind, dem leider überall fortschreitenden Insektensterben zum Trotz, Tausende. Ein gewaltiger Chor, der Sound des Sommers. Denn was wäre ein August im Süden ohne Zikaden?

Für die alten Griechen waren sie Botinnen der Musen, aber auch Galionsfiguren des Müßiggangs. Die unsympathische Äsop-Fabel von der Zikade und der Ameise zeugt von der Missachtung für ein Tierchen, das angeblich den ganzen Sommer vergeigt, anstatt wie die fleißige Ameise stumm und emsig Nahrung zu suchen. Im Winter klopft die Zikade (für die Nordlichter ist es eine Heuschrecke) an die Tür der Ameise und erbettelt etwas zu essen. „Que faisiez-vous au temps chaud?“ lässt der Franzose La Fontaine die Ameise fragen: „Was haben Sie denn während der warmen Jahreszeit getrieben?“ Wie – nur gesungen und getanzt? Das könne sie ja bitteschön auch jetzt im Winter weiter tun, höhnt die Ameise, aber nicht auf ihre Kosten, für derartige Eskapaden habe sie natürlich nichts übrig. Eine Fabel von der kleinlichen Verachtung für Künstlerinnen, dem Unverständnis für das vermeintlich Überflüssige – und dem Hass auf das Unkonventionelle. Denn die Zikade musiziert zwar im Chor, lebt aber nicht als Arbeiterin in einem straff hierarchisch organisierten Sklavinnenstaat wie die Ameise.

Also meine Präferenzen sind da ganz klar – auch weil die Ameisen mir nicht nur die Hibiskus-Blüten im Garten wegfressen, sondern auch das Brot in der Küche und sogar das Mandelöl im Bad. Es ist ein Dauerkampf, dabei legen sie entgegen der Legende überhaupt keine Vorräte an, sondern verschlingen alles sofort und subito. Die Zikaden hingegen bleiben brav auf dem Baum und musizieren, ganz ohne Gegengabe. Dazu hinterlassen sie uns mit den Hüllen ihrer Verpuppung wahre Kunstwerke.