Fliegende Holländer

Warum Ajax die Granden Europas entthront und unsere Herzen erobert. Und warum diese Mannschaft den falschen Namen trägt: Steht alles hier.

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Sic transit Gloria

Weiß Gloria Thurn und Taxis, die sich am Samstag um 14.10 Uhr als Gast beim „Internationalen Familienkongress“ in Verona zum Thema „Globale Perspektiven der Familie“ verbreiten soll, in wessen Gesellschaft sie das tut? Weiß sie, dass dort nicht nur Italiens rechtsradikaler Innenminister Matteo Salvini (zwei Kinder von zwei Ex-Frauen) anrücken wird, sondern Vertreter sämtlicher neofaschistischer Parteien? Weiß sie, dass „Kongresspräsident“ Brian Brown, zum Katholizismus konvertierter Quäker, ein großer Fan von Trump und Orban aber so gar kein Anhänger der Freiheit Andersdenkender ist?

Natürlich weiß sie das.

Gloria Thurn und Taxis ist bestens darüber informiert, dass dieser „Kongress“ nichts anderes ist als eine Zusammenkunft der ultrarechten Internationalen. Leute, die gegen jede Form der Emanzipation von ihren eigenen, kruden Weltvorstellungen zu Kreuze ziehen. Finsterlinge, die anderen Menschen vorschreiben wollen, mit wem sie ins Bett gehen und was sie dort tun, die von „natürlicher Familie“ schwafeln und damit die von ihnen selbst entworfenen Lebensgefängnisse meinen. Kurzum, eine Versammlung grimmiger Menschenfeinde aus aller Herren Länder, garniert von jenen Abgesandten der Häuser Bourbon-Anjou, Habsburg und eben Thurn und Taxis, die gerade Kreide holen waren, als im Unterricht die Französische Revolution dran war, und die deshalb leider nicht ganz auf der Höhe der Zeit sein können.

Die katholische Bischofskonferenz Italiens hat sich von dem reaktionären Mummenschanz beizeiten distanziert. Veronas Bischof ist trotzdem mit von der Partie. DieFamiliebestehtausMannundFrauAbtreibungisteinVebrechen, das übliche Blabla. Ob Gloria und die anderen hinter verschlossenen Türen (keine Presse zugelassen) vielleicht auch über die Sex- und Gewaltskandale der Kinderschänder im Talar reden?

Ach, man möchte ihn so gern ignorieren, diesen Laberkongress der hasserfüllten alten Säcke mitsamt Gloria Victoria.

Aber leider sind auch drei amtierende Minister der Republik Italien dabei.

Unser Mark Knopfler

Die Deutsche Akademie für Fußballkultur, der ich seit vielen Jahren angehöre, hat 2019 zum „Trauerjahr für den Fußball“ erklärt. Klingt bombastisch. Aber wieso sollten wir ausgerechnet jetzt einer Sache nachweinen, die es schon lange nicht mehr gibt, ja, die es vielleicht nie gegeben hat? Die Vorstellung, dass Fußball ein reines Vergnügen war, um das uns erst vor kurzem schlimm korrupte Funktionäre gebracht haben, ist reichlich naiv und vielleicht nicht von ungefähr auf Deutschland begrenzt. Die Deutschen haben ja auch an ihr Sommermärchen 2006 geglaubt, also daran, die WM 2006 durch Fleiß, Tüchtigkeit und die besseren Ideen zugeschanzt bekommen zu haben. Eine Phantasie, bei der beispielsweise Italiener und Südamerikaner in schepperndes Hohngelächter ausbrechen würden.

Ein Gutes hat das merkwürdige Akademie-Motto jedenfalls: Endlich hat da mal einer meinen Kollegen Thomas Kistner interviewt. Bigger than life, der Kistner. Ihn unbestechlich zu nennen, wäre verniedlichend. Er schrieb schon über Doping und Bestechung im Sport, als wir alle noch bunte Märchen von tapferen Rennradprofis und treuherzigen Volkstribunen auf den Fußballplätzen erfanden. Wir dichten, Kistner denkt. Wir sind Dudel-Pop, er ist Mark Knopfler. Analyse statt Legende (dieses Wort gehört sowieso auf den Index). Zählt eins und eins zusammen, entlarvt die Strippenzieher und die Machtgeilen, die Korrupten und ihre Zahlmeister. Das alles immer schön lakonisch. Cool, cooler, Kistner. Als Kostprobe hier ein Zitat aus dem Interview, das man sich am besten ganz zu Gemüte führen sollte:

„Beim Fußball blicken wir auf eine Industrie, die immer größere Milliardensummen durch die Weltgeschichte transferiert. Weshalb? Weil der gleiche schlichte Kicker jetzt eben zehn Millionen, 20 oder 80 mehr kostet, der Markt hat sich halt so entwickelt. Der Markt! Da hockt dann so ein junger Kerl mit 20 oder 22 Jahren, oft genug kommt er direkt von der Straße, und kann seine Freundin oder auch die Nebenfreundin gar nicht genug zuwerfen mit all dem Geld. Profitieren tun natürlich auch die eigentlichen Akteure im Hintergrund, vorneweg die Berater. Es ist ein völlig sinnloser, alles andere als schätzenswerter Prozess. Das gehört eigentlich gestoppt, weil es nicht sinnloser geht – und in modernen Zeiten auch nicht geschmackloser.“

Den Fußball wird es wohl noch eine Weile weiter geben, als das, was er in den letzten 100 Jahren war: Pure Unterhaltungsindustrie. Die Fußballkultur als Konstrukt drumherum könnten wir wohl so langsam einmotten.