Kleiner Fisch Gattuso

Milan spielt gegen Benevent. Das müsste zu schaffen sein für Gattuso, den neuen Trainer. Der Aufsteiger aus Kampanien hat an den ersten 14 Spieltagen exakt null Punkte gemacht, und ist damit das Schlusslicht sämtlicher europäischer Ligen. Die Chancen für einen siegreichen Einstand von Gattuso stehen also gut. Die Chancen für eine strahlende Zukunft der AC Milan jetzt aber nicht so sehr. Warum der brave Rino nur ein Notnagel ist und wieso keiner die prekäre Lage bei einem der größten italienischen Klubs kontrolliert, steht heute in der SZ. 

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Schöner wohnen vor 1900 Jahren

Selbst im Spätherbst ist Rom heute von Touristen nachgerade überflutet. Sie stapeln sich vor dem Kolosseum, vor dem Vatikan, dem Trevibrunnen. Alles weltberühmte Monumente, also ist es natürlich verständlich, dass sie zum Pflichtprogramm der Reise gehören. Was viele nicht wissen: Es wird weiter gegraben, an vielen Stellen, dauernd. Immer wieder machen Archäologen wirklich sensationelle Funde. Dieser hier ist zwar schon seit einigen Jahren bekannt, aber nun gibt es ein tolles Video davon. Es handelt sich um das Privathaus von Trajan auf dem Aventin. Der aus Spanien stammende Trajan (53-117) lebte dort, bevor er 98 Kaiser wurde.

Auf dem Video sieht man, wie die Archäologen durch eine Öffnung der Kanalisation in die antike Villa hinabsteigen. Jetzt könnte ich mich darüber verbreiten, welche Kanaldeckel stadtbekannt sind als geheime Eingangspforten zu unterirdischen antiken Prunksälen. Tue ich nicht. Es gibt ja zum Glück sehr viele offizielle Tore zur einzigartigen Wunderwelt des alten Rom. Vom Thermenmuseum bis zum Palazzo Altemps, zu schweigen von den Kapitolinischen Museen. Und den Trajansmarkt, den Palazzo Massimo, und und und.

Da hat man, unglaublich aber wahr, auch mitten in der Saison seine Ruhe. Im Winter aber sind es magische Orte, an denen man ein Gefühl bekommt für die vielen Schichten der Stadt, für die Wurzeln Europas und für die eigene Vergänglichkeit.

Was Totti so macht

Er engagiert sich zum Beispiel gegen Gewalt an Frauen. In seiner Fußballschule in Ostia gab Totti heute den Anstoß zu einem Wohltätigkeitsmatch: Richter gegen Schauspieler. Organisiert war das Treffen von der Staatssekretärin für Gleichberechtigungsfragen (ja, so heißt das in Italien). In den letzten Jahren hatte es eine Welle der Gewalt gegen Frauen gegeben, die von ehemaligen Liebes- und Lebensgefährten ausging. Diese Männer wollten sich nicht damit abfinden, verlassen worden zu sein und rächten sich mit Säureanschlägen oder töteten sogar ihre Ex-Freundin. Im Mai 2016 strangulierte ein 27-Jähriger eine 22-Jährige Studentin, die die Beziehung zu ihm beendet hatte. Anschließend zündete der Mörder den Leichnam der jungen Frau in deren Auto an.

Daran erinnerte heute das Fußballspiel. Tottis Name hat in Rom immer noch sehr großes Gewicht, deshalb beschäftigten sich vermutlich ein paar Leute mehr mit dem Thema Gewalt an Frauen, als wenn es dazu den x-ten Zeitungsartikel gegeben hätte. Totti hatte die Mutter des Mordopfers in seine Schule geladen. Und er sprach auch selbst, nicht lang, mit einfachen Worten: „Diese Gewalt muss aufhören. Männer und Frauen sind gleich.“

Vor einigen Jahren hatte auch Ex-Nationaltrainer Cesare Prandelli an einer Kampagne gegen Gewalt an Frauen teilgenommen. Heute ist die Nationalmannschaft bekanntlich erst mal von der Bildfläche verschwunden. Oder, wie Totti kommentiert: „Die machen nächsten Sommer erstmal fett Urlaub.“

 

Der Spieler

Ich gehöre zu jenem verschwindend kleinen Personenkreis meiner Generation, an dem Boris Becker irgendwie vorbei gegangen ist. Ja, natürlich habe ich mitbekommen, dass er Wimbledon gewann, viel mehr aber auch nicht. Tennis war einfach nicht mein Ding, es lag außerhalb meiner Welt. Fußball interessierte mich mit 20 aber auch nicht, niemals wäre mir in den Sinn gekommen, dass ich mal als Sportschreiberin enden würde. Werde ich womöglich auch nicht.

Heute abend jedenfalls habe ich gebannt vor dieser sehr guten Reportage von Michael Wech und Hanns-Bruno Kammertöns gesessen, die die ARD dankenswerterweise auch für Auslandspublikum in ihrer Mediathek zeigt. Wie gesagt, ich war Becker gegenüber ganz unvoreingenommen, wenn auch nicht ganz an mir vorbeigegangen ist, dass ihn viele in Deutschland schlichtweg als erledigt betrachten. Und dann hat mich seine Geschichte doch sehr beeindruckt. Diese absolute Besessenheit, diese Selbstdisziplin, diese Kampfstärke. Der frühe Erfolg, das Reingeworfenwerden in die große Welt. Die manchmal grotesken Brüche in seiner Biografie, die Frauen, das Pokern, der Raubbau am eigenen Körper. Wirklich ein bemerkenswertes Epos. Und natürlich ist dieser Becker kein bisschen blöd, was ihn offenbar nicht davor gefeit hat, krachende Fehler zu begehen.

Trotzdem bleibt da etwas Beklemmendes: Ein Leben zu haben, was nicht ins Raster passt, das wird in Deutschland nicht gern gesehen. Man soll ein Superstar sein und gleichzeitig das Dasein eines Bankangestellten führen. Das ist das eine. Das andere sind die Bilder von einem früher so strahlend gut aussehenden und heute frühzeitig gealterten Mann, dessen Füße vom Tennis so kaputt sind, dass er kaum laufen kann.

Morgen, am 22. November wird Boris Becker 50. Da kann man ihm nur alles Gute wünschen.

 

Was tun?

Das Scheitern der Jamaica-Schnapsidee ist ein guter Grund, mal wieder den Genossen Wladimir Iljitsch Uljanow zu zitieren. Tja, was tun? Der Patt ist da, die Krise, angeblich eine der schlimmsten der Nachkriegszeit, wobei uns älteren Semestern da spontan ungleich dickere Dinger einfallen würden. Hamburg- und Oderflut, Terrorherbst, Strauß als Kanzlerkandidat, hat’s ja alles schon gegeben.

Hoch ist deshalb Kurt Kister zu preisen, der anstatt die Apokalypse zu beschreien, schön lakonisch auf dem Teppich bleibt: „Ein Mann hat einen Traum. Er will Emmanuel Macron sein oder wenigstens Sebastian Kurz. Er ist aber nur Christian Lindner.“

Eben, es ist nur Christian Lindner, noch nicht mal Sebastian Kurz. Kein Kaliber, das eine 30er-Jahre-Staatskrise auslösen könnte. Aber: Die SPD darf sich jetzt nicht weichklopfen lassen. Es ist ein grobes Missverständnis der europäischen Sozialdemokratie, dass sie sich ausgerechnet in diesen Zeiten vielerorts mit einer Staatspartei verwechselt. Die Sozis, das müssen nicht die sein, die treu und fest für Stabilität zu sorgen haben, um jeden Preis, auch um den der eigenen Existenzfähigkeit. Noch eine GroKo und die SPD ist weg vom Fenster. In Italien läuft’s genauso. Da muss der Partito Democratico dringend klarstellen, dass sie nach den Wahlen im Frühling 2018 mit keinem der Irren von wirr-rechts bis extrem-rechts eine Koalition bilden würden. Nicht mit Grillo, nicht mit Berlusconi, nicht mit der Lega. Denn auch hier rechnen viele ernsthaft mit Berlusconi, sozusagen als kleinstes Übel.

Dass die SPD in Deutschland es auf Neuwahlen ankommen ließe, wäre wirklich mal eine Überraschung. Möchte ich jetzt nicht drauf wetten. Eher darauf: Es wird spannend.

Der Aufstand

Es ist unfassbar, aber wahr: Italiens Verbandspräsident Carlo Tavecchio ,74, weigert sich, nach dem Desaster der Nationalelf seinen Hut zu nehmen. Erstmals seit 1958 eine WM ohne Azzurri, ein in 60 Jahren unerreichter Tiefpunkt und der oberste Funktionär sieht nicht, was ihn das anginge. Ein Telefonat mit Adriano Galliani, dem Vertrauten von Silvio Berlusconi, auf dessen politischem Ticket Tavecchio fährt – und alles soll weiter laufen wie vorher. Weil Berlusconi nichts dagegen hat. Weil Agnelli und die anderen mächtigen Klubchefs schweigen. In der Vorstandssitzung gestern hat Damiano Tommasi, der Vertreter der Spieler, protestierend den Raum verlassen: „Es ist für uns schwierig, über den Neuanfang zu reden, wenn die alte Spitze an der Macht bleibt. Aber eine Trainerbank ist ganz offensichtlich unbequemer als ein Funktionärssessel.“ Renzo Ulivieri, der Vertreter der Trainer, ein ehemaliger Kommunist, unterstützt den Forza-Italia-Christdemokraten Tavecchio. Der Klub der alten Männer hält zusammen, obwohl das Vertrauen bei den Fußballern vollkommen weg ist! Aber wozu braucht man im Fußball Spieler?

Nur Ventura ist gegangen. Halt, stimmt ja gar nicht: Er ist gegangen worden. Von wegen Rücktritt, solche Gesten der Selbstachtung und Würde sind ja in diesen Zeiten viel zu teuer. Und so hat Gian Piero Ventura tatsächlich gewartet, dass er 48 Stunden nach der schlimmsten Niederlage eines italienischen Nationaltrainers entlassen wurde, um nicht auf seinen Lohn verzichten zu müssen. 1,5 Millionen für ihn, 300.000 für seine Mitarbeiter. Und kein Cent weniger.

Fans und Medien schäumen vor Wut. Die „Gazzetta“, sonst eher bekannt für freundliche Hofberichterstattung, lädt die Herren vom Verband ein, doch mal ihre Büros zu verlassen und in eine x-beliebige Kaffeebar zu treten, „damit sie endlich kapieren, was die Stunde geschlagen hat. Sie müssen weg, sie müssen gehen. Alle.“ Aus London meldet sich Gianluca Vialli, Ex-Angreifer der Azzurri, von Juventus, Chelsea und Sampdoria: „Wir brauchen eine Kulturrevolution.“ Neue Köpfe und neue Ideen im Verband, einen Manager der Azzurri wie es Oliver Bierhoff bei den Deutschen ist, hier am besten: Paolo Maldini. Nur bitte weg mit dem Muff von tausend Jahren: „Italien ist ein wunderbares Land, das aber leider von der Politik stranguliert wird. Im Fußball macht der Karriere, der die richtigen Kontakte in der Politik pflegt.“

Unterdessen werden in der Presse SMS aus Spieler-Handys veröffentlicht, die man den Journalisten jetzt freigiebig zuspielt. Einer hat vor dem Spiel gegen Schweden gesimst: „Wir sollten uns besser an Gigi halten. Buffon als Kapitän, Trainer und Spieler. Jetzt sind wir ein Schiff ohne Steuermann, mitten im Sturm.“ Tatsächlich wird sogar über Buffon als Trainer spekuliert, was ziemlich absurd ist, denn Charisma und Spielerfahrung werden kaum ausreichen, um diese Karre wieder aus dem Dreck zu ziehen. Außerdem wird Gigi noch bei Juve gebraucht, zum Beispiel nächste Woche gegen Barcelona.

Verbandschef Tavecchio will Carlo Ancelotti holen. Dieser Trainer, in Italien über alle Kritik erhaben, soll die Squadra Azzurra retten, vor allem aber den Verbandspräsidenten selbst. Ancelotti scheint es, sei nicht abgeneigt, billig wird er natürlich nicht und er besteht auf allen Freiheiten, die Antonio Conte nicht bekam. Bleibt die Frage, mit welchen Spielern er die Rekonstruktion betreiben will. Die Senatoren sind ja weg, bis auf Chiellini, der heute mit einem Interview im „Corriere della Sera“ seine Kandidatur als Kapitän angemeldet hat. Auch Daniele De Rossi ist gegangen, mit einer großen Geste, die der ruhmlos untergegangenen Squadra Azzurra Ehre macht:

Nach dem Schlusspfiff, nach den Tränen und der Trauer erschien De Rossi im Bus der schwedischen Mannschaft. Er entschuldigte sich für die Pfiffe des Publikums von San Siro gegen die schwedische Hymne. Und er sagte den Siegern: „Alles Gute für die WM, Jungs. Wir Italiener drücken euch die Daumen.“

Aus den Fugen

Da denkt man, Journalismus sei besser als Arbeit. Und dann dies: Die Azzurri sind aus dem Rennen und  Seite Drei plus Sport brauchen Stoff. Wer soll da noch drei Zeilen für den Blog geradeaus schreiben? Von allen Kommentaren, die ich heute gelesen habe, war dieser jedenfalls der beste: WM in Russland ohne Italien. Umgekehrt wäre es viel schöner gewesen.