Armes Italien

40:60, das ist ungefähr das Verhältnis der letzten Europawahl, bei der Renzos Partito Democratico einen Rekordanteil von 41 Prozent einfuhr. Nicht alle, die heute mit Nein gestimmt haben, würden Grillo oder die Lega Nord wählen, schon klar. Aber doch die allermeisten. In Italien gibt es eine populistisch gestimmte, EU-feindliche Mehrheit und das nicht erst seit heute. Eine Mehrheit, die glaubt, sie könne das Rad der Zeit zurück drehen – und auf dem Weg dahin heute allerdings wieder ein Stück weiter gekommen ist.

Renzi musste angesichts seines politischen Scheiterns zurück treten. Denn wer diese Regierung in einem hysterischen Wahlkampf („Serienkiller an der Zukunft unserer Kinder“, Zitat Herr Grillo) als Handlanger amerikanischer Geschäftsbanken und Brüsseler Bürokraten  desavouviert hat, wer den Reformentwurf zum Senat als Handstreich eines autoritären Regimes verteufelte, der soll doch bitteschön jetzt mal zeigen, was er drauf hat. Die Argumentation, der scheidende Premier habe das Referendum nicht mit seiner Person verknüpfen dürfen, ist reichlich naiv. Denn wenn Renzi dies nicht von sich aus getan hätte, so hätte er seinen Gegnern ein weiteres Pfund geliefert. Nach dem Motto: Er will und eine Verfassungsänderung aufzwingen und noch nicht einmal die Verantwortung dafür übernehmen.

Jetzt ist erst einmal der Staatspräsident für eine Übergangsregierung dran. Und dann, nach Neuwahlen, vielleicht die anderen. Noch in der Nacht, konnte man sehen, wie die Führer des Nein-Lagers sich feierten und alle so taten, als hätten sie mit ihrem Lager ganz allein gewonnen. Die grausame Wahrheit ist: Mehr als Nein zu sagen, können die italienischen No-Brüller gar nicht. Sie verkaufen einen politischen Nihilismus, der direkt an die Berlusconi-Ära anknüpft. Flüchtlingspolitik und Sozialpolitik kommen in ihrem Katalog ebenso wenig vor wie Projekte zur Überwindung der Wirtschaftskrise. Der Kampf gegen den Brain-drain der Akademiker, gegen die anhaltende Diskriminierung der Frauen, für Bildung und Kultur: überall Fehlanzeige. Gruselig die improvisierte Pressekonferenz der fünf Sterne, die das große Aufräumen versprechen und daneben ein Grundeinkommen für alle. Das war’s dann aber auch schon. Woher sie ihre vollmundig versprochene Regierungsmannschaft holen wollen, wenn sie schon in Rom keine vernünftigen Leute haben, wird sich zeigen.

Renzi ist heute nacht krachend gescheitert, doch hatte seine Regierung in kurzer Zeit eine Arbeitsmarktreform, die Reform der Bürokratie und der Schule  auf den Weg gebracht. Der gnadenlosen Ausbeutung von Tagelöhnern in der Landwirtschaft wurde Einhalt geboten, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften wurden ermöglicht. Italien hatte endlich einen Kulturminister, der diesen Titel verdiente. Hatte endlich junge Frauen in der Regierung, die nicht gegen den Sexismus ihrer Kollegen ankämpfen mussten. Kurz, gediegene, sozialdemokratische Politik. Von wegen Handlanger des Großkapitals.

Das soll jetzt alles schon wieder vorbei sein. Die Brüllaffen übernehmen.

Na dann gute Nacht.

Referendum

Nach einem langen, ermüdenden und teilweise erschreckend vulgären Wahlkampf stimmt Italien am Sonntag in einem Referendum über eine Verfassungsreform ab, die die Regierung von Matteo Renzi vorschlägt. Im Parlament haben zuvor ebenfalls Abstimmungen über die Reform stattgefunden. Der Entwurf fand eine Mehrheit – worauf deshalb hinzuweisen ist, weil einige, die seinerzeit dafür stimmten, heute vehement dagegen sind. Bei der Reform geht es im Wesentlichen um die Reduzierung von Personal und Befugnissen des Senats, der als Oberhaus absolut identische Befugnisse wie die Angeordnetenkammer hat. Es geht außerdem aber auch um Zentralisierung etwa des Gesundheitswesens.

Als Außenstehender fragt man sich, wieso es um dieses Referendum ein solches Geschrei gibt. Die Befürworter behaupten, ohne die Reform sei Italien zu ewigem Stillstand verdonnert. Die Gegner malen die Machtergreifung durch ein autoritäres Regime unter dem Diktatur Renzi an die Wand, falls sein Vorschlag angenommen wird. Während ich nach 27 Jahren in einem weitgehend erstarrten Italien für die erste These zu haben bin, finde ich die „Argumente“ des Nein-Lagers absurd. Und wenn man sich genauer anschaut, wer sich bei den Neinsagern tummelt, stößt man in der Tat auf einen grotesken Zirkus. Da sind die Schafe von der Fünfsternbewegung hinter ihrem Guro Grillo, einem mediokren, alten Komiker, der gerade seinen zweiten Frühling als vulgärer Volkstribun erlebt. Grillo ist gegen die Lügenpresse, gegen zu schnelle Züge und zu freies Denken (wer das praktiziert, fliegt ganz schnell aus seiner „Bewegung“), gegen Müllverbrennung und gegen den Euro. Sein „Vordenker“ war der Internet-Nerd Casaleggio, der dieses lustige Video als „geistiges Vermächtnis“ hinterlassen hat. Was soll man sagen: Die Italiener fahren auf diesen esoterischen Quatsch ab, sie wählen die fünf Sterne in Massen, wie sie früher in Massen Berlusconi gewählt haben. Sie lieben halt die Show, je schriller, desto besser.

Schlicht sind Grillos Wahrheiten, abstrus seine Verschwörungstheorien. Heutzutage muss man über einen Politiker ja nur behaupten, er sei von amerikanischen Banken gesteuert und die Leute glauben sofort, sie würden von einem Handlanger des Heuschreckenkapitalismus regiert, der sich zur besonders perfiden Täuschung ausgerechnet als Sozialdemokrat ausgibt. Hierzulande kommen dann auch noch die Freimaurer ins Spiel, sowie nicht näher definierte „poteri forti“ (starke Mächte) und natürlich die Mafia. Es ist der Triumph der Einfalt und des schlechten Geschmacks.

Grillo ist mit seinem Nein in bester Gesellschaft. Berlusconi ist auf seiner Seite, die radikalen Ausländerhasser von der Rechtsaußenpartei Lega Nord sind es auch, zu diesen Finsterlingen gesellen sich ein paar Alt-Linke, die sich von Renzi übergangen fühlen. Alles lupenreine Demokraten, die die Demokratie ausgerechnet vor Matteo Renzi retten wollen.

 

Wenn Juventus stolpert…

…kommt endlich mal wieder Leben in die Bude. Die 1:3-Klatsche bei CFC Genua war so deutlich, dass sich die Verfoger Hoffnungen machen können. Drei Tore in einer halben Stunde zu passieren, ist Juve ewig nicht passiert. Man hatte sich allenthalben mehr oder weniger darauf eingestellt, dass auch der sechste Meistertitel in Serie mehr oder weniger eine Formsache sein würde. Von wegen. Trainer Allegri, sichtlich pikiert, stellte die These auf, dass Genua mit 25 zu acht Fouls gewonnen hätte. Das war schwach. Genuas Ivan Juric, Kroate, derzeit einziger ausländischer Coach der Serie A, sichtlich überrascht, stellte die These auf, dass seine Jungs einen wirklich guten Tag gehabt hätten. Das war stark.

Ein Hauch von Nostalgie

Ob es wirklich Berlusconis letztes Derby war, das am Sonntagabend in San Siro mit einem 2:2 zwischen Milan und Inter endete, das sei hier mal dahin gestellt. Schließlich versucht der größte Präsident aller Zeiten (Selbsteinschätzung) schon seit zwei Jahren, den tollsten Fußballklub auf der Welt (dito) loszuwerden. Im Sommer haben die Chinesen von Sino Europe eine Anzahlung von 100 Millionen geleistet. Werden sie auch, wie erwartet, Mitte Dezember die übrigen 420 Millionen zahlen? Vielleicht wird Berlusconi auch beim Rückspiel nochmal in der Inter-Kabine auftauchen (das erlaubte er sich jetzt zum Abschied). Fest steht: Nicht nur im Fußball grassiert jetzt tatsächlich eine kleine Mr.B.-Nostalgie. Typisch italienisch, dieses „es ging uns besser, als es uns schlechter ging.“ Angeflogen kommt es natürlich angesichts der begründeten Furcht, dass es uns demnächst noch schlechter gehen könnte, aber hallo. Denn Berlusconi ist zwar der Vater des italienischen Nachkriegspopulismus, die Neuen könnten ihn aber durchaus übertreffen bzw. unterbieten. Am 5. Dezember, nach dem Referendum über die Verfassungsreform, weiß man mehr.

Legenden

 Jürgen Klopp in schöner Ehrlichkeit:“All die Legenden, die wir lieben und verehren, haben getrunken wie die Teufel und geraucht wie verrückt.“ Und die Jungs von heute?  „Die professionellste Generation von Fußballspielern.“ Niemand rauche oder saufe mehr: „Ich kenne keinen.“

Zidane hat geraucht. Zoff hat geraucht und getrunken und trotzdem elf Jahre ohne Pause im Juve-Tor gestanden. Gino Bartali, zweifacher Tour-Gewinner und Gerechter unter den Völkern, weil er unter Lebensgefahr Briefe jüdischer Mitbürger in seiner Fahrradstange transportierte, hat Zeit seines Lebens den Rotwein seiner toskanischen Heimat genossen.

Legenden. Ob die professionellste Generation von Fußballspielern auch so etwas hervorbringt?