Nullpunkt

Hilfe! Wird das hier noch irgendwann mal anders? Oder nähert sich Fußball-Italien langsam und unaufhaltsam der Türkei, ach was: Österreich?

Advertisements

Muss Dzeko gehen?

Mitten in der Saison will die Roma ihren besten Spieler verkaufen. Vielmehr: Sie muss. Denn Chelsea bietet 30 Millionen für Edin Dzeko, eine Summe, die fast so groß ist wie das Defizit in der Roma-Bilanz. Warum der Schacher um Dzeko symptomatisch ist für die marode Serie A, steht in der Samstagsausgabe der SZ und hier.

Der Fall Wedel

„Unschuldsvermutung heißt nicht, dass die Opfer schweigen müssen“, schreibt Heribert Prantl zum Fall Wedel. Die ZEIT hat in einem Dossier die Opfer zu Wort kommen lassen und was sie berichten, ist so grauenvoll und erschreckend, dass man es kaum fassen kann. Die Macht dieses Regisseurs muss im deutschen Fernsehen ebenso groß gewesen sein wie sein Drang, Frauen in jeder möglichen Weise zu brechen und zu unterjochen. Ein Psychopath im Regiestuhl, wenn die betroffenen Schauspielerinnen die Wahrheit sagen. Und daran habe ich nicht den geringsten Zweifel.

In den Internetforen führen, man muss das leider sagen, vor allem Männer das große Wort. Viele verteidigen den mutmaßlichen Täter Wedel, gebetsmühlenhaft wird hier die Unschuldsvermutung angeführt (siehe oben), der auf einem ganz anderen Planeten spielende Fall Kachelmann evoziert oder die immer gleiche Frage gestellt, warum die Opfer sich nicht sofort gewehrt hätten.

Dabei ist das Schlimmste ja, dass sie das taten und nicht gehört wurden. Dass man im Sender, in der ARD Bescheid wusste über Wedel und seine „Methoden.“ Dass man aber, um nochmal Prantl zu zitieren, die sexuelle Gewalt offenbar als Kollateralschaden hinnahm, weil der „geniale“ Regisseur halt wichtiger für’s Geschäft war als es seine kleinen, blonden, immer irgendwie austauschbaren Schauspielerinnen sein durften.

Und heute? Die Verrohung der Gefühle, die Pornografisierung der Kultur, die allgemeine Respekt- und Würdelosigkeit ist Alltag in der Internetgesellschaft. In der digitalen Welt sind die Frauen nicht freier geworden, sie werden eher noch gnadenloser verglichen, bewertet und abgewertet. In der www. Männerwelt sind Frauen immer noch das andere Geschlecht.

Nur mit den analogen Wedels werden wir zum Glück jetzt mal langsam endlich fertig.

 

 

 

Ist er wieder da?

Silvio Berlusconi hat in dieser Woche ein bisschen Wahlkampf in Brüssel gemacht – und wurde mit offenen Armen von der EVP empfangen. Ein Fehler, mahnt die SZ in einem Kommentar, Europa solle gefälligst die sozialdemokratische PD unterstützen. Nun gehört aber Berlusconi zur EVP, seitdem die Christdemokraten seinen Wahlverein Forza Italia in ihren Reihen aufnahmen. Wer Orgien schmeißt und unter dem Verdacht steht, Parlamentarier gekauft zu haben, wird deshalb noch lange nicht aus dem Kreis der so genannten Bürgerlichen verbannt. CDU-Abgeordnete, die nach Rom reisen, werden immer ganz einsilbig, wenn man sie auf den Freund ihrer Partei anspricht. Aber Fakt ist, dass Berlin und Brüssel eine so genannte Große Koalition für Italien gar nicht so übel fänden. Wobei Große Koalition den Zusammenschluss zwischen Forza Italia und PD meint, ohne die ultra rechten Schmuddelkinder von der Lega, mit denen Berlusconi gerade gemeinsam den Wahlkampf bestreitet. Wie er sich nachher von diesen selbsternannten Verteidigern der Weißen Rasse befreien will, weiß er vermutlich selbst noch nicht. Mit der einen Koalition Stimmen zu holen, um mit der anderen zu regieren, wäre jedenfalls kein Problem.

Das Irre ist ja, dass die Italiener ohnehin gar nicht wissen, wen sie wählen. Sowohl Forza Italia als auch die PD halten ihre Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten nämlich streng geheim. Sie können das, schließlich wird der Premier nicht direkt gewählt. Aber es gab durchaus Zeiten, wo klar war, wer gegen wen antrat. Prodi gegen Berlusconi zum Beispiel (der rundliche Professor gewann zwei Mal). Heute hält man sich bedeckt. Berlusconi darf ja nicht, obwohl er keinen Hehl daraus macht, dass es ihm wurscht ist, wer sein Handlanger ist. Und Renzi traut sich nicht aus der Deckung, weil seine Sympathiewerte im Keller sind. Was den eventuellen Handlanger angeht, siehe oben.

Bislang haben nur die Radikalen (Lega, Fratelli d’Italia), die Altlinken hinter dem alten Macho Piero Grasso und die Dilettanten von den Fünf Sternen ihre Spitzen-Kandidaten ausgewiesen. Für die Fünf Sterne will Luigi Di Maio Italien regieren, ein 31-Jähriger, berufsloser Studienabbrecher, vollkommen unbeleckt von höherer Bildung, politischen Visionen und praktischer Lebenserfahrung und deshalb vielen Landsleuten sehr sympathisch. Weiß man eigentlich, dass der Anteil der Akademiker im Land der Renaissance-Universalgenies bei 18 Prozent dümpelt und neuerdings sogar rückläufig ist? Aber sicher gibt es da Zusammenhänge. Und hat eigentlich irgend ein deutschsprachiges Medium darüber berichtet, dass, während Berlusconi in Brüssel antichambrierte, sich 5000 ausgebildete KrankenpflegerInnen nach Parma aufmachten, um dort einen Test zu absolvieren? Die 5000 bewarben sich um einen einzigen Arbeitsplatz! Staatliche Stellen werden hier in einem so genannten „Concorso“ (Wettbewerb) vergeben, bei dem der beste Bewerber den Job erhält. Um den „Preisträger“ für ein Bruttogehalt von 2000 Euro zu ermitteln, werden Massenprüfungen abgehalten. 5000 für einen Platz also, viele über Nacht im Bus angereist aus Süditalien. Oh ja, auch da gibt es Zusammenhänge in diesem Land der verratenen Träume.

Di Maio wird viele Stimmen bekommen, weil er quasi die postdemokratische Version des Selfmade-Man verkörpert: Aus dem Nichts bei einem Internet-Wahlverein angeheuert, wegen seiner vollkommen glatten Außen- und Innenfläche zum idealen Zugpferd auserlesen und prompt nach ganz oben katapultiert.

In diesem Wahlkampf geht es die ganze Zeit nur um Posten und Koalitionen. Inhalte spielen keine Rolle. Das ist wahrlich nichts Neues, nur ein weiterer Beweis dafür, dass Italien weit davon entfernt ist, den Berlusconismus überwunden zu haben.

Es sieht ganz so aus, als bräuchte es dafür tatsächlich Berlusconi.

 

Wie verhext!

In alten Mafia-Schinken wie der „Der Pate“ pflegten die Männer der Ehrenwerten Gesellschaft ihre Drohungen geschmackssicher an einem Pferdekopf oder an eine tote Ratte zu heften. Heute reicht für sowas ein Account beim sozialen Netzwerk Instagram: „In der Hoffnung, dass ihr morgen früh kaltgefroren seid und man für euren Abtransport Mahagonisärge braucht…“, stand in weißen Buchstaben auf schwarzem Grund auf der Seite des Fußballprofis Fabio Lucioni zu lesen. Und weiter: „Gute Nacht, ihr versteht schon, wer gemeint ist.“ Nun, viele der 8033 Follower hatten da zumindest spontan eine Idee.

Denn wenige Stunden zuvor war der Verteidiger Lucioni, 30 Jahre alt und Kapitän des Erstligisten Benevent, vom Antidoping-Gericht des Olympischen Komitees zu einem Jahr Sperre verurteilt worden. Bereits im September hatte man den Profi positiv auf das Steroid Clostebol getestet. Lucioni erhielt umgehend eine 90-Tages-Sperre, weil die Dopingrichter aber nicht rechtzeitig zu einem rechtskräftigen Urteil kamen, durfte er danach ein paar Spiele absolvieren. Spiele, in denen der Aufsteiger Benevent seine sensationelle Negativserie beendete.

Der Klub aus Kampanien hatte seit Saisonbeginn 14 Begegnungen in Serie verloren, eine derart hartnäckige Verteidigung der Nullpunkt-Position war einmalig in Europas Fußball-Landschaft. Zuletzt hatte Manchester United vor 88 Jahren schlappe 12 Niederlagen hintereinander geschafft. Bis Benevent kam, der Verein mit der reitenden Hexe im Wappen. Das 70 Kilometer nordöstlich von Neapel gelegene, uralte Städtchen gilt als Austragungsort der italienischen Walpurgisnacht. Am 3. Dezember hatte der Oberste Hexenrat offenbar den Zauberstab für Benevent geschwungen. Mit einem 2:2 gegen Milan wurde der erste Punkt erobert, der entscheidende Treffer kam von – Torwart Alberto Brignoli! Der Schlussmann als Torschütze: Abakadabra.

benevento

Auch Kapitän Lucioni kann ein Lied von finsteren Mächten singen. Er habe doch gar nicht gewusst, dass jenes Spray, mit dem der Vereinsarzt eine Zerrung behandelte, das Teufelszeug Clostebol enthalten habe. Allein der Dottore sei Schuld! Tatsächlich wurde dieser Fußball-Faust für vier Jahre gesperrt, kann also seine Zaubertränke so gut wie endgültig einpacken. Zu spät für den armen Lucioni, der laut klagte, er fühle sich um die Erfüllung seines Kindheitstraums betrogen. Endlich in der Serie A und nun das!

Als die Mahagonisärge von seiner Instagram-Seite grüßten, träumte der Fußballer schon wieder. Am Morgen ging er an den Computer und sah die Bescherung. „Erst Stunden später habe ich gemerkt, welche Sätze auf meinem Instagram-Account stehen“, schrieb er schnell. „Sie wurden sofort gelöscht. Ich entschuldige mich persönlich und lege Wert auf die Feststellung, dass der Account von Dritten betrieben wird.“ Von wem, traut man sich ja gar nicht zu fragen. Erst das Teufelszeug im Spray und dann die diabolischen Paten-Phantasien im Internet: Es ist doch wirklich wie verhext.

Kicken mit 100

Mit ihrer Schwester Maria war unsere Nachbarin Rina Montebovi in dem großen Gründerzeitbau an der Piazza Vittorio Emanuele II. aufgewachsen, und hatte dort quasi ein ganzes Jahrhundert erlebt. Das Königreich, den Faschismus, den Krieg, bei dem in noch nicht einmal einem Kilometer Luftlinie entfernt hinter der Stazione Termini Bomben der Alliierten auf Häuser, die Kirche San Lorenzo und eine vollbesetzte Trambahn fielen, den anschließenden Schwarzmarkt unter den Bögen des größten Platzes von Rom. Und dann die Republik und deren Niedergang. Als sie zum ersten Mal wählen durfte, war Rina schon 33 und arbeitete als Bürokraft. Geheiratet haben sie und Maria nie. „Deshalb sind wir so alt geworden“, scherzte sie. Beide bestanden auf der Anrede Signorina.

Mit knapp hundert kickte Fräulein Rina auf der Dachterrasse mit den winzigen Kindern ihrer Haushaltshilfe aus Bangladesh. Zu diesem Haushalt der Schwestern Montebovi gehörten auch zwei Kanarienvögel, die Maria morgens in ihrem sorgfältig mit Zeitungspapier gegen die Sonne abgedeckten Käfig aufs Fensterbrett stellte. Sie rauchte dazu die erste von sehr vielen Zigarette, denn Maria Montebovi war Kettenraucherin und ist vielleicht deshalb nur 98 Jahre alt geworden. Rina hätte im April ihren 105. Geburtstag geschafft. Heute wurde sie beerdigt.

DSC_0136

Und das war dann eine der Gelegenheiten, bei denen die ur-römische Hausgemeinschaft von der Piazza Vittorio (hier ein Winterbild von 2012) zusammenkam, um in Erinnerungen zu schwelgen. Etwa die, als bei mir eines Nachmittags zwei Carabinieri klingelten und mich baten, bei den Schwestern für sie ein gutes Wort einzulegen. Rina war am Vormittag auf dem Weg zur Messe in der Metrostation ausgeraubt worden. Nun wollten die beiden Militärpolizisten sie dazu vernehmen, aber die Schwestern wollten ihnen die Tür nicht öffnen. Sie blieb auch verschlossen, als ich es dann versuchte. „Es sind wirklich Carabinieri“, schrie ich – die Nachbarinnen waren da schon sehr schwerhörig. „Es sind Männer“, schrie Rina zurück. „Und fremden Männern machen wir nicht auf. Nur, wenn sie mit hereinkommen!“ Das tat ich. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, als Aufpasserin für die italienische Polizei gebraucht zu werden?

Das Verhör war anstrengend, weil alle schreien mussten, was die Lungen hergaben. „Der spricht so komisch“, klagte Rina in voller Lautstärke über den älteren der beiden Carabinieri. „Ist der etwa Ausländer?!“ Er komme aus Neapel, erklärte der Polizist, leicht gekränkt. „Sag ich doch!“, gab Rina ungerührt zurück.

„Bis ich in Pension ging, habe ich mein Fahrrad immer noch in den 4. Stock getragen“, sagte sie, wenn ich schnaufend die Treppe hochkam.

Gute Reise, Signorina. Die Erde sei Ihnen leicht.

Welcher Fußball?

Seit zwei Monaten befindet sich Italiens Fußball in Schockstarre. Oder ist er gar schon richtig tot? Seit zwei Monaten gibt es keine Verbandsführung, keinen Nationaltrainer und keine Nationalmannschaft mehr. Irre!!! Aber natürlich hat dieser Wahnsinn Methode. Denn während gleich nach dem skandalösen Versagen in der WM-Qualifikation alle Zeichen auf Sturm, Revolte und Grunderneuerung standen, sind diese Empörung und der Drang zum Neuanfang jetzt schon wieder verpufft. Und jene Aussitzer, Mauschler und alten Säcke, die nach Lampedusas Motto, alles müsse sich ändern, damit alles so bleiben könne, wie es immer schon war, haben schon wieder Oberwasser.

Am 4. März wird ein neues italienisches Parlament gewählt. Und alles deutet darauf hin, als würde es auch hier am Schluss eine große Koalition geben. Und zwar, bitte anschnallen, aus Renzis PD und Berlusconis Forza Italia. Diese Konstellation würde in Brüssel und Berlin nicht nur geduldet, sondern sogar gewünscht – sofern die unberechenbaren Rechtsaußen von der Lega Nord nicht mit ins Boot stiegen, gegen die die Herren von der CSU wirken wie ein Männerchor der Herz-Jesu-Marxisten. Geduldet, ja erwünscht, weil Berlusconi selbst ja nicht in der neuen Regierung sein würde. Er darf nicht, als verurteilter Steuerbetrüger (dass er beim FC Bayern problemlos Präsident werden könnte, steht auf einem anderen Blatt).  Berlusconi bliebe im Hintergrund und alle wären zufrieden. Europa hat längst andere, neue, größere Probleme und außerdem agiert ja schon ein Forza-Italia-Mann zur allgemeinen Zufriedenheit als Präsident des Europaparlaments. Es gilt also nur, in Italien ein Vollchaos durch eine Regierung der Fünf Sterne zu verhindern. Berlusconi ist das kleinere Übel. Der ist ja noch nicht mal gegen den Euro, überhaupt ist er im Unterschied zu den Grillini extrem flexibel, kein bisschen ideologisch und schon gar nicht lustfeindlich. Besonders letzteres ist erwiesen.

So viel zum Treiben im Hintergrund. Der italienische Fußball wird nicht reformiert, weil man noch nicht weiß, welche Partei am 4. März gewinnen wird. Die Fünf Sterne lassen wir mal außen vor, die interessieren sich weder für Fußball, noch für Sportpolitik und schon gar nicht für die Nationalmannschaft. Wahrscheinlich würden sie überhaupt am liebsten das Profiwesen im Fußball abschaffen, weil sie gegen alles sind, was nur annähernd professionell ist, zum Beispiel bei der Müllabfuhr und im Journalismus. Unter den Fünf Sternen gäbe es allerhöchstens eine Squadra Azzurra der Amateure. Avanti Dilettanti!