Roma capoccia

Es ist heiß. Und es ist leer. Am frühen Morgen ist es noch nicht so heiß, aber dafür noch leerer, also die beste Zeit zum draußen sein. Heute mal zu Fuß, das Fahrrad ist im Hof angeschlossen, aber der Sohnemann hat den Schlüssel verklüngelt. Zum Rad und zu den zwei Türen davor. Zahnarzttermin mit Nervtötung erst um 11 Uhr, also ist man um halb sieben strahlender Laune.

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Ist ja auch schön, oder? Mit dem Rad wäre es schöner, schon wegen der leichten Brise. Aber auf dem Rad sieht man nicht so viel wie zu Fuß. Zum Beispiel diesen Blumenkübel vor dem Kolosseum:

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Okay, der Zoom ist ein bisschen ungerecht. Schließlich stehen hier gleich drei von diesen Dingern, sorgsam aufgereiht.

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Die E- Roller gehören mittlerweile auch zum Stadtbild. Man muss verdammt aufpassen,  nicht umgefahren zu werden, vor allem aber, nicht über die Dinger zu stolpern. Immerhin ist das aber viel einfacher zu Fuß. Denn mit dem Rad hätte ich hier tatsächlich ein klitzekleines Problem:

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Soviel zu Rom als neuer Radlerhauptstadt. In Wirklichkeit entwickelt sich die Stadt gerade zur neuen Metropole der Monopattini – klingt das nicht viel netter als E-Roller? Ach so, hier auf dem Weg vom Kolosseum zum Circus Maximus. Da soll demnächst auch die U-Bahn direkt verkehren. Also irgendwann demnächst.

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Ich bin immerhin schon so lange in town, dass ich mich noch an eine Zeit ohne diese Baustelle erinnere. Allerdings war das Kolosseum da auch noch altersschwarz. Man konnte damals einfach so das Augustus-Forum sehen. Das waren Zeiten! Heute geht das nicht mehr, höchstens sehr früh morgens, wenn man die Absperrungen ignoriert.

Vorhang auf:

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Was das soll? Nun, ein gewisser Alberto Angela, TV-Moderator einer Wissenschaftsshow, hat sich an den interessantesten Ausgrabungsplätzen Italiens die Rechte für seine Multimedial-Märchenstunde vor zahlendem Publikum gesichert. Der Mann ist der unumstrittene Boss der Geschichts-Verkitschung, übrigens schon in zweiter Generation, denn vor ihm hatte sein Vater Piero das übernommen. Das derlei Monopole erstens überhaupt bestehen und zweitens auch noch vererbt werden, wäre anderswo undenkbar. Hier aber versperrt die absurde Tribüne für die abendliche Lightshow nicht nur monatelang den Blick auf das Forum, sie verschandelt auch eine einmalige Stadtlandschaft. Und das, obwohl sie auch abends leer bleibt!

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Wobei….Stadtlandschaft? Mitten in Rom kann man sich neuerdings sein Mittagessen zusammensammeln. Rucola sprießt direkt am Kolosseum. Die lichtblau blühende Cicoria – also die deutsche Wegwarte – ein in der römischen (Restaurant)-Küche sehr beliebtes Gemüse, hat sich neuen Lebensraum an der Forenstraße erobert. Früher hatten wir mal StadtgärtnerInnen. Jetzt haben wir die Fünf Sterne im Rathaus. Und das Kraut sprießt überall, wie es will. Genau wie der Müll.

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Wenn die Stadt so leer ist, könnte man sie doch glatt mal aufräumen. Für uns RömerInnen, damit wir es in diesen harten Zeiten ein bisschen netter haben.

Welch ein naiver Gedanke auf einem Morgenspaziergang durch die schönste Stadt der Welt. Was ich übrigens nicht fotografiert habe: Die Hundescheißepäckchen auf den Fensterbänken verschlossener Hotels. Die überall achtlos hingeworfenen Atemschutzmasken. Die Matratze auf dem Bürgersteig unweit von Neros Goldenem Haus, Nachtlager für arme Menschen.

Und jetzt ab zum Zahnarzt.

 

 

Die Coop bist du

Aus dem alltäglichen deutschen Fleischporno ist ein Fleischhorror geworden, so weit sind diese beide Genres eigentlich nicht voneinander entfernt. Zu dem sauberen Herrn Tönnies und Konsorten ist schon alles gesagt und wer, wie ich, aus seiner Wurstekessel-Gegend kommt und mit Hausschlachtung bei Omma im Keller aufgewachsen ist (zum Glück haben unsere Eltern uns da rausgeholt, als ich sechs war), der wundert sich auch nicht darüber, dass westfälische LokalpolitikerInnen und StaatsanwältInnen groß im Wegschauen sind. Die LokalpressInnen sowieso.

Nur soviel: Es stimmt nicht, dass erst das Fressen kommt und dann die Moral. Weiß ich als Kind einer working-poor-Familie, die bei Aldi grundsätzlich nur die Grundnahrungsmittel kaufte. Gemüse und Eier kamen vom Gemüsebauern, das holten wir mit dem Rad an den Abenden vor den Markttagen ab. Brot kam vom Bäcker, Milch und Sahne kamen vom Milchwagen. Und Fleisch und Aufschnitt kamen vom Metzger, der damals wie heute noch eigene Schweine hat.  Meinen Eltern hat das Supermarktzeug schlicht nicht geschmeckt. Es wurde immer viel für’s Essen ausgegeben und wenig für den Rest. Insofern war Tönnies immer eine andere Welt, ganz abgesehen davon, dass zu seiner auch noch Schalke gehört.

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Natürlich gibt es solche Feudalherren auch in Italien, aber die beuten eher LandarbeiterInnen aus, Großmetzger sind hier kleiner. Nicht von ungefähr wurde Slow Food in Italien erfunden, nicht ohne Grund ist Italien der größte Erzeuger von Bioprodukten. Die Leute haben nicht nur mehr Bewusstsein für das Essen, sie haben auch mehr Empathie für diejenigen, die es ihnen auf den Tisch bringen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Italien bis vor wenigen Jahrzehnten ein Agrarland war. Die allermeisten hier haben Eltern oder zumindest Großeltern, die selbst einen kleinen Olivenhain bewirtschafteten oder einen Gemüsegarten mit Hühnerstall.

Und dann gibt es die Coop. Seit Jahrzehnten sind wir Mitglieder. Die Coop war mal rot, das ist vorbei, sie war tief in Schmiergeldaffären verstrickt, das ist hoffentlich auch vorbei. Heute im Angebot: Bioprodukte, klar. Antimafia-Produkte ebenfalls. Und Antiausbeutungs-Protokolle in der Landwirtschaft und Fischindustrie. Kein Palmöl in allen Eigenprodukten. Plastik weitgehend abgeschafft. Preisblockade während der Corona-Krise. Die Coop gibt auch Kredite, gegen den Zinswucher. Tiertransporte eingeschränkt, Fleisch-Herkunft nachvollziehbar. Überhaupt ist die Herkunft aller Lebensmittel anzugeben – in Deutschland weiß man ja noch nicht mal, woher die Nüsse für den Kuchen kommen.

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Das sollte jetzt keine Schleichwerbung für die Coop sein, die mich nachweislich nicht bezahlt, es läuft umgekehrt. Nur der Hinweis, dass es halt immer an den KundInnen liegt. Also an uns. Immer. Ausgenommen sind diejenigen, die sich wirklich nicht leisten können, auf etwas anderes zu schauen als auf den Preis der Waren und ihrer eigenen Arbeit. Diese Menschen müsste man besonders schützen. Dass man sie stattdessen zynisch missachtet,  ist der eigentliche Skandal bei Tönnies.

Für alle, die Italienisch können, hier noch ein echter Leckerbissen: Anfang der 1990er Jahre hat Woody Allen Spots für die italienische Coop gedreht. Hier sieht man alle in einem Video. Eloquentes Kalbfleisch, Außerirdische und der Traum vom Schinkenbrot, die Erotik von Äpfeln und ein Brautpaar in der Gemüseabteilung. Es war die Erfindung des Slogans „Die Coop bist du.“

Es soll Menschen geben, die Woody Allen boykottieren, wegen der Anschuldigungen seiner Ex-Frau. Ich beschränke mich auf den Boykott der Schweineindustrie, das aber im Allgemeinen und Besonderen.

 

 

 

Jedermann

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Italien eine Partei gegründet, die sich „Fronte dell’Uomo Qualunque“ nannte, wörtlich: Front des Jedermanns. Mit dem Jedermann war der im deutschen Sprachraum so beliebte „Kleine Mann“ gemeint, also jener Kleinbürger, der sich durch eine tiefe Skepsis dem Staat gegenüber auszeichnet, vor allem dann, wenn dieser Staat demokratisch organisiert ist.

Bei den Wahlen 1946 gelang der Jedermann-Front der Sprung ins Parlament und damit sogar in die verfassungsgebende Versammlung. Zwei Jahre später war die Partei schon wieder weg vom Fenster. Der Qualunquismo aber, jene typisch italienische Demokratieverdrossenheit, blieb. Eine Comicfigur und eine ganze Reihe von satirischen „Jedermännern“ sind nach ihm benannt, zuletzt eine höchst erfolgreiche Kino-Trilogie um einen kleinbürgerlichen Antihelden namens Cetto La Qualunque ( in Deutschland, wo das unsäglich „F you Goethe“ die Säle füllt, sollte man darüber besser nicht lächeln).

Die italienische Politik wimmelt von Qualunquisti. Berlusconi war der reichste Jedermann, Bossi der vulgärste, Salvini ist der aggressivste, Grillo der abgezockteste. Die Jedermann-Parteien verfügen seit Jahrzehnten über solide Mehrheiten im Parlament – mit kurzen Unterbrechungen, in denen das Land wieder ein bisschen auf Vordermann gebracht wird, was den Leuten den Vorwand liefert, den nächsten Jedermann zu wählen. Oftmals befinden sich die Jedermänner indes sowohl in der Regierung als auch in der Opposition. So auch jetzt. Obwohl: So schlimm wie jetzt war es wirklich noch nie.

Nehmen wir Giuseppe Conte. Er wurde Ministerpräsident, weil er A) mit Messer und Gabel essen kann, B) das auch auf Englisch hinkriegt und C) garantierte, sich nicht in die große Politik der beiden Big Jedermänner Salvini und Grillo einzumischen. Letzteres hat sich inzwischen erledigt, weil Salvini in der Opposition ist und Grillo eigentlich auch, nur nicht so öffentlich.

Im Gegensatz zu diesen beiden richtet Conte keinen Schaden an, indem er Minderheiten verfolgt und die Demokratie demontiert. Er ist einfach da und schwimmt irgendwie oben, wie das einst Generationen christdemokratischer Regierungschefs vor ihm taten, übrigens ist Herr Conte dabei immer auffallend gut frisiert. Das Problem ist nur: Italien erlebt gerade die größte Krise seit Jahrzehnten. Der Schuldenberg wächst wie die Arbeitslosigkeit und die allgemeine Depression, das war schon vor Corona so und jetzt ist es erst recht so, nur noch viel schlimmer. Dass die Zustimmung für Conte während des von seiner Regierung verordneten, strengen Lockdowns, stieg und stieg, war eigentlich ein positives Zeichen. In der Not wollten die Leute doch lieber von einem freundlichen Jura-Professor regiert werden als von dem Rumpelstilzchen Salvini. Inzwischen hat man die ernüchternde Gewissheit, dass das einzig Positive an dieser Regierung die Tatsache ist, dass Salvini ihr nicht angehört. Aber das reicht natürlich nicht.

Seit einem Jahr wird darüber diskutiert, endlich die unsäglichen Gesetze zur Blockade von Flüchtlingsschiffen abzuschaffen, die Salvini mit den Stimmen der Fünf Sterne durchgesetzt hat. Nichts geschieht. Seit einem Jahr verspricht die Regierung die Einrichtung von Arbeitsagenturen. Nichts geschieht. Vom Tisch ist der Vorstoß der Staatsbürgerschaft für Einwandererkinder, den die mit regierende PD eigentlich auch sofort einbringen wollte. Aber dann kam ja Corona. Und eine Krise, die die amtierende Regierung endgültig als einen Haufen von Jedermännern und Jederfrauen entlarvt, die ohne tragfähiges Projekt, ja ohne eine einzige Idee irgendwie an der Macht bleiben wollen. Auch Conte scheint Gefallen an der Macht gefunden zu haben. Leider findet er nicht ganz so leicht einen Ausweg aus der Krise.

Stattdessen gibt Conte den Jedermann. Laut tönt er gegen die angebliche Einmischung der EU (und namentlich der Angela Merkels) bei der Verteilung der Post-Corona-Hilfsgelder. Aber er hat immer noch keinen Plan, wie er das Geld einsetzen soll. Er weiß noch nicht einmal, ob die Fünf Sterne ihm erlauben werden, den 37 Milliarden-Kredit aus dem Rettungsfonds zu akzeptieren. Nach wie vor sind die Grillini dagegen, schließlich haben sie ihrer Klientel Jahre lang vorgelogen, die EU vergäbe Kredite nur zur Gängelung. Der Rettungsfonds ist für die Fünf Sterne eine Schimäre wie die Müllverbrennung und der im Labor erzeugte Bakterienbefall apulischer Olivenbäume. Von all‘ den schönen Verschwörungstheorien kann man jetzt nicht einfach abrücken, nur weil die Realität gerade mal stärker ist.

Die Schwäche des Jedermanns Conte resultiert aus der Stärke der anderen. Oder auch umgekehrt. Das Ergebnis jedenfalls ist Stillstand. Die Blockade wird neue Jedermänner produzieren, womöglich sogar Jederfrauen, denn zurzeit ist rechtsaußen die forsche Giorgia Meloni mit ihren Ewiggestrigen im Aufwind. Neu ist sie nicht, denn sie war schon unter Berlusconi Ministerin. Und neu sind schon gar nicht ihre Überzeugungen  – von Ideen mag man ja gar nicht sprechen. Aber wie es aussieht überdauert der Qualunquismo in all‘ seinen Farben, in Ewigkeit, Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Animali per esperti

Hatte ich schon gesagt, wie gern ich Eva Menasse lese? Ihr „Tiere für Fortgeschrittene“ ist als Sommerlektüre nur zu empfehlen. Geht aber auch im Frühling, Herbst oder Winter. Erzählungen werden leider von Kritik und Publikum immer noch unterschätzt. Eva Menasse ist eine Meisterin dieser Form. Abgründig, witzig, warmherzig, verschroben, raffiniert. Wenn man will, kann man grübeln, was die jeweilige Geschichte eigentlich mit dem Namen gebenden Tier zu tun hat. Muss man aber nicht.

Hier liest sie (mit italienischen Untertiteln) aus „Enten.“ Und ich gebe (wer’s überspringen will: bis Minute 4:58) die Vorgruppe, ohne Untertitel. Ein Projekt des österreichischen Kulturinstituts Rom.

Rome again

Piazza Vittorio, um sechs Uhr nachmittags, Parkplatz direkt vor dem Haus. Scheint also keiner da zu sein. Außer einer Gruppe von Männern, mittelalt, alle mit Bierflasche, schon ein bisschen angezwitschert. Ich lade das Auto aus, komme zurück, um die Auflaufform vom Beifahrersitz zu holen.

„Aho, Signò“ sagt einer, „Signora“ ist gemeint. „Haben Sie Lasagne gemacht oder was?“ Ich murmele nein, er hört mich nicht hinter meiner Maske. „Signò, Lasagne?“ – Da stößt ihn der nächste an: „Dottoressa???“

Rome again. Ich wusste gar nicht, wie sehr ich das vermisst habe. Steht alles noch. Andererseits ist auch einiges passiert.

Die Wahrsagerin unten zum Beispiel, ist schon auf dem neuesten Stand. Das „Vergangenheit gratis“-Schild hat sie abgebaut, wer will schon zurück schauen, in diesen Zeiten, no grazie, auch nicht für umsonst. Stattdessen: Plexiglasbarriere, zwischen zwei fetten Zylindern. Und Telefonservice.

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Die chinesische Weinhandlung hat jetzt draußen Tische aufgestellt, das Café daneben sich verbreitert. Es gibt ja Platz genug unter den Arkaden.

Rom ist leer. So leer. In Deutschland scheint man das ja toll zu finden, die leeren italienischen Städte. Venedig leer! Nix wie hin. Florenz! Nur wir auf dem Ponte Vecchio, super! Im Grunde sind die Deutschen Waldmenschen geblieben, vermutlich die einzigen auf der Welt, die auch in der Stadt nur die Vögel zwitschern hören wollen.

Auf der Piazza Vittorio haben die grünen Papageien schon vorher den Verkehrslärm übertönt. Jetzt hört man auch die Mauersegler. Der Hinterhof ist so, sagen wir: lebendig wie eh und je. Die eine Bangla-Familie fängt um Punkt zehn Uhr morgens an mit der großen Knoblauchrösterei, die andere kocht gegen 23 Uhr interessanterweise ganz ohne Knofel. Der Mark erschütternde Husten des Alten von gegenüber ist hunderprozentig nicht Corona und wird konsequent weiter am offenen Fenster verabschiedet. Der eine Nachbar schaut den ganzen Tag RAIuno, die andere, mit Radio Maria, ist verstummt.

Unterwegs, in der Nacht, ist man wirklich ganz allein. Die Via Urbana, sonst eine swingende Kneipenstraße: menschenleer. Der angesagte Eissalon im Ausgehviertel Monti: geschlossen. Es ist so still in den Straßen der alten Suburra und die Stille sagt, hier wohnt niemand mehr. Alles Ferienwohnungen und keiner zu Hause. Nur auf der Piazzetta hängen Trauben von jungen Römern, aus einem Pub hört man sogar Englisch. Keiner trägt Maske.

Und dann biege ich auf die Via dei Fori Imperiali, die Aufmarschstraße zwischen Kolosseum und Piazza Venezia. Sonst um Mitternacht eine Garantie für Tote Hose, wer guckt schon um diese Zeit Ruinen? Aber heute ist was los, Lachen, Schreien, Gedränge. Römische ragazzi sausen, von ihren Freundinnen angefeuert, um die Wette auf den E-Rollern, die von der Stadtverwaltung überall im Zentrum für Touristen aufgestellt werden.

Und die albernen Roller sehen auf einmal gar nicht mehr so albern aus. Sie verleihen der frischen Juninacht jene Leichtigkeit, die sie verdient hat.

Rome again.

 

Partita del Secolo

Heute vor 50 Jahren fand im Aztekenstadion von Mexiko City das WM-Halbfinale Italien-Deutschland statt. Italien gewann 4:3. Bis in die 90. Minute hatten die Italiener 1:0 geführt und es geschafft, dieses Resultat eisern zu verteidigen. Dann glich Karl-Heinz Schnellinger aus, der damals bei Milan spielte. Es folgte eine halbe Stunde, in der sich die zuvor ziemlich zähe Begegnung zum allseits verklärten „Jahrhundertspiel“ wandelte. Nie war eine WM-Verlängerung spannender, nie fielen mehr Tore.

94.     1:2 Müller

98.     2:2 Burgnich

104.   3:2 Riva

110.   3:3 Müller

111.    4:3 Rivera

Nebenbei spielte Beckenbauer ab der 65. Minute mit einem an den Körper festgebundenen, rechten Arm, nachdem er sich auf der Jagd nach einem Elfmeter die Schulter verletzt hatte. Der deutsche Radio-Reporter Kurt Brumme empörte sich vor einem Millionen-Publikum über die Italiener: „Mein Gott, ist das ein Fußball hier. Das ist ja entsetzlich, das ist ja widerlich. Burgnich ist soeben verstorben, sehe ich. Nein, da kommt er wieder!“ „Pfui, pfui, pfui, Rivera!“

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Nun, in Italien hat man naturgemäß einen anderen Blick auf das Match. Der 50. Jahrestag wird gefeiert, als wären die Azzurri damals als erste auf dem Mond gelandet. Schon vorher hab es einen Kinofilm und ein Theaterstück zum Thema und Bücher sowieso, das Beste von den dem Soziologen Nando dalla Chiesa. Er schildert, wie die Italiener mit dem Sieg auch die Überwindung eines uralten Minderwertigkeitskomplexes gegenüber den Deutschen feierten: „Es schien, als seien wir jetzt die Deutschen.“ Dalla Chiesa erinnert, wie die Italiener in der Nacht zum ersten Mal als Nation feierten, überall auf den Straßen tanzten und wie der Autocorso geboren wurde. Hunderttausende waren damals als Arbeitsemigranten in Deutschland und zelebrierten den mühsam erkämpften Sieg über die reichen, arroganten Deutschen.

Für die war das 3:4 der Beginn des Italien-Traumas. Es folgten nur noch Niederlagen, bei der WM 1982, bei der WM 2006 (besonders bitter), bei der EM 2012 (ein Doppel-Balotelli, fast genauso bitter). Die Serie endete erst 2016 beim EM-Viertelfinale, das Deutschland beim Elfmeterschießen gewann. Und jedes Mal der gleiche Schlagabtausch in den Medien, die Beschwörung finsterster Klischees, auf beiden Seiten. Persönlich bin ich 2006 wüstens attackiert worden, weil ich mich in einem Feuilletonartikel für die SZ ein wenig über die deutsche Verehrung des „edlen Wilden“ Zidane lustig gemacht hatte. Halb Deutschland war mit dem Franzosen solidarisch, der sich im Endspiel von dem Italiener Materazzi provozieren ließ („deine Schwester…“), ihm den Kopf in den Bauch rammte und natürlich Rot dafür sah. Italien wurde Weltmeister und die Deutschen ärgerten sich schwarz. Der Spiegel beleidigte die Italiener als Muttersöhnchen, die ZEIT warnte: „Mafia im Finale“ und legte nach dem Sieg nach, der WM-Titel würde sich schon noch als Katastrophe für Italien entpuppen. Wäre ja noch schöner!

Die Italiener hingegen packen vor jedem Fußballspiel gegen die Deutschen den Weltkrieg aus. Als ich in Rom ankam, hörte ich zum ersten Mal, dass deutsche Fußballspieler als Panzer bezeichnet wurden. Daran hat sich nichts geändert. Vor dem EM-Halbfinale 2016 etwa schrieb der „Corriere della Sera“, als Italiener müsse man einfach für Frankreich sein. „Sie haben uns Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit geschenkt, während die Deutschen unser Land besetzt und unsere Großeltern hingemetzelt haben.“

Das ist ungefähr das Niveau.

Gestern abend war ich Gast in einer Radio-Sondersendung der RAI, gemeinsam mit dem deutschen Botschafter in Italien, mit dem klugen Professor dalla Chiesa und mit ein paar der alten Recken. Schnellinger war aus Milano due zugeschaltet, wo er seit Ewigkeiten in einem der Wohnblocks wohnt, die einst Silvio Berlusconi hochgezogen hatte. „Perle, was für eine Perle?“ sagte Schnellinger. „Es war nur ein Fußballspiel. Wenn wir gewonnen hätten, wäre es natürlich besser gewesen.“

Tarcisio Burgnich kam da schon mehr in Wallung. Der Sieg sei so wichtig gewesen, „weil wir endlich die Deutschen geschlagen haben, die uns in den 40er Jahren unterdrückt haben.“ Damit war vermutlich die deutsche Besetzung von Italien gemeint. Ein paar Minuten später legte Burgnich nochmal nach. „In zwei Kriegen“ hätten die Deutschen Italien überfallen – dass es im ersten Weltkrieg die Österreicher waren, wagten die Moderatoren nicht zu verbessern. Es sprach dann noch ein Professor für Anthropologie. Er sagte, der Sieg sei eine „Befreiung“ von den Deutschen gewesen.

Ich war ein bisschen schockiert und wies darauf hin, dass Beckenbauer und Müller nun wirklich niemanden überfallen hätten. Also wirklich, was kann man denn gegen piccolo grassotello Müller haben, mir ein Rätsel. Und Beckenbauer ist unerreicht elegant, von wegen Panzer. Die Deutschen hätten damals zwar verloren, aber trotzdem sei das Match als große Nummer in die Geschichte eingegangen, völlig egal, ob Sieg oder Niederlage. Ich wiegelte also ab, malte lustig die deutsche Angst vor Fußballitalien aus und erzählte, dass alle deutschen Reporter wissen, wie man Catenaccio schreibt oder wenigstens spricht. Lange habe ich mich dann darüber geärgert, dass mir, wie so oft, auf die Schnelle nicht der entscheidende Satz einfiel:

1970 hieß unser Bundeskanzler Willy Brandt.

Albertone

Heute vor 100 Jahren wurde in der Via San Cosimato im römischen Stadtteil Trastevere Alberto Sordi geboren. Sordi ist im Ausland so gut wie unbekannt, in Rom aber bis heute weltberühmt, unvergessen und unerreicht. Wie jeder große Volksschauspieler war er eine Inkarnation seiner Stadt. Alle können irgendwas aus seinen Filmen zitieren. Wer „Maccerone, du hast mich provoziert…“ oder „Ich bin ich und ihr seid ein Scheiß“, nicht kennt, ist kein Römer. Wobei es total absurd ist, diese Sätze auf deutsch zu übersetzen.

In wie vielen römischen Küchen hängt dieses Foto?

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Natürlich auch in unserer. Es zeigt Sordi in der Titelrolle von  „Ein Amerikaner in Rom“, wo er als Taugenichts Nando schwer einen auf Ami macht und dabei die ganze Zeit eine groteske Mischung aus romanesco und aufgeschnappten englischen Brocken von sich gibt.  Unsere Tochter kann den ganzen Film auswendig, dabei hätte Sordi ihr Großvater sein können. Aber auch die jungen Römer identifizieren sich noch mit dem alten Albertone, mit seiner wunderbar leichtfüßigen und charmanten Wurstigkeit, mit der Lebenslust, der verschmitzten Selbstironie.

Sordis Filme bekamen keine internationale Aufmerksamkeit, obwohl er mit den besten Regisseuren seiner Zeit gearbeitet hat: Fellini, De Sica, Dino Risi, Steno, Monicelli und selbst Regie in drei Filmen mit der großen Monica Vitti führte. Aber Rom war halt nicht New York, sondern spielte im Welt-Kino nur noch eine Rolle als pittoreske Kulisse.

In Italien wurde Sordi mit Preisen überhäuft, nicht zuletzt gab es 1995 einen Goldenen Löwen für sein Lebenswerk. Wobei die hervorstechendste Leistung in diesem Lebenswerk sicher war, dass Sordi den Römer als solchen in ganz Italien populär machte. Unwiderstehlich etwa seine Anekdote von der Einladung zum Abendessen beim Avvocato Gianni Agnelli, damals als Fiat-Patriarch größter Arbeitgeber im Land und so etwas wie der heimliche König Italiens. Sordi erzählte im Fernsehen, dass Agnelli ihn spontan zum Essen in seine Turiner Residenz eingeladen hatte: „Erst gab  es ein Salatblatt, dann ein bisschen Foie gras, ein Stückchen Käse und als der Kaffee kam, kapierte ich, dass es das schon war. Avvocato, sagte ich, und dafür haben sie mich zum Essen eingeladen? Ja, was haben Sie denn erwartet, entgegnete er. Spaghetti?“ Es endete natürlich damit, dass Agnelli für Albertone Spaghetti kochen ließ, auf die sich alle Tischgenossen mit großem Appetit stürzten.

Sordi wurde nie ein Patriarch. Ein Leben lang blieb er Junggeselle, umsorgt von seinen Schwestern in einer riesigen Villa unweit der Caracalla-Thermen, die er mit schwerem Marmor in Grabsteinqualität, viel Gold, Antiquitäten und riesigen Ölbildern ausgestattet hatte, als handele es sich um eine Rekonstruktion von Neros Domus Aurea. Auch diese massive Anhäufung von teuren Geschmacklosigkeiten hatte etwas sehr römisches, denn die Neureichen in Parioli richteten sich ähnlich ein. Zeigen, was man erwirtschaft oder erbeutet hatte, war die Devise. Immerhin hatte Sordi kein Reichenghetto gewählt, sondern den populären römischen Süden. Muss man erwähnen, dass sein einziger legitimer Erbe Francesco Totti gleich um die Ecke aufwuchs? Und dass der schwer katholische Sordi natürlich ein Anhänger der einzigen römischen Fußballmannschaft war? (Hier überreicht der Capitano Sordis Schwester Aurelia im Stadion einen Blumenstrauß)

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Sordi wie Totti repräsentieren eine Romanità in der Tradition der großen Menschenfreunde, Poeten und Satiriker Belli und Trilussa. Man könnte sagen, die ewige Seele Roms, einer Stadt, die schon alles gesehen hat und deshalb nichts mehr ernst nehmen kann. „Te lo meriti Alberto Sordi!“ schnaubte der junge Nanni Moretti einst in einem seiner ersten Filme: „Du verdienst Alberto Sordi!“ Die 68er fanden Sordis erdverbundene Darstellung nicht nur konservativ, sondern reaktionär. „Über Sordi können nur wir Italiener lachen“, mäkelte Pasolini. „Wir lachen, und wenn wir aus dem Kino gehen, schämen wir uns schon dafür. Denn wir haben über unsere Feigheit und unsere eigene Infantilität gelacht.“ Pasolini fand Sordis Figuren „kleinbürgerlich und katholisch, aber eigentlich ohne einen Glauben, ohne ein Ideal.“ Kein Wunder, dass man in Frankreich oder England nichts an Sordi finden könne.  Inzwischen hat auch die Filmkritik erkannt, dass die Selbstbespiegelung, die Sordi dem italienischen Spießer ermöglichte, immer auch eine Einladung zur Distanzierung war. Denn die Figuren des Albertone waren Loser, sie scheiterten krachend an ihrer eigenen, sympathischen Beschränktheit. Heute, da man nicht nur in Italien die Spießer so verdammt für voll nehmen soll, wie sie das selber auch tun, erahnt man, wie progressiv das Kino von Alberto Sordi war.

Sordi gehörte zu Rom wie das Kolosseum und der Papst. Civis romanus erat. Als er im Februar 2003 starb, betrauerten ihn 150.000 auf der Piazza San Giovanni. Ein Flugzeug zog ein Spruchband durch den blauen Vorfrühlingshimmel: „Diesmal hast du uns zum Weinen gebracht.“

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Oh Venezia!

Im Italienischen wie im Deutschen sind Städte eine Frau. Die Stadt, la città. In früheren Zeiten wurden sie personifiziert. Der Göttin Roma ist ein riesiger Tempel am Fuße des Palatin geweiht, von dem heute noch sehr eindrucksvolle Säulen zu sehen sind. Venezia wurde unter anderem von dem Maler Tiepolo dargestellt. Der Meister entwarf eine üppige blonde Schönheit, der Meeresgott Neptun aus einem Füllhorn sehr viele blanke Dukaten verehrt. Das Bild hängt an prominenter Stelle im Dogenpalast:

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Ein vielbenutztes Synonym für Venedig ist „La Serenissima“ – ein Titel, den sich die alte Seerepublik einst selbst gab. Die Heitere, nein: die Heiterste. Ein herrlicher Superlativ, wer möchte nicht so wahr genommen werden? Irgendwas ist dann schief gelaufen mit der venezianischen Imagepflege in den letzten Jahrhunderten, denn heutzutage gilt ja Venezig als schwer melancholisch. Tod in Venedig, Wenn die Gondeln Trauer tragen, Ratten und Nebel, Cholera und Kreuzfahrtschiffe, ganz so, als sei diese Traumstadt eine Verheißung der Düsternis. Es geht nur noch um Hochwasser, um die Invasion von Touristen und die Flucht der letzten echten Venezianer und nebenbei um korrupte Politiker, die letztendlich am Untergang der Stadt Schuld tragen. Überhaupt, der Untergang: Schon seit einer ganzen Weile drehen sich Venedig-Erzählungen um die Frage: Ist diese Stadt noch zu retten? Vor der Klimakatastrophe, dem Massentourismus, der Abwanderung und neuerdings vor der Corona-Krise?

Heute gab es zu diesem Thema eine erhellende Seite Drei in der SZ, nach deren Lektüre die wirklich größte Bedrohung für Venedig kein Geheimnis mehr ist. Venezia, die Heiterste, befindet sich gar nicht mehr in der Lagune. Die Serenissima ist eine Stadt ohne Frauen! Egal ob in den 450 SZ-Zeilen oder dazwischen, es ist schlicht keine zu finden. Die Frauen scheinen aus Venedig geflohen zu sein wie aus Ostdeutschland und aus dem Sauerland. Da dürfen wir uns dann wirklich nicht wundern, wenn das mit dem Untergang nicht mehr abzuwenden ist. Oder wurden sie am Ende einfach nur übersehen?

Ich weiß nicht, ob es sinnvoll wäre, eine Frauenquote für Geschichten einzuführen. 25 Prozent? 30? Oder 50? Hundert Prozent, vielleicht wäre das für den Anfang nicht schlecht. Einfach mal ein Monat oder zwei nur Zeitungsgeschichten mit Frauen, wo es geht, also nicht im Politik- Wirtschafts- oder Sportteil, oh Gott, jetzt hätte ich fast das Feuilleton vergessen, dabei können da auch sehr viele, wichtige Männer natürlich nicht über Wochen unerwähnt bleiben. Aber die Meinungsseite, da ginge doch was!

Die reine Männergeschichte, ich fürchte, das ist mir auch schon passiert – und damit meine ich jetzt nicht beim Thema Fußball. Ganze Städte, ach was, Landstriche ohne Frauen, es geht ja schließlich um die Sache, und die Zeit drängt, da kann man sich nicht mit Gender-Kleinigkeiten aufhalten

Wirklich?

Giuseppe Provenzano von der sozialdemokratischen PD, Italiens Minister für den Süden, hat gerade seine Teilnahme an einer Städte-Konferenz zur Corona-Krise abgesagt. Weil außer ihm nur Männer dazu eingeladen waren. Keine einzige Frau! Männer unter sich, das gilt immer noch als völlig normal, nicht nur in Venezia und Roma. Provenzano ist der erste Minister der Repubblica Italiana, der es skandalös findet. Oder wenigstens hoffnungslos von gestern.

 

 

Wenn die Maske fällt

Der 2. Juni ist einer der beiden Nationalfeiertage Italiens. Am 25. April wird die Befreiung vom Nazi-Faschismus gefeiert, heute das Ende des Königreichs und die Geburtsstunde der Republik. Erstmals seit vielen Jahren fiel der Pandemie wegen die Militärparade auf der von Mussolini einst just zu diesem Zweck angelegten Straße zwischen den Kaiserforen aus. Aber jede Menge Vaterlands-Rhetorik gab es trotzdem. Der „Corriere della Sera“ verteilte Atemschutzmasken in den Nationalfarben (in Deutschland käme wahrscheinlich noch nicht mal die Bild auf so eine Aktion) – und die unvermeidlichen Frecce Tricolori donnerten über den „Vaterlandsaltar“, nachdem sie zuvor schon in anderen Städten ordentlich die noch vom Lockdown reine Luft verpestet hatten. Meine Freundin Paola, deren Terrasse quasi auf das Augustus-Forum gepflanzt ist, hielt einen Moment die Luft an. Aus Angst, dass die Frecce ihr die Balkonplanzen rasieren würden.

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Paola ist sie eine Säule des römischen Kunstbetriebs und steht politisch links. Aber sie mag die Frecce, wie die meisten Italiener. Das Ohren betäubend laute, stinkende Macho-Spektakel ist unglaublich populär. Mir ist es ein Rätsel, wieso die überhaupt noch fliegen, nach dem Unglück von Rammstein. (Zur Erinnerung: Bei einer Flugschau am 28. August 1988 stießen drei Maschinen der Frecce zusammen, eines der Flugzeuge stürzte in die Zuschauermenge. die drei Piloten starben, ebenso 31 Zuschauer. Später starben weitere 36 der mehr als 1000 Verletzten. Insgesamt gab es also 70 Todesopfer.) Heute erinnert sich kaum jemand in Italien an Rammstein und die Medien tun wenig, um das kollektive Gedächtnis zu erwecken.

Für mich sind die Frecce das gruseligste Symbol eines spezifisch italienischen Nationalismus, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann. Es handelt sich um eine sehr ungute Mischung aus Vergangenheits-Verdrängung, Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn. Die Italiener haben ein extrem gespaltenes Verhältnis zur eigenen Nation und einen sehr entwickelten Selbsthass. Man sieht es an ihrer populistischen Rechten: Vor ein paar Jahren verweigerte die Lega noch jede Teilnahme an den Veranstaltungen zu den Nationalfeiertagen, heute boykottiert sie natürlich den 25. April, marschiert aber zum Republikfest auf. Gemeinsam mit der neofaschistischen (viele deutsche Medien nennen sie hoffnungsvoll: postfaschistisch) Fratelli d’Italia wollte Lega-Boss Salvini heute einen Auftritt am Grab des Unbekannten Soldaten in Rom. Der Staatspräsident lehnte dankend ab. Auch, weil schon klar war, dass es sich um den Auftakt zu einer wilden Protestaktion handeln würde.

Tatsächlich mobilisierten Salvini und Co. eine Demo auf der Piazza del Popolo. Ein paar hundert Rechte drängelten sich unter einer großen Italien-Fahne, machten Selfies mit dem Meister und verstießen grölend gegen die Seuchenschutz-Vorschriften. Salvini selbst riss sich die Maske ab, buchstäblich und metaphorisch. Und die Polizei schaute zu.

Jetzt, da die größte Gefahr erst einmal gebannt scheint, die Regierung also die Drecksarbeit für dieses nichtsnutzige Großmaul erledigt hat, fordert er: Abtritt. Viele finden das schon wieder fantastisch. Seuche – welche Seuche? Im Unterholz formieren sich rechte Schlägertrupps und „Orange-Westen“ schon zu einer irren Negationsbewegung. Die Pandemie habe es nie gegeben, die Toten von Brescia und Bergamo seien Opfer der Luftverschmutzung. 34.000 Tote und kein Virus.

Dass es in Deutschland für ein paar Idioten zu viel verlangt ist, angesichts einer weltweiten Bedrohung mal einen Gang runter zu schalten und auf Stadiongang und Ballermann-Urlaub zu verzichten – geschenkt. Aber in Italien?! Man fasst es nicht.

Es ist die immer gleiche, Menschen verachtend zynische Nummer, die diese Faschisten abziehen. Ausgerechnet diejenigen, die sämtliche Bürgerrechte mit Füßen treten, faseln jetzt was von Polizeistaat. Ausgerechnet jene, die sich einen Dreck um die sozial Schwachen scheren, die das staatliche Gesundheitssystem am liebsten ganz abschaffen würden und die Zehnprozent-Steuer für alle fordern, die hetzten jetzt gegen die Regierung. Es stimmt, die Nothilfe ist viel zu schleppend angelaufen. Aber sie läuft an. Es ist wahr, die Wirtschaftskrise wird fürchterlich. Aber die EU steht parat. Und eines ist doch wohl klar: Selbst wenn der warme Geldregen sofort käme, würden die Hetzer nicht verstummen. Das eine hat mit dem anderen leider rein gar nichts zu tun.

Esel trainieren

Im Internet wird jetzt Eseltraining für Führungskräfte angeboten. Wer einen sturen Esel auf Trab bringt, so die These, der könne auch seine Leute besser antreiben. Eine geniale Idee. Und ich Freak dachte, Eselmist sei das Geschäft meiner Zukunft! Dabei wäre es natürlich viel lustiger, den Erfolgreichen bei ihren Versuchen zuzuschauen, meine Esel vorwärts (oder sogar rückwärts, Kleinigkeit!) zu bewegen, mit Aufpreis darf auch der Stall ausgemistet werden. Ich könnte den KundInnenkreis beschränken auf Chefredakteure und Redaktionsleiter aus, sagen wir, Hamburg und München und hätte den Spaß meines Lebens. Im Gegensatz zu den Internet-Eseln sind meine nämlich nicht über Jahre vortrainiert. Weil ich nicht so der Erziehungs- und Dressur-Typ bin, konnten meine Esel bislang machen was sie wollten. Seit 6000 Jahren müssen Esel für den Menschen arbeiten, bei uns war Otium angesagt.

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Da rauft sich natürlich jeder Eselexperte die Haare. Aber auf Eselexperten habe ich ungefähr so viel gegeben wie auf ExpertInnen der Kindererziehung. Sie haben mich schlicht nicht besonders interessiert.

In der langen Quarantäne jedoch kommt man auf abseitige Gedanken. Einer davon ist: Wie wäre es eigentlich, mal mit Lotti spazieren zu gehen? Über Stock und Stein, hügelauf, hügelab? Lotti heißt eigentlich Charlotte und ist mit ihren sieben Jahren die Jüngste der Familie. Schokobraun, großäugig, tolle Figur, eine Schönheit. Sehr verschmust. Und wahnsinnig stur.

Lotti will nicht von mir geführt werden, Lotti will hinter mir her schlurfen. Das findet sie ganz toll. Aber am Halfter angefasst, gar gezogen werden? Lästig! Beleidigend! Fasse ich sie am Halfter, bleibt Lotti stehen und schaut demonstrativ durch mich hindurch. Lasse ich sie los, wartet sie auf die nächste Streicheleinheit. Dann erst setzt sie sich in Bewegung.

Okay, dachte ich, es dauert vielleicht doch noch eine Weile mit dem gemeinsamen Spaziergang. Aber irgendwann wird sie es kapieren. Fehler! Lotti hat natürlich längst kapiert, was sie tun soll. Neben mir her laufen, versteht doch jeder Esel. Sie WILL aber nicht, denn sie weiß nicht, was das jetzt soll. Ganz schlimm wurde es, als ich mit dem Seil auf die Weide trat. Mademoiselle begab sich spontan in den Galopp. Bloß weg hier! Wer weiß, was das für ein Folterinstrument ist! Nach nur drei Tagen hat sie verstanden, dass das Seil nicht gefährlich ist. Jedenfalls auf Abstand. Für’s Anlegen brauche ich vermutlich noch mal eine Woche, konservativ geschätzt. Wenn ich es jetzt versuche, zieht sie sich unter den Holunderbusch zurück und schmollt.

Im Gegensatz zu Menschen muss man, merke dir das, Führungspersönlichkeit! Esel überzeugen, Dinge zu tun. Nicht vollquatschen oder gar anbrüllen: überzeugen. Es sei denn, natürlich, man zwingt sie mit roher Gewalt. Dreht ihnen die empfindlichen Ohren um oder prügelt sie. Für alles jenseits der Körperverletzung und Tierquälerei gilt: Ein Esel ist weder ein Hund noch sonst ein untergebenes Wesen und deshalb auch kein Befehlsempfänger. Ein Esel ist übrigens auch kein Pferd. Mit Pferden konnten Menschen über Jahrtausende in den Krieg ziehen – ein Esel würde den Teufel tun, sich auf ein Schlachtfeld peitschen zu lassen. Der geht ja noch nicht mal über eine Brücke. Esel sind die vorsichtigsten Tiere. Ganz große Skeptiker. Im Zweifel einfach stehen bleiben.

Die Führungspersönlichkeit meiner Lotti zu werden, ist deshalb eine riesige Herausforderung. Im Moment sieht es eher umgekehrt aus.