Geduld

Während außerhalb der Lombardei die Kurve zusehends verflacht, wird im Süden Italiens das nächste Feuer entfacht: Der Aufstand der Armen. In Palermo bewacht die Polizei jetzt die Supermärkte, zur Abwehr von Plünderungen! Die Leute sind verzweifelt, viele wissen nicht, wovon sie ihre Einkäufe bezahlen sollen. Experten warnen vor Revolten und vor einer Mafia, die zuletzt geschwächt erschien, nun aber Profit aus der Notlage ziehen könnte. Eines ihrer Kerngeschäfte ist der Kredit zu Wucherzinsen.

Der ökonomische und soziale Absturz kommt nicht nach der Pandemie, sondern während der Pandemie. Auch diese Lehre könnten die Europäer aus Italien (und leider auch aus dem so grauenhaft verwüsteten Spanien) ziehen, wenn sie sich denn dazu bequemen möchten. Bevor es zu spät ist, für Europa. Dazu hier der eindringliche Appell der italienischen Schriftstellerin Francesca Melandri, die auch daran erinnert, wie privilegiert diejenigen sind, deren Hauptproblem jetzt gerade ist, ihre Kinder zu Hause zu haben oder niemanden zu Hause. Die also einfach mal eine Weile aus ihrer Routine raus sind und jetzt nicht viel mehr beweisen müssen als Geduld und Flexibilität. Gesunde Leute ohne Existenzsorgen haben im Moment schlicht kein Problem.

Davon abgesehen macht uns die Lage natürlich allen zu schaffen. Seit Tagen (und Nächten, denn Schlaf ist in diesen Zeiten ja auch ein Luxus) frage ich mich, wieso ich es trotz aller Tolle-Filme-Listen, die liebe Freunde und Familienmitglieder schicken und Kollegen veröffentlichen, einfach nicht bringe, mich mit schlichtem Film-Schauen abzulenken. Da stieß ich auf ein Interview mit Paolo Legrenzi, einem Psychologie-Professor aus Venedig.

Legrenzi sagt, wir seien in Katastrophenzeiten überhaupt nicht auf Ablenkung gepolt. Vielmehr laufe es so: Erst Unterschätzung, dann Angst, dann Panik, dann Erleichterung. Was uns in Italien angeht, sind wir exakt zwischen Phase zwei und drei, also zwischen Angst und Panik. Und da schafft man es offenbar nicht, sich auf irgendetwas vollkommen Abwegiges zu konzentrieren. Weil man beim Seriengucken sowieso immer die anderen Bilder im Hinterkopf hat. Die Schreckensbilder der Realität.

Seitdem ich das kapiert habe, bin ich auf dem Zauberberg. Also im Roman von Thomas Mann. Absolut das Buch zur Lage. Es geht um Quarantäne, es geht um Lungen, es geht um die Welt der Kranken und den fernen Planeten der Gesunden („im Flachland“).

Es geht also um uns.

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Demut

Wenn ich mir meine Einträge von vor zehn, ach was sieben Tagen ansehe, befällt mich ein Gefühl der Scham. Wie lange es doch braucht, bis man kapiert, was hier geschieht! Also, jedenfalls habe ich lange gebraucht. Mich lange gesperrt gegen dieses grauenhafte Zahlengewitter allabendlich um 18 Uhr, wenn der Zivilschutz die neuen Zahlen veröffentlicht. Gegen die unerträglichen Bilder aus Bergamo. Heute kann ich unsere Vorfahren im Sommer 1914 etwas besser verstehen, die ähnlich kalt erwischt wurden: Attentat in Sarajewo und auf einmal war Krieg. Aus heiterem Himmel ist unser Alltag angehalten, unser ganzes Leben. Und wir wissen nicht, wie es weitergeht.

Es ist Krieg, jedenfalls in Italien. Und leider inzwischen auch in Spanien. In Großbritannien und in den USA, wo alles noch viel schlimmer ist, weil die Menschen noch nicht einmal ein staatliches Gesundheitssystem haben und dazu einen aggressiven Idioten als Staatenlenker. 75.000 Kranke, 7.500 Tote, bei weitem nicht nur alte Leute. Das ist Italien, wo in den letzten vier Tagen die gleichbleibende Zahl von 3.500 Neuansteckungen schon für vorsichtigen Optimismus sorgt. 3.500 täglich.

Sicher, auch in diesen Zeiten darf man es weiterhin absurd finden, dass das Innenministerium ein tägliches Alternativ-Bulletin verabschiedet. 228.057 Polizeikontrollen mit 8.310 Anzeigen an einem Tag! Macht seit Beginn der Ausgangssperre 2,5 Millionen Kontrollen mit 109.964 Anzeigen nach Paragraph 495 und 650 StGb. Die Jagd auf Ungehorsame scheint also ziemlich erfolgreich zu sein, leider handelt es sich jedoch um einen Nebenkriegsschauplatz. Denn der eigentliche Kampf wird Gottseidank nicht von der italienischen Polizei geführt, auch nicht von der Politik oder den Ökonomen, sondern von WissenschaftlerInnen. Die gute alte Schulmedizin wird uns retten! Leute, deren Waffe ihr durch gründliches, geduldiges Studium angeeignetes Wissen ist und ihr Mut zum Experiment. Der kranke Westen wird von Ärzten kuriert, die nicht nur rund um die Uhr in den Krankenhäusern arbeiten, sondern auch in den Labors.

Darauf zu warten, bis es soweit ist, das ist jetzt die große Demutsübung. Und irgendwann kann man dann wieder schauen, wie es den anderen geht. Zuerst natürlich den eigenen Lieben. Und dann denen, die in diesen düsteren Zeiten an die heitere Seele Italiens erinnern. Wie dieser Knoblauchverkäufer an den Salinen von Trapani.

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Festung

Jetzt, da so gut wie niemand mehr herein kann oder heraus, gleicht das Dorf wirklich einer Festung. Wenn es sie gäbe, hätte man wohl auch noch die Zugbrücke hochgezogen. Da liegt dann das winzige Centro Storico, eine Piazza, eine Kirche, zwei Straßen, ein Adelspalast, eine Terrasse über dem Tibertal. Und das neue Dorf mit den Reihenhäusern, einigen größeren Eigenheimen mit Garten, dem sozialen Wohnungsbau. Ein Tante-Emma-Laden, ein Getränkehandel mit ein paar Lebensmitteln, ein Metzger (der zweite hat zu Jahresbeginn zugemacht), ein Bäcker, ein Tabakladen mit Zeitungen, eine Apotheke. Zweimal in der Woche kommt ein Gemüsehändler (der Juwelier!), einmal der Fischwagen. Eigentlich gar nicht schlecht für so eine Siedlung mit 1000 Einwohnern. Die Bauernschaft kommt noch hinzu, sie ist sehr weitläufig. Obst- und Gemüsegärten, Olivenhaine, Wein, Hunde und Hühner. Heute morgen, als es schneite, habe ich einen Pfau gesehen, so prächtig wie ein Traumbild.

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Wie wird das mit dem Dorf? Keiner ist infiziert, offiziell. Auch im Nachbarort nicht, in den wir ab heute sowieso nicht mehr fahren dürfen. Erst zehn Kilometer weiter gibt es drei Infizierte, gestern waren es vier.

Es bleiben alle zu Hause. Wenn in Italien ein Viertel der Bevölkerung über 65 ist, so ist es hier knapp die Hälfte. Die Alten haben Angst. Es sind ja auch keine Ärzte da. Normalerweise wechseln sie sich montags bis freitags ab in der Sprechstunde in einem winzigen, ungeheuer spartanischen Untersuchungszimmer neben der Gemeindeverwaltung. Jetzt kommen die Ärzte nicht. Nur die wirklich allerhärtesten 80-Jährigen turnen bei eiskaltem Nordwind in ihren Olivenbäumen herum, weil die unbedingt jetzt noch zurück geschnitten werden müssen. Das sind dieselben, die cool den Motor ihres Ape-Pritschenwägelchen abstellen, wenn’s bergab geht.

Die beiden Apothekerinnen tragen rotkarierte Atemschutzmasken, es sieht aus, als hätten sie eine Serviette im Gesicht. Den lustigen und deshalb zauberhaft beruhigenden Mundschutz hat die Signora Bruna genäht. Bruna näht für das ganze Dorf. Eigentlich kann man auch Nudeln bei ihr bestellen oder Crostata, eine Art Linzer Torte mit selbstgemachter Sauerkirschmarmelade. Das geht jetzt aber leider auch nicht. Bruna ist in ihrem Häuschen mit der hohen Treppe verbarrikadiert. Hochrisikogruppe, sie ist 90. Wenn sie doch mal Einkaufen geht, trägt sie eine ihrer Masken. Grün, blau, rotkariert.

Das Dorf hält sich wacker. Die Müllabfuhr funktioniert, sie kommt weiter täglich. Der Bäcker macht diese großartige, umbrische Osterpizza mit Schafskäse und Pfeffer. Der Gemüse-Juwelier hat Artischocken. Am Samstag kommt der Büffelzüchter aus dem Tal hochgefahren und verkauft seine Mozzarella.

Abgeschottet waren wir ja irgendwie schon immer. Außer in der Ferienzeit, wenn die Städter kommen und ihre Zweithäuser beziehen. Leute aus Rom, aber auch aus Brüssel, aus Wien und Hamburg, sogar ein japanisches Ehepaar aus New York. Jetzt ist bald Ostern und wir werden unter uns bleiben. Keiner darf rein und keiner darf raus.

Aber irgendwann wird die Bar wieder aufmachen. Und die Pizzeria. Und die Festung wird zum Leben erwachen.

Gesundheit!

Nie war die Großfamilie so bedroht und so wichtig wie in diesen Zeiten. Das gilt natürlich auch für unseren italo-deutsch-amerikanischen Clan, der sich über Ländergrenzen und Meere hinweg in einer Whatsapp-Gruppe austauscht. Es wird debattiert, es werden lustige Videos geschickt, früher ging’s um Fußball, heute geht’s klarerweise um Miss Corona. Eine von uns, Mutter zweier Kleinkinder, arbeitet als Ärztin einem norditalienischen Krankenhaus. Sie schreibt:

„Leider hat nicht nur Trump das Problem unterschätzt. Auch hier sind fatale Fehler begangen worden. In primis, was das Personal im Gesundheitswesen anbelangt. Ärzte, die buchstäblich wie Kanonenfutter behandelt wurden, mit bloßen Händen in den Kampf geschickt. Das ist die Realität. Bis zur Notverordnung am 10. März haben wir unsere Patienten ohne Mundschutz untersuchen müssen, um keine Panikstimmung zu erzeugen. Jetzt sehen wir, was das gebracht hat. Inzwischen sind viele Ärzte krank und sie haben vor allem auch andere angesteckt.“

4824 Personen aus dem Gesundheitsbereich sind infiziert, doppelt soviel wie in China. Natürlich gibt es Verantwortliche dafür, genauso wie es Verantwortliche gibt für die erschreckend hohe Zahl der Toten. Seit Tagen wird gerätselt, wieso die Seuche in vielen anderen Ländern, vor allem aber in Deutschland weniger tödlich ist als in Italien. Angeblich werden in Deutschland nur diejenigen erfasst, die ausschließlich an Corona gestorben sind, während die Italiener MIT Corona sterben, aber mehrere Vorerkrankungen hatten. Aber es schält sich immer deutlicher heraus, dass das bei weitem nicht der einzige Grund ist. Vielmehr sind ältere Italiener weniger gesund als ältere Deutsche. Sie werden weniger umsorgt, dabei ist ein Viertel der Bevölkerung über 65. Es fängt damit an, dass man den Zahnarzt bezahlen muss. Es geht weiter mit Monate langen Wartezeiten für die Diagnostik, von einer OP mal ganz zu schweigen. Italienische Hausärzte setzen keine Spritzen, sie verschreiben höchstens welche. Ihre Diagnose-Gerätschaft beschränkt sich zumeister auf die Auskultation und, wenn man Glück hat, auf den Blutdruckmesser. Die Folge ist, dass alle sehr viel weniger häufig zum Arzt gehen als in Deutschland. Wie oft haben wir uns über die wehleidigen Deutschen lustig gemacht, die wegen einer Erkältung zum Doktor rennen oder über den Kreislauf klagen! Italiener haben keinen Kreislauf, frotzelten wir. Wir brauchen keine Beta-Blocker, wir haben unser tolles italienisches Essen. Und jetzt haben wir den Salat.

Gerade in den Regionen des Nordens haben zudem rechte Verwaltungen das Gesundheitssystem kaputtgespart. Krankenhausbetten gestrichen, Krankenhäuser geschlossen, Planstellen gestrichen. Im Süden gibt es unfassbar wenige Hospitäler, in Kalabrien habe ich die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die normalerweise in Katastrophengebieten und armen Ländern im Einsatz ist, Erntearbeiter behandeln sehen. Das Schiff Italien hat schon lange Schlagseite, jetzt droht es endgültig zu sinken. Sicher, auch die irre Sparpolitik der EU hat ihren Anteil. Plötzlich wird sie obsolet. Aber wird das auch so bleiben? Werden wir uns daran erinnern, dass ein Staat und erst recht ein Staatenverbund nur stark ist, wenn er seine Schwächsten schützt?

Jetzt wird so getan, als sei die Analyse fehl am Platz. Als sei es obszön, die Verantwortlichen zu benennen. Stattdessen wird den Krankenhausleuten vom Balkon applaudiert, werden Durchhalteparolen ausgegeben, sowie Heldensagen erzählt von 85-Jährigen Ärzten, die in den OP zurück kehren (kein Witz!) und 30-Jährigen Jungmedizinern, die an die Front ziehen.

Auf Seite 4 der Süddeutschen finde ich heute diesen Kommentar:

„Bisher halten die Menschen tapfer durch. Es gibt größere Helden, jene, die in Krankenhäusern ganz vorne stehen im verzweifelten Kampf, im Wissen, um im Kriegsvokabular zu bleiben, dass auch sie fallen können. So wie in der 45 000-Einwohner-Stadt Lodi, wo ein Arzt an Covid-19 gestorben ist, der 18. in Italien. Und dann gibt es die zahllosen kleinen Helden. Sie sitzen seit drei Wochen zu Hause, viel drastischer eingesperrt als hier, viele geplagt von Existenzängsten, viele allein, denn die italienische Großfamilie unter einem Dach kommt im Klischee öfter vor als in Wirklichkeit. Trotzdem bewahren die allermeisten Fassung und Disziplin.“

Fassung und Disziplin? Ein ganzes Volk bezahlt hier gerade mit umfänglichster Freiheitsberaubung die Fehler einer politischen Kaste, die das öffentliche Gesundheitssystem ins Koma versetzte, weil sie sich Privatleistungen erlauben konnte. Heute zerren Soldaten auf dem Hauptbahnhof in Mailand die Reisewilligen von den Bahnsteigen, während in römischen Parks Drohnen rebellische Spaziergänger aufspüren sollen (es gab keine). Wo war das Militär, wo bleibt die Polizei, wenn in der Notaufnahme von Neapels Krankenhäusern geschossen wird, wenn dort Ärzte zusammen geschlagen werden, weil sie einen Camorrista nicht rasch genug behandeln? Ich will mich darüber gar nicht weiter verbreiten, sondern lasse lieber die junge Ärztin aus unserer Familie sprechen:

„Es wäre schön, wenn alle einfach ihre Pflicht erfüllten, anstatt von Helden zu reden. Man soll uns schlicht die Bedingungen schaffen, in denen wir unsere Arbeit machen können.“

China hat Ärzte und Geräte geschickt. Russland hat Ärzte und Beatmungsmaschinen geschickt. Kuba hat Ärzte geschickt.

Nach Kuba sandte mein Mann vor Jahren kiloweise Papier an seine Kollegen – die Unis im Castro-Reich hatten keines mehr. Gestern bekam er eine Mail von einem ehemaligen Doktoranden aus China. Der junge Ingenieur fragte nach unserer Adresse, um uns ein Paket mit Atemschutzmasken zu schicken.

 

 

 

 

 

 

 

Addio Maestro

Heute früh ist im Alter von 74 Jahren Gianni Mura gestorben. Sportreporter, Betrachter des Menschlichen, Kommentator der Zeitläufte, Schriftsteller und Gourmet.

Ein Mann von umfassender Bildung, gelassener Ironie und unbestechlicher Haltung. Mura konnte schreiben wie der Teufel und er tat es unbeirrt auf seiner uralten Olivetti-Schreibmaschine. Als ich ihn damit zum ersten Mal in San Siro auf der Pressetribüne sah – es muss im Winter 1999 gewesen sein – war er schon der Letzte seiner Art. Olivetti, Zigarette, dazu Wollpullover in wechselnden, undefinierbaren Farben, die im Sommer durch eine Fotografen-Weste ausgetauscht wurden.

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Mit dem Fußball verband ihn eine Hassliebe, aber zur Höchstform lief er beim Radsport auf. Hier ein paar Gedanken zu seinem 70., als er die soundsovielte Frankreich-Rundfahrt begleitet hatte.

Mura war ein grandioser Lebens-Erzähler, ein unermüdlicher, aber nie eifernder Journalist. Das Investigative lag ihm nicht, das Betrachtend-Analytische umso mehr. Jeden Sonntag erschien in „La Repubblica“ seine Kult-Kolumne: „Sieben Tage böser Gedanken“, dabei hatte dieser Mann gar keine bösen Gedanken, er wunderte sich höchstens über die der anderen. Männer (und sehr selten auch Frauen) aus Sport, Politik und Gesellschaft bekamen in dieser Kolumne ihr Fett weg. Denn eine Trennung zwischen dem Sport und dem Rest, die gab es für Gianni Mura nicht.

Er war uneitel bis zur Bescheidenheit. Man sah ihn nicht in Talkshows und schon gar nicht in jenen unsäglichen Fußball-Dummschwätz-Runden. Soziale Netzwerke: Null, naturalmente.

Ein Schreiber ist ein Schreiber ist ein Schreiber. Mura war ein Großer. Vielleicht war er der größte italienische Journalist.

 

Panik und Pranger

Italien ist krank. Ein ganzes Volk ist mit der Angst infiziert, die 18-Uhr-Balkonkonzerte sind schon verdrängt von der zeitgleich stattfindenden Pressekonferenz des Zivilschutzes, bei der die neuen Corona-Zahlen bekannt gegeben werden. Die Zahl der Kranken steigt, ebenso die Anzahl der Toten. Und die Politik hat der Panik Platz gemacht wie die Musik dem Kriegsbulletin.

Im Lungenpest verseuchten Norden regieren Männer der Lega. Der Regionalpräsident der Lombardei hatte seinerzeit mit dem Slogan die Wahl gewonnen, er kämpfe für das Überleben der weißen Rasse. Seitdem er sich bei einem melodramatischen Facebook-Auftritt mit einem Mundschutz bewaffnet hat, tritt er nur noch damit auf. Der Regionalpräsident von Venetien hingegen tat sich kürzlich mit der Theorie hervor, die Chinesen seien die Ursache allen Übels, weil sie lebende Ratten äßen. Diese Figuren sind jetzt als Krisenmanager im Einsatz – und beweisen aufs Gründlichste, dass Rassisten und Populisten auch in Extremsituationen nicht vernünftig werden.

Besonders der Lombarde verbreitet Panik. Die Krankenhausplätze reichten nicht. Die Ausgangssperre reiche nicht. Die Polizei reiche nicht. Nachdem er angekündigt hat, Supermärkte am Wochenende schließen zu wollen, bildeten sich gestern und heute früh lange Schlangen vor den Geschäften. Soldaten sind im Einsatz.

Die Regierung in Rom versucht, Kurs zu halten. Ihr wird vorgeworfen, zu lasch zu sein. Es regnet, die Regierung ist Schuld, sagt der Volksmund. Jetzt ist die Regierung in der Augen mancher, die täglich mehr werden, daran Schuld, dass die von ihr erlassenen Maßnahmen nicht sofort Früchte tragen: „Wir haben schon zehn Tage Ausgangssperre und die Zahl der Toten steigt? Das heißt, dass die Typen da oben nicht kapiert haben, was zu tun ist!“ Seit Jahrzehnten leben die Italiener in einer Art Reality-Show mit immer neuen Rattenfängern, die geübt darin sind, die echte Welt auszublenden. Eine Woche Hardcore-Corona ist ok, maximal zwei. Jetzt kippt die Stimmung.

Sündenböcke werden gesucht und gefunden. Die Chinesen scheiden mittlerweile aus. Also schießt man sich im Netz auf Jogger ein. Jawohl, Jogger. Neuerdings werden sie hier „Runner“ genannt. Menschen, die es wagen, in diesen Zeiten ans Laufen zu denken, werden an den Internet-Pranger gestellt. Ebenso jene, die ihren Hund öfter herausbringen, als es das gesunde Volksempfinden für nötig hält, oder die längere Spaziergänge mit dem Tier machen wollen. Nicht länger als 200 Meter seien erlaubt, sagen die Lega-Männer. Die Regierung hat jetzt entschieden: In der Nähe der Wohnung sollten Gassi und Jogging stattfinden. Ohne einen Maximalradius festzulegen. Die Parks sind übrigens ohnehin geschlossen. In Gruppen ausgehen darf man natürlich nicht. Es geht hier um Einzelne.

In diesen Zeiten vernünftig zu bleiben, ist schwierig, aber unbedingt notwendig. Wenn jetzt schon Jogger und Gassigänger als Volksschädlinge ausgemacht werden, wer wird es dann in 14 Tagen sein – wenn die Zahl der Toten weiter steigt? Nur, damit das klar ist: ich jogge nicht und habe keinen Hund.

Vor drei Tagen bin ich in eine Polizeikontrolle gekommen, auf dem Weg ins Nachbardorf. In meinem Ort gibt es keinen Supermarkt und kein Tierfutter, einmal in der Woche fahre ich deshalb mit dem Auto zehn Kilometer weiter. In unserer Gegend gibt es noch keine Infizierten.

Die Polizisten haben mich 20 Minuten lang verhört, sie führten Telefonate. Ok, ich bin auch Ausländerin. Am Ende stellte ich eine Frage: Ob es eigentlich in Ordnung sei, dass während der Ausgangssperre so viele Gärtner ihre Laub- und Schnittabfälle in Brand setzten, dass man kein Fenster öffnen könne? Seit Tagen geht das so, offenbar ist der Vorrat an Brandmaterial unerschöpflich.

Der Polizist lächelte hinter seinem Mundschutz und sagte: „Aber bitteschön, Signora, haben Sie doch Geduld. Was sollen denn diese armen Männer zu Hause, bei ihren Frauen? Da wird man doch verrückt.“

 

 

Wir sind das Virus

Die Seuche hat uns fest im Griff. Wir denken Corona, wir hören und sehen Corona, wir träumen Corona. Es ist erstaunlich, wie schnell das Virus uns von KonsumentInnen in PatientInnen verwandelt, fixiert auf eine Krankheit, die die überwältigende Mehrheit zum Glück nicht erleidet aber eventuelle weiter geben kann. Hier in Italien lesen sich die ersten Seiten der großen Tageszeitungen wie Frontberichte, garniert mit Leitartikeln, die sich um Verantwortung drehen und mit Durchhalteparolen bestückt sind. Der Staatspräsident predigt und der Papst gibt Interviews, so sind die Zeiten. Und weil wir in Italien sind, verbreitet sich parallel zur Seuche gerade auch der Irrsinn der Bürokratie. Ab heute gilt eine neue Selbstbescheinigung für’s Außer-Haus-gehen – weil auf der alten der Passus fehlte, mit dem man erklärt, nicht infiziert zu sein. Selbstverständlich. Aber der italienische Staat misstraut seinen BürgerInnen noch viel mehr, als die umgekehrt ihrem Staat misstrauen.

Italien geht gerade unter, aber die Bürokratie triumphiert. Das gilt auch für jene Supermärkte, in denen zwar weiter Schreibwaren ausgestellt, aber nicht verkauft werden dürfen – mit dem Argument, es handele sich nicht um überlebensnotwendige Artikel! Das ist krank. Persönlich verstehe ich auch nicht, wieso Buchläden geschlossen sind, Klugtelefone aber weiter verkauft werden. Man lernt daraus: wenn Seuche ist, sollst du nur noch auf dem Smartphone lesen und malen.

Aber natürlich geht das Leben weiter.

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Es werden beispielsweise Kinder geboren, auch von Müttern, die infiziert sind. Dieses Neugeborene trägt auf seiner Windel den Durchhalteslogan „Andrà tutto bene.“

Alles wird gut. Sich oder andere zu fragen: wann? ist verboten.

Und gerade deshalb ist es wichtig, sich nicht dominieren zu lassen von der Seuche und nicht krank zu werden, so lange man es nicht ist. Krank sein ist ohnehin verboten, auch wenn heute Verstärkung für die Allgemeinmediziner kommt: ab sofort reichen ein Uni-Abschluss in Medizin und drei Monate Praktikum. Denn die HausärztInnen kollabieren gerade genauso wie die Doktoren im Krankenhaus. Überall hört man von ÄrztInnen, die sich angesteckt haben. Im von Corona verwüsteten Bergamo jede/r fünfte,.

Glücklich, wer arbeiten und dabei zu Hause sein kann. Ohne das Risiko, dem sich all jene aussetzen, die jetzt rausmüssen. Die PostlerInnen (in Bergamo sind gerade zwei Zusteller an Corona gestorben), das Personal in den Supermärkten, die PolizistInnen, die Amazon-ArbeiterInnen (hier gibt es die ersten Streiks).

Wenn man es schlau anstellt, kann man durchaus so etwas wie Gewinn ziehen aus einer Zeit, in der die meisten jetzt mehr Zeit haben. Man kann natürlich den Hometrainer glühen lassen – aber auch das Hirn. Braintraining wird ja chronisch unterschätzt! Also alle die Bücher lesen, die man bislang mit der Ausrede liegen gelassen hatte: keine Zeit. Fremdsprachen aufpolieren oder neu lernen. Die alten Naturführer entstauben und Pflanzennamen pauken. Sich Kochen beibringen und endlich mal selbst Nudeln machen.

Und unbedingt die komische Seite suchen. Es gibt immer eine komische Seite.

Heute mein Favorit: Der Spanier, der seinen Plüschhund ausführte, um sich wenigstens einen kleinen Spaziergang zu erschleichen.