Pythagoras, die Steine und der Müll

Die Ultras des FC Crotone nennen sich „Pythagoreer“, nach dem berühmtesten Bürger ihrer Heimatstadt. Der griechische Philosoph Pythagoras war um 530 v. Chr. nach Kroton gekommen, um in der aufstrebenden Hafenstadt am Ionischen Meer eine Schule zu gründen. Eine Fankurve, die sich nach einem antiken Philosophen nennt, das ist doch mal originell. Nur wollen die Pythagoreer des FC Crotone mit den Hinterlassenschaften der Griechenzeit gar nichts zu tun haben. Sie empfinden sie als äußerst störenden Haufen alter Steine – störend insbesondere beim Ausbau des Stadions.

Seit 1978 Archäologen Reste der griechischen Agora, also des zentralen Versammlungsortes der Kolonie Kroton, unter dem Stadion entdeckt haben, steht die Sportarena mitsamt ihrer inzwischen 9000 Plätze sozusagen im rechtsfreien Raum. In einer normalen europäischen Stadt hätte die Verwaltung die Verlegung des Stadions beschlossen, nicht aber in Crotone. Die Denkmalschutz-Auflagen wurden einfach ignoriert und das Stadion wurde  im Laufe der Jahrzehnte immer größer. Zuletzt in diesen Tagen: Crotone ist mittlerweile in die Serie A aufgestiegen, die Plätze im Stadion reichen nicht aus, also wurde flugs eine neue Tribüne auf die griechischen Ruinen gesetzt. Mit Sondergenehmigung.

Was im übrigen Italien als skandalös empfunden wird, lassen die Pythagoreer von Crotone an sich abgleiten. Alte Steine gebe es schließlich genug in Süditalien. Crotone in der 1. Liga aber sei historisch einmalig! Und die Serie A sei immens wichtig für die abgelegene, wirtschaftlich sieche Stadt.

Da drückt man gern mal ein Auge zu, oder? Auch Klubpräsident Raffaele Vrenna scheint von dieser Haltung zu profitieren. Die Antimafia-Staatsanwaltschaft in Catanzaro hat den Abfallunternehmer (nicht nur in Süditalien ist die Müllentsorgung ein Riesengeschäft für die Mafia),vor Gericht gebracht und die Beschlagnahmung seines Vermögens beantragt, aber in 1. Istanz wurde die Klage abgewiesen. Das Verfahren läuft weiter. Auf den Ausgang sind nicht nur die Pythagoras-Jünger gespannt  – die Kohle des Präsidenten steckt ja unter anderem im Klub. Und der könnte bei Verurteilung ganz schnell wieder in der Versenkung verschwinden.

Vielleicht sogar mitsamt der neuen Tribüne.

Die Grenzen der Satire

Gestern verliert Italien gegen Frankreich 1:3. Freundschaftsspiel. Heute macht sich Charlie Hebdo in gewohnt geschmackloser Manier über das Erdbeben in Mittelitalien her. Verletzte wie gratinierte Pasta, Tote wie Lasagne und dazu die üblichen Klischees über die Mafia. Italien ist empört. Einhellig. Von rechts bis links, von oben bis unten. Der französische Botschafter muss sich erklären und distanzieren, stündlich wird mit einer Stellungnahme von Hollande gerechnet.

Charlie Hebdo und die Aufregung über ein paar Zeichnungen, war da nicht was?

 

Eine Name wie eine Lawine

Gigio Donnarumma! Gerade süße 17 und schon in die Nationalmannschaft berufen, als jüngster Italiener seit 1905. Vielleicht spielt er tatsächlich heute abend gegen Frankreich, ist ja bloß ein Test. Aber keine Angst: Der Jüngling aus dem Milan-Tor ist noch lange kein zweiter Buffon, auch wenn  die Kollegen von SZ-Online schon davon träumten, als sie den Titel für mein Stück bastelten. Immer schön langsam mit den jungen Pferden, der Alte macht’s noch zwei Jahre. Mindestens.

Der Ferrante-Hype

Wenn Nicole Kidman sich als glühende Adeptin beispielsweise des Ulysses outen würde, käme unsereins tatsächlich ins Grübeln. Aber die Leserin Kidman empfiehlt weder Joyce noch Feuchtwanger, weder Bellow noch Ingrid Keun. Sondern Elena Ferrante, das italienische Autorenphantom, dessen Saga um die „geniale Freundin“ ab heute auch in Deutschland erscheint und Millionen von Leserinnen (plus einige tausend Leser) in Verzückung versetzen wird. Es handelt sich um leicht lesbaren Kitsch, eine platte und fürchterlich langweilige Freundinnen-Story aus dem Neapel der Nachkriegszeit, die ich noch nicht mal ins Stadion mitnehmen würde (alte Gewohnheit: immer ein Buch auf die Tribüne schleppen, Fußball kann ja, genauso wie Literatur, grausam langweilig sein).

Ebenso wenig wie Francis Bacon Arme malen konnte, vermag es Elena Ferrante Charaktere zu entwerfen. Aber die internationale Kritik ist trotzdem begeistert. Auch in Deutschland: Hymnen allenthalben. Immerhin hat das literarische Quartett (sonst nicht mein Maßstab ) Tacheles geredet und der Kollege Steinfeld von der SZ, der selbst, nicht ganz so erfolgreich, auch schon mal unter Pseudonym veröffentlicht hat, wird wohl ebenfalls kein Ferrante-Fan mehr. Es sind Stimmen von Predigern in der Wüste. Überraschend ist das aber nicht. Die deutsche Literarurkritik ist ja längst ebenso wenig originell wie die amerikanische. Wann hat man denn zuletzt einen ehrlichen Verriss gelesen, der nicht von dem schrecklich ätzenden Maxim Biller kommt? Erst Knausgard, dann Ferrante.

Kitsch triumphiert und banal verkauft sich bestens.

Schrecken und Hybris

Das Erdbeben in Mittelitalien entpuppt sich als Tragödie ohne Ende. Noch immer werden Tote und – wenige Überlebende – aus den Trümmern geborgen, die betroffenen Orte sind vollkommen zerstört. Uns erreichen Bilder wie aus dem Krieg, dabei hat für Sekunden die Erde gebebt, nur wenige Kilometer von uns entfernt. Leben, Hoffnungen und Lebensentwürfe wurden ausgelöscht, Kirchen, Monumente, Zeugnisse unserer Kultur.

Schon Stunden nach dem Beben hob, vorzugsweise in Deutschland  und in der Schweiz, also Ländern, die im Unterschied zu Italien mit Erdbeben nicht die allergeringste Erfahrung haben, die übliche Kritik an. Italien baue halt nicht erdbebensicher, unter anderem wegen seiner weit verbreiteten Korruption und der erwiesenen Unfähigkeit von Behörden und Politikern, und das sei nun das Resultat. Es ist die übliche, reflexhafte Reaktion von jenen, die meinen, sie könnten alles unter Kontrolle bringen. Dabei zeigt die italienische Tragödie, dass wir gar nichts unter Kontrolle haben, am wenigsten unsere Angst. Und diese Angst führt vor allem dafür, dass das Misstrauen gegenüber den Fremden oder überhaupt den Anderen wächst. Nicht dazu, dass wir unser eigenes Leben schöner machen, weil es morgen vorbei sein kann. Oder unsere Neubauten sicherer.

Wir Europäer erleben einen Sommer des Schreckens und der Hybris. Der Schrecken manifestierte sich auf vielfache Weise, meistens war er Menschenwerk. Tote in Nizza, in München, Anschläge in Würzburg und Ansbach. Und immer wieder in der Türkei. Schließlich die Toten von Amatrice, Accumuli, Pescara del Tronto, bis jetzt über 240.

Die Hybris steht dem Schrecken in nichts nach. Außerhalb von Italien ist das Erdbeben schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Von der Seite drei ins Vermischte. Stattdessen diskutieren wir über die Opportunität von Burkinis. Die Welt ist schlecht und voller Gefahren, also schreiben wir als erstes mal den Frauen vor, wie sie sich am Strand anzuziehen haben. Es ist so absurd, dass man weiter gar nichts dazu sagen möchte. Nur soviel: Der schlimmste Anschlag der letzten Jahre auf deutsche Bürger wurde nicht von einem Flüchtling mit psychischen Problemen verübt und auch nicht von einer verhüllten Muslima. Am Werk war ein deutscher Pilot ohne Migrationshintergrund am Steuer einer Germanwings-Maschine.