Dante im Altglas

Rom hat einen neuen Bürgermeister, und der räumt gerade mächtig auf. Also nicht er persönlich, sondern die Müllfrauen und Straßenfeger im Dienste von SPQR. Müllcontainer, die gefühlt seit Jahren überlaufen, werden plötzlich allnächtlich geleert, wobei man nicht so genau weiß, wo der Abfall hinkommt, denn die städtische Deponie ist eigentlich seit Ewigkeiten voll. An jeder Ecke werden Besen geschwungen und – nicht zu vergessen – Knöllchen verteilt. Natürlich haben wir auch schon eins aus der neuen Ära, ergattert vom Lieblingsrömer, dessen Fertigkeit, in winzigste Parklücken hineinzufinden, von mir gar nicht genug bewundert werden kann. Staunenswerter ist höchstens, wie er seine 1,90 Meter mit unverändert jugendlichem Schwung in den Panda faltet. Wenn es sein muss, parkt dieser Mann auch hochkant, aber diesmal war wohl nichts zu machen, drei Zentimeter Zebrastreifen und klatsch: Knöllchen. Natürlich richtig und schon bezahlt. Ablass, wem Ablass gebührt.

Der Lieblingsrömer kann noch was, was ich überhaupt nicht kann: Dante. Also die wichtigsten Stellen der Commedia auswendig. Er kennt das ganze Dante-Personal, aus Hölle, Fegefeuer, Paradies. Ich hingegen hätte bei der Mittelalter-Abschlussprüfung an der Uni am liebsten den Joker angerufen, als die Frage kam, ob Dante Heinrich VII. in den Himmel oder die Hölle versetzt habe. Tja. Zwar hatte ich zur Vorbereitung sämtliche 300 Kirchen Roms abgegrast, aber auf Dante war ich nicht gekommen. Es war eine Fifty-Fifty-Sache und ich riet richtig: Himmel.

Meine italienische Familie hätte es gewusst. Nicht nur der Mann, auch die Kinder haben auf dem Gymnasium Dantes Commedia studiert, unsere Tochter sogar drei Jahre lang. Drei Jahre für eine Wochenstunde inferno, purgatorio, paradiso. Das Paradies ist langweilig, um das zu wissen, braucht man keinen Joker. Die Hölle sei aber super, sagen sie. Glaube ich sofort. Limbus gibt es bei Dante auch, durch ihn flanieren etwa Homer und Ovid. Ein gewisser Joseph Ratzinger hat diese lichte Vorhölle, hier besungen von meinem gelehrten Freund Reinhard Dinkelmeyer, als Benedikt XVI. abgeschafft. Da muss man drauf kommen. Ovid, schon von Augustus nach Rumänien verbannt, jetzt dank Ratzinger im Orbit. Mich würde nicht wundern, wenn B 16 als Emeritus Fack ju Göthe streamt.

Zurück zu Dante und dem römischen Abfall. Jawohl, da gibt es einen Zusammenhang.

34 Altglascontainer im Quartiere Aurelio, das an den Vatikan angrenzt, wurden von KünstlerInnen mit Motiven zu Dantes Hölle gestaltet. Hier oben etwa sieht man Violetta Carpinos „Habgier“, die Dante in den vierten Höllenkreis verweist.

„Chè tutto l’oro ch’è sotto la luna

e che già fu, di quest’anime stanche

non poterebbe farne posare una…“

Alles Gold, das jemals unter dem Mond

ist und war, kann von diesen ermatteten Seelen

nicht eine zur Ruhe kommen lassen.

Nicht die Hölle ist überall, sondern die Literatur. Jedenfalls in Italien.

Ach, Germania

Aus Italien blickt man einigermaßen fassungslos nach Deutschland. Was ist da bloß los? Während Krankenhausärztinnen und Pfleger verzweifeln, diskutiert die Politik endlos vor sich hin – und kommuniziert nach außen in erster Linie nur ihre Entscheidungsunfähigkeit. Man könnte es auch direkt Feigheit nennen. Feigheit davor, den Menschen im Land endlich klarzumachen, dass Deutschland innerhalb einer weltweiten Pandemie keine Insel bildet. Dass man auf die Empfindlichkeiten Einzelner keine Rücksicht nehmen kann, wenn es darum geht, die Gemeinschaft zu schützen. Und in dieser Gemeinschaft übrigens zuerst mal diejenigen, die nicht oder noch nicht geimpft werden können – Kranke, aber auch Kinder. Für die Gesunden gilt: Basta mit den Extrawürsten!

Ganz abgesehen von der Seuche finde ich es sehr Besorgnis erregend, wie stark die unsolidarischen und anti-intellektuellen Kräfte in Deutschland sind und wie ernst sie genommen werden. So ernst, dass sich die Gesellschaft gerade spaltet. Auch die Rechthaberei und Selbstgerechtigkeit vieler Geimpfter empfinde ich als haarsträubend. Die Medien bilden die Debatten mit den verhärteten Fronten Tag für Tag ab, in den Kommentarforen liest man brutales Zeug, auf beiden Seiten. Das alles, weil die Politik nicht eingreift. Wenn sich die Demokratie schwach zeigt, dann wird sie schwach. Grotesk dieses Herumgehampel um eine Impfpflicht in Gesundheitswesen, Schulen und Universitäten, um 3G und 2G, absurd die Weigerung von Zugpersonal und Polizei, Impfpass-Kontrollen durchzuführen, irre die selbstgefällige Zeitschinderei von Stiko und ÄrztevertreterInnen, die Erfahrungen anderer Länder (Israel!) strikt ignorieren und, Stand heute, Booster-Impfungen erst ab 70 wollen. Immer noch haben zu viele Leute einfach nicht begriffen, dass früher vorbei ist. Überstunden, Wochenende ab Freitag mittag – vergesst es einfach. Gibt es im Krankenhaus am Stadtrand und jenseits der Grenzen auch nicht. Und macht endlich die Impfzentren wieder auf!

Die Pandemie zeigt auf frappierende Weise, wie unsolidarisch Deutschland geworden ist. ImpfdränglerInnen wie ImpfgegnerInnen sind sich selbst die Nächsten, Behörden handeln nach Schema F. Und die Zahlen steigen und steigen.

Hier läuft’s anders, und nicht nur wegen der Toten von Bergamo. Wie Italien der vierten Welle widerstehen will, kann man hier bei meinem Kollegen Michael Braun nachlesen.

Martins Sommer

Ein Frühlingslüftchen weht durch Rom, 25 Grad. „Estate di San Martino“ heißt das hier. Der Sommer des heiligen Martin, der am 11. November seinen Namenstag hat. In meiner Kindheit war der Martinstag außer mit fetten Gänsen immer mit Laternenzügen (wochenlanges Basteln) und der anschließenden Messe samt Ausgabe süßer Martinsbrezen verbunden. Letztere hat uns der katholische Priester mal vorenthalten, weil wir Geschwister nicht katholisch waren. Brezen nur für rechtgläubige Kinder! Klingt nach Mittelalter, war so, in den 1970ern auf dem Land in Westfalen. Manchmal frage ich mich, wie es eigentlich den Leuten geht, die noch nie zu einer Minderheit gehörten. Also, die verpassen was.

Zurück in die Hauptstadt des Katholizismus. Martinszüge gibt es hier nicht. Martinsbrezen auch nicht. Aber den Sommer des heiligen Martin und die dazu gehörenden Frühlingsgefühle.

Gesehen heute morgen auf einem Pfeiler des uralten Ponte Cestio zwischen Tiberinsel und Trastevere.

„Ewiger als Rom.“ Wir, unsere Liebe. Und der Fluss und der Travertin.

Friedhof der Stare

Sogar im November ist der Campo Verano, Roms Monumentalfriedhof im Stadtteil San Lorenzo, ein verwunschener und fast verlassener Ort. Nur wenige Menschen sind unterwegs zu den Gräbern ihrer Lieben – was auch damit zusammenhängen mag, dass hier nur noch zwei Mal in der Woche Beerdigungen stattfinden. Es gibt keinen Platz und keine neuen Gräber. Roms Zentralfriedhof ist längst der Cimitero Flaminio weit außerhalb der Stadt, eine Toten-Metropole mit Grabhochhäusern.

Der Verano ist eine andere Liga. Gediegenes Bürgertum mit viel Sinn für Marmor und durchaus auch für Exzentrik. Letzeres abzulesen an verspielten Miniaturtempeln und lebensgroßen Statuen der Verstorbenen. Anonyme Bestattungen gibt es hier gar nicht, was die Römer einmal mehr als Kulturvolk ausweist.

In der Arciconfraternita del Preziosissimo Sangue sitzen ein paar Herren bei Getränken aus Pappbechern. Was meine Fantasie gleich in Richtung Gelage beflügelt, inspiriert von Mathias Enards grandiosem Totengräber-Bankett, einer fantastischen November-Lektüre übrigens. Zumal die Erzbruderschaft vom Wertvollsten Blute sich auf ein Stück Stoff bezieht, das in die offenen Wunde Christi getunkt wurde, um anschließend auf wundersamen Wegen nach Rom zu gelangen. Eine Story wie von Enard oder gleich von Rabelais erfunden. Aber sehr wahrscheinlich wird auf dem Verano nur Kaffee getrunken, denn diese römischen Erzbrüder machen bei aller Aufgeräumtheit einen ziemlich nüchternen Eindruck.

Und während man durch die stille Totenstadt wandelt, verwitterte Inschriften entziffert, rührende Widmungen liest, ertönt auf einmal ein lautes Wuschsch!

Es sind die Stare.

Wie auf Kommando kommen sie aus den Zypressen hervorgeschossen, zum ausschweifenden Formationstanz im Abendhimmel. Es sind Tausende, ihr aufgeregtes Gezwitscher erfüllt die Luft, ihr Flügelschlag belebt die starre Friedhofsruhe. Die Stare fliegen in den Sonnenuntergang, eine Demonstration von Schönheit und Lebenslust.

Gefällt aber nicht jedem. „Maledetti“ knurrt ein alter Signore, während wir zum Ausgang streben. Die verfluchten Vögel. Der Kot, der Dreck. So ist es halt immer, die einen gucken in den Himmel und die anderen auf den Boden, jeder findet dann, was er sucht. Die Stare lässt es kalt, sie schwingen sich zu immer neuen Flugbildern auf, die sich in Sekundenschnelle auflösen und dann, in einem großen Wusch! verschwinden sie wieder in ihren Zypressen. Aus den Bäumen ertönt ein riesiges Geschnatter, jede Starenzypresse ein Lautsprecher.

Bei Sonnenuntergang beruhigt sich alles. Vielleicht scheint es auch nur so, denn die großen, eisernen Friedhofstore werden geschlossen, der Verano bleibt still für sich.

Doch es ist noch Zeit für eine kurze Visite auf dem Kapitol, bei Santa Maria in Aracoeli. Hier befindet sich nämlich eine ganz wunderbare Hinterlassenschaft des antiken Glaubens an die Aussagekraft des Vogelflugs. Im Längshaus stammt die dritte Säule linkerhand vermutlich aus dem Auguraculum, dem nahe der heutigen Kirchenapsis ansässigen Beobachtungsposten der Auguren. Das waren die Deuter des Vogelflugs, die aus den Bewegungen der Tiere das Schicksal der Stadt und ihrer Herrscher herauslasen.

In die Säule ist auf Augenhöhe ein Loch gebohrt. Der Kanal führt schräg nach oben. Ein Ornithologen-Fernrohr, 2000 Jahre alt.

Julius Caesar hatte die Anzahl der Auguren auf 16 festgesetzt, schließlich handelte es sich um eines der wichtigsten Ämter der Stadt. Bis weit ins 4. Jahrhundert, das Christentum war schon auf dem Vormarsch, trafen sich die Auguren einmal monatlich auf ihrem Posten im Kapitol zu Beratungen. Vermutlich verhandelten sie, wie man wem welche Wahrheiten einschenken sollte, schließlich konnten sie den lieben Vögelchen eine Menge zuschreiben. Die Macht der Seher.

Heute sagt man in Rom „auguri“, wenn man jemandem Glück wünschen will. Und so sind die Auguren genauso ewig wie der Flug der Stare.

Ernte – Raccolta

Es ist kein gutes Jahr für die Olivenernte, zumindest für uns in Mittelitalien. Zuviel Regen im Frühjahr, zuviel und viel zu lange Sonne im Sommer und Frühherbst: das Ergebnis sind wenige Oliven, die frühzeitig reif geworden sind und mancherorts zusätzlich von den Larven der berüchtigten Ölfliege attackiert wurden.

Als wir vor über 20 Jahren unseren Olivenhain übernahmen, trugen die alten, lange vernachlässigten Bäume schon nicht mehr, und die jungen waren zu klein für nennenswerten Ertrag. Die Ölmühle im Dorf öffnete erst im November, um bis kurz vor Weihnachten geöffnet zu bleiben. Und bei der Ernte trugen wir Handschuhe gegen die Kälte. Es folgten Jahre des Aufbaus, Einbrüche aber auch Erfolge. Rund 600 Kilo sind bis heute unser Rekord – handgepflückt. Wir verzichten auf Pflückmaschinen, die den Bäumen zusetzen. Dass man Netze unter den Baum legt und wartet, bis die vollreifen Oliven von selbst abfallen, ist eine Legende. Olio extravergine, also das berühmte säurearme „Nativ-„Öl, wie es in Deutschland genannt ist, bekommt man auf diese Weise nicht.

Diesmal war die Ernte kläglich, aber die Ausbeute großartig. Fast 16 Kilo Öl auf 100 Liter Früchte, fantastisch. Wir hatten schon Jahre mit 12/100 und sogar nur mit 9/100.

Hier mussten wir 60 Kilo in der Sonne trocknen, nachdem sie einen kleinen Regenguss abbekommen hatten. Insgesamt war das Wetter, wie es jetzt eigentlich immer ist: Trocken, viel zu warm.

Alle im Dorf haben die Ernte deshalb vorgezogen. Die Ölmühlen sind überall schon offen, arbeiten allerdings nur mit einem Bruchteil des Personals, weil die erwarteten Olivenberge ausbleiben. Für die Mühlen bedeutet das ein Minusgeschäft, denn sie machen ihren Umsatz vor allem mit dem Verkauf von Öl. Normalerweise lassen die große Produzenten einen Teil ihres Öls in der Mühle, um so den Mahlvorgang zu bezahlen. Wir als Selbstversorger lassen ohnehin lieber Geld als Öl in der Mühle. Für einen Liter bezahlen wir ungefähr einen Euro. Im Verkauf kam der Liter Öl letztes Jahr auf sieben Euro, doch jetzt wird der Preis unweigerlich steigen.

Das Öl ist wie immer köstlich, wie immer, hellgrün, mit einem Abgang, der an Artischocke erinnert. Wir essen es auf dem gerösteten, salzlosen Brot Umbriens (Bruschetta) und im Salat.

Was letzteren betrifft, ist die Ernte nicht einfach nur gut, sondern überwältigend.

Für den Gemüsegarten ist das warme Wetter ideal. Oder macht es der Dünger aus Eselmist? Jedenfalls stehen Radicchio und Kohl so gut wie selten.

Schon abgeerntet sind Granatäpfel und Chilischoten, die jetzt langsam vor sich hintrocknen dürfen. Die allerletzten Äpfel sind kurz vorm Platzen und wandern vom Baum ganz schnell in den Korb.

Bei der Olivenernte wird natürlich ordentlich gegessen. Getrunken nicht, denn wer Wein intus hat, kommt nur schlecht auf den Baum. Für mich ist das Kochen immer eine ganz willkommene Pause, doch es muss natürlich schnell gehen. In meinem Fall superschnell, mit Zutaten aus dem Garten. Eine halbe Stunde, und schon kommt’s auf den Tisch. Hier also zwei 30-Minuten-Rezepte – nicht nur für Olivenbäuerinnen:

Pasta (in diesem Fall Penne Integrali) mit Broccolo Romano

500 g Penne

1 Broccolo Romano

2 Salsicce (oder eine frische Bratwurst)

Kurkuma, Chili, Majoran.

Olivenöl nach Gusto.

Die Penne in reichlich Salzwasser zusammen mit den Broccolo-Röschen kochen. Derweil Salsicce aus dem Darm lösen und sehr stark zerkleinern. Das Bratwurst-Innere in einer fettfreien Pfanne kross rösten, Kurkuma und Chili kurz vor Ende der Garzeit hinzugeben. Die Nudeln mit dem Kohl abgießen, in eine Schüssel geben, die Bratwurststreusel darüber geben. Olivenöl und Majoran dazu, fertig.


Salat aus Radicchio, Orangen und Granatapfelkernen.

Aus diesen Zutaten einen Salat herstellen, dazu Olivenöl und etwas Salz. Zur Deko und natürlich zum Mitessen habe ich die roten Blüten meines Ananas-Salbeis benutzt.

Buon appetito!

Das neue Öl kommt in Deutschland vermutlich erst im Frühjahr in die Läden. Schmeckt dann aber noch anderthalb Jahre.

Senza una donna

Die Linke ist die große Gewinnerin der italienischen Kommunalwahlen. Rom, Mailand, Neapel, Turin, Bologna werden künftig von linken Bürgermeistern regiert – wobei man sagen muss, dass da auch vorher nicht die Rechte am Werk war. In Rom und Turin waren Bürgermeisterinnen der Fünfstern-Bewegung im Amt, in Neapel ein tough auf Law and Order setzender, aber sicher nicht rechter Ex-Staatsanwalt. Aber weil rechte Populisten landesweit die Umfragen anführen, wird der Sieg der Linken groß gefeiert. Und natürlich sind wir in Rom erleichtert darüber, dass mit Roberto Gualtieri ein fähiger Mann das Ruder übernimmt, überzeugter Europäer, Historiker und Gramsci-Experte, zuletzt italienischer Finanzminister. Man muss Gualtieri, selbst Römer aus einem Kleine-Leute-Viertel, glauben, wenn aus unserer Stadt einen neuen Leuchtturm der Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit machen will. Ein funktionierender Nahverkehr, mehr Fahrradwege und weniger Müllberge würden für den Anfang schon reichen.

Wenn bei mir trotzdem kein echter Enthusiasmus aufkommen will, dann deshalb: Es ist nirgends eine Frau in Sicht. Italiens wichtigste Städte werden nunmehr allesamt von Männern regiert, in keiner kam auch nur eine Frau in die Stichwahl. In der Zentralregierung sieht es übrigens auch nicht anders aus. Alle Schlüsselpositionen männlich besetzt, mit Ausnahme von Innen und Justiz.

Dreht sich das Rad zurück? Nur die rechte Fratelli d’Italia hat mit Giorgia Meloni eine Parteivorsitzende, nach dem Vorbild von Marine Le Pen. Und in den Medien: mansplaining allerorten. Dass Radio- und Fernsehsendungen zur Politik ganz ohne Frauen auskommen, gilt hier immer noch als normal.

Und in Deutschland? Bürgermeisterinnen in Berlin und Köln. Immerhin. Doch wenn wir auf die Koalitionsverhandlungen schauen, sind die Frauen auch in der Minderheit.

Immerhin ging der deutsche Buchpreis wieder an eine Frau. Aber der ist nur mit Geld dotiert, nicht mit Macht.

Santo!

‚Na fifa santissima (Heidenangst, wörtlich aber: hochheilige Angst). Nun ce so‘ santi (Dagegen ist kein Kraut gewachsen, wörtlich aber: Es gibt keine Heiligen, die helfen würden). Esse ’no stinco de santo (ein scheinheiliger Typ, wörtlich: Schienbein eines Heiligen).

Natürlich ist Rom die heiligste Stadt Europas. Immer schon gewesen, schließlich wurden die Heiligen hier erfunden, früher, also vor Christus hießen sie nämlich: römische Götter. Die römisch-katholische Kirche ist die perfekte Synthese aus altrömischer Religion und Christentum, das aus ersichtlichen Gründen nicht allzu monotheistisch sein konnte, denn monotheistisch ist ganz schön monoton. Ich will das hier aber alles nicht vertiefen, denn es soll heute nicht um Konfessionen gehen, sondern um Fußball. Andere Religion…oder?

Gesehen beim Morgenspaziergang durch Monti, Via Urbana. Der römische Humor wird ja international unterschätzt, mindestens so sehr wie die römische Lässigkeit. Mir gefallen vor allem die Padre-Pio-Kerzen unten links, denn bei dem Mönch mit Rauschebart handelt es sich um einen Volkshelden, der nach einer beispiellosen Medienkampagne 2002 von Johannes Paul II. heiliggesprochen wurde – gegen den Protest der zuständigen Heiligenkongregation im Vatikan, deren akribische Untersuchungen ergeben hatten, dass Padre Pio ein schlimmer Hysteriker war, der sich seine Stigmata selbst zugefügt hatte. Volkes Stimme wog schwerer, außerdem hatte sich um Pio ein beträchtliches Business entsponnen, dass seiner strukturschwachen apulischen Heimat ein Wirtschaftswunder beschert hatte.

Wenn es Padre Pio geschafft hat, kann es auch Mou schaffen. Allerdings muss er erst tot sein. Dieses erste Gebot für die KandidatInnen zur Heiligsprechung gilt immerhin noch. Und Wunder muss er wirken – die vorgeschriebne Alternative, als Märtyrer für die Kirche zu sterben, wollen wir ihm nicht wünschen.

Wir sind Römer, wir haben 2000 Jahre Papsttum erlebt und Fußball ist unsere Religion. Unser Prophet Totti hat Sendepause, also leisten wir uns jetzt mal einen kauzigen portugiesischen Wanderprediger für zwischendurch. Aus Freude am Spektakel – wobei nicht das auf dem Platz gemeint ist. Auf dem Platz geht es um Punkte.

Da braust er hin, auf einer Hauswand in Testaccio, wo die Roma gegründet wurde und bis heute der wichtigste Roma-Fanklub der Stadt ansässig ist. Aber nicht dorthin ist unser Mann gezogen, sondern er residiert demnächst im feudalen Palazzo Taverna, einer richtigen Trutzburg aus dem Mittelalter, die im 15. Jahrhundert ein wenig auf Renaissance getrimmt wurde, aber immer noch eher wuchtig als elegant ist. Draußen dicke Mauern, drinnen ein Wahnsinnskitsch, einige Säle kann man für Familienfeiern mieten.

Die Mourinhos beziehen angeblich den 2. Stock, damit der Special One sich wie ein Fürst fühlen kann, wie ein Kardinal oder wenigstens wie ein Papst. „Vivere come un Papa“, sagen die Römerinnen, wenn es um „Leben wie Gott in Frankreich“ geht. Gemeint sind natürlich die Popes vergangener Jahrhunderte, als Papst sein noch richtig Spaß machte, mit schönen Frauen und starken Pferden.

Die ausführlichste Wikipedia-Seite über Palazzo Taverna gibt es übrigens auf – genau: Portugiesisch. In Rom rätselt man derweil, wie José es schaffen will, täglich pünktlich zum Training nach Trigoria zu kommen. 30 Kilometer durch den chaotischen Stadtverkehr sind kein Pappenstiel, zumal die Stadtverwaltung sich dem Vernehmen nach dagegen sträubt, die Straßen für die Kutsche von Don Mourinho zu sperren.

Mit der Vespa geht’s schneller, siehe oben.

Cave Canem

Alljährlich im Sommer berichten italienische Zeitungen über ein wiederkehrendes, grauenhaftes Ereignis: Rudel verwilderter Hunde greifen Menschen an, verletzen sie schwer, töten sie manchmal sogar. Zuletzt geschehen in Satriano, unweit der jonischen Küste in Kalabrien, wo etwa 15 Hunde in einem Waldstück ein junges Paar attackierte. Der Mann konnte sich retten und einen Hilferuf absetzen. Die 20-Jährige Frau wurde von den Tieren gebissen und verblutete.

Sie ist schon das dritte (bekannte) Hunde-Opfer in diesem Jahr. Im Frühling wurde ein 80-Jähriger bei Neapel beim Wildspargel-Suchen von einem Rudel „Wildhunde“ angegriffen und getötet. In Ligurien starb ein dreijähriges Kind an den Bissen von Pitbulls – keine Streuner, sondern im Besitz der Nachbarn. Pitbulls und andere Kampfhunde dürfen in Italien von allen gehalten werden, nachdem ein 2006 erlassenes Gesetz, das die Zucht besonders aggressiver Hunderassen limitieren sollte, schon 2009 wieder abgeschafft wurde. Mit der Begründung, es sei wissenschaftlich nicht erwiesen, dass manche Rassen aggressiver seien als andere. Gesetzlich verboten ist es seither lediglich, Hunde mit dem Ziel zu züchten, sie aggressiver zu machen.

Ein Gummiparagraph, denn in gewissen Kreisen gehört es zum guten Ton, sich mit hündischen Kampfmaschinen zu umgeben. Und natürlich auch, die Leinenpflicht zu ignorieren, womit die Machos der Mafia allerdings in allerbester Gesellschaft sind. In unserem Dorf legt kein Mensch seinen Hund zum Gassigehen an die Leine, tierische Hinterlassenschaften werden nicht aufgehoben und verpackt, wir leben ja schließlich nicht in der Stadt.

Manche verstehen unter „Auslauf“, dass sie einfach das Hoftor öffnen, damit ihre Tiere sich ein wenig in der Dorfgemeinschaft umschauen können. Andere legen ihre Hunde an die Kette, obwohl das bei Strafe verboten ist. Nachts kläffen diese armen Viecher, die mutterseelenallein Gemüsegärten oder Geräteschuppen „bewachen“ sollen, verzweifelt im Chor mit den sogenannten „Trüffelhunden.“ Letztere warten in dunklen Verschlägen darauf, dass ihr Besitzer sie zum Edelpilz-Erschnüffeln ausführt. Oder zur Singvogeljagd, Eröffnungsschießen am 1. September. Die Jagdsaison ist nach der Ferienzeit in Sommer übrigens der Zeitraum, in dem die meisten Hunde ausgesetzt werden. Jagdhunde, die nicht jagen können, sich also als untauglich erweisen, werden wie Ballast abgeworfen. Wir reden hier von Umbrien, also jenem Teil des Landes, der allgemein als civilizzato gilt.

Das Hundeleben in Italien ist weitgehend wirklich ein Hundeleben. Die Zahl der Streuner ist vor allem im Süden des Landes Legion, obwohl das Aussetzen von Haustieren mit Haft bis zu einem Jahr und Geldstrafe bis zu 10.000 Euro geahndet wird. Das Problem ist nur, dass kaum jemand erwischt wird, und so werden ganze Würfe mit acht bis zehn Welpen einfach am Straßenrand „entsorgt.“ Das nächste Problem: Kommunen und Amtstierärzte, die vom Gesetzgeber für die Erfassung und Sterilisierung von Streunern verantwortlich gemacht werden, sind mit der Aufgabe vollkommen überfordert.

Um Italiens Straßenhunde kümmern sich Dutzende von Tierschutz-Organisationen. Das Netz quillt über von Fotos süßer Welpen, die Adoption im Norden suchen. Südlich von Rom werden grundsätzlich keine Tiere vermittelt, dafür landen gar nicht wenige in Deutschland.

Aber allzu viele bleiben hinter Gittern oder gleich auf der Straße. Letzteres sollte man wissen, bevor man zu einsamen Spaziergängen auf menschenleeren, sizilianischen Stränden, zum Wandern durch die Abruzzen oder die wunderbaren kalabrischen Wälder aufbricht. Es ist tatsächlich nicht ungefährlich.

Cave canem. Verantwortlich dafür natürlich: Der Mensch.

Die Aufmüpfigen

Der großartige Achim Schmitz-Forte hat sich auf meinem Lieblingssender WDR 5 mit mir über Neros Mütter unterhalten. Grazie mille und tausend Dank! Hoch seien der Moderator und die Redaktion zu preisen, dass sie die alte Geschichten in einem so populären Programm aus der Versenkung holen.

Hier kann man es nachhören.

Lasten und Rad

Schon klar, wir müssen jetzt schleunigst die Welt retten. Ich bin dabei! Aber ich frage mich, wieso man dazu ein Lastenrad braucht, noch dazu ein mit 1000 Euro staatlich subventioniertes. Die Sache ist doch die: Man kann tatsächlich mit einem ganz normalen Fahrrad einkaufen fahren. Auch Kartoffelsäcke, Bierkästen, Blumentöpfe. Geht alles. Mein Vater, 79, praktiziert das seit seiner Kindheit. Er hatte nie ein Auto. Lebt auf dem Land, fährt mit dem Rad zur Corona-Impfung, sogar zum Herzkatheter (ok, das war grenzwertig), früher fuhr er selbstverständlich mit dem Rad in den Urlaub (sogar nach St. Moritz).

Wir drei Kinder sind ohne Auto aufgewachsen. Nächstes Kino: 12 Kilometer. Nächste Kneipe: Immerhin fünf. Im Winter, trotz der herrlich flachen westfälischen Landschaft, durchaus eine Herausforderung. Im Sommer kein Problem.

Lastenräder hatte kein Mensch und wir auch nicht. Aber in Rom habe ich vor vielen Jahren auch mal einen Umzug mit dem Fahrrad gemacht.

Der Wahlkampf treibt schon sehr seltsame Blüten. Wenn ihr mich fragt: Ganz normale Fahrräder vom Staat für Hartz-4-Empfänger. Und die Welt wäre schon sehr viel gerechter.

Meine Mutter, die auch nie ein Auto hatte, fährt übrigens einkaufen mit dem Bus.