Silenzio Stampa

Jetzt doch online: Meine WM-Kolumne mit Murschetz-Pisaturm. Heute geht es um das Schweigen im Pressesaal.

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Letzte Bastion

Unfassbar, wie die ZDF-Fußballkommentatorin Claudia Neumann angefeindet wird. Kommentare wie: Ich glaube ja, dass Claudia Neumann nicht mal ’ne vernünftige Kartoffelsuppe kochen kann, scheinen zu den harmloseren in den asozialen Netzwerken zu gehören. Fehler, die man bei Männern einfach überhört, werden ihr um die Ohren gehauen. Ja, mein Gott, kann passieren bei einem Live-Kommentar, dass man einen Spieler dem falschen Verein zuordnet. So what? Jeder macht Fehler bei der Arbeit, nur kriegt es im Fernsehen ein Millionenpublikum mit.

Fußball scheint für den europäischen Macho tatsächlich die letzte Bastion zu sein. Dass da jetzt auch noch die Frauen mitreden wollen, können viele einfach nicht fassen. Als wenn es besonders schwierig wäre, ein Fußballspiel zu verstehen – die Abseitsregel kapieren ja schließlich auch Männer, deren IQ von dem eines Nobelpreisträgers für Physik himmelweit entfernt ist.

In zwei Jahrzehnten Fußballjournalismus sind mir die haarsträubendsten Dinge passiert. Angefangen mit der Frage: Machen Sie das wirklich beruflich? über die als Kompliment getarnte Beleidigung: Für eine Frau verstehen Sie ja wirklich etwas von Fußball (siehe oben), bis zur unvergessenen Bemerkung von Berti Vogts, mit dem ich mal in Zürich eine Podiumsdiskussion bestritt: „Und Sie interessieren sich tatsächlich für Fußball?“ Die Zweifel und Sticheleien („können Sie eigentlich selbst Fußball spielen?“) kamen ausnahmslos aus Deutschland. In Italien, wo das Fußballfernsehen unglaublich sexistisch sein kann, bin ich von Spielern, Trainern und Kollegen nie darauf hingewiesen worden, dass ich als Frau ja eigentlich nicht dazu gehöre.

Warum auch? Wirtschaft ist Männersache, Politik ist weitestgehend Männersache, Journalismus ist immer noch Männersache. Die Frauen, die sich in diesen Bastionen durchsetzen, gelten immer als schwierig, sind immer voller Selbstzweifel und eigentlich immer besonders gut vorbereitet. Wenn das mal nicht der Fall ist, werden sie so gnadenlos angefeindet wie die Kollegin Claudia Neumann. Von Männern, die wahrscheinlich noch nicht mal eine vernünftige Kartoffelsuppe kochen können.

Zlatan und die Möwe

Und hier geht es weiter mit den Nachrichten vom Lido Azzurro. Obwohl das Original in der SZ schon wegen der Vignette vom großen Murschetz um Klassen besser ist!

Also wir wetten auf Schweden. Zugegeben, bis jetzt noch ein Geheimtipp, aber spätestens Samstag werden die Lustigs und Granquists ganz groß rauskommen. Erst haben sie den Azzurri den Weg nach Russland mit einem knallharten 1:0 in 180 Minuten vernagelt, jetzt die Furcht erregenden Kleiderschränke aus Südkorea ebenso souverän 1:0 abserviert, per Foulelfmeter. Südkorea! Ein Team, das den Gegner dadurch verwirrt, dass es brutal in der Landschaft herumsteht. Der Sieg unserer Schweden (wir dürfen doch unsere Schweden sagen?!) war also hochhochverdient. Zumal sie praktisch so spielen wie wir. Minimalistisch, effizient, schnörkellos. Männerfußball. Sagt auch der Zlatan von der Liege nebenan. Und der guckt dabei ganz wild aufs Meer. Das Meer guckt mildgewellt zurück, die Möwen singen Ibraaah, Ibraaah.

Jetzt kommt Deutschland. Ahahaha. Geschenkt, liebe Schweden. Ihr werdet das schon in unserem Sinne richten. Obwohl…non c’è gusto, wie wir hier sagen. Wo bitte, bleibt der Geschmack gegen DIESE Deutsche? Knurrt Ibra und schlurft zur Strandbar, einmal Lemon Soda bitte.

Dafür, dass eine WM ohne Zlatan und ohne Azzurri nachweislich gar keine WM ist, sind die Italiener ganz schön hart am Ball. Am Fernsehen wird alles geguckt, was den Ball schiebt, ob Belgien-Panama oder Tunesien-England. Marokko-Iran hatte eine Quote von 23 Prozent, wenn man das hoch rechnet, wird Schweden-Deutschland auf 120 Prozent kommen. Der Mann, der uns die Weltmeisterschaft schenkt, heißt übrigens Silvio Berlusconi, hoch soll er leben. Gut, dass es Silvio gibt, um mal einen alten Wahlslogan von ihm zu zitieren. Dieser Wohltäter hat sich geopfert und für sein Fernsehen die Rechte eingekauft, die nach der Pleite gegen Schweden niemand mehr haben wollte. Und jetzt verdient Silvio sich auf seine alten Tage an Forza Panama nochmal richtig rund.

Wie bitte? Polen-Senegal schon angepfiffen? Zlatan, bring uns doch una bionda mit. Nicht doch. Bloß ein Bier. Und hör einfach nicht auf die Möwen.

Aus dem Strandbad

Wer die glorreichen SZ-Sportteil liest (was man eigentlich jedem dringend ans Herz liegen müsste), der weiß, dass dort Italien doch bei dieser WM mitspielt. Nämlich im Strandbad „Lido Azzurro.“ Für alle anderen hier die Antwort auf die Frage: Was machen eigentlich die Azzurri?

 

So langsam wird es Sommer und die Strandbäder öffnen ihre Pforten. Wir vom Lido Azzurro haben uns vorsorglich mit Eimer und Förmchen eingedeckt, weil das Public Viewing am Strand ja leider ausfällt. Aber bitte, das fördert die Kreativität. Wie sagt unser Capitano Gigi Buffon: „In diesem Sommer habe ich mal so richtig Zeit, die kann ich dann auch in der Küche verbringen.“ Haha, Küche! In Wirklichkeit dreht unser Riesengigi da nur einen Werbespot, bisschen Geld verdienen muss ja auch mal sein. Auf Instagram kann man sehen, wie er angetan mit einer Bäckermütze die Eier ins Mehl wirft, als seien es Fußbälle. Immer im Dienst, der Gigi, trainiert wohl schon für Paris St. Germain, wo er am Anfang auch viel Zeit in der Küche verbringen wird, bei drei Tagen Sperre in der Champions League.

A propos: Was machen eigentlich unsere Azzurri, während wir hier Sandburgen bauen und Schweden an Italiens Stelle gegen Südkorea bolzt? Nun, das gleiche wie wir, nur an anderen Stränden. Ciro Immobile etwa, der Supersuperstürmer von Lazio, grüßt vom Diamonds Athuruga Beach auf den Malediven: „Wo das Leben anfängt und die Liebe nie aufhört.“ Reine Poesie! Gleich darunter keilt ein petrozz98 knallhart zurück: „Gegen Schweden hast du nicht einen Ball gekriegt.“ Das sind kleinliche Vorhaltungen, denn seine 180 torlosen Minuten mit den Schweden möchte unser Ciro ja gerade am anderen Ende der Welt vergessen. Wir sind sicher, dass er auf Diamonds Beach längst Torschützenkönig ist. Und zwar mit Abstand.

Stephan El Shaarawy postet aus Ibiza, Antonio Candreva freut sich auf den Seychellen, was einem gewissen Mariopagano2910 gar nicht gut bekommt: „Mir wird schlecht, wenn ich dich sehe. Und dann haben sie dir auch noch bei Inter den Vertrag verlängert.“ Irgendwie hat man das Gefühl, dass die Nationalspieler in diesem Sommer viel besser gelaunt sind als ihre Fans. Nehmen wir zum Beispiel Daniele Rugani, der mit seiner Freundin ins Disneyland gefahren ist und das ebenso freundlich wie charmant auch der ganzen Internet-Welt mitteilt. Gleich schnaubt dem armen Rugani ein Salgua76 entgegen: „Es gibt Leute, die fahren nach Disneyland und andere, die fahren nach Russland.“ Der pure Sarkasmus. Und so überflüssig. Na klar gibt es Leute, die nach Disneyland fahren und andere nach Russland. Hallo? Man muss auch gönnen können.

Giampiero Ventura etwa, der schlechteste Ex-Nationaltrainer seit 60 Jahren (Achtung: Satirische Untertreibung) hat sich auf Arbeitssuche an einen Strand in der Karibik begeben. Weißer Strand, blaues Meer, gelbe Badehose. Und schwarzes Smartphone. Selbst das Paradies kann zur Hölle werden, wenn man ständig mit den Jobcentern zu Hause telefonieren muss. Da hat es Roberto Mancini besser. Der hat Venturas Job geerbt und musste trotzdem nicht nach Russland fahren, sondern kann zu Hause in Senigallia in den Marken entspannen. Gestern wurde Mancini auf dem Weg zu seinem Lido Azzurro fast von einer 94-Jährigen Radlerin überfahren. Die alte Dame stürzte. Mancini leistete spontan erste Hilfe, holte dann auch noch den Notarzt und wartete geduldig, bis die Ambulanz eintraf. Anschließend weigerte sich Italiens neuer Nationaltrainer störrisch, seine gute Tat auf Instagram zu posten. Keine Zeit für sowas. Die Sandburg wartet.

Zur WM fahren…

..kann doch jeder, oder? Island, Saudi-Arabien, Panama. Wer wirklich auf sich hält, so wie Österreich und die Niederlande, der bolzt nicht in Russland, sondern auf Formentera. Die Italiener haben das Turnier der prominenten Nichtfahrer schon so gut wie gewonnen. Seit Tagen liefert ein lustiges Trio namens Gli Autogol (Die Eigentore) ein Super-Video nach dem nächsten. Mal lässt sich Buffon zur Pleite befragen, mal schmettern die Eigentore die Hymne zur Nicht-WM. Kein Russland, nur Sand…

Lustig! Die SZ wird da nicht zurückstehen. Exklusiv während der WM: Meine Italien-Kolumne mit dem Blick vom Strand. See you, ragazzi!