St. Pauli

Samstag abend, Millerntorstadion, St. Pauli: Italiens Fußball-Dramaqueen, eingerahmt von drei würdigen Herren. Wird lustig, schätze ich mal.

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Gigi geht ab

Aber doch nicht so! „Geh scheißen„, waren seine letzten Worte an den Schiedsrichter. Da führte Juve in Madrid noch 3:0, Real hatte gerade einen Elfmeter zugesprochen bekommen und Buffon sah wegen seines Protestgeheuls Rot.

Dramatisch. Auch tragisch, für die Juve, die kurz davor stand, es der Roma gleichzutun. Für Buffon gab es auch im Abgang noch Applaus vom Publikum.

 

Gigi Grandezza.  Welch bittere Nacht. Wir werden ihn vermissen.

GRAZIE ROMA!

Ich geb’s ja zu: Ich habe null daran geglaubt. Auch nicht nach dem 1:0 des edlen Dzeko. Ein bisschen, nachdem De Rossi den Elfmeter geschossen hat. De Rossi! Der ist eigentlich immer so nervös, wenn’s um’s Ganze geht, dass er es grundsätzlich vermasselt. Siehe Eigentor in Barcelona. Genau wie Manolas. Das zweite Eigentor! Und hier das 3:0. Danach sah man ihn mit weit aufgerissenem Mund über den Platz rasen. Nicht zu fassen, er hatte ins RICHTIGE Tor getroffen! Die Lachnummer Roma ins Halbfinale befördert!!!

Grazie Roma. Es haben alle gesungen, bis keine Puste mehr da war. Erst im Stadion. Dann in der Kabine. Dann in der Stadt. Rom sieht heute nacht aus, als wenn Italien gerade die Weltmeisterschaft gewonnen hätte. Sogar Präsident James Pallotta, der Italo-Amerikaner aus Boston, wirft sich in den Brunnen an der Piazza del Popolo. Der eigene Schwager, auch Italo-Amerikaner und glühender Juventino, schickt verzückte Glückwünsche. Schon klar, bei Juve können sie davon nur träumen.

„Man muss halt Eier haben“, sagt De Rossi. „Schon im Hinspiel haben wir ja gemerkt, dass die gar nicht mehr so stark sind.“

Ganz ehrlich: Wir hatten das eher nicht bemerkt und folgerichtig 1:4 verloren. Aber an den Worten des Capitano ist nicht zu zweifeln.

Und Difra? Eugenio Di Francesco putzt sich die Brillengläser und sagt: „Es gibt immer noch was Wichtigeres zu feiern.“

UND JETZT HER MIT DEN BAYERN!

 

Schlaglöcher

Auf der Via Salaria, einer der 2000-Jährigen Konsularstraßen von und nach Rom, ereignete sich gestern abend eine Premiere: Autofahrer blockierten die Straße aus Protest gegen die unzähligen Schlaglöcher. Seit Monaten muss man auf der Salaria Slalom um die Löcher fahren, aber anstatt auch nur eines zu flicken, hat die Stadtverwaltung einfach Tempo-30-Schilder aufgestellt, an einer Ausfallstraße. Überall in Rom häufen sich die Schlagloch-Unfälle, vor allem für Zweiradfahrer. Vor ein paar Tagen stieß ich in Tor Marancia, im Südosten der Stadt, auf diese Szene:

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Asphalt in der Straßenmitte gerissen, Straße gesperrt!

Natürlich sind die Schlaglöcher nur ein Fanal für den beklagenswerten Zustand der Stadt. Ist nunmal so, dass man den Zustand der Makroökonomie auch an den Straßen ablesen kann. Seit zwei Jahren wird Rom von den Fünf Sternen verwaltet, die bei Parlamentswahlen am 4. März stärkste Partei in Italien wurden. Ihr Stimmenverlust in der Hauptstadt war marginal.

Es handelt sich um eine Firmenpartei. Markenrechte und die Web-Plattform mit dem schönen Namen Rousseau, auf der die parteiinternen Abstimmungen stattfinden, gehören Davide Casaleggio, einem Mailänder Internet-Macher, der das kleine Unternehmen gemeinsam mit der Partei von seinem Vater geerbt hat. Casaleggio ist so etwas wie Berlusconi 4.0, der „politische Führer“ der Fünfsterne, Luigi Di Maio ist ihm ebenso verpflichtet wie die römische Bürgermeisterin Virginia Raggi. Wer die Partei verlässt oder auch nur die Weisungen von oben nicht befolgt, muss mit einem Bußegld von 100.000 Euro rechnen, zu zahlen an – genau!

Am vergangenen Wochenende, bei einer Tagung in Norditalien, ließ Casaleggio junior einem akkreditierten Journalisten der Turiner Tageszeitung La Stampa den Zutritt verwehren, weil der Kollege einst kritisch über Casaleggio senior geschrieben hatte. „Ich fragte mich, ob mein Vater eine derart kleinliche Person wohl zu dieser Veranstaltung zugelassen hätte“, so Davide Casaleggio, „die Antwort war dann eindeutig.“ Und eindeutiger kann man auch das Verhältnis der Fünfsterne zur Pressefreiheit nicht darstellen.  Zu ihren publizistischen Lieblingszielscheiben gehört auch Roberto Saviano, der von der Camorra verfolgte Schriftsteller und Journalist, der im Untergrund leben muss. Mafiosi und Populisten vereint im Hass auf eine unabhängige Stimme.

Di Maio will Premier werden. Wochenlang sah es so aus, als könne ihm das im Verbund mit der rechtsextremen Lega auch gelingen. Schade nur, dass die Lega ein Wahlbündnis mit Berlusconi hat, also mit dem Erfinder der Firmenpartei, den Beppe Grillo und seine Adepten als „Psychozwerg“ verhöhnen und als Verkörperung von Korruption und Misswirtschaft verteufeln, was nicht ganz falsch ist. Lega ja, Berlusconi nein, verlangte Di Maio. Jetzt scheint es, als seien die „Verhandlungen“ gescheitert. Und die Fünfsterne signalisieren dem sozialdemokratischen PD, sie hätten, wörtlich, „das Kriegsbeil begraben.“

Von der Lega zum PD, um Inhalte geht es natürlich nicht. Welche auch? Das „Regierungsprogramm“ der Fünf Sterne ist ein gruseliges Konstrukt aus Esoterik und populistischem Wunschkonzert. Falls sie damit nicht durchkommen, wollen sie Neuwahlen.

Man weiß nicht, was man sich wünschen soll. Vielleicht dies: Erst mal die Schlaglöcher stopfen. Dann sehen wir weiter.

Matera

Für die heutige Ausgabe des SZ-Magazins bin ich nach Matera gereist, die archaische Höhlenstadt in der Basilicata.

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Die Altstadt dort teilt sich in zwei Sassi (wörtlich Steine), ein riesiges Museum aus Höhlen, Häusern und Kirchen, verbunden durch Gassen, winzige Plätze und steile Treppen. Seit der Steinzeit haben die Menschen sich hier Wohnungen aus dem Fels geschlagen, um buchstäblich in den Leib der Erde zu ziehen. Das alte Matera ist eine Stadt wie ein riesiger Uterus, archaisch, und organisch: Mutter Erde, Vater Stein. Allerdings lebt kaum noch jemand in diesem einzigartigen Gebilde. 1954 verbot die italienische Regierung das Wohnen in den Sassi. Damals waren die Höhlen ein international berüchtigtes Schandmal für Italien, mit 18.000 Menschen, die auf engstem Raum gemeinsam mit ihren Tieren in großer Armut unter unerträglichen hygienischen Bedingungen lebten, nahezu ohne Licht und Luft, mit einem Loch im Boden als Klo.

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Viele machte das krank. Und als man aus den Statistiken lesen konnte, dass in Matera fast jedes zweite Neugeborene starb, da griff der Staat endlich ein. Die Höhlenmenschen wurden in neu gebaute Wohnviertel umgesiedelt, in Häuser mit Fenstern, fließendem Wasser, einer Heizung. Und mit Schatten spendenden Bäumen vor der Tür. Oberhalb der Höhlen wuchs Matera weiter, zu einer ganz normalen Stadt von 60.000 Einwohnern, mit bunten Fassaden, Schaufenstern und schmalen Straßen, in denen sich zur Rushhour am späten Nachmittag die Autos stauen.

In den Sassi wohnt so gut wie niemand mehr. Es gibt dort aber jede Menge Hotels, in denen die Touristen für ihre einfachen Höhlenzimmer eine Menge Geld zahlen. Und Restaurants und Künstlerwerkstätten. Außerdem tatsächlich das hier, immer dem Pfeil nachgehen!

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