Auch Venedig

Für die ZEIT bin ich nach Mestre gefahren (hier mit Bezahlschranke), dabei sollte ich eigentlich über Venedig schreiben. Mestre fand ich interessanter, war vorher noch nie da und hatte Lust, etwas neues zu entdecken und zu erzählen. Zum Glück konnte ich die Kolleginnen in Hamburg überzeugen, statt der hundertfünfzigsten Venedig-Geschichte die erste über Mestre zu schreiben. Und erlebte eine Stadt, die zwar eigentlich gemeinsam mit Marghera und Porto Marghera verwaltungstechnisch zu Venedig gehört, aber durchaus eine eigene Identität besitzt – inklusive einer Altstadt, obwohl ich am Bahnhof Mestre zunächst auf Venedig verwiesen wurde, als ich nach dem Weg ins Centro Storico fragte. Weil Ausländer entweder in Mestre arbeiten oder als Touristen nur dort preiswerter übernachten wollen. Mestre ist nämlich die Schlafstadt für alle, die sich das irre teure Venedig nicht leisten können oder wollen. Man ist ja sowieso in zehn Minuten mit dem Zug am Canal Grande oder, wie ich, in 15 Minuten mit der superschnellen, superschicken roten Luxus-Tram, die aus Mestres Altstadt über die Lagune nach Venedig saust. Für einen Fahrpreis von 1,50 Euro.

Zentrum des Zentrums: Die riesige Piazza Ferretto

Mestre ist eine beruhigend normale, angenehm bunte Provinzstadt mit ziemlich viel Eigenleben. Schließlich leben hier sehr viele Venezianer. Venedig schrumpft, Mestre wächst. Nicht nur die Touristen pendeln, auch die Einheimischen. Manche sind traurig darüber, aus Venedig aufs Festland gezogen zu sein, die meisten sind es nicht (jedenfalls bei meinen bescheidenen, unwissenschaftlichen und spontanen Umfragen). In Mestre zu leben, ist nicht nur billiger, es ist auch einfacher. Es gibt normale Straßen, normale Läden, es gibt Fahrradwege. Drei Kinos allein in der Altstadt, darunter dieses an der Via Dante:

Vor allem gibt es viel italienisches Leben. Zum Beispiel in der neuen Markthalle, groß, luftig, perfekt aufgeräumt, gebaut wie ein Schiff aus Südtiroler Holz. Allein die Fisch-Abteilung lohnt den Besuch – und natürlich die Gemüsestände mit dem tollen Radicchio (eine meiner Lieblingsdrogen).

Rund um die Markthalle locken Frittierbuden und Restaurants. Mein Favorit: All’Ombra del Gabbiano, ein kleines, sehr feines Lokal mit frischester Fischküche, schwarzen Tintenfischravioli und einer fantastisch knusprigen Frittura. Hat keine Webseite, dafür eine schöne Terrasse und sehr vernünftige Preise.

In Mestre steht auch das M9, Italiens Museum für das 20. Jahrhundert. Ein Riesending, bestehend aus einem alten Kloster und den schönen Mosaik-Fassaden der Berliner Architekten Sauerbruch Hutton. Absolut sehenswert, wenn man sich für Italien und seine großen Umbrüche interessiert, die Wandlung vom Auswanderer- zum Einwandererland, die Emanzipation von der katholischen Kirche, aber auch die Erfolgsgeschichte der Cucina Italiana, des Kinos und der Musik.

Alles weitere steht im ZEIT-Artikel, wo es auch die wunderbaren Fotos des italienischen Fotografen Mirko Cecchi gibt. Ich fand die Kombination aus neuem und alten Venedig, also Mestre und Canal-Grande-Show ganz fantastisch. Man sieht und lernt so viel mehr.

Personalmangel

Italien steht kurz vor der Machtergreifung einer schamlos neofaschistischen Rechten, die Landwirtschaft kollabiert nach dem heißesten Sommer seit Menschengedenken und wo es regnet, da lösen sich ganze Hügel in Schlamm auf. Die Medien widmen sich – Personalfragen. Wer kandidiert wo für wen? Begeistert wird in Deutschland die Nachricht aufgesogen, die 95-Jährige Ex-Schauspielerin Gina Lollobrigida (letzter Film: 1995, immerhin von Agnès Varda) kandidiere für eine linke Splitterpartei, „weil ich den Dauerstreit in der Politik Leid bin.“

Ihre Partei – Moment, muss erst googeln und sehe, es ist gar eine Partei, sondern ein Wahlbündnis mit dem blumigen Namen „Italia sovrana e popolare“ – also dieses Bündnis hofft, mit der Lollo einen Sitz im Parlament zu ergattern. Hauptsache, prominent, wenn auch nur bei den über 80-Jährigen. Aber davon wählen ja sehr viele. Und die nehmen es auch nicht so genau, wenn Lollobrigida sagt, Mahatma Gandhi sei ihr großes Vorbild und überhaupt sei sie mit Indira Gandhi gut bekannt gewesen – als wenn diese beiden Gandhis miteinander verwandt gewesen wären. Egal. Die Lollo zieht, und man muss sie dafür noch nicht mal in den Wahlkampf schicken. Kann man übrigens auch nicht. Sie ist nicht so fit wie Berlusconi, der ja auch neun Jahre jünger ist, erst knusprige 86.

Als dieses Foto aufgenommen wurde, ging Gina mit Indira aus. Beide in schwarzweiß

Dennoch ist der Fall Lollobrigida nicht einfach nur grotesk. Sondern symptomatisch für die grassierende Personalnot vieler Parteien.

Am schlimmsten dürfte es Fratelli d’Italia treffen, den Verein von Giorgia Meloni. Bei den letzten Wahlen 2018 holte sie mit 4,35 Prozent der Wählerstimmen 19 Plätze in der Abgeordnetenkammer und 7 im Senat. Inzwischen sind es dank einiger Überläuferinnen ein paar mehr (die 5 Sterne-Fraktionen haben sich derweil halbiert, so irre ist die italienische Politik und so egal ist ihr der Wille der Wählerinnen und Wähler).

Wenn Melonis „Brüder“ am 25. September tatsächlich stärkste politische Kraft werden, haben sie ein Problem. Genau genommen haben sie es jetzt schon. Denn hinter Meloni klafft die große Leere. Ihr Verein spielt eigentlich in der Regionalliga von Latium, in anderen italienischen Landstrichen ist er faktisch nicht präsent. Fratelli d’Italia leidet am Personalmangel wie die Deutsche Bahn oder die römischen Krankenhäuser.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Nun, viele werden jetzt auf den fahrenden Zug aufspringen und ganz schnell im Fratelli d’Italia-Bahnhof einfahren. Außerdem ist Meloni, genau wie Gina Lollobrigida, in einem Wahlbündnis. Ihren Kumpanen Berlusconi und Salvini hat sie schon angekündigt, dass sie den Posten als Regierungschefin beansprucht, falls ihre Partei die meisten Stimmen holen sollte. Im Gegenzug können die beiden Partnerparteien dann wahrscheinlich bei Parlamentssitzen und Ministerposten viel herausholen, weil Meloni dafür sowieso nicht genügend Leute hat.

Im Grunde ist Fratelli d’Italia eine One-Woman-Show, genau wie Forza Italia oder die Fünf Sterne. Meloni, Berlusconi, Grillo, darauf sind diese Wahlvereine zugeschnitten. Forza Italia hat sich bis auf Restbestände aufgelöst, als der Patriarch auf Weisung seiner Kinder nicht nur nicht mehr zahlen wollte, sondern ernsthaft einen Obolus an die Partei verlangte. Die Fünf Sterne sind verglüht, weil Grillo alle vom Hof jagte, deren Nase ihm nicht passte, selbst aber immer noch den Daumen auf der eingetragenen Marke hält – sie gehört ihm nun mal, laut Handelsregister. (Wem gehören in Deutschland eigentlich die Buchstaben F.D.P., nur mal so als Frage?)

Ein Glück, dass das Parlament jetzt verkleinert werden soll, das kommt der Rechten sehr entgegen. Dem Partito Democratico sehr viel weniger. Die linke Mitte hat Personal in Hülle und Fülle, Männer und Frauen mit Erfahrung, manche sogar mit erwiesener Kompetenz. Aber damit gewinnt man in Italien keine Wahlen.

Gruselkabinett

In Deutschland wird jetzt sehr darauf geachtet, was Giorgia Meloni zum Faschismus sagt. Also dem von früher. Ob und wie sie sich distanziert. Meloni geht natürlich darauf ein, sie bastelt an ihrem Image und sagt deshalb, der Antisemitismus sei böse gewesen und mit Faschismus wolle sie sowieso nichts zu tun haben. Man darf es ihr abkaufen, sowohl Antisemitismus als auch Mussolini sind Meloni völlig schnuppe, die Stimmen der Ewiggestrigen sind nicht das Problem. Es sind wenige und ihre Partei kriegt sie sowieso. Soll Latina wieder in Littoria umbenannt werden? So hieß die Stadt in Latium bei ihrer Gründung 1932, nach dem Liktorenbündel, das im Alten Rom benutzt und von den Faschisten wiederbelebt wurde. In der Nachkriegszeit wurde aus Littoria Latina, ganz ehrlich: auch nicht viel besser. Im „Tagesspiegel“ las ich kürzlich die Wortschöpfung „anti-antifaschistisch“ als Bezeichung des Rechtsbündnisses. Man könnte auch einfach „Antidemokraten“ schreiben, dann muss man nicht um die Ecke nach hinten denken.

Aber es stimmt schon: Meloni ist ein Produkt italienischer Geschichtsklitterung, wie sie seit Jahrzehnten betrieben wird – und nicht nur die jüngste Vergangenheit betrifft. Da aber sind die Auswirkungen natürlich besonders fatal. Diese Geschichtsklitterung betreiben durchaus nicht nur die Rechten. Gerade lese ich sehr viel über das römische Ghetto, einen winzigen Stadtbezirk am Tiber, in das die jüdischen Römerinnen und Römer seit 1555 für über drei Jahrhunderte eingesperrt wurden. Italienische Historikerinnen, die über das Ghetto schreiben, benutzen den Begriff „Römer“ als Synonym für Christen und „Juden“ für die anderen. Ganz so, als seien jüdische Römer keine Römer – obwohl sie nachweislich länger in der Stadt ansässig sind als die Christen, nämlich seit dem 2. Jahrhundert vor dem Krippen-Event in Bethlehem. Aber dafür gibt es zumindest in der italienischen Geschichtsforschung kein Bewusstsein und keine Sensibilität.

Viel schlimmer ist, dass die Fahne der jüdischen Widerstands-Brigade in Rom am Nationalfeiertag zur Befreiung von Faschismus und Antifaschismus nicht willkommen ist – weil identisch mit der Fahne Israels. Die jüdische Widerstands-Brigade gab es logischerweise schon vor dem Staat Israel, sie war nachweislich ein wichtiger Teil der italienischen Resistenza. Aber die Organisatoren der offiziellen Gedenkfeier am 25. April laden seit Jahren Palästinenser zur offiziellen Befreiungsfeier ein. Die Palästinenser verlangen, dass die jüdische Brigade mit ihrer Fahne nicht erscheine. Andernfalls kämen sie nicht. Da luden die linken, römischen Antifa-Veranstalterinnen prompt die Juden aus. Am italienischen Nationalfeiertag dürfen also die Palästinenser ihre Fahne schwenken – die rein gar nichts mit der Resistenza zu tun hat. Die jüdische Brigade aber soll gefälligst woanders ihr Gedenken betreiben.

Ein Land, das eine solche Linke hat, braucht eigentlich gar keine Rechte mehr, um aus der Spur zu laufen. Aber zurück zum aktuellen Wahlkampf. Seit 1994 hat Silvio Berlusconi immer wieder Wahlbündnisse und Regierungskoalitionen auch mit strammen Neofaschisten unterhalten. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er den Kommunismus für viel schlimmer hält als den Faschismus. (Dabei ging der Ex-Kommunist Putin bei ihm ein und aus. Gegen Berlusconi ist Schröder ein Hänfling, ganz abgesehen davon, dass der Italiener Putins Geld nicht braucht.)

Jetzt macht der fast 86-Jährige Multimilliardär Wahlkampf mit dem Versprechen, das Baugenehmigungsverfahren abzuschaffen, „für 800.000 Arbeitsplätze in der Bauindustrie.“ Die nachträgliche Abnahme reiche doch völlig aus, wenn dabei etwas nicht passe, müsse man halt ein Bußgeld zahlen. Das wäre ein Riesengeschenk für die Mafia. Schwarzbauten verschandeln vor allem in Süditalien die Landschaft, in Kampanien, Kalabrien und Sizilien sind ganze Stadtviertel nicht an die Kanalisation angeschlossen. Das Baugeschäft ist ein wichtiger Zweig für die Mafia, wegen der Aufträge der Öffentlichen Hand und natürlich der Geldwäsche für die Privaten. Allein in Casal di Principe, der Camorra-Hochburg, aus der Roberto Saviano stammt, gab es vor Jahren 200 Bauunternehmen. Heute stehen noch 64 im Telefonbuch. Für eine Stadt mit 21.000 Einwohnern! Klar, dass die sich die Hände reiben, wenn sie demnächst keine Genehmigung mehr brauchen. Bußgelder zahlt man aus der Portokasse. Wenn überhaupt, schließlich sind die Gerichte extrem langsam und die Verjährungsfristen kurz.

Im Grunde verspricht die Rechte ihrer Klientel das, was diese schon immer besonders interessiert: Die Befreiung vom Staat. Oder, wie Berlusconi es formuliert: „Jeder Italiener soll machen können, was er will, wenn es nicht eindeutig gegen Gesetze verstößt.“ Steuerzahlen zum Beispiel ist eine kommunistische Erfindung, also weg damit. Berlusconi verspricht eine Einheitssteuer von 23 Prozent, Salvini von der Lega bietet sogar 15 Prozent. Um das zu finanzieren (war da was mit Staatsverschuldung?!) will die Rechte die Sozialhilfe abschaffen. Jawohl: abschaffen. Sozialhilfe brauchen auch nur Kommunisten. Genau wie Umweltschutz oder die Homosexuellen-Ehe.

Und damit wären wir bei der größten Gefahr, die vom Gruselkabinett Meloni, Salvini und Berlusconi ausgeht. Weil die Herrschaften erstens keine ernstzunehmenden Zukunftsprogramme haben (Meloni hält die Klimakrise für linke Hetze!) und zweitens in ihrer Wirtschafts und Finanzpolitik die Rechnung mit der EU machen müssen, werden sie sich auf die Bürgerrechte stürzen, um ihre Klientel zu befriedigen.

Es ist alles schon angekündigt: Ausbau der Festung Europa, Hetze gegen alle Minderheiten, konsequenter Abbau deren Rechte. Genau deshalb will Salvini wieder Innenminister werden. Italiens Antidemokraten werden ein Klima schaffen, das Orbans Ungarn vergleichsweise wie einen Luftkurort erscheinen lässt.

Von wegen Documenta!

Aus aktuellem Anlass geht es in der Fußballoper – um die Oper. Nicht einfach um irgendeine, sondern um die deutsche Nationaloper. Jaaa, liebe Kinderinnen und Kinder, sowas gibt es wirklich noch im Jahre des Herrn 2022, und wie der Name schon besagt, katapultiert sie die Spitzen und Häkeleien der Gesellschaft, die diese Nationaloper mit der gebotenen Inbrunst betreten, zurück ins allertiefste 19. Jahrhundert. Über Stunden hört man Gekitsch, Gedröhn und Gebumm, gibt sich eklektischen Erzählungen über nordische Fabelwesen hin (Walküren, Gralsritter, Nibelungen), das alles auf Holzstühlen und ohne Klimaanlage, wie es sich für eine Weihestätte gehört.

Ja, Bayreuth.

Auch diesen Sommer wieder. Auch diesen Sommer!

Die Feuilletons laufen über von Documenta-Debatten, Rücktrittsforderungen, Rücktritten, wieder neuen Skandalen. Es geht um Antisemitismus, der aus dem globalen Süden nach Kassel importiert wurde, als ob es bei uns nicht genug heimischen gäbe, den deutschen Null-Kilometer-Judenhass halt, umsonst und draußen, aber natürlich auch drinnen. Wächst immer weiter nach, bei Dürre und bei Starkregen.

Und während sich also alle über die Documenta empören und en passant auch die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth attackieren, weil die ihnen aus ganz anderen Gründen sowieso nicht passt, erscheint die Ministerin zur Eröffnung der Festspiele in Bayreuth.

Als Punk.

Quatsch, Entschuldigung, das war einmal, in früheren, sehr viel besseren Zeiten. Nein, Madame Roth kommt heuer als Silber-Walküre.

Also als eine von vielen, wobei die Verkleidung der deutschen Gesellschaftsdamen, Ex-Kanzlerin eingeschlossen, in grellen Schützenfest-Kostümen vermutlich Teil des Programms ist. Bayreuth halt, ein Gesamtkunstwerk des 19. Jahrhunderts, als die deutsche Frau auch nicht chic sein durfte, weil sie ja sonst französisch ausgesehen hätte. Gott bewahre!

Wie kann es sein, dass der Höhepunkt des deutschen Kultursommers immer noch die Beweihräucherung des knallharten Antisemiten Richard Wagner ist? Und jetzt erzählt mir bitte nichts von der Trennung zwischen Künstler und Werk. Da halte ich es mit dem Verfemten Woody Allen: „Wenn ich Wagner höre, kriege ich eine unbändige Lust, in Polen einzumarschieren.“ (Was übrigens nicht daran liegt, dass mir ein deutscher Zahnarzt in Rom vor vielen Jahren mal zu einer Wurzelbehandlung den Walkürenritt aufgedreht hat. Wagner-Festspiele im Behandlungszimmer, Wotan Wahnwitz!)

Jede einzelne Note ist entweder martialisch oder weinerlich oder beides zusammen. Könnte man diese Cancel Culture, über die alle schimpfen oder jammern oder beides zusammen, nicht endlich mal auf diese reaktionäre Veranstaltung anwenden? Einfach die Holzhütte auf dem Hügel zu jenem Museum erklären, das sie eigentlich längst ist, meinetwegen mit Onkel Ritchies Gassenhauern als Hintergrundmusik? Um der Welt zu zeigen: Das, liebe Leute, war das deutsche 19. Jahrhundert, aber jetzt ist das ja zum Glück schon seit einer ganzen Weile vorbei.

Heute sind wir Europäer, Weltbürgerinnen, Gastgeber einer internationalen Kunstausstellung, in der Künstlerinnen von überallher ihren Blick auf die Zeitläufte zeigen. Antisemiten, Rassisten, Hetzer, bekommen in unserem Kulturbetrieb selbstverständlich keine Bühne, denn solcher Stumpfsinn hat ja mit Kunst rein gar nichts zu tun.

Es wäre so einfach.

Schaut auf dieses Land

In Deutschland macht man sich keine Vorstellung davon, wie demokratiemüde die Bürgerinnen Italiens sind. Es fängt schon damit an, dass der Begriff „cittadini“, also Bürger, in der Politik keine Rolle mehr spielt. Politiker und Journalisten reden immer nur von Italienern.

Das Misstrauen gegenüber einer politischen „Kaste“, die nach Ansicht vieler nur ihre eigenen Privilegien pflegt, anstatt sich um die Probleme aller zu kümmern, ist in den letzten Jahren zunehmend Resignation und Wut gewichen. Man kann davon ausgehen, dass bei den nun wahrscheinlichen vorgezogenen Neuwahlen Nichtwählerinnen den größten Anteil haben werden. Wahlen ändern nichts, davon sind sehr viele Italiener überzeugt.

Tatsächlich ist es schon viel zu lange so, dass die Politik der Zivilgesellschaft hinterher hinkt. Aus den Parteien kommen keine neuen Impulse. Die dort verhandelten Themen sind allesamt von gestern, was zu einem guten Teil am Personal liegt. Leute, die so alt sind, dass sie im Vatikan keinen neuen Papst mehr wählen dürften (immer noch Berlusconi! Fast 86!), die weder über ausreichende Bildung noch über Berufserfahrung verfügen (Meloni, Salvini, Di Maio), die keine Ahnung haben, wie es im Rest der Welt aussieht (siehe oben, ergänzt durch Conte, Grillo). Aber das ist nur die Speerspitze, in den hinteren Reihen ist das Bildungsniveau noch verstörender. Die meisten Politiker und Politikerinnen haben schlicht überhaupt keine Ahnung von dem, über das sie entscheiden sollen. Und das ist der Grund dafür, warum sie sich in den permanenten Wahlkampf flüchten. Sie wollen nicht gestalten, sie wissen gar nicht, wie das geht. Ich bin überzeugt davon, dass der wahre Grund für den Reformstau die intellektuelle Unfähigkeit und mangelnde Bildung der meisten Parlamentarierinnen ist.

Seit viel zu vielen Jahren wird das Land mit Notverordnungen regiert. Das bedeutet: Das Kabinett erlässt ein Dekret, das 60 oder 90 Tage lang Gültigkeit hat, bevor es vom Parlament abgesegnet werden muss. Diese Prozedere würdigt das Parlament zu einer bloßen Abnick-Veranstaltung ab. Wenn es doch mal Konflikte in der Koalition gibt, werden sie mit Vertrauensabstimmungen abgewürgt. Das Ergebnis: Außer dem Gesetz für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften (ging auf Renzi zurück) und die Grundsicherung für Arme (einziger Verdienst der 5 Sterne) wurde in den letzten Legislaturperioden faktisch nur das Haushaltsgesetz wirklich verhandelt – und dann mit tausenden (keine Übertreibung) Änderungsanträgen beschwert. Wie sollen die Bürgerinnen das nachvollziehen? Wie es gutheißen?

Auch die Medien sind leider Teil des Problems. Für sie gilt das Gleiche wie für die Politik: Die Chefs sind ausnahmslos alte, weiße Männer – im Staatsrundfunk mit dem gerade passenden Parteibuch. Der Frauenanteil in politischen Diskussionssendungen tendiert gegen Null, das im Fernsehen vermittelte Frauenbild steckt tief in den 1980er Jahren. Zu schweigen vom fiktionalen Programm, wo das Einwanderungsland Italien ebenso wenig stattfindet wie alternative Familienmodelle. Zeitungen spielen keine Rolle mehr. Nur in Griechenland lesen weniger Menschen Zeitung als in Italien. Was auch daran liegt, dass sie sich und ihre Lebensrealität darin nicht mehr wiederfinden. Nehmen wir zum Beispiel die enorme Hitze und Dürre in diesem Sommer: Für die Presse, und ich rede hier von den Großen, also Repubblica und Corriere della Sera, war der Po erst ein Thema, als er schon halb ausgetrocknet war. Ein riesiger und bedeutender Teil des Landes, nämlich das Agrarland Italien, Europas größter Produzent von Bio-Lebensmitteln und wichtiger Exporteur von Nahrungsmitteln überhaupt, findet in den Medien nicht statt, weil die Journalisten keine Ahnung von naturwissenschaftlichen und agrarwissenschaftlichen Zusammenhängen haben. Genau wie die Politiker. Und wie es in der Politik keine Expertinnen für viele Themen gibt, so fehlen sie auch in den Redaktionen.

Lasst uns endlich anfangen, Italien und seine Krise ernst zu nehmen. Sie bedroht uns alle.

Fortsetzung folgt.

Verblasste Mythen: Das Italienische Strandbad

Strandbad Ultima Spiaggia bei Capalbio

Der Berliner Tagesspiegel hat kürzlich diesen Text von mir veröffentlicht. Jetzt auch hier!

Als die Kinder klein waren, fuhren wir im Sommer an den Strand, auf dem schon ihr Vater die großen Ferien verbracht hatte. Von Rom aus ging es durch die Abruzzen zum Sommerhaus der italienischen Großeltern, aus der Küche konnte man die schneebedeckten Berggipfel sehen und vom Wohnzimmer das Meer. Unten an der Adria wartete das Strandbad La Conchiglia. Rosa Oleanderbüsche am Eingang, zwei Kickertische, ein Volleyballfeld und altmodische Umkleidekabinen. Dann erst kam die Bar mit ihrer coolen Stahltheke und der weißlackierten Holzveranda, auf der Caffé shakerato serviert wurde, Espresso mit Eiswürfeln, in einem Cocktailshaker schaumig gerüttelt. Ein sorgfältig gefegter Steg führte durch die Reihen blauweiß gestreifter Sonnenschirme und dunkelblauer Liegen. Der Sand war fein und gelb. 

Die Großeltern mieteten immer denselben Platz in der ersten Reihe, für die gesamte Saison von Juni bis September. Ein Pappschild am Schirm trug den Namen der Familien, unseres war schon leicht vergilbt. Links befanden sich die Plätze von Tante Maria Laura, Witwe eines ortsansässigen Notars, rechts jener ihrer Schwiegertochter Anna Maria. Mit der Zeit verstand ich, dass unsere Puffer-Position ihren Sinn hatte, denn die beiden Frauen verabscheuten sich auf das Herzlichste, den ganzen Sommer lang. 

Zur ersten Reihe gehörten außerdem Onkel Lello, ein pensionierter Verfassungsrichter und seine Frau Tante Uccia, die unsere Kinder deshalb verehrten, weil sie stets riesige Schwimmflossen anzog, bevor sie ins brühwarme Wasser stieg und erstaunlich schnell in Richtung Horizont verschwand. Diese Onkel und Tanten waren keine Verwandte, hatten aber als Schulfreunde meines Schwiegervaters Anrecht auf die familiäre Anrede, ebenso auf Begrüßung und Verabschiedung mit Wangenküsschen und freundlichen Smalltalk drumherum. Ich lernte: Ins Strandbad ging man nicht, um zu baden, sondern um in Gemeinschaft zu sein. Gemeinsam beugte man sich über das Rätselheft La settimana enigmistica, gemeinsam plauderte man im sehr warmen Wasser der Uferzone, gemeinsam tat man „zwei Schritte“ den Strand entlang oder schlürfte einen Chinotto in der Bar, eine fast schwarze Bitterorangen-Limo. Über allem wachte Mario, der Strandbadpächter, auf seinem selbstgezimmerten, roten Turm und rief die Kinder in seinem kehligen Dialekt zur Ordnung. Es roch weniger nach Meer als nach Lakritze aus einer nahen gelegenen Fabrik. 

Stessa spiaggia, stesso mare, so heißt ein alter Schlager aus dem Jahr 1963. Derselbe Strand, dasselbe Meer und natürlich dieselbe Strandbar. Per quest’anno, non cambiare, ändere dieses Jahr nichts. Es geht um Liebe, natürlich. Aber die leicht zackige Melodie steht auch für das italienische Wirtschaftswunder. Meine Schwiegereltern, beide in abruzzesischen Bergnestern aufgewachsen, sahen das wenige Kilometer entfernte Meer erst als Heranwachsende. Als sie in der Hauptstadt reüssiert waren, kehrten sie zurück. Das Fischerhaus, in dem sie als junge Eltern ihre knappen Urlaube verbracht hatten, war durch das Haus auf dem Hügel ersetzt. Auch Mario, der früher auf dem noch leeren, noch freien Strand an einer Holzbude Getränke verkaufte, hatte sich gemacht. Er war jetzt Betreiber und Gastgeber von La Conchiglia. 

Das stabilimento als Emblem eines Landes, das über Jahrzehnte sehr nach vorn drängte Stessa spiaggia, stesso mare. Die alten Freunde aus der ersten Reihe von La Conchiglia sind nicht mehr. Als letzte starb Tante Maria Laura, fast hundertjährig, im vergangenen Sommer. Zurück im Strandbad bleiben die Erben des italienischen Wirtschaftswunders. Sie übernehmen die Häuser, die Sonnenschirme, oft auch die Lebensweise und das Weltbild. Das gilt für die Gäste, oft aber auch für die Gastgeber. Viele führen das Strandbad in zweiter oder gar dritter Generation. Sie haben die Lizenz dafür geerbt wie die Badegäste ihren Platz. Alles säuberlich aufgeteilt. Doch jetzt plötzlich, soll sich das ändern. 

Das Meer und seine Küsten sind Staatseigentum, niemand kann einen Strand kaufen, allerhöchstens mieten. Mehr als die Hälfte der Strände sind vom Staat an Badeeinrichtungen wie „La Conchiglia“ verpachtet, in Ligurien, der Emilia-Romagna und Kampanien sind es sogar 70 Prozent. Die Pächter dürfen auf den Stränden Bars betreiben, Liegestühle aufstellen und vermieten, Kaffee verkaufen und Münzen für eine Dusche. 

Strand auf La Maddalena

Was sie nicht dürfen: den Zutritt zum Meer verwehren. Sich als Besitzer des Strandes gerieren. Trotzdem tun das viele. Etwa in Ostia bei Rom, wo eine vier Kilometer lange Betonwand Sicht und Zugang zum Meer verwehrt. Die Römer nennen die Wand „il Muro di Ostia“, als wäre sie ein Abklatsch der Berliner Mauer. Den Strand dahinter kann man ohne Einlasskontrolle nicht betreten. 

Auch auf der mondänen Insel Capri wird das Meer weggesperrt, nur etwas eleganter. 14 Euro pro Person – Sonnenschirm und Liegen nicht inklusive, kostet der Eintritt ins Strandbad „Bagni Tiberio.“ Seit 1926 führt dort ein und dieselbe Familie das Regiment: Badegäste dürfen kein Essen und keine Getränke mitbringen. „Bagni Tiberio“ erstreckt sich in den kolossalen Ruinen eines Palastes von Kaiser Tiberius. Das Kulturerbe wurde genauso besetzt wie der Kiesel-Strand. 

Wenn es nach Carlo Salvemini ginge, dem linken Bürgermeister der apulischen Stadt Lecce, wären die Tage für die Mauerbauer von Ostia und die Bademeister im Tiberius-Palast bald gezählt. Salvemini hat Italiens Regierung vor dem Obersten Verwaltungsgericht verklagt, weil diese 2018 die Konzessionen für die Strandbäder schon wieder verlängert hatte, obwohl eine EU-Norm eigentlich schon seit 2006 Wettbewerbsfreiheit gebietet. Danach müssten die Lizenzen immer mal wieder neu vergeben werden, anstatt ewig verlängert oder sogar vererbt. Bürgermeister Salvemini forderte, dem Staat die Oberhoheit über die Strände zurückzugeben. Das Gericht gab ihm Recht. Ende 2023 laufen die alten Lizenzen aus. Für die neuen soll es Auflagen geben. Mehr Nachhaltigkeit, mehr Inklusion, mehr freie Strände. 

Die Strandbadpächter wehren sich dagegen. Sie haben mächtige Fürsprecher: Silvio Berlusconi, Matteo Salvini und Giorgia Meloni, die Führer der Rechtsparteien. Berlusconi und Salvini sind in der Regierung und müssen zähneknirschend hinnehmen, dass Ministerpräsident Mario Draghi die Lizenzvergabe zur Chefsache macht. Aber sie erreichten, dass Pächtern eine Aufwandsentschädigung versprochen wird, falls sie ihre Lizenz nicht verlängern können. Und sie verkünden: Wenn sie 2023 die Parlamentswahlen gewinnen – was den Umfragen zufolge recht wahrscheinlich ist – dann wird die Strandbad-Reform wieder abgeschafft.  

Den rechten Populisten geht es nicht nur um die 12.166 Lizenzen. Sondern ums Prinzip. Wo die italienische Familie waltet, da soll sich der Staat nicht einmischen und Brüssel erst recht nicht. Viele Italienerinnen und Italiener sehen das genauso, deshalb sind Populisten ja so erfolgreich. Sie versprechen den Bürgern, sie vom Staat zu befreien. Der Strandbad-Feldzug ist als Wahlkampfthema ideal, denn er verbindet den Traum von Sonne, Caffè shakerato und Meer mit der Mär von den bösen Behörden als Handlangern der Globalisierung. Die guten Italiener, die sich aufopferungsvoll um unsere Strände kümmern, sollen jetzt ausgebootet werden, behauptet die Rechte. Die freie Lizenzvergabe bedeute den Ausverkauf Italiens an die multinazionali, die Heuschrecken der internationalen Tourismusbranche. 

David gegen Goliath, es ist das alte Lied. Nur stimmt es nicht. Denn erstens werden viele Strandbäder schon jetzt von großen Hotels geführt. Oder von Unternehmern, für die ein stabilimento nur ein Business-Zweig unter vielen ist. Ausländische Investoren hingegen machen seit Jahren immer größere Bögen um Italien, weil die Infrastruktur des Landes unzureichend ist, die Bürokratie ein Alptraum und die Justiz schneckenhaft langsam. Die bisherigen Pächter sollen bei der Vergabe der neuen Lizenzen bevorzugt werden. Allerdings zu einem angemessenen Preis. Bislang sind es im Schnitt 7600 Euro – für eine ganze Saison. Viele zahlen deutlich weniger, manche auch einfach nichts. Aus den letzten fünf Jahren stehen noch 39 Millionen Euro Pacht aus. 

Verrückt findet das Luxusunternehmer Flavio Briatore. Er betreibt das „Twiga“ im toskanischen Marina di Pietrasanta, wo ein Zelt mit mehreren Liegen in der Hochsaison 1000 Euro kosten kann – pro Tag. „Ich müsste eigentlich statt 17.000 Euro mindestens 100.000 Euro Pacht zahlen“, sagte Briatore, eigentlich ein Freund der Rechten, kürzlich dem „Corriere della Sera.“ In Marina di Pietrasanta sind 98,8 Prozent der Strände verpachtet. Die seit Ewigkeiten links regierte Region Toskana will daran nichts ändern. In Latium, der Region um Rom, sollen hingegen stabilimenti höchsten die Hälfte der Küstenabschnitte besetzen. Der Strand soll nicht länger nur zum Geldverdienen und zum Konsumieren da sein, sondern als ein Stück Natur geschützt werden. Für viele italienische Politiker, gleichgültig welcher Couleur eine vollkommen verstiegene Idee. 

Noch überwiegen Partei übergreifend ziemlich konservative Vorstellungen von Urlaub. Mit dem Auto zum Strand fahren, dann tagsüber dicht gedrängt Liege an Liege rösten und abends feiern zu lauter Musik.  Wie das geht, machte Lega-Boss Salvini, der damals Innenminister war, im Sommer 2019 bei einer denkwürdigen Strand-Besetzung vor. Aus dem Ministerium in Rom zog Salvini in das Strandbad Papeete Beach in Milano Marittima an der Adria. Umgeben von seinen Leibwächtern gab er mit nacktem Oberkörper Pressekonferenzen an der Bar und tanzte zur Techno-Version der Nationalhymne. Das bizarre Happening löste eine Regierungskrise aus, der Strandminister musste in die Opposition wechseln. Der Papeete-Pächter Massimo Casanova sitzt als Abgeordneter der Lega im Europaparlament.

Strand von Messina

Dort streiten Salvinis Vasallen nicht nur für die Privilegien der Strandpächter. Sie bekämpfen vor allem jene, die in Italien stranden. Die provinziell anmutende Posse um die Sonnenschirm-Lizenzen lenkt vom großen Drama der Flüchtlinge ab, die auch in diesem Sommer auf Sizilien, in Apulien, in Kalabrien ankommen. Wissentlich ignoriert die Strand-Lobby die Tatsache, dass seit Jahren die meisten Gründungen mittlerer und kleiner Unternehmen in Italien durch Einwanderer erfolgen. Chinesen, Inder und Rumänen könnten mit dem neuen Lizenzgesetz auch ein Strandbad eröffnen, genau wie jene jungen Italiener, die keine Lizenz erben können, aber gern eine erwerben würden. Italien ist viel diverser und fortschrittlicher, als es die Papeete-Politik erahnen lässt. Wenn auch vielleicht nicht überall. 

Die Saison war noch nicht eröffnet, da fuhr ich die Küstenstraße von Rom in Richtung Süden. Links erhoben sich die kahlen Berge aus Sergio Leones Spaghettiwestern, rechts lag, glitzernd unter der Steilküste, das Meer. Kurz vor Gaeta ein Schild: „Aeneas‘ Landing.“ Wie verheißungsvoll. Der trojanische Held Aeneas, ein Sohn der Liebesgöttin Aphrodite, soll auf der Flucht an diesem Küstenabschnitt gelandet sein, um Stammvater der Römer und Urahn von Julius Caesar zu werden. So erzählen es die Dichter der Antike. Ich stellte das Auto ab, stieg aus. Ein einladend geöffnetes Eisentor, eine Treppe führte hinab, 130 Stufen. Unten weißer Sand, umrahmt von Felsen voller Kaktusfeigen: sagenhaft. 

Vorher kam noch ein Tor. Dahinter saß eine Frau mit einem kolossalen Hund. „Treppenbenutzung drei Euro pro Person“, sagte sie. „Der Strand ist doch frei?“ fragte ich. Selbstverständlich dürfe ich ans Meer, ohne zu zahlen. „Aber umsonst zurück nach oben, das wird schwierig, Signora. Die Treppe gehört nämlich mir.“ 

Oberhalb der Treppe

Crisi

Es ist schon erstaunlich, wie sehr Mario Draghi in Deutschland umjubelt wird, irgendwo habe ich in Bezug auf seine Person sogar den Begriff „Heiland“ gelesen. Ich fürchte, das war in der SZ, wo der Kollege auch gern mit den Adjektiven „byzantinisch“ und „barock“ um sich wirft, in der irrigen Annahme, es sei in jenen weit zurückliegenden Epochen besonders chaotisch zugegangen. Aber mit Byzanz und dem barocken Rom (das ist ja wahrscheinlich gemeint) hat diese Regierungskrise rein gar nichts zu tun. Vielmehr ist sie ein Nebenprodukt des postdemokratischen Zustands, in dem sich Italien seit vielen Jahren befindet. Legislaturperioden – die übrigens so gut wie nie durch Neuwahlen unterbrochen werden, weil die Parlamentarierinnen an ihren sauer verdienten Plätzen kleben – verlaufen neuerdings so:

  1. Es gibt Wahlen und die gewinnen irgendwelche Populisten. Berlusconi, Grillo, Salvini. Die nächsten werden von Giorgia Meloni und ihrem Verein Fratelli d’Italia gewonnen, die in Deutschland immer mit leichtem Gruseln „postfaschistisch“ genannt werden. Was immer das sein soll. Die Demokratie haben die Italiener, wie gesagt, hinter sich gelassen. Den Faschismus ganz sicher nicht.
  2. Ist auch egal, denn diese Populisten sind sowieso allesamt rechts. Ihre Parteien oder Bewegungen oder wie auch immer sie genannt werden, sind nicht demokratisch strukturiert, sondern auf eine Führungspersönlichkeit zugeschnitten, der freie Bahn bei der Personalpolitik gewährt wird. Politische Programme gibt es nicht, bloß irre Visionen (im Fall der 5 Sterne, die angetreten waren, den Euro und die analogen Infrastrukturen abzuschaffen, weil, wie Grillo mir sagte „wir eigentlich nur noch Digital-Autobahnen brauchen“) oder Hetze (Salvini, Meloni und Konsorten). Warum diese Schreihälse so viel Erfolg bei den Italienerinnen haben, ist mir immer noch ein Rätsel. Immerhin habe ich verstanden: Am Berlusconi-Fernsehen lag es nie. Eher daran, dass die Staatsferne vieler Bürger wirklich extrem ist. Sehr, sehr vielen Italienern ist die Demokratie vollkommen schnuppe. Jetzt kann man sich darüber den Kopf zerbrechen, wo die Henne ist und wo das Ei. Ein anderes Mal.
  3. Die Populisten müssen nach gewonnener Wahl irgendeine Koalition schmieden. Mit wem, ist eigentlich egal, auch der PD macht ja mittlerweile mit. Dass diese Koalitionen zerbrechen, ist sozusagen ein Naturgesetz. Die Frage ist nur: wann.
  4. Der PD (Partito Democratico) ist längst Teil des Problems. Er repräsentiert nicht mehr die sozial Schwachen – das hat er den Fünf Sternen und der Rechten überlassen. Er macht aber auch keine Zukunftspolitik. Der Klimawandel ist in diesem wahnsinnigen Hitzesommer (in Deutschland stöhnen sie über ein paar Tage, in Italien haben wir’s seit Mitte Mai) zwar ein Thema, aber sonst kümmert er die Politik nicht. Who cares! Italien ist das Land mit der ältesten Bevölkerung Europas, die Jungen gehen weg, wer bleibt, findet kaum eine anständig bezahlte Arbeit. Auch kein Thema für die Politik, auch nicht für den PD. Die Folge: Junge Italiener fühlen sich nicht repräsentiert. Junge Frauen schon gar nicht. Der Frauenanteil im Parlament ist auf einem Tiefpunkt, spätestens mit der Pandemie sind Frauen weitestgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Außer einer Virologin, vielen Krankenschwestern und Giorgia Meloni.
  5. Diese „Regierung der nationalen Einheit“ (Orwell lässt grüßen!) besteht nur, weil der vom Rest Europas schon vergessene, aber seinerzeit zugesagte 200 Milliarden-Euro-Corona-Hilfsfonds verteilt werden muss. Da wollte keiner fehlen, nur Meloni durfte nicht mitmachen und deshalb gewinnt sie die nächste Wahl. Weil sie lauthals sagt, die Regierung brächte es nicht. Natürlich hat sie Recht.
  6. Draghi ist ein gewiefter Manager und glänzender Ökonom. Aber wie soll man mit Leuten regieren, die wahlweise mit der Krise drohen, weil Strandbadbetreiber ihre Lizenzen nicht mehr weitervererben dürfen – EU-Recht soll nach 15 Jahren Aufschub angewendet werden, wirklich empörend! – oder, weil in Rom eine Müllverbrennungsanlage gebaut werden soll. Nota bene: Die Hauptstadt erstickt buchstäblich im Abfall, der hoffentlich irgendwann auf Züge gepackt und in deutschen Verbrennungsanlagen vernichtet wird. Das ist nämlich die Alternative.
  7. Niemand will Neuwahlen, außer Meloni. Also wird sich dieses unwürdige Spektakel noch bis in den Winter weiter ziehen.
  8. Danach, wie gesagt, die nächste Populistenregierung. Ein Jahr, höchstens 15 Monate. Dann Regierungskrise, Eurokrise, Abgang. Expertenkabinett.
  9. Alles geht von vorne los.

Abpfiff

In Ascoli Piceno, wo einst Oliver Bierhoff in der zweiten Liga spielte, wird gerade das Dach der Kirche San Tommaso renoviert. Bei den Arbeiten fielen Dutzende von Bällen herunter, die über Jahrzehnte vom Kirchplatz himmelwärts geschossen worden waren. Zeugen einer Zeit, in der kleine Italiener (und wenige Italienerinnen) Fußball auf der Piazza spielten, mit dem Kirchenportal als Tor.

Generationen von Fußballern begannen so – oder gleich im Oratorio. Das war der Sportplatz der Kirchengemeinde, mit dem Priester oder dem Diakon als Trainer. Es gab sie in ganz Italien, denn der Kirche oblag das Erziehungsmonopol der Kleinsten: Kindergarten, Grundschule, Fußballjugend, alles unter den Fittichen von Sacra Romana Chiesa, wobei die Fittiche das falsche Bild wären, eher wehten die Soutanen im Einsatz auf dem Ascheplatz.

Tempi passati. Im römischen Bischofspalast am Lateran gibt es zwar noch ein Amt für die Oratori, aber die bieten jetzt vor allem Basketball an oder gleich Fotokurse.

Um die Jahrtausendwende, als die Serie A noch Europas Glitzerliga war, trat im Fernsehen Kardinal Tarcisio Bertone als Fußballreporter bei Juventus-Heimspielen auf. Seine Eminenz war glühender Juve-Fan und dem Fußball derart ergeben, dass er im Vatikan den Clericus-Cup einrichtete, eine Art Priester-Liga als Ergänzung zum Laienwettbewerb im Kirchenstaat mit den Wächtern der Sixtinischen Kapelle als Rekordmeister.

Bei Franziskus fiel der Juventino Bertone in Ungnade, weil er allzu prunkvoll Hof hielt. Der Clericus-Cup macht seit 2020 Pause. Und ich frage mich, ob es nicht einen Zusammenhang gibt zwischen den leeren Kirchen in Italien und dem Niedergang des Calcio. Eine Gleichzeitigkeit der Entfremdung von der Religion und vom Fußball. Tatsache ist, dass seit über 40 Jahren der Papst kein Italiener ist, während die Azzurri seit dem letzten Titelgewinn vor fast 16 Jahren bei Weltmeisterschaften zunächst in die Statistenrolle abgedrängt wurden (Vorrunden-Aus 2010 und 2014), um schließlich gar nicht mehr dabei zu sein. Höchstens als Zuschauer, 2022 wie 2018. Aber wer schaut denn eigentlich noch hin? Sicher, es gab den EM-Überraschungssieg im vergangenen Sommer. Die Ausnahme, nicht die Regel. Es reichte für einen kurzen Freudentaumel, und schon geht es wieder abwärts.

Nur die Kirchen sind sonntags noch leerer als die Stadien. Zwar sind die meisten irgendwie katholisch, merken das aber kaum, zumal sie noch nicht einmal Kirchensteuer zahlen müssen. Längst unterscheidet man deshalb „cattolico“, also auf dem Papier katholisch, von „praticante“ (praktizierend). Und die Distanz wächst. Früher nahmen zumindest die Römerinnen Rücksicht auf ihre praktizierenden Eltern und heirateten brav in der Kirche. Inzwischen haben standesamtlichen Eheschließungen die kirchliche Trauung überholt. Sinnigerweise bietet die Stadt Rom als Hochzeitsaal eine entweihte frühchristliche Kirche neben den Caracalla-Thermen an. Auch in der Hauptstadt des Katholizismus werden Kirchen also unaufhaltsam zur Kulisse. Genauso wie das Oratorio. Hier eines der schönsten, umrahmt von antiken Ruinen, bei Sant’Agnese an der Via Nomentana.

Jede Wette: Bei der nächsten Kirchenrenovierung wird in Ascoli kein Ball mehr auf die Piazza fallen.

Casa Balla

Seitdem Putins Soldaten die Ukraine zerstören, müssen sich im Westen auch russische Künstler für ihre Haltung gegenüber dem Regime rechtfertigen. Kunst in Diensten der Tyrannei, das ist ein ewiges Paradox, leider aber auch 2022 noch ein Thema in Europa. Außer in Italien, wo die Verbandelung von Künstlern mit dem Faschismus allerhöchstens akademischen Debattenstoff darstellen, während in den Schulen weiterhin der schwülstige Schmonzes des strammen Faschisten Gabriele D’Annunzio als nationales Kulturgut unterrichtet wird. Das kulinarische Fachblatt La Cucina Italiana feierte kürzlich sogar die Rezepte des „großen Dandy-Dichters“, selbstredend ohne seine appetithemmenden politisch-militärischen Abenteuer auch nur zu erwähnen. Im Gegensatz zu D’Annunzio, der nach der Friedenskonferenz von Wien im September 1919 mit einigen Freischärlern die Stadt Rijeka (heute Kroatien) überfiel und bis Dezember 1920 besetzt hielt, hat sich der Maler Giacomo Balla nicht als Frontkämpfer für den Faschismus hervorgetan. Er begnügte sich mit Propaganda wie mit dem Auftragswerk zum „Marsch auf Rom.“

Solch‘ figürliche Darstellung (der Parteibonzen) ist eine Ausnahme in seinem Werk, denn Balla war Erfinder und Motor der futuristischen Bewegung.

Dass viele Italiener den Futurismus nicht mehr automatisch mit dem Faschismus verbinden, liegt auch an Balla. Seine Kunst erscheint heute als derart modern, dass man dazu neigt, sie aus dem Kontext ihrer Entstehungszeit herauszulösen. Diese Farben! Dieses, ja, zeitlose Design, die abstrakt-geometrischen Formen. Das alles hat zu einer Balla-Renaissance geführt, eingeleitet und befeuert durch die römische Modeschöpferin Laura Biagiotti, die vor einigen Jahren ihre Balla-Sammlung öffentlich im Museum des Augustus-Friedensaltars (!) zeigte und mehr als eine Mode-Kollektion auf den Laufsteg brachte, die anmutete wie von Balla entworfen.

Biagiotti war rechtsextremer Neigungen unverdächtig. Es stimmt ja auch, Balla (1871-1958) war in gewisser Weise der Begründer des italienischen Designs. Er selbst kreierte seine Marke, zeichnete alles mit „FuturBalla.“ Und er war universell unterwegs: Tapeten und Möbel, Teppiche und Kleidung, Kissen, Hüte, Geschirr. Überall finden sich ähnliche Formen und Farben wie auf seinen futuristischen Bildern. Ballas Leben war komplett durchdesignt, und nicht nur seines, sondern auch das seiner beiden Töchter Luce, das heißt Licht, und Elica. Das heißt Propeller. Wer sein Kind so nennt, der kennt keine Grenzen und auch keine Skrupel, der sieht sich selbst als Schöpfergott im eigenen, künstlerischen Parallel-Universum.

Balla gestaltete das Leben seiner Töchter wie ihre Kinderzimmer, in denen sie zeitlebens wohnten. Man weiß nicht, was verstörender ist – seine Liebesdienste für den Duce oder die Tatsache, dass Luce und Elica wie Designgegenstände stets an der Seite des Vaters blieben und auf ein eigenes, unabhängiges Leben verzichteten. Bis zu ihrem Tod (Elica 1993, Luce 1994) wohnten sie in der väterlichen Wohnung in der Via Oslavia 39b im römischen Stadtteil Prati. Heute ist „Casa Balla“ Roms neuestes Museum, betreut vom MAXXI, dem Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst. Eigentlich sollte es im vergangenen Jahr nur ein paar Monate geöffnet bleiben, doch es gab Verlängerung bis Ende 2022. Ein open end ist wahrscheinlich – was sollen die Erben sonst tun mit einer unverkäuflichen Wohnung in Bestlage?
Casa Balla ist verstörend. Man wandert durch die von oben bis unten ausgepinselten Räume, bewundert die Kunstfertigkeit, findet es aber auch komplett irre. Wollt ihr das totale Design? Bitteschön, so schaut es aus, es gibt kein Entrinnen, nirgends, weder auf dem Klo noch auf der (für Besucherinnen unzugänglichen) Terrasse:
Die Küche sieht auf den ersten Blick ganz einladend aus. Aber auf den zweiten sieht man: Tischdecke Balla, Teller Balla, Krüge Balla, Tisch und Stühle Balla. Ballaballa! Weiter geht’s ins Badezimmer.

Im Flur, am von Papa Balla gestalteten Garderobenhaken, hängt noch das Gewand einer der Töchter. Würde ich ja sofort anziehen, Lila ist meine Lieblingsfarbe. Bedeutet andererseits, dass es auch außerhalb der vier Mauern keinen wirklich Balla-freien Raum gab. Wenn sie mal ausgingen, dann in den Kleidern des Alten, plus Hut.

Im Wohnzimmer (der Fußboden, das Sofa!) sind einige Werke ausgestellt.

Und dann gibt es noch die „Arbeitskammer“, ein knallbuntes Kabuff.
Dass Balla Faschist war, darauf wird nirgends hingewiesen. Die großen Propagandawerke hängen sowieso im Museum, viele in der GNAM (Nationalgalerie für moderne Kunst). Wer es im Hinterkopf hat, und das sind vermutlich längst nicht alle Besucher, der gewinnt in der Casa Balla die Erkenntnis, dass der Regime-Künstler sich in seiner eigenen Welt verschanzt hat, die noch unerbittlicher abgeschlossen war als jene da draußen.

Wenn auch in freundlich leuchtenden Farben.

Pink Police

Die italienische Polizeigewerkschaft Sap hat sich bei der Regierung darüber beschwert, dass ihre Mitglieder rosa gefärbte Ffp2-Masken tragen sollen. Die Farbe Rosa sei unangebracht, argumentiert die Gewerkschaft. Schließlich solle die Polizei seriös, ja Respekt gebietend auftreten, man habe es in diesen Zeiten schon schwer genug und werde dauernd angefeindet. Deshalb bitte: Nur Masken in weiß, dunkelblau, schwarz – und hellblau.

Moment, hellblau?

Wenn in Italien ein Kind zur Welt kommen, schmücken die stolzen Eltern und Großeltern ihre Haustür mit einer großen Schleife. Hellblau, wenn es ein Junge ist. Rosa bei einem Mädchen. Hellblau ist also in der allgemeinen Wahrnehmung eine Babyfarbe. Genau wie Rosa.

Warum also soll eine rosa Maske für einen italienischen Polizisten unangemessen sein und seine Autorität untergraben, während eine hellblaue völlig okay wäre?

Genau: Rosa ist für Mädchen.

Dass die Sap rechts und von gestern ist, hat sie schon öfter bewiesen (Einheitsgewerkschaften gibt es in Italien nicht.) Wie mächtig sie ist, leider auch. Von 100.000 PolizistInnen gehören 20.000 diesem Verein an. Jede/r fünfte. Der Frauenanteil bei der Polizei beträgt nur 15 Prozent, aber das Kommando hat eine Frau, die parteilose Innenministerin Luciana Lamorgese.

Die Maskenfarce wird jetzt also richtig interessant. Wie wird Lamorgese auf das Gezeter reagieren? Am einfachsten wäre es natürlich, die Anti-Rosa-Sheriffs ihre Masken selbst kaufen zu lassen. Wer kein Rosa will, muss halt blechen, fertig. Die Steuerzahlerinnen können auf solche Schwurbler keine Rücksicht nehmen, wäre ja noch schöner.

Zumal die Sap, deren Vertreter einst den ausgesprochen peinlichen Polizeiminister Salvini auf das Allerpeinlichste hofierten, auf dem total falschen Dampfer ist. Denn bevor im 20. Jahrhundert Rosa als Mädchenfarbe populär wurde, war es im Abendland die Männerfarbe. Rosa verband das virile, aggressive, leidenschaftliche Rot mit dem intellektuellen, aufrichtigen Weiß. Italiens Malerstars wie Masaccio malten Christus in Rosa, Michelangelo tunkte sogar den Schöpfer selbst in eine pinkfarbene Wolke. Hier entstehen auf göttlichen Fingerzeig gerade Sonne und Mond!

Mehr Autorität geht nicht, oder?

In Venedig, wo die Masken eingesetzt werden sollen (by the way: im Karneval), ist der Dogenpalast rosa. In NRW wurden vor ein paar Jahren Gefängniszellen rosa gestrichen, zur Beruhigung der Häftlinge. Rosa soll nämlich das Stresslevel senken, angeblich.

Rosa Masken für alle, per favore. Aber wieso eigentlich nicht gleich rosa Uniformen? Der rosa Polizei gehört die Zukunft.

Nicht nur in Italien!