Zizous Rache

CR7 hat seine Drohung wahr gemacht und Juventus zwei verpasst. Im Endspiel bekam Juve mehr Tore serviert als in der gesamten K.O.-Runde und dazu die Erkenntnis, dass man mit einer Weltklasse-Abwehr allein kein Finale gewinnt, wenn eine mediokre Offensive sie allzu selten entlasten kann.

Zinedine Zidane hatte mit Juventus, seinem alten Klub, noch eine Rechnung offen. „Er war eher unterhaltsam als nützlich“ hatte der „Avvocato“ Gianni Agnelli über den Franzosen gelästert, als der nach zwei verlorenen Champions-League-Endspielen den Klub in Richtung Madrid verließ. Jetzt ist Zizou der erste Titelverteidiger, der im Folgejahr den Pokal holt. Und Agnellis Neffe Andrea musste nach dem Schlusspfiff jeden Spieler einzeln trösten.

Gigi Grandezza

Man kann für Real Madrid sein oder für Juventus. Oder für keinen von beiden, vielleicht, weil man Bayern-Fan ist, oder weil man gerade mit einer Borussia hadert. Oder, ganz anderer Fall, weil einen die Champions League und der ganze superkapitalistische Turbo-Kommerz im Fußball schon lange nicht mehr interessieren.

Das alles ist möglich und noch viel mehr. Aber am Samstagabend ist Gigi dabei. Und wie kann man diesem großen, 39-Jährigen Jungen bitteschön nicht die Daumen drücken? Eben.

Stell dir vor, es ist Finale und im Tor steht Buffon. Der schrägste und schillerndste Schlussmann der Welt, nebenbei und überhaupt auch noch lange Zeit der beste. Ein Typ, wie es sie im Fußball immer seltener gibt und eigentlich auch schon immer selten gegeben hat. Sein drittes Champions-League-Finale steht an in Cardiff, einen Ort, den man auf der Landkarte, auf internationalen Flugplänen und auf der Liste der Geburtsorte von Nobelpreisträgern eine ganze Weile suchen muss. In Cardiff also will, nein muss Gigi jetzt endlich mal gewinnen. Schon klar, bei den anderen kickt ein gewisser Cristiano Ronaldo. Der hat schon drei Mal den Ohrenpokal geholt und will Gigi nun in seiner üblichen Bescheidenheit zwei rein ballern. Könnte klappen. Die Frage ist: Wer, außer CR7 und den Madrilenen will das?

Juventus vs Sampdoria

Von CR7 steht auf seiner Heimatinsel Madeira ein Bronzedenkmal. Gianluigi Buffon gibt es nicht als Statue, dabei stammt er aus Carrara, der Stadt des weißen Marmors, aus dem schon ein gewisser Michelangelo seinen David klopfte. Beide Eltern waren Leichtathleten, die Mutter Maria Stella sogar dreifache Italienmeisterin im Kugelstoßen, die älteren Schwestern spielten Volleyball: Eine äußerst sportliche Familie. Gigi entschied sich für den Fußball und wurde ein glühender Fan des Heimatklubs Carrarese Calcio – für den er nie gespielt hat, zu dessen Heimspielen er aber auch als junger Profi bei Parma und Juventus noch fuhr, wann immer es möglich war. Mit dem Zug, meistens ohne Fahrkarte: „So oft, dass es in meiner Spielerstatistik auftauchen könnte“, heißt es in seiner Autobiografie Numero1. „Gianluigi Buffon: soundsoviele Elfmeter pariert, soundsoviele Tore kassiert, soundsoviele Schwarzfahrten absolviert.“

In Turin ließ man ihm nicht nur durchgehen, dass auf seinen Torwarthandschuhen der Schriftzug C.U.I.T prangte, die Abkürzung für Comando Ultrà Indian Trips, die organisierten Fans aus Carrara. Juve duldete es auch, dass der Kapitän später seinen Herzensklub kaufte. Von 2010 bis 2016 war Buffon als Patron der Carrarese Klubbesitzer in der Dritten Liga. Es endete damit, dass er auf dem Klubgelände Marmorblöcke versteigern ließ, den Verein aber trotzdem nicht halten konnte, genauso wenig wie das Textilunternehmen Zucchi. Der norditalienische Traditionsbetrieb konnte nach fünf Jahren Buffon gerade noch vor der Pleite gerettet werden. Gigi Nazionale verlor eine Menge Geld, sorgte aber dafür, dass keiner der 1200 Mitarbeiter entlassen wurde. Sein Traum, ein anständiger Unternehmer zu werden, war geplatzt. Von seinem kleinen Imperium blieb ein Strandbad an der heimatlichen Riviera.

Und es blieb der Anstand. Das Wichtigste also, ist die lange Karriere des Gianluigi Buffon doch vor allem ein großer Bildungsroman, und der Protagonist Gigi ein italienischer Wilhelm Meister. Eine ganze Nation nimmt Anteil an der Wandlung eines jugendlichen Hitz- und Wirrkopfes zum lebensklugen Capitano, dessen Weg durch das Inferno von Wettsucht, Depression und Zwangsabstieg in die Zweite Liga führt, aber auch über die olympischen Höhen eines Weltmeistertitels, eines Uefa-Cups und acht gewonnener Italienmeisterschaften. Und doch ist es nicht der Erfolg, der Buffon – Rekordhalter mit 974 torlosen Minuten in über 1000 Profispielen – zum beliebtesten Fußballer Italiens macht. Eher ist es das stets öffentlich zelebrierte Ringen darum, ein anständiger Mensch zu sein, im Reinen mit sich und der Welt aber ohne den Hauch von Konformismus. Nur das Mutterland des Individualismus konnte wohl ein solches Prachtexemplar hervorbringen wie Buffon. Einen, der derart aus der Rolle fällt und doch als leuchtendes Vorbild zwei Generationen von Fußballern überstrahlt.

Unvergessen in der Karriere der großen Skandalnudel Gigi, bleiben ein gekauftes Abitur und der Patzer mit der Trikotnummer 88 beim AC Parma. Für den Macho-Welpen Buffon symbolisierte sie seinerzeit „vier Eier“, für andere aber „Heil Hitler“. Wobei man zugegeben schon sehr um die Ecke denken muss, um darauf zu kommen, dass die 8 für den achten Buchstaben des Alphabets steht, also H und zwei Achten für HH. „Das wissen doch nur Nazis“, reagierte entgeistert Buffon, als der Skandal schon kochte. Und natürlich hatte er vollkommen Recht. Die Suppe auslöffeln musste er trotzdem, geschadet hat es ihm nicht.

Bis heute hat sich Buffon eine entwaffnende Jungenhaftigkeit bewahrt. Natürlich ist er auch im Umgang mit den Medien ein Profi geworden, hat den Dialekt der toskanischen Küste abgestreift, weiß seine Worte zu wägen. Und doch gibt es da immer noch diese Spontaneität. Er ist ehrgeizig, aber nie verkniffen, selbstbewusst, aber nicht eitel. Neulich ließ er sich einen Tom-Selleck-Schnäuzer stehen, das sah so unmöglich aus, dass ganz Italien darüber lachte. Wie man ja überhaupt wunderbar über Gigi lachen kann. Seine Lebensgefährtin Ilaria D’Amico ist die bekannteste Sportjournalistin des Landes, ein paar Jahre älter als Buffon und, nunja, auch noch ein wenig eloquenter. Das Paar hat einen gemeinsamen Sohn – zwei hat Buffon aus seiner ersten Ehe – und schützt seine Privatsphäre konsequent aber mit viel Selbstironie. Kürzlich war D’Amico Gast in einer Talkshow, als Gigi sich gerade im Trainingslager der Squadra Azzurra befand. In die Sendung wurde Nationaltrainer Gian Piero Ventura zugeschaltet und D’Amico durfte ihm eine Frage stellen. „Hat Gigi auch alles aufgegessen?“ erkundigte sie sich. Und dann, listig: „Hat er auch sein Bäuerchen gemacht?“ Hat man je eine Spielerfrau erlebt, die von Fußball mindestens so viel versteht wie ihr Mann – und die ein nationales Symbol öffentlich derart auf den Arm nimmt? Das ist Grandezza.

Stell dir vor, es ist Champions League und im Endspiel steht Gigi Buffon. Der Lulatsch im Juve-Tor, der alle seine Gegner tätschelt. Und dann stell dir vor, der gewinnt den Pokal gegen Cristiano Ronaldo, Sergio Ramos, Marcelo, Toni Kroos und Benzema.

Dafür machen wir doch nachher alle brav unser Bäuerchen.

Legende

totti10

C’è solo un capitano.

Als der Moment gekommen ist, vor dem alle Angst haben, am meisten er selbst, da öffnen sich die Schleusen. Es weinen die alten Männer mit den grauen Bärten, es weinen die jungen, ein letztes Mal für ihn schön geschminkten Frauen, es schnieft die VIP-Tribüne, es flennt die Mannschaft auf dem Rasen, der neuen Torschützenkönig Edin Dzeko und der Verteidiger Antonio Rüdiger. Auf der Tribuna Tevere sackt ein Typ in sich zusammen, dem man lieber nicht allein im Dunkeln begegnen möchte, Stoppelhaare, Bullennacken, tätowierte Muskelberge und nun schluchzend wie ein Kind. Ein ganzes Stadion mit 60.000 Menschen weint bei der ergreifendsten Verabschiedung der Fußballgeschichte und am hemmungslosesten heult er selbst: Francesco Totti, das Gesicht vergraben in den weichen Haaren seiner drei Kinder, zu denen er geflüchtet ist, als der Schlusspfiff ertönte nach seinem letzten Spiel. 3:2 gegen CFC Genua, den 2. Platz und damit die direkte Champions-League-Qualifikation gerade noch um Haaresbreite ergattert, weil die Roma viel zu aufgeregt war, um an diesem Sonntag auch noch ernsthaft Fußball zu spielen.

Das Ergebnis interessiert schon niemanden mehr. Es geht hier nicht um die Zukunft, es geht um das Ende einer Ära, um ein Vierteljahrhundert mit einem Mann, der immer mehr war als ein Fußballer, nämlich Roms Kapitän, das Gesicht einer Stadt und am Schluss wie ein naher Verwandter seiner Mitbürger. Die städtischen Autobusse fahren heute mit der Richtungsanzeige „Linie 10, Grazie Capitano.“ Francesco, sagt sein Freund, Kollege und Nachfolger Daniele De Rossi, habe eine Stadt geeint, „die sonst über alles streitet.“ Vermutlich vergießen gerade auch die Lazio-Fans eine kleine Träne, und sei es nur darüber, dass sie so einen wie Totti nie gehabt haben. Die Stimmung schwankt zwischen Verzweiflung und Dankbarkeit, abzulesen auf sorgfältig gemalten Spruchbändern wie diesem hier: „Ich hatte gehofft, früher zu sterben.“

In seiner Zeit bei AS Roma hat Totti drei Päpste und 13 Regierungen überdauert, von römischen Bürgermeistern zu schweigen. Hat die Leute amüsiert und aufgeregt, mitgerissen und verzaubert. Und dann diese Treue. Welche Ehe hält denn heute noch 25 Jahre? Man hatte gemutmaßt, der fast 41-Jährige würde nun woanders weiterspielen, noch ein wenig Geld scheffeln in den USA wie Andrea Pirlo oder am Persischen Golf wie früher Fabio Cannavaro. Dabei ist es doch klar, dass jedes andere Trikot bei ihm Allergien auslöst. „Roma, Roma, Roma“ ertönt nun, die Hymne. Mit gesenktem Kopf hört Totti zu. Dann schießt er einen Ball in die Tribüne, das letzte Geschenk an die Fans. Fasst sich. Und verliest eine kleine Rede.

Das ist die wirkliche Sensation an diesem Abend: Totti teilt seine Ratlosigkeit, die Verwirrung und Zukunftsangst und beweist damit noch einmal Grandezza. „Ich bin noch nicht bereit, basta zu sagen. Vielleicht wäre ich das nie“, sagt er. „Das Licht auszumachen, ist nicht einfach.“ Aber er könne den Lauf der Zeit nicht anhalten. „Erlaubt mir, ein wenig Angst zu haben. Und das ist nicht die Angst vor dem Elfmeter. Diesmal kann ich nicht durch das Tornetz sehen, wie es weiter geht.“ Er sei nun gezwungen, erwachsen zu werden, erklärt Totti, der Vater und Überrömer. „Ich werde nie mehr den Duft des Rasens einatmen und die Sonne im Gesicht spüren, wenn ich zum gegnerischen Tor renne.“ Schön war’s, und nun soll es vorbei sein. Für alle.

Totti und seine Roma haben nicht viel zusammen gewonnen. Aber sie haben ein Vierteljahrhundert lang in vollkommener Symbiose mit der Stadt immer wieder bewiesen und bekräftigt, was Fußball sein kann: Leichtigkeit, Wildheit, Ästhetik, große Gefühle und großer Spaß. „Der Tottismus“, hat ein kluger Mann in der sehr römischen Tageszeitung „Il Messaggero“ mal geschrieben, „ist die einzige Religion, die niemandem weh tut.“ Am Ende übergibt der Kapitän seine Binde einem kleinen, blonden Jungen aus der Jugendmannschaft, in der auch sein eigener Sohn Cristian spielt. Zwei Tage vor dem Abschied seines Vaters hatte Cristian Totti für sein Team einen Elfmeter geschossen, der den Turniersieg bedeutete.

Die Totti-Saga geht weiter.

Bellissimo Giro

In der 100. Ausgabe des Giro gewinnt zum ersten Mal ein Mann aus der Radfahrnation Niederlande: Tom Dumoulin. Der Triumph von Kraft und Enthusiasmus über Taktik. Vergebens haben die so verschiedenen, aber im Kampf gegen ihn vereinten Kontrahenten Nairo Quintana und Vincenzo Nibali versucht, ihn aufzuhalten. Dumoulin, bis dato nur als schneller Sprinter bekannt, zog auf einmal auch über die Berge, verlor nach Magenkrämpfen ein paar Sekunden, aber nicht die Führung und fuhr zum Schluss einen grandiosen Sprint von Monza nach Mailand. Selten hat man in den letzten Jahren einen so spannenden, unterhaltsamen ja begeisternden Giro gesehen. Auch das Publikum war beeindruckend. Tausende von Giro-Pilgern im Gebirge, die meisten waren auf dem Radl da.

Vielleicht und hoffentlich ist das der Beginn einer Renaissance für diesen wunderbaren Sport. Im italienischen Rinascimento waren die Holländer ja auch gut dabei.

Italy Giro Cycling