Nach Perlen tauchen

Ein Dank an die Perlentaucherinnen, die „Neros Mütter“ unter die besten fünf Sachbücher des Monats gelistet haben! Natürlich ein Zufall, dass ich die einzige Frau zwischen vier männlichen Autoren bin. Vielleicht aber auch nicht, denn die ganz überwiegende Anzahl von Sachbüchern wird von Männern verfasst und besprochen, Frauen schreiben und rezensieren eher Romane. Allerdings wurde der Sachbuch-Preis der Buchmesse Leipzig soeben an eine Frau vergeben, an Heike Behrend für „Menschwerdung eines Affen.“ Auf der Shortlist mit fünf Titeln stand immerhin eine andere Autorin. Essayistik ist mühsam, macht viel Arbeit und verkauft sich (allermeistens) schlecht, weil sie auch beim Lesen anstrengend bleibt. Aber wer nach Perlen tauchen will, der braucht halt Ausdauer.

Hinter Gittern

Die Hälfte der BundesbürgerInnen hat die erste Impfung erhalten und zusehends dreht sich das allgemeine Lamento nicht mehr um Warteschlangen, Drängler, Biontech oder Astra, sondern um die Kopfschmerzen und den Schüttelfrost danach. Sowie natürlich um Urlaubspläne. Und während die Republik und ihr Gesundheitsminister der Kinder-Immunisierung und somit dem sorgenfreien Vor-Wahl-Sommer entgegenfiebern, schieben sich plötzlich diejenigen in den Vordergrund, die man im Eifer des Impf-Gefechts vergessen hatte (und ehrlich gesagt, auch sonst): Leute hinter Schloss und Riegel. Häftlinge. Knackis, wie mein Onkel Rolf zu sagen pflegte, der als Schließer in der JVA Werl arbeitete und in den Pausen stoisch Altgriechisch paukte, „damit mir die Spitzbuben nicht mein ganzes Hirn auffressen.“ War politisch nicht korrekt, der Onkel. Andererseits: Er war halt drin im Knast, ein Berufsleben lang. Und er meinte es übrigens zärtlich.

Knapp 40 der über 1000 Häftlinge in der JVA Werl sind Corona-positiv. Wie viele es noch sind und werden, wie stark sie betroffen sind – man weiß es noch nicht. Der Ausbruch der Seuche im großen Knast einer Kleinstadt hat jedenfalls schon blankes Entsetzen ausgelöst. Nicht wegen der Knackis. Sondern, weil er die Inzidenz im gesamten Kreis Soest wieder über 35 treibt und deshalb die Öffnung der so bitter entbehrten Innengastronomie bedroht. Alles wieder zu, nur wegen ein paar Häftlingen! Freiheitsberaubung durch Gefangene! Erst, als das Land NRW eine Ausnahmeregel anerkannte – Corona-Ausbruch innerhalb einer abgeriegelten Einrichtung kann nicht die Allgemeinheit betreffen – folgte das große Aufatmen. Das fehlte auch noch, dass uns ein paar Knackis vom Shoppen und Feiern abhalten, ganz zu schweigen vom wirtschaftlichen Schaden!

Ich frage mich: Wie kann das sein? Die Hälfte der Leute erstgeimpft und ausgerechnet die Häftlinge vergessen? Wieso sind die nicht priorisiert? Warum wurden die nicht schon nach Ostern geimpft? Gefängnisse sind wie Altenheime, Obdachlosenhäuser oder Flüchtlingsunterkünfte, auf engstem Raum leben viele Menschen zusammen, die da nicht weg können. Schleppt eine oder einer das Virus ein, kann es sich rasend schnell ausbreiten. Der Bund der Strafvollzugsbediensteten, also die KollegInnen von Onkel Rolf, macht schon seit Monaten auf das Problem aufmerksam. Offenbar ohne Resultat.

Es ist ein Skandal. Wer seine Strafe abbüßt, hat ein Recht auf Schutz durch den Staat, der ihn oder sie mit Freiheitsentzug belangt hat. Häftlinge gehören umgehend immunisiert. Schickt die KinderärztInnen in den Knast.

Ave!

Enrico Michetti gilt als wahrscheinlichster Kandidat der Rechten für die römischen Bürgermeisterwahlen im Herbst. Wahrscheinlich, weil er es weit bringen dürfte, als typisches Gewächs eines stockkonservativen – um nicht zu sagen: ewiggestrigen – römischen Bürgertums, das seinen Provinzialismus und seine spießige Verbohrtheit mit wurschtiger Leutseligkeit verbrämt. Michetti, 55, Rechtsanwalt, hat seine Finger überall drin, seit er auf die geniale Geschäftsidee kam, ein Magazin amtlicher Verlautbarungen online zu stellen. Vor allem aber ist er beliebter Gast in den Lokalradios, von denen es in Rom circa zwei Dutzend gibt. Dort quatschen sehr viele Männer sehr viel über Fußball und die meisten sind sehr rechts. Einer von ihnen, Mario Corsi, ist sogar ein ehemaliger Rechtsterrorist. Seit Jahren moderiert Corsi „Te la do io Tokyo“ , ganz Rom kennt ihn als „Marione“ und Obertifoso der Roma.

Marione, Michetti und die anderen bilden das Hintergrundgeräusch des römischen Alltags. Im Taxi, beim Friseur, in den Bars, überall laufen diese Sendungen, überall quatschen einen die Rechten besoffen mit ihrem Slang aus frauenverachtenden Zoten, homophoben Beleidigungen und rassistischen Unterstellungen.

Michetti hat sich jetzt damit hervorgetan, den so genannten „römischen Gruß“ als hygienischste Form in Covid-Zeiten zu preisen: „Was die alten Römer erfanden, ist bis heute perfekt.“ Der saluto romano wird von ihm und seinesgleichen mit hochgerecktem rechten Arm praktiziert. Ein gewisser Benito Mussolini interpretierte ihn als saluto fascista, in Deutschland reüssierte er dann als Hitlergruß. Auch in Italien ist diese Art des In-die-Luft-Stoßens verboten. Bei Strafe. Wenigstens steht es so im Gesetz.

Wenn Leute glauben wollten, die Geschichte beginne erst mit der Oktoberrevolution oder in den 1920er Jahren, sei das ihr Problem, sagt der Kandidat Michetti. Als Römer beziehe er sich nur auf den Gruß der Römer.

Soso. Na, dann schauen wir mal auf die Herren Marc Aurel und Augustus:

Zugegeben hygienisch. Sieht aber gar nicht so zackig aus wie bei den alten und neuen Faschos. Eher nach lässigem Winke-Winke.

Hingegen hier zum Beispiel Paolo Di Canio, beim Gruß an sein Lazio-Kurvenvolk (hat ihn seinerzeit Bußgeld und Sperre gekostet):

Seit Mussolini versucht die italienische Rechte, die Antike für sich zu vereinnahmen. Und so wird aus dem faschistischen Arme-Hochreißen halt wieder der Gruß der Caesaren. Kein Problem in einer Stadt, wo noch fast jeder Kiosk Duce-Kalender verkauft und wo der neofaschistische Schlägertrupp „Casa Pound“ eine richterliche Verfügung ignorieren darf, um unverdrossen weiter ein ganzes Haus in der Innenstadt zu besetzen. Kommt eh keiner, um zu räumen. Wenn Michetti wirklich Bürgermeister würde, hätten diese Typen gar nichts zu befürchten.

Unter linken Stadtverwaltungen durften sie ja schließlich auch machen, was sie wollten.

Ceterum censeo

So lustig, dass deutsche Sportjournalisten tatsächlich immer noch „Alte Dame“ schreiben, wenn Juventus gemeint ist. Und „Ronaldo“, als wenn das der Nachname von CR 7 wäre:

https://www.zeit.de/sport/2021-05/cristiano-ronaldo-juventus-turin-abschied

Die Schweizer verwenden übrigens die italienischen Namen. Juventus, Lazio, Inter – statt Turin, Rom und Mailand. Denn letzteres ist missverständlich und im Falle von Juve und Inter vollkommen widersinnig. Diese Klubs verstehen sich einfach nicht als Stadt-Vereine. Lazio ist sowieso der Name einer Region.

Vor vielen Jahren, als ich (leider nicht auf Dauer) die italienischen Bezeichnungen in meinen Texten durchgesetzt hatte, schrieb mir mal ein Schweizer Leser: „Jetzt sind Sie ein Profi.“

Habe ich mir eingerahmt. Und warte seither darauf, dass in den Sportteilen die Demontage der alten Wortbauklötze beginnt. Torschützenkönig. Maximalblamage. Kickender Multimillionär. Puh!

Dass Cristiano Ronaldo der Juve viel mehr Geld eingebracht als abgenommen hat, das hat sich inzwischen eigentlich auch herumgesprochen. Nur halt nicht überall.

Römische Spalte

Die Via Zenodossio ist eine ganz normale Vorortstraße in Rom, nur wenige hundert Meter vom Kneipenviertel Pigneto im aufstrebenden Torpignattara gelegen. Heute mittag tat sich da auf einmal der Boden auf. Und zwei geparkte Autos wurden verschluckt.

Nicht, dass man sich sonderlich darüber aufgeregt hätte (außer den BesitzerInnen der Wagen). Vor einigen Monaten war plötzlich vor einem Wohnhaus in unmittelbarer Nähe des Kolosseums der Asphalt aufgerissen. Darunter nicht der Strand, sondern ein Abgrund, der es den Anwohnern verbot, ihr Haus zu betreten, bis die Straße geflickt war. Pazienza, Geduld, ist das Einzige, was RömerInnen gerade im Überfluss haben.

Die Krater in den Straßen, die brennenden Autobusse, die Müllberge hatten wir ja fast vergessen in einer Krise, die größer als das alles ist. Aber jetzt, da sich die Stadt auf den neuerlichen Ansturm der TouristInnen einstellt, sind die Probleme des Alltags wieder da.

Dabei hat Rom doch einst ganz Europa mit Straßen versorgt.

Siziliens Poet

Musik aus Süditalien wird gemeinhin mit erdigem Temperament verknüpft, eher laut als leise, eher schwitzend als schwebend. Die neapolitanische Tarantella, die Pizzica des Salento leben vom Rhythmus und einer schweren, manchmal durchaus aufdringlichen Körperlichkeit, sie sind von einer klebrigen Aggressivität wie die Sommerhitze.

Ganz anders die Melodien von Franco Battiato, der heute mit 76 Jahren nach schwerer Krankheit in seiner Heimat Sizilien, am Fuße des großen Feuerwerkers Ätna, gestorben ist. Battiato war ein Poet, ein Grübler und Um-die-Ecke-Denker, der Musik aus aller Welt osmotisch einfließen ließ in seine Eigenschöpfungen. Derart eklektisch zu sein und doch extrem eigenwillig und stets wiedererkennbar, das schaffte nur Battiato. Seine Musik war auf unnachahmliche Weise zart und flirrend, nichts an ihr war plump, am wenigsten ihr hintergründiges Freiheitsversprechen.

Im Ausland ist dieser große Musiker nicht so bekannt, obwohl er in den 1980ern auch internationale Erfolge hatte. Zum Beispiel das wundervolle „Prospettiva Nevski„, das herrlich schräge „Centro di Gravità Permanente“ oder das unübertreffliche „L’Era del Cinghiale Bianco.“ Seine Texte waren manchmal purer Dadaismus:

„Una vecchia bretone
Con un cappello e un ombrello di carta di riso e canna di bambù
Capitani coraggiosi
Furbi contrabbandieri macedoni
Gesuiti euclidei
Vestiti come dei bonzi per entrare a corte degli imperatori
Della dinastia dei Ming.“

Diese Zeilen haben sich einer ganzen Generation ins Gedächtnis gebrannt. Battiato hat die Leichtigkeit des Lebens für uns besungen und die Sinnlichkeit der Ideen. Das macht ihn unsterblich.

Gendern all’italiana

18 italienische WissenschaftlerInnen, darunter zwei Frauen, haben einen Brief an Regierungschef Mario Draghi und Forschungsministerin Maria Cristina Messa geschrieben. Man pocht darin auf mehr Wahrnehmung, Wertschätzung und Geld, wie immer, wenn ForscherInnen an PolitikerInnen schreiben. Interessant ist allerdings die Anrede: Illustrissimo Presidente, Illustrissimo Ministro. 

Hochverehrter Präsident (Draghi), hochverehrter Minister (Messa). Moment mal!

Maria Cristina Messa, heißt es auf Nachfragen (einer der UnterzeichnerInnen ist mir gut bekannt) bestehe auf der männlichen Anrede. Man habe sich im Ministerium versichert. Tatsächlich ist der offizielle Lebenslauf in einer absurden Grammatik verfasst. Sämtliche Partizipien weiblich (è stata, laureata, impegnata), sämtliche Titel und Betätigungen männlich (professore, rettore, autore). Ein grotesker Sprachsalat, der leider von vielen mächtigen Italienerinnen angerichtet wird, die meinen, sie würden sich verkleinern und verniedlichen, wenn man sie als Frauen wahrnimmt und bezeichnet. 

Senatspräsidentin Maria Elisabetta Alberti Casellati ist ein weiteres Paradebeispiel für eine solch‘ anachronistische Haltung. Bei Amtsantritt bestand sie auf der Anrede „Il Signor Presidente“ – und argumentierte, man könne schließlich nicht das offizielle Briefpapier neu drucken lassen, nur weil erstmals eine Frau die Nummer zwei im Staate sei. Dabei hat es Casellati sonst gar nicht so mit dem Sparen, zuletzt machte sie Schlagzeilen, weil sie sich an den Wochenenden regelmäßig mit der Flugbereitschaft zur Familie nach Venedig bringen lässt. Der Herr Senatspräsident sitzt ungern vier Stunden im Zug oder im Auto, denn seine Zeit ist kostbarer als die der gewöhnlichen Steuerzahlerin. 

Üblicherweise sind diese Frauen auch gegen die Quote, in der Annahme, wenn sie selbst es geschafft hätten, könnte das auch jede andere. Ihre eigene Karriere nehmen sie als Beweis für Chancengleichheit – und merken nicht, dass ihr demonstrativer Verzicht auf die eigene Weiblichkeit erstens schon der Gegenbeweis ist und zweitens zutiefst frauenfeindlich: Ich bin besser als meine Geschlechtsgenossinnen, deshalb redet mich gefälligst als Mann an. Mit einer solchen Ministerin ist bei der Frauenförderung in Wissenschaft und Forschung kein Staat zu machen. Immerhin wird Italiens größte Universität, „La Sapienza“ in Rom erstmals in ihrer über 700jährigen Geschichte von einer Frau verwaltet, die sich „Rettrice“ nennen lässt und nicht „Rettore.“ Unter den ProfessorInnen der Sapienza ist jetzt das Gendersternchen im Einsatz. Nicht mehr „cari colleghi“, sondern car* colleg*.

Geht doch! An der Uni sind sie also schon weiter als im Forschungs-Ministerium. Doch auch anderswo setzt sich das korrekte „Ministra“, „Sottosegretaria“, „Sindaca“ durch. Bei den Jüngeren ist es längst normal, als „Avvocata“ angesprochen zu werden, anstatt als „Herr Rechtsanwalt.“ Aber „Maestra“ bezeichnet immer noch die Grundschullehrerin, während „Maestro“ als Titel für Stardirigenten oder für Andrea Pirlo reserviert ist.

Bleibt die Frage, ob man auf die Befindlichkeiten einiger weniger besonders mächtiger und besonders reaktionärer Frauen besondere Rücksicht nehmen muss. Denn wo kommen wir denn hin, wenn bei jeder Ministerin/Staatssekretärin/Bürgermeisterin erst recherchiert werden muss, wie sie denn angeredet werden möchte?

Das verlangen Männer ja auch nicht.

Göttliches Zöpfchen

Die römisch-katholische Kirche kennt die weise Regel, dass nur Tote selig oder gar heilig gesprochen werden können. Zur Seligsprechung braucht man ein Wunder, zur Heiligsprechung drei, aber das sind Details. Wichtig ist, dass man dem irdischen Leben entrückt sein muss, um in höhere Sphären aufzusteigen. Erst tot, dann heilig, niemals umgekehrt.

Die alten Römer machten es ebenso. Der Kaiser ist tot, es lebe der Gott. Um das Ganze noch ein bisschen pompöser zu machen, erfanden sie die Himmelfahrt. Ja, ganz recht, der Aufstieg in die Wolken ist kein christliches Monopol, im Gegenteil, Petrus und Paulus haben ihn sich wahrscheinlich bei den Landsleuten des Pontius Pilatus abgeguckt. Lange, bevor Jesus in den Himmel aufstieg, gelang das nämlich schon dem glanzvollen Heiden Augustus. Der glückliche Mann, der das bezeugen konnte, wurde von Augustus‘ Witwe Livia mit ein paar hunderttausend Sesterzen belohnt – eine gute Investition, wenn man bedenkt, dass die Vergöttlichung durch die Himmelfahrt amtlich war und Livia fortan nicht mehr nur eine ordinäre Kaiserwitwe, sondern die einzigartige Ehefrau eines Gottes.

Heutzutage ist aus der Himmelfahrt ein alkoholisierter Bollerwagen-Kreuzzug grölender Barbaren geworden und Legenden, Mythen und Idole verorten die meisten nur noch im Fußball. Früher brauchte ein Spieler mindestens zehn Jahre Nationalmannschaft, um mit dem Attribut Mythos bedacht zu werden, heute reichen zehn Spiele und drei Tore – was übrigens nicht an der Qualität liegt. Wohin der Hase läuft, konnte man schon begreifen als Jürgen Kohler zum Fußballgott erklärt wurde. Jürgen Kohler! Ich habe mal mit ihm zusammen im Fernsehen ein Fußballspiel kommentiert, bei dieser Gelegenheit kam er mir kein bisschen außerirdisch vor und ob ich auf seine Himmelfahrt eine Sesterze wetten möchte, das muss ich mir noch überlegen.

Die bisher letzte Stufe der Turbo-Vergöttlichung von Fußballern wird gerade mit der Verfilmung ihrer Biografien beschritten. Die Legendenbildung findet im Streaming-Fernsehen statt, mit echten, schlechten Schauspielern. Den Beginn machte „Speravo de morì prima“, eine Sky-Serie über Francesco Totti mit dem makabren Titel: „Ich hoffte, früher zu sterben.“ Das hatte Totti in einem schwachen Moment über sein Karriere-Ende geäußert, zum Glück ist der Mann quicklebendig. Vor vier Jahren, mit damals knapp 41, drehte er seine tränenreiche, letzte Runde auf dem Rasen des Stadio Olimpico. Eine ganze Stadt heulte damals mit ihm, eine neue Zeitrechnung wurde eingeführt, v.T. und n.T., vor Totti und nach Totti. Im Olymp ist er sowieso, ein Gott wie Totti braucht nicht mehr in den Himmel aufzufahren und wenn der olle Augustus längst vergessen ist, wird Rom immer noch Totti-Statuen polieren.

Aber eine Fernsehserie, während der Held noch voll im Saft ist und vielleicht demnächst von seinem alten Kumpel Mourinho zurück auf den Platz beordert wird, zur Verstärkung von Abwehr und Moral? „Das ist alles vielleicht noch ein bisschen zu früh“, gab Tottis Frau Ilary zu bedenken, eine angemessen zarte Kritik eingedenk der Tatsache, dass ihr Clan selbstredend auch an dieser billigen Heiligenverehrung Rechte geltend macht und entsprechend sein Scherflein abzweigen kann. Tatsächlich lag die Einschaltquote bei null, sogar die engste Totti-Verwandtschaft hatte offenbar gleich nach der ersten Folge besseres zu tun.

Nun ist Roberto Baggio dran, auf Netflix, gottlob nur ein Film und keine ganze Serie. Der Titel „Das göttliche Zöpfchen“ lässt Schlimmstes erahnen, scheint aber immerhin jugendfrei zu sein. Baggio hatte schon 2004 aufgehört, inzwischen lebt er als Privatier und Hobbylandwirt im heimatlichen Venetien, wo er gern verkündet, der Fußball von heute interessiere ihn nicht die Bohne. Er schaue auch keine Serie A mehr, sondern lasse sich lieber von Buddha erleuchten.

Klug und weise, ist doch der Fußballbetrieb vom Nirwana ungefähr so weit entfernt wie José Mourinho von der Heiligsprechung. Baggio hat übrigens mal gesagt, mit der Reinkarnation würde er am liebsten eine Ente werden.

Darüber würde ich ja gern mal eine Netflix-Serie sehen.