Winter auf dem Land

Den Januar auf dem Land in Mittelitalien zu verbringen, ist nichts für Feiglinge. Zwar liegt kein Schnee, aber es friert. Oder regnet. Die Eselwiese verwandelt sich unaufhaltsam in eine Schlammfläche (es gibt natürlich einen Stall) und morgens muss ich oft die Eisschicht auf den Wasserbehältern zerschlagen. Das Heu ist dieses Jahr so schlecht wie noch nie, halb verschimmelt, voller Eichenblätter und Schilfrohr; ein Bauer aus dem Nachbardorf hat uns hereingelegt. Neues Heu zu organisieren, ist immerhin leichter als im letzten Jahr, da war die Ware so knapp, dass wir das letzte Fuder 30km weiter gefunden hatten, für einen Phantasiepreis natürlich.

Im Gemüsegarten ist der Fenchel verfroren, immerhin gibt’s noch Radicchio, Endivien und jede Menge Kohl. Und okay, tatsächlich überwintern im Haus die umbrischen Wintertomaten, eine regionale Sorte, deren dicke Haut die Einlagerung möglich macht. Natürlich der pure Luxus.

Weil es draußen so wenig zu tun gibt, muss man sich im Winter auf das Drinnen konzentrieren. Also Schreibtisch. Zeit, das nächste Buch zu schreiben! Seitdem der Abgabetermin für das Manuskript feststeht, sind die Tage auf einmal verdammt kurz.

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Im Winter ist das Dorf eher leer. Nur die Alten bleiben, und ein paar Familien. Sehr wenige, um ehrlich zu sein. In der Grundschule gibt es Klassen mit neun Schülern. Der Ausländeranteil ist hoch. Die Italiener kriegen ja kaum noch Kinder und vor allem leben sie dann mit diesen wenigen Kindern eher nicht auf dem Land. Keine Arbeit. Von Schönheit kann man halt nicht leben.  Und von der Landschaft auch immer weniger.

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Hier sieht man wenigstens noch Ackerfläche (und dahinter den Schnee bedeckten Monte Terminillo). Es liegt aber auch viel Land brach. Hunderte Hektar von Olivenhainen stehen zum Verkauf. Die Landwirtschaft stirbt, weil sie nur noch von den Alten betrieben wird.

Und so riskiert Italiens wunderbare Landschaft, zur Kulisse zu verkommen, wie schon die Städte. Zum Beispiel in der Toskana. Hatte ich gesagt, dass der Januar die perfekte Zeit für einen Trip durch die Provinz Siena ist? Keine Touristenbusse, kein Stress unter den Einheimischen, herrlich gemütliche Gasthäuser, Platz in den Museen und dazu das südliche Winterlicht auf den Hügeln.

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Für mich ist die Anreise mit einer Stunde Fahrtzeit überschaubar. Nach Pienza zum Beispiel, die ideale Stadt von Pius II. , der von 1458-64 Papst war und seinen Geburtsort in eine steinerne Utopie umwandeln ließ.

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Heute ist Pienza eines von vielen besonders schönen Dörfern in der Toskana, bestens renoviert, aber nicht geleckt, mit alten Palazzi, in denen lokale Produkte feilgeboten werden, hier: Vino, Öl und Schafskäse. Besonders zu preisen (weder verwandt, noch verschwägert) ist unter vielen die Käserei Di Mario mit ihrem Laden am Corso Rossellino 16, die nicht nur alle möglichen, leckeren pecorini feilbietet, sondern auch Ziegenkäse. Aber bitte den Dom nicht vergessen! Pecorino gibt’s am Ende überall, die filigrane Hallenkirche mit den allüberall verstreuten Halbmonden aus dem Papstwappen aber ist einzigartig. Wenn man heraustritt, kann man in der Bar direkt gegenüber (siehe Foto) Prachtexemplare des homo toscanus treffen. Alte Männer mit Schirmmütze, Jäger in Tarnanzügen, selbstbewusste Landladys in hohen Stiefeln. Das Chaos aus Carabinieri-Zeitschriften, Bonbons, aufgerissenen Toastbrot-Packungen und Schnapsflaschen hinter der Theke ist sehenswert. Weil’s so schön kalt ist, kippen die Herren einen Caffè corretto, einen mit Grappa „korrigierten“ Espresso. Die Damen schlürfen einen exzellenten Cappuccino.

Und der Nachhauseweg führt dann hier entlang.

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Oh, Lässigkeit

Einer meiner Lieblingssprüche aus der Welt des Fußballs ist dieser von Roberto Baggio: „Ich lasse den Ball laufen, der schwitzt nicht.“ Leider spielt Baggio schon länger nicht mehr – er ist 51 – und die, die heute spielen, die müssen rennen, um zu zeigen, dass sie schwitzen.  Lässige Spieler sind sehr, sehr selten geworden, nach dem Abgang von Pirlo und Totti fällt mir eigentlich nur noch Buffon ein. Ab und an mal eine rauchen, ein Gläschen Wein trinken und Nutella löffeln, wer traut sich das denn noch? Die meisten sind doch Hochleistungsmaschinen, angetrieben von Trainern, die den Fußball als Gralssuche nach den allerletzten Wahrheiten betreiben.

Als wäre das Leben nicht sowieso anstrengend genug.

Einer, der das ja nicht so mitmacht, ist Carlo Ancelotti. In München haben sie ihm deswegen vorgeworfen, viel zu lasch zu sein. Sie hätten zu wenig mit ihm gearbeitet, schimpften seine Spieler. Er hätte ja gar nicht richtig trainiert, wussten die Journalisten, und: Er sei nicht innovativ genug. Manche verstiegen sich gar in trauter Kollegenrunde zu der These, der Mann hätte schlicht keine Ahnung.

Mittlerweile ist Ancelotti in Neapel, er möchte da einfach noch eine Runde auf dem Karussell drehen, obwohl es von außen betrachtet ja ein Abstieg ist. Der Champions-League-Gewinner beim Außenseiter.

Und dann passieren solche Spiele wie PSG-Napoli 2:2. Herrlich. Die neapolitanischen Winzlinge Insigne (1,63) und Mertens (1,69) gegen die Riesen Neymar und Cavani mitsamt dem jungen Supertalent Mbappé. Frechheit vorn. Lässigkeit siegt (bis Angel Di Maria kommt, aber der gehört ja in dieselbe Kategorie). Und Tuchel grübelt und grübelt.

Der deutsche Trainer ist nicht zu beneiden auf seinem Schleudersitz. Aber mal ehrlich: Fußball, das hat doch ganz entfernt auch was mit Spaß zu tun, oder? Der Begriff „Arbeit“ wird in diesem Zusammenhang viel zu inflationär gebraucht. (Und das Unwort „Druck“ gehört sowieso verboten).

TT sollte vielleicht mal eine Traingsrunde bei Roberto Baggio einlegen. Oder mit Carletto Tortellini essen, die gibt es ja jetzt auch vegan. Und dann beim Rückspiel in Neapel demonstrativ ein Schächtelchen Pralinen am Spielfeldrand verzehren. Mit Gigi im Tor läuft die Sache schon. Hinterher können sie dann gemeinsam eine quarzen .

 

„Fußball ist ein Männersport“

…und Frauenstimmen hören sich so hysterisch an. Zu hören in diesem SPIEGEL-Video über die ZDF-Fußballkommentatorin Claudia Neumann. Manchmal fällt mir in diesen Zeiten die fantastische Aktion meines allerersten Redaktionsleiters ein. Es war 1987, ich volontierte bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, Lokalredaktion Recklinghausen.

Eines Morgens hörten wir unseren dicken, Zigarre rauchenden Chef ins Telefon brüllen: „Es reicht jetzt mit Ihren Beleidigungen. Ich entziehe Ihnen hiermit das Abonnement der WAZ! Leute wie Sie haben absolut keine Berechtigung, unsere Zeitung zu lesen!“

Standing ovation.

Auguri Capitano

Francesco Totti feiert seinen 42. Geburtstag mit der Vorstellung seiner Autobiographie im Kolosseum. Ganz große Fußballoper.

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Ich dachte ja: Eine Riesenveranstaltung. Aber schon unter dem Konstantinsbogen, wo die Einlasskontrolle stand, dämmerte mir, dass es so groß nicht werden würde. Es gab nämlich keine Schlange. Also schwungvoll um die halbe Arena, schnell noch Daniele De Rossi überholt. Und dann: siehe oben. Eine kleine Bühne im riesigen Amphitheater. Knapp 200 Gäste für den capitano. Und ich einzige Ausländerin neben Vincent Candela. Ach, Quatsch, Ausland. Nirgends sind wir Römer derart Römer wie mit Totti. Im Kolosseum!

Zuerst mal sprechen zwei Frauen. Die Direktorin des Archäologischen Parks um Kolosseum und Forum Romanum und die Präsidentin des Kinderkrankenhauses Bambin Gesù. Der Verkaufserlös des Totti-Buchs fließt in die Restaurierung antiker Statuen auf dem Palatin und in die Betreuung krebskranker Jugendlicher. Die beiden Signoras, alles andere als Fußball-affin, übertreffen sich in ihrer Verehrung für Totti. Die erste sagt: Eine Ikone der Neoklassik und ein Vorbild für die Jugend. Die zweite: Gehört bei uns zur Familie.

Kann man sich das in Deutschland bei der Vorstellung von, sagen wir, Lahm-Memoiren, vorstellen?

Kann man nicht.

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Das hier ist eine andere Liga. Für Totti, so steht’s im Buch, hat ein bereits entlassener Häftling seinen Aufenthalt im römischen Gefängnis um eine Woche verlängert, weil er sonst den Besuch des capitano verpasst hätte. Sie lauern Totti vor Restaurants auf, sie springen auf sein Auto, nur um an die Windschutzscheibe zu klopfen. Sie haben den Fußabtreter der elterlichen Wohnung an der Via Vetulonia dreimal in einer Woche geklaut, weil der heilige Fuß darauf gestanden hatte.

Neben dem capitano gibt es an diesem Abend viele alte Bekannte.

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Etwa diese beiden Herren, Cesare Prandelli und Claudio Ranieri.  Und dann natürlich Antonio Cassano, der dereinst von Familie Totti quasi adoptiert wurde, sich dann aber mit Francesco zerstritt, als er argwöhnte, dessen Haushälterin habe ihm seinen Gehaltsscheck gestohlen. Tage später fand der chaotische Cassano den Scheck in seinem Auto wieder.

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Die Familie Totti ist Roms first family, quasi als Nachfolgerin der Julisch-Claudischen Sippe von Cäsar, Augustus und Konsorten. Mamma Fiorella, hier links im Bild, ist die Chefin. Aus Angst, ihr beibringen zu müssen, dass er zu Real Madrid wechselt, sagte Totti den Königlichen zwei Mal ab und blieb lieber in Rom. 25 Jahre bei einem Klub, das gibt es eigentlich nicht mehr. Den ganzen Fußball von früher gibt es nicht mehr, sinniert Totti an seinem Geburtstag.

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Rechts neben Fiorella übrigens Papà Enzo. Der hat, wie in guten römischen Familien üblich, nicht ganz so viel zu melden, darf aber im Unterschied zu Francesco so viele Nudeln essen, wie er will. Man sieht es ein bisschen.

Hier ist die Frau, die dem Kapitän die Nudeln abzählt:

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Ilary, Showgirl im Berlusconi-Fernsehen und Mamma von drei Totti-Kindern, die alle genauso blond sind wie sie.

Die Stimmung war also fröhlich-familiär, wie es sich für einen Geburtstag gehört. Nur als die Bürgermeisterin Virgina Raggi von der Fünfsternbewegung Totti gratulierte, wurde es für einen Moment eisig. Zuerst flötete Raggi: „Ach, wir siezen uns jetzt?“, was heißen sollte, dass sie den superpopulären Totti in Wirklichkeit duzt. Das war sehr ranschmeißerisch und Totti siezte ungerührt weiter. Dann machte Raggi auf Kleinmädchen und erzählte, wie ihr Mann sich vergebens abmühte, ihr die Abseitsregeln zu erklären. Peinlich. Darüber kann im Jahr 2018 sogar in Italien kaum noch jemand lachen, schon gar nicht im Totti-Clan mit seinen Fußball-kompetenten Frauen.

Und außerdem – wenn eine noch nicht mal rafft, was Abseits ist… wie soll sie dann Rom regieren?

Mehr über den Totti-Geburtstag  in der SZ.

Saufen gegen den Faschismus

Eine merkwürdige Idee, das alte, italienische Partisanenlied Bella Ciao mit dem Argument zum Spitzenreiter der Oktoberfest-Hitparade zu erklären, in diesen Zeiten gelte es anzusingen gegen den sich ausbreitenden Faschismus. Sicher meint der SZ-Kollege Stephan Handel es gut, wenn er das in seiner Kolumne vorschlägt. Und vermutlich schafft es der Remix sowieso in die Bierzelte, auch wenn die Leute gar nicht ahnen, was sie da grölen. Irgendwas mit schönen Frauen, oder? „Ist das nicht aus einer Serie?“ fragte gestern jemand in einer Whatsapp-Gruppe Münchner Studenten. Genau. Die Serie heißt Zweiter Weltkrieg und hatte traumhafte Einschaltquoten.

Die Frage ist: Müssen wir jetzt wirklich schon saufen gegen den Faschismus? Oder fällt uns unter Umständen auch noch was besseres ein?

Die paar Italiener, denen es bei der Vorstellung, dass deutsche Suffköpfe das alte Lied gegen den Vormarsch der (übrigens auch dauerbesoffenen Wehrmacht) in ihrem Land überhaupt noch gruselt – in München offenbar zu vernachlässigen. Dabei ist Bella Ciao in Italien immer noch ein politisches Lied. Hier kann man zum Beispiel Passagiere eines Flughafenbusses in Brindisi sehen, die es anstimmen, als Innenminister Matteo Salvini einsteigt. Und hier spielt eine Band das Lied, als Salvini einen Markt in Mailand erstürmt. Der reagiert sarkastisch. Im umbrischen Amelia gab es dieses Jahr Streit, weil die Forza-Italia-Bürgermeisterin verbot, bei der Feier am 25. April, dem Nationalfeiertag im Gedenken an die Befreiung vom Faschismus, Bella Ciao zu spielen. Mit dem Argument: kommunistisch.

Es gäbe da noch ein paar andere Bierzeltlieder aus Italien. Fischia il vento zum Beispiel, schmissig, schmissig. Oder Bandiera Rossa. Klappt auch noch nach drei Maß und nach der vierten glaubt man sogar dran.

Dass wir mit denen tatsächlich nochmal fertig werden.