Va pensiero…

Ganz große Oper: In Zürich wird Verdis „Nabucco“ gespielt. Nichts wie hin! Kurz vor Premiere kann man schonmal mein Gespräch mit Dramaturg Fabio Dietsche für das Opernmagazin lesen (weiter unten auf der Seite, „Wenn Italien die Stimme erhebt“). Es geht um das Risorgimento, um Gestern und Heute, Musik und Politik. Und darum, wieso Salvini Verdi durch Puccini ersetzt hat.

Werbeanzeigen

Wer kommt. Und wer geht.

Maurizio Sarri bei Juventus, da reibt man sich die Augen. Sarri, der Trainer mit 20 Stationen in 30 Jahren. Sarri, der als Napoli-Coach und ewiger Zweiter die Juve auf das Inbrünstigste verfluchte – der Fuchs, dem die Trauben zu hoch hingen. Sarri, der alte, weiße Mann, Bukowski-Leser, Kettenraucher, immer im Trainingsanzug, nie um einen kessen Spruch verlegen, wenn es zum Beispiel gegen Frauen geht. Hier die Antwort auf die sachliche Frage einer ihn natürlich siezenden Journalistin: „Du bist eine Frau, du bist hübsch, sonst würde ich sagen, steck ihn dir in den Arsch.“

Hier die unfassbare Attacke gegen den damaligen Inter-Trainer Roberto Mancini. „Er mich Schwuchtel und Tunte genannt. Er ist ein Rassist. Solche Leute dürfen nicht im Fußball arbeiten“, sagt Mancini in dem drei Jahre alten Video. Heute stapelt er tief: „Schnee von gestern. Sarri war im Ausland und hat da sicher viel gelernt. Er ist eine Bereicherung für den italienischen Fußball.“ Mancini ist inzwischen Nationaltrainer, Juve immer noch die Säule der Squadra Azzurra.

Was hat Andrea Agnelli bloß geritten, Maurizio Sarri zu verpflichten? Der Sieg in der Europa League? Eine neue Liebe zum Offensivfußball? Oder der Sparzwang, nachdem er sich mit Cristiano Ronaldo ganz unerwartet doch ein wenig übernommen hat?

Und was hat Francesco Totti geritten, nach seiner Kündigung bei der Roma eine Pressekonferenz im Ehrensaal des Olympia-Komitees einzuberufen und sich darin geschlagene 90 Minuten als Opfer internationaler Intrigen darzustellen? Zu behaupten, der ewig abwesende US-amerikanische Klubeigner Pallotta wolle die Römer aus dem Verein treiben. Sich zu beklagen, weil er bei wichtigen Entscheidungen nicht gefragt wurde – um dann aber zuzugeben, dass Claudio Ranieri auf sein Betreiben hin als Übergangslösung nach Di Francesco geholt wurde. Wie jetzt: Nichts zu sagen haben und dann doch im Alleingang einen Trainer anheuern können?

Soviel Anmaßung ist entlarvend – aber nicht für das Klubmanagement, sondern fuur Totti selbst. Als Spieler war er gewöhnt, bei der Roma gutes und schlechtes Wetter zu machen, den Daumen über Trainer oder Mitspieler zu senken. Bis heute glaubt er allen Ernstes, zum Karrierende gezwungen worden zu sein. Mit 41. Danach musste er sich neu erfinden, den Posten dafür hatte man ihm zur Verfügung gestellt, honoriert mit immer noch beachtlichen 600.000 Euro im Jahr. Nicht wenig für einen Ex-Fußballer mit Buchhalterausbildung.

Zuletzt bot man ihm den Job als Sportdirektor an. Totti ließ sich monatelang Zeit mit der Antwort. Um dann die Türen zu knallen. Beleidigt, weil man ihn vor der Verpflichtung von Paulo Fonseca nicht angehört hatte. Stocksauer, weil er so offensichtlich nicht mehr die Nummer 1 ist.

Willkommen in der Realität, Capitano, der Realität einer Aktiengesellschaft. Willkommen in der globalisierten Unterhaltungsindustrie. Seit acht Jahren hat die Roma keinen Präsidenten mehr, der sonntags in Testaccio gesottenen Ochsenschwanz essen geht. Sondern der die Geschäfte aus Boston führt, unterstützt von einem in London ansässigen, italienischen Berater.

Totti macht jetzt erstmal Ferien (wovon?). Und heuert dann vermutlich bei der Nationalmannschaft an. Also dort, wo man die Italiener vorerst nicht vertreiben will.

Strache und Berlusconi

Wir JournalistInnen kümmern uns ja selten um unser Geschreibsel von gestern, weil wir davon ausgehen, dass die geneigte Leserschaft es ohnehin spätestens fünf Minuten nach dem Schlusssatz vergessen hat – übrigens fast immer zu Recht. Umso schmeichelhafter, dass Olivera Stajic nun im Standard einen uralten ZEIT-Text von mir zitiert, nämlich „Silvio, besorg es uns!“ aus dem fernen 2011. Es geht um das ausschweifende Sexualleben von Berlusconi und den Verdacht der Beziehungen zu Minderjährigen. Und darum, dass sich damals in Italien kaum jemand daran störte:

„Der Skandal ist so enorm, der Verdacht so ungeheuerlich, dass der Rücktritt des Ministerpräsidenten wohl in jeder anderen europäischen Demokratie unausweichlich wäre. Nicht so in Italien. Berlusconis Gefolgsleute haben stattdessen die Losung ausgegeben, man müsse das Land von „Staatsanwälten erlösen, die unsere Freiheit bedrohen“, der Premier selbst erklärte in einer ästhetisch an die Spätphase der Sowjetunion erinnernden Videobotschaft an das italienische Fernsehvolk, er habe es nie nötig gehabt, Frauen zu bezahlen. Im Übrigen habe er eine feste Freundin, die so etwas auch gar nicht dulden würde.

Der Mailänder Kardinal Dionigi Tettamanzi hatte gewarnt: „Italien ist heute krank wie zur Zeit der großen Pest. Die Amoralität verbreitet sich in allen Schichten unserer Gesellschaft.“ Das größte Problem hätten jene Eltern, die ihren Kindern erklären müssten, was da geschehe. „Und die vielleicht Töchter im Alter der jungen Frauen haben, deren Fotos man in allen Zeitungen sieht.“ Doch die Eltern, deren Töchter den sechsfachen Großvater Berlusconi frequentieren, scheinen darüber weniger entsetzt als erfreut zu sein.

Die wenigsten Italiener geben zu bedenken, wie ungewöhnlich es ist, dass sich ein Mann im Greisenalter mit Dutzenden junger Frauen umgibt, von denen sich einige prostituieren. Ein Regierungschef mit solcher Freizeitgestaltung wird erpressbar, von dem Imageschaden für sein Land ganz abgesehen. „Wie kann er uns anfassen und am nächsten Tag regieren?“, wunderte sich eines der Partymädchen.“

In der Tat hatte Berlusconi Italien zehn Monate später an den Rand einer Staatspleite gebracht und musste abtreten. Zuvor hatten sich auch ausländische Politiker daran gestört, dass der italienische Ministerpräsident bei Verhandlungen und bilateralen Treffen immer wieder einfach einschlief; er hatte da wohl mal wieder eine schlaflose Nacht hinter sich.

Politisch schwerer als der Bunga Bunga wogen andere Dinge. Richterkorruption. En-bloc-Stimmenkauf von Parlamentariern. Seine Anhänger störten sich auch daran nicht. Trotz aller Skandale determinierte Silvio Berlusconi zwei Jahrzehnte lang die italienische Politik, bis heute ist er der größte Kulturunternehmer im Land. Bei der Europawahl kam er immer noch auf 8,8 Prozent, sein Wahlverein Forza Italia stellt sieben Abgeordnete der EVP. Die übrigens auch immer zu ihm gehalten hat.

Strache kann Berlusconi in keiner Beziehung das Wasser reichen. Der Italiener ließ sich nicht bestechen, er kaufte lieber selbst alles, was bei drei nicht auf dem Baum war. Er wurde nicht zu vorgeblichen Oligarchinnen eingeladen, sondern hatte Putin zu Gast in seinen Villen. Und Red Bull würde er wohl noch nicht mal unter vorgehaltener Pistole trinken.

Strache ähnelt eher Salvini. So hat jetzt jedes Land die rechten Kotzbrocken, die es verdient.

 

Unser Mark Knopfler

Die Deutsche Akademie für Fußballkultur, der ich seit vielen Jahren angehöre, hat 2019 zum „Trauerjahr für den Fußball“ erklärt. Klingt bombastisch. Aber wieso sollten wir ausgerechnet jetzt einer Sache nachweinen, die es schon lange nicht mehr gibt, ja, die es vielleicht nie gegeben hat? Die Vorstellung, dass Fußball ein reines Vergnügen war, um das uns erst vor kurzem schlimm korrupte Funktionäre gebracht haben, ist reichlich naiv und vielleicht nicht von ungefähr auf Deutschland begrenzt. Die Deutschen haben ja auch an ihr Sommermärchen 2006 geglaubt, also daran, die WM 2006 durch Fleiß, Tüchtigkeit und die besseren Ideen zugeschanzt bekommen zu haben. Eine Phantasie, bei der beispielsweise Italiener und Südamerikaner in schepperndes Hohngelächter ausbrechen würden.

Ein Gutes hat das merkwürdige Akademie-Motto jedenfalls: Endlich hat da mal einer meinen Kollegen Thomas Kistner interviewt. Bigger than life, der Kistner. Ihn unbestechlich zu nennen, wäre verniedlichend. Er schrieb schon über Doping und Bestechung im Sport, als wir alle noch bunte Märchen von tapferen Rennradprofis und treuherzigen Volkstribunen auf den Fußballplätzen erfanden. Wir dichten, Kistner denkt. Wir sind Dudel-Pop, er ist Mark Knopfler. Analyse statt Legende (dieses Wort gehört sowieso auf den Index). Zählt eins und eins zusammen, entlarvt die Strippenzieher und die Machtgeilen, die Korrupten und ihre Zahlmeister. Das alles immer schön lakonisch. Cool, cooler, Kistner. Als Kostprobe hier ein Zitat aus dem Interview, das man sich am besten ganz zu Gemüte führen sollte:

„Beim Fußball blicken wir auf eine Industrie, die immer größere Milliardensummen durch die Weltgeschichte transferiert. Weshalb? Weil der gleiche schlichte Kicker jetzt eben zehn Millionen, 20 oder 80 mehr kostet, der Markt hat sich halt so entwickelt. Der Markt! Da hockt dann so ein junger Kerl mit 20 oder 22 Jahren, oft genug kommt er direkt von der Straße, und kann seine Freundin oder auch die Nebenfreundin gar nicht genug zuwerfen mit all dem Geld. Profitieren tun natürlich auch die eigentlichen Akteure im Hintergrund, vorneweg die Berater. Es ist ein völlig sinnloser, alles andere als schätzenswerter Prozess. Das gehört eigentlich gestoppt, weil es nicht sinnloser geht – und in modernen Zeiten auch nicht geschmackloser.“

Den Fußball wird es wohl noch eine Weile weiter geben, als das, was er in den letzten 100 Jahren war: Pure Unterhaltungsindustrie. Die Fußballkultur als Konstrukt drumherum könnten wir wohl so langsam einmotten.

 

Herbstblond

Dass Thomas Gottschalk in seiner neuen Sendung Publius Naso, vulgo Ovid, im lateinischen Original deklamiert, finde ich eigentlich ganz nett. Wenn das auch nur zwei Zuschauerinnen dazu brächte, sich das – Entschuldigung – allergeilste Buch der Weltliteratur, vulgo die Metamorphosen anzuschauen (es gibt auch sehr schöne Übersetzungen), wäre das doch fantastisch. Natürlich ist Gottschalks Latein nicht schön und natürlich ist er fürchterlich eitel und quatscht deshalb seine Gäste in Grund und Boden. Natürlich ist es ein wenig peinlich, dass er das Erzähler-Ich mit der Autorin selbst verwechselt. Aber das tun wahrscheinlich auch gar nicht so wenige seiner Zuschauer.

Die Zeitungs-Kritiker haben Gottschalk fürchterlich abgewatscht. Der Tonfall war überall ungefähr der gleiche: Was erlaubt sich dieser Pfau, in unser Terrain einzudringen? Die NZZ geht noch ein bisschen weiter, ernennt den deutschen Showmaster zum „Fleischwolf des Kulturschaffens“ und die inkriminierte Sendung sogar zu einem „Dammbruch in der Geschichte der Literaturkritik.“ Das sind ja ziemlich gewagte Metaphern. Kann man aus dem Kulturschaffen eigentlich Hackfleisch machen? Und kommt nun, da die Dämme der Literaturkritik gebrochen sind, eine Sintflut, die der Kritiker der NZZ auf seiner Arche übersteht, umgeben von handverlesenen LiteraturkritikerInnen, paarweise?

Wenn man das so liest, könnte man fast meinen, die deutsche Literaturkritik hätte auch ein, zwei Probleme. Eines ist aus meiner Sicht, dass seit Jahren die allerblödesten Bücher zu Meisterwerken hochgejubelt werden, weil man entweder die Autoren kennt oder deren Verleger oder beides. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, aber wehe, es kommt da mal ein Paradiesvogel daher. Nicht zufällig ist Maxim Biller aus dem Literarischen Quartett ausgeschieden. Ohne dass die Sendung dadurch auch nur ein bisschen uneitler geworden wäre.

Der deutsche Literaturbetrieb ist derart hochsubventioniert, dass er es sich leisten kann, mehr Eitelkeit als Bücher auszubrüten. Das sage ich jetzt nicht, weil ich im letzten Jahr von einer Schriftstellerin, deren Namen ich anstandshalber verschweige, vor den Deutschen Presserat gezerrt worden bin, weil es ich gewagt hatte, auf der Seite Drei meiner Zeitung ihre grauen Wollsocken und ihren Muckefuck-Kaffee zu erwähnen. Soviel Respektlosigkeit war die Autorin ganz offenkundig nicht gewöhnt. Da musste sie gleich die Höchststrafe für schlimme Schreiberlinge einfordern, die gegen die ethischen Grundsätze unseres Berufsstandes verstoßen: Eine Rüge durch den Presserat. Die Beschwerde wurde abgewiesen, bleibt aber symptomatisch für eine Literaturwelt, in der vielen AutorInnen der Sinn für die eigene Lächerlichkeit vollkommen abgeht.

Gottschalks Büchersendung ist natürlich kein Funk aus dem intellektuellen Olymp. Ja, mein Gott. Welches Problem hat eigentlich das deutsche Feuilleton, wenn es sich immerzu gegen die Unterhaltung für Nicht-Akademiker abgrenzen muss? Hier sollen ganz einfach Leute, wie es so schön heißt, zum Lesen angeregt werden. So what? Besser eine Büchersendung als noch ein Krimi. Oder eine Polit-Talkshow. Oder ein Nations-League-Spiel.

Hier übrigens ein Link zur allerbesten Literatursendung im deutschen Fernsehen, der „Buchzeit“ auf 3sat. Gert Scobel, Barbara Vinken, Sandra Kegel und Katrin Schumacher – ein Dreamteam.

Von der Blamage

Zu den unausrottbaren Worthülsen im deutschen Sportjournalismus gehört das Beschwören der Blamage. Heute abend wieder fett auf der Homepage meiner kleinen Zeitung: „Österreich blamiert sich in Israel – Kroatien verliert.“ Aha. Während also Kroatien bloß verliert, was im Fußball ja durchaus vorkommen soll, haben es die Österreicher ganz schlimm vermasselt. 2:4 in Israel, das bedeutet, bitte festhalten: „Bis auf die Knochen blamiert.“

Was ich mir dann immer gleich bildlich vorstellen muss, tut mir leid, aber so ist es. Bis auf die Knochen blamiert, heißt das eigentlich, dass einem vor lauter Peinlichkeit das Fleisch abfällt? Und ist sich zu blamieren deshalb schlimmer als „düpiert zu werden“ wie „Vizeweltmeister“ Kroatien – noch so ein Begriff, wenn Weltmeister Frankreich verletzt ausfällt, „amtiert“ (ebenfalls beliebt) also der Stellvertreter?! – gegen die Ungarn?

Da rauft man sich die Haare, und die Österreicher reiben sich die blanken Knochen. Schon klar, hier werden Agenturmeldungen verwurstet. Aber wer verbietet eigentlich Agenturjournalisten einen anständigen Umgang mit der deutschen Sprache? In Frankreich, Spanien oder Italien klappt es ja auch (in England weniger, ich weiß).

Letzte Woche fand ich, ebenfalls auf SZ-Online, die Schlagzeile: „Turin reist ohne Ronaldo in die USA.“ Habe ich erst gar nicht kapiert. Turin, also der FC Torino? Und Ronaldo, also jenes Dickerchen, das mal bei Inter kickte?

Natürlich waren Juventus und Cristiano Ronaldo gemeint. Nur, dass die Juve Turin an keiner Stelle im Klubnamen hat. Und dass Ronaldo der zweite Vorname von Cristiano dos Santos Aveiro ist. Der deutsche Sportjournalismus benutzt ihn aber wie einen Nachnamen.

Ob das den LeserInnen egal ist? A propos Leserinnen, ein anderer Begriff zum Haareraufen ist die „Spielergattin.“ Gattin! Welcher Galan, der in seiner Sportredaktion von der „Gattin“ schwafelt, stellt eigentlich seine eigene Frau so vor. „Und das, lieber Kollege Holzmeier, ist die Kerstin, meine Gattin.“ Im Sportteil ist das Wort trotzdem nicht totzukriegen. Wäre ich eine Gattin, ich fühlte mich bis auf die Knochen blamiert.