Ehrenbürger Mussolini

Der Stadtrat von Salò hat es mit überwältigender Mehrheit mal wieder abgelehnt, Benito Mussolini die Ehrenbürgerwürde zu entziehen. 14 zu drei Stimmen in einer Ratssitzung, die in einem von der Polizei abgeriegelten Rathaus stattfinden musste, aus Angst vor empörten Demonstranten.

Salò ist ein 10.000-Einwohner-Städtchen am beliebtesten Badesee Münchens, dem Lago di Garda. Salò war aber auch die „Hauptstadt“ der „Republik von Salò“, eines Satellitenstaates der Nazis, in dem Mussolini unter der militärischen Protektion der Wehrmacht nach seiner Entlassung durch den italienischen König 1943 noch ein bisschen Duce spielen durfte.

Ehrenbürger war er da schon längst – seit dem 23. Mai 1924. Fast hundert Jahr später verteidigt die rechte Stadtverwaltung die uralte Auszeichnung für den Mann, der Italien an der Seite Adolf Hitlers in den Zweiten Weltkrieg geführt hatte: Mussolini aus dem Register zu streichen, diene der falschen Sache und sei sowieso anachronistisch.

 

Buon anno

Das Jahr geht zu Ende und mit ihm auch ein Lebensabschnitt. Ein ziemlich langer sogar, immerhin 21 Jahre. So lange habe ich als Sportjournalistin gearbeitet, übrigens ein Job, zu dem ich kam, wie die Jungfrau zum Kinde. Eigentlich wollte ich nur unbedingt für die Süddeutsche Zeitung schreiben und das habe ich ja dann auch eine ganze Weile getan. Der Fußball war nie mein Leben, aber er hat es – und das meiner Familie – natürlich in gewisser Weise bestimmt. Wochenenden, Feiertage, Ferien: immer war da auch der Spielplan. Zum Glück gab es die lange Sommerpause, unterbrochen höchstens von Welt- oder Europameisterschaften.

Es waren lustige Zeiten, viele Jahre lang. Zeiten, in denen es uns JournalistInnen noch erlaubt war, uns selbst und den Fußball nicht so ernst zu nehmen. Zeiten, in denen wir noch nicht zu den LohnschreiberInnen einer riesigen und globalisierten Unterhaltungsindustrie degradiert waren. Sicher, es ist noch nicht so schlimm wie im Fernsehen, wo die armen KollegInnen jedes Not-gegen-Elend-Match zum Superevent hochjubeln müssen und noch die größten Banalitäten, die sich spätpubertäre Millionäre aus ihren Rotznasen ziehen lassen, als Orakel von Delphi verkaufen. Auch wird von uns nicht verlangt, Übungsleiter gleich zu Intellektuellen zu verklären, nur weil sie ab und zu tatsächlich ein Buch lesen (und gern darüber reden) oder Veganer sind.

Aber wir sind andererseits auch weit davon entfernt, die Fußballwelt so zynisch darzustellen, wie sie wirklich ist. Wir nehmen keinen Anstoß mehr daran, dass Gazprom Schalke und die Champions League sponsort oder dass Herr Tuchel in Diensten der Herrscherfamilie von Katar steht und Herr Guardiola in denen des Scheichs von Abu Dhabi. Berlusconi war übrigens ein kleiner Fisch gegenüber diesen Leuten, nicht nur, was die Haremspolitik angeht. Und seine Wurschtigkeit Uli Hoeneß, der nach einer Runde im Knast wieder Präsident des FC Bayern werden durfte, was wir anstandslos geschluckt haben, spielt als Malefikant sowieso in einer ganz anderen Liga.

Natürlich war der Fußball nie unschuldig. Auch vor zwei, vier oder sechs Jahrzehnten ging es vorrangig um Geld. Und um Macht – aus Italien habe ich minutiös darüber berichten können, wie Silvio Berlusconi aus Tifosi Wähler machte, die ihn anhimmelten wie die großen Stars bei seinem Klub AC Milan. Aber man konnte in der Spielpause im Meazza-Stadion mal eben rübergehen zum Berlusca und seinem Hofstaat, um ihm ein paar Sprüche abzuzapfen. Heute wissen wir ja nicht mal, wie die Milan-Besitzer heißen. Oder ob der neue, amerikanische Roma-Patron, der als Toyota-Händler in den Golfstaaten Millionen gescheffelt hat, überhaupt die Abseitsregel kennt, geschweige denn die Vereinshymne.

Kann man alles spannend finden, muss man aber nicht. Was mich betrifft: letzteres. Also schreibe ich jetzt öfter mal über etwas anderes. Natürlich auch in diesem Theater.

Einen guten Rutsch, allen miteinander. Und grazie mille.

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Packt den Taucheranzug ein!

Armes Venedig. Nicht nur, dass für den 21. Dezember das nächste Hochwasser ins Haus steht, voraussichtlich 140 Zentimeter über normal, und laut Prognose 60 Prozent der Stadt überflutet. Nein, jetzt bleiben auch noch die Touristen weg! Nur wegen des bisschen Hochwassers! Schuld daran sind natürlich die Medien. Wer auch sonst. Die bösen Journalisten, die Schreckensbilder von der Rekordflut vom 12. November in die Welt geblasen haben, garniert mit apokalyptischen Untergangsszenarien.

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Sowas zum Beispiel. Ein Bild, für das Vergil die Unterzeile geschaffen hätte: Aeneas trägt seinen Vater huckepack aus dem brennenden Troja. Obwohl…es ist ja eher das Gegenteil.

Nur, so wenig man seine Freizeit im trojanischen Krieg verbracht hätte, so ungern reist man halt in eine Stadt, durch die man in hüfthohen Gummistiefeln waten muss. Sowas interessiert allerhöchstens Katastrophentouristen, aber die sind eine Minderheit. Der Durchschnitt möchte zum Urlaub schönes Wetter, erst recht in Italien. Nach den Hochwasserbildern hagelte es in Venedig Hotelstornierungen. Fast die Hälfte sagte wieder ab, eigentlich überraschend wenig. Es bedeutet ja: Über die Hälfte kamen trotzdem. Durchschnittliche Urlauber sind sehr stoisch, am stoischsten sind die Deutschen. Die buchen am liebsten mindestens ein Jahr im voraus, weil es dann billiger ist, und der Rabatt ist ein Riesenvorschuss an wohligem Urlaubsgefühl.

Für Weihnachten und Januar seien die Buchungen hingegen eingebrochen, klagt der Hoteliersverband. Logisch, eigentlich. Aber in Venedig kriegen sie kalte Füße. Die drei Milliarden Einnahmen im Jahr aus dem Tourismus drohten sich zu halbieren! Also starten die Venezianer eine Werbekampagne, wollen die internationale Presse dazu bringen, jetzt gefälligst positiv zu berichten. Es sei alles gar nicht so schlimm! Wer wird sich denn gleich so anstellen? Taucheranzug einpacken und los geht’s!

Auf die Idee, dass das Hochwasser geschäftsschädigend sein könnte, war in der Lagune offenbar noch niemand gekommen. Man möchte ihnen zurufen: Der gesamte Klimawandel ist auf die Dauer höchst geschäftsschädigend, nicht nur für Venedig.

Andererseits: Der Overtourism erledigt sich gerade von selbst.

Tortellini-Kreuzzug

Tortellini kommen ursprünglich aus der Gegend um Bologna, sind aber mittlerweile in ganz Nord- und Mittelitalien ein beliebtes Weihnachtsgericht, am liebsten serviert „in brodo“, also in Fleischbrühe. Es existiert längst auch eine Version für Vegetarier, ursprünglich aber werden die kleinen Teigtaschen mit Hackfleisch, rohem Schinken und Mortadella-Wurst gefüllt. Also mit Schweinefleisch. Ähnlich wie Lasagne, ebenfalls ein Klassiker aus Bologna. In die Hackfleischsauce kommt traditionell auch ein wenig Schweinemett – weil in der Emilia, dem Landstrich um Bologna, halt viele Schweine gemästet werden. Parmaschinken, Mortadella usw. Die Massentierhaltung führt auch in dieser schönen Gegend zu einem massiven Gülleproblem. Aber das ist kein Thema für die italienische Politik.

Lieber streitet man sich um die Tortellinifüllung. Als der Bischof von Bologna kürzlich entschied, einen Teil der Teigtaschen für das große Patronatsfest für den Stadtheiligen St. Petronius mit Hühnerfleisch füllen zu lassen, um auch Nicht-Katholiken die Möglichkeit zum geselligen Miteinander zu geben, kriegte die Spitzenkandidatin der rechtsextremen Lega für die Regionalwahlen im Januar Schnappatmung: „Die verhunzen sogar die Tortellini, um sich an den Islam ranzuwanzen.“ Der Bischof gab kühl zurück, die Gemeinschaft sei ihm wichtiger als die Details eines Küchenrezepts.

Damit hätte die Sache erledigt sein können. Aber die italienische Rechte will weiter ihr Süppchen mit den Tortellini kochen. Für Leute, die naturgemäß nicht über den eigenen Tellerrand gucken können, handelt es sich um ein gefundenes Fressen. Seit Jahren propagieren Salvini und seine Leute das identitäre Essen, was merkwürdigerweise aus jeder Menge Schweinefleisch und Bier besteht, dabei spielen diese Zutaten für die klassische mediterrane Küche überhaupt keine Rolle. Salvinis Parteifreund Luca Zaia, derzeit Regionalpräsident von Venezien, musste sich einmal dafür entschuldigen, weil er beim Silvestermahl in einem chinesischen Restaurant entdeckt wurde.

Echte Italiener essen nur italienisch! Und der italienische Mann stopft aus soviel patriotisches Fleisch in sich hinein, bis es ihm aus den Ohren herauskommt. Geradezu täglich stellt Salvini seine Mahlzeiten in den asozialen Netzwerken aus, es handelt sich um derartige Berge von Fett, Kohlehydraten, Zucker und Alkohol, dass selbst dieser bullige Mittvierziger sie unmöglich bewältigen kann.  Jetzt kommentierte er im Gesichtsbuch: „Tortellini ohne Schweinefleisch sind wie Wein ohne Weintrauben, wie Schokolade ohne Kakao. Das Problem sind nicht die Muslime, sondern einige Italiener, die sich für sich selbst schämen und Jahrtausende Geschichte, Kultur, Tradition und Glauben wegstreichen.“

Unter dem macht er’s nicht.

Den Kreuzzug um die Füllung hat jetzt der Chef persönlich beendet, auf seine eigene, unnachahmlich menschliche Art. Am Sonntag lud Papst Franziskus 1500 Arme zum Mittagessen in die riesige Audienzhalle im Vatikan. Es gab Lasagne für alle – ohne Schweinefleisch. Unter den Armen Roms sind schließlich nicht nur Katholiken. Also sorgt die Kirche dafür, dass es allen schmeckt.

Die Lega kochte mal wieder über. Von Franziskus kein Kommentar. Wozu auch? Der Bischof von Rom repräsentiert eine Weltkirche mit einer Milliarde Gläubigen, und in der Bibel steht auch nichts von Tortellini. Vielleicht hat sich der Papst aber insgeheim vorgestellt, wie man Salvini und die andereren Geiferer dereinst in der Hölle beschäftigen kann: Tortellini-Drehen bis zum Sankt-Nimmerleinstag.

Natürlich mit Hühnerfleisch-Füllung.

 

 

 

 

La Fontana

226,5 Kilo Verpackungsmüll verursacht jeder Mensch jährlich in Deutschland, auf private Verbraucher entfallen 107 Kilo. Einfach nur irre! Und wenn man dann liest, dass der Plastikmüll nur zur Hälfte recycelt wird, rauft man sich die Haare. In Italien sind es 70 Prozent, immer noch zu wenig, aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass es nicht an der Technologie liegt, wenn deutscher Müll keine Wiederverwertung findet. Man fragt sich, beispielsweise, wieso Plastiktüten erst jetzt verboten werden. In Italien gibt es schon seit 2011 keine mehr! Von wegen Klassenbeste im Umweltschutz. Wir Deutsche sind allerhöchstens Nummer eins im Fach Heuchelei und Verdrängung.

Dabei könnten wir zum Beispiel von den Italien lernen, dem Land, wo die Hochgeschwindigkeitszüge pünktlich fahren. In Rom kriegt man für Plastikflaschen an einigen Recyclingbehältern Bonuspunkte für die Öffentlichen. Also U-Bahn-Tickets für Plastikmüll. Resultat: In elf Wochen Projekt sind 750.000 Pet-Flaschen recycelt worden. Okay, das Pfandprinzip ist noch besser. Aber es müssen ja keine Flaschen sein… wie wäre es zum Beispiel mit Konservendosen?

Ebenfalls kopierwürdig: Der Trinkbrunnen, wie er mittlerweile in vielen italienischen Dörfern und auch in einigen (noch zu wenigen) römischen Stadtteilen steht.

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Ausgegeben wird aufbereitetes Trinkwasser mit und ohne Kohlensäure (ohne kann man es logischerweise auch einfach aus dem Kran nehmen). Anderthalb Liter kosten fünf Cent. Einen Flaschenkorb mit sechs 1,5-Liter-Glasflaschen kann man im Laden nebenan kaufen. Sicher, auch Kohlensäure für zu Hause ist mittlerweile zu haben. Aber sich am Brunnen zu treffen, wie in alten Zeiten, ist doch viel schöner.

 

 

Voglio una donna!

Wenn man der italienischen Regierungskrisen-Hysterie für ein paar Tage entflieht, dann fällt einem erst richtig auf, was der italienischen Politik derzeit am allermeisten fehlt: Frauen. Weder sitzen sie mit am Verhandlungstisch von PD und Fünf Sternen (ok, eine Alibifrau ist dabei), noch werden sie für Ministerposten gehandelt oder den der EU-Kommissarin. Im Spätsommer 2019 geht es in den römischen Palazzi der Macht zu wie in Gaddafis Libyen der 1980er Jahre, die Herren sind unter sich. Was unter anderem daran liegt, dass sämtliche Parteichefs Männer sind, außer Giorgia Meloni, die Chefin der rechtsextremen Fratelli d’Italia (Brüder Italiens, sic).  Die Lega, aber auch die Fünf Sterne sind übelste Macho-Vereine, deren Bosse sich immer wieder mit sexistischen Ausfällen gegen Politikerinnen hervortun, die sie in zivilisierteren Ländern auf ewig ins Abseits platziert hätten.

Aber hier stehen die Frauen im Abseits. Noch nie hat Italien eine Ministerpräsidentin oder eine Staatspräsidentin gehabt, noch nicht mal eine Präsidentin des Verfassungsgerichts. In den zahllosen Sendungen und Live-Schaltungen zur Regierungskrise stellen Journalistinnen jede Menge Fragen und Männer geben darauf ausschweifende Antwortungen (eine Spezialität der italienischen Männer ist, dass sie noch länger schwafeln, um auf den Punkt kommen, als deutsche). Sämtliche, ich wiederhole: sämtliche Experten, die ich in den letzten Wochen im Radio gehört oder im Fernsehen gesehen habe, sind Männer. Es ist schlimmer als beim Fußball.