Denk ich an Milan in der Nacht

Die italo-chinesische Operette um die AC Milan finde ich ja sehr faszinierend. Weswegen ich sie ja auch liebend gerne fortschreibe (heute in der SZ). Die Protagonisten sind einfach großartig: Der neue chinesische Besitzer, von dem man nur weiß, dass er eine Phosphatmine besitzt und jede Menge Schulden beim US-Haifischfonds Elliot – im Moment gehört Milan deshalb eigentlich den Amerikanern und nicht den Chinesen. Dann der kahlköpfige Geschäftsführer Fassone, der den kahlköpfigen Berlusconi-Vikar Galliani abgelöst hat und genauso wie sein Vorgänger mit allen Wassern gewaschen ist. Studierter Literaturwissenschaftler, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, und Manager bei den Nutella-Rührern Ferrero, bevor er in den Fußball eingestiegen ist. Last but not least der große Alte, Berlusconi himself. In entscheidenden Momenten, so wie jetzt in der Woche vor dem Derby, taucht er aus der Versenkung auf, vergießt ein paar Krokodilstränen über sein Lieblingsspielzeug (Schmerzensgeld 740 Millionen Euro Verkaufssumme) und macht alles nieder, was nach ihm kommt.

Sowas gibt’s ja alles nicht im biederen deutschen Vereinsfußball.

Advertisements

Euro-Hakeln

Seit 15 Jahren gibt es jetzt den Euro, eine ganze Generation ist mit der Einheitswährung aufgewachsen und kein Mensch kann sich mehr vorstellen, zu den alten Länderwährungen zurück zu kehren (vorgesehen ist das eh nicht). Europa hat im Moment eine Menge anderer Probleme als das liebe Geld. Wie man jene Menschen aufnimmt und integriert, die aus anderen Kontinenten zu uns kommen wollen. Wie man als kontinentaler Global Player neben Wirtschaftsriesen wie China und Indien besteht. Und wie man Trumps Little America entgegen tritt.

Trotzdem wird natürlich über den Euro nachgedacht und wie eh und je hakt es dabei zwischen Norden und Süden. Am Dienstag, während Juve in Barcelona 0:3 verlor und die Roma gegen Atletico Madrid ein torloses Remis ermauerte, gab es in der römischen Residenz der deutschen Botschafterin Susanne Wasum-Rainer eine Debatte zum Thema Zukunft des Euro. Angetreten waren Clemens Fuest, Direktor des IFO-Instituts in München und Luca Paolazzi, Direktor des Studienzentrums beim Unternehmerverband Confindustria. Ich habe die Diskussion moderiert.

botschaft2

Es war wie immer, wenn Deutsche und Italiener über Geld reden. Clemens Fuest zeigte anhand vieler Grafiken und Tabellen, dass die italienische Produktivität seit 1992 eingebrochen ist, die Jugendarbeitslosigkeit ebenso gestiegen wie die horrende Staatsverschuldung, während das Wachstum viel zu lange stagnierte. Nur das Privatvermögen der Italiener, das sei unverändert höher geblieben als das der Deutschen. Was eine Rolle spielen würde, falls Italien unter den Rettungsschirm schlüpfen müsse.

Nun, bislang hat Italien nicht nur kein Geld in Anspruch genommen, sondern fleißig an andere gezahlt. Dass die Italiener auf den ersten Blick „reicher“ sind als die Deutschen erklärt sich erstens daraus, dass hier 80 Prozent ihre eigene Wohnung haben und zweitens aus dem schwachen Staat: Wo das öffentliche Gesundheitssystem nicht funktioniert und die staatlichen Unis gut und gerne 4000 Euro Studiengebühren im Jahr kosten, wo es kein Kindergeld gibt und keine Arbeitslosenunterstützung (nur Kurzarbeitsgeld), da müssen Familien Rücklagen haben.

Das nur für den Hinterkopf. Aber es ist doch interessant, wie unweigerlich deutsche Ökonomen ihren italienischen Kollegen die Leviten lesen („unter Freunden“, wie Fuest beschwichtigte), auch beim Auswärtsspiel.

botschaft1

Luca Paolazzi vom italienischen Unternehmerverband ließ das elegant an sich abgleiten. Schließlich haben wir im Moment keine Euro-Krise, dafür lösen sich in Frankreich die Volksparteien auf und in Italien könnten sich zu den Wahlen im Frühling 2018 die Anti-Euro-Populisten verbünden. Und dann Arrivederci Reformen.

Aber in der 1. Reihe geriet ein älterer Herr in Rage. Es war Mario Monti,  der frühere EU-Kommissar und italienische Ministerpräsident. Monti wollte es nun wirklich nicht auf sich sitzen lassen, dass Italien zu den Euro-Sündern gezählt wird. Und den Vorschlag des deutschen Professors Fuest, hochverschuldete Staaten könnten künftig einen Teil ihres Schuldenbergs über hochverzinste (und hochriskante) nachgeordnete Staatsanleihen finanzieren, bügelte er glatt ab. Das seien „Papiere für die Selbstgeißelung“.

Kurzum, in der Villa Almone war mehr los als im Olympiastadion. Es gab sogar noch eine Verlängerung. Über das Resultat kann ich mich nicht verbreiten. Als Spielleiterin war ich nämlich nicht ganz unparteiisch.

Der Profi und die Obdachlosen

Nach Jahren bei Manchester United und Juventus Turin spielt Frankreichs Nationalverteidiger Patrice Evra bei Olympique Marseille. Wie er seinen trainingsfreien Tag verbringt, berichtet er auf Instagram: Evra kümmert sich um die Obdachlosen in seiner Stadt. Er bringt ihnen beispielsweise etwas zu essen. Er schüttelt ihnen respektvoll die Hand – einer trägt tatsächlich ein Bettel-Schild, auf dem steht: „Für Champagner, Kaviar und einen Ferrari.“ Französischer Galgenhumor.

Patrice Evra beklagt, dass seine kleine Tour leider nicht sehr zeitaufwendig sei, weil er auf den Straßen von Marseille in gerade mal einer halben Stunde 12 Menschen ohne Wohnung angetroffen habe. „Was hast du heute getan?“ fragt Evra dann seine Leser. „Hast du jemandem geholfen?“

Fragen, die man sich in der Tat täglich stellen sollte. Fragen eines Fußballers.

Goethe und die Folgen

Der Spiegel macht ein Interview mit Petra Reski und Veit Heinichen, „den bekanntesten deutschen Autoren in Italien.“ Da ist unsereins erst mal überrascht, weil man von diesen Großkopfeten noch nie ein Buch gelesen hat. Von Frau Reski kenne ich immerhin ein paar Artikel. Also erstmal nachschlagen und finden: Aha, Krimis. Italienkrimis. Nun verhalten die sich ja zur Literatur wie ARD-Vorabendserien zur Filmkunst. Der Italienkrimi hat inzwischen jene spezifisch deutschen Italienschmöker abgelöst, die „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ heißen oder „Quattro Stagioni“ oder „Spaghetti im Rohbau.“ Vor Jahren habe ich zu diesem Thema mal einen Vortrag an der FU Berlin gehalten, nebenberuflich bin ich nämlich eine ebenso unerschrockene wie absolut erfolglose Kämpferin gegen das Italien-Klischee an und für sich. Der Italienkrimi also – es gibt, jetzt mal ohne Anspruch auf Vollständigkeit, inzwischen Kommissare am Gardasee, in Triest, sogar in Grado, natürlich in Venedig, Rom, Neapel, Palermo sowie Heerscharen von Ermittlern in der Toskana – besteht aus einem mehr oder weniger gelungenen Krimiplot mit italienischer Kulisse und lässig eingestreuten italienischen Begriffen. Versehen wird das Ganze mit Titeln wie „Tödliche Oliven“, „Intrigen am Lago Maggiore“ oder eben „Scherbengericht: Commissario Laurenti vergeht der Appetit.“ Letzterer ist das neue Werk von Veit Heinichen. Frau Reski kontert mit „Bei aller Liebe.“

Tja.

An dieser Stelle zunächst ein Versprechen: Nie, wirklich niemals werde ich mich dazu hinreißen lassen, einen italienischen Fußballkrimi zu basteln. (Gibt’s das schon? Na, bestimmt.) Und dann, ich kann’s nicht lassen, ein Literaturtipp. Wenn schon Italien und Mafia, wenn schon Plot mit starker Kulisse, dann doch bitte Roberto Saviano. Der bedeutendste italienische Schriftsteller lebt seit Jahren im Untergrund, verfolgt und bedroht von jenen Camorra-Bossen, die er in seinem Welterfolg „Gomorrha“ beschrieben hat. Saviano ist schwere Kost, seine Übersetzer sind nicht zu beneiden, denn er verfügt über eine sehr farbenreiche, geradezu barock mäandernde Sprache, mit der er den Schrecken in seiner Heimatstadt Neapel beschreibt. Meisterhaft tänzelt er auf der Grenze zwischen Journalismus und Literatur, Fakt und Fiktion.

 

Fragen der ZEIT

An diesem verregneten Sonntag bin ich über einen Absatz im ZEIT-Politikteil gestolpert, in einem Artikel über das Verhältnis zwischen Grünen und FDP auf Seite 2. Da steht:

„Wer sich fragt, woher die gelb-grünen Aversionen historisch kommen, wird sich mit dem Verhältnis zwischen dem grünen Außenminister Joschka Fischer und dem Oppositionsführer Westerwelle befassen müssen. Obwohl Fischer, Sohn einer Putzfrau, der eigentliche Aufsteiger war, gab er Westerwelle, dem Sohn eines Anwalts, das Gefühl, ein Emporkömmling zu sein, dem es an der notwendigen Ernsthaftigkeit fehle.“

Seither grübele ich über folgende Fragen:

Was muss man eigentlich leisten, um von der ZEIT nicht nach dem Beruf der Eltern beurteilt zu werden? Außenminister der Bundesrepublik Deutschland zu sein, reicht da ja offenbar nicht aus.

Wieso vergleicht Frau Lau Fischers Mutter mit Westerwelles Vater? Zumal ja auch die Mama des FDP-Manns Rechtsanwältin gewesen ist. Also entweder Sohn einer Putzfrau gegen Sohn einer Rechtsanwältin oder Sohn eines Metzgers gegen Sohn eines Rechtsanwalts.

Wobei das eigentliche Problem ja zu sein scheint, dass der Putzfrauensohn Fischer es gewagt hat, den Rechtsanwältinnen-Spross Westerwelle von oben herab zu behandeln. Als man dadurch etwas Besseres würde, dass man Außenminister ist! Nein, auf die Herkunft kommt es an. Die Arroganz des Putzfrauensohns, wird hier suggeriert, sei jedenfalls nicht angebracht.

In einem 2011 veröffentlichten Porträt derselben Autorin über die Grünen-Politikerin Renate Künast hieß es:

„Ein alter Kampfgefährte Künasts erklärt sich das Schroffe, Unnahbar-Misstrauische der Kandidatin als ein »Aufsteigerproblem«. »Wer in bürgerlichen Elternhäusern groß wird, weiß mit zwei Jahren ganz sicher, dass mal was aus ihm werden wird«, sagt der Parteifreund. »Renate wusste das nicht. Sie guckt sich immer über die Schulter: Wer will mir das Erreichte wieder wegnehmen? Aufsteiger können nie aufhören zu kämpfen.«

Bei Künasts zu Hause, erzählen Vertraute, gab es schon mal eine mit dem nassen Waschlappen, wenn man nicht so spurte. In ein Schullandheim bekam sie einmal ein Päckchen von ihren Eltern geschickt. Sie öffnete es mit Vorfreude – und fand einen vergessenen Pullover darin. Dazu ein Brief: »Du dummes Gör, hast wieder was liegen gelassen!“

Ist das so? Waren und sind der nasse Waschlappen, die krude Verachtung der eigenen Kinder tatsächlich ein Unterschichtsproblem? Und sind wirklich nur Aufsteiger unnahbar, misstrauisch oder schroff?

Nach fast 30 Jahren in Italien vergesse ich manchmal, wie stark und starr die Klassengesellschaft in Deutschland ist. Nicht, dass es hier anders wäre. Aber über eine Politikerin zu schreiben, sie habe als Kind einen nassen Lappen ins Gesicht bekommen oder die kleinbürgerliche Herkunft eines Ministers zu betonen – das wäre in einer seriösen Zeitung undenkbar.

 

Götterdämmerung

Kann Buffon plötzlich nicht mehr sehen? Oder hat Nationaltrainer Ventura einfach keinen Plan vom modernen Fußball? Ich neige ja eher zu letzterem, auch, weil ein Torwart mit 39 noch nicht alt ist, ein Coach mit 69 aber schon. Heute abend, gegen Angstgegner Israel, wird man sehen, woran es liegt, dass die Azzurri schon wieder zittern und zagen müssen.

Auf Tuchfühlung

Früher sah man in italienischen Fankurven oft das Spruchband: „Nein zum modernen Fußball.“ Inzwischen ist es fast verschwunden, was auch daran liegen mag, dass es so absolut hoffnungslos klänge. Das Mailänder Derby wird ja anno 2017 um halb eins Mittags angepfiffen, auch wenn um die Zeit keiner Fußball gucken mag. Aber in China ist prime time und weil Inter und Milan chinesische Eigentümer haben, gehen die Uhren jetzt halt anders. Die Roma gehört Amerikanern, hinter Schalke steht Gazprom, von Paris St. Germain, Manchester City und anderen englischen Großklubs wollen wir hier gar nicht reden. Der Fußball ist derart globalisiert, dass man kaum noch durchsteigt, wer eigentlich gerade bei wem auf der Gehaltsliste steht und wie die Beteiligungen sind. Die Patrons sind gesichtslose Gesellen, die überwiegend sehr mysteriöse Unternehmen führen – bis auf Roman Abramowitsch vielleicht, der ja schon fast zum old money gehört, womit auch schon wieder vieles gesagt wäre.

Wie wohltuend ist es da, nach Villar Perosa zu gondeln, jenes 4000-Einwohner-Nest im Piemont, das alljährlich im August die Mannschaft von Juventus auf dem Dorfplatz beherbergt. Weil die Familie Agnelli, der der Klub gehört, aus Villar Perosa stammt, treten traditionell Buffon, Chiellini, Khedira und Co. gegen die Jugendmannschaft an. Das wäre ja noch einigermaßen normal. Nicht mehr so verbreitet ist im Weltfußball, dass die rund 5000 Fans im Ministadion die Juve-Stars anfassen und sogar ausziehen dürfen. Schon klar, die Unterwäsche muss dran bleiben. Aber wo sonst sieht man Andrea Barzagli, den Brad Pitt des Calcio, in klassisch weißem Feinripp stoisch Autogramme geben?

barzagli

Den Staub im Hintergrund haben übrigens die Tifosi bei der nun schon traditionellen Platzinvasion in der 2. Halbzeit aufgewirbelt. Diesmal dauerte das Match bis zur 52. Minute, dann war das Publikum das torlose Rumgegurke seiner Helden Leid und stürmte zum Striptease auf den Rasen.

Vorher sah man Giorgio Chiellini ungefähr 60 mal in Handykameras lächeln:

chiellini2

Und Sami Khedira etwas eingeschüchtert am Spielfeldrand entlang traben. Khedira schien, anders als der kernige Schweizer Lichtsteiner, nicht so richtig Spaß an dieser Veranstaltung zu haben.

sami

Nun, so etwas kennt man in Spanien, England oder in Deutschland auch nicht. Unvergessen, wie Thomas Müller sich über das WM-Qualifikationsspiel gegen San Marino beklagte, in der irrigen Annahme, er habe besseres zu tun, als gegen eine Amateurmannschaft zu kicken. Und dann das hier. Auf Tuchfühlung mit den Fans! So ganz ohne Sicherheitsabstand! Als ob man eine ausgewachsene, mit vielen Trophäen beladene Profimannschaft zum Dorffest schicken könnte!

invasionKann man sehr wohl, wenn einem der Laden gehört. Auch dem Präsidenten Agnelli durften die Fans auf die Schulter klopfen. So ist das, wenn ein Fußballklub ein Familienbetrieb ist und die Tifosi wie Verwandte behandelt werden, wenigstens einmal im Jahr.

Mehr über das lustigste Fußballfest der Welt in der SZ.  Wenn es Villar Perosa nicht gäbe – man müsste es erfinden.