Roma capoccia

Es ist heiß. Und es ist leer. Am frühen Morgen ist es noch nicht so heiß, aber dafür noch leerer, also die beste Zeit zum draußen sein. Heute mal zu Fuß, das Fahrrad ist im Hof angeschlossen, aber der Sohnemann hat den Schlüssel verklüngelt. Zum Rad und zu den zwei Türen davor. Zahnarzttermin mit Nervtötung erst um 11 Uhr, also ist man um halb sieben strahlender Laune.

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Ist ja auch schön, oder? Mit dem Rad wäre es schöner, schon wegen der leichten Brise. Aber auf dem Rad sieht man nicht so viel wie zu Fuß. Zum Beispiel diesen Blumenkübel vor dem Kolosseum:

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Okay, der Zoom ist ein bisschen ungerecht. Schließlich stehen hier gleich drei von diesen Dingern, sorgsam aufgereiht.

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Die E- Roller gehören mittlerweile auch zum Stadtbild. Man muss verdammt aufpassen,  nicht umgefahren zu werden, vor allem aber, nicht über die Dinger zu stolpern. Immerhin ist das aber viel einfacher zu Fuß. Denn mit dem Rad hätte ich hier tatsächlich ein klitzekleines Problem:

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Soviel zu Rom als neuer Radlerhauptstadt. In Wirklichkeit entwickelt sich die Stadt gerade zur neuen Metropole der Monopattini – klingt das nicht viel netter als E-Roller? Ach so, hier auf dem Weg vom Kolosseum zum Circus Maximus. Da soll demnächst auch die U-Bahn direkt verkehren. Also irgendwann demnächst.

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Ich bin immerhin schon so lange in town, dass ich mich noch an eine Zeit ohne diese Baustelle erinnere. Allerdings war das Kolosseum da auch noch altersschwarz. Man konnte damals einfach so das Augustus-Forum sehen. Das waren Zeiten! Heute geht das nicht mehr, höchstens sehr früh morgens, wenn man die Absperrungen ignoriert.

Vorhang auf:

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Was das soll? Nun, ein gewisser Alberto Angela, TV-Moderator einer Wissenschaftsshow, hat sich an den interessantesten Ausgrabungsplätzen Italiens die Rechte für seine Multimedial-Märchenstunde vor zahlendem Publikum gesichert. Der Mann ist der unumstrittene Boss der Geschichts-Verkitschung, übrigens schon in zweiter Generation, denn vor ihm hatte sein Vater Piero das übernommen. Das derlei Monopole erstens überhaupt bestehen und zweitens auch noch vererbt werden, wäre anderswo undenkbar. Hier aber versperrt die absurde Tribüne für die abendliche Lightshow nicht nur monatelang den Blick auf das Forum, sie verschandelt auch eine einmalige Stadtlandschaft. Und das, obwohl sie auch abends leer bleibt!

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Wobei….Stadtlandschaft? Mitten in Rom kann man sich neuerdings sein Mittagessen zusammensammeln. Rucola sprießt direkt am Kolosseum. Die lichtblau blühende Cicoria – also die deutsche Wegwarte – ein in der römischen (Restaurant)-Küche sehr beliebtes Gemüse, hat sich neuen Lebensraum an der Forenstraße erobert. Früher hatten wir mal StadtgärtnerInnen. Jetzt haben wir die Fünf Sterne im Rathaus. Und das Kraut sprießt überall, wie es will. Genau wie der Müll.

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Wenn die Stadt so leer ist, könnte man sie doch glatt mal aufräumen. Für uns RömerInnen, damit wir es in diesen harten Zeiten ein bisschen netter haben.

Welch ein naiver Gedanke auf einem Morgenspaziergang durch die schönste Stadt der Welt. Was ich übrigens nicht fotografiert habe: Die Hundescheißepäckchen auf den Fensterbänken verschlossener Hotels. Die überall achtlos hingeworfenen Atemschutzmasken. Die Matratze auf dem Bürgersteig unweit von Neros Goldenem Haus, Nachtlager für arme Menschen.

Und jetzt ab zum Zahnarzt.

 

 

Die Coop bist du

Aus dem alltäglichen deutschen Fleischporno ist ein Fleischhorror geworden, so weit sind diese beide Genres eigentlich nicht voneinander entfernt. Zu dem sauberen Herrn Tönnies und Konsorten ist schon alles gesagt und wer, wie ich, aus seiner Wurstekessel-Gegend kommt und mit Hausschlachtung bei Omma im Keller aufgewachsen ist (zum Glück haben unsere Eltern uns da rausgeholt, als ich sechs war), der wundert sich auch nicht darüber, dass westfälische LokalpolitikerInnen und StaatsanwältInnen groß im Wegschauen sind. Die LokalpressInnen sowieso.

Nur soviel: Es stimmt nicht, dass erst das Fressen kommt und dann die Moral. Weiß ich als Kind einer working-poor-Familie, die bei Aldi grundsätzlich nur die Grundnahrungsmittel kaufte. Gemüse und Eier kamen vom Gemüsebauern, das holten wir mit dem Rad an den Abenden vor den Markttagen ab. Brot kam vom Bäcker, Milch und Sahne kamen vom Milchwagen. Und Fleisch und Aufschnitt kamen vom Metzger, der damals wie heute noch eigene Schweine hat.  Meinen Eltern hat das Supermarktzeug schlicht nicht geschmeckt. Es wurde immer viel für’s Essen ausgegeben und wenig für den Rest. Insofern war Tönnies immer eine andere Welt, ganz abgesehen davon, dass zu seiner auch noch Schalke gehört.

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Natürlich gibt es solche Feudalherren auch in Italien, aber die beuten eher LandarbeiterInnen aus, Großmetzger sind hier kleiner. Nicht von ungefähr wurde Slow Food in Italien erfunden, nicht ohne Grund ist Italien der größte Erzeuger von Bioprodukten. Die Leute haben nicht nur mehr Bewusstsein für das Essen, sie haben auch mehr Empathie für diejenigen, die es ihnen auf den Tisch bringen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Italien bis vor wenigen Jahrzehnten ein Agrarland war. Die allermeisten hier haben Eltern oder zumindest Großeltern, die selbst einen kleinen Olivenhain bewirtschafteten oder einen Gemüsegarten mit Hühnerstall.

Und dann gibt es die Coop. Seit Jahrzehnten sind wir Mitglieder. Die Coop war mal rot, das ist vorbei, sie war tief in Schmiergeldaffären verstrickt, das ist hoffentlich auch vorbei. Heute im Angebot: Bioprodukte, klar. Antimafia-Produkte ebenfalls. Und Antiausbeutungs-Protokolle in der Landwirtschaft und Fischindustrie. Kein Palmöl in allen Eigenprodukten. Plastik weitgehend abgeschafft. Preisblockade während der Corona-Krise. Die Coop gibt auch Kredite, gegen den Zinswucher. Tiertransporte eingeschränkt, Fleisch-Herkunft nachvollziehbar. Überhaupt ist die Herkunft aller Lebensmittel anzugeben – in Deutschland weiß man ja noch nicht mal, woher die Nüsse für den Kuchen kommen.

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Das sollte jetzt keine Schleichwerbung für die Coop sein, die mich nachweislich nicht bezahlt, es läuft umgekehrt. Nur der Hinweis, dass es halt immer an den KundInnen liegt. Also an uns. Immer. Ausgenommen sind diejenigen, die sich wirklich nicht leisten können, auf etwas anderes zu schauen als auf den Preis der Waren und ihrer eigenen Arbeit. Diese Menschen müsste man besonders schützen. Dass man sie stattdessen zynisch missachtet,  ist der eigentliche Skandal bei Tönnies.

Für alle, die Italienisch können, hier noch ein echter Leckerbissen: Anfang der 1990er Jahre hat Woody Allen Spots für die italienische Coop gedreht. Hier sieht man alle in einem Video. Eloquentes Kalbfleisch, Außerirdische und der Traum vom Schinkenbrot, die Erotik von Äpfeln und ein Brautpaar in der Gemüseabteilung. Es war die Erfindung des Slogans „Die Coop bist du.“

Es soll Menschen geben, die Woody Allen boykottieren, wegen der Anschuldigungen seiner Ex-Frau. Ich beschränke mich auf den Boykott der Schweineindustrie, das aber im Allgemeinen und Besonderen.

 

 

 

Partita del Secolo

Heute vor 50 Jahren fand im Aztekenstadion von Mexiko City das WM-Halbfinale Italien-Deutschland statt. Italien gewann 4:3. Bis in die 90. Minute hatten die Italiener 1:0 geführt und es geschafft, dieses Resultat eisern zu verteidigen. Dann glich Karl-Heinz Schnellinger aus, der damals bei Milan spielte. Es folgte eine halbe Stunde, in der sich die zuvor ziemlich zähe Begegnung zum allseits verklärten „Jahrhundertspiel“ wandelte. Nie war eine WM-Verlängerung spannender, nie fielen mehr Tore.

94.     1:2 Müller

98.     2:2 Burgnich

104.   3:2 Riva

110.   3:3 Müller

111.    4:3 Rivera

Nebenbei spielte Beckenbauer ab der 65. Minute mit einem an den Körper festgebundenen, rechten Arm, nachdem er sich auf der Jagd nach einem Elfmeter die Schulter verletzt hatte. Der deutsche Radio-Reporter Kurt Brumme empörte sich vor einem Millionen-Publikum über die Italiener: „Mein Gott, ist das ein Fußball hier. Das ist ja entsetzlich, das ist ja widerlich. Burgnich ist soeben verstorben, sehe ich. Nein, da kommt er wieder!“ „Pfui, pfui, pfui, Rivera!“

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Nun, in Italien hat man naturgemäß einen anderen Blick auf das Match. Der 50. Jahrestag wird gefeiert, als wären die Azzurri damals als erste auf dem Mond gelandet. Schon vorher hab es einen Kinofilm und ein Theaterstück zum Thema und Bücher sowieso, das Beste von den dem Soziologen Nando dalla Chiesa. Er schildert, wie die Italiener mit dem Sieg auch die Überwindung eines uralten Minderwertigkeitskomplexes gegenüber den Deutschen feierten: „Es schien, als seien wir jetzt die Deutschen.“ Dalla Chiesa erinnert, wie die Italiener in der Nacht zum ersten Mal als Nation feierten, überall auf den Straßen tanzten und wie der Autocorso geboren wurde. Hunderttausende waren damals als Arbeitsemigranten in Deutschland und zelebrierten den mühsam erkämpften Sieg über die reichen, arroganten Deutschen.

Für die war das 3:4 der Beginn des Italien-Traumas. Es folgten nur noch Niederlagen, bei der WM 1982, bei der WM 2006 (besonders bitter), bei der EM 2012 (ein Doppel-Balotelli, fast genauso bitter). Die Serie endete erst 2016 beim EM-Viertelfinale, das Deutschland beim Elfmeterschießen gewann. Und jedes Mal der gleiche Schlagabtausch in den Medien, die Beschwörung finsterster Klischees, auf beiden Seiten. Persönlich bin ich 2006 wüstens attackiert worden, weil ich mich in einem Feuilletonartikel für die SZ ein wenig über die deutsche Verehrung des „edlen Wilden“ Zidane lustig gemacht hatte. Halb Deutschland war mit dem Franzosen solidarisch, der sich im Endspiel von dem Italiener Materazzi provozieren ließ („deine Schwester…“), ihm den Kopf in den Bauch rammte und natürlich Rot dafür sah. Italien wurde Weltmeister und die Deutschen ärgerten sich schwarz. Der Spiegel beleidigte die Italiener als Muttersöhnchen, die ZEIT warnte: „Mafia im Finale“ und legte nach dem Sieg nach, der WM-Titel würde sich schon noch als Katastrophe für Italien entpuppen. Wäre ja noch schöner!

Die Italiener hingegen packen vor jedem Fußballspiel gegen die Deutschen den Weltkrieg aus. Als ich in Rom ankam, hörte ich zum ersten Mal, dass deutsche Fußballspieler als Panzer bezeichnet wurden. Daran hat sich nichts geändert. Vor dem EM-Halbfinale 2016 etwa schrieb der „Corriere della Sera“, als Italiener müsse man einfach für Frankreich sein. „Sie haben uns Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit geschenkt, während die Deutschen unser Land besetzt und unsere Großeltern hingemetzelt haben.“

Das ist ungefähr das Niveau.

Gestern abend war ich Gast in einer Radio-Sondersendung der RAI, gemeinsam mit dem deutschen Botschafter in Italien, mit dem klugen Professor dalla Chiesa und mit ein paar der alten Recken. Schnellinger war aus Milano due zugeschaltet, wo er seit Ewigkeiten in einem der Wohnblocks wohnt, die einst Silvio Berlusconi hochgezogen hatte. „Perle, was für eine Perle?“ sagte Schnellinger. „Es war nur ein Fußballspiel. Wenn wir gewonnen hätten, wäre es natürlich besser gewesen.“

Tarcisio Burgnich kam da schon mehr in Wallung. Der Sieg sei so wichtig gewesen, „weil wir endlich die Deutschen geschlagen haben, die uns in den 40er Jahren unterdrückt haben.“ Damit war vermutlich die deutsche Besetzung von Italien gemeint. Ein paar Minuten später legte Burgnich nochmal nach. „In zwei Kriegen“ hätten die Deutschen Italien überfallen – dass es im ersten Weltkrieg die Österreicher waren, wagten die Moderatoren nicht zu verbessern. Es sprach dann noch ein Professor für Anthropologie. Er sagte, der Sieg sei eine „Befreiung“ von den Deutschen gewesen.

Ich war ein bisschen schockiert und wies darauf hin, dass Beckenbauer und Müller nun wirklich niemanden überfallen hätten. Also wirklich, was kann man denn gegen piccolo grassotello Müller haben, mir ein Rätsel. Und Beckenbauer ist unerreicht elegant, von wegen Panzer. Die Deutschen hätten damals zwar verloren, aber trotzdem sei das Match als große Nummer in die Geschichte eingegangen, völlig egal, ob Sieg oder Niederlage. Ich wiegelte also ab, malte lustig die deutsche Angst vor Fußballitalien aus und erzählte, dass alle deutschen Reporter wissen, wie man Catenaccio schreibt oder wenigstens spricht. Lange habe ich mich dann darüber geärgert, dass mir, wie so oft, auf die Schnelle nicht der entscheidende Satz einfiel:

1970 hieß unser Bundeskanzler Willy Brandt.

Oh Venezia!

Im Italienischen wie im Deutschen sind Städte eine Frau. Die Stadt, la città. In früheren Zeiten wurden sie personifiziert. Der Göttin Roma ist ein riesiger Tempel am Fuße des Palatin geweiht, von dem heute noch sehr eindrucksvolle Säulen zu sehen sind. Venezia wurde unter anderem von dem Maler Tiepolo dargestellt. Der Meister entwarf eine üppige blonde Schönheit, der Meeresgott Neptun aus einem Füllhorn sehr viele blanke Dukaten verehrt. Das Bild hängt an prominenter Stelle im Dogenpalast:

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Ein vielbenutztes Synonym für Venedig ist „La Serenissima“ – ein Titel, den sich die alte Seerepublik einst selbst gab. Die Heitere, nein: die Heiterste. Ein herrlicher Superlativ, wer möchte nicht so wahr genommen werden? Irgendwas ist dann schief gelaufen mit der venezianischen Imagepflege in den letzten Jahrhunderten, denn heutzutage gilt ja Venezig als schwer melancholisch. Tod in Venedig, Wenn die Gondeln Trauer tragen, Ratten und Nebel, Cholera und Kreuzfahrtschiffe, ganz so, als sei diese Traumstadt eine Verheißung der Düsternis. Es geht nur noch um Hochwasser, um die Invasion von Touristen und die Flucht der letzten echten Venezianer und nebenbei um korrupte Politiker, die letztendlich am Untergang der Stadt Schuld tragen. Überhaupt, der Untergang: Schon seit einer ganzen Weile drehen sich Venedig-Erzählungen um die Frage: Ist diese Stadt noch zu retten? Vor der Klimakatastrophe, dem Massentourismus, der Abwanderung und neuerdings vor der Corona-Krise?

Heute gab es zu diesem Thema eine erhellende Seite Drei in der SZ, nach deren Lektüre die wirklich größte Bedrohung für Venedig kein Geheimnis mehr ist. Venezia, die Heiterste, befindet sich gar nicht mehr in der Lagune. Die Serenissima ist eine Stadt ohne Frauen! Egal ob in den 450 SZ-Zeilen oder dazwischen, es ist schlicht keine zu finden. Die Frauen scheinen aus Venedig geflohen zu sein wie aus Ostdeutschland und aus dem Sauerland. Da dürfen wir uns dann wirklich nicht wundern, wenn das mit dem Untergang nicht mehr abzuwenden ist. Oder wurden sie am Ende einfach nur übersehen?

Ich weiß nicht, ob es sinnvoll wäre, eine Frauenquote für Geschichten einzuführen. 25 Prozent? 30? Oder 50? Hundert Prozent, vielleicht wäre das für den Anfang nicht schlecht. Einfach mal ein Monat oder zwei nur Zeitungsgeschichten mit Frauen, wo es geht, also nicht im Politik- Wirtschafts- oder Sportteil, oh Gott, jetzt hätte ich fast das Feuilleton vergessen, dabei können da auch sehr viele, wichtige Männer natürlich nicht über Wochen unerwähnt bleiben. Aber die Meinungsseite, da ginge doch was!

Die reine Männergeschichte, ich fürchte, das ist mir auch schon passiert – und damit meine ich jetzt nicht beim Thema Fußball. Ganze Städte, ach was, Landstriche ohne Frauen, es geht ja schließlich um die Sache, und die Zeit drängt, da kann man sich nicht mit Gender-Kleinigkeiten aufhalten

Wirklich?

Giuseppe Provenzano von der sozialdemokratischen PD, Italiens Minister für den Süden, hat gerade seine Teilnahme an einer Städte-Konferenz zur Corona-Krise abgesagt. Weil außer ihm nur Männer dazu eingeladen waren. Keine einzige Frau! Männer unter sich, das gilt immer noch als völlig normal, nicht nur in Venezia und Roma. Provenzano ist der erste Minister der Repubblica Italiana, der es skandalös findet. Oder wenigstens hoffnungslos von gestern.

 

 

Was erlaube Kurz?

Auf zwei schlampig hingepfuschten Seiten lehnt das Quartett Österreich, Niederlande, Dänemark und Schweden den von Merkel und Makron vorgeschlagenen Wiederaufbaufonds für die von der Pandemie gegeißelten EU-Südländer in Bausch und Bogen ab. Man wolle keine „Schuldenunion durch die Hintertür.“ Wie offenbar die deutsche Bundeskanzlerin und der französische Staatspräsident. Statt Milliardenzuschüssen wollen die vier „Sparsamen“ nur Milliardenkredite ausgeben. Ja, wo kommen wir denn da hin. Wir haben nichts zu verschenken!

Das ist kurzsichtig, kleinkrämerisch und ökonomisch vollkommen unsinnig. Es ist aber auch ein bisschen lächerlich. Wenn man, nur mal so zum Beispiel, vergleicht, was Spanien und Italien zum EU-Haushalt beitragen und was hingegen Österreich einzahlt, fällt einem unweigerlich der großartige Trapattoni ein: „Was erlaube Kurz?!“

Ich muss zugeben, dass mir seine Brüder im Geiste nicht ganz so plastisch vor Augen stehen wie das nassgescheitelte Kanzlerchen Kurz. Vielleicht, weil ich ohne Österreich gar nicht leben könnte. Zu meinen allerliebsten Menschen gehören Österreicherinnen und zu meinen allerliebsten DichterInnen sowieso. Aber was hat KK (Kanzler Kurz) mit Joseph Roth oder mit Stefan Zweig zu tun? Oder mit den Geschwistern Menasse und Thomas Bernhard? KK fällt ja schon deshalb aus der Reihe, weil ich mich nicht erinnern kann, dass ein österreichischer Regierungschef jemals derart adrett aussah – in meiner Kindheit war allerdings auch Bruno Kreisky aktuell, zu dem sich dieser dynamische 33-Jährige verhält wie die aktuelle SPD-Führung zu meiner Kindheitstroika Bandt-Schmidt-Wehner. Und das liegt natürlich nicht am Alter.

Sehr gut kann ich mich hingegen daran erinnern, dass Kurz bis vor Jahresfrist mit der FPÖ regierte, namentlich mit einem gewissen Ibiza Strache als Stellvertreter. Dass er Straches Absturz nicht nur politisch überlebte, sondern bei Neuwahlen sogar zulegen konnte, ist sicherlich weniger seinem überragenden Talent zuzuschreiben, sondern hat eventuell auch mit einem Mangel an Alternativen und chronischen Aussetzern im kollektiven Kurzzeitgedächtnis mancher ÖsterreicherInnen zu tun – wobei dieses Kurzzeitgedächtnis gut und gern einen Zeitraum von acht Jahrzehnten umfassen kann.

Vermutlich wird KuK (Kanzler und Kurz) bald zurückrudern in punkto EU-Wiederaufbau. Aber der Schaden ist erstmal groß. Was ihm schnuppe sein kann, Hauptsache, man hat ihn gehört. Also innenpolitisch. Und draußen auch ein bisschen. Für den Niederländer Rutte, der nicht so nassgescheitelt ist wie Kurz, dafür aber viel nassforscher daherredet, gilt das auch. Und Schweden verordnet gerade die Sozialdemokratie neu, irgendwo weiter rechts, womit nicht Richtung Osten gemeint ist.

Dänemark und Schweden liegen von Italien aus betrachtet auf einem anderen Planeten. Zuletzt hatte man bei der EM 2004 mit ihnen zu tun, als ein verdächtig perfektes skandinavisches Unentschieden die Azzurri aus dem Turnier kegelte. Aber wen interessiert heute Fußball? Der Österreicher hingegen bringt die römische Politik ordentlich in Wallung. Was erlaube Kurz?! Nicht nur, dass er auf seinem überschaubaren Geld sitzt, als würde das den Kohl für Italien fettmachen. Vor allem hält er eisern die Grenzen geschlossen. Der Brenner bleibt dicht. Nur Deutsche dürfen ab dem 3. Juni über KuK-Land nach Italien rein und aus Italien wieder raus, anhalten in Österreich allerdings ist verboten. Italiener dürfen umgekehrt nicht durch Österreich nach Deutschland fahren und nach Österreich einreisen, um dort zu bleiben, schon mal gar nicht. Unter Italienern versteht KuK überraschend auch SüdtirolerInnen, dabei hatte er denen vor gar nicht langer Zeit die doppelte Staatsangehörigkeit angeboten (bis zu einem seiner vielen Rückzieher).

Und jetzt: Von wegen kleiner Grenzverkehr! In Rom wird vermutet, Wien wolle Urlaubsreisen von Österreichern nach Süden verhindern und sie den Deutschen zumindest ein wenig erschweren. Damit die dann lieber in Österreich Urlaub machen?

Trapattoni würde sagen: „Sage nie Katze, bevor du sie im Sack hast.“

 

Borgo

Der italienische Architekt Stefano Boeri ist weltbekannt durch seine Projekte zur Begrünung von Großstädten oder Megastädten. Boeri arbeitet in Mexiko, China und Ägypten, gefeiert wurde er für die begrünten Hochhäuser seiner Heimatstadt Mailand. Seine Architektur zielt darauf ab, die Kultur- und Geldmetropolen mit reichlich Grün auszustatten, also eine straff domestizierte Natur in den urbanen Raum zu holen. Jetzt aber macht Boeri auf einmal Werbung für den Borgo.

Der Borgo ist das italienische Dorf, gewöhnlich wie ein Nest malerisch auf einem Hügel drapiert. Es gibt abertausende von solchen Dorfhügeln oder Hügeldörfern in Italien, im Norden wie im Süden, auch wenn man sich im Ausland meistens die in der Toskana oder in Umbrien vorstellt. Manche dieser Borghi sind fast schon kleine Städte, andere sind wirklich kleine Käffer, so wie mein umbrischer Borgo, dessen winziges Centro Storico aus einer Piazza, zwei Straßen und einer Aussichtsterrasse über dem Tibertal besteht.

Boeri rechnet vor, dass es 5.800 Orte mit weniger als 5.000 Einwohnern gebe und dass von denen 2.300 so gut wie verlassen seien. Es handelt sich zumeist um abgelegene Orte, abgeschnitten vom öffentlichen Transportwesen und nur über gewundene Landstraßen zu erreichen. Diese Orte, so fordert der weltberühmte Architekt, sollten jetzt von den italienischen Großstädten „adoptiert“, also mit Investitionen zu neuem Leben erweckt werden. Die Corona-Krise habe nämlich gezeigt, dass man in einem Borgo viel besser leben könne als in der Stadt. Wer über eine Zweitwohnung auf dem Land verfüge, der werde sich künftig über längere Zeiträume dorthin verflüchtigen.

Diese Zweitwohnungen darf man sich übrigens nicht in Villengröße vorstellen. Viele Italiener haben sie geerbt, andere günstig gekauft (in meinem Dorf ist man ab 30.000 Euro im Borgo dabei), um während der dreimonatigen Sommerferien der Kinder einen Platz fernab der glühend heißen Stadt zu haben. Die „seconda casa“ ist sehr viel verbreiterer als in Deutschland. Italienische Familien reisen weniger und kehren im Sommer lieber an jenen Ort zurück, aus dem Eltern oder Großeltern einst in die Stadt aufgebrochen sind.

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Boeris Vorstoß wurde von den Dorfverbänden mit gemischten Gefühlen aufgenommen: Warum rücken die Borghi eigentlich nur in Krisenzeiten in den Focus? Im übrigen ist es ein typisches Großstädter-Klischee, dass das Leben mit Miss Corona hier einfacher ist als in der Stadt. Erstens kann ein Dorf, wie der Fall unseres Nachbarortes beweist, im Nullkommanichts zur Falle werden. Da reichen 30 Infizierte – ein Zehntel von ganz Umbrien – um über Wochen als „Rote Zone“ abgeriegelt zu werden, in die niemand hineindarf und aus der keiner herauskommt. Weil das auch für die Ärzte gilt, haben wir in unserem Dorf seit Wochen keinen Hausarzt mehr, denn der befindet sich in der „Zona Rossa.“ Krank werden ist gerade noch schwieriger als sonst.

Zweitens gelten die Beschränkungen für Städter wie Dörfler gleichermaßen. Die Vorschrift, sich nicht weiter als 200 Meter vom eigenen Wohnhaus zu entfernen, ist in einem Borgo natürlich absurd – je weiter man läuft, desto weniger Menschen trifft man ja. Im Moment trifft man jedoch vor allem: die Polizei. Und wenn ab dem 4. Mai endlich wieder Bewegung im gesamten Wohnort erlaubt ist, gleichgültig, ob zum Spazieren gehen oder zum Einkaufen, dann gilt das für den Wohnort Rom ebenso wie für den Wohnort Borgo. Der gesamte Wohnort ist hier halt sehr klein. Viele haben vor der Krise ganz selbstverständlich im nächst gelegenen Supermarkt eingekauft. Aber der liegt nicht nur im Nachbarort, sondern sogar in der Nachbarregion. Zwar nur zehn Kilometer entfernt, aber laut Vorschrift unerreichbar.

Das größte Problem haben die Pendler. Fast alle hier im Dorf müssen weit zur Arbeit fahren, die meisten mit dem Zug nach Rom. Bislang war das die billigste und schnellste Möglichkeit – allein die Autobahnmaut in die 80 Kilometer entfernte Hauptstadt kostet hin und zurück schon neun Euro. Aber ob und wie die chronisch überfüllten Pendlerzüge verkehren, ob demnächst endlich mehr zur Verfügung gestellt werden oder, im Gegenteil, vielleicht noch weniger fahren, das steht zurzeit noch in den Sternen.

Die Gewerbetreibenden im Dorf überleben im Moment, wenn sie einen der vier Lebensmittel-Läden betreiben. Vier alimentari für 1000 Einwohner, das ist viel. Das Geschäft brummt. Aber da wären auch noch zwei Friseure, zwei Restaurants, eine Bar und einige Handwerksbetriebe. Alle geschlossen. Die Dörfler fühlen sich in diesem Moment so abgehängt wie nie. Normalerweise kommen im Frühling die Besitzer der seconde case – und weil da auch richtige Landhäuser dabei sind, die von Leuten nicht nur aus Rom, sondern auch aus den europäischen Hauptstädten bewohnt werden, bringt das Geld ins Dorf und in die gesamte Gegend. Jetzt aber ist alles blockiert. Und wer weiß, wie lange noch.

Italiens Borghi sind Kleinode. Aber sie sind in Gefahr. Nicht erst seit heute, doch heute besonders.

 

 

Von der Substanz

Wer in diesen Wochen keinen wirklich schlimmen Verlust beklagen musste oder existenzielle Sorgen um seinen Job hat, der durfte immerhin lernen, dass das meiste in unserem Leben ziemlich überflüssig ist. Die nächste Urlaubsreise, neue Klamotten, das letzte Smartphone: who cares, brauchen wir doch eigentlich gar nicht. Man kann wunderbar zwei Monate ohne Friseur leben (sorry, liebe FriseurInnen), ohne Restaurantbesuch (nochmal sorry), man kann sogar auf das Gartencenter verzichten und sich die Tomaten aus der Samentüte heranziehen. Wirklich fehlen können uns Menschen. Freunde und Familienangehörige vor allem, die wir in diesen Zeiten nicht sehen dürfen.

Ganz unabhängig von der dräuenden Wirtschaftskrise, die jetzt bergauf und bergab  herbeizitiert wird, könnten wir also durchaus auch in Zukunft dazu neigen, weniger zu konsumieren. Aus Gewohnheit. Vor allem aber, weil wir schlicht weniger Geld haben. Wir alle sind betroffen. Ja, sogar wir Schreiberlinge. Auch wenn man darüber wenig hört und liest. Wen interessiert es, dass Journalistinnen über Jahre und Jahrzehnte ganz selbstverständlich Kinderbetreuung und Home office miteinander vereinbaren müssen, auch und besonders an Sonntagen, Weihnachten und Ostern? Dass es mittlerweile in vielen Zeitungsredaktionen Kurzarbeit gibt, auch bei der ZEIT, obwohl dort gerade so viele Abos verkauft werden wie noch nie? Dass Autoren um die Zukunft ihrer Verlage bangen, weil der Absatz fast aller Frühjahrs-Neuerscheinungen bei Null liegt? Eben, es gibt wirklich andere und größere Probleme.

Aber ich war beim Konsum stehen geblieben. Und da könnte man doch mal leise fragen: Wer soll eigentlich die neuen Autos kaufen, die jetzt ganz dringend wieder produziert werden müssen? Wer die nächste Flugreise bei der jetzt ganz dringend stützenswerten Lufthansa (vom Milliardengrab Alitalia ganz zu schweigen)? Wer soll als Touristin die Strände Apuliens bevölkern oder Venedigs Gassen verstopfen? Und wer sich im Restaurant des Fernsehkochs auf die Warteliste setzen lassen?

Noch wird uns vorgegaukelt, die Krise sei vorübergehend und durch beherzte Regierungsanweisungen zu stoppen. Aber zum Wirtschaften gehören zwei, der Produzent und der Konsument, die Verkäuferin und die Kundin. Ob letztere jetzt wie auf Knopfdruck wieder fleißig ihren Konsumpflichten nachkommen wollen, muss man erst noch sehen. Von welchem Geld übrigens?

A propos Experten: Krasser Überschriftenfehler bei Spiegel Online. Herr Watzke hat selbstverständlich gemeint, der Schulstart wäre ein Qualitätszeugnis für die Deutschen. Oder müssen wir uns in diesen Zeiten tatsächlich Sorgen um Fußballer machen? 13 Prozent der Profis neigen angeblich gerade zu Depressionen. Eine lächerliche Zahl, gemessen an der Gesamtbevölkerung.

Locker bleiben

Aus Italien betrachtet, hat man das Gefühl, dass in Deutschland gerade die Stimmung kippt. Die Leute fordern und bekommen Lockerungen, dabei ging es doch auch in den letzten Wochen schon sehr locker zu, verglichen mit Spanien, Frankreich und Italien. Tagelang wurde über eine Maskenpflicht diskutiert, als wäre es ein Angriff auf die Menschenwürde, sich Mund und Nase zu bedecken, um andere vor den eigenen Spucktröpfchen zu schützen. Gestern habe ich im WDR eine Hörerin vernommen, die tatsächlich erklärte, sie sei gegen die Schutzmasken, weil man das Gegenüber damit nicht mehr lächeln sähe – und das deprimiere sie so. Da sage ich als Italienerin: Chi se ne frega, wen juckt das?

Deutschland ist ein reiches Land. Es gab sofort Hilfen in einem Ausmaß, von dem der Rest der Welt nur träumen kann, sogar Künstler konnten einen Antrag stellen. Trotzdem lamentieren sich alle. Die Schausteller glauben, sie hätten ein Recht auf Volksfeste. Die Fußballklubs meinen, der Geldregen von den Fernsehsendern dürfe nie versiegen. Aber Millionärs-Fußball und das Oktoberfest braucht im Moment wirklich gerade kein Mensch. Genauso wenig wie die absurde Urlaubsdebatte. Es ist Pandemie, da kann man die Ferien auch mal ausfallen lassen. Und da wir gerade noch dabei sind, hier ein spezieller Vorschlag: Wir überlassen die Strände und Wellnesshotels in diesem Sommer dem Personal aus Krankenhäusern und Supermärkten, den Paketzustellerinnen und Reinigungskräften. Den einzigen, die wirklich Urlaub brauchen!

 

Von Grafen und Gefangenen

Die Zeit der Quarantäne – soeben ist sie auf die Woche nach Ostern verlängert worden – führt dazu, dass man seine Familienangehörigen und FreundInnen entweder dauernd sieht, weil man mit ihnen eingeschlossen ist. Oder halt überhaupt nicht. In meinem Fall ist die Isolierung von meinem gesamten Umfeld seit dem 9. März total. Aber auf dem Land genießt man immerhin das ungeheure Privileg, an der frischen Luft sein zu dürfen. Man kann spazieren gehen! Gerade hat das Innenministerium zwar Eltern mit Kindern erlaubt, einen kleinen Gang zu machen – jedoch nur in unmittelbarer Nähe der Wohnung. Radius 200 Meter. Den Regionen Lombardei und Kampanien ist selbst das zuviel. Sie halten die Freigabe des Mini-Spaziergangs für das falsche Signal. Italien ist noch nicht über den Berg. Noch lange nicht. Ein Land gefangen in den Klauen der Lungenpest, das den Gefangenenchor, diese heimliche Nationalhymne, in den Wohnzimmern singt.

Ich bin noch nie soviel gelaufen wie in diesen Wochen. Täglich acht bis zehn Kilometer, allein, durch die Felder. Ich laufe dem Virus, vor allem aber der eigenen Einsamkeit davon. Den Schreckensnachrichten, den Schreckensbildern. 12.500 Tote, als wären wir in einem Krieg. Nur weg davon, laufen und laufen, damit man nachts überhaupt schlafen kann. Manchmal treffe ich draußen auf meine Nachbarn aus dem übernächsten Haus, einen erlaubten Stadtspaziergang von 200 Metern entfernt. 20 Jahre lang sind unsere Beziehungen nicht über einen freundlichen Gruß hinausgegangen. Jetzt bilden wir eine Notgemeinschaft in gemeinsamen Wanderungen mit Sicherheitsabstand.

Meine Nachbarin A. kennt sich aus mit Zwangsisolierung. Sie ist eine beeindruckend toughe Mittsechzigerin, vor ihrer Pensionierung leitete sie eines der beiden römischen Gefängnisse. Ihr Mann, ein überaus freundlicher und leiser Signore, war im Gefängnis von A. der Arzt. Die beiden sind die perfekte Gesellschaft in diesen Zeiten, abgeklärte, lebenserfahrene Menschen, die wissen, was es wirklich bedeutet, eingesperrt zu sein. Und mich daran erinnern, dass unsere Sozialsperre dagegen ein Spaziergang ist.

Vor Wochen gab es in Italiens Gefängnissen Revolten und Ausbruchsversuche gegen eine Verordnung, die im Zuge des allgemeinen Lockdown für die Dauer-Eingeschlossenen auch noch Hafturlaub und Besuche strich. 12 Menschen starben. Eine Ungeheuerlichkeit, die im allgemeinen Corona-Schrecken unterging.

Italiens Haftanstalten sind dauerüberfüllt, quasi im Jahrestakt hagelt es deshalb Ermahnungen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Ich habe aber auch Modell-Gefängnisse erlebt, vielleicht nicht von ungefähr handelte es sich um die beiden letzten Haftanstalten auf Inseln. Die eine ist Nisida, ein winziges Eiland, das durch eine Brücke mit Neapel verbunden ist. Auf Nisida befindet sich das Jugendgefängnis. Die Insassen sind Jugendliche, die dort zum ersten Mal Mannschaftssport treiben können (Straßenfußball gibt es in Neapel schon seit vielen Jahren so gut wie gar nicht mehr), die sich handwerklich betätigen, die zur Schule gehen. Das alles in einer Festungsanlage aus bourbonischer Zeit, mit Blick auf Golf und Vesuv.

Die andere Gefängnisinsel heißt Gorgona und gehört zu Livorno. Dorthin führt keine Brücke, man muss einen Antrag stellen und mit einem Polizeiboot fahren, 34 Kilometer über das Tyrrhenische Meer.

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In der griechischen Mythologie waren die Gorgonen wilde Monster, das berühmteste unter ihnen war die Medusa, deren Schreckensblick Menschen versteinern ließ. Und aus Stein, genauer aus kargem, grauen Fels ist auch die Insel Gorgona. Zwei Quadratmeter groß, nur sieben Dauerbewohner plus rund 70 Gefangene und ihre Bewachung. Die Nachbarinsel ist Montecristo, wo Alexandre Dumas seinen Roman „Der Graf von Monte Christo“ spielen ließ, übrigens ein fantastischer Schmöker für diese langen Wochen, richtig mitreißende, saftige Unterhaltungsliteratur.

Nach Gorgona brachte mich vor Jahren der Marchese Frescobaldi, ein berühmter und sehr reicher Weinbauer aus Florenz. Frescobaldi lässt seit 2011 Wein auf der Insel anbauen, die Strafgefangenen pflegen und ernten die Trauben. Der Vino schmeckt nicht schlecht, ist aber mit rund 80 Euro pro Flasche unfassbar überteuert, wofür Frescobaldi natürlich die Ausrede parat hat, die Anbaubedingungen seien derart schwierig, dass er dabei noch draufzahle. In Wirklichkeit lässt er sich die Exklusivität des Gefängnisweins teuer bezahlen. Gorgona-Wein gibt es halt nur einmal auf der Welt. Der Marchese propagiert ihn mit dem berückend geschmacklosen Slogan „Ein Wein mit dem Geschmack nach Freiheit.“

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Einer der Arbeiter im Weinberg dieses Florentiner Edlen war Benedetto Ceraulo. Ein drahtiger Mann mit einem fein geschnittenen Gesicht und einer ruhigen, überlegten Art. Beruf? „Sagen wir: Maurer.“ Aber als Maurer wurde Ceraulo nicht bekannt, sondern als Killer des Modeunternehmers Maurizio Gucci. Im März 1995 tötete er Gucci vor dessen Mailänder Wohnung mit drei Schüssen in den Nacken und einem ins Gesicht. Auftraggeberin für den Mord war Guccis Ex-Frau, die dem Killer angeblich 500 Millionen Lire gezahlt hatte, umgerechnet etwa eine Viertelmillion Euro. Ceraulo kam nach Gorgona und wurde Kellermeister des Edelwinzers Frescobaldi. Für ihn sei das, so sagte der Gucci-Mörder, wie ein Sechser in der Lebenslotterie. Bezahlt wurde er nach Gefangenen-Tarif, knapp fünf Euro die Stunde.

Die Häftlinge von Gorgona sind privilegiert, weil sie einen Großteil des Tages außerhalb ihrer Zellen verbringen können. Alle arbeiten. Sechs Stunden täglich, von sieben bis 13 Uhr, sind sie mit ihrer Selbstversorgung beschäftigt. Sie melken Kühe, Ziegen und Schafe, sie schlachten ab und zu ein Schwein für Schnitzel, Braten und Wurst. Sie versorgen den großen Gemüsegarten hoch über dem Meer, den Salat, die Paprika, Kohlköpfe, Tomaten, Kartoffeln, Auberginen und Artischocken. Sie backen Brot aus dem Hartweizenmehl, das vom Festland gebracht wird. Sie produzieren ihr eigenes Olivenöl und Käse auch für andere Haftanstalten.

Wenn sie von ihrer Zeit in einem normalen Gefängnis erzählten, waren das Berichte aus der Hölle. Schaudernd erinnerten sich die Inselgefangenen an die Untätigkeit in überfüllten Zellen auf dem Festland. Dass es an allem mangelte, an warmem Wasser, an Bettdecken. Am allermeisten aber, das sagten sie alle, habe ihnen gefehlt: der Blick nach draußen. Dieses ewige Starren auf eine Mauer. Oder durch ein vergittertes Fenster aus Plexiglas auf eine andere Mauer. Die Überfahrt nach Gorgona sei ein Schock gewesen. Nur Meer, nur Weite, endlos. Auf der Insel, sagten die Gefangenen, hätten sie wieder sehen gelernt.

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Panik und Pranger

Italien ist krank. Ein ganzes Volk ist mit der Angst infiziert, die 18-Uhr-Balkonkonzerte sind schon verdrängt von der zeitgleich stattfindenden Pressekonferenz des Zivilschutzes, bei der die neuen Corona-Zahlen bekannt gegeben werden. Die Zahl der Kranken steigt, ebenso die Anzahl der Toten. Und die Politik hat der Panik Platz gemacht wie die Musik dem Kriegsbulletin.

Im Lungenpest verseuchten Norden regieren Männer der Lega. Der Regionalpräsident der Lombardei hatte seinerzeit mit dem Slogan die Wahl gewonnen, er kämpfe für das Überleben der weißen Rasse. Seitdem er sich bei einem melodramatischen Facebook-Auftritt mit einem Mundschutz bewaffnet hat, tritt er nur noch damit auf. Der Regionalpräsident von Venetien hingegen tat sich kürzlich mit der Theorie hervor, die Chinesen seien die Ursache allen Übels, weil sie lebende Ratten äßen. Diese Figuren sind jetzt als Krisenmanager im Einsatz – und beweisen aufs Gründlichste, dass Rassisten und Populisten auch in Extremsituationen nicht vernünftig werden.

Besonders der Lombarde verbreitet Panik. Die Krankenhausplätze reichten nicht. Die Ausgangssperre reiche nicht. Die Polizei reiche nicht. Nachdem er angekündigt hat, Supermärkte am Wochenende schließen zu wollen, bildeten sich gestern und heute früh lange Schlangen vor den Geschäften. Soldaten sind im Einsatz.

Die Regierung in Rom versucht, Kurs zu halten. Ihr wird vorgeworfen, zu lasch zu sein. Es regnet, die Regierung ist Schuld, sagt der Volksmund. Jetzt ist die Regierung in der Augen mancher, die täglich mehr werden, daran Schuld, dass die von ihr erlassenen Maßnahmen nicht sofort Früchte tragen: „Wir haben schon zehn Tage Ausgangssperre und die Zahl der Toten steigt? Das heißt, dass die Typen da oben nicht kapiert haben, was zu tun ist!“ Seit Jahrzehnten leben die Italiener in einer Art Reality-Show mit immer neuen Rattenfängern, die geübt darin sind, die echte Welt auszublenden. Eine Woche Hardcore-Corona ist ok, maximal zwei. Jetzt kippt die Stimmung.

Sündenböcke werden gesucht und gefunden. Die Chinesen scheiden mittlerweile aus. Also schießt man sich im Netz auf Jogger ein. Jawohl, Jogger. Neuerdings werden sie hier „Runner“ genannt. Menschen, die es wagen, in diesen Zeiten ans Laufen zu denken, werden an den Internet-Pranger gestellt. Ebenso jene, die ihren Hund öfter herausbringen, als es das gesunde Volksempfinden für nötig hält, oder die längere Spaziergänge mit dem Tier machen wollen. Nicht länger als 200 Meter seien erlaubt, sagen die Lega-Männer. Die Regierung hat jetzt entschieden: In der Nähe der Wohnung sollten Gassi und Jogging stattfinden. Ohne einen Maximalradius festzulegen. Die Parks sind übrigens ohnehin geschlossen. In Gruppen ausgehen darf man natürlich nicht. Es geht hier um Einzelne.

In diesen Zeiten vernünftig zu bleiben, ist schwierig, aber unbedingt notwendig. Wenn jetzt schon Jogger und Gassigänger als Volksschädlinge ausgemacht werden, wer wird es dann in 14 Tagen sein – wenn die Zahl der Toten weiter steigt? Nur, damit das klar ist: ich jogge nicht und habe keinen Hund.

Vor drei Tagen bin ich in eine Polizeikontrolle gekommen, auf dem Weg ins Nachbardorf. In meinem Ort gibt es keinen Supermarkt und kein Tierfutter, einmal in der Woche fahre ich deshalb mit dem Auto zehn Kilometer weiter. In unserer Gegend gibt es noch keine Infizierten.

Die Polizisten haben mich 20 Minuten lang verhört, sie führten Telefonate. Ok, ich bin auch Ausländerin. Am Ende stellte ich eine Frage: Ob es eigentlich in Ordnung sei, dass während der Ausgangssperre so viele Gärtner ihre Laub- und Schnittabfälle in Brand setzten, dass man kein Fenster öffnen könne? Seit Tagen geht das so, offenbar ist der Vorrat an Brandmaterial unerschöpflich.

Der Polizist lächelte hinter seinem Mundschutz und sagte: „Aber bitteschön, Signora, haben Sie doch Geduld. Was sollen denn diese armen Männer zu Hause, bei ihren Frauen? Da wird man doch verrückt.“