Kaiser der Hochstapler

Eine wunderbare Seite Drei in der SZ von meinem Kollegen Boris Herrmann über den Brasilianer Carlos Kaiser: Wie der vermutlich größte Hochstapler der Fußballwelt eine Profikarriere absolvierte, ohne spielen zu können. Und vor allem: Ohne zu spielen.

„Im Zuge der Verwissenschaftlichung des Fußballs wurde vor einigen Jahren der Begriff der „falschen Neun“ geprägt. Früher hätte man dazu hängende Spitze gesagt. Carlos Kaiser war eher eine abhängende Spitze, und zwar hing sie lässig am Spielfeldrand ab. Er war eine falsche Neun im wörtlichen Sinne. In seiner gesamten Spielerkarriere verfolgte er ein einziges Ziel: Nur nicht spielen.“

Dieser Kaiser war der Felix Krull des Fußballs, schreibt Herrmann. Der unerreichte Maestro in einer Welt, in der die Wahrheit durchaus nicht auf dem Platz liegt.

„Maradona mit seiner Gotteshand, Geoff Hurst mit seinem Wembleytor, Andy Möller mit seiner Jahrhundertschwalbe. Der Fußball war immer auch ein Geschäft mit Halbwahrheiten und Täuschungsmanövern, mit kleinen und großen Notlügen. Spanische Vereine haben sich auf die Erfindung von europäischen Großeltern spezialisiert, um mehr Südamerikaner verpflichten zu können als die Ausländerregel erlaubt. Afrikaner sind Meister der Altersfälschung. In Iran wurden vier Spielerinnen der Frauen-Nationalelf suspendiert, weil sie Männer waren. Der brasilianische Werderaner Ailton hält den Weltrekord für den Fußballer mit den meisten Tanten. Sie hatten immer genau dann Geburtstag, wenn bei Werder Trainingsauftakt war.“

 

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Skylla und Charybdis

In der Odyssee beherrschen diese beiden Ungeheuer die Meerenge von Sizilien (empfehlenswert dazu: Stefano D’Arrigos „Horcynus Orca“ in der Übersetzung von Moshe Kahn). In der italienischen Realität tragen sie die Namen Lega und Fünfsternbewegung, weil sie am 4. März viele Bürger gewählt haben, beherrschen sie die politische Bühne, nur das Land regieren, das können sie (noch) nicht.

Die Lega ist mit Silvio Berlusconi verbunden und kann den alten Tycoon nicht so schnell loswerden, wie es für sie opportun wäre, denn dazu hat er immer noch zuviele Stimmen, Macht und Geld. Die Fünfsterne wollen sich mit der Lega verbünden, aber nicht mit Berlusconi, weil sie den fast so erbittert bekämpft haben wie den Sozialdemokraten Matteo Renzi. Zwei Monate lang hat der Fünfstern-Spitzenkandidat und angebliche politische Anführer Luigi Di Maio mit seinem Lega-Kollegen Matteo Salvini verhandelt, zwischendurch auch mal die Fronten gewechselt und es beim sozialdemokratischen PD versucht – das alles auf derart haarsträubend dilettantische Weise, dass man nicht wusste, ob man lachen oder weinen sollte als dickköpfige Anhängerin der hoffnungslos altmodischen parlamentarischen Demokratie.

Weder Salvini noch Di Maio machen einen Hehl daraus, dass sie diese Demokratie für hoffnungslos von gestern halten, darin gleichen sie Silvio Berlusconi. Strikt verweigern sie sich dem Vorschlag des Staatspräsidenten, eine überparteiliche Regierung aus Experten die Geschäfte führen zu lassen, um durch das neu gewählte Parlament wenigstens die wichtigsten Gesetze zu bringen, allen voran den Haushalt und vielleicht noch eine Wahlrechtsreform, die bei den unabwendbaren Neuwahlen vielleicht stabilere Verhältnisse schafft. Beide wollen sofort Neuwahlen, was logisch ist, denn etwas anderes als Wahlkampf können diese Herren nicht. Im Wahlkampf kann man dem Volk das Blaue vom Himmel herunterlügen und versprechen, kann man den politischen Gegner geifernd attackieren, beides Disziplinen, in denen beide Meister sind.

Für die Expertenregierung ist nur der PD, der damit sehend in den eigenen Untergang geht. Denn die Antidemokraten von den beiden Populistenfelsen kreischen jetzt schon, in Wahrheit wollten die Sozialdemokraten den Volkswillen verraten und erneut regieren, mit überparteilichen Figuren, die eigentlich gar nicht überparteilich seien.

Die angeschlagene Repubblica Italiana durch die Strudel des Populismus zu geleiten, obliegt jetzt dem Sizilianer Sergio Mattarella. Doch dieses Staatsoberhaupt wirkt genauso müde wie jene Demokratie, die er leiten und schützen soll. Weiß man eigentlich, dass Italien in der Rangliste der Pressefreiheit laut Reporters sans Frontieres Platz 46 besetzt (Deutschland Platz 15)? Wegen der Verfolgung von JournalistInnen durch Mafia-Organisationen aber auch, ausdrücklich, wegen der Lügenpresse-Kampagne der Fünf Sterne, die unliebsame JournalistInnen an den Internet-Pranger stellen. Wer nicht schreibt oder sagt, was den Fünf Sternen passt, der arbeitet entweder im Auftrag der Mafia oder im Auftrag von Matteo Renzi, was für diese Leute ohnehin ungefähr das gleiche ist.

Beppe Grillo übrigens hat die Meerenge von Sizilien zwischen Skylla und Charybdis vor ein paar Jahren durchschwommen. Es war ein Wahlkampfgag, danach wurden seine Fünf Sterne auf der Insel stärkste Partei.

Schon damals hätte das Ausland genauer hinschauen sollen. Jetzt hat man das Gefühl, in Berlin, Brüssel und Paris kriegen sie gar nicht mit, was hier wirklich abgeht. Nicht die übliche italienische Operette, sondern ein Endzeit-Drama, in dem es nicht um Politik gerungen wird, sondern nur um die Macht. Was soll bei Neuwahlen herauskommen, wenn nicht wieder der gleiche Patt? Womöglich verschwindet der PD, das ist sogar wahrscheinlich. Unfähig, den Kompass für einen personellen und ideellen Neuanfang zu finden, steht der Partei das Wasser schon jetzt bis zum Hals.

Vielleicht spekulieren Di Maio und Salvini aber auch darauf, dass Berlusconi beim nächsten Urnengang untergeht. Dann können sie endlich miteinander ganz oben auf dem Scherbenhaufen hocken.

Taxi nach Paris

Auf diese geniale Geschichte soll es Applaus und Preise regnen: Selten so gelacht wie über Dirk Gieselmanns Reise durch Paris. Gieselmann war dort, wo Tripadvisor Best- und Schlechtnoten vergibt. Klingt simpel, ist als Idee aber Weltklasse. Und was er daraus macht, ist so entlarvend und lustig, dass man es auswendig lernen möchte.

„Das hier war kein Hotel, sondern ein Polizeigefängnis in einem Unrechtsstaat, und wir waren die unschuldig Inhaftierten. Aus den Zellen im ersten Stock drang das tuberkulöse Husten eines Greises. Ich fühlte mich krank und gebrochen. Warum war ich hier? Um die Bettwanzen, die ich auf den Bildern gesehen hatte, persönlich kennenzulernen?“

Open!

In der Altstadt wurden Glocken geläutet und Feuerwerke gezündet, am Flughafen standen mitten in der Nacht 10.000 Fans und mittendrin das übliche Szenario: Rituelle Bäder in barocken Brunnen, Hupkonzerte, blockierte Straßen. Üblich, wenn die eigene Mannschaft die Champions League gewinnt oder doch wenigstens die Meisterschaft. In Neapel reichte ein 1:0-Auswärtssieg des SSC beim Erzrivalen Juventus in Turin, um die Stadt in einen Ausnahmezustand zu versetzen. Man mag sich gar nicht vorstellen, was passiert, wenn Napoli tatsächlich Meister wird, erstmals seit 28 Jahren. Das ist nach dem Sieg gegen die Juve tatsächlich möglich. Das Tor von Verteidiger Kalidou Koulibaly hat kurz vor Schluss das Rennen um die Meisterschaft noch einmal spannend gemacht.

Endlich! Es wird ein Kopf-an-Kopf-Duell werden, es wird gefiebert und geträumt. Vier Spieltage noch, alles ist wieder offen. Juventus liegt indes noch vorn, mit einem hauchdünnen Vorsprung von einem Punkt.

Was außerdem geschah: Napolis Trainer Maurizio Sarri zeigt den Juve-Fans, die seinen Mannschaftsbus umlagern und bespucken, den Mittelfinger.

„Signori si nasce“, sagte einst der legendäre Komiker Totò, als Herr wird man geboren. Aber Totò war ja auch ein echter Fürst – und Neapolitaner.

Massimo Arkadien

Was deutsche Fußball-Künstler in Italien machen, wissen wir: gerade nicht so viel. Aber was ist mit den anderen, den Dichtern, Malern, Komponisten? Um das herauszufinden, bin ich durch die Villa Massimo gestreift, Deutschlands edelste Künstlerakademie, die sich seit über hundert Jahren in Rom befindet. Ein Arkadien auf Zeit für neun glückliche Stipendiaten, die hier zehn Monate lang Tür an Tür wohnen, in einer beispiellosen Kreativkommune. Wie das da so ist, steht heute in der SZ.

Gäbe es die Villa Massimo nicht, man müsste sie erfinden!

 

Stehvermögen

Manchmal zeigt der Fußball halt doch, wo es im so genannten richtigen Leben lang gehen könnte. So wie Juventus bei Tottenham. Stehvermögen beweisen, auch wenn’s richtig dick kommen könnte. Stoisch auf die eigene Chance warten. Und es dann nochmal drehen. Ein Lehrstück.

Oder Basel bei Manchester City. Weiter alles geben, auch wenn schon alles verloren ist. Im Moment leben und spielen. Obwohl es nicht weiter geht, als Sieger vom Platz gehen.

Philosophen-Fußball. Ein toller Champions-League-Abend.

Frauenfußball!

Wird das was mit der Fünfstern-PD-Regierung in Italien? Das wäre jedenfalls bunt-verrückt und vermutlich die einzige Alternative zu Ultra-Ultra-Ultra-Rechts.

Einstweilen, heute abend im Sky-Champions-League-Programm: Frauenfußball! Die famose Jessica Kastrop und meine Wenigkeit über Tottenham-Juve und ManCity gegen die armen Basler Leckerli. Zwei Frauen in einer Sendung! Das gab’s noch nie. Dass die Männer  immer noch in der Überzahl sind: geschenkt.