Panik und Pranger

Italien ist krank. Ein ganzes Volk ist mit der Angst infiziert, die 18-Uhr-Balkonkonzerte sind schon verdrängt von der zeitgleich stattfindenden Pressekonferenz des Zivilschutzes, bei der die neuen Corona-Zahlen bekannt gegeben werden. Die Zahl der Kranken steigt, ebenso die Anzahl der Toten. Und die Politik hat der Panik Platz gemacht wie die Musik dem Kriegsbulletin.

Im Lungenpest verseuchten Norden regieren Männer der Lega. Der Regionalpräsident der Lombardei hatte seinerzeit mit dem Slogan die Wahl gewonnen, er kämpfe für das Überleben der weißen Rasse. Seitdem er sich bei einem melodramatischen Facebook-Auftritt mit einem Mundschutz bewaffnet hat, tritt er nur noch damit auf. Der Regionalpräsident von Venetien hingegen tat sich kürzlich mit der Theorie hervor, die Chinesen seien die Ursache allen Übels, weil sie lebende Ratten äßen. Diese Figuren sind jetzt als Krisenmanager im Einsatz – und beweisen aufs Gründlichste, dass Rassisten und Populisten auch in Extremsituationen nicht vernünftig werden.

Besonders der Lombarde verbreitet Panik. Die Krankenhausplätze reichten nicht. Die Ausgangssperre reiche nicht. Die Polizei reiche nicht. Nachdem er angekündigt hat, Supermärkte am Wochenende schließen zu wollen, bildeten sich gestern und heute früh lange Schlangen vor den Geschäften. Soldaten sind im Einsatz.

Die Regierung in Rom versucht, Kurs zu halten. Ihr wird vorgeworfen, zu lasch zu sein. Es regnet, die Regierung ist Schuld, sagt der Volksmund. Jetzt ist die Regierung in der Augen mancher, die täglich mehr werden, daran Schuld, dass die von ihr erlassenen Maßnahmen nicht sofort Früchte tragen: „Wir haben schon zehn Tage Ausgangssperre und die Zahl der Toten steigt? Das heißt, dass die Typen da oben nicht kapiert haben, was zu tun ist!“ Seit Jahrzehnten leben die Italiener in einer Art Reality-Show mit immer neuen Rattenfängern, die geübt darin sind, die echte Welt auszublenden. Eine Woche Hardcore-Corona ist ok, maximal zwei. Jetzt kippt die Stimmung.

Sündenböcke werden gesucht und gefunden. Die Chinesen scheiden mittlerweile aus. Also schießt man sich im Netz auf Jogger ein. Jawohl, Jogger. Neuerdings werden sie hier „Runner“ genannt. Menschen, die es wagen, in diesen Zeiten ans Laufen zu denken, werden an den Internet-Pranger gestellt. Ebenso jene, die ihren Hund öfter herausbringen, als es das gesunde Volksempfinden für nötig hält, oder die längere Spaziergänge mit dem Tier machen wollen. Nicht länger als 200 Meter seien erlaubt, sagen die Lega-Männer. Die Regierung hat jetzt entschieden: In der Nähe der Wohnung sollten Gassi und Jogging stattfinden. Ohne einen Maximalradius festzulegen. Die Parks sind übrigens ohnehin geschlossen. In Gruppen ausgehen darf man natürlich nicht. Es geht hier um Einzelne.

In diesen Zeiten vernünftig zu bleiben, ist schwierig, aber unbedingt notwendig. Wenn jetzt schon Jogger und Gassigänger als Volksschädlinge ausgemacht werden, wer wird es dann in 14 Tagen sein – wenn die Zahl der Toten weiter steigt? Nur, damit das klar ist: ich jogge nicht und habe keinen Hund.

Vor drei Tagen bin ich in eine Polizeikontrolle gekommen, auf dem Weg ins Nachbardorf. In meinem Ort gibt es keinen Supermarkt und kein Tierfutter, einmal in der Woche fahre ich deshalb mit dem Auto zehn Kilometer weiter. In unserer Gegend gibt es noch keine Infizierten.

Die Polizisten haben mich 20 Minuten lang verhört, sie führten Telefonate. Ok, ich bin auch Ausländerin. Am Ende stellte ich eine Frage: Ob es eigentlich in Ordnung sei, dass während der Ausgangssperre so viele Gärtner ihre Laub- und Schnittabfälle in Brand setzten, dass man kein Fenster öffnen könne? Seit Tagen geht das so, offenbar ist der Vorrat an Brandmaterial unerschöpflich.

Der Polizist lächelte hinter seinem Mundschutz und sagte: „Aber bitteschön, Signora, haben Sie doch Geduld. Was sollen denn diese armen Männer zu Hause, bei ihren Frauen? Da wird man doch verrückt.“

 

 

Carabinieri

Die Carabinieri sind bei weitem nicht die einzige Polizisten in Italien. Es wären da noch: Die Finanzpolizei (Guardia di Finanza) , die normale Polizei (Polizia), die Ordnungspolizei (Vigili), sowie in Sizilien und in Südtirol die Forstpolizei. Aber die Carabinieri sind am bekanntesten und am populärsten. In jeder Dorfkneipe, bei jedem Herrenfrisör liegt die Zeitschrift der Carabinieri aus wie eine Art italienische Bäckerblume. Dass sie viel präsenter sind als die übrige Polizei, liegt wohl auch an ihren tollen Uniformen, den schnittigen Alfa Romeos und den Super-Sonnenbrillen.

Es gibt sie seit mehr als 200 Jahren, nämlich seit dem 13.7.1814. L’Arma dei Carabinieri, gegründet im Piemont, ist älter als Italien. Die Carabinieri haben massiv zur Einigung Italiens beigetragen, bis heute ist der Anteil der Süditaliener bei dieser Militärpolizei sehr hoch. Die ersten Süditaliener, die noch vor der Emigrationswelle der 50er und 60er Jahre nach Norden gingen, waren Carabinieri.

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Kommt ein Carabiniere zum Automechaniker: „Sieh dir mal das rechte Rücklicht an.“

„Was soll damit sein?“

„Mal geht es, mal geht es nicht.“

„Das ist der Blinker!“

Das war jetzt ein Klassiker der Carabinieri-Witze. Und dann gibt es natürlich die Heldengeschichten all‘ derjenigen, die im Kampf gegen die Mafia gefallen sind. Ein General wie Carlo Alberto dalla Chiesa. Und unzählige andere.

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Die 110.000 Männer und seit 2000 auch Frauen werden auch mal im Ausland eingesetzt, und sind im Inland unter anderem zuständig für Umweltschutz und die Sicherstellung geraubter Kunstwerke. Italiens Umweltminister Sergio Costa ist ebenfalls Carabinieri-General, er hat sich einen Namen im Kampf gegen die Giftmüll-Mafia gemacht.

Derzeit sind die Carabinieri im Einsatz gegen einen unsichtbaren Feind:

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Sie kontrollieren, dass überall die Ausgehsperre eingehalten wird. 500.000 Kontrollen in vier Tagen, 20.000 Bußgelder, unzählige Ermahnungen.

An die Frau, die ihren Hund dreimal am Tag ausführt (angeblich zu oft).

An den Mann, der zum Zeitungskiosk unterwegs ist (angeblich überflüssig).

An den Alten, der in seinen Garten außerhalb der Ortschaft will (total verwegen).

Auch hier im Dorf stehen die Carabinieri. Halten Leute an, die zur Apotheke spazieren oder zum Bäcker. Schon klar, die Militärpolizei macht ihre Arbeit. Aber gruselig ist es doch. Und man sehnt die Stunde herbei, da die Carabinieri wieder Verbrecher jagen.

A propos: Normale Verbrechen, gibt es die im Moment eigentlich noch?

 

 

 

Rien ne va plus

Und jetzt bitte keine Panik auf der Titanic. So ungefähr beginnt mein Mann, der Professor, heute morgen seine Mails an besorgte StudentInnen. Seit Donnerstag sind die Unis geschlossen, seit heute früh ist quasi das ganze Land abgeriegelt – wobei das natürlich nicht stimmt, denn es wird noch gearbeitet. An der Uni (120.000 Studentinnen) mit Internet-Vorlesungen. Sprechstunden via Skype. Und vor allem: StudentInnen beruhigen. Wie zum Beispiel die junge Frau aus Pakistan, die von ihrer besorgten Familie die Order erhielt, aus dem verseuchten Italien sofort nach Hause zu reisen. Please don’t panic, schreibt mein Mann. Die Studentin ist ganz kurz vor ihrer Masterprüfung. Die auch stattfinden wird, mit Sicherheitsabstand, ohne das hier sonst übliche Publikum.

Please don’t panic, das ist das Gebot der Stunde. Obwohl es natürlich schon gespenstisch ist, wenn man so abgeriegelt wird. Theoretisch muss man schon begründen, wenn man seinen Heimatort verlässt – egal, wie groß der ist.

Eigentlich wollte ich morgen nach Deutschland fliegen, an meinen Heimatort. Natürlich gestrichen. Meine Eltern haben weniger Angst, von mir angesteckt zu werden als vor den Kommentaren der Nachbarn. Mein Bruder, der Death-Metal-Rocker, betreut beruflich alte, behinderte Menschen. Den dürfte ich sowieso nicht mal angucken. (Der andere ist Tischler). Ganz ehrlich, in meiner Kleinstadt würden sich vermutlich nicht allzu viele Leute über meine Anwesenheit freuen. Weil ich halt aus dem Seuchenland komme. Ich kann das verstehen.

So wie uns geht es jetzt gerade vielen. Die Kinder im Ausland, zum Studieren, in meinem Fall auch noch die Eltern. Es geht jetzt gerade nicht hin – und vor allem vielleicht nicht zurück. Und wir überlegen: Geht es eigentlich noch von Rom aufs Land? Laut Notverordnung nicht.

Ich wollte eigentlich nur ein paar Tage bleiben. Wenn ich jetzt zurück in die Stadt fahre – wann kann ich überhaupt wieder kommen? Die grundsätzlichere Frage wäre: Wieso soll ich eigentlich gerade jetzt weg von hier?

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Wenn schon zu Hause bleiben, dann lieber auf dem Land. Das Land ist immer offen, während in der Stadt alles geschlossen ist, was die Stadt ausmacht. Kino, Museen, Theater und jetzt sogar die Restaurants, ab 18 Uhr. Unser Freund Marco, der bei sich zu Hause mit seinem Projektor einen kleinen Kinofreunde-Kreis veranstaltet, hat für nächsten Montag auch schon alles gestrichen. Man darf arbeiten, sich aber nicht nach Dienstschluss versammeln, das ist die Ansage der Regierung. Sicher, irgendwann in den nächsten Tagen muss ich nach Rom, den Mann unterstützen. Aber heute wird erst mal der Gemüsegarten gepflügt.

Cricetare

Das italienische Wort für  „hamstern“ wäre „cricetare.“ Aber das gibt es gar nicht, man sagt „fare provviste“, Vorräte machen. Vielleicht liegt es daran, dass der Zwerghamster als Haustier hier sehr unüblich ist. Italiener können Hamster nicht wirklich von Mäusen unterscheiden, und das Hamsterrad fänden sie ohnehin schockierend. Was soll man auch mit nachtaktiven Kleinsttieren, die zudem noch eine Zwangsstörung haben, beißen und stinken? Eine bei italienischen Freunden beliebte Anekdoten betrifft einen berühmten Journalistenkollegen vom Spiegel und die Meerschweinchen seiner Tochter. Der Kollege hatte seinen Meerschweinchenbullen (oder Meereber?) in Rom von einem Tierarzt sterilisieren lassen. Der Tierarzt hat 600 Euro dafür genommen. Das finden meine Freunde, die übrigens auch kein Meerschweinchen von einem Hamster unterscheiden können, sehr lustig.

Als Kind und auch noch als Studentin hatte ich Hamster. Die ersten brachte mein Patenonkel Herbert in kleinen Pappschachteln mit, in die er Atmungslöcher gestochen hatte. Onkel Herbert hatte eine Autowerkstatt und selbstgebastelte, dritte Zähne. Beides fanden wir als Kinder faszinierend. Als Erwachsene muss ich sagen, dass seine Installationen aus getrockneten Zierkürbissen, Draht und blauem Autolack noch faszinierender waren.

Die Hamster starben immer ganz schnell, außer meinem letzten, eine Hamsterin namens Giuseppina. Für eine Maus war Giuseppina eindeutig zu fett. Sie hatte freien Auslauf in meiner Wohnung im Dortmunder Kreuzviertel (80 Quadratmeter, 200 Mark im Monat), dauernd Kohlestaub im Fell, wenn sie sich wieder mal in meinen Kohleöfen versteckt hatte und sie fraß Löcher in die selbstbestickten Decken, die meine Oma auf der Flucht aus Pommern gerettet hatte. Als ich nach Italien zog, übergab ich Giuseppina meinem Bruder, dem Altenpfleger und Death-Metal-Rocker.

Gerade kann man viel darüber lesen, dass die Deutschen hamstern, die allerbeste Geschichte dazu ist diese hier. Meine italienischen Freunde finden es sehr interessant, dass es in Deutschland Dosenravioli gibt und haben Spaß daran, Pichelsteiner Topf auszusprechen. Am lustigsten finden sie aber, dass die Deutschen Klopapier bunkern. Sie meinen, das sei ein Fall für die Psychoanalyse. Manche analysieren es auch gleich selbst, aber was dabei herauskommt, schreibe ich jetzt mal lieber nicht.

Hier werden auch Vorräte gemacht. Reis, Mehl, Zucker, Linsen, grobes Salz. Und Pasta, Tonnen von Pasta. Nur eine Sorte, die bleibt im Regal: Penne lisce.

Das ist doch ein interessanter Fall für die Marktforschung.

 

Sonia allein in Rom

Sonia Zhou ist wahrscheinlich die berühmteste Chinesin nicht nur in Rom, sondern in Italien. Seit drei Jahrzehnten führt sie ihr Restaurant „Hang Zhou“, das alle nur „da Sonia“ nennen, im Stadtteil Esquilin. Früher war es ein enges Wohnzimmer, in dem unser Sohn einmal zu Sonias Entsetzen die Gemüsedekoration aufaß – wunderschön filigran geschnitzte Karottenschwäne und Rettich-Igel. Jetzt heißt das Restaurant bei den Kunden auch „Die große Halle des Volkes“, weil es so riesig ist und überall Mao-Bilder hängen – neben Hunderten von Fotos mit Italiens (Fernseh-)Prominenz. Vor der Tür bildete sich stets eine lange Schlange, denn reservieren konnte man bei Sonia nicht. Sie selbst thronte, die schlanke Figur in elegante Seidenkleider gewandet, mit betonhartem, pechschwarzen Pagenschnitt und eisernem Lächeln an der Kasse. Sonia kennt alle und alle kennen Sonia. Neulich erst war sie zum Empfang beim Staatspräsidenten. Wahrscheinlich hat diese zierliche, alterslose Frau, die in Rom zur Großmutter geworden ist, mehr für die italo-chinesischen Beziehungen getan als Generationen von Berufsdiplomaten.

Inzwischen können wir Sonia in unserem Viertel auch als Kunstobjekt bewundern:

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Die Street-Artist Laika zeigt sie in Schutzkleidung und mit Maske. Sie sagt: „Eine gefährliche Epidemie geht um – das Virus der Ignoranz. Wie müssen uns schützen.“

In den vergangenen Wochen wurde Sonias Restaurant leerer. Italiens Wirtschaftsminister und Roms Bürgermeisterin kamen zur Unterstützung.

Und jetzt schließt „Hang Zhou.“ Nicht wegen der Italiener – sondern wegen Sonias chinesischer Belegschaft. 18 Angestellte sind gegangen, aus Angst vor dem Corona-Virus.

Aus Angst, sich bei den Italienern anzustecken! Einige von ihnen haben schon ein Ticket nach China gekauft – nur Hinflug. Besser zu Hause in China sein als in Rom, wo es derzeit 15 Infizierte gibt, darunter einige bereits Geheilte. 15 von 2,8 Millionen.

Die Stadt ist wie leer gefegt. Wir Römer sind allein zu Hause.

Genau wie Sonia.

 

 

Ehrenbürger Mussolini

Der Stadtrat von Salò hat es mit überwältigender Mehrheit mal wieder abgelehnt, Benito Mussolini die Ehrenbürgerwürde zu entziehen. 14 zu drei Stimmen in einer Ratssitzung, die in einem von der Polizei abgeriegelten Rathaus stattfinden musste, aus Angst vor empörten Demonstranten.

Salò ist ein 10.000-Einwohner-Städtchen am beliebtesten Badesee Münchens, dem Lago di Garda. Salò war aber auch die „Hauptstadt“ der „Republik von Salò“, eines Satellitenstaates der Nazis, in dem Mussolini unter der militärischen Protektion der Wehrmacht nach seiner Entlassung durch den italienischen König 1943 noch ein bisschen Duce spielen durfte.

Ehrenbürger war er da schon längst – seit dem 23. Mai 1924. Fast hundert Jahr später verteidigt die rechte Stadtverwaltung die uralte Auszeichnung für den Mann, der Italien an der Seite Adolf Hitlers in den Zweiten Weltkrieg geführt hatte: Mussolini aus dem Register zu streichen, diene der falschen Sache und sei sowieso anachronistisch.

 

Buon anno

Das Jahr geht zu Ende und mit ihm auch ein Lebensabschnitt. Ein ziemlich langer sogar, immerhin 21 Jahre. So lange habe ich als Sportjournalistin gearbeitet, übrigens ein Job, zu dem ich kam, wie die Jungfrau zum Kinde. Eigentlich wollte ich nur unbedingt für die Süddeutsche Zeitung schreiben und das habe ich ja dann auch eine ganze Weile getan. Der Fußball war nie mein Leben, aber er hat es – und das meiner Familie – natürlich in gewisser Weise bestimmt. Wochenenden, Feiertage, Ferien: immer war da auch der Spielplan. Zum Glück gab es die lange Sommerpause, unterbrochen höchstens von Welt- oder Europameisterschaften.

Es waren lustige Zeiten, viele Jahre lang. Zeiten, in denen es uns JournalistInnen noch erlaubt war, uns selbst und den Fußball nicht so ernst zu nehmen. Zeiten, in denen wir noch nicht zu den LohnschreiberInnen einer riesigen und globalisierten Unterhaltungsindustrie degradiert waren. Sicher, es ist noch nicht so schlimm wie im Fernsehen, wo die armen KollegInnen jedes Not-gegen-Elend-Match zum Superevent hochjubeln müssen und noch die größten Banalitäten, die sich spätpubertäre Millionäre aus ihren Rotznasen ziehen lassen, als Orakel von Delphi verkaufen. Auch wird von uns nicht verlangt, Übungsleiter gleich zu Intellektuellen zu verklären, nur weil sie ab und zu tatsächlich ein Buch lesen (und gern darüber reden) oder Veganer sind.

Aber wir sind andererseits auch weit davon entfernt, die Fußballwelt so zynisch darzustellen, wie sie wirklich ist. Wir nehmen keinen Anstoß mehr daran, dass Gazprom Schalke und die Champions League sponsort oder dass Herr Tuchel in Diensten der Herrscherfamilie von Katar steht und Herr Guardiola in denen des Scheichs von Abu Dhabi. Berlusconi war übrigens ein kleiner Fisch gegenüber diesen Leuten, nicht nur, was die Haremspolitik angeht. Und seine Wurschtigkeit Uli Hoeneß, der nach einer Runde im Knast wieder Präsident des FC Bayern werden durfte, was wir anstandslos geschluckt haben, spielt als Malefikant sowieso in einer ganz anderen Liga.

Natürlich war der Fußball nie unschuldig. Auch vor zwei, vier oder sechs Jahrzehnten ging es vorrangig um Geld. Und um Macht – aus Italien habe ich minutiös darüber berichten können, wie Silvio Berlusconi aus Tifosi Wähler machte, die ihn anhimmelten wie die großen Stars bei seinem Klub AC Milan. Aber man konnte in der Spielpause im Meazza-Stadion mal eben rübergehen zum Berlusca und seinem Hofstaat, um ihm ein paar Sprüche abzuzapfen. Heute wissen wir ja nicht mal, wie die Milan-Besitzer heißen. Oder ob der neue, amerikanische Roma-Patron, der als Toyota-Händler in den Golfstaaten Millionen gescheffelt hat, überhaupt die Abseitsregel kennt, geschweige denn die Vereinshymne.

Kann man alles spannend finden, muss man aber nicht. Was mich betrifft: letzteres. Also schreibe ich jetzt öfter mal über etwas anderes. Natürlich auch in diesem Theater.

Einen guten Rutsch, allen miteinander. Und grazie mille.

ziegenappia (1)