Was Totti so macht

Er engagiert sich zum Beispiel gegen Gewalt an Frauen. In seiner Fußballschule in Ostia gab Totti heute den Anstoß zu einem Wohltätigkeitsmatch: Richter gegen Schauspieler. Organisiert war das Treffen von der Staatssekretärin für Gleichberechtigungsfragen (ja, so heißt das in Italien). In den letzten Jahren hatte es eine Welle der Gewalt gegen Frauen gegeben, die von ehemaligen Liebes- und Lebensgefährten ausging. Diese Männer wollten sich nicht damit abfinden, verlassen worden zu sein und rächten sich mit Säureanschlägen oder töteten sogar ihre Ex-Freundin. Im Mai 2016 strangulierte ein 27-Jähriger eine 22-Jährige Studentin, die die Beziehung zu ihm beendet hatte. Anschließend zündete der Mörder den Leichnam der jungen Frau in deren Auto an.

Daran erinnerte heute das Fußballspiel. Tottis Name hat in Rom immer noch sehr großes Gewicht, deshalb beschäftigten sich vermutlich ein paar Leute mehr mit dem Thema Gewalt an Frauen, als wenn es dazu den x-ten Zeitungsartikel gegeben hätte. Totti hatte die Mutter des Mordopfers in seine Schule geladen. Und er sprach auch selbst, nicht lang, mit einfachen Worten: „Diese Gewalt muss aufhören. Männer und Frauen sind gleich.“

Vor einigen Jahren hatte auch Ex-Nationaltrainer Cesare Prandelli an einer Kampagne gegen Gewalt an Frauen teilgenommen. Heute ist die Nationalmannschaft bekanntlich erst mal von der Bildfläche verschwunden. Oder, wie Totti kommentiert: „Die machen nächsten Sommer erstmal fett Urlaub.“

 

Advertisements

Der Spieler

Ich gehöre zu jenem verschwindend kleinen Personenkreis meiner Generation, an dem Boris Becker irgendwie vorbei gegangen ist. Ja, natürlich habe ich mitbekommen, dass er Wimbledon gewann, viel mehr aber auch nicht. Tennis war einfach nicht mein Ding, es lag außerhalb meiner Welt. Fußball interessierte mich mit 20 aber auch nicht, niemals wäre mir in den Sinn gekommen, dass ich mal als Sportschreiberin enden würde. Werde ich womöglich auch nicht.

Heute abend jedenfalls habe ich gebannt vor dieser sehr guten Reportage von Michael Wech und Hanns-Bruno Kammertöns gesessen, die die ARD dankenswerterweise auch für Auslandspublikum in ihrer Mediathek zeigt. Wie gesagt, ich war Becker gegenüber ganz unvoreingenommen, wenn auch nicht ganz an mir vorbeigegangen ist, dass ihn viele in Deutschland schlichtweg als erledigt betrachten. Und dann hat mich seine Geschichte doch sehr beeindruckt. Diese absolute Besessenheit, diese Selbstdisziplin, diese Kampfstärke. Der frühe Erfolg, das Reingeworfenwerden in die große Welt. Die manchmal grotesken Brüche in seiner Biografie, die Frauen, das Pokern, der Raubbau am eigenen Körper. Wirklich ein bemerkenswertes Epos. Und natürlich ist dieser Becker kein bisschen blöd, was ihn offenbar nicht davor gefeit hat, krachende Fehler zu begehen.

Trotzdem bleibt da etwas Beklemmendes: Ein Leben zu haben, was nicht ins Raster passt, das wird in Deutschland nicht gern gesehen. Man soll ein Superstar sein und gleichzeitig das Dasein eines Bankangestellten führen. Das ist das eine. Das andere sind die Bilder von einem früher so strahlend gut aussehenden und heute frühzeitig gealterten Mann, dessen Füße vom Tennis so kaputt sind, dass er kaum laufen kann.

Morgen, am 22. November wird Boris Becker 50. Da kann man ihm nur alles Gute wünschen.

 

Lakritz

Joachim Meyerhoff ist ein sehr guter Schauspieler und ein unwiderstehlicher Erzähler. Die ganz großen Fragen mit bewundernswerter Leichtigkeit, oder, um ein nicht zufällig aus der Mode gekommenes Wort zu verwenden, mit beeindruckendem Esprit. Ein Beispiel gibt er hier – glänzend improvisiert und Tränen treibend komisch. Über die Erotik von Lakritzschnecken und wieso er nie „Partnerschaft“ sagt. Allein mit letzterem hat er ja bei mir schon gewonnen. „Mein Partner“. Vielleicht beim Tennisdoppel.

Denk ich an Milan in der Nacht

Die italo-chinesische Operette um die AC Milan finde ich ja sehr faszinierend. Weswegen ich sie ja auch liebend gerne fortschreibe (heute in der SZ). Die Protagonisten sind einfach großartig: Der neue chinesische Besitzer, von dem man nur weiß, dass er eine Phosphatmine besitzt und jede Menge Schulden beim US-Haifischfonds Elliot – im Moment gehört Milan deshalb eigentlich den Amerikanern und nicht den Chinesen. Dann der kahlköpfige Geschäftsführer Fassone, der den kahlköpfigen Berlusconi-Vikar Galliani abgelöst hat und genauso wie sein Vorgänger mit allen Wassern gewaschen ist. Studierter Literaturwissenschaftler, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, und Manager bei den Nutella-Rührern Ferrero, bevor er in den Fußball eingestiegen ist. Last but not least der große Alte, Berlusconi himself. In entscheidenden Momenten, so wie jetzt in der Woche vor dem Derby, taucht er aus der Versenkung auf, vergießt ein paar Krokodilstränen über sein Lieblingsspielzeug (Schmerzensgeld 740 Millionen Euro Verkaufssumme) und macht alles nieder, was nach ihm kommt.

Sowas gibt’s ja alles nicht im biederen deutschen Vereinsfußball.

Euro-Hakeln

Seit 15 Jahren gibt es jetzt den Euro, eine ganze Generation ist mit der Einheitswährung aufgewachsen und kein Mensch kann sich mehr vorstellen, zu den alten Länderwährungen zurück zu kehren (vorgesehen ist das eh nicht). Europa hat im Moment eine Menge anderer Probleme als das liebe Geld. Wie man jene Menschen aufnimmt und integriert, die aus anderen Kontinenten zu uns kommen wollen. Wie man als kontinentaler Global Player neben Wirtschaftsriesen wie China und Indien besteht. Und wie man Trumps Little America entgegen tritt.

Trotzdem wird natürlich über den Euro nachgedacht und wie eh und je hakt es dabei zwischen Norden und Süden. Am Dienstag, während Juve in Barcelona 0:3 verlor und die Roma gegen Atletico Madrid ein torloses Remis ermauerte, gab es in der römischen Residenz der deutschen Botschafterin Susanne Wasum-Rainer eine Debatte zum Thema Zukunft des Euro. Angetreten waren Clemens Fuest, Direktor des IFO-Instituts in München und Luca Paolazzi, Direktor des Studienzentrums beim Unternehmerverband Confindustria. Ich habe die Diskussion moderiert.

botschaft2

Es war wie immer, wenn Deutsche und Italiener über Geld reden. Clemens Fuest zeigte anhand vieler Grafiken und Tabellen, dass die italienische Produktivität seit 1992 eingebrochen ist, die Jugendarbeitslosigkeit ebenso gestiegen wie die horrende Staatsverschuldung, während das Wachstum viel zu lange stagnierte. Nur das Privatvermögen der Italiener, das sei unverändert höher geblieben als das der Deutschen. Was eine Rolle spielen würde, falls Italien unter den Rettungsschirm schlüpfen müsse.

Nun, bislang hat Italien nicht nur kein Geld in Anspruch genommen, sondern fleißig an andere gezahlt. Dass die Italiener auf den ersten Blick „reicher“ sind als die Deutschen erklärt sich erstens daraus, dass hier 80 Prozent ihre eigene Wohnung haben und zweitens aus dem schwachen Staat: Wo das öffentliche Gesundheitssystem nicht funktioniert und die staatlichen Unis gut und gerne 4000 Euro Studiengebühren im Jahr kosten, wo es kein Kindergeld gibt und keine Arbeitslosenunterstützung (nur Kurzarbeitsgeld), da müssen Familien Rücklagen haben.

Das nur für den Hinterkopf. Aber es ist doch interessant, wie unweigerlich deutsche Ökonomen ihren italienischen Kollegen die Leviten lesen („unter Freunden“, wie Fuest beschwichtigte), auch beim Auswärtsspiel.

botschaft1

Luca Paolazzi vom italienischen Unternehmerverband ließ das elegant an sich abgleiten. Schließlich haben wir im Moment keine Euro-Krise, dafür lösen sich in Frankreich die Volksparteien auf und in Italien könnten sich zu den Wahlen im Frühling 2018 die Anti-Euro-Populisten verbünden. Und dann Arrivederci Reformen.

Aber in der 1. Reihe geriet ein älterer Herr in Rage. Es war Mario Monti,  der frühere EU-Kommissar und italienische Ministerpräsident. Monti wollte es nun wirklich nicht auf sich sitzen lassen, dass Italien zu den Euro-Sündern gezählt wird. Und den Vorschlag des deutschen Professors Fuest, hochverschuldete Staaten könnten künftig einen Teil ihres Schuldenbergs über hochverzinste (und hochriskante) nachgeordnete Staatsanleihen finanzieren, bügelte er glatt ab. Das seien „Papiere für die Selbstgeißelung“.

Kurzum, in der Villa Almone war mehr los als im Olympiastadion. Es gab sogar noch eine Verlängerung. Über das Resultat kann ich mich nicht verbreiten. Als Spielleiterin war ich nämlich nicht ganz unparteiisch.

Der Profi und die Obdachlosen

Nach Jahren bei Manchester United und Juventus Turin spielt Frankreichs Nationalverteidiger Patrice Evra bei Olympique Marseille. Wie er seinen trainingsfreien Tag verbringt, berichtet er auf Instagram: Evra kümmert sich um die Obdachlosen in seiner Stadt. Er bringt ihnen beispielsweise etwas zu essen. Er schüttelt ihnen respektvoll die Hand – einer trägt tatsächlich ein Bettel-Schild, auf dem steht: „Für Champagner, Kaviar und einen Ferrari.“ Französischer Galgenhumor.

Patrice Evra beklagt, dass seine kleine Tour leider nicht sehr zeitaufwendig sei, weil er auf den Straßen von Marseille in gerade mal einer halben Stunde 12 Menschen ohne Wohnung angetroffen habe. „Was hast du heute getan?“ fragt Evra dann seine Leser. „Hast du jemandem geholfen?“

Fragen, die man sich in der Tat täglich stellen sollte. Fragen eines Fußballers.