Gigi sagt Basta

Und sogar das Schweigemonument Andrea Pirlo meckert aus New York: Die Squadra Azzurra verkommt unter Trainer Gian Piero Ventura zu einem Hühnerhaufen, blamiert sich gegen Fußballzwerge und riskiert sogar die Teilnahme an der WM 2018. Warum Kapitän Buffon sich zum Interimscoach aufgeschwungen hat, steht in der SZ.

Advertisements

Von Turin nach Tiflis

Dauernd muss ich über die Juve schreiben – auch, weil angesichts des Sportgerichts-Urteils gegen Andrea Agnelli in Deutschland einiges durcheinandergebracht wird. Der Juve-Präsident ist aber nicht wegen Mafia-Kontakten für ein Jahr gesperrt worden, sondern wegen unerlaubten Tickethandels und Begünstigung einer „Ultras“-Gruppe. An ihm wird ein Exempel statuiert, weil genau diese Machenschaften im italienischen Fußball noch sehr verbreitet sind. Mäßig interessant für die deutschen Medien, die deshalb lieber auf den Mafia-Zug aufsteigen. Das klingt immer so schön gruselig und garantiert viele Klicks, auch wenn nachweislich nichts dran ist.

Aber schalten wir doch um zu den ganz Großen der Fußballbühne: An diesem Freitag, zwei Tage nach seinem 41. Geburtstag, spielt Francesco Totti wieder! In Tiflis, wo sein Ex-Kollege Kakhaber Kaladze (vormals Milan) Bürgermeister werden will. Tja. Berlusconis Spieler haben halt gelernt, wie weit man in der Politik mit Fußball kommen kann. Siehe George Weah, der in Liberia gleich für das Präsidentamt kandidiert hat. Das Match in Tiflis steigt offiziell zu Wohltätigkeitzwecken, das Geld fließt in die Wiederaufforstung eines Waldgebietes, das im Sommer abgebrannt ist. Nun, für letzteres könnte Totti durchaus auch zu Hause wieder den Ball treten, hier haben die Pyromanen ja riesige Wälder abgefackelt, in den Abruzzen sogar über Wochen. Aber Fußball für den Forst, das gibt’s noch nicht.

Brrrummm!

Deutschland wählt. Ich hab’s schon getan und hoffe jetzt inständig, dass die SPD nicht abstürzt und die AFD nicht allzu hoch fliegt. Das kann doch alles nicht wahr sein, Leute. Auf einmal outen sich alle schamlos als CDU-Wähler. Uschi Glas ist mir ja egal. Aber Jörg Thadeusz! Überhaupt war das Schulz-Bashing in den deutschen Leitmedien Atem beraubend. Meingott, früher hat man sich für seine Eltern geschämt, wenn die CDU wählten (meine nicht), heute gilt, leicht abgewandelt der alte Bernstein-Spruch: Die schärfsten Kritiker der Elche werden später selber welche. Deutschland, sattes Vaterland. Liebe Kollegen, die SPD will euch eure Villen im Tessin weg nehmen.

Deutschland wählt und Valentino Rossi fährt wieder. Der war schon Weltmeister, als Merkel noch nicht regierte. Und kann und will nicht abtreten, lieber humpelt er mit 38 auf Krücken zum Grand Prix.

Eine Radler-Tragödie

Es gibt Geschichten, die so gruselig sind, dass selbst die abgebrühtesten Journalisten am liebsten einen Bogen um sie machen würden. Eine solche Geschichte ereignet sich in Lucca, einer der vielen hoffnungslos idyllischen Kleinstädte in der Toskana, berühmt wegen ihrer intakten Renaissance-Wallmauern, sowie für das Übliche, nämlich wundervolle Plätze, feines Essen und süffigen Wein. Die Polizei von Lucca hat jetzt eine Razzia durchgeführt, wie man sie aus Mafia-Filmen kennt, hat im Morgengrauen ein Haus umstellt und, um die darin schlafende Familie nicht zu wecken und damit zu warnen, Polizisten durch das offene Fenster eines Kinderzimmers einsteigen lassen. Dort schlief ein junges Mädchen, Tochter des früheren Radprofis Raimondas Rumsas. Ihr großer Bruder, der ebenfalls Raimondas heißt und auch Rennradler von Beruf ist, wurde wach, als die Polizei sein Nachtschränkchen durchwühlte.

Die Familie Rumsas ist in Trauer. Am 2. Mai starb ihr Zweitgeborener Linas, sein letztes Rennen für ein kleines Amateurteam war er zwei Tage zuvor gefahren. Linas Rumsas wurde 21 Jahre alt. Die Ursache seines Todes ist bis heute nicht festgestellt, doch die Staatsanwaltschaft in Lucca hat einen Verdacht: Doping. Deshalb wurden die Wohnungen von Verantwortlichen und Fahrern des Teams Altopack Eppela durchsucht. Und das Haus seiner Eltern. Verbotene Medikamente wurden beschlagnahmt, Ermittlungsverfahren gegen fünf Personen eröffnet. Auch Linas‘ Vater Raimondas ist betroffen. Die italienische Justiz will herausfinden, ob und wie er für den Tod seines Sohnes verantwortlich ist.

Es ist eine Tragödie. Vielmehr: ein Krimi, der in einen tief traurigen Epilog münden könnte. Im Mittelpunkt eine Familie, die sich dem Radsport verschrieben hat und alles für den Erfolg tut. Aber auch wirklich alles. Vater Raimondas, 45, stammt aus einem winzigen Nest in Litauen, seine Eltern waren Bauern, er selbst hatte seinen ersten Vertrag bei einem polnischen Wurstfabrikanten. Vor 15 Jahren errang Rumsas seinen größten Erfolg, den dritten Platz bei der Tour de France. Allerdings wurde am Tag nach der letzten Etappe seine Frau Edita festgenommen, die Mutter von Linas. Französische Grenzpolizisten hatten in ihrem Auto erhebliche Mengen von Anabolika und Aufputschmitteln gefunden. Edita Rumsas saß danach mehrere Monate in Untersuchungshaft. 2006 wurden sie und ihr Mann wegen unerlaubter Einfuhr von Doping-tauglichen Medikamenten zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt. Vergeblich beteuerten sie, das Zeug sei für die kranke Oma bestimmt gewesen.

Raimondas Rumsas behielt seinen Podiumsplatz in den Annalen, man konnte ihm in Frankreich kein Doping nachweisen. Aber 2003 testeten ihn die Italiener beim Giro d’Italia auf Epo. Positiv. Rumsas wurde gesperrt, flog aus seinem Rennstall, verlor den Anschluss. In Lucca, wo er seit vielen Jahren mit der Familie wohnt, führte der Ex-Profi ein zurück gezogenes Leben, konzentriert auf die Radsport-Karriere seiner Kinder.

rumsaspadre

 

Dann starb Linas. Man muss davon ausgehen, dass die Polizei in Lucca schwer wiegende Gründe für ihren Verdacht hat. Dass die Razzia im Haus einer trauernden Familie nicht leichtfertig angeordnet wurde. Alles andere wäre skandalös.

Noch skandalöser allerdings wäre es, wenn Linas Rumsas sich wirklich zu Tode gedopt hätte. Nirgends, so raunt man in der Branche, werde so hemmungslos nachgeholfen wie in der Grauzone zwischen Amateuren und Profis. In der Provinz abseits der großen Rennen sind die Kontrollen ungeachtet der vorbildlichen italienischen Dopinggesetze unverändert lasch. Die Polizei hat besseres zu tun als jeden Dorfverein durchzufilzen. So wie die „Schwarzen Teufel“ von Altopack-Eppela.

Jetzt hat sie es getan. Es gab einen Toten. Und sein eigener Vater steht auf der Liste der Verdächtigen. Eine Geschichte, um die man am liebsten einen Bogen machen würde. Eine Geschichte, wie sie der Radsport schreibt.

Euro-Hakeln

Seit 15 Jahren gibt es jetzt den Euro, eine ganze Generation ist mit der Einheitswährung aufgewachsen und kein Mensch kann sich mehr vorstellen, zu den alten Länderwährungen zurück zu kehren (vorgesehen ist das eh nicht). Europa hat im Moment eine Menge anderer Probleme als das liebe Geld. Wie man jene Menschen aufnimmt und integriert, die aus anderen Kontinenten zu uns kommen wollen. Wie man als kontinentaler Global Player neben Wirtschaftsriesen wie China und Indien besteht. Und wie man Trumps Little America entgegen tritt.

Trotzdem wird natürlich über den Euro nachgedacht und wie eh und je hakt es dabei zwischen Norden und Süden. Am Dienstag, während Juve in Barcelona 0:3 verlor und die Roma gegen Atletico Madrid ein torloses Remis ermauerte, gab es in der römischen Residenz der deutschen Botschafterin Susanne Wasum-Rainer eine Debatte zum Thema Zukunft des Euro. Angetreten waren Clemens Fuest, Direktor des IFO-Instituts in München und Luca Paolazzi, Direktor des Studienzentrums beim Unternehmerverband Confindustria. Ich habe die Diskussion moderiert.

botschaft2

Es war wie immer, wenn Deutsche und Italiener über Geld reden. Clemens Fuest zeigte anhand vieler Grafiken und Tabellen, dass die italienische Produktivität seit 1992 eingebrochen ist, die Jugendarbeitslosigkeit ebenso gestiegen wie die horrende Staatsverschuldung, während das Wachstum viel zu lange stagnierte. Nur das Privatvermögen der Italiener, das sei unverändert höher geblieben als das der Deutschen. Was eine Rolle spielen würde, falls Italien unter den Rettungsschirm schlüpfen müsse.

Nun, bislang hat Italien nicht nur kein Geld in Anspruch genommen, sondern fleißig an andere gezahlt. Dass die Italiener auf den ersten Blick „reicher“ sind als die Deutschen erklärt sich erstens daraus, dass hier 80 Prozent ihre eigene Wohnung haben und zweitens aus dem schwachen Staat: Wo das öffentliche Gesundheitssystem nicht funktioniert und die staatlichen Unis gut und gerne 4000 Euro Studiengebühren im Jahr kosten, wo es kein Kindergeld gibt und keine Arbeitslosenunterstützung (nur Kurzarbeitsgeld), da müssen Familien Rücklagen haben.

Das nur für den Hinterkopf. Aber es ist doch interessant, wie unweigerlich deutsche Ökonomen ihren italienischen Kollegen die Leviten lesen („unter Freunden“, wie Fuest beschwichtigte), auch beim Auswärtsspiel.

botschaft1

Luca Paolazzi vom italienischen Unternehmerverband ließ das elegant an sich abgleiten. Schließlich haben wir im Moment keine Euro-Krise, dafür lösen sich in Frankreich die Volksparteien auf und in Italien könnten sich zu den Wahlen im Frühling 2018 die Anti-Euro-Populisten verbünden. Und dann Arrivederci Reformen.

Aber in der 1. Reihe geriet ein älterer Herr in Rage. Es war Mario Monti,  der frühere EU-Kommissar und italienische Ministerpräsident. Monti wollte es nun wirklich nicht auf sich sitzen lassen, dass Italien zu den Euro-Sündern gezählt wird. Und den Vorschlag des deutschen Professors Fuest, hochverschuldete Staaten könnten künftig einen Teil ihres Schuldenbergs über hochverzinste (und hochriskante) nachgeordnete Staatsanleihen finanzieren, bügelte er glatt ab. Das seien „Papiere für die Selbstgeißelung“.

Kurzum, in der Villa Almone war mehr los als im Olympiastadion. Es gab sogar noch eine Verlängerung. Über das Resultat kann ich mich nicht verbreiten. Als Spielleiterin war ich nämlich nicht ganz unparteiisch.

Der Profi und die Obdachlosen

Nach Jahren bei Manchester United und Juventus Turin spielt Frankreichs Nationalverteidiger Patrice Evra bei Olympique Marseille. Wie er seinen trainingsfreien Tag verbringt, berichtet er auf Instagram: Evra kümmert sich um die Obdachlosen in seiner Stadt. Er bringt ihnen beispielsweise etwas zu essen. Er schüttelt ihnen respektvoll die Hand – einer trägt tatsächlich ein Bettel-Schild, auf dem steht: „Für Champagner, Kaviar und einen Ferrari.“ Französischer Galgenhumor.

Patrice Evra beklagt, dass seine kleine Tour leider nicht sehr zeitaufwendig sei, weil er auf den Straßen von Marseille in gerade mal einer halben Stunde 12 Menschen ohne Wohnung angetroffen habe. „Was hast du heute getan?“ fragt Evra dann seine Leser. „Hast du jemandem geholfen?“

Fragen, die man sich in der Tat täglich stellen sollte. Fragen eines Fußballers.

Fragen der ZEIT

An diesem verregneten Sonntag bin ich über einen Absatz im ZEIT-Politikteil gestolpert, in einem Artikel über das Verhältnis zwischen Grünen und FDP auf Seite 2. Da steht:

„Wer sich fragt, woher die gelb-grünen Aversionen historisch kommen, wird sich mit dem Verhältnis zwischen dem grünen Außenminister Joschka Fischer und dem Oppositionsführer Westerwelle befassen müssen. Obwohl Fischer, Sohn einer Putzfrau, der eigentliche Aufsteiger war, gab er Westerwelle, dem Sohn eines Anwalts, das Gefühl, ein Emporkömmling zu sein, dem es an der notwendigen Ernsthaftigkeit fehle.“

Seither grübele ich über folgende Fragen:

Was muss man eigentlich leisten, um von der ZEIT nicht nach dem Beruf der Eltern beurteilt zu werden? Außenminister der Bundesrepublik Deutschland zu sein, reicht da ja offenbar nicht aus.

Wieso vergleicht Frau Lau Fischers Mutter mit Westerwelles Vater? Zumal ja auch die Mama des FDP-Manns Rechtsanwältin gewesen ist. Also entweder Sohn einer Putzfrau gegen Sohn einer Rechtsanwältin oder Sohn eines Metzgers gegen Sohn eines Rechtsanwalts.

Wobei das eigentliche Problem ja zu sein scheint, dass der Putzfrauensohn Fischer es gewagt hat, den Rechtsanwältinnen-Spross Westerwelle von oben herab zu behandeln. Als man dadurch etwas Besseres würde, dass man Außenminister ist! Nein, auf die Herkunft kommt es an. Die Arroganz des Putzfrauensohns, wird hier suggeriert, sei jedenfalls nicht angebracht.

In einem 2011 veröffentlichten Porträt derselben Autorin über die Grünen-Politikerin Renate Künast hieß es:

„Ein alter Kampfgefährte Künasts erklärt sich das Schroffe, Unnahbar-Misstrauische der Kandidatin als ein »Aufsteigerproblem«. »Wer in bürgerlichen Elternhäusern groß wird, weiß mit zwei Jahren ganz sicher, dass mal was aus ihm werden wird«, sagt der Parteifreund. »Renate wusste das nicht. Sie guckt sich immer über die Schulter: Wer will mir das Erreichte wieder wegnehmen? Aufsteiger können nie aufhören zu kämpfen.«

Bei Künasts zu Hause, erzählen Vertraute, gab es schon mal eine mit dem nassen Waschlappen, wenn man nicht so spurte. In ein Schullandheim bekam sie einmal ein Päckchen von ihren Eltern geschickt. Sie öffnete es mit Vorfreude – und fand einen vergessenen Pullover darin. Dazu ein Brief: »Du dummes Gör, hast wieder was liegen gelassen!“

Ist das so? Waren und sind der nasse Waschlappen, die krude Verachtung der eigenen Kinder tatsächlich ein Unterschichtsproblem? Und sind wirklich nur Aufsteiger unnahbar, misstrauisch oder schroff?

Nach fast 30 Jahren in Italien vergesse ich manchmal, wie stark und starr die Klassengesellschaft in Deutschland ist. Nicht, dass es hier anders wäre. Aber über eine Politikerin zu schreiben, sie habe als Kind einen nassen Lappen ins Gesicht bekommen oder die kleinbürgerliche Herkunft eines Ministers zu betonen – das wäre in einer seriösen Zeitung undenkbar.