Die Coop bist du

Aus dem alltäglichen deutschen Fleischporno ist ein Fleischhorror geworden, so weit sind diese beide Genres eigentlich nicht voneinander entfernt. Zu dem sauberen Herrn Tönnies und Konsorten ist schon alles gesagt und wer, wie ich, aus seiner Wurstekessel-Gegend kommt und mit Hausschlachtung bei Omma im Keller aufgewachsen ist (zum Glück haben unsere Eltern uns da rausgeholt, als ich sechs war), der wundert sich auch nicht darüber, dass westfälische LokalpolitikerInnen und StaatsanwältInnen groß im Wegschauen sind. Die LokalpressInnen sowieso.

Nur soviel: Es stimmt nicht, dass erst das Fressen kommt und dann die Moral. Weiß ich als Kind einer working-poor-Familie, die bei Aldi grundsätzlich nur die Grundnahrungsmittel kaufte. Gemüse und Eier kamen vom Gemüsebauern, das holten wir mit dem Rad an den Abenden vor den Markttagen ab. Brot kam vom Bäcker, Milch und Sahne kamen vom Milchwagen. Und Fleisch und Aufschnitt kamen vom Metzger, der damals wie heute noch eigene Schweine hat.  Meinen Eltern hat das Supermarktzeug schlicht nicht geschmeckt. Es wurde immer viel für’s Essen ausgegeben und wenig für den Rest. Insofern war Tönnies immer eine andere Welt, ganz abgesehen davon, dass zu seiner auch noch Schalke gehört.

Versione 2

Natürlich gibt es solche Feudalherren auch in Italien, aber die beuten eher LandarbeiterInnen aus, Großmetzger sind hier kleiner. Nicht von ungefähr wurde Slow Food in Italien erfunden, nicht ohne Grund ist Italien der größte Erzeuger von Bioprodukten. Die Leute haben nicht nur mehr Bewusstsein für das Essen, sie haben auch mehr Empathie für diejenigen, die es ihnen auf den Tisch bringen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Italien bis vor wenigen Jahrzehnten ein Agrarland war. Die allermeisten hier haben Eltern oder zumindest Großeltern, die selbst einen kleinen Olivenhain bewirtschafteten oder einen Gemüsegarten mit Hühnerstall.

Und dann gibt es die Coop. Seit Jahrzehnten sind wir Mitglieder. Die Coop war mal rot, das ist vorbei, sie war tief in Schmiergeldaffären verstrickt, das ist hoffentlich auch vorbei. Heute im Angebot: Bioprodukte, klar. Antimafia-Produkte ebenfalls. Und Antiausbeutungs-Protokolle in der Landwirtschaft und Fischindustrie. Kein Palmöl in allen Eigenprodukten. Plastik weitgehend abgeschafft. Preisblockade während der Corona-Krise. Die Coop gibt auch Kredite, gegen den Zinswucher. Tiertransporte eingeschränkt, Fleisch-Herkunft nachvollziehbar. Überhaupt ist die Herkunft aller Lebensmittel anzugeben – in Deutschland weiß man ja noch nicht mal, woher die Nüsse für den Kuchen kommen.

DSC_1034

Das sollte jetzt keine Schleichwerbung für die Coop sein, die mich nachweislich nicht bezahlt, es läuft umgekehrt. Nur der Hinweis, dass es halt immer an den KundInnen liegt. Also an uns. Immer. Ausgenommen sind diejenigen, die sich wirklich nicht leisten können, auf etwas anderes zu schauen als auf den Preis der Waren und ihrer eigenen Arbeit. Diese Menschen müsste man besonders schützen. Dass man sie stattdessen zynisch missachtet,  ist der eigentliche Skandal bei Tönnies.

Für alle, die Italienisch können, hier noch ein echter Leckerbissen: Anfang der 1990er Jahre hat Woody Allen Spots für die italienische Coop gedreht. Hier sieht man alle in einem Video. Eloquentes Kalbfleisch, Außerirdische und der Traum vom Schinkenbrot, die Erotik von Äpfeln und ein Brautpaar in der Gemüseabteilung. Es war die Erfindung des Slogans „Die Coop bist du.“

Es soll Menschen geben, die Woody Allen boykottieren, wegen der Anschuldigungen seiner Ex-Frau. Ich beschränke mich auf den Boykott der Schweineindustrie, das aber im Allgemeinen und Besonderen.

 

 

 

La Fontana

226,5 Kilo Verpackungsmüll verursacht jeder Mensch jährlich in Deutschland, auf private Verbraucher entfallen 107 Kilo. Einfach nur irre! Und wenn man dann liest, dass der Plastikmüll nur zur Hälfte recycelt wird, rauft man sich die Haare. In Italien sind es 70 Prozent, immer noch zu wenig, aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass es nicht an der Technologie liegt, wenn deutscher Müll keine Wiederverwertung findet. Man fragt sich, beispielsweise, wieso Plastiktüten erst jetzt verboten werden. In Italien gibt es schon seit 2011 keine mehr! Von wegen Klassenbeste im Umweltschutz. Wir Deutsche sind allerhöchstens Nummer eins im Fach Heuchelei und Verdrängung.

Dabei könnten wir zum Beispiel von den Italien lernen, dem Land, wo die Hochgeschwindigkeitszüge pünktlich fahren. In Rom kriegt man für Plastikflaschen an einigen Recyclingbehältern Bonuspunkte für die Öffentlichen. Also U-Bahn-Tickets für Plastikmüll. Resultat: In elf Wochen Projekt sind 750.000 Pet-Flaschen recycelt worden. Okay, das Pfandprinzip ist noch besser. Aber es müssen ja keine Flaschen sein… wie wäre es zum Beispiel mit Konservendosen?

Ebenfalls kopierwürdig: Der Trinkbrunnen, wie er mittlerweile in vielen italienischen Dörfern und auch in einigen (noch zu wenigen) römischen Stadtteilen steht.

brunnen

Ausgegeben wird aufbereitetes Trinkwasser mit und ohne Kohlensäure (ohne kann man es logischerweise auch einfach aus dem Kran nehmen). Anderthalb Liter kosten fünf Cent. Einen Flaschenkorb mit sechs 1,5-Liter-Glasflaschen kann man im Laden nebenan kaufen. Sicher, auch Kohlensäure für zu Hause ist mittlerweile zu haben. Aber sich am Brunnen zu treffen, wie in alten Zeiten, ist doch viel schöner.

 

 

Europas erstes Ghetto

Der Nazi-Terroranschlag in Deutschland ist ein sehr schmerzhafter Beweis für die Existenz dessen, was wir vielleicht zu lange und zu weit von uns weg geschoben haben: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem der Hass auf die Anderen kroch. Beileibe nicht nur im Osten. Trotz aller „Erinnerungsarbeit“ und „Vergangenheitsbewältigung.“ 30 Jahre nach dem Fall der Mauer dürfen wir nicht nachlassen im Kampf gegen Menschenverachtung und Faschismus. Nicht nachlassen und nicht nachgeben. Es darf kein Verständnis und kein Laissez-faire geben gegenüber rechten Gedanken, Verschwörungstheorien und Verleumdungen. In den letzten Jahren ist all‘ dem viel zu oft eine Plattform gewährt worden. Interviews mit rechtsradikalen „Intellektuellen“, mit der ultrarechten Buchhändlerin aus Dresden, Porträts über und Spaziergänge mit Leuten aus der Hundekrawatten-„Partei“.

Aus gegebenem, verstörend traurigem Anlass hier noch einmal ein paar Gedanken über das erste Ghetto in Europa. Vor 500 Jahren, in Venedig.

Auf die Nüsse

In unsere Gegend an der Schnittstelle von Toskana, Umbrien und Latium kommen alljährlich Millionen gut verdienende Touristen aus Europa und aus Nordamerika. Leute, die an Kultur interessiert sind und sich von intakten mittelalterlichen Städten, pittoresken Dörfern und einer von Olivenhainen und Weinbergen geprägten, uralten Kultur-Landschaft in berauschen und beruhigen lassen wollen: Italien, wie es im Prospekt steht.

Tatsächlich ist es gerade so, dass die Städte und Dörfer unangetastet auf ihren Hügel träumen, wie es sich gehört – außer, sie befinden sich in Erdbeben-Hochrisikogebieten. Die Landschaft aber verändert sich radikal. Weinberge, mehr noch Olivenhaine verwildern und verschwinden, weil es zu mühselig und zu teuer wird, sie instandzuhalten. Die Landflucht der jungen Italiener hält seit Jahrzehnten an, in der Kleinflächen-Landwirtschaft arbeiten fast nur noch die Alten. Und die Klimaveränderung macht auch den Großproduzenten zu schaffen. Wer kann sich in diesen Zeiten noch darauf verlassen, dass die nächste Olivenernte das Überleben des Betriebs sichert? Wir (Kleinbauern mit 50 tragenden Bäumen) ernten schon seit zwei Jahren nicht mehr. Im ersten Jahr war’s die Fliege, im zweiten eine grausame Frostwelle mit einer Woche bei minus zehn Grad. Einer unserer Freunde, Landgraf und Großbauer in den nahen Sabiner Bergen mit 1500 Bäumen, schafft sich gerade ein neues Lagersystem an, mit dem das Öl auch in zwei Jahren nicht ranzig werden soll. Um der nächsten Missernte vorzubeugen.

Andere satteln gleich ganz um. Auf Haselnüsse. Hier sieht man, wie das geht. Die letzten Olivenbäume wurden, übel zurecht gestutzt, vor den neuen Haselnuss-Wänden stehen gelassen, mehr tot als lebendig:

DSC_0123

Italien ist heute nach der Türkei die Nummer zwei der Haselnuss-Produzenten weltweit. Die Türken halten 70 Prozent, die Italiener 12 Prozent. Der Abstand ist also riesig, soll aber möglichst rasch verkleinert werden. Ferrero (Nutella etc.) will bis 2025 jährlich 20.000 Tonnen mehr Haselnüsse aus Italien beziehen – der Lebensmittelriese war zum Beispiel wegen Kinderarbeit auf den Haselnussplantagen der Türkei ins Gerede gekommen. Und was Erdogan als Nächstes einfällt, weiß man als italienischer Unternehmer ja auch nicht.

Das Herz der Haselnussproduktion schlägt in unserer Gegend, genauer: In der Provinz Viterbo. 45.000 Tonnen jährlich, Tendenz steigend. Überall sieht man, wie aus Olivenhainen im Handumdrehen (tatsächlich schaufeln die Bagger) Haselnusswälder werden. Hier zum Beispiel ist der einzige Olivenhain weit und breit unschwer als silbergrauer Fleck zu erkennen. Ringsherum stehen nur noch dunkelgrüne Haselnuss-Plantagen.

DSC_0111

 

Der Effekt ist verheerend, nicht nur für’s Auge. Denn der Haselnuss-Strauch ist im Unterschied zum Olivenbaum nicht immergrün. Sein dunkelgrünes Laub fällt im Herbst ohne Anstalten zu machen, sich wenigstens dekorativ zu färben. Die Haselnuss ist außerdem kein Baum, schon gar nicht ist sie knorrig. Sie wird nicht tausend Jahre alt wie der Olivenbaum. Es sind langweilige Sträucher im Standardformat, industriell angepflanzt.

DSC_0130

Gegenüber dem Olivenbaum ist der Haselnussstrauch ein Starkfresser. Er frisst Dünger und Wasser tonnenweise. Für die Dürre-resistenten Olivenbäume braucht man allerhöchsten ein bisschen Naturdünger (wir nehmen Eselmist), viele Bauern düngen überhaupt nicht. Zum Schutz vor Fäule genügt Kupfersulfat, das auch in der Bio-Landwirtschaft zugelassen ist. Die Haselnuss aber will Herbizide, Fungizide und Pestizide en masse. Damit kommt man auf 50 Doppelzentner pro Hektar, während die Bio-Landwirte höchstens 15 bis 20 Doppelzentner erwirtschaften. Bei den Oliven ist das Verhältnis fast 1:1.

Gegen den rasanten Raubbau an der Landschaft hat die Regisseurin Alice Rohrbacher vor ein paar Monaten empört bei den drei Regionalverwaltungen protestiert. Namentlich wehrt sie sich gegen die rapide fortschreitende Monokultur in ihrer Heimat zwischen Orvieto und dem Lago di Bolsena. „Felder und Haine, Hecken und Bäume verschwinden für ein Meer von Haselnuss-Sträuchern“, klagte Rohrwacher. Die Regionalpräsidenten aus Umbrien, Latium und der Toskana antworteten, man müsse zuerst die Bauern schützen und dann die Landschaft. Nachhaltigkeit ist hier überhaupt kein Thema für die Politik. Mit Nachhaltigkeit gewinnt man keine Wahlen. Deshalb lässt man zu, dass die Straßen durch eine der schönsten Gegenden Europas zunehmend so aussehen:

DSC_0126

Trotzdem stemmt sich jetzt wenigstens der Bürgermeister von Bolsena, wo jede Menge Deutsche Urlaub machen, gegen den weiteren Flächenfrass der Haselnuss. Er hat ein Anbauverbot erlassen.

Es ist ein Anfang.

 

Auf der Piazza

Heute  nachmittag, auf der Piazza Vittorio Emanuele II., mitten in Rom. Das Faschismus-Plakat stammt von der rechtsextremen „Casa Pound“, das Schild mit den italienischen Produkten von einem Straßenhändler aus Bangladesh, der seinen Stand mit Klamotten gleich darunter aufgebaut hat.

piazzavittorio