Der Outlaw

Man muss nach Italien schauen, um zu sehen, wie der neue Digitalfaschismus funktioniert und wie er die Institutionen der parlamentarischen Demokratie, die ja auch in Deutschland viele für überkommen halten, attackiert und untergräbt.

Vor ein paar Tagen hat Innenminister Matteo Salvini von sizilianischen Staatsanwälten einen Ermittlungsbescheid bekommen. Gesandt wurde dieser Bescheid, der vor allem dazu dient, den Verdächtigen über seine Rechte zu informieren, an das Innenministerium. Salvini öffnete ihn an seinem Schreibtisch. Das wäre nicht weiter ungewöhnlich gewesen – jedoch: Der Innenminister ließ sich bei der Öffnung des Briefes filmen und sendete diesen Film über seinen Facebook-Account ins Netz. Unter anderem erklärte er dazu, dass die Staatsanwälte, die gegen ihn ermitteln, nicht gewählt seien. Im Unterschied zu ihm. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. In westlichen Demokratien werden Richter und Staatsanwälte nicht vom Volk gewählt. Sie repräsentieren ja auch nicht den Volkswillen, sondern die Justiz. Sie sollen die Einhaltung jener Gesetze durchsetzen, die das Parlament erlässt.

Warum betonte also Salvini, dass jene Staatsangestellten, die gegen ihn ermitteln, nicht vom Volk gewählt seien? Nun, er will sie delegitimieren. Seine Anhänger haben keine Ahnung von diesem altmodischen Verfassungskram, sie scheren sich auch nicht darum. Entscheidend soll die Stimme des Volkes sein, und da übrigens auch nicht die Wählerstimmen. Viel zu langsam, diese Wahlen, längst schon wieder überholt. Bei den Wahlen am 4. März kam Salvinis Lega auf 17 Prozent. Laut Umfragen hat sie ihren Anhang seither verdoppelt und wäre also stärkste Partei. Also geriert sich Matteo Salvini jetzt so, als sei er der wichtigste Politiker Italiens. Der Chef. (Er selbst nennt sich Capitano). Als hätte er die Mehrheit hinter sich. Und dieser Bluff funktioniert perfekt. Alle behandeln ihn tatsächlich so, als sei er die Nummer 1. Die Bündnispartner von den Fünf Sternen. Die Opposition. Die Medien. Und das Internet sowieso.

Innerhalb von 24 Stunden sahen 1,3 Millionen Salvinis Facebook-Show. Sofort erklärten sich 120.000 Followers voll damit einverstanden. Sie likten ihn. Weitere 90.000 schrieben ganz überwiegend zustimmende Kommentare: Es handele sich um ein Komplott der Linken. Man werde Geld für ihn sammeln. Er solle sich bloß nicht unterkriegen lassen.

Salvini hat über drei Millionen Follower auf Facebook. Auf Twitter sind es 867.000. Dort schrieb er: „Ich riskiere bis zu 15 Jahren Haft, weil ich die Grenzen und die Italiener verteidigt habe? Ich bin stolz darauf, ich würde und werde das wieder tun. Ich habe euch gern, Freunde, danke für eure Zuneigung. #ichgebenichtauf.“ Gegen Salvini wird ermittelt, weil er 177 Menschen tagelang auf einem Schiff der italienischen Küchenwache festgehalten hat. Flüchtlinge, die meisten aus Eritrea, unter ihnen Minderjährige und Kranke. Menschen, die laut Salvini Italien bedrohten. Vor denen er die Italiener schützen musste.

Der italienische Innenminister, zuständig unter anderem für die Polizei, hat mit der Blockade nicht nur gegen internationale Verträge, sowieso gegen Menschenrechte, sondern auch gegen geltende Gesetze seines eignenen Landes verstoßen. Die Anweisungen gab er übrigens – über Twitter. Seine Subalternen führten sie aus. Und sein Digitalvolk jubelte dazu. Man muss dazu sagen, dass viele Italiener die Justiz auch deshalb für überflüssig halten, weil sie so schlecht funktioniert. Italiens Justiz ist derart langsam, dass es immer wieder Rügen vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hagelt. Wo Prozesse versanden, Anklagen verjähren und Kläger oft erst nach vielen Jahren Recht bekommen, da fühlen sich die Bürger nicht beschützt von ihrer Justiz. Ein Rechtsstaat, der zu langsam ist, funktioniert nicht mehr. Das ist einer der Gründe für den Zulauf der Rechten. Und er ist übrigens viel, viel schwerwiegender als der angebliche Mangel an Unterstützung der EU.

Stunden nach der Facebook-Show traf Salvini Steve Bannon und schloss sich dessen „Bewegung“ an. Dann trat er auf dem Forum auf, dass die Spitzen der italienischen Wirtschaft und Finanz alljährlich in Cernobbio abhalten. Man empfing ihn höflich, ließ ihn reden, applaudierte. Es gab keinen Protest. Kaum hatte er seine Rede beendet, twitterte Salvini schon wieder. Es gab neue Verhaftungen von kriminellen Immigranten zu bejubeln. Sein Account läuft über davon, damit seine Follower sehen: Dieser Mann macht Italien endlich sauber. Zwar arbeiten da eigentlich Polizisten auf Weisung nicht gewählter Staatsanwälte. Aber derlei Details interessieren nur Leute von gestern.

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Saufen gegen den Faschismus

Eine merkwürdige Idee, das alte, italienische Partisanenlied Bella Ciao mit dem Argument zum Spitzenreiter der Oktoberfest-Hitparade zu erklären, in diesen Zeiten gelte es anzusingen gegen den sich ausbreitenden Faschismus. Sicher meint der SZ-Kollege Stephan Handel es gut, wenn er das in seiner Kolumne vorschlägt. Und vermutlich schafft es der Remix sowieso in die Bierzelte, auch wenn die Leute gar nicht ahnen, was sie da grölen. Irgendwas mit schönen Frauen, oder? „Ist das nicht aus einer Serie?“ fragte gestern jemand in einer Whatsapp-Gruppe Münchner Studenten. Genau. Die Serie heißt Zweiter Weltkrieg und hatte traumhafte Einschaltquoten.

Die Frage ist: Müssen wir jetzt wirklich schon saufen gegen den Faschismus? Oder fällt uns unter Umständen auch noch was besseres ein?

Die paar Italiener, denen es bei der Vorstellung, dass deutsche Suffköpfe das alte Lied gegen den Vormarsch der (übrigens auch dauerbesoffenen Wehrmacht) in ihrem Land überhaupt noch gruselt – in München offenbar zu vernachlässigen. Dabei ist Bella Ciao in Italien immer noch ein politisches Lied. Hier kann man zum Beispiel Passagiere eines Flughafenbusses in Brindisi sehen, die es anstimmen, als Innenminister Matteo Salvini einsteigt. Und hier spielt eine Band das Lied, als Salvini einen Markt in Mailand erstürmt. Der reagiert sarkastisch. Im umbrischen Amelia gab es dieses Jahr Streit, weil die Forza-Italia-Bürgermeisterin verbot, bei der Feier am 25. April, dem Nationalfeiertag im Gedenken an die Befreiung vom Faschismus, Bella Ciao zu spielen. Mit dem Argument: kommunistisch.

Es gäbe da noch ein paar andere Bierzeltlieder aus Italien. Fischia il vento zum Beispiel, schmissig, schmissig. Oder Bandiera Rossa. Klappt auch noch nach drei Maß und nach der vierten glaubt man sogar dran.

Dass wir mit denen tatsächlich nochmal fertig werden.

Lazio und die Frauen

Letztes Wochenende bei Lazio-Napoli (1:2) im Olympiastadion. Eine mysteriöse „Direktive Diabolik Pluto“ verteilt Flugblätter, auf denen die Nordkurve als „heiliger Raum“ bezeichnet wird, in dem ein ungeschriebenes Gesetz gefälligst von allen respektiert werden müsse: „Die ersten Reihen über dem Spielfeld sind wie ein Schützengraben für uns.“ Da hätten „Frauen, Ehefrauen und Verlobte“ nichts zu suchen. „Wer das Stadion als Alternative zu einem romantischen Spaziergang durch den Park betrachtet, soll sich woanders hinsetzen.“ Auf die hinteren Plätze, ab Reihe 10.

Meine erste Reaktion war: wie lächerlich. Nicht mal mehr in ihrem „Schützengraben“ haben die starken Männer in der Curva Nord das letzte Wort! Selbst im „heiligen Raum“ quatschen ihnen die Frauen dazwischen und entlarven so das ganze Kampfgeheul und Mukkigepränge der „Ultras“-Führer als lächerliches Spektakel. Das Problem jener Rädelsführer, die früher tausende von Fans dirigierten: sie sind hoffnungslos von gestern. Anstatt ihnen zu folgen, macht das Fußvolk in der Kurve neuerdings was es will. Selfies für die Freundin etwa. Wo bleibt da die Konzentration im Kampf? Also Flugblätter gegen Frauen. Was für Jammerlappen.

Dann habe ich mal nachgeschaut, was „Diabolik“ und „Pluto“, die stadtbekannten Oberkrawallskis aus der Curva Nord, eigentlich jetzt so treiben. Die Jungs sind ja schon älter, um die Fünfzig, und könnten nach Jahrzehnten Radau im Stadion mal langsam in Rente gehen. Die „Ultras“ von Lazio sind nicht zuletzt dank dieser äußerst ungemütlichen Comicfiguren  D und P als Faschisten berüchtigt. Immer wieder musste der Klub Geldstrafen zahlen und Stadionsperren auch bei internationalen Begegnungen hinnehmen, weil der extremistische Anhang mit antisemitischen oder rassistischen Aktionen auffällig geworden war. Die „Ultras“-Führer haben zum Teil Vorstrafen wegen Körperverletzung, Drogendelikten und Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Über Jahre bedrohten sie auch Klubpräsident Claudio Lotito, weil der ihnen die Lizenz zum Handel mit Lazio-Artikeln entzogen hatte und den Klub nicht an den Clan der Casalesi (Camorra) abgeben wollte, als der stark „interessiert“ war und in mithilfe der „Ultras“ in dem früheren Spieleridol Giorgio Chinaglia sogar schon einen passenden Strohmann gefunden hatten.

Führer „Diabolik“, einer der Kurvenbosse hinter dem sexistischen Flugblatt, kam zuletzt 2013 wegen Drogenhandels ins Gefängnis. Die Antimafiaeinheit der italienischen Justiz konfiszierte damals bei ihm illegal erwirtschaftetes Vermögen im Wert von 2,3 Millionen Euro. „Pluto“ sitzt ebenfalls – wegen Handels mit Kokain, beide haben Verbindungen zum römischen Rechtsextremismus und zur Mafia-Organisation „Banda della Magliana“ sowie zur neapolitanischen Camorra. Ins Stadion dürfen „Diabolik“ und „Pluto“ schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Offenbar will die Kurve, die sie lange auch aus dem Gefängnis dirigierten, nicht mehr nach ihrer Pfeife tanzen. Geschweige denn ihre Ware kaufen. Deshalb jetzt das Flugblatt – gegen Frauen. Dabei geht es um die nur um Rande.  Eigentlich geht es, wie so oft, um  Macht und Kohle. Die neuen Faschos, die heute in Reihe 1 bis 10 turnen, kümmern sich einen Dreck um die alten Säcke, die früher dort den Ton angaben. Und sie nehmen ihre Mädchen gern mit, um sich an Ort und Stelle anhimmeln zu lassen. Die Militarisierung der Kurve ist von gestern. Aus dem Schützengraben wird eine Smartphone-Bühne.

Die Klubführung von Lazio hat sich von dem Pamphlet distanziert. Der Verein sei „gegen jede Form der Diskriminierung.“ Es handele sich um die Aktion einer Minderheit. Die Società Sportiva Lazio ist der größte Sportklub Europas, von Badminton und Bridge bis Skifahren vereint er unzählige Aktivitäten unter einem Dach. Die Frauenfußballmannschaft spielt aktuell in der Dritten Liga. Wappentier ist seit der Gründung Anno 1901 ein Adler, der vor jedem Heimspiel des Männer-Profifußball-Teams über dem Stadion kreist. Ganz selbstverständlich überfliegt Maskottchen „Olympia“ dabei auch die Nordkurve, natürlich inklusive der Reihen 1 bis 10.

Der Lazio-Adler „Olympia“ ist, wie der Name schon sagt: eine Frau.

 

Abgang mit Detonation

Mezut Özil hat lange gewartet mit seiner Reaktion. Zu lange, um nicht ernsthaft nachgedacht zu haben über seine eigene Rolle in der Affäre um das Erdogan-Foto und die nachfolgende Debatte. Zu lange vor allem, um derart ungefiltert derart viel Wut zu verbreiten. Keine Selbstreflexion. Keine Selbstkritik. Nur der Hinweis, er sei eben kein Politiker, sondern Fußballer. Als wenn der Umstand, Profikicker zu sein, einen erwachsenen Mann von Verantwortung und reflektierter Entscheidung befreien würde.

Özil ist nicht nur ein Fußballer. Er war Nationalspieler. Weltmeister. Und ein Symbol für die Integrationsfähigkeit der bundesdeutschen Gesellschaft. Als solches hätte er Erdogan nicht huldigen dürfen. Mit seinem furiosen Rücktritt aus der Nationalmannschaft hat er das Integrationssymbol Özil demontiert und gleichzeitig die Integrationsfähigkeit Deutschlands in Frage gestellt. Demontiert wird sie selbstverständlich nicht von ihm, sondern von anderen.

Bei aller Kritik an seiner Person – nicht Özil ist das Problem. Sondern der von ihm zu Recht beklagte Rassismus in der deutschen Gesellschaft. Und vor allem die zu Recht attackierte Unfähigkeit deutscher Fußballfunktionäre, den symbolischen und, jawohl, politischen Wert der Nationalmannschaft zu begreifen und zu würdigen, sowie ihren Spielern zu verdeutlichen, dass man von ihnen mehr verlangen muss, als sportliche Leistungen.

Nicht das Ausscheiden nach der Vorrunde ist die Stunde Null der Nationalmannschaft, sondern der Abgang ihres langjährigen Mittelfeldregisseurs. (Dazu hier auch der kluge Kommentar meines SZ-Kollegen Martin Schneider). Die Verlogenheit, die hierzulande im Umgang mit der wichtigsten Nationalelf herrscht, ist unfassbar. Özil hat ja recht, wenn er moniert, dass Lothar Matthäus sich ganz selbstverständlich mit Putin fotografieren lässt. Und nicht nur Matthäus, auch die ganze FIFA-Chefetage, die Putin umgarnte und nun bereit ist, Katar zuzujubeln. In einem Land, da ein ehemaliger Bundeskanzler für einen russischen Energiekonzern arbeitet, regen sich die Leute über einen Brausefabrikanten als Eigentümer des Erstligaklubs in Leipzig auf. Dabei ist Red Bull verglichen mit Gazprom (Schalke, Uefa-Champions League) ein Schrebergartenverein.

Özils Aufschrei gegen die Scheinheiligkeit des Fußballbetriebs ist richtig und wichtig. Leider fürchte ich, dass er schnell verhallen wird. Wohin der Hase in der Debatte laufen soll, hat ja heute morgen schon Uli Hoeneß angezeigt: „Hat einen Dreck gespielt. Froh, dass der Spuk vorbei ist.“ Der Spuk ist vorbei? Tja, auch da spricht der Richtige. Sich mit Erdogan fotografieren zu lassen, mit dem übrigens die Bundesrepublik einen tollen Deal fabriziert hat, um sich und der verehrten Wählerschaft Kriegsflüchtlinge vom Leib zu halten, ist jedenfalls nicht strafbar.

Bleibt die DFB-Führung, bei der man sich sowieso wundert, wieso die eigentlich noch im Amt ist. In anderen Ländern reicht eine Vorrundenpleite (Italien 2010). Hier aber kann einer der wenigen verbliebenen Weltstars den Rassismus der eigenen Chefetage beklagen und Türen knallend das Team verlassen, ohne das was passiert.

Man stelle sich dieses ganze Affentheater mal in Frankreich vor.

Nun, deswegen sind die ja auch Weltmeister.

Vollends unerträglich

Kaum war die WM in Russland beendet und der stumme Diener Infantino abserviert, traf sich Putin mit Trump. Von den Pussy Riots aus dem Finale hört man nichts mehr. Und als nächste Station erwarten uns die Weihnachtsspiele in Katar.

Mein Kollege Claudio Catuogno zieht ein bitteres Resümée des Turniers. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der Gipfel der Verlogenheit offenbar noch lange nicht erreicht ist. Sehr lesenswert!

„Der Fußball hat die Strahlkraft, Tausende Volunteers in die Selbstausbeutung zu treiben, nur um des Gefühls willen, Teil einer großen Sache zu sein. Aber was macht der Fußball aus dieser Strahlkraft? Nichts. Sag Ja zu Vielfalt, sag Nein zu Rassismus – das ist bloß die Soße, die er über seine Werbespots gießt, um den Betrieb mit gesellschaftlicher Bedeutung aufzuladen.“

CR7-Day

Einfach irre, was in Turin passiert, wo Cristiano Ronaldo seit den frühesten Morgenstunden von Tausenden Tifosi erwartet wird. Die Leute hängen bei brütender Hitze hinter Absperrgittern, nur um einen Blick auf das Idol zu erhaschen, als der Spieler sich zum Medizincheck begibt. Tatsächlich läuft Ronaldo dann ca. eine Minute an ihnen vorbei und gibt ein paar Autogramme, genauso angespannt und ernst wie immer. Manche Zeitungen, zum Beispiel der einstmals durchaus seriöse „Corriere della Sera“, hatten auf ihrer Onlineausgabe den ganzen Vormittag über einen Livestream laufen, um nur ja nicht Ronaldos halböffentlichen 100-Meter-Lauf vor dem Stadion zu verpassen!

Angekommen war er gestern, mit einem Privatjet, während des WM-Finales. Geniale Idee. Alle friedlich vorm Fernseher, in der Illusion, der Held käme wie angekündigt heute morgen um zehn Uhr. Offenbar hat die Turiner Polizei Juventus darauf aufmerksam gemacht, dass das ein Sicherheitsproblem werden könnte.

Das Verrückte ist, dass im Moment genau zwei Männer die öffentliche Bühne in Italien beherrschen: Der finstere Rechtsaußen Matteo Salvini und die Lichtgestalt CR7. Wobei deren Klientel durchaus gemischt ist. Während Salvini so tut, als könne er mit seinem brutalen Antiflüchtlings-Programm das Land auch nur um einen Deut sicherer und besser machen, soll Ronaldo dem Rest der Welt zeigen, wozu Italien sonst noch fähig ist. Zwei Seiten einer Medaille für das Wir-sind-wieder-wer.

Logischerweise war das von den Agnelli nicht beabsichtigt. Die können sich vor einem, der so hässlich, hasserfüllt und vulgär ist wie Salvini nur gruseln. Wir werden sehen, ob Ronaldo den Finsterling noch weiter verdunkelt, er überstrahlt ihn ja jetzt schon. Der Fußball ist auf jeden Fall die positive Seite des neuen italienischen Größenwahns. Aber was sagt das aus über eine Gesellschaft, dass sie auf einen 33-Jährigen Portugiesen derart viele Erwartungen projiziert?

Heute morgen übrigens Streik im Fiat-Werk Melfi. Fünf von 1.700 Schichtarbeitern haben die Arbeit niedergelegt – aus Protest dagegen, dass der neue Angestellte Ronaldo so viel verdient und sie selbst so wenig. Das seien genau 0,3 Prozent, hat der FCA-Konzernsprecher ausgerechnet. Das Medienecho der Aktion sei unendlich viel stärker gewesen als das, was sich in der Realität abgespielt habe.

Bem Vindos in der PFRI. Populistische Fußballrepublik Italien.

 

Bon alors

Man kann über dieses Finale wirklich nicht meckern, es war doch alles da: Ein Führungstreffer nach einem erschlichener Freistoß, ein VAR-Handelfmeter, aber auch noch jede Menge Tore aus dem Spiel heraus, ein Riesen-Torwartpatzer, Spannung, Dramatik, sowie tatsächlich die eine oder andere schöne Sache, l’art pour l’art, wie der Kroate sagt.

Davon abgesehen wird uns hoffentlich in Erinnerung bleiben, wie die Pussy Riots das Spielfeld stürmten (hoffentlich, weil es für die PR ziemlich schlecht wäre, wenn wir das schnell wieder vergäßen, sie haben nämlich mit der schon ab heute nacht sicherlich nicht sehr gastfreundlich aufgelegten russischen Justiz ohnehin schon ihre Probleme). Unvergesslich auch die Sache mit dem Regenschirm: Putin und sein Busenfreund Infantino werden eifertig beschirmt und beschützt, für Macron und die Freund und Feind niederherzende kroatische Präsidentin ist leider kein zweiter russischer Schirm aufzutreiben und sie werden pitschnass.

Die Welt zu Gast bei Freunden. Oder: Wie der von allen möglichen und unmöglichen Seiten als hervorragend bejubelte russische Organisation auf den allerletzten Zentimetern vor dem Ziel doch noch schlappmachte. Hauptsache, der Zar bleibt trocken, die Gäste sind wir eh bald los.

Was bei mir persönlich auch noch hängenbleibt: Die Frage nach dem Sinn von Live-Tickern auf den online-Seiten der Zeitungen. Ok, ist vermutlich eine Generationsfrage. Unsereins sieht halt fern, möglichst von Menschen umgeben, die während des Spiels nicht unnötig quatschen. Also eigentlich nur engste, allerengste Familie. Denn nichts ist schlimmer als fußballfernes Gequatsche während eines WM-Spiels. (Gilt, ehrlich gesagt, nicht nur für die WM).

Hat man was nicht gleich kapiert oder eine strittige Szene gesehen, ist so ein Live-Ticker aber auch ganz nützlich. Nein. Hier ist die Vergangenheit angebracht: In solchen Situationen war ein Live-Ticker mal sehr nützlich. Heute bieten diese Ticker nämlich flächendeckend fußballfernes Gequatsche, bei dem der Tickerer sich vornehmlich selbst darstellt. Ich und Paul Pogba. Ich und Luka Modric. Die Jungs da spielen zwar Fußball um den Weltpokal aber so richtig lustig ist es nur hier bei mir.

Der eine arbeitet sich während des WM-Finals am ZDF-Kommentator Bela Rethy ab – also wirklich der einsame Gequatsche-Gipfel: Ich bespreche nicht das Spiel selbst, sondern denjenigen, der im Fernsehen das Spiel bespricht. Der andere blendet gern die Simpsons ein. Das scheint mir alles eine ziemliche deutsche Spezialität des calcio parlato zu sein.

Wie gesagt: Vermutlich bin ich einfach eine hoffnungslose old-fashioned Lady und Fußball-modetechnisch einfach nicht auf dem neuesten Stand. Deshalb blieb mir heute zum Nachgucken nur der namenlose, angenehm knochentrockene Tickerer der FAZ.