Vollends unerträglich

Kaum war die WM in Russland beendet und der stumme Diener Infantino abserviert, traf sich Putin mit Trump. Von den Pussy Riots aus dem Finale hört man nichts mehr. Und als nächste Station erwarten uns die Weihnachtsspiele in Katar.

Mein Kollege Claudio Catuogno zieht ein bitteres Resümée des Turniers. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass der Gipfel der Verlogenheit offenbar noch lange nicht erreicht ist. Sehr lesenswert!

„Der Fußball hat die Strahlkraft, Tausende Volunteers in die Selbstausbeutung zu treiben, nur um des Gefühls willen, Teil einer großen Sache zu sein. Aber was macht der Fußball aus dieser Strahlkraft? Nichts. Sag Ja zu Vielfalt, sag Nein zu Rassismus – das ist bloß die Soße, die er über seine Werbespots gießt, um den Betrieb mit gesellschaftlicher Bedeutung aufzuladen.“

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CR7-Day

Einfach irre, was in Turin passiert, wo Cristiano Ronaldo seit den frühesten Morgenstunden von Tausenden Tifosi erwartet wird. Die Leute hängen bei brütender Hitze hinter Absperrgittern, nur um einen Blick auf das Idol zu erhaschen, als der Spieler sich zum Medizincheck begibt. Tatsächlich läuft Ronaldo dann ca. eine Minute an ihnen vorbei und gibt ein paar Autogramme, genauso angespannt und ernst wie immer. Manche Zeitungen, zum Beispiel der einstmals durchaus seriöse „Corriere della Sera“, hatten auf ihrer Onlineausgabe den ganzen Vormittag über einen Livestream laufen, um nur ja nicht Ronaldos halböffentlichen 100-Meter-Lauf vor dem Stadion zu verpassen!

Angekommen war er gestern, mit einem Privatjet, während des WM-Finales. Geniale Idee. Alle friedlich vorm Fernseher, in der Illusion, der Held käme wie angekündigt heute morgen um zehn Uhr. Offenbar hat die Turiner Polizei Juventus darauf aufmerksam gemacht, dass das ein Sicherheitsproblem werden könnte.

Das Verrückte ist, dass im Moment genau zwei Männer die öffentliche Bühne in Italien beherrschen: Der finstere Rechtsaußen Matteo Salvini und die Lichtgestalt CR7. Wobei deren Klientel durchaus gemischt ist. Während Salvini so tut, als könne er mit seinem brutalen Antiflüchtlings-Programm das Land auch nur um einen Deut sicherer und besser machen, soll Ronaldo dem Rest der Welt zeigen, wozu Italien sonst noch fähig ist. Zwei Seiten einer Medaille für das Wir-sind-wieder-wer.

Logischerweise war das von den Agnelli nicht beabsichtigt. Die können sich vor einem, der so hässlich, hasserfüllt und vulgär ist wie Salvini nur gruseln. Wir werden sehen, ob Ronaldo den Finsterling noch weiter verdunkelt, er überstrahlt ihn ja jetzt schon. Der Fußball ist auf jeden Fall die positive Seite des neuen italienischen Größenwahns. Aber was sagt das aus über eine Gesellschaft, dass sie auf einen 33-Jährigen Portugiesen derart viele Erwartungen projiziert?

Heute morgen übrigens Streik im Fiat-Werk Melfi. Fünf von 1.700 Schichtarbeitern haben die Arbeit niedergelegt – aus Protest dagegen, dass der neue Angestellte Ronaldo so viel verdient und sie selbst so wenig. Das seien genau 0,3 Prozent, hat der FCA-Konzernsprecher ausgerechnet. Das Medienecho der Aktion sei unendlich viel stärker gewesen als das, was sich in der Realität abgespielt habe.

Bem Vindos in der PFRI. Populistische Fußballrepublik Italien.

 

Bon alors

Man kann über dieses Finale wirklich nicht meckern, es war doch alles da: Ein Führungstreffer nach einem erschlichener Freistoß, ein VAR-Handelfmeter, aber auch noch jede Menge Tore aus dem Spiel heraus, ein Riesen-Torwartpatzer, Spannung, Dramatik, sowie tatsächlich die eine oder andere schöne Sache, l’art pour l’art, wie der Kroate sagt.

Davon abgesehen wird uns hoffentlich in Erinnerung bleiben, wie die Pussy Riots das Spielfeld stürmten (hoffentlich, weil es für die PR ziemlich schlecht wäre, wenn wir das schnell wieder vergäßen, sie haben nämlich mit der schon ab heute nacht sicherlich nicht sehr gastfreundlich aufgelegten russischen Justiz ohnehin schon ihre Probleme). Unvergesslich auch die Sache mit dem Regenschirm: Putin und sein Busenfreund Infantino werden eifertig beschirmt und beschützt, für Macron und die Freund und Feind niederherzende kroatische Präsidentin ist leider kein zweiter russischer Schirm aufzutreiben und sie werden pitschnass.

Die Welt zu Gast bei Freunden. Oder: Wie der von allen möglichen und unmöglichen Seiten als hervorragend bejubelte russische Organisation auf den allerletzten Zentimetern vor dem Ziel doch noch schlappmachte. Hauptsache, der Zar bleibt trocken, die Gäste sind wir eh bald los.

Was bei mir persönlich auch noch hängenbleibt: Die Frage nach dem Sinn von Live-Tickern auf den online-Seiten der Zeitungen. Ok, ist vermutlich eine Generationsfrage. Unsereins sieht halt fern, möglichst von Menschen umgeben, die während des Spiels nicht unnötig quatschen. Also eigentlich nur engste, allerengste Familie. Denn nichts ist schlimmer als fußballfernes Gequatsche während eines WM-Spiels. (Gilt, ehrlich gesagt, nicht nur für die WM).

Hat man was nicht gleich kapiert oder eine strittige Szene gesehen, ist so ein Live-Ticker aber auch ganz nützlich. Nein. Hier ist die Vergangenheit angebracht: In solchen Situationen war ein Live-Ticker mal sehr nützlich. Heute bieten diese Ticker nämlich flächendeckend fußballfernes Gequatsche, bei dem der Tickerer sich vornehmlich selbst darstellt. Ich und Paul Pogba. Ich und Luka Modric. Die Jungs da spielen zwar Fußball um den Weltpokal aber so richtig lustig ist es nur hier bei mir.

Der eine arbeitet sich während des WM-Finals am ZDF-Kommentator Bela Rethy ab – also wirklich der einsame Gequatsche-Gipfel: Ich bespreche nicht das Spiel selbst, sondern denjenigen, der im Fernsehen das Spiel bespricht. Der andere blendet gern die Simpsons ein. Das scheint mir alles eine ziemliche deutsche Spezialität des calcio parlato zu sein.

Wie gesagt: Vermutlich bin ich einfach eine hoffnungslose old-fashioned Lady und Fußball-modetechnisch einfach nicht auf dem neuesten Stand. Deshalb blieb mir heute zum Nachgucken nur der namenlose, angenehm knochentrockene Tickerer der FAZ.

Zweierlei Maß

Gebannt verfolgt die westliche Welt die Rettung der Jungen aus einer Höhle in Thailand, hat Mitleid mit den armen Eingeschlossenen und ihren Eltern. Genau dieses Mitleid lässt der Westen gegenüber Bootsflüchtlingen vermissen – ein Zivilisationsverlust, wie Matthias Dobrinski in der Süddeutschen schreibt. Der Begriff ist viel zu elegant. Es ist die Abkehr von Menschlichkeit, von der Pflicht zur Humanität, die sich gerade ausbreitet wie ein Virus. Und zwar überall. Wer kennt denn nicht die Diskussionen mit Bekannten, die man bislang zwar für ein wenig konservativ gehalten hat, die einen jetzt aber in abgrundtiefe Verlegenheit bringen mit ihrem Gehetze gegen „Wirtschaftsflüchtlinge“ (wer hat dieses Unwort noch gleich erfunden?).

Leute, die in privilegierten Welt-Gegenden leben, weil ihnen ihre privilegierten Berufe (oder die ihrer Ehepartner) das ermöglichen. Leute, die das Flüchtlingselend aus sicherer Entfernung im Fernsehen oder im Internet verfolgen, und doch fühlen sie sich aus dieser Distanz belästigt, ja bedroht. Auch die Deutschland lassen sie die Maske fallen, spätestens nach der letzten Regierungskrise wissen wir, wohin die Richtung führt. Der Konsens gegen die Schwächsten und Hilfsbedürftigsten wächst stetig, und es ist reine Augenwischerei zu glauben, dass er unter den ohnehin Abgehängten und Ausgegrenzten wuchert. Das Wort „Transitzentrum“ ist nicht von Hartz-IV-Empfängern geprägt worden, und es ist frappierend, wie selbstverständlich auch der angeblich liberale Mittelstand davon faselt, Deutschland müsse seine Grenzen schützen.

In Italien wird von Regierungsmitgliedern schlimmere Hetze betrieben, allen voran von dem rechtsextremen Innenminister und Führer der Lega (Nord). Der Mann regiert über Twitter wie Donald Trump. Seine Mission: Italien von Flüchtlingen befreien. Weiß man alles, wird aber täglich schlimmer. Heute keilt er gegen den Leiter der Staatsanwaltschaft in Turin: „Vielleicht meint der Oberstaatsanwalt, dass Italien ganz Afrika aufnehmen könnte? Eine bizarre Idee.“ Tatsächlich hat Oberstaatsanwalt Spataro erstens konstatiert, dass in seiner Stadt die ausländerfeindlichen und rassistischen Übergriffe zunehmen und zweitens Strafsicherheit für solche Übergriffe gefordert. Was bitte ist daran bizarr? Bei Tötung von Einbrechern aus Notwehr fordert die Lega vehement den Verzicht auf jede polizeiliche Untersuchung. Zu Hause soll frei geschossen werden dürfen. Das ist bizarr.

Zweierlei Maß für „Volksempfinden“ und Rechtsstaat. Das ist nicht nur bizarr. Sondern bedrohlich. Erst wird ein Klima geschafften, das die Übergriffe gegen Ausländer befeuert. Und dann erklärt man die Garanten von Recht und Gesetz zu Staatsfeinden.

 

Woche V

Die italienische Rechtsregierung ist nun seit fast einem Monat im Amt – mit Folgen.

  1. Die Szene beherrscht täglich mehr Innenminister  Salvini. Ihn als Mini-Trump zu bezeichnen, greift etwas zu kurz, denn Salvini ist kein Milliardär. Mit Trump hat allerdings einige extrem unangenehme Eigenschaften gemeinsam. Etwa die, Politik über die asozialen Netzwerke zu machen, ja, ausschließlich über sie zu kommunizieren. Also Emotionen zu befeuern. Anders als Trump hat Salvini eine eigene, sehr zynische Propapandasprache erfunden. Flüchtlinge machen in seiner Realität Kreuzfahrten, die Zeit des Dolce Vita ist vorbei, seitdem er das Sagen hat, etc. Genau wie Trump ist Salvini ein Nihilist. Er hat nicht nur kein Gesellschaftsprojekt, er hat überhaupt kein Projekt jenseits des eigenen Machterhalts. Er wütet täglich gegen neue Feinde – Flüchtlinge, Deutschland und Frankreich, überhaupt Europa, italienische Intellektuelle, Roberto Saviano, Sinti und Roma – weil er Freunde gar nicht gebrauchen kann. Populisten wie Salvini benötigen nur Feinde. Das dämmert inzwischen auch seinen Verbündeten, den Fünf Sternen. Übrigens tut Salvini nichts von dem, was eigentlich sein Job wäre. Er garantiert den Bürgern keine Sicherheit, denn er stärkt nicht die Polizei, sondern nur ihre Ängste. Die Mafia in Süditalien zu bekämpfen, schert ihn nicht die Bohne. Statt sich um sein Ressort zu kümmern, trompetet er gegen Impfungen und dafür, polizeiliche Ermittlungen im Falle der Notwehr ganz auszuschließen. Salvini will Italien noch weiter spalten, weil er sich dadurch noch mehr Macht erhofft. Nichts an diesem Mann ist positiv, alles ist gefährlich. Das Problem: Die Zustimmung für ihn wächst. In Italien, wie in allen europäischen Gesellschaften, breitet sich der asoziale Gedanke, dass jeder nur sich selbst der Nächste ist, ungebremst aus.

 

2. Premierminister Giuseppe Conte nennt sich selbst zwar großspurig „Anwalt der Italiener“, ist aber tatsächlich nichts weiter als ein Symbol der Hilflosigkeit von Institutionen, die im Zeitalter des Populismus (oder sollen wir lieber gleich vom Digital-Faschismus reden?) obsolet erscheinen. Conte hat nichts zu sagen, er ist nur der Erfüllungsgehilfe seiner beiden Stellvertreter Salvini und Di Maio (Arbeitsminister 5 Sterne), ein Feigenblatt, nur deshalb im Amt, weil man halt einen Premier braucht. Einen, der den Kopf hinhält bei EU-Gipfeln. Einen, der sich von den anderen abwatschen lässt, die das Spiel dieses merkwürdigen italienischen Triumvirats natürlich nicht mitmachen, wieso sollten sie auch. Conte hat bei diesem Dreigestirn die Rolle des Saubermanns. Beruhigend bürgerlich, intellektuell vollkommen harmlos, politisch absolut unerfahren. Zur innenpolitischen Belangen hat er sich in fünf Wochen nicht ein einziges Mal vernehmen lassen. Seine Aufgabe ist die des Frühstücksdirektors in Europa. Wo Italien zunehmend isoliert da steht. Denn während Conte den Kollegen artig seine Aufwartung macht, twittern Salvini und Di Maio hinter seinem Rücken gegen Macron und Merkel, was das Zeug hält.

3. Die Fünf Sterne sind Hexenlehrlinge, die ihre wildgewordenen Besen nicht mehr einfangen können. Der ganze Quatsch, den sie im Wahlkampf verkündet haben, vom „Bürgereinkommen“ über die Abschaffung der Impfpflicht bis zur Nicht-Existenz jenes Bakteriums, das in Süditalien die Olivenbäume zerstört, wird ihnen jetzt um die Ohren gehauen. Von ihren großspurigen Ankündigungen können sie so gut wie nichts verwirklichen, weil entweder das Geld fehlt oder sie sich schlicht an Regeln halten müssen, die außer Kraft zu setzen ihnen dann doch die Chuzpe fehlt. Ihr größtes Problem ist die Opposition in der eigenen Regierung. Denn Innenminister Salvini führt sich auf wie ein Oppositionsführer, täglich gewinnt er den Wettbewerb, wer die größte Nummer raushaut. Und das ist schlecht für Leute, die ja eigentlich selbst mit Radikalopposition groß und stark geworden sind, jetzt aber irgendwie ein G7-Land regieren müssen. Und da geht es um Krankenhäuser, Straßen und Schulen, da geht es um Arbeitsplätze in der Stahlindustrie, um den Brain Drain bei den Wissenschaftlern, um die Machenschaften der Mafia und um den Militärhaushalt. Hilfe!

4. Die Linke….Moment: Wo ist eigentlich die Linke? Eben. Der PD scheint sich in Nichts aufgelöst zu haben. Der Widerstand gegen den Dux Salvini tendiert gegen Null, auch, weil die Partei drei Monate nach den Wahlen noch immer keine neue Führungsetage hat. Inzwischen sind auch die Kommunalwahlen weitestgehend verloren, selbst in den traditionell roten Hochburgen der Toskana und der Emilia Romagna. So geht das nicht, Genossen! Der einzige Oppositionsführer, der es mit Salvini aufnehmen kann und will ist im Moment Roberto Saviano. Denn was sind schon diese Pappnasen in der Regierung gegen die Bosse der Casalesi?

 

Wen der Staat schützt

Roberto Saviano habe ich 2011 näher kennengelernt, als wir einmal über mehrere Monate gemeinsam eine Artikel-Serie für die ZEIT schrieben. Ich erinnere mich noch gut an die absolute Klaustrophobie, die mich überkam, wenn wir uns in irgendwelchen Wohnungen in Rom trafen. Roberto wurde in einem Polizeiwagen gebracht, seine Leibwache sicherte das Gebäude und stand dann, während wir drinnen arbeiteten, vor der Tür. In dieser Zeit erzählte er mir von seinem Leben: Kein Zuhause, keine Zeit allein, keine Freiheit. Ein Leben wie im Gefängnis, der Preis für seinen literarischen Welterfolg „Gomorrha.“

Bis heute muss Roberto Saviano so leben. Wie übrigens andere Journalisten auch – ich erinnere auch sehr gut ein Abendessen am Tiber unter der Engelsburg mit einer Kollegin, deren Leibwache die ganze Zeit um den Tisch stand. Der italienische Staat muss seine Journalisten und Literaten schützen, weil er es nicht schafft, der Mafia beizukommen. Denn darum geht es: Saviano wird nicht von Islamisten verfolgt, sondern von der neapolitanischen Camorra.

Jetzt will Innenminister Salvini ihm die Leibwache nicht länger zahlen, weil Saviano in Opposition zur Rechtsregierung ist. Mit anderen Worten: Ein Innenminister der Republik Italien droht einem Schriftsteller, ihn nicht länger gegen die Mafia zu schützen, nur weil er politisch anderer Meinung ist. Auch die Fünf Sterne versuchen seit Jahren, Saviano zu diskreditieren.

Man möchte kotzen. Aber das einzige, was hilft ist: kämpfen.