Die Coop bist du

Aus dem alltäglichen deutschen Fleischporno ist ein Fleischhorror geworden, so weit sind diese beide Genres eigentlich nicht voneinander entfernt. Zu dem sauberen Herrn Tönnies und Konsorten ist schon alles gesagt und wer, wie ich, aus seiner Wurstekessel-Gegend kommt und mit Hausschlachtung bei Omma im Keller aufgewachsen ist (zum Glück haben unsere Eltern uns da rausgeholt, als ich sechs war), der wundert sich auch nicht darüber, dass westfälische LokalpolitikerInnen und StaatsanwältInnen groß im Wegschauen sind. Die LokalpressInnen sowieso.

Nur soviel: Es stimmt nicht, dass erst das Fressen kommt und dann die Moral. Weiß ich als Kind einer working-poor-Familie, die bei Aldi grundsätzlich nur die Grundnahrungsmittel kaufte. Gemüse und Eier kamen vom Gemüsebauern, das holten wir mit dem Rad an den Abenden vor den Markttagen ab. Brot kam vom Bäcker, Milch und Sahne kamen vom Milchwagen. Und Fleisch und Aufschnitt kamen vom Metzger, der damals wie heute noch eigene Schweine hat.  Meinen Eltern hat das Supermarktzeug schlicht nicht geschmeckt. Es wurde immer viel für’s Essen ausgegeben und wenig für den Rest. Insofern war Tönnies immer eine andere Welt, ganz abgesehen davon, dass zu seiner auch noch Schalke gehört.

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Natürlich gibt es solche Feudalherren auch in Italien, aber die beuten eher LandarbeiterInnen aus, Großmetzger sind hier kleiner. Nicht von ungefähr wurde Slow Food in Italien erfunden, nicht ohne Grund ist Italien der größte Erzeuger von Bioprodukten. Die Leute haben nicht nur mehr Bewusstsein für das Essen, sie haben auch mehr Empathie für diejenigen, die es ihnen auf den Tisch bringen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Italien bis vor wenigen Jahrzehnten ein Agrarland war. Die allermeisten hier haben Eltern oder zumindest Großeltern, die selbst einen kleinen Olivenhain bewirtschafteten oder einen Gemüsegarten mit Hühnerstall.

Und dann gibt es die Coop. Seit Jahrzehnten sind wir Mitglieder. Die Coop war mal rot, das ist vorbei, sie war tief in Schmiergeldaffären verstrickt, das ist hoffentlich auch vorbei. Heute im Angebot: Bioprodukte, klar. Antimafia-Produkte ebenfalls. Und Antiausbeutungs-Protokolle in der Landwirtschaft und Fischindustrie. Kein Palmöl in allen Eigenprodukten. Plastik weitgehend abgeschafft. Preisblockade während der Corona-Krise. Die Coop gibt auch Kredite, gegen den Zinswucher. Tiertransporte eingeschränkt, Fleisch-Herkunft nachvollziehbar. Überhaupt ist die Herkunft aller Lebensmittel anzugeben – in Deutschland weiß man ja noch nicht mal, woher die Nüsse für den Kuchen kommen.

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Das sollte jetzt keine Schleichwerbung für die Coop sein, die mich nachweislich nicht bezahlt, es läuft umgekehrt. Nur der Hinweis, dass es halt immer an den KundInnen liegt. Also an uns. Immer. Ausgenommen sind diejenigen, die sich wirklich nicht leisten können, auf etwas anderes zu schauen als auf den Preis der Waren und ihrer eigenen Arbeit. Diese Menschen müsste man besonders schützen. Dass man sie stattdessen zynisch missachtet,  ist der eigentliche Skandal bei Tönnies.

Für alle, die Italienisch können, hier noch ein echter Leckerbissen: Anfang der 1990er Jahre hat Woody Allen Spots für die italienische Coop gedreht. Hier sieht man alle in einem Video. Eloquentes Kalbfleisch, Außerirdische und der Traum vom Schinkenbrot, die Erotik von Äpfeln und ein Brautpaar in der Gemüseabteilung. Es war die Erfindung des Slogans „Die Coop bist du.“

Es soll Menschen geben, die Woody Allen boykottieren, wegen der Anschuldigungen seiner Ex-Frau. Ich beschränke mich auf den Boykott der Schweineindustrie, das aber im Allgemeinen und Besonderen.

 

 

 

Jedermann

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Italien eine Partei gegründet, die sich „Fronte dell’Uomo Qualunque“ nannte, wörtlich: Front des Jedermanns. Mit dem Jedermann war der im deutschen Sprachraum so beliebte „Kleine Mann“ gemeint, also jener Kleinbürger, der sich durch eine tiefe Skepsis dem Staat gegenüber auszeichnet, vor allem dann, wenn dieser Staat demokratisch organisiert ist.

Bei den Wahlen 1946 gelang der Jedermann-Front der Sprung ins Parlament und damit sogar in die verfassungsgebende Versammlung. Zwei Jahre später war die Partei schon wieder weg vom Fenster. Der Qualunquismo aber, jene typisch italienische Demokratieverdrossenheit, blieb. Eine Comicfigur und eine ganze Reihe von satirischen „Jedermännern“ sind nach ihm benannt, zuletzt eine höchst erfolgreiche Kino-Trilogie um einen kleinbürgerlichen Antihelden namens Cetto La Qualunque ( in Deutschland, wo das unsäglich „F you Goethe“ die Säle füllt, sollte man darüber besser nicht lächeln).

Die italienische Politik wimmelt von Qualunquisti. Berlusconi war der reichste Jedermann, Bossi der vulgärste, Salvini ist der aggressivste, Grillo der abgezockteste. Die Jedermann-Parteien verfügen seit Jahrzehnten über solide Mehrheiten im Parlament – mit kurzen Unterbrechungen, in denen das Land wieder ein bisschen auf Vordermann gebracht wird, was den Leuten den Vorwand liefert, den nächsten Jedermann zu wählen. Oftmals befinden sich die Jedermänner indes sowohl in der Regierung als auch in der Opposition. So auch jetzt. Obwohl: So schlimm wie jetzt war es wirklich noch nie.

Nehmen wir Giuseppe Conte. Er wurde Ministerpräsident, weil er A) mit Messer und Gabel essen kann, B) das auch auf Englisch hinkriegt und C) garantierte, sich nicht in die große Politik der beiden Big Jedermänner Salvini und Grillo einzumischen. Letzteres hat sich inzwischen erledigt, weil Salvini in der Opposition ist und Grillo eigentlich auch, nur nicht so öffentlich.

Im Gegensatz zu diesen beiden richtet Conte keinen Schaden an, indem er Minderheiten verfolgt und die Demokratie demontiert. Er ist einfach da und schwimmt irgendwie oben, wie das einst Generationen christdemokratischer Regierungschefs vor ihm taten, übrigens ist Herr Conte dabei immer auffallend gut frisiert. Das Problem ist nur: Italien erlebt gerade die größte Krise seit Jahrzehnten. Der Schuldenberg wächst wie die Arbeitslosigkeit und die allgemeine Depression, das war schon vor Corona so und jetzt ist es erst recht so, nur noch viel schlimmer. Dass die Zustimmung für Conte während des von seiner Regierung verordneten, strengen Lockdowns, stieg und stieg, war eigentlich ein positives Zeichen. In der Not wollten die Leute doch lieber von einem freundlichen Jura-Professor regiert werden als von dem Rumpelstilzchen Salvini. Inzwischen hat man die ernüchternde Gewissheit, dass das einzig Positive an dieser Regierung die Tatsache ist, dass Salvini ihr nicht angehört. Aber das reicht natürlich nicht.

Seit einem Jahr wird darüber diskutiert, endlich die unsäglichen Gesetze zur Blockade von Flüchtlingsschiffen abzuschaffen, die Salvini mit den Stimmen der Fünf Sterne durchgesetzt hat. Nichts geschieht. Seit einem Jahr verspricht die Regierung die Einrichtung von Arbeitsagenturen. Nichts geschieht. Vom Tisch ist der Vorstoß der Staatsbürgerschaft für Einwandererkinder, den die mit regierende PD eigentlich auch sofort einbringen wollte. Aber dann kam ja Corona. Und eine Krise, die die amtierende Regierung endgültig als einen Haufen von Jedermännern und Jederfrauen entlarvt, die ohne tragfähiges Projekt, ja ohne eine einzige Idee irgendwie an der Macht bleiben wollen. Auch Conte scheint Gefallen an der Macht gefunden zu haben. Leider findet er nicht ganz so leicht einen Ausweg aus der Krise.

Stattdessen gibt Conte den Jedermann. Laut tönt er gegen die angebliche Einmischung der EU (und namentlich der Angela Merkels) bei der Verteilung der Post-Corona-Hilfsgelder. Aber er hat immer noch keinen Plan, wie er das Geld einsetzen soll. Er weiß noch nicht einmal, ob die Fünf Sterne ihm erlauben werden, den 37 Milliarden-Kredit aus dem Rettungsfonds zu akzeptieren. Nach wie vor sind die Grillini dagegen, schließlich haben sie ihrer Klientel Jahre lang vorgelogen, die EU vergäbe Kredite nur zur Gängelung. Der Rettungsfonds ist für die Fünf Sterne eine Schimäre wie die Müllverbrennung und der im Labor erzeugte Bakterienbefall apulischer Olivenbäume. Von all‘ den schönen Verschwörungstheorien kann man jetzt nicht einfach abrücken, nur weil die Realität gerade mal stärker ist.

Die Schwäche des Jedermanns Conte resultiert aus der Stärke der anderen. Oder auch umgekehrt. Das Ergebnis jedenfalls ist Stillstand. Die Blockade wird neue Jedermänner produzieren, womöglich sogar Jederfrauen, denn zurzeit ist rechtsaußen die forsche Giorgia Meloni mit ihren Ewiggestrigen im Aufwind. Neu ist sie nicht, denn sie war schon unter Berlusconi Ministerin. Und neu sind schon gar nicht ihre Überzeugungen  – von Ideen mag man ja gar nicht sprechen. Aber wie es aussieht überdauert der Qualunquismo in all‘ seinen Farben, in Ewigkeit, Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Partita del Secolo

Heute vor 50 Jahren fand im Aztekenstadion von Mexiko City das WM-Halbfinale Italien-Deutschland statt. Italien gewann 4:3. Bis in die 90. Minute hatten die Italiener 1:0 geführt und es geschafft, dieses Resultat eisern zu verteidigen. Dann glich Karl-Heinz Schnellinger aus, der damals bei Milan spielte. Es folgte eine halbe Stunde, in der sich die zuvor ziemlich zähe Begegnung zum allseits verklärten „Jahrhundertspiel“ wandelte. Nie war eine WM-Verlängerung spannender, nie fielen mehr Tore.

94.     1:2 Müller

98.     2:2 Burgnich

104.   3:2 Riva

110.   3:3 Müller

111.    4:3 Rivera

Nebenbei spielte Beckenbauer ab der 65. Minute mit einem an den Körper festgebundenen, rechten Arm, nachdem er sich auf der Jagd nach einem Elfmeter die Schulter verletzt hatte. Der deutsche Radio-Reporter Kurt Brumme empörte sich vor einem Millionen-Publikum über die Italiener: „Mein Gott, ist das ein Fußball hier. Das ist ja entsetzlich, das ist ja widerlich. Burgnich ist soeben verstorben, sehe ich. Nein, da kommt er wieder!“ „Pfui, pfui, pfui, Rivera!“

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Nun, in Italien hat man naturgemäß einen anderen Blick auf das Match. Der 50. Jahrestag wird gefeiert, als wären die Azzurri damals als erste auf dem Mond gelandet. Schon vorher hab es einen Kinofilm und ein Theaterstück zum Thema und Bücher sowieso, das Beste von den dem Soziologen Nando dalla Chiesa. Er schildert, wie die Italiener mit dem Sieg auch die Überwindung eines uralten Minderwertigkeitskomplexes gegenüber den Deutschen feierten: „Es schien, als seien wir jetzt die Deutschen.“ Dalla Chiesa erinnert, wie die Italiener in der Nacht zum ersten Mal als Nation feierten, überall auf den Straßen tanzten und wie der Autocorso geboren wurde. Hunderttausende waren damals als Arbeitsemigranten in Deutschland und zelebrierten den mühsam erkämpften Sieg über die reichen, arroganten Deutschen.

Für die war das 3:4 der Beginn des Italien-Traumas. Es folgten nur noch Niederlagen, bei der WM 1982, bei der WM 2006 (besonders bitter), bei der EM 2012 (ein Doppel-Balotelli, fast genauso bitter). Die Serie endete erst 2016 beim EM-Viertelfinale, das Deutschland beim Elfmeterschießen gewann. Und jedes Mal der gleiche Schlagabtausch in den Medien, die Beschwörung finsterster Klischees, auf beiden Seiten. Persönlich bin ich 2006 wüstens attackiert worden, weil ich mich in einem Feuilletonartikel für die SZ ein wenig über die deutsche Verehrung des „edlen Wilden“ Zidane lustig gemacht hatte. Halb Deutschland war mit dem Franzosen solidarisch, der sich im Endspiel von dem Italiener Materazzi provozieren ließ („deine Schwester…“), ihm den Kopf in den Bauch rammte und natürlich Rot dafür sah. Italien wurde Weltmeister und die Deutschen ärgerten sich schwarz. Der Spiegel beleidigte die Italiener als Muttersöhnchen, die ZEIT warnte: „Mafia im Finale“ und legte nach dem Sieg nach, der WM-Titel würde sich schon noch als Katastrophe für Italien entpuppen. Wäre ja noch schöner!

Die Italiener hingegen packen vor jedem Fußballspiel gegen die Deutschen den Weltkrieg aus. Als ich in Rom ankam, hörte ich zum ersten Mal, dass deutsche Fußballspieler als Panzer bezeichnet wurden. Daran hat sich nichts geändert. Vor dem EM-Halbfinale 2016 etwa schrieb der „Corriere della Sera“, als Italiener müsse man einfach für Frankreich sein. „Sie haben uns Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit geschenkt, während die Deutschen unser Land besetzt und unsere Großeltern hingemetzelt haben.“

Das ist ungefähr das Niveau.

Gestern abend war ich Gast in einer Radio-Sondersendung der RAI, gemeinsam mit dem deutschen Botschafter in Italien, mit dem klugen Professor dalla Chiesa und mit ein paar der alten Recken. Schnellinger war aus Milano due zugeschaltet, wo er seit Ewigkeiten in einem der Wohnblocks wohnt, die einst Silvio Berlusconi hochgezogen hatte. „Perle, was für eine Perle?“ sagte Schnellinger. „Es war nur ein Fußballspiel. Wenn wir gewonnen hätten, wäre es natürlich besser gewesen.“

Tarcisio Burgnich kam da schon mehr in Wallung. Der Sieg sei so wichtig gewesen, „weil wir endlich die Deutschen geschlagen haben, die uns in den 40er Jahren unterdrückt haben.“ Damit war vermutlich die deutsche Besetzung von Italien gemeint. Ein paar Minuten später legte Burgnich nochmal nach. „In zwei Kriegen“ hätten die Deutschen Italien überfallen – dass es im ersten Weltkrieg die Österreicher waren, wagten die Moderatoren nicht zu verbessern. Es sprach dann noch ein Professor für Anthropologie. Er sagte, der Sieg sei eine „Befreiung“ von den Deutschen gewesen.

Ich war ein bisschen schockiert und wies darauf hin, dass Beckenbauer und Müller nun wirklich niemanden überfallen hätten. Also wirklich, was kann man denn gegen piccolo grassotello Müller haben, mir ein Rätsel. Und Beckenbauer ist unerreicht elegant, von wegen Panzer. Die Deutschen hätten damals zwar verloren, aber trotzdem sei das Match als große Nummer in die Geschichte eingegangen, völlig egal, ob Sieg oder Niederlage. Ich wiegelte also ab, malte lustig die deutsche Angst vor Fußballitalien aus und erzählte, dass alle deutschen Reporter wissen, wie man Catenaccio schreibt oder wenigstens spricht. Lange habe ich mich dann darüber geärgert, dass mir, wie so oft, auf die Schnelle nicht der entscheidende Satz einfiel:

1970 hieß unser Bundeskanzler Willy Brandt.

Was erlaube Kurz?

Auf zwei schlampig hingepfuschten Seiten lehnt das Quartett Österreich, Niederlande, Dänemark und Schweden den von Merkel und Makron vorgeschlagenen Wiederaufbaufonds für die von der Pandemie gegeißelten EU-Südländer in Bausch und Bogen ab. Man wolle keine „Schuldenunion durch die Hintertür.“ Wie offenbar die deutsche Bundeskanzlerin und der französische Staatspräsident. Statt Milliardenzuschüssen wollen die vier „Sparsamen“ nur Milliardenkredite ausgeben. Ja, wo kommen wir denn da hin. Wir haben nichts zu verschenken!

Das ist kurzsichtig, kleinkrämerisch und ökonomisch vollkommen unsinnig. Es ist aber auch ein bisschen lächerlich. Wenn man, nur mal so zum Beispiel, vergleicht, was Spanien und Italien zum EU-Haushalt beitragen und was hingegen Österreich einzahlt, fällt einem unweigerlich der großartige Trapattoni ein: „Was erlaube Kurz?!“

Ich muss zugeben, dass mir seine Brüder im Geiste nicht ganz so plastisch vor Augen stehen wie das nassgescheitelte Kanzlerchen Kurz. Vielleicht, weil ich ohne Österreich gar nicht leben könnte. Zu meinen allerliebsten Menschen gehören Österreicherinnen und zu meinen allerliebsten DichterInnen sowieso. Aber was hat KK (Kanzler Kurz) mit Joseph Roth oder mit Stefan Zweig zu tun? Oder mit den Geschwistern Menasse und Thomas Bernhard? KK fällt ja schon deshalb aus der Reihe, weil ich mich nicht erinnern kann, dass ein österreichischer Regierungschef jemals derart adrett aussah – in meiner Kindheit war allerdings auch Bruno Kreisky aktuell, zu dem sich dieser dynamische 33-Jährige verhält wie die aktuelle SPD-Führung zu meiner Kindheitstroika Bandt-Schmidt-Wehner. Und das liegt natürlich nicht am Alter.

Sehr gut kann ich mich hingegen daran erinnern, dass Kurz bis vor Jahresfrist mit der FPÖ regierte, namentlich mit einem gewissen Ibiza Strache als Stellvertreter. Dass er Straches Absturz nicht nur politisch überlebte, sondern bei Neuwahlen sogar zulegen konnte, ist sicherlich weniger seinem überragenden Talent zuzuschreiben, sondern hat eventuell auch mit einem Mangel an Alternativen und chronischen Aussetzern im kollektiven Kurzzeitgedächtnis mancher ÖsterreicherInnen zu tun – wobei dieses Kurzzeitgedächtnis gut und gern einen Zeitraum von acht Jahrzehnten umfassen kann.

Vermutlich wird KuK (Kanzler und Kurz) bald zurückrudern in punkto EU-Wiederaufbau. Aber der Schaden ist erstmal groß. Was ihm schnuppe sein kann, Hauptsache, man hat ihn gehört. Also innenpolitisch. Und draußen auch ein bisschen. Für den Niederländer Rutte, der nicht so nassgescheitelt ist wie Kurz, dafür aber viel nassforscher daherredet, gilt das auch. Und Schweden verordnet gerade die Sozialdemokratie neu, irgendwo weiter rechts, womit nicht Richtung Osten gemeint ist.

Dänemark und Schweden liegen von Italien aus betrachtet auf einem anderen Planeten. Zuletzt hatte man bei der EM 2004 mit ihnen zu tun, als ein verdächtig perfektes skandinavisches Unentschieden die Azzurri aus dem Turnier kegelte. Aber wen interessiert heute Fußball? Der Österreicher hingegen bringt die römische Politik ordentlich in Wallung. Was erlaube Kurz?! Nicht nur, dass er auf seinem überschaubaren Geld sitzt, als würde das den Kohl für Italien fettmachen. Vor allem hält er eisern die Grenzen geschlossen. Der Brenner bleibt dicht. Nur Deutsche dürfen ab dem 3. Juni über KuK-Land nach Italien rein und aus Italien wieder raus, anhalten in Österreich allerdings ist verboten. Italiener dürfen umgekehrt nicht durch Österreich nach Deutschland fahren und nach Österreich einreisen, um dort zu bleiben, schon mal gar nicht. Unter Italienern versteht KuK überraschend auch SüdtirolerInnen, dabei hatte er denen vor gar nicht langer Zeit die doppelte Staatsangehörigkeit angeboten (bis zu einem seiner vielen Rückzieher).

Und jetzt: Von wegen kleiner Grenzverkehr! In Rom wird vermutet, Wien wolle Urlaubsreisen von Österreichern nach Süden verhindern und sie den Deutschen zumindest ein wenig erschweren. Damit die dann lieber in Österreich Urlaub machen?

Trapattoni würde sagen: „Sage nie Katze, bevor du sie im Sack hast.“

 

Dauereinsatz

Vor dem Ausbruch der Seuche standen vor dem Eingang des Supermarktes immer zwei, drei junge Nigerianer. Sie boten sich zum Einräumen der Einkäufe ins Auto an, um die Münze aus dem Einkaufswagen zu bekommen. Sie fragten nach einer kleinen Spende.

Jetzt sind die Nigerianer verschwunden. An ihrer Stelle bewacht ein maskierter  Uniformierter den Eingang, sorgt dafür, dass alle den Sicherheitsabstand in der Warteschlange einhalten, regelt den Zugang zum Supermarkt, damit der Laden nicht zu voll wird. Wer hereingeht, wird von ihm angewiesen, die bereit stehenden Plastikhandschuhe überzustreifen. Wer herausgeht, wird aufgefordert, die gebrauchten Handschuhe in eine Extratonne zu entsorgen. Das geht so seit Anfang März. Zwischendurch konnte ich ein paar Wochen nicht in den Supermarkt, weil er im Nachbarort liegt und wir unser Heimatdorf nicht verlassen durften. Inzwischen ist Einkaufen in der gesamten Region Umbrien erlaubt. Der Uniformierte steht immer noch vor dem Supermarkt, ganz allein. Zeit für ein Gespräch.

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Zweieinhalb Monate hat er an sechs Tagen in der Woche Dienst geschoben, von morgens um acht bis abends um acht. Keine besonderen Vorfälle, aber manche Leute seien schon anstrengend gewesen. Es gebe halt immer jene, die es für eine Zumutung halten, in der Schlange zu stehen wie alle anderen, und dann auch mal eine halbe Stunde warten zu müssen. Andere, die ihre Handschuhe von zu Hause mitbrächten und nicht einsähen, dass das aus hygienischen Gründen nicht gehe. Aber eigentlich: bewundernswerte Disziplin.

Wenn die Schlange schrumpft, raucht er schnell eine Zigarette. Gegen den Stress oder die Langeweile, beides ist übrigens durchaus identisch. Er steht sich ja die Beine in den Bauch bei einer wahnsinnig öden Tätigkeit, die zugleich Konzentration erfordert. Von acht bis acht.

Oben im Ort wird es langsam wieder lebendig. Die Geschäfte sind seit dieser Woche wieder offen, die Leute sind unterwegs, flanieren durch das schöne Zentrum mit den herrlichen Ausblicken in die Umgebung. Man kann endlich aufatmen, in der ganzen Region gibt es weniger als 80 Infizierte, im Ort selbst keinen mehr. Umbrien hat es erst einmal geschafft.

Unten vor dem Supermarkt sagt der Wachmann: Am 7. Juni werde ich abgezogen. Dann komme der nächste Einsatz – am Strand. Die Supermarktkunden hätten es jetzt begriffen, da werde kein Wachpersonal mehr gebraucht. Aber am Strand, da müssten die Leute erst noch lernen, wie es geht. Vor allem die Kinder und die Touristen, die möglicherweise ja doch kämen. Der Strand gelte als nächste Gefahrenzone.

Er wird natürlich seine schwarze Uniform tragen, dazu Atemschutzmaske und Handschuhe. Wachdienst geht nicht in Badehose. Und wenn in der Mittagsglut die Badegäste unterm Sonnenschirm dösen, wird er hastig ein paar Zigaretten rauchen.

Der Mann vor dem Supermarkt kann nicht ahnen, dass in Deutschland Menschen protestieren, weil sie seinen Einsatz als Freiheitsberaubung empfänden. Er weiß nicht, dass die Leute allen Ernstes gegen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung demonstrieren. Dass sie wahlweise behaupten, die Pandemie sei nur eine Grippe oder eine biologische Waffe der Chinesen im Verein mit dem Weltjudentum und mit Bill Gates.

Der Mann vor dem Supermarkt in Umbrien hat soviel Überstunden aufgehäuft, dass es vermutlich für vier Wochen Urlaub reichen würde. Wenn er denn Urlaub machen könnte, stattdessen steht er bald in Uniform am Strand.

Ich frage mich, ob die Nigerianer wieder kommen. Was wohl aus ihnen geworden ist in dieser Zeit. Aber das ist ein anderes Thema.

 

 

 

Umsatteln!

Radfahren in Italien, damit habe ich seit drei Jahrzehnten eine On-Off-Beziehung. In letzter Zeit wieder Off, weil einerseits die Straßen durch immer mehr und immer größere Schlaglöcher immer gefährlich wurden, andererseits der Verkehr auch auf dem Land zunimmt: Paketdienste! Fahren alle wie die Henker. Und Radwege gibt es nicht. In Rom ein paar, aber zu denen muss man erstmal hinkommen. Möglichst mit dem Rad.

In der Stadt steht das Fahrrad also schon eine ganze Weile in der Wohnung im 4. Stock. Unten im Hof durfte ich es nie lassen, es störte die Nachbarn, sie beschwerten sich. Aber wer hat schon Lust, ein nicht ganz leichtes Tourenrad zu jedem Einsatz die Treppen rauf und runter zu tragen, um sich dann, siehe oben, durch den Verkehr zum Tiber-Radweg zu kämpfen? Der zudem im Winter mit Schlamm überzogen ist und im Sommer mit Fressbuden zugestellt?

Dann kam die Seuche und nun wird alles anders. Erst war Radfahren verboten. Jetzt ist Radfahren nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Mehr noch: Es wird gesponsert.

Letzte Woche kam ein Schreiben von unserer Hausverwaltung in Rom. Mit Bitte um Zustimmung für die Anschaffung eines Fahrradständers im Hof. Siiiii!

Diese Woche stehen Schlangen vor den Fahrradgeschäften. Die Leute kaufen Räder wie verrückt, denn 60 Prozent des Kaufpreises übernimmt der Staat, bis zu einem Höchstsatz von 500 Euro. Jede(r) Erwachsene kann davon Gebrauch machen, Kinderfahrräder werden hoffentlich demnächst subventioniert. Ist ja doch ein bisschen blöd, wenn man erst als Erwachsener mit dem Radeln anfängt.

Man sieht sie überall, die Radler und – Sensation! – Radlerinnen. Wer weiß, vielleicht werden ja tatsächlich auch die versprochenen, neuen Radwege realisiert. Auszuschließen ist es nicht!

Und ich gehe jetzt mal pumpen.

Zehn Wochen, elf Frauen

Weniger Verkehrsunfälle. Weniger Einbrüche. Weniger Raubüberfälle. Aber elf Frauenmorde in zehn Wochen Lockdown. Die Täter: Söhne, verschmähte Liebhaber, Ehemänner – und eine Nichte, die ihre Tante umbringen ließ. Es sind ausnahmslos brutale Morde aus brutalen Motiven und sie beweisen, dass eingetreten ist, wovor SozialarbeiterInnen und PsychologInnen nicht nur in Italien gewarnt haben. Der Lockdown hat für viele Frauen eine Falle bedeutet, für elf von ihnen sogar eine tödliche. Über eine lange Zeit konnten sie den toxischen Beziehungen mit ihren Angehörigen nicht entfliehen, über Wochen waren sie der Gewalt der mit ihnen eingeschlossenen Männer ausgeliefert.

Manche der Täter waren der Polizei als gefährlich bekannt, weil ihre Partnerinnen sie bereits angezeigt und um Hilfe gebeten hatten. Doch diese Hilfe blieb aus. Die Angst vor Ansteckungen wog schwerer als die Not der Frauen.

Andererseits wog die Not der Frauen in sehr vielen Fällen schwerer als der Mut, zur Polizei zu gehen. Das jedenfalls wird jetzt mit einigem Recht vermutet. Denn wer zeigt schon den prügelnden Partner an, wenn klar ist, dass es aus der Lage keinen Ausweg gibt? Keine Alternative zur gemeinsamen Wohnung, der Falle? Unter den elf Getöteten sind Opfer, deren engste Angehörige weggeschaut haben, weil sie die Gewalt, die den Frauen angetan wurden, vielleicht für normal hielten. Oder für ein angemessenes Erziehungsmittel.

Viele der Getöteten hinterlassen andere Opfer. Die gemeinsamen Kinder mit den Tätern. Manche sind nun Vollwaisen, weil ihr Vater, der Mörder, sich nach der Tat das Leben genommen hat.

Gegen Gewalt hilft keine Impfung. Aber die Opfer des Corona-Lockdowns sind nicht an einem Virus gestorben. Man hätte sie retten können und müssen.

Berlusconi – Fortsetzung folgt

Silvio Berlusconis Wahlverein „Forza Italia“ dümpelt bei sechs Prozent. Milan ist verkauft, Mediaset hat auch schon bessere Zeiten gesehen, genau wie die Buchverlage Einaudi und Mondadori. Der Alte (im September wird er 84) hat sich mit einer neuen, gerade 30-Jährigen „Verlobten“, Parlamentsabgeordnete von Don Silvios Gnaden, in einer Villa in der Provence verschanzt, um die Corona-Krise auszusitzen. Wer deshalb denkt, Berlusconi sei ein Auslaufmodell, der irrt allerdings gewaltig. Noch immer ist er der größte Kulturunternehmer Italiens. Noch immer zieht er hinter den Kulissen die Fäden. Noch immer vertritt er Italien in der EVP – vielleicht ist das der Grund, warum die SZ „Forza Italia“ neuerdings ziemlich großzügig  als „bürgerlich“ bezeichnet.

Diese Kategorie wäre mir im Leben nicht eingefallen, aber gut. Was noch nicht in der Zeitung stand: Berlusconis jüngster Sohn Luigi, 31 und seine Schwestern Barbara und Eleonora mischen auch schon gewaltig mit. So schnell wird Italien die Berlusconis nicht los, wobei die Frage wäre: Wer will das hier überhaupt?

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Die Holding „Bending Spoons“ hat mit den Berlusconis als Anteilseigner die App „Immuni“ entwickelt, die Italiens Regierung soeben zur Eindämmung der weiteren Verbreitung des Corona-Virus ausgesucht hat. Eigentlich logisch, denn die Berlusconi-Kinder gehören zu den reichsten Erben Italiens. Ihre älteren Halbgeschwister Marina und Piersilvio haben das Verlagsgeschäft, bzw. das Fernsehen übernommen, also investieren die Jüngsten in die Neuen Medien. Mit im Boot sind bei „Immuni“ außerdem auch „Diesel“-Markeneigner Renzo Rossi und Vertreter der Familie Benetton. Diese Unternehmer stehen „Forza Italia“ seit jeher eher kritisch gegenüber, aber wenn es ums Geschäft geht, ziehen Italiens wichtigste Familien schon immer an einem Strang.

Es ist indes etwas befremdlich, dass ausgerechnet eine Regierung unter federführender Beteiligung der Fünf Sterne (Conte wurde von ihnen ausgewählt, auch wenn er kein Mitglied ist), die Erben ihres Erzfeindes Berlusconi mit dem wichtigsten Staatsauftrag ausstattet, der zurzeit vergeben werden kann: Die Überwachung von Bewegungen und Kontakten der Bürgerinnen und Bürger. Die schärfsten Kritiker der Elche werden in Italien halt immer selber welche. Und die Grillini haben sich, genau wie Berlusconi, noch nie um ihr Geschwätz von gestern gekümmert.

Wozu auch irgendwie passt, dass „Bending Spoons“ dem Vernehmen nach kürzlich 260 Millionen Euro geboten hat, um in die weltgrößte Homosexuellen-Dating-App Grindr einzusteigen. Silvio Berlusconi hat bei jeder Gelegenheit gegen Schwule gehetzt. Für seine Kinder aber wäre Grindr ein Riesengeschäft.

 

 

 

 

 

 

 

Benaltrismo

Es gibt im Italienischen eine Wortschöpfung, die im Moment ungefähr so beliebt ist wie das deutsche „systemrelevant“ – und ebenso absurd. Benaltrismo klingt nur viel besser, da liegt Melodie drin, es ist wirklich ein musikalisches Wort. Es bedeutet: Da gibt es aber wirklich andere Probleme. Ben altri problemi!

Traditionell fallen in diese Kategorie der Feminismus, die Rechte von Minderheiten, die Würde von Flüchtlingen und der Umweltschutz. Für Gerhard Schröder, einen der Bannerträger des Benaltrismo, war nur ersteres „Gedöns“, quasi als niedersächsische Variante des B.A.. Aber Schröder verhielt sich zu den Populisten, die heute die transnationale Partei des Benaltrismo bilden, ja auch wie Hannover zu Rio de Janeiro.

Im Windschatten von Miss Corona erobert der B.A. gerade die Welt, auf eine Weise, die man Atem beraubend nennen müsste, wenn das nicht in diesem Zusammenhang nicht  zynisch klingen müsste. Aber die Wahrheit ist: der Benaltrismo hat uns fest im Griff. Er ist plötzlich systemrelevant.

Frauen verschwinden aus der Öffentlichkeit und machen im Home Office mehr Home als Office? Na, da gibt es doch ganz andere Probleme. Die Bürgerrechte werden in vielen Staaten massiv eingeschränkt, bis hin zum Hausarrest und Spaniens und Italiens Kinder dürfen Monate lang nicht vor die Tür? Ben altri problemi. Flüchtlinge müssen auch verstehen, dass wir, genau, jetzt wirklich mal andere Sorgen haben. Und Umweltschützer müssten sowieso zufrieden sein, oder? Kein Flugverkehr, kaum Autoverkehr, Schiffe bleiben auch im Hafen. Die Erde erholt sich von uns, liest man ja überall. Fridays for Future sind nicht nur verboten, sondern überflüssig.

Bis vor drei Monaten war man als umweltbewusster Europäer zum Beispiel davon besessen, Plastikmüll zu vermeiden. Die Zeitungen waren voll mit Geschichten über Modellfamilien, die überhaupt keinen Verpackungsmüll verusachten oder mit Artikeln über Geschäfte, die Nudeln ohne Karton verkauften. Familienintern gab es da sogar mal einen Wettbewerb: wer produziert weniger Plastikabfall in einer Woche?

Dazu hier ein Archivbild:

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Damals konnte man mit dieser Ausbeute keinen Blumentopf gewinnen. Und heute?

Haben wir ganz andere Probleme als Plastikteile in Walmägen oder in den Weltmeeren. Nach Südostasien, wo der meiste Dreck herumschwimmt, können wir doch sowieso nicht fahren! Plastik triumphiert, denn es schützt vor Ansteckung. Vor dem Supermarkt werden Plastikhandschuhe verteilt, ohne kommt man gar nicht mehr hinein. Ebenso vor Buchhandlungen, wobei die Bücher auch in Plastik verschweißt sind. Plexiglas soll uns demnächst in den Restaurants voneinander abtrennen, vielleicht auch im Flugzeug.

Plastikhandschuhe braucht man, um demnächst wieder in öffentliche Verkehrsmittel zu steigen – zusätzlich zu den Masken. Weil Busse, Bahnen und Metros aber sehr viel weniger Passagiere transportieren dürfen, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten, werden die Allermeisten ins Auto steigen. Der Himmel über Mailand, Rom und Neapel, momentan so klar wie zuletzt 1870, wird mit Abgasen geschwängert sein wie noch nie. Zwar haben die Stadtverwaltungen in Mailand und Rom neue Instant-Radwege versprochen, die flüchtig aufgepinselt werden oder mit Absperrband kreiert. Sehr löblich, nur wird das leider den Pendlern wenig helfen. Die Pendler werden aus Angst, sich im Zug anzustecken, mit dem Auto fahren. Sehr viel mehr als sonst werden das tun. Und das Resultat wird verheerend sein, ein richtiger Bumerang-Effekt.

Auch im Konsumverhalten ist Umweltschutz gerade Gedöns. In Italien sind wir polizeilich angewiesen, nur den nächstgelegenen Supermarkt zu besuchen, bzw. nur die Geschäfte im eigenen Dorf. Bioläden? Pustekuchen. Ben altri problemi. In meinem Ort verkaufen die Tante-Emma-Läden ausschließlich Käfigeier. Die sind zwar EU-weit seit zehn Jahren verboten, aber Italien bezahlt eine Strafe und lässt die armen Legehennen lustig weiter im Knast. Kommt billiger.

Da steht man dann im Laden und fühlt sich wahnsinnig Radical Chic, weil man nach Bioeiern gefragt hat. Der Händler verzichtet diese Woche schon auf Maske und Handschuhe, obwohl es im Nachbardorf zwei Covid-19-Tote gibt. Eben dieses Nachbardorf  ist zurzeit das bestgetestete in Italien. 1900 Einwohner, 1900 Tests, 29 Noch-Infizierte, vier im Krankenhaus, der ganze Ort nach wie vor Zona Rossa, also durch Polizeiposten hermetisch abgeriegelt. Kann man angesichts dieser Lage einen Gedanken an Legehennen verschwenden? Eben.

Und so trollt man sich, beladen mit jeder Menge künftigem Verpackungsmüll, nach Hause, immer schön am rechten Straßenrand laufend, weil die vielen Amazon-Transporter wirklich einen heißen Reifen fahren.

Es gibt halt wirklich andere Probleme.