Don Raffaè

Ich begegnete Don Raffaè in den 1990er Jahren, im Gericht von Neapel, das damals noch in einer mittelalterlichen Burg tagte. In dem prächtigen Gerichtssaal war Raffaele Cutolo in einem eisernen Käfig verschlossen, als Angeklagter in einem Prozess, der sich mit der Entführung eines führenden Christdemokraten durch die Roten Brigaden befasste. Um den Politiker zu befreien, hatten staatliche Stellen und Geheimdienste den Kontakt zu Cutolo gesucht, dem Chef der Nuova Camorra Organizzata (NCO), einem Zusammenschluss von Clans in Neapel und seinem Hinterland. Cutolo war einer der größten Massenmörder der europäischen Nachkriegszeit, auf seine Weisung hatten hunderte von Menschen den Tod gefunden, er überzog Neapel und sein Hinterland mit Terror. Dass er trotzdem für manche „Staatsdiener“ ein Ehrenmann war, sagt viel über das Italien der 1980er und 1990er Jahre. 

Die Verhandlung war so verschachtelt und zäh, dass ich nicht viel davon behalten habe. Aber eine Begebenheit werde ich nie vergessen: Eine junge Frau mit langen, dunklen Haaren, die die ganze Zeit neben Cutolos Käfig gehockt hatte, machte dem Richter ein Zeichen, erhob sich und sprach mit ihm. Der Richter unterbrach daraufhin die Verhandlung. Im Saal erschien ein Junge mit einem Tablett, darauf ein Plastikbecher mit Espresso. Die junge Frau nahm den Becher, reichte ihn in den Käfig und Cutolo trank seinen Kaffee. Langsam. Fast feierlich. In kleinen Schlucken. Er zelebrierte es. Erst als Cutolo mit dem Espresso fertig war, ging es weiter mit dem Prozess. 

Die junge Frau, so erfuhr ich, war Cutolos Gattin Immacolata. Jahre später gebar sie ihrem Mann eine in vitro gezeugte Tochter, nachdem alle Anträge auf eine „intime eheliche Begegnung“ im Hochsicherheitsgefängnis abgelehnt worden waren. Damals, vor Gericht wirkte sie wie eine Madonna, übrigens evoziert der Name Immacolata ja auch die unbefleckte Empfängnis. Immacolata hatte Cutolo im Gefängnis geheiratet. Ihr Vater und ein Bruder waren als Camorristi in den Clankriegen ums Leben gekommen, ein anderer Bruder brachte später seine Ehefrau und deren Mutter um. Das Leben der Immacolata Cutolo ist eine Abfolge von Gewalt, Tragödien und Knast-Besuchen bei ihrem Mann, dem Mörder.

Cutolos menschenverachtende Arroganz war ebenso spürbar wie der skandalöse Respekt des Gerichts, das ihn übrigens später in zweiter Instanz von der Anklage der versuchten Erpressung freisprach. Das änderte natürlich nichts daran, dass er im Gefängnis blieb, lebenslänglich. Am 17. Februar ist er in Parma gestorben. 

Über diesen Verbrecher wurden einst Romane geschrieben und Kinofilme gedreht. Ein Lied des 1999 gestorbenen Fabrizio De Andrè machte Cutolo richtiggehend populär. Dabei prangert „Don Raffaè“ ein System an, in dem die Bosse der Mafia wie Könige in den Gefängnissen residierten, umgeben von beflissenen „Wächtern“, die ihnen nicht nur den Kaffee brachten, sondern auch die Anweisungen an die „Soldaten“ draußen weitergaben. Doch De Andres kritischer Text ist so wunderbar ironisch und die Melodie so herrlich eingängig, dass „Don Raffaè“ ein echter Hit wurde, was nolens volens Cutolos Legende nährte.

Heute nennt der Volksmund das Gefängnis von Neapel nicht länger „Hotel Poggioreale“, ohnehin werden die Bosse woanders inhaftiert, irgendwo im Norden. Das Medici-Schloss in Ottaviano, das Cutolo sich einst unter den Nagel riss, gehört mittlerweile wieder dem Staat und ist Verwaltungssitz des Nationalparks Vesuv. Die NCO ist längst aufgelöst, es gibt keine Nachfolgeorganisation, und auch wenn die Banden der Camorra nach wie vor ihre Geschäfte mit Drogenhandel, illegaler Müllentsorgung, Zinswucher und Schutzgelderpressung machen, werden sie hartnäckiger verfolgt als früher. Neapel wird in zweiter Amtszeit von einem früheren Staatsanwalt regiert, die Camorra-Hochburg Casal di Principe von einem Antimafia-Aktivisten. Und doch: Roberto Saviano, einer der erfolgreichsten italienischen Schriftsteller, auch er aus Casal di Principe, muss seit Jahren vor der Camorra untertauchen. JournalistInnen dürfen nur mit Leibwache zur Arbeit. Priester werden bedroht, ebenso wie PolitikerInnen, StaatsanwältInnen, AktivistInnen. Noch sind die Adepten des Don Raffaè zahlreich – in der Krise könnten es noch mehr werden. Und schon wieder hat die Mafia-Bekämpfung für Italiens Regierenden nicht die höchste Priorität. 

Ganz so, als wäre es eine alte Geschichte, die niemanden mehr kümmern muss. 

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